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| Erschienen in Ausgabe: No 53 (7/2010) | Letzte Änderung: 29. Juni '10 |
von Robert Lembke
Zum
ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist ihr Präsident
zurückgetreten. Köhler warf gestern hin, nachdem er durch umstrittene
Äußerungen in heftige Kritik geraten war. Er hatte explizit eine Verbindung
zwischen der Notwendigkeit militärischer Einsätze und der Stellung der
Exportnation Deutschland in der Welt hergestellt. Zwar fiel das Wort
Afghanistan nicht, doch standen die Äußerungen in unleugbarer räumlicher und
zeitlicher Nähe zum Krieg am Hindukusch. Wie eine Ausflucht musste es da
wirken, als nachher versucht wurde, die Einlassungen Köhlers ausschließlich auf
die Schiffsmanöver gegen Piraten im Indischen Ozean zu beziehen.
Und
nun also der freiwillige Abgang des Staatsoberhaupts – ein außergewöhnliches
Ende einer in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Amtszeit. Zurecht wird betont,
dass mit Köhler erstmals kein professioneller Politiker das Amt bekleidete.
Zwar verfügte der ehemalige Leiter des Finanzministeriums und Präsident des IWF
über politische Erfahrung, dies zweifellos, ihm fehlte jedoch die harte Schule
der parteipolitischen Laufbahn.
Sein
Stil als Bundespräsident war darum kein pragmatischer, abgeklärter, sondern, der
Ausdruck sei erlaubt, ein pathetischer.
Er nahm sein Amt ernster als seine Vorgänger, ließ beizeiten verlauten, er sei
„kein Unterschriftenautomat“, zerbrach sich ausführlich den Kopf über die
Begnadigung des Ex-Terroristen Christian Klar und versuchte, seinem Volk auch
dadurch ein Vorbild an Bescheidenheit zu sein, dass er darauf hinwies, man
müsse nicht jeden Tag Fleisch essen und früher habe es nur an Sonntagen Fleisch
gegeben.
Was
ihm dagegen fehlte, waren die Abgebrühtheit des Vollblutpolitikers und die
damit verbundene rhetorische Vorsicht, die sich der Grenze des Sagbaren jederzeit peinlich bewusst ist. Seine Reden
wirkten darum immer eine Spur zu ergriffen, zu bedeutungsschwer; statt
routiniert abgezirkelte Statements abzugeben, rang Köhler jedes Mal sichtbar
mit der Bedeutung der Formen und Anlässe.
Beim
Volk kam der Überschuss an Pathos (im Vergleich zu normalen Politikern), der
immer auch Unbeholfenheit mitschwingen lässt, gut an. Der auch aus
Mitarbeiterkreisen kolportierte Wille Köhlers, immer alles so gut wie möglich zu
machen, gefiel den Leuten, denn man hatte den Eindruck, das Oberhaupt nähme
seine Vorbildfunktion ernst.
Und
dann das: Erst der Fehltritt, kurz danach auch schon der Rücktritt. Ein
bisschen wie bei Margot Käßmann. Auch sie kam bei den Menschen gut an, auch sie
trat nach einem groben Fehltritt recht schnell zurück. Doch damit erschöpfen
sich auch schon die Parallelen. Die Frage, warum Köhler eigentlich
zurückgetreten ist, ist schwieriger als auf den ersten Blick zu vermuten.
Die
Rücktrittserklärung Köhlers beruft sich auf unangemessene Kritik als Grund. Man
habe ihm unterstellt, Bundeswehreinsätze zu befürworten, die nicht im Einklang
mit dem Grundgesetz stünden. Dies sei eindeutig zu viel und lasse den Respekt
vor seinem Amt vermissen.
