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| Erschienen in Ausgabe: No 56 (10/2010) | Letzte Änderung: 27. September '10 |
„Noli me tangere!“ ist die neue Jahresausstellung von Kolumba überschrieben
von Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech
Gleich im Foyer des Hauses kommt es für die Besucher zur
ersten sinnenreichen Begegnung. Das großformatige zwei Jahre alte Gemälde ohne
Titel von Michael Toenges zeigt eine geradezu plastisch erscheinende Farbmasse,
deren Reichhaltigkeit die Freude des Künstlers erahnen lässt, immer wieder und
nochmals von Neuem möglichst tief die Pinsel in die verschiedenen Farbeimer zu
tauchen, um dann die Ölfarbe verschwenderisch aufzutragen. Diese sinnliche
Präsenz überträgt sich auf die Besucher und verdichtet sich sogleich einige
Schritte weiter, wenn der Weg hinein in das Gelände mit den frei gelegten
Zeugnissen und Gebäuderesten aus rund 2000 Jahren römischer und christlicher
Zeit führt. Bill Fontana hat an diesem für die Kölner Stadtgeschichte so
bedeutenden Ort behutsam seine Klanginstallation „Tauben von Kolumba“
eingewoben. Diese akustische Begegnung mögen in jedem Besucher individuelle und
unberührbare Assoziationen und Bilder evozieren. Das gilt auch im ersten Stock
bei der Lektüre der so harmlos beginnenden Bildergeschichte, die wie ein
kindgerechter Comic anmutet. „Der große und der kleine Paul“ hat Michael Kalmbach
die 2003 entstandenen 48 Bilder genannt, die in ihrem Verlauf mit bedrückender
Drastik und Schonungslosigkeit in menschliche Abgründe blicken lassen und die
letztlich so liebevoll und fürsorglich mit einer Utopie zur Überwindung dieser
Zustände enden.
Das wird für manche Besucher, zumal in einem Museum
kirchlicher Trägerschaft, vielleicht nur schwer nachvollziehbar sein und zu
Diskussionen oder gar Berührungsängsten führen. Doch Reibungsflächen sind in
diesem Haus der Nachdenklichkeit gewollt: zumal jetzt, da die neue
Jahresausstellung das „Noli me tangere“, das „Berühre mich nicht! Halte mich
nicht fest!“ mit Kunstwerken aus 2000 Jahren Geschichte – allesamt wie bisher
aus dem eigenen Bestand des Hauses – thematisiert. Seit Eröffnung des in seiner
kurzen Zeit bereits hoch angesehenen Museums bemühen sich die Kuratoren von
Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, in einer zweiwöchigen Auszeit
stets ab Anfang September um die Inszenierung eines neuen Museums. Diese
Schließungszeit sowie die Wiedereröffnung am Fest Kreuzerhöhung sind integraler
Bestandteil des Ausstellungskonzepts, die Begegnung mit dem bekannten Haus und
seinem neuen Inhalt ist ein mittlerweile bewährtes Ritual und wird zur Wieder-
und Neuentdeckung mit Vertrautem und bislang Unbekannten. In diesen knapp 14
Tagen wird Kolumba noch mehr zum ästhetischen Labor, in dem eine neue
Versuchsanordnung entsteht, die dann wiederum ein Jahr tragen muss, den
weitläufigen Räumlichkeiten und dem markanten Bau des Schweizer Architekten
Peter Zumthor insgesamt eine neue Ästhetik geben soll und bei den Besuchern
Bilder produziert, festsetzt und erinnert.
Das Jahresthema freilich zeichnet sich schon früher ab und
verdichtet sich während der alltäglichen Museumsarbeit. So war es auch dieses
Mal, als sich das Museumsteam eingehender mit einem Aufsatz für einen Altar
einer Nürnberger Kirche befasste. Dieses Heilig-Geist-Retabel aus der Mitte des
15. Jahrhunderts wurde dann zum Ausgangspunkt für „Noli me tangere“. Denn das
Retabel habe eine „eigenartige Ikonografie und ist kompositorisch
unbefriedigend“, so Kuratorin Ulrike Surmann. Konkret: Die Darstellung des
Pfingstfests mit der Ausgießung des Heiligen Geists zeigt die zwölf Apostel mit
der Muttergottes im Halbkreis vor einer Mitte stehend, einem Zentrum, das aber
leer ist. Ein Kreuz oder ein Corpus müssten hier sein, doch der Verlust des
Körpers ist sichtbar, die Anwesenheit des Verlusts bildlich zu fassen. „Von
hier lässt sich dann eine Linie zu Maria Magdalena ziehen, die ins leer Grab
blickt und den Herrn sucht“, erklärt Museumsdirektor Stefan Kraus und erinnert
an die Darstellung aus dem Johannesevangelium: „Sie begegnet dann dem
auferstandenen Herrn und erkennt ihn durch Nennung seines Namens, doch er
antwortet: Berühre mich nicht!“ Der Dialog zwischen Jesus und Maria Magdalena
(Joh 20, 11-18) hat für das christliche Leben enorme Konsequenzen, denn
hier werden die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, die Sehnsucht
nach körperlicher Nähe und der Wunsch nach einem greifbaren Gottesbeweis in den
Glauben an die Auferstehung überführt. Maria Magdalena kann nur durch Abstand
und Loslassen Jesu habhaft werden. Kunstgeschichtlich gesehen hat sich das bis
heute tief in das Denken, Arbeiten und die Objekte zahlloser Künstler
eingegraben und zu den spannendsten Begegnungen geführt, wie sie nun auch in
Kolumba zu erfahren sind.
