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| Erschienen in Ausgabe: No. 16 (1/2001) | Letzte Änderung: 26. Januar '09 |
von Gonsalv K. Mainberger
Die
Bescheidenheit ist eine erfahrne Beherrscherin der Zeit [temporum
magistra] / weil sie recht weiss in alle Zeit sich mit Ruhm
gebührlich zuschicken / & alles zu gelegener Zeit ohn
Verdruss & Verweiss fein anzubringen. Die Bescheidenheit
strekt sich nach ihrer Decken / nimt gar kein höheres vor / als
sie vermag / & erlaubt ihr selbst ein mehreres nicht / als
was durch Geheiss der Tugend erlaubt sein kan. (Justus G.
Schottelius)2
Es ist furchtbar, wenn Philosophen so
zu schreiben versuchen, dass sie auf den Seiten ihres eigenen Textes
nicht anwesend sind. (John McDowell)
Lebenstechnik
heisst bei den Griechen téchnê tôu bíou,
bei den Römern und im Mittelalter ars vivendi, bei den
französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts l'art de vivre.
Die Tradition der Lebenstechniken hat viel techno-theoretisches und
praktisches Wissen angehäuft. Es ist immer auch ein Wissen um
den Menschen als Techniker und mündet heute in die Aporien und
Rechtfertigungsengpässe der Biotechnik und der Genomik
(Erbgutanalyse). Im folgenden versuche ich, das Erfahrungswissen des
homo technicus als interdiskursives Material zu
sichten, zu analysieren und es als Beweismittel in eine
geschichtsgesättigte Ethikargumentation einzubringen.
Was das für die spezifischen Probleme rund um die
Anthropotechnik bringt, bleibt offen und ist Gegenstand der
Diskussion.
Dazu
sogleich ein systematisches Einsprengsel. Aristoteles hat die
Unterscheidung gemacht zwischen poieîn, facere: machen,
herstellen, konstruieren, gestalten, formen, erarbeiten, modellieren,
basteln, erfinden - und ágein, agere: handeln,
erzeugen, sich verhalten, entscheiden, besorgen. Dem Herstellen ist
die téchnê zugeordnet, dem Handeln hingegen
die Moral. Techne, verstanden als Objekt, als das Hergestellte, wird
definiert als die in einem Werdenden waltende Form eines anderen. Ein
Hergestelltes ist dem Herstellenden stets äusserlich, fremd. Das
Fremde am Technischen ist dadurch entstanden, dass es die Form des
anderen ,hat'. Nicht so das Handeln: Handeln ist ein energetisches
Plus, worin der Handelnde zu sich selbst kommt und sich handelnd
vervollkommnet (oder verdirbt). Erst als Handelnder werde ich mir
meiner eigenen Form gewahr. Von einem Designprodukt aus kann ich
rückwärts auf den Hersteller schliessen. Von einer
Handlung oder deren Folgen und Spuren aus schliesst z.B. der
Richter zurück auf den Urheber. Das technische Produkt verweist
auf die Form des anderen, eine Handlung hingegen zeigt den Handelnden
und seine moralische ,Form' an.
Diese
Unterscheidung wird von traditionsverpflichteten Philosophen als noch
immer gültig übernommen. Sie gilt ihnen als die Bedingung
der Möglichkeit für Texte über Technik und Moral
überhaupt. Wichtiger Vertreter dieser Denkrichtung ist Robert
Spaemann. Am anderen Pol ist etwa Michel Foucault angesiedelt. Er
setzt sich über diese Unterscheidung hinweg und versteht
unter Handeln die Herstellung einer Lebensform. Foucault hat für
seine Moral des Subjekts die Interpretation der antiken Lebenskunst,
von Pierre Hadot erstmals vorgelegt, übernommen: Leben ist
sorgfältiger Umgang mit den Lüsten, dieser aber der
hergestellte Lebensstil. Die beiden Positionen sind unvereinbar,
obschon sie vom gleichen sprechen. Meine Position: Die Unterscheidung
von Aristoteles ist zwar tadellos und sie leuchtet spontan ein.
Doch kulturhistorisch und psychohistorisch betrachtet,
greifen die beiden Bereiche stets ineinander. Die Technik
unterwandert die Moral, die Moral schwappt in die Technik über.
