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| Erschienen in Ausgabe: No 55 (9/2010) | Letzte Änderung: 07. November '10 |
von Alexander Kissler
Nun ist sie vorbei, die Fußball-Weltmeisterschaft, die, wer
sich nicht regresspflichtig machen will, „FIFA WM 2010“ nennen muss. Das
Produkt hat seinen natürlichen Entsorgungszeitpunkt erreicht. Das Mindesthaltbarkeitsdatum
ist abgelaufen. Das Nachfolgemodell, die „FIFA WM 2014“, wird bald in den Orbit
des globalen Konsums eindringen. Nicht das zähe Finale, eine üble Treterei in
Orange und ausweislich der niederländischen Hymne leider ganz „von deutschem
Blut“, wird in Erinnerung bleiben.
Haften blieben werden vermutlich Operettentrainer Maradona,
ein weinender Nordkoreaner, fassungslose Brasilianer und Franzosen und
Italiener, japanische Kunstschützen, afrikanische Fehlschüsse, spanische
Kreativität, peinliche Diven vom Schlage eines Christiano
„Ich-hab‘-die-Haare-schön“ Ronaldo, miese Schiedsrichter, laute Tröten und
manch schöner Spielzug aus deutschen Landen.
Mir wird sich eine lebensdienliche Moral besonders
einprägen. Gerne will ich darum in den bundesdeutschen Arbeits- und
Lebensalltag diese feine Sitte integrieren. Sie wurde in Südafrika
flächendeckend eingeübt und ist eigentlich ein Hinweis darauf, dass auch der
Fußball ein Gentleman’s Agreement sein könnte.
Ein Pass segelte ins Niemandsland, kein noch so beherztes
Hinterherjapsen half da. Eine Flanke senkte sich hinter dem Tor, wiewohl sie
für das Kopfballungeheuer gedacht war. Ein Schuss landete im Oberrang und
sollte doch den Torwart in Verlegenheit bringen. Was auch immer missriet auf
dem tückischen Weg des „Jabulani“ von Spieler A zu Spieler B: Es endete im
anerkennenden Klatschen.
Der Mann also, der als Empfänger von Flanke oder Pass
gedacht war oder der den Ball ordentlich verjuxte, wandte sich nach missratener
Tat um, hob die Hände in die Höhe und klatschte Beifall. Nicht zynisch, sondern
aufmunternd sollte der Applaus wirken. Der Subtext lautete: War zwar grottig,
aber schön, dass wir es probiert haben, schön, dass du an mich gedacht hast.
Wird schon noch klappen, irgendwann einmal, irgendwie.
Es hat schon Trainer gegeben, die eine solche
menschenfreundliche Tat verboten. Applaus gebühre nur der gelungenen Tat, nicht
der noblen Absicht. Ich für meinen Teil halte dagegen: Wäre unsere Welt nicht
friedlicher, schöner, rundherum menschlicher, nähmen wir alle uns ein Beispiel
an der kickenden Elite?
Morgens beim Bäcker, wenn die Brötchen verbrannt sind und
die Brezeln versalzen: nicht meckern, sondern zahlen, lachen, in die Hände
klatschen. Bestimmt hat der Bäcker sich tüchtig angestrengt. Mittags beim
Lunch, umgeben von warmem Bier und zähem Schnitzel: klatschen, nicht wundern.
Der Koch hat es doch so schön versucht. Und abends dann beim Blick in die Welt
auf der Mattscheibe: nicht die Kanzlerin beschimpfen, nicht die Genossen
schurigeln, nicht böse denken vom Vorstandsvorsitzenden. Die geben sich alle
Mühe, also klatscht, liebe Bürger, klatscht und freut euch auf den nächsten
Versuch. Das wird schon noch, irgendwann und irgendwie.
Der Fußball ist wirklich eine Schule für das Leben.
Quelle: http://www.alexander-kissler.de/
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