| Erschienen in Ausgabe: No 53 (7/2010) | Letzte Änderung: 29. Juni '10 |
Interdisziplinär und voller Überraschungen: Comicforschung
von Bernd Villhauer
Der diesjährige „Internationale Comic-Salon“ vom
3. bis 6. Juni 2010 hat das Medium Comic wieder in die Medien gebracht. In
Erlangen, das die Veranstaltung alle zwei Jahre beherbergt, fanden sich
anlässlich des Comic-Salons nach Angaben der Veranstalter mehr als 25.000
Besucher ein. Der Comic-Salon besteht aus einer Vielzahl von Veranstaltungen,
die zum einen in der zentralen Heinrich-Lades-Halle stattfinden, zum anderen an
den unterschiedlichsten Orten in der gesamten Stadt wie Galerien,
Buchhandlungen und Cafés. In diesem Jahr waren ungefähr 30 Ausstellungen zu
verschiedensten Themen über die Stadt verteilt. So veränderte sich das
Stadtbild erheblich: am auffälligsten durch die „Cosplayer“, die sich anziehen
wie die Helden ihrer Lieblingscomics, vor allem der Mangas; hier hat sich schon
seit einigen Jahren eine Parallelwelt der meist jugendlichen) Fans gebildet,
die auch zur Belebung der Buchmessen in Leipzig und Frankfurt erheblich
beiträgt. Bemerkenswert ist aber zudem, dass auch in diesem Jahr wieder
offensichtlich die ernsthafte Reflexion über die Bildgeschichten viele
Besucherinnen und Besucher nach Erlangen führte. Die angebotenen Führungen
durch Ausstellungen waren gut besucht und das Comic-Podium, das sich in
Vorträgen, Gesprächsrunden und Podiumsdiskussionen mit vielen Aspekten der
Comic-Kunst und des Comic-Markts auseinander setzte – unter anderem mit einer
Vortragsreihe über Comic und Politik – fand alleine weit über 2.000 Interessenten.
Dieser Programmteil des Comic-Salons wurde wesentlich von der Deutschen
Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) gestaltet und beinhaltete Vorträge zu
den politischen Dimensionen der Comic-Kunst, vor allem zur Auseinandersetzung
mit dem Totalitarismus. Hier sprachen beispielsweise Ralf Palandt über „Braune
Comics?! Bilder vom rechten Rand der Gesellschaft“ und Guido Weißhahn über
„Geballte Faust und rotes Herz. Politische Comics in der DDR“; Martin Frenzel
hielt einen Vortrag mit dem Titel„Über ‚Maus‘ hinaus.
Holocaust und NS-Verbrechen im Comic: Von Berni Krigsteins ‚Master Race‘ bis
Mikael Holmbergs ‚26.november‘“. Es ist auffallend, dass hier sehr sachlich und
auf hohem Niveau diskutiert wird. Die Szene, die offensichtlich nicht nur aus
ältlichen Sammler-Nerds oder jugendlichen Kostümfetischisten besteht, ist um
Professionalisierung bemüht, der Comic wird historisch und systematisch
aufgearbeitet und die Protagonisten der Forschung in diesem Bereich müssen
methodologisch nicht hinter ihren Kollegen aus anderen Wissenschaftsbereichen
zurückstehen. Anläßlich dieser neuen Beispiele für eine intensive seriöse
Beschäftigung mit dem Comic ist es vielleicht sinnvoll, sich zu fragen, seit
wann es diese Erforschung des Comics schon gibt.
Ich beschränke mich hier auf den
deutschsprachigen Raum, in dem erst die Beschäftigung mit Literaturformen
außerhalb des klassischen Kanons in den 60er Jahren auch der Comicforschung das
Feld bereitete. Man könnte sagen: als die Pop-Kultur zu einer Selbstverständlichkeit
geworden war und damit ihre Historisierung beginnen konnte, begann auch die
Erforschung des Mediums Comic. Öffentlich kam das zum Ausdruck mit der
Ausstellung, die die Berliner Akademie der Künste 1970 präsentierte:
“Comic-Strips – Geschichte, Struktur, Wirkung und Verbreitung der
Bildergeschichten“. Mit dieser Ausstellung war ein Colloquium verbunden, das
von Dezember 1969 bis Januar 1970 ging. Im Jahr darauf, 1971, erschien eine der
ersten großen Bestandsaufnahmen des Mediums, nämlich „Comics. Anatomie eines
Massenmediums“ von Reinhold C. Reitberger und Wolfgang J. Fuchs. Dieser
Publikation erster wissenschaftlicher Beiträge zum Comic war vorausgegangen,
dass in den 60er Jahren erste Comics erschienen waren, die explizit an ein
erwachsenes Publikum gerichtet waren. Als stilbildend muss hier wohl
„Barbarella“ von Jean-Claude Forest aus dem Jahre 1964 genannt werden. Indem
auch ältere Leser sich mit dem Medium zu beschäftigen begannen, eröffneten sich
auch mehr Möglichkeiten für die Forschung.