Es ging schon immer darum, den Handelnden zu dirigieren, zu
korrigieren, die Schwächlinge zu stärken, die Lüstlinge
zu bändigen, die Erfolgreichen zu belohnen. Spätestens
seit den Texten des Begründers der Techniken am Menschen, dem
heiligen Paulus, gilt die Parole vom ,Neuen Menschen', dem der ,Alte
Mensch' weichen muss. Entscheidend dabei ist, dass dieser neue
Mensch, der in je anderen Epochen je anders ,neu' werden musste,
mit Moral allein nicht erneuert werden konnte. Die Techniken am
Menschen mussten her und wurden zu ,medialen Organen' von Kopf, Hand
und Fuss. Ganz ohne ideologische Konnotation kann nun von
Anthropotechnik gesprochen werden. Unter dem Druck des aus der
Rhetorik, diesem ältesten Bestand der Anthropotechnik3,
übernommenen Designs ist uns das Humandesign4
durchaus geläufig.
Die
von den technisch gesteuerten Wissenschaften geschaffenen
Verhältnisse zwingen dazu, zurückzublicken, sich auf
die Tradition der Anthropotechniken zu besinnen, die
Rückwärtsorientierung einzuschalten. Die Verhältnisse
sind doch die, dass die Grenzen zwischen Humanmedizin,
Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften fliessend sind. Die
drei ,Künste' greifen immer mehr ineinander. Die ärztliche
Kunst, die nicht nur gesund ,macht', sondern den Krankheitsverlauf
auch als "sozialen Tatbestand" kennt und steuert, die
objektivierende, methodengestützte Herstellungskunst
des Biologen, "die mehr und mehr die panikhafte Form einer
Flucht vor der Freiheit annimmt"5,
die ingeniöse und kalkulatorische Kunst des Ingenieurs, die die
Automatisierung und Verdinglichung der Lebensvollzüge
vorantreibt. In eben dem Masse, wie dieses Können wächst,
schwindet die dem Können zugeordnete Urteilskraft. Wenn die
Vernunft einmal dem Absolutismus ihrer Ansprüche erlegen
sein wird, kann der konjekturale Vernunftgebrauch, die rhetorische
Technik, weiterhelfen.
Die
drei genannten Techniken mit ihren legitimen Geltungsansprüchen
angemessen ins Spiel zu bringen, zu verhindern suchen, dass eine
dieser drei Instanzen sich autonom gebärdet, ist meines
Erachtens Aufgabe einer mit anthropologischem Wissen und historischer
Erfahrung gesättigten Ethik. Ihr entspricht eine Moral der
Diskontinuität und der Brüche: ein Durchstehen, das
zugleich die Möglichkeit des Nachgebens voraussieht (Epideixis:
Aristoteles, thomistische Moralisten), ein Verhalten, das sich vor
jeder neu entstehenden Situation zurücknimmt. Verhalten
(habitus) ist Ethos und meint die inständige Wachsamkeit
für unverhoffte Chancen, gefährliche Situationen.
Wachsamkeit also für den Moment, wo die Beglückung,
etwas gefunden zu haben, in Enttäuschung über den
gleichzeitig drohenden Verlust umschlagen kann; für jenen
Augenblick auch, wo Genuss im Gebrauch der Technik (z.B. des
Verbrennungsmotors) sich in Ratlosigkeit des Subjekts eben diesem
Produkt und dessen Schadensfolgen gegenüber kehrt.
Nachhaltig gelebtes Leben lebt stets im Abstand zu den Erwartungen,
die wir in unsere Vorkehrungen setzen, um Glück herzustellen,
Zerfall zu verzögern, Mangel, Beraubung und Verluste zu
kompensieren. Das Leben, die Grundschule der Verluste.
Der Bereich, woraus eine anthropologie-
und erfahrungsgesättigte Ethik Konturen und Inhalte schöpfen
kann, ist die Sprache: Der Gebrauch von Begriffen, deren Umsetzung in
Anschauung und die Vergegenwärtigung des flüchtig
Gesprochenen in der Textur der Schrift - Präsenz immer ,nur' im
Zeichen. Die Sprache bringt es nicht fertig, die spezifisch
symbolisch-zeichenhafte Darstellung von Welt mit unserer
Weltwahrnehmung und Selbsterfahrung voll zur Deckung zu bringen.
So macht sie denn auch den Bruch zwischen Ethik und Technik offenbar.
Meine Vermutung geht dahin, dass es wenig begründbare
Hoffnung gibt, dass sich Ethik und Technik je finden werden.
Gleichwohl ist daran zu arbeiten, dass der Graben nicht ständig
wächst.
Das
Wort Technik verweist auf das griechische téchnê,
definiert als "Form des Werdenden in einem anderen"6.
