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| Erschienen in Ausgabe: No. 13 (1/1997) | Letzte Änderung: 24. Januar '09 |
Gottfried Benns Kunsttheorie als Kunstpolitik im 'Dritten Reich'
von Bernd Villhauer
Sicherlich gehört der Lyriker Gottfried Benn zu den Künstlern, die Voraussetzung und Bedingungen der eigenen künstlerischen Arbeit besonders intensiv reflektiert haben. Benn hat mit unterschiedlichen Fragestellungen über Kunst und Künstler geschrieben; auf der Ebene der Prüfung und Kritik der eigenen Ausdrucksmittel, einer radikalen Infragestellung der eigenen Künstlerpersönlichkeit und ihrer Möglichkeiten versuchte er sein dichterisches Programm weiter zu entwickeln. Aber er verfaßte auch Stellungnahmen zur gesellschaftlichen Position des Künstlers, seiner Verantwortlichkeit ("Soll die Dichtung das Leben bessern?"), der Stellung in staatlichen Hierarchien.
Spricht Benn über den Künstler, hat er niemals nur die
intellektuelle Konzeption im Auge, die kulturelle Erfahrungswelt oder den
geistigen Horizont, sondern das ganz alltägliche Empfinden, die
banalsten Rahmenbedingungen der Kunstproduktion. Es geht meist weniger um
Seelenqual und Berufung, mehr um die organische Masse Herz und Hirn sowie, in
gut expressionistischer Weise, um Verdauung und Geschlechtsleben des
Künstlers. Der Abschied von der klassischen `gehobenen' Lyrikersprache
ist total. Eine Steigerung lyrischer Mittel wird nun durch bewußte
Bezugnahme auf aber noch jeden 'antilyrischen' Affekt, durch Wissenschaft
und/oder Gassenjargon verstärkt und weitergeführt.
So auch in 'Kunst und Staat', einem Essay, der die Versorgung und Anerkennung
der Künstler durch die Allgemeinheit thematisiert. Benn vergleicht
hier das Einkommen und die gesellschaftliche Stellung von Beamten und
Künstlern. Er beginnt bei seinen eigenen Lebensumständen, in
prosaischem Ton ("Ich habe seit zehn Jahren eine Praxis für Haut und
Geschlechtskrankheiten in Berlin"), geschildert werden dann die Versuche, eine
feste Anstellung beim Staat und so ein dauerhaft gesichertes Einkommen zu
erreichen, damit sich die schriftstellerische Existenz auf solider Grundlage
ruhig entfalten könne. Daß und wie ihm dies nicht gelingt,
erscheint paradigmatisch; das eigene Schicksal wird zum Beispiel aus einer
langen Reihe von Verletzungen der Würde des Künstlers.
Während leicht konsumierbare Kulturreproduktion in großen
Institutionen gepflegt wird ("Zweiundzwanzig Schöne mit
Dauerverträgen und noch mehr männliche Bretterbetreter, damit
'Charleys Tante' und das 'Weiße Rößl' monatelang
dem preußischen Volke nahegebracht wird; an der Spitze Intendanten
und Regisseure, die nebenberuflich Filme in ihre Tasche drehen;...") werden
diejenigen, die Kultur neu hervorbringen, mißachtet.
Beispiele aus der damaligen Gegenwart des Deutschen Reiches werden immer wieder
ergänzt durch historische Exempel. Benn parallelisiert und klagt eine
Geringschätzung der Kultur an, die sich durch die Jahrhunderte zieht:
"Hohenzollern oder Republik, das ist Jacke wie Hose. Günther,
Hölderlin, Heine, Nietzsche, Kleist, Rilke oder die
Lasker-Schüler - Der Staat hat nie etwas für die Kunst getan.
Kein Staat. Phidias starb im Kerker an Gift, sein Denunziant erhielt vom Volk
Steuerfreiheit. Vergil, Dante, Petrarca, - die Verbannten unter
Cäsaren oder Demokratien. Der Staat, immer bereit zu dem
Geschwätz, daß die Nation sich aus inneren Kräften
erneuere, hat der Kunst gegenüber keine andere Geste, als die, die vom
Fehlgriff lebt." In dem 1927 erschienenen Aufsatz fordert er also Anerkennung
ein und wütet gegen den etablierten Kunstbetrieb der Weimarer Zeit,
der die Fehler der vorangegangenen Epochen nur wiederhole. Der
Künstler, der durch seine Arbeit dem Staat Weihe und Dauer schenkt
(Hölderlins 'Was aber bleibet stiften die Dichter' wird zitiert) hat
ein Recht auf materielle Grundversorgung und Respekt vor seiner Besonderheit.
Umfang und Bedeutung dieser Sonderstellung sollen dann genauer beschrieben
werden, hierzu will Benn den Status künstlerischer Arbeit als
Ausnahmeerscheinung analysieren - was in 'Das Genieproblem' von 1930
rassebiologistisch versucht wird.
Eingehend werden im 'Genieproblem' genetische Grundlagen als
Voraussetzung geistiger Begabung dargestellt (ein Gedankengang, den Benn
später in seinen 'Züchtungs'-Schriften noch radikalisiert);
er zählt Stammreihen berühmter Menschen auf und
schwärmt von der "ganz überwältigenden Bedeutung der
nordisch-alpinen Vermischungszone für die neuere europäische
Kultur". Beschrieben wird außerdem die Bedeutung von 'Geniefamilien',
die regelmäßig große Talente erzeugen und der
'Vorzüchtung' in diesen Familien.
Benn erklärt aber auch, innerhalb großer Familien sei das
Genie dann schließlich eine Entartungserscheinung, entstanden am Ende
und im Niedergang einer erbbiologisch herausragenden Gruppe. Genie als
Krankheit der Blutvermischung auf hohem Niveau: "Was das Elternpaar angeht, so
scheint möglich differentes Keimmaterial oft der Ausgangspunkt
für Geniebildung zu sein". Diese Wiedersprüchlichkeit,
einerseits den Künstler als Mitglied einer natürlichen Elite
definieren zu wollen, andererseits aber seine individuelle Sonderstellung, sein
Außenseitertum als Ergebnis einer `Entartungserscheinung' innerhalb
dieser Elite zu beschreiben, spiegelt die Problematik einer
Mißdeutung psychologischer und soziologischer Gegebenheiten vor
rassemystischem Hintergrund wieder. Es hat also eine gewisse Folgerichtigkeit,
daß er nach der Untersuchung der 'biologischen Grundlagen' zum
soziologischen Umfeld kommt. Die richtigen Umstände müssen
nun zusammentreffen, damit ein Künstler als Genie aus der Masse der
Kreativen herausgehoben werden kann. Er muß im richtigen Augenblick
an der richtigen Stelle sein, unterstützt von den Zufällen
des Geschicks oder einem mächtigen Förderer. "Also
muß man den höchsten Turm baun oder mit der
stärksten Macht liiert sein, um hochzukommen. Nicht das Werk als
solches bringt den Ruhm". Mit der stärksten Macht liiert sein! Die
späteren Geschehnisse zeigen, daß sich Gottfried Benn nicht
nur theoretisch damit beschäftigt hat, wie ein Künstler
aufsteigen könne, um seine gesellschaftliche Position bis zu einer die
Zeit gestaltenden Machtfülle zu steigern. Der Traum des kleinen
Berliner Arztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten: Einmal cool aus
der Limousine schauen und hochgestellte Persönlichkeiten auf
Empfängen warten lassen.
Mit der Schrift 'Nach dem Nihilismus' beginnt etwas Neues. Die dort
geäußerten Gedanken stehen zwischen den expressionistischen
provokanten Anklagen und Exaltationen der Weimarer Zeit und dem
Möchtegern-Staatskünstler Benn der das 'Dritte Reich'
mitdefinieren will. Schon in den gewählten stilistischen Mitteln wird
dies deutlich - eine unprätentiöse, relativ sachliche und
analytische Sprache wird verwendet, in der ein historischer Abriß der
Entstehung dessen gegeben wird, was er 'Nihilismus' nennt, zusammen mit einem
Ausblick auf dessen angestrebte Überwindung. Was Benn früher
(beispielsweise in seinen Frankreich-Aufsätzen) als
europäische Kultur bewundernd geschildert hat, wird nun zum Rahmen
für den Aufstieg des Nihilismus. Es scheint, als verenge sich sein
Blick: Mit kulturpessimistischem Pathos, das Bestandteil staatstragender
Verantwortlichkeit geworden ist, schildert er nur noch die eine Entwicklung,
die, aus verschiedenen Quellen gespeist, den 'Untergang des Abendlandes'
bringen muß. Ursache hierfür sei das neuzeitliche,
rationalistisch-naturwissenschaftliche Menschenbild und der Glaube, die Welt
sei organisatorisch so einzurichten, daß es dem Menschen
möglich werde, sein ureigenstes, im Grunde gutes Wesen auszuleben. Er
klagt an: "Der Mensch ist gut, sein Wesen rational und alle seine Leiden sind
hygienisch und sozial bekämpfbar, dies einerseits und andererseits die
Schöpfung sei der Wissenschaft zugänglich, aus diesen beiden
Ideen kam die Auflösung aller alten Bindungen, die Zerstörung
der Substanz, die Nivellierung aller Werte, aus ihnen die innere Lage, die jene
Athmosphäre schuf, in der wir alle lebten, von der wir alle bis zur
Bitterkeit und bis zur Neige tranken: Nihilismus".
Wie soll nun eine Situation 'nach dem Nihilismus' heraufgeführt
werden? Hierbei spielt der Künstler die entscheidende Rolle: Gottfried
Benn proklamiert das 'Gesetz der Form': "Ja, die gezüchtete
Absolutheit der Form, deren Grade an linearer Reinheit und stilistischer
Makellosigkeit allerdings nicht geringer sein dürften als die
inhaltlichen früherer Kulturepochen,...". Durch die Kunst soll das
Gesetz des Lebens nach dem Nihilismus geschaffen werden - als ein
ästhetisches. Hier finden wir eine Wendung des Bennschen Denkens, von
der entschieden werden muß, ob ästhetische Neudefinition
`zufällig' auf eine kleinbürgerliche Existenz trifft, oder
dieser scheinbare Neuanfang in der Ästhetik eben durch
kleinbürgerlichen Machthunger erzwungen wird.
Der Künstler kann und soll nun, jedenfalls nach Benn, positiv
gestaltend wirken, nicht an untergeordneter Stelle, sonder als einer, der die
für alle verpflichtenden und rettenden Formen schafft, mit denen die
'abendländischen Werte' (was immer er auch darunter verstehen mag) in
eine neue Ära gerettet werden. Daß er dies nur mit Macht
vermag, als Staatgründer oder mit Staatsgründern 'liierter',
liegt nahe. Benn ist während der Machtergreifung und auch schon davor
entschlossen, den sich abzeichnenden neuen Staat auf seine Weise
mitzubegründen.
Wie sehr er bereit ist, sich staatsschaffend und staatstragend zu engagieren,
wird in 'Der neue Staat und die Intellektuellen deutlich. Der Text wurde als
Rundfunkrede 1933 gesprochen; Anlaß war ein Brief Klaus Manns aus dem
französischen Exil, in dem dieser das einstige Idol Benn nach seinem
Einsatz für das neue Regime befragt und ihm vorwirft, eine
verbrecherische Politik mitzutragen oder zumindest hinzunehmen. In seiner
Antwort rechtfertigt sich Benn, entwirft aber auch ein Bild des
Künstlers im Nationalsozialismus. Von diesem heißt es, er
solle sich dem totalen Staat total überantworten. Werte und
Richtlinien, die außerhalb der historischen Situation
stünden, müsse er nicht anerkennen, denn: "... es gab niemals
eine Qualität, die außerhalb des Historischen stand". Der
Künstler muß also den Stil seiner Zeit bilden, entsprechend
dem 'großen Aufbruch', der 'Wendung vom ökonomischen zum
mythischen Kollektiv'. Also kein Gedanke mehr daran, daß es eine
überhistorisch verpflichtende Moral oder einen ewigen Kanon von
Schönheitswerten geben könnte, durch deren Geltung Kunstwerke
auch noch nach tausenden von Jahren von der Größe
vergangener Staaten künden. Gerade so wurde vom ihm ja noch in 'Kunst
und Staat' argumentiert - der Staat solle den Künstler
fördern, weil dieser ihm Form und Ewigkeit gebe. Nun soll der
Künstler die Eruption, durch die ein Staat sich neu schöpft,
ganz zu seiner ureigenen Sache machen und sich gleichsam in der
großen Bewegung verlieren. "Geistesfreiheit, um sie für wen
aufzugeben? Antwort: für den Staat".
Bis zu dieser Stellungnahme sieht die Entwicklung des Bennschen
Künstlerbildes ungefähr so aus: Der Kunstschaffende und seine
Arbeit werden 'materialistisch' analysiert. Im Mittelpunkt stehen: sein
Einkommen, seine erbbiologischen Bedingungen, seine gesellschaftliche Stellung
mit ihren politischen Wirkungsmöglichkeiten. Während der
Weimarer Zeit trug Benn polemisch Aspekte seiner Anschauungen vor und setzte
sie bewußt gegen den bürgerlich-idealisierenden, aber auch
den moralisch-klassenkämpferischen Kunstbegriff. In den Diskussionen
der Republik, in Auseinandersetzungen mit vor allem links orientierten
Kunstkritikern und Literaten, scheint er bemüht, durch Diktion wie
Inhalt möglichst stark zu brüskieren. Die
Provokationsstrategien, die im Umgang mit einem bürgerlichen
Lesepublikum entwickelt und verfeinert wurden, wenden sich nun gegen den
antibürgerlichen Intellektuellen, wobei Benn die in provokatorischer
Rhetorik gewonnenen Stellungnahmen zu einer Weltsicht verdichtet, die ihn
schließlich selbst in die Verantwortung nimmt.
Als sich der Umschwung abzeichnet, argumentiert Benn auf zwei Ebenen: einer
geschichtstheoretischen, in der der 'evolutionäre Umschwung'
eines Volkes, das Entstehen eines neuen Phänotyps, die wesentliche
Rolle spielt, und einer pragmatisch-politischen, nach der der
Künstler zur Gestaltung des großen Zeitstils im Bund mit den
Autoritäten der Zeit verpflichtet sei. Benn glaubt, einer echten
Zeitenwende beizuwohnen, den Beginn einer neuen Ära zu erleben; und
seine Auffassung vom Künstlertum verpflichtet den einzelnen Kreativen,
sich diesem Neuanfang total zur Verfügung zu stellen, damit er die
Freiheit bekomme, dem neuen Staat künstlerisch Form und Gestalt zu
geben. Am Ende von 'Der neue Staat und die Intellektuellen schreibt er:" Halte
Dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an
Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat!".
Offenbar hat Benn gehofft, die rhetorisch totale Überantwortung an den
NS-Staat, die 'Aufgabe der Geistesfreiheit' für diesen werde ihm einen
kreativen Spielraum und eine Sonderstellung retten können. Nur gibt er
seine Geistesfreiheit eben ganz und gar nicht auf: Es ist immer noch typisch
Bennsches Hantieren mit provokativen Verstatzstücken aus den Diskursen
der Weimarer Zeit, das die Bennschen Texte kennzeichnet. In 'Die
Eigengesetzlichkeit der Kunst' wird sein Dilemma besonders deutlich. Er hat
beim Verfassen dieses Textes schon erste Begegnungen mit
Repräsentanten der neuen Zeit hinter sich und weiß nun
besser, was er moralisch und intellektuell von diesen erwarten kann. Auch seine
Stellung in der Preußischen Akademie hat sich verschlechtert, Benn
muß nun klar geworden sein, daß sich die
Nationalsozialisten ihren Staat nicht von Künstlern definieren lassen.
Gegen die Forderung nach vollkommener Anpassung formuliert er nun "...,
daß nicht alles Artismus ist, was sich nicht programmatisch zum
Volksliedhaften bekennt, daß nicht alles Intellektualismus ist, was
sich nicht an Feiertagen der Nation plastisch verwerten
läßt, daß nicht alles destruktiv ist, was sich
nicht für die aktuelle Politik als konstruktiv erweist, das
heißt, es gibt Bereiche, die sich der Verwirklichung entziehen." Die
Ambivalenz seiner Position, einerseits dem NS-Gedanken dienen zu wollen, als
einem großen Experiment zur Schaffung eines neuen Menschentypus, der
geschichtlich tätig sein kann, andererseits für den
Künstler gerade wegen seiner Hingabe und Opferbereitschaft Freiheit,
ja ehrende Behandlung einzufordern, wird sich immer mehr verschärfen,
bis hin zu Benns Schreibverbot im Jahre 1938.
Davor liegen harte Angriffe auf verschiedenen Ebenen, durch die SS-Zeitung 'Das
schwarze Korps', aber auch durch einzelne Eiferer, die ihn unter die
'Kunstbolschewisten' rechnen und (lebensgefährlich im 'Dritten Reich')
von ihm behaupten, er sei Halbjude. Im Text 'Expressionismus' versucht er noch
dem gewandelten Zeitgeist seine künstlerische Herkunft zu vermitteln
und schmackhaft zu machen. Die Expressionisten werden zu Vorahnern der
völkisch-nationalen Erhebung, von ihnen schreibt er: "Auch die
kleinste Gruppe vor der letzten Wende der Welten: lebte der Kunst, das
heißt: lebte in Todbereitschaft und lebte aus Deutschlands
gläubigem Blut". Sein Engagement trägt aber keine
Früchte; in den letzten Monaten des Jahres 1933, dessen Anfang
für ihn so ruhmreich und herrlich ausgesehen hatte, beginnt schon
seine endgültige Isolierung. Verunsichert und schwankend zwischen
Anbiederung und Selbstmitleid versucht er, mit 'Die Dichtung braucht inneren
Spielraum' 1934 nochmals Einfluß zu nehmen. Nachdem er hier gefordert
hatte, auch ausländische Literatur müsse gelesen werden
können (damit man zur Klarheit über ihren Unwert gelange
nämlich), fordert er markig: "Was die Zukunft angeht, so erscheint es
mir selbstverständlich, daß kein Buch in Deutschland
erscheinen darf, das den neuen Staat verächtlich macht". Aber schon
wenige Zeilen später klagt er ein, die Dichtung brauche, eine "gewisse
Experimentierbreite. Man gesteht der Wissenschaft ohne weiteres zu,
daß sie in jahrelangen Experimenten Arbeitskräfte und auch
öffentliche Mittel verbraucht, auch wenn von vorneherein nicht
feststeht, daß ein Resultat dabei herauskommt, ja man übt
keine Kritik daran, wenn sich nach Jahren herausstellt, daß gar kein
wesentliches Resultat aus den Arbeitsanstrengungen hervorgegangen ist. Dies
kann noch mehr die Kunst verlangen". Immer noch soll also ein Spagat zwischen
politischer Zensur und 'innerem Spielraum' bei der formalen Gestaltung
geleistet werden.
Auf diesem Stand ist die letzte wirkliche Stellungnahme, bald wird die
'aristokratische Form der Emigration' folgen, der Wiedereintritt in die Armee.
Trotz seines Wunsches, die Ideologie des 'Dritten Reiches' mitzutragen
und damit mitzubestimmen, ist Benn vollkommen ins Abseits geraten und
gescheitert. Seine expressionistische Vergangenheit, aber auch sein Stilwille
und sein Bemühen, die nationalsozialistische Kunst als Fortsetzung und
Vollendung europäischer Avantgarde zu beschreiben, machen ihn
unmöglich. Wenn in der nationalsozialistischen 'Kunsttheorie' (die als
geschlossenes Konzept nie bestanden hat) eines klar war, dann, daß
man eben mit diesen europäischen Traditionslinien der Avantgarde
brechen wollte. Auch Benns beständiger Hinweise auf Marinetti und die
Kulturpolitik des faschistischen Italiens ändern daran nichts.
Die größte Gefahr für Benn ist sein eigenes
Bemühen um Klahrheit und thesenhafte Verschärfung seiner
intellektuellen Position. Denn obwohl er mit Begriffen und Voraussetzungen
operiert, deren irrationalen Kern wir heute bei aller scheinbaren Sachlichkeit
in ihrer Absurdität sofort erkennen, ist seine Argumentation formal
klar und führt zu eindeutigen Stellungnahmen. Anders als andere
Opportunisten greift er nicht die Begriffe einer größeren
Gruppe um Leute wie Rosenberg `Der Mythus des 20. Jahrhunderts') oder Goebbels
auf, um sie zu variieren oder unklar urdeutsch über sie zu
bramarbasieren, sondern er entwickelt trotz aller Anpassungsrhetorik eigene
Gedanken mit eigenem Stil. Da halfen keine noch so begeisterten Aufrufe zur
Aufgabe der Gedankenfreiheit - Benn dachte zu sehr selbst und konnte so der
imaginierte Künstlertypus nicht sein, der im neuen Staat seinen Platz
gefunden hätte.
Es gelingt ihm also weder, den Expressionismus als Teil der
nationalsozialistischen Kunst zu etablieren, noch wird seine eigene
künstlerische Laufbahn gesichert, ganz zu schweigen davon,
daß er 'mit der stärksten Macht liiert 'sei.
Worauf beruht sein vollkommenes Mißverstehen der Situation? Benn
argumentiert, trotz seiner begeisterten antimarxistischen, antidemokratischen
und streckenweise rassistischen Rhetorik, als hätte er es immer noch
mit dem alten Publikum zu tun. Er rechnet unausgeprochen damit, daß
sein künstlerischer Weg als autonomer Ausdruck seiner
Persönlichkeit anerkannt wird und seine Versuche, den Weg theoretisch
zu reflektieren und zu begründen, ihn glaubwürdig machen.
Genauso wie er die NSDAP, deren Programm er scheinbar nie gelesen hat und
über deren Politik er verschwommene idealistisch-konservative
Ansichten hegte, verheerend falsch einschätzte, so täuschte
er sich auch über die neuen Rahmenbedingungen der Kunstreflexion. Nach
Verbot von Kunstkritik und freier Presse war für Benn und seine Art
der Stellungnahmen schlicht kein Boden mehr vorhanden. Die demokratischen
Gesprächsbedingungen der Weimarer Republik, an denen Benn, wenn auch
als aggressiver und provokanter Gegenspieler, teilhatte, waren verschwunden.
Benns Redeweise war aber von ihnen immer noch mehr imprägniert als er
selbst wahrhaben wollte.
Die braunen Machthaber waren jedoch an zwei Dingen vornehmlich interessiert:
Volkstümlichkeit der Kunst und Abbruch möglichst vieler
Entwicklungslinien der Moderne, wo sie nicht disziplinierend und
vereinheitlichend auf die sozialen Strukturen einwirkte. Daß es
differenzierte Zwischenpositionen hätte geben können, zeigte
das Italien Mussolinis, auf das Benn mit Hoffnung hinwies. In den Gauen seines
Heimatlandes sollte allerdings aufgeräumt werden mit der Moderne, und
eine Diskussion darüber war nicht vorgesehen. Gefällige Kunst
ohne klaren ideologischen Inhalt konnte akzeptiert werden, neben solcher, bei
der wegen der politische Botschaft Form und Ausdruck Nebensache waren. Aber ein
elitärer Künstler, der experimentierend eine Form des
strengen, stilorientierten Deutschtums schaffen wollte, in dem die Entwicklung
der europäischen Avantgarde augehoben und weiterentwickelt worden
wäre, ein solcher war nicht erwünscht.
Nachdem er sich in den Augen der Weltöffentlichkeit auf schlimmste
Weise komprommitiert hatte und (sicher auch mit polemischer Lust) für
den neuen Staat Stellung bezogen hatte und gegen die alten sozialistischen und
demokratischen Gegner, denen er in Redeweise und Interesse ähnlicher
war als er wahrhaben wollte, erkannte er endlich, daß seine
Annäherungsversuche von falschen Voraussetzungen ausgingen. Ende 1934
schreibt er an Ina Seidel: "...Das Ganze kommt mit allmählich vor wie
eine Schmiere, die fortwährend 'Faust' ankündigt, aber die
Besetzung reicht nur für 'Husarenfieber'. Wie groß fing das
an, wie dreckig sieht es heute aus. Aber es ist noch lange nicht zu Ende."
Gottfried Benn war nicht der Mann, der sich einer der
Hausmächte im organisatorischen Chaos des führungslosen
Führerstaates, in dem alle möglichen staatlichen und
Parteistrukturen nebeneinander bestanden, angeschlossen hätte. Auf
solche Weise hätte er sich vielleicht ungefährlich ein Forum
sichern können - er vertraute jedoch auf seine
Überzeugungskraft, die sich immer noch stets der falschen Worte
bediente.
Neben den schon erwähnten Diskursformen der republikanischen Zeit, die
Benn weiter verwendete, schadete ihm aber auch vor allem, daß er
einem folgenschweren Irrtum unterlag, der noch in heutigen Stellungnahmen zur
NS-Kunst und NS-Kunstpolitik nachwirkt. Er sprach deshalb im falschen Ton zu
den falschen Leuten über die falschen Sachen weil er von der
Entstehung einer Kunstheorie des nationalsozialistischen Regimes ausging. Eine
solche Kunstheorie hat es aber nicht gegeben und konnte es auch gar nicht
geben. Das 'Dritte Reich' konnte und durfte keine Kunstkritik (es gab nur einen
beschreibenden kurzen 'Kunstbericht'), keine Kunstdogmatik, keine Kunstheorie
oder gar Kunstphilosophie entwickeln. Ein Pendant zum (zwar
einfältigen aber doch inhaltlich und konzeptionell
einigermaßen geschlossen ausformulierten) 'Sozialistischen
Realismus', wie es ihn damals in Sowjetrußland gab, existierte nicht.
Verschiedene Gründe verhinderten dies: Eine verbindliche Kunsttheorie
hätte die Gegensätze zwischen den verschiedenen Lagern im
Kunstbereich noch verstärkt und die ohnehin erheblichen
Kompetenzstreitigkeiten und Reibungsverluste bis hin zur totalen Blockade des
Kunstbetriebes gesteigert. Auch Adolf Hitler entschied letztinstanzlich oft
widersprüchlich und wohl nicht im Rahmen einer noch so primitiven
theoretischen Konzeption, sondern aus unklaren, persönlichen Motiven
heraus. Wären von Parteiseite klare Richtlinien entwickelt worden,
hätte man immer wieder Konflikte mit dem 'Führer' riskiert.
Die Macht Hitlers konnte sich tatsächlich nur in der
Atmosphäre einer gewissen theoretischen und weltanschaulichen
Unsicherheit voll umsetzen. Nur unklare Leitbegriffe und emotionale
Gemeinsamkeiten schufen hier eine labile Ordnung und Struktur.
Eine Folge der fehlenden theoretischen Auseinandersetzung war ein vollkommen
fehlender Stilwille; das Streben nach klaren Formprinzipien, anhand derer eine
Gruppe von Künstlern ihren jeweiligen Ausdruck finden kann, wird
gänzlich unmöglich. Benn war aber in seiner Sicht der Dinge
von den Diskussionen der '-ismen' aller Art, der künstlerischen
Selbstdefinition verschiedenster Gruppen, geprägt. Daher
übersah er, daß die Kunst des 'Dritten Reiches' den Beifall
der Bevölkerung finden sollte und gar nicht in erster Linie den
großen Stil des Staates wiedergeben sollte. Aus meiner Sicht ist es
daher problematisch, die NS-Kunst anhand der Ideen einer Kunstauffassung
untersuchen zu wollen, die in ihr scheinbar zum Ausdruck kommt. Die
ausgestellte und staatlich anerkannte Kunst war fast ausschließlich
eine Kunst, deren wesentliches Charakteristikum die Beliebtheit beim Publikum
war. Bekenntnishafte, ideologische Kunst, in der nationalsozialistische Ideen
dargestellt und gefeiert wurden, war eher die Ausnahme.
Gottfried Benn hatte für diesen volkstümlichen Charakter des
neuen Staates kein Gespür und argumentierte im Stil eines
Intellektuellen der Weimarer Republik an den realen Problemen vorbei. So
verkannte er auch die Art des `
nationalen
Aufbruchs' völlig. Statt eines spartanischen, formvollendeten,
ästhetischen Führerstaates, einer Erziehungsdiktatur als
Gesamtkunstwerk, entstand ein sehr lästiger kleinbürgerlicher
Überwachungsstaat ohne theoretischen Überbau, in dem die
'Kunstpolitik' nur Wiederschein der Machtpolitik war. Die große Form
wurde nicht vom Künstler als Herrn der Geschichte vorgegeben, sondern
von Leuten, die, wie Benn zu spät sah, "die Fresse von
Cäsaren und das Hirn von Troglodyten" hatten.
Zu Gottfried Benn
Originaltexte :
Benn, G., Gesammelte Werke in 4 Bänden, hrsg.v. D. Wellershof,
Wiesbaden 1958-1961
ders., Der neue Staat und die Intellektuellen, Stuttgart 1933
ders., Kunst und Macht, Stuttgart 1934
Sekundärliteratur:
Ridley, H., Gottfried Benn - Ein Schriftsteller zwischen Erneuerung und
Reaktion, Opladen 1990
Schröder, J., Gottfried Benn - Poesie und Sozialiation,
Berlin/Köln/Mainz 1978
Speck, R., Gottfried Benn und die Kunst, Köln 1987
Zum `Dritten Reich'
Brenner, H., Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus, Reinbek b. Hamburg
1963
Rave, P.O., Kunstdiktatur im Dritten Reich, Berlin o.J.
Wulf, J. (Hrsg.), Kultur im 3. Reich - 5 Bände, Reinbek b. Hamburg
1963-1966 (Nachdruck bei Ullstein, Berlin)
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