Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No 53 (7/2010) | Letzte Änderung: 22. September '10 |
Hansjürgen Verweyen, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI., Die Entwicklung seines Denkens, Darmstadt 2007, ISBN: 978-3-89678-587-9.
von Stefan Groß
Neben einer Vielzahl von Publikationen zu Joseph Ratzinger
sticht das Buch über den Denkweg des ehemaligen Kardinals und jetzigen Papstes
von Hansjürgen Verweyen positiv heraus. Der renommierte Theologe, Schüler und
liberale Kritiker unternimmt anhand der wichtigsten biographischen Eckdaten des
Studenten und Professors Ratzinger den Versuch, einerseits dessen geistigen
Werdegang nachzuzeichnen, andererseits Benedikts Denken innerhalb der Geschichte
der abendländischen Theologie und Philosophie zu verorten, wobei auch mit
kritischen Tönen nicht gespart wird, Mißverständliches und
Diskontinuitätsbrüche im Denkweg des langjährigen Präfekten der
Glaubenskongregation nachgezeichnet werden. Verweyen, dies zeigt sich
überdeutlich, bleibt kritisch, geht immer wieder auf Distanz zu Ratzinger, wenn
er Widersprüchliches zu vernehmen glaubt.
Daß bei einer Rekonstruktion des Denkweges auf die geistigen
„Lehrer“ des Papstes – auf Augustinus und Bonaventura – Bezug genommen wird,
versteht sich von selbst, wenngleich auch hier angemerkt werden darf, daß die
Auseinandersetzung mit dem Kirchenvater und mit dem Theologen des Mittelalters hätte
prägnanter ausfallen können, hier hätte man sich vom Autor einen
tiefergreifenden Blick hinter die Kulissen gewünscht, ja, genauere
Erläuterungen und Analysen erwartet; warum gerade Augustinus, und warum gerade
er das Weltbild von Benedikt XVI. bis heute so nachhaltig beeinflussen konnte.
Der Verweis auf seine Kriegsvergangenheit – samt dem Pessimismus der damaligen
Zeit – reicht da doch wohl kaum aus, um eine gewisse Unbehaglichkeit an der
Moderne auszumachen. Und beides, sowohl die Promotion als auch und die Habilitation
werden bei Verweyen nur kurz gestreift, was um so mehr verwundert, weil sich
der philosophisch-theologische Ansatz Ratzingers hier am deutlichsten
herauskristallisierte.
Ausführlicher hingegen gerät der Blick auf die Bonner
Antrittsvorlesung Ratzingers, die dieser unter dem Titel „Der Gott des Glaubens
und der Gott der Philosophen, Ein Beitrag zum Problem der theologia naturalis“
am 24. Juni 1959 gehalten hatte. Hier tritt nicht nur das Ratzinger bis zur
Diskussion mit Jürgen Habermas immer wieder beschäftigende Problem des
Verhältnisses von vernünftigem Wissen und Gefühl in den Mittelpunkt, sondern
hier zeigt sich auch exemplarisch der „dialogische Personalismus“ des Theologen
aus Marktl am Inn, der immerwährende Versuch, eine Brücke von Athen und
Jerusalem zu spannen, eben jene Brücke von der griechisch-römischen Philosophie
zum göttlichen Absoluten der Bibel. Denn wie Ratzinger selbst damals selbst bemerkte,
kann „der wahre Anspruch des christlichen Glaubens […] in seiner Größe und in
seinem Ernst immer wieder nur sichtbar gemacht werden durch den Bindestrich zu
dem hinüber, was der Mensch schon zuvor in irgendeiner Form als das Absolute
begriffen hat“. Daß dabei die Philosophie eine propädeutische Funktion zur
Explikation des Absoluten innehat, die den Glauben letztendlich nicht ersetzen
kann, hat Ratzinger bis heute unterstrichen. Diese Synthese näher zu
beleuchten, da diese in einer Vielzahl von Publikationen eine wesentliche Rolle
spielt und zugleich Ratzingers Verständnis von Vernunft und Glaube exemplarisch
beleuchtet, hätte sich der Leser vom Autor gewünscht.
So intensiv Verweyen den Denkweg des Theologen Ratzinger nachzeichnet,
so bleiben seine Thesen zu voraussetzungsreich, zu unvermittelt, so daß es dem
geneigten Leser schwerfällt, die Argumente immer leicht nachzuvollziehen, zudem
Seitenweise Exkurse zu zeitgeschichtlichen Ereignissen immer wieder den
Blick in die eigentliche Argumentation versperren, was sich auch dann
beispielsweise und irritierend zeigt, wenn Ratzingers Offenbarungsbegriff ins
Zentrum gerückt wird. Auch bei der Charakterisierung „mathematische
Philosophie“ hätte man sich tiefergehende Analysen erwartet, als Verweise zu
Ratzingers Kritik an Descartes einerseits und die Hochachtung für Pascal
andererseits.
So eingehend gelungen die Passagen zu Hans Küng, zum
Marxismus, zur Theologie der Befreiung, zur Eschatologie, zum Problem der
Theologie in der Moderne und zum Liturgieverständnis sind, immer, so scheint es
in der Argumentation Verweyens, bleiben es äußere Anstöße, die den Denkweg
Ratzingers bestimmten, dort die 68er Bewegung, hier die Befreiungstheologen. Gegen
diese extrinsische Interpretation wäre dagegen, gerade auch mit Blick auf die spirituelle
und philosophische Genese seiner Entwicklung, eine intrinsische zu stellen, die
den Denkweg tatsächlich aus den Schriften Ratzingers heraus zu bestimmen sucht,
um so seinem originären Denkansatz näher zu kommen. Wünschenswert wäre
überhaupt, perspektivisch gesehen, einmal eine Strukturanalyse, die den
Philosophen Ratzinger untersucht, die also seine Affinität zur frühen Kirche
und seine Distanz gegenüber dem kritischen Idealismus Kants und der
nachkantischen Systeme bedenkt. Aufschlußreich in diesem Kontext würden zudem
eine Analyse seiner Rezeption des Platonismus und des Neuplatonismus sowie eine
Aufarbeitung seines Verhältnisses zur Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts
sein. Hierhinein gehörten Exegesen zu Origenes, Plotin, aber auch zu Buber,
Rosenzweig, Spengler und Levinas, um nur einige zu nennen.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.