Das Technische an einem Gerät ist die in ihm und mit ihm
verträglich gemachte Form eines anderen. Diese Fremdbestimmung
erfordert hohes theoretisches Können samt Applikation auf den
Fall: Entwerfen, Probieren, Vermuten - konjekturaler
Vernunftgebrauch eben. Er gehört zur schwachen Rationalität
(pensiero debole, Gianni Vattimo), die sich an trial and
error hält. Aber nicht im Sinne blinden Herumstocherns,
sondern des theoretisch und erfahrungsmässig abgestützten
Sich-Verstehens auf einen Sachverhalt, der immer auch anders sein
kann.
In
dieser formalen Beschreibung von Techne kann sich - so meine Annahme
- sowohl der Humanmediziner als auch der Biologe und nicht minder der
Ingenieurwissenschaftler wiedererkennen. Zugegeben: Den drei
Instanzen sind auch die gegenteiligen epistemischen Merkmale
eigen, nämlich methodisch erzeugte Objektivität und
unbestreitbare Gewissheitsmomente, methodisch erzwungene und im
Experiment verifizierbare Gesetzmässigkeiten. Aber Technik
bleibt unverstanden, solange nicht die Lektüre der
Techne-Tradition hinzukommt. Diese ist ein Archiv an reichem
interdiskursivem Material, so etwas wie ein riesiges Lagerhaus
(warehouse) mit vorkonstruierten und querlaufenden
Eintragungen. Sie verweisen unmissverständlich auf die
anthropologische Seite der Technikwissenschaften,
mithin auf den homo industrialis in seinem rationalen wie
affektiven Selbstverhalten. Jedes her-ge-stellte (Heideggers Gestell)
Gerät wird durch die ihm eingebaute Bestimmung - eîdos
wird télos - ein Teil des Menschen, sein Objekt.
Michel Serres unterscheidet schön zwischen objet-monde
und objet-société: ein und dieselbe ,tragische'
Trägerrakete Challenger, am 28.1.1986 explodiert,
ist Teil des technischen Arsenals, zugleich Trägerin
menschlichen Verhaltens zu eben diesem Megagerät, dann zur
Stratosphäre und zur Militärmacht USA. Die Verbrannten
,machen' die Rakete tragisch.7
Damit wird überzeugend deutlich,
dass zu jedem Begriff die projektiven Vorstellungen
gehören. Durch sie fungiert dann Technik als Medium von Welt-
und Selbstverständnis, als Trägerin von elementaren
Affekten wie Schreck oder Begehren. Projektionen als
wissenschaftsfremd abtun heisst, Technik missverstehen, die Welt als
Aufenthalt verkennen. Just die exakten Wissenschaften sind
"legendenschwanger", wie die Wissenschaftsgeschichte
immer von neuem aufdeckt.
Von
Belang ist folgende Beobachtung. Menschliche Rationalität ist im
Widerstreit von Gewissheit und Ungewissheit konstituiert.
Reflektierte Vernunft ist Bewusstsein davon, dass
entscheidungsabhängig Seiendes immer auch anders sein kann. Das
Möglichsein durchsetzt die menschliche Existenz von
innen her. Metaphysisch gesagt, das Gesetz der Diskontinuität
und Brüchigkeit bestimmt von Grund auf unsere Lebensvollzüge.
Wir erfahren Diskontinuität als Beraubung (stérêsis,
privatio) - ein durch und durch unangenehmes, ja kränkendes
Gefühl: Es fehlt mir etwas, was mir ,eigentlich' zukommt. Die
kompensatorische Reaktion bleibt nicht aus: Es ist der
menschheitsgeschichtliche Versuch, in immer neuen Ansätzen diese
Beraubung argumentativ möglichst klein zu halten, sie
tendenziell bis zu dem Punkt herabzustimmen, wo sie schliesslich
ausgeschaltet wird. Mangelbeseitigung ist das Programm aller
Anthropotechnik. Die Existenzerfahrung sagt fortwährend,
der Mensch sei seiner Vollkommenheit zu Unrecht beraubt, also
könne er sie entweder bei einer ,höheren' Instanz
einklagen oder aber die Beseitigung der Beraubung in eigener
Regie herbeiführen. Das ist das Apriori der Anthropotechniken.
Wird nach ,oben' geklagt, etwa ein Schöpfergott dafür
verantwortlich gemacht, dass er den Menschen falsch
programmiert hat, obschon er es anders hätte können, dann
tritt die Theodizee als Rechtfertigung Gottes auf den Plan. Kehrt
sich die Anklage gegen den Menschen, dann sind wir bei der
,Erbsünde', beim Mythos vom Apfel und der Schlange. Die
Rechtfertigung des Menschen wird dann fällig (Anthropodizee).