Bei
genauerem Hinsehen ist dies eine schwache, in keiner Weise überzeugende
Begründung. Kritik, ob angemessen oder nicht, muss sich heutzutage jeder
gefallen lassen; es ist nicht einmal übertrieben zu sagen, wir lebten in einem
Zeitalter der Kritik, wo unzählige Sprecher auch ohne besonders ausgewiesene
Autorität von der Möglichkeit Gebrauch machten, anderen öffentlich die Meinung
zu sagen. Die Kehrseite dieses Prozesses fasste Jürgen Habermas schon vor
Jahren in die Worte, „wir lebten in einem relativistischen Klima der Kritik, in
dem sich jeder lächerlich macht, der überhaupt noch etwas vertritt.“ Oder man
denke an Martin Walsers Roman Tod eines
Kritikers, in dem mit der allmächtig scheinenden Literaturkritik abrechnet.
Nun,
offenbar hat Horst Köhler hat etwas vertreten, und er ist dafür, wie man zu
sagen pflegt, abgestraft worden. Die heutzutage allgegenwärtige Kritik fällt
als Grund jedoch ebenso aus wie der von ihm vermisste Respekt. Selbst der Papst
kann darauf nicht mehr zählen; er muss sich öffentliche Kritik vonseiten
säkularer Regierungen ebenso gefallen lassen wie den Umstand, dass ihn gewisse
Leute in Großbritannien vor Gericht stellen wollen. Selbst wenn wir also Köhlers
pathetischen Stil in Rechnung stellen, muss es noch einen anderen Grund geben
für seinen plötzlichen Rückzug.
Dieser
könnte erstens – nach Informationen von Spiegel Online – darin bestehen, dass
die Stimmung im Präsidialamt und im Umfeld Köhlers seit Längerem nicht mehr gut
gewesen sei und Köhler den aktuellen rhetorischen Fehlgriff zum Anlass genommen
habe, der unguten Entwicklung ein Ende zu setzen. Demnach wäre der Fauxpas auf
dem Rückflug aus Afghanistan nicht der erste gewesen, sondern Köhler habe schon
länger die nötige rhetorische Kompetenz vermissen lassen. Möglicherweise,
könnte sein, die vermeintlichen Belege für diese Behauptung sind jedoch
schwach; ich vermag darin keine rhetorischen Fehler zu erkennen. Ebenso grenzt
die Art und Weise, wie man jetzt im Rückblick Köhler zum wehleidigen Versager
stempeln will, ans Absurdität.
Zweitens
könnte es sich beim überraschenden Rückzug Köhlers jedoch auch um ein unfreiwilliges Schuldeingeständnis
handeln. Das würde bedeuten, Köhler habe seine Aussagen genauso gemeint, wie
sie dann auch verstanden worden sind: als partielle Rechtfertigung
militärischer Interventionen durch wirtschaftliche Interessen. Anschließend hat
er dann realisiert, dass eine solche Äußerung dem obersten Repräsentanten der
Bundesrepublik – und entspräche sie auch der Wirklichkeit – am allerwenigsten
anstünde, und diese seine Unfähigkeit sei Grund genug für ihn, das Amt, mit dem
er es sich nie leicht gemacht habe, aufzugeben.
Notabene:
Nicht die Unwahrheit wurde ihm zum Verhängnis, sondern eine gewisse Unverhülltheit, die ich zögere, Wahrheit
zu nennen – all das erinnert sehr an „Des Kaisers neue Kleider“. Köhler
überschritt versehentlich die Grenze des (öffentlich) Sagbaren, er verstieß
gegen das von vielen Intellektuellen der Moderne kritisierte Gebot westlicher
Rhetorik, vordergründig Werte zu predigen und hinterrücks Taten sprechen zu
lassen. Die neue Wirksamkeit der Gesinnungspolizei zeigt sich jedoch darin,
dass er nicht auf Druck der Öffentlichkeit zurücktrat – niemand forderte seinen
Rücktritt –, sondern, in gleichsam vorauseilendem Gehorsam, sich gleich selbst
aus dem Amt entfernte.
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