Im Armarium beispielsweise werden dem wertvollen und üppig
ausgestatten Kirchenschatz, so etwas wie die Insignien des Hauses, die in ihrer
fragilen Unversehrtheit so zarten drei kleinen Boote aus Binsenhalmen von
Bethan Huws mitgegeben. Die lebendige Ausstrahlung in der innigen Beziehung von
Mutter und Kind der Skulptur „Muttergottes mit Kind vom Marienaltar“, die
Jeremias Geisselbrunn um 1650 schuf, korrespondiert mit zeitgenössischen
Gemälden, deren scheinbare Eindimensionalität sich doch so raumgreifend
entwickelt. Eine ähnliche, ja geradezu frappierende Begegnung folgt einige
Räume weiter. Der Blick fällt durch den im Mauerwerk eingelassenen großen
Türrahmen in den nächsten Raum auf ein ebenso schlichtes wie eindringliches
Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert, das in seiner Erhabenheit und
Eindringlichkeit allein die Atmosphäre und Wirkung des Raumes zu bestimmen
scheint. Doch nach Überschreiten der Türschwelle blicken die Besucher auf eine
aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte ungemein dichte, fast provozierende
Installation, die die kürzlich verstorbene Krimhild Becker aus
Plastikskeletten, Kitsch-Totenköpfen und allerlei anderem todessymbolischen
Kitsch zusammengetragen hat. Gehört nicht doch alles zusammen?
Diese transitorische Begegnung von Neuem und Alten wirft
unweigerlich die grundsätzliche Frage nach den Formen auf, die Begegnungen und
Berührungen tragen. Nähe? Distanz? Respekt? Begehren? Abneigung? Freude?
Schmerz? So wird das Leitmotiv der Begegnung in der Ausstellung konsequent
umgesetzt. Wenn sich die Betrachter vom reichhaltig ausgemalten Retabel
abwenden, fällt der Blick auf einige am Boden liegende unterschiedlich große
Formen aus Bildhauergips. „Die Gefäße meines Körpers“ nennt Heinz Breloh diese
mehrteilige Arbeit von 1982, und der sich unmittelbare daraus folgende
transitorische Bezug zum Retabel mit seinem fehlenden Corpus stellt dann eine
faszinierende Dialogsituation her, in die die Besucher durch die in den
Objekten erkennbaren Zeichen des Lebens und des Todes behutsam eingewoben sind.
Wer die weitläufigen Räumlichkeiten durchwandert, in denen
die Objekte wieder so sparsam gehängt wurden, um dann in klar bestimmten
Verortungen innerhalb des Museums den Besuchern doch auch in der Enge dicht
gefüllter Vitrinen oder intensiver Aneinanderreihung zu begegnen, wird sich vor
dem Hintergrund des Leitmotivs nicht nur in den Begegnungen mit den Objekten,
ihren Aussagen oder ihrer Mystik und Spiritualität berühren lassen. Es sind
auch die Objekte, von denen manche wie Stefan Lochners „Madonna mit dem
Veilchen“ (um 1450) ihren ausstellungsunabhängig unverrückbaren Platz gefunden
haben, in ihrem Mit-, Neben- und Gegeneinander sowie schließlich die Begegnung
mit anderen Besuchern. Der gesamte Museumsbesuch wird zu einer faszinierenden,
flüchtigen, zerbrechlichen Berührung, deren Wert im schnelllebigen Alltag so
oft verkannt wird oder aber schon viel zu selbstverständlich geworden ist und
so den Verlust des Respekts vor der Sphäre und der zu bewahrenden
Unversehrtheit des Individuums, der menschlichen Existenz, offenlegt. Die
kontrastreiche Jahresausstellung von Kolumba lädt ein, sich intensiv, ja fast
intim mit dem Menschlichen in seiner irdischen Anwesenheit ebenso zu befassen
wie mit der ebenso menschlichen Sehnsucht nach der Begegnung und Berührung mit
dem Überirdischen
Bis 31. Juli, täglich außer dienstags 12 bis 17 Uhr.
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