Jüngstes
Beispiel für effiziente Beraubungsbeseitigung ist die für
die Stimmbürgerinnen und -bürger abstimmungsreif gemachte
und entweder als nichtakzeptabel oder akzeptabel vorgestellte
In-Vitro-Fertilisation (IVF) und die heterologe Insemination.8
Unfruchtbarkeit nennt die biologisch-physiologische
Beraubung dessen, was einem Menschenpaar ,gehört', nämlich
Fruchtbarkeit als Akt der Kontinuitätssicherung, sprich
erfolgreiche Nachkommenszeugung. Die Beraubung dieses Gutes
zieht manifest Diskontinuität der Generation und des
Familiennamens nach sich. Sie wird nun aber durch einen noch
diskontinuierlicheren Akt, nämlich durch Fremdherstellung
von Kontinuität ausgeschaltet. Zur Volksabstimmung
gelangte die Frage: Soll eben diese Technik verboten werden oder
erlaubt sein. Die Argumentation etwa von Klaus-Peter Rippe9,
Ethik-Zentrum Zürich, stützt sich nicht etwa auf die
Gentechnologie als solche, um ein Verbot der IVF als
zivilisationsunverträglich, dem heutigen moralischen Gefühl
unzumutbar und dem politischen Konsens entgegengesetzt zu bestimmen.
Wie einst Platon die Musiktechnik, so unterstellt jetzt Rippe die
Biotechnik der Politik. Der Mittelbegriff seiner Argumentation ist
nämlich die menschliche Entscheidungsfreiheit, die sich nicht
verträgt mit staatlichem Verbot. Ein Recht auf Nachwuchs könne
zwar nicht geltend gemacht (warum nicht?), die Erfüllung
des elterlichen Kinderwunsches wiederum staatlich nicht
verhindert werden. Ob IVF mit dem Wert ,Mensch', der doch noch etwas
mehr ist als ein liberaler, kapitalistisch programmierter Bürger,
kompatibel sei oder nicht, wird gar nicht gefragt. Ist aber Rippes
Argumentation nicht eine wiederum höchst diskontinuierliche
Argumentationsart? Die Freiheit des Einzelnen wird gegen die
staatliche Instanz ins Feld geführt - sei's drum. Aber es
muss gesagt sein, was das bedeutet, nämlich dies: IVF löst
die Liebeskunst (ars amandi) fallweise vom Zeugungsakt
ab. Der Zeugungsakt wird ingeniös ausgelagert, das
Zeugungsdefizit behoben. Das besagte Verfahren garantiert die
Kontinuität der Generation per artifizielle
Kinderherstellung. Genau dies darf der Staat nicht verbieten, weil
Kinderwunscherfüllung nicht verboten werden darf.
Angenommen, die Menschheit im Ganzen würde unfruchtbar,
gälte dann nicht, der Staat müsse den Wunsch zur
Kontinuität der Gattung und ihres Überlebens technisch
sichern? Vermutlich wird sich diese Schicksalsfrage anders als
rhetorisch nie stellen... Vielleicht aber gibt sie zu denken. Was
machen, wenn ein Blindgeborener seine Blindheit als Lebensvorzug
einschätzt und wünscht, durch Eingriff in das Erbgut
soll ihm der Gentechniker ein blindes Kind herstellen? (Diese
spekulative These wird von Juristen in den USA ernsthaft debattiert.)
Gibt es hierfür, braucht es hierfür überhaupt noch
eine Ethik, wenn Ethik gleich Wunscherfüllungstechnik?10
In die gleiche ethische ,Logik' gehört auch der Satz, die Ethik
habe der Wissenschaft keine Empfehlungen mitzugeben. Ethik wird so
ihrer ureigenen Funktion beraubt, nämlich ratend oder
abratend den Menschen, und wären es Wissenschaftler,
dienlich zu sein.
Auch aus der heterologen Insemination
ergeben sich bedenkenswerte Folgen. Der argumentative Mittelbegriff
der Entscheidungsfreiheit besagt nämlich, dass der unfruchtbare,
zu dieser Technik entschlossene Mann entscheiden muss, sich von
seinem biologischen Vatersein zu trennen und es an einen fremden Mann
zu delegieren. Im Ergebnis versetzt der Argumentationsmittelbegriff
das zu erwartende und technisch hergestellte Produkt, Mädchen
oder Bub, in die Zwangslage, nicht etwa nur zu akzeptieren,
dass es in die Welt gesetzt wurde - woran wir alle kranken -,
sondern darüberhinaus eine fremdinstanzliche Zumutung als
unausweichliche, persönlich-biologische Tatsache zu
akzeptieren. Will es seine Herkunftsidentität
erkunden, muss es diese bei zwei Vätern abrufen. Die für
die Lebenszeit eines so hergestellten IVF-Menschenkindes
voraussehbaren, einst metaphysisch gegebenen Diskontinuitäten
kann es dereinst dem biologischen Vater als Fehl anlasten oder dem
sozialen Vater als Verdienst zurechnen. Hilft ihm die Moral?
Kehren
wir zur Gesprächsanordnung zurück. Es geht um die
Entgrenzung des Humanen, um die Austreibung aus der ,Natur'
durch Techniken. Es geht immer auch um die spezifischen, mit
Vorstellungen verbundenen Besonderheiten der je verschiedenen
Techniken. Am Beispiel.
In
der Redetechnik geht es um Sätze, deren pragmatische
Wirkung das an ihnen technisch Hergestellte ist. Mit rhetorischen, in
der Sprache selbst liegenden Mitteln (Friedrich Nietzsche) wird
Wirkung auf die theoretischen Einsichten des Angesprochenen
erzielt und zugleich auf die Affektlage des Wissenden Einfluss
genommen. So erlangen Werturteile Geltung. Rhetorische Techne macht
die Einflussnahme auf das Wählen und Entscheiden, Handeln oder
Unterlassen des Gesprächspartners möglich. Sie bestimmt
mithin Stil und Inhalt zwischenmenschlicher Beziehungen. Dem Redestil
entspricht, im Erfolgsfall, der Lebensstil als sein Inhalt. Formal
ausgedrückt: Theorien, die gefallen, werden sich eher
durchsetzen als abschreckende Konstrukte.
In
der Biotechnik und der Genomik11
geht es um die experimentgestützte, dank
Ingenieurkönnen vorteilserzeugende Einflussnahme auf die
Erbanlage12.
Ähnlich nimmt die Rhetorik optimierenden Einfluss auf
Stil und Inhalt der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie beruhen
anerkanntermassen auch auf körperlichen (Schönheits-
oder Potenz)Merkmalen, die designfreundlich sind.
Vorteile kommen auch dank technologisch ausgemerzter Defizite
zustande: Fitness, Gesundheit, körperliche Integrität.
Sie bieten beste Chancen zum Erfolg.13
Ausgedeutscht heisst das, die Technik ist die Vollstreckerin eines
metaphysischen Gesetzes, das zwingt, vom Weniger auf ein immer Mehr
und schliesslich auf ein Meist zu argumentieren. Darauf beruht
aller technischer Fortschritt. Schottelius entlarvt dieses
metaphysisch fundierte Aufstiegsbegehren als Illusion und klärt
es auf mit Bezug auf Bescheidenheit. Sie ist Garantin für den
Fortschritt in der Lebenskunst. Wäre Tugendmoral doch
schliesslich die wirksamere Therapie, um Kränkungen
beizukommen? Das allerdings war schon immer der tiefste Impuls der
Tugendlehre. Sie ist Lifestyle avant la lettre. Hat sie unter
den Bedingungen technischer Mangelbeseitigung etwa ausgedient? Hat
man im erwähnten Abstimmungskampf je etwas von der Tugend der
Selbstbeschränkung gehört? Geht unter Ethikern die Furcht
um, sie könnten sich mit Tugendmoral lächerlich machen?
Rhetorik
gehört noch immer zum Tresor des Grundlagenwissens bei
personalen und intersubjektiven Lebensvorgängen, deren Vorzügen
und Brüchen. Es geht beim Reden um die Beeinflussung der Seele,
wie man früher, als man es halt noch nicht besser wusste, zu
sagen pflegte. In der Regula pastoralis hat Gregor der Grosse
(gest. 604) die Formel geprägt: Ars artium regimen animarum,
Kunst aller Künste ist die Herrschaft über die Seelen.
Rhetorik ist Techne/Ars, ist Macht und Herrschaft als Formgebung im
anderen. Gregors hochdifferenzierter Traktat ist eine Untersuchung
über vernunftgestützten, moderaten Umgang mit der Technik
der (,geistlichen') Herrschaftsausübung. Das über
Jahrhunderte hinweg geschichtswirksame Werk ist eine Ethik der
Diskontinuitäten, sofern Macht über Menschen wie nichts
sonst, was die Freiheit des Menschen auch noch betreffen mag,
der Kontinuität entbehrt, aber wenigstens über
Lebenskunst wiederhergestellt werden soll. Jeder freie
Willensentscheid bricht mit der Kontinuität, entwindet
er sich doch den Nötigungen rational-logischer Nezessität.
Die ,Seelenführung' hatte nichts anderes im Sinn, als
rhetorisch-argumentativ die Kontinuität mit dem Guten
herzustellen