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| Erschienen in Ausgabe: No 54 (8/2010) | Letzte Änderung: 31. Juli '10 |
Landsberg/Warthe und Landsberg in Ostpreußen
von Jörg Bernhard Bilke
Der am 3. Mai 2010 in Berlin verstorbene DDR-Historiker
Stefan Doernberg (1924-2010) ist als Sohn aus Deutschland emigrierter
Kommunisten in Moskau erzogen worden und hat 1945 als junger Offizier der
„Roten Armee“ an der Eroberung Berlins teilgenommen. In seiner Autobiografie
„Fronteinsatz“ (2004) berichtet er davon, dass er „auf halbem Wege zwischen
Poznan und Küstrin“, also an der damaligen Reichgrenze zu Polen, ein Schild gesehen
hätte, auf dem in russischer Sprache zu lesen gewesen wäre: „Hier beginnt das
verfluchte Deutschland“. Dieses Schild, so fährt er fort, hätte ihn irritiert,
weshalb er „eine Eingabe beim Frontstab wegen der Losung an der Grenze“ gemacht
hätte, denn, so lautete seine Begründung am 31. Januar 1945, mehr als ein
Vierteljahr vor Beendigung der Kampfhandlungen, diese „Gebiete östlich der Oder
(seien) nach dem Krieg unter polnische Verwaltung zu stellen…Deutschland könne
nicht hier beginnen. Polen als Verbündeter dürfte sich durch das Schild
brüskiert fühlen.“ Einige Tage später, so liest man dann, „war das Plakat
verschwunden. Jetzt verriet ein Wegweiser, wie weit es noch bis Berlin sei.“
Es sind diese kleinen, fast nebensächlich erscheinenden
Bemerkungen in Autobiografien von Zeitzeugen, die ein spätes Licht auf das
Schicksal unserer ostdeutschen Landsleute 1945 werfen und den nachgeborenen
Lesern, 65 Jahre nach Kriegsende, die Augen öffnen: Die damals auf der Höhe
ihrer Machtentfaltung stehende Sowjetunion hat mit der Abtrennung eines
Viertels des deutschen Reichsgebiets, der gnadenlosen Vertreibung seiner
Bewohner und der Westverschiebung Polens von Anfang an vollendete Tatsachen
schaffen wollen! Eine Rückkehr in die Gebiete jenseits von Oder und Neiße, was
1950 mit dem „Görlitzer Abkommen“ besiegelt wurde, sollte für alle Zeiten verhindert
werden!
Einen ähnlichen Zungenschlag, was die Flüchtlinge und
Vertriebenen betrifft, kann man in Erich Hankes Autobiografie „Im Strom der
Zeit“ (1976) ausmachen, die bezeichnenderweise im DDR-Militärverlag erschienen
ist. Der 1911 geborene Autor, gelernter Maurer, der vor 1945 als Kommunist mit
Erich Honecker im Gefängnis gesessen hat und danach in Ostberlin bis zum
Professor aufsteigen konnte, gliedert sein Buch in acht Kapitel, deren zweites
er kurz und knapp „Umsiedler“ nennt, womit die zwölf Millionen Flüchtlinge und
Vertriebenen aus den preußischen Ostprovinzen gemeint sind. Hier erzählt er auf
25 Seiten, wie er am 27. September 1945 zu Franz Dahlem (1892-1981) gerufen wurde,
der damals als KPD-Kaderleiter eines der höchsten Ämter unter Wilhelm Pieck
(1876-1960) und Walter Ulbricht (1893-1973) bekleidete. Es ging um die Gründung
der „Zentralverwaltung für Umsiedler“, um die mehr als vier Millionen
Ostdeutschen reibungslos in die mitteldeutsche Nachkriegsgesellschaft
einzugliedern, wozu Franz Dahlem äußerte: „Den Menschen Hoffnungen auf Rückkehr
in ihre alten Wohngebiete zu machen, das wäre keine Hilfe, sondern Betrug, ja
Verbrechen. Ehrliche Freunde der Umsiedler sind nur diejenigen, die keine
verlogenen Versprechungen machen, sondern ihnen die volle Wahrheit sagen und
zugleich helfen, schnell eine neue Heimat zu finden.“
Diese „Hilfe“ sah dann freilich so aus, dass die
„Zentralverwaltung für Umsiedler“ bereits 1948, nach drei Jahren Arbeit, wieder
aufgelöst wurde und durch das „Umsiedlergesetz“ von 1950 administrativ verfügt
wurde, dass die Eingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen nunmehr
abgeschlossen sei und die „Neubürger“ aus Schlesien oder Ostpreußen freudig in der
neuen Heimat am „Aufbau des Sozialismus“ mitzuarbeiten hätten. Heimattreffen
auf landsmannschaftlicher Ebene waren strikt untersagt und galten als
„staatsfeindlicher Akt“. In Zweifelsfällen griff die „Staatssicherheit“ ein und
unterband solche Bestrebungen, wie man im Buch von Heike Amos „Die
Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1990“ (2009) nachlesen kann.Trotz des Verbots fanden sie in Einzelfällen
statt, unter streng konspirativen Bedingungen. So trafen sich beispielsweise im
Leipziger Zoo jahrelang Hunderte von Sudetendeutschen bei Kaffee und Kuchen,
was offiziell als Veranstaltungen der „Volkssolidarität“ ausgegeben wurde.
Wie Heike Amos in ihrem Buch zutreffend anmerkt, ließ Erich
Hanke auch drei Jahrzehnte nach Kriegsende „keine Worte der Betroffenheit für
die geflüchteten und vertriebenen Deutschen“ erkennen, speiste ihre
verzweifelten Fragen nach ihrem künftigen Schicksal mit SED-Phrasen ab und
erklärte apodiktisch: „Es war damals sehr schwer, denen, die so fragten, die
historisch richtige Antwort verständlich zu machen.“Die „historisch richtige“ Antwort aus Erich
Hankes Sicht war, dass die deutschen Gebietsverluste als die unvermeidbare
Konsequenz aus dem imperialistischen Angriffskrieg des Deutschen Reichs gegen
die friedliebende Sowjetunion zu betrachten seien. Diese „Erklärung des
SED-Umsiedlerexperten Erich Hanke“ blieb, so Heike Amos, bis 1989 die
„vergangenheitspolitische Grundlage“ der SED-Vertriebenenpolitik.
Dieser schroffe Standpunkt freilich, solche Fragen letztlich
unbeantwortet zu lassen, hatte unübersehbare Folgen in der DDR-Literatur, in
der das Thema „Flucht und Vertreibung“ immer wieder aufgegriffen wurde, in zwei
Romanen sogar schon 1948, noch vor DDR-Gründung.Die unbeantwortete, aber dennoch immer wieder
von den „Umsiedlern“ gestellte Frage nach dem „Warum“ ihres Heimatverlusts
blieb eine Konstante der DDR-Literatur von Christa Wolf aus Landsberg an der
Warthe über Ursula Höntsch-Harendt und Armin Müller aus Schlesien bis zu den
Sudetendeutschen Renate Feyl und Hanns Cibulka. Auf den Seiten 232 bis 249
ihres wichtigen Buches hat Heike Amos eindrucksvoll über die „Umsiedlerfrage“
in der Literatur berichtet. So war zum Beispiel bis heute kaum bekannt, dass
der junge Filmemacher Thomas Grimm, geboren 1954 in Aue/Erzgebirge, 1985, vier
Jahre vor dem Berliner Mauerfall, einen Film „Umsiedler 45. Versuch eines
filmischen Protokolls“ gedreht hat, der nie aufgeführt wurde. Die im Film von
Thomas Grimm befragten Zeitzeugen waren geflohene Bauern aus Schlesien, die aus
dem Dorf Schönau bei Glogau stammten und später in den Dörfern Braunichswalde
und Gospersgrün bei Gera in Thüringen angesiedelt worden waren. Staatliche
Stellen verhinderten 1986 die öffentliche Vorstellung des Films mit politischen
Argumenten, die kaum überzeugen können: „ Man habe da wörtlich gemeint, dass
dieser Film ein Schlag ins Gesicht der erfolgreichen Entwicklung der
DDR-Landwirtschaft und Umsiedlerpolitik sei. Die Menschen sehen alle traurig
und grau aus. Wenn das wirklich die Realität sei, dann haben sich 40 Jahre
DDR-Entwicklung ja gar nicht gelohnt.“ (Thomas Grimm). Der Film konnte immerhin
1987 den betroffenen Bauern in Braunichswalde in einer geschlossenen
Vorstellung gezeigt werden, einmal auch wurde er von Pfarrer Rainer Eppelmann
in der Ostberliner Samariter-Gemeinde aufgeführt.
Leider aber sind in diesem ansonsten höchst verdienstvollen
Buch von Heike Amos auch schlimme Fehler zu verzeichnen, was vermutlich auf die
DDR-Erziehung der Autorin ,die 1962 in Ostberlin geboren ist und in Leipzig
Geschichte und Germanistik studiert hat, zurückzuführen ist. So greift sie, bei
der Interpretation des Christa-Wolf-Romans „Kindheitsmuster“ (1976), die
Literaturkritikerin Annemarie Auer (1913-2002), die in der Zeitschrift „Sinn
und Form“ den Roman auf 31 Seiten vernichtend rezensiert hatte, scharf an und
wirft ihr vor, Landsberg an der Warthe mit Landsberg in Ostpreußen zu
verwechseln und an diese Verwechslung Schlussfolgerungen zu knüpfen, die nicht
zutreffen können, weil das falsche Landsberg gemeint sei. Heike Amos nennt das
einen „schweren Irrtum“, begeht dann aber selbst einen, wenn sie schreibt: „Das
Landsberg/Ostpreußen zählte unter Hitler zum Warthegau. Landsberg an der Warthe
hingegen, der Kindheitsort von Christa Wolf, lag bis 1945 auf reichsdeutschem
Gebiet.“ Und Ostpreußen sollte bis 1945 nicht„auf reichsdeutschem Gebiet“ gelegen haben? Selbst wenn man, bedingt
durch den Unterricht an der Erweiterten Oberschule, mangelnde
Geschichtskenntnisse bei der Autorin in Rechnung stellt, so fragt man sich,
warum diese Wissenslücken nach zwei Jahrzehnten noch immer bestehen!
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