Diese, die wissenschaftliche Aufbereitung, ist
nur eine Seite der beginnenden Comicforschung. Die andere Seite ist mit dem
Ausdruck „Fanliteratur“ zu bezeichnen. In der Beschäftigung mit den Comics
spielt diese eine wichtige Rolle und der Comicforscher Eckart Sackmann hat in
seinem hervorragenden Übersichtswerk „Die deutschsprachige Comic-Fachpresse“
aus dem Jahr 2000 materialreich gezeigt, wie zu Beginn der 70er Jahre Fan- und
Fachzeitschriften entstehen, in denen Begeisterte von ihrem Hobby erzählen und
dabei immer systematischer und zielgerichteter das Material sichten und
diskutieren. Es handelt sich um eine Professionalisierung durch konsequentes
Verfolgen der eigenen Leidenschaft im öffentlichen Rahmen in der Tradition der
sogenannten „dilettanti“. Wenn wir diese Entwicklung wissenschaftsgeschichtlich
einordnen, dann können wir sagen, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt dazu
kommt, dass sich die Tätigkeiten Einzelner vernetzen, dass Institutionen
entstehen, die dem Hobby einen ganz neuen Rahmen bieten. Deutschland vollzieht
hier ungefähr 20 Jahre später eine Entwicklung nach, die man in den USA seit
den 50er Jahren verfolgen kann.
Deutlicher Ausdruck dieser Beschäftigung mit dem
Medium in Deutschland ist die Gründung der INCOS, der Interessengemeinschaft
Comic-Strip im Jahr der Akademie-Ausstellung, also auch 1970. Im
Gründungsprotokoll können wir lesen: „Die INCOS bezweckt die kritische
Beschäftigung mit dem Phänomen Comic-Strip in all seinen Erscheinungsformen und
Wirkungsbereichen.“ 1971 erschienen die ‚INCOS-Nachrichten # 1‘. Nicht
verwechseln sollte man diese Vereinigung mit dem Berufsverband der
Comic-Zeichner, ICOM, der seit 1981 besteht. Ein weiteres Symbol für die
zunehmende Verschränkung von Comic-Fanszene und Comicwissenschaft ist der 1.
Deutsche Comic-Kongress, der 1973 in Berlin abgehalten wurde. Während in der
zweiten Hälfte der 60er Jahre erste Einzelpublikationen erschienen, beginnt in
den 70ern also das übergreifende Gespräch und eine umfassendere
Sekundärliteratur zum Comic entsteht. Bemerkenswert für die Entstehung der
Comicenthusiastenszene ist, dass sie in gewisser Weise auf den Strukturen der
Science-Fiction-Szene aufsetzte. Auch die Science Fiction war in Deutschland
nach dem Krieg eher als Schundliteratur betrachtet worden und arbeitete sich
erst langsam aus diesem Ruf heraus. Vielleicht gab es hier eine Solidarität der
„Underdogs“, vielleicht ergaben sich aus der Gemeinsamkeit der
Vertriebsstrukturen Gemeinsamkeiten, da auch die Science Fiction-Literatur
zunächst über Heftchen am Kiosk vertrieben wurde. In jedem Fall wäre die
Weiterentwicklung der Fanszene im Comicbereich nicht möglich gewesen ohne die
Verbindungen, Zeitschriften und Veranstaltungen, die Science-Fiction-Leser
schon geschaffen hatten. So entstand auch die schon erwähnte INCOS aus einer
Gruppe von Berliner Science-Fiction-Begeisterten.
Als eines der Beispiele für die
Professionalisierung der Fan-Literatur sei die „Deutsche Comic-Bibliographie“
von Peter Skodzik aus dem Jahre 1978 erwähnt. In ihr wurden 18.700 Einzelpublikationen
aus dem Zeitraum 1946 bis 1970 erfasst. Allerdings dauert es noch bis in die
80er Jahre bis auch Methodenbewusstsein und Abgrenzung gegen andere
Wissenschaftsbereiche der Comic-Forschung eine klarere Kontur geben. Höhepunkte
der bisherigen Professionalisierungsbemühungen stellen die Gründung der
Arbeitsstelle für Graphische Literatur 1990 an der Universität Hamburg und die
Gründung der Deutschen Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) 2005 dar. Im
Umkreis der ComFor wird auch das „Jahrbuch Comicforschung“ herausgegeben, das
wichtige Beiträge sammelt, die auf wissenschaftlichem Niveau vor allem den
deutschen Comic behandeln. Damit ist auch in Deutschland die seriöse
Beschäftigung mit dem Medium endlich deutlich sichtbar und institutionalisiert
in Gang gekommen; es bilden sich Forschungs- und Diskussionsstrukturen heraus.
Institutionell sind die die schon erwähnte Arbeitsstelle für Graphische
Literatur an der Universität Hamburg, angesiedelt am dortigen Institut für
Germanistik, von Bedeutung sowie das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, das
Institut für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt sowie das Museum
für Komische Kunst (wenngleich sich letzteres mehr auf Karikaturen
konzentriert).
Dass und wie sich die Comicforschung in Deutschland
erst relativ spät etablierte, das ist sicherlich auch mit dem Kulturbruch der
nationalsozialistischen Diktatur zu erklären. Neben dem Jazz waren die Comics
ein äußerst ungern gesehener kultureller Gast in Hitlers Reich. Und die
Verfemung der Bildergeschichten sank tief ein ins deutsche Gemüt – so tief,
dass noch nach dem Krieg öffentlich Comics verbrannt wurden bzw. öffentliche
Leihbibliotheken anboten, den „Schund“ gegen richtige Literatur einzutauschen.
Die Comics wurden – berechtigt oder nicht – zum Symbol für die Verflachung und
Amerikanisierung Deutschlands, eine Art ästhetische reeducation.
Gerade die gebildeten Schichten, in denen
eigentlich die intellektuelle Neugier hätte gepflegt werden können, sperrten
sich gegen die Anerkennung und befürchteten eine die Entstehung einer
Generation von Analphabeten durch die Bilderschriften. Auch die 1954 gegründete
„Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ spielte hier nicht immer
eine glückliche Rolle.
Woher kommen nun eigentlich die Comicforscher?
Aus dem oben Gesagten, zusammengenommen mit der schlichten psychologischen
Einsicht, dass Verbotenes besonders reizt, lässt sich ableiten, dass viele
Comic-Enthusiasten gerade von der Tabuisierung zu einer intensiveren
Auseinandersetzung mit dem Medium gebracht wurden. Wie sind sie aber fachlich
einzuordnen? Man findet neben den Fans Soziologen und Kunsthistoriker ebenso
wie Sprach- oder Literaturwissenschaftler, in neuerer Zeit auch
Medienwissenschaftler. Es ist interessant, zu verfolgen, wie sich – je nach der
fachlichen Herkunft – die Themen und Methodiken unterscheiden. Natürlich neigen
die Literaturwissenschaftler dazu, vor allem Erzählstränge und -strategien zu
untersuchen, Kunsthistoriker dazu, das einzelne Bild zu betrachten bzw.
Zeichenstile zu beschreiben. Die Themenfelder sind ebenfalls sehr
unterschiedlich: Zusammenhänge zwischen dem Comic und gesellschaftlichen
Tendenzen werden untersucht (so fand vor kurzem, ebenfalls in einer
Evangelischen Akademie, nämlich in Bad Boll, eine Tagung zum Thema „Rechtsextremismus
und Comics“ statt), einzelne Künstlerpersönlichkeiten wie Jean Giraud, auch
Moebius genannt, Hugo Pratt, Will Eisner, Hal Foster, Chris Ware, Jacques Tardi
oder Carl Barks dargestellt; die nationalen Comic-Kulturen analysiert oder
Publikationsstrategien von Verlagen oder Zeitungen untersucht. Ein Beispiel für
letzteres ist die Erforschung des Comic-Strips in Zeitungen durch Bill
Blackbeard, der die größte Sammlung von Comics aus Zeitungen zusammengetragen
hat; diese Sammlung ist heute Bestandteil der San Francisco Academy of Comic
Art.
Auch Fachzeitschriften sind von zunehmender
Bedeutung. Hier sei eigens erwähnt (und gelobt!) die Zeitschrift „Reddition“,
die jedes Heft als Dossier zu einem bestimmten Künstler oder Themenkreis
gestaltet. Unabhängig davon gibt es zahllose „Fanzines“, als Magazine für Fans,
die jeweils ihre Spezialthemen behandeln wie z.B. die Zeitschrift
Bastei-Freunde für Veröffentlichungen des Bastei Verlags oder die
Veröffentlichungen der diversen Hansrudi Wäscher-Clubs. Eine große Bedeutung
für die Dokumentation der Comic-Landschaft hatte die Zeitschrift „Comixene“,
die von 1974 bis 1982, dann Mitte der 90er erschien und nun seit einigen Jahren
in veränderter Form wieder auf dem Markt ist.
Auch in der Verlagsszene gibt es mittlerweile
Spezialverlage für die Comic-Sekundärliteratur, so beispielsweise den vor
kurzem gegründeten Bachmann Verlag in Bochum oder das Unternehmen comicplus+.
Man kann also sagen, dass die wissenschaftlichen Bemühungen auf einem immer
breiteren publizistischen Fundament ruhen. Das wird entscheidend für die
nächsten Jahre sein: Gelingt es der Comicforschung endgültig eine breite
interessierte Öffentlichkeit einerseits und die wissenschaftliche community der
für sie wichtigen Fächer andererseits zu erreichen? Wird sie sich
professionalisieren ohne die Sichtbegrenzungen der verschiedenen
wissenschaftlichen Fächer zu übernehmen? Nimmt sie ihre Chance zur
Interdisziplinarität wahr? Bewahrt sie kritische Distanz zu den Forschungsmoden
und „Diskursen“, die die Karrieren im Wissenschaftsbetrieb bestimmen? Wird es
weiterhin ein produktives Miteinander von Fan und Forscher geben? Beim nächsten
„Internationalen Comic-Salon Erlangen“ wissen wir mehr...
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