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| Erschienen in Ausgabe: No. 13 (1/1997) | Letzte Änderung: 24. Januar '09 |
Der Band 'Die großen Jagden - Ernst Jünger in Frankreich' versammelt Beiträge französischer Autoren von der Tagung 'Ernst Jünger entre histoire et mythe' anläßlich Jüngers 100. Geburtstag 1995 in Paris.
von Bernd Villhauer
Wieder einmal zeigt sich, daß ausländische Wissenschaftler
leichter und freier über diesen Schriftsteller sprechen
können, dessen Gestalt in den Augen der Zeitgenossen nun selbst fast
schon mythische Dimensionen angenommen hat. In Frankreich, aber auch in England
wird Jünger schon seit einigen Jahren ohne Polemik ganz
selbstverständlich als einer der großen Künstler
und Intellektuellen dieses Jahrhunderts betrachtet. Eine breite
wissenschaftliche Literatur dokumentiert diese Anerkennung, bis hin zur 'Ernst
Jünger in Cyberspace' - Seite im Internet, die von der University of
Oxford aus bereitgestellt wird.
Die Beiträge werden unter den vier Oberbegriffen `Nationalismus und
Geschichtsphilosophie', `Paris', `Im imaginären Universum
Jüngers' und `Wiederbegegnung mit dem Mythos' präsentiert.
Sie sind von sehr unterschiedlichem Niveau; vermieden werden immerhin
unfruchtbare Diskussionsbeiträge zur Einordnung Jüngers als
präfaschistischem oder sonstwie belasteten Autor, die die deutsche
Diskussion lange Zeit beherrschten.
Hingegen werden Jüngersche Themen in ihrer Entfaltung
vorgeführt, sein Schreib- und Denkstil analysiert und
ideengeschichtliche Einordnungen versucht.
Die Autoren sind (neben dem Herausgeber Peter Koslowski) Louis Dupeux, Gilbert
Merlio, GÈrard Schneilin, DaniËle Beltran-Vidal, Julien Hervier,
Francois Poncet und Isabelle Rozet.
Zum Teil hätte man sich bei der Auswahl der Texte eine noch
stärkere Konzentration auf die rote Linie der Problematik
geschichtsphilosophischer Dimensionen der Jüngerschen Arbeit
gewünscht. Dies wird vor allem geleistet in den Beiträgen
Merlios ('Jünger und Spengler'), Herviers ('Versuch einer
Standortbestimmung von Eumeswil'), Poncets ('Die Meereslandschaft als
mythischer Hintergrund der Geschichte') und Rozets ('Die großen
Jagden. Eingang in die Welt des Mythos').
Louis Dupeux verzettelt sich leider etwas in der Darstellung
zeitgeschichtlicher Details und weist zu oft auf eigene Arbeiten zum Thema hin
("Den zahlreichen Rezensenten bin ich zu Dank verpflichtet,..."), was dem
kompetent geschriebenen Beitrag eine Note von Eitelkeit verleiht.
Für mich persönlich aufschlußreich waren
'Jünger und Spengler', sowie 'Die großen Jagden'. Hier wird
nämlich der Zusammenhang zwischen dem morphologischem Interesse
Jüngers, der Beschreibung historisch wirksamer 'Gestalten', der
Auseinandersetzung mit kulturkritischem Geschichtspessimismus und der
Themenwahl zwischen Jagd/Flucht sowie Naturbeschreibung/'stereoskopischem
Blick' besonders fruchtbar gemacht.
Jüngers Interesse ist einerseits, die geschichtsbildenden
Kräfte zu beschreiben, die er als 'Gestalten' versteht; die Ideen
sollen gefunden werden, die dem geschichtlichen Chaos Sinn verleihen Hier
treffen Einflüsse der Gestaltpsychologie, vor allem auch eines
bestimmten metaphysischen Biologismus, den Jünger während
seines Biologiestudiums kennengelernt hatte, mit Spenglerschen
kulturmorphologischen Geschichtdeutungen zusammen. Die Geschichte soll als in
sich geschlossene, trotz aller Katastrophen und Brüche sinnvolle, ja
harmonische Struktur vorgestellt werden, und nicht, wie bei Spengler, in
verschiedene autonome Kreise zerfallen, die untereinander nicht in Verbindung
stehen. Geschichtliche Zeit wird von mythischer Zeit fundiert und
zusammengehalten.
In den großen Jagderzählungen, so Ernst Jünger,
begegnen sich die Gestalten der historischen und der mythischen Ära.
Die Jagd ermöglicht den Durchblick auf eine Zeitlichkeit hinter und
über der Ereignisgeschichte, auf die Hochebenen einer
Souveränität, der auch jeder angestrengt 'soldatische Stil'
wieder fremd geworden ist. Jüngers Bestreben ist immer wieder, diesen
Ausblick zu ermöglichen, ja Trost zu spenden und Kraft zur Erneuerung
jenes heroischen Realismus, der benötigt wird, um der Geschichte
entgegentreten zu können. Das Bild der Jagd rückt dabei in
seltsame Nähe zum Bild des Sammler aks großem Kind, das ein
anderer vom Nihilismus faszinierter Sinnoptimist und Eschatologe, Walter
Benjamin, zeichnete. Seine Gestalt des Sammlers, der in den geordneten
Artefakten die Utopie eines Niedagewesenen und doch einzig verbindlichen,
geglückten Lebens ausbreitet, ist dem Jäger Jüngers
verwandt. Beide suchen sie die Ausgänge in der geschichtlichen
Katastrophenzeit, beide müssen auf die Apokalypse mit der Substanz
ihrer Person antworten, denn "zum Mythischen kehrt man nicht zurück,
man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im
Bannkreis der höchsten Gefahr" (Jünger, Der Waldgang).
Verbunden sind Jünger und Benjamin durch die Anerkennung des
Mythischen als konstituierende Kraft von Menschlichkeit; eine Verbindung, die
man besser verstehen wird, wenn Benjamin nicht mehr als 'links' und
Jünger nicht mehr als 'rechts' verkannt wird.
Die Anerkennung eines solchen mythischen Grundstromes in der Geschichte gleicht
der freundlichen Traurigkeit, mit der ein Wanderer den langen Weg ansieht, der
ihn zum morgendlichen Horizont führt.
Peter Koslowski (Hrsg.), Die großen Jagden des Mythos - Ernst Jünger in Frankreich, München (Wilhelm Fink) 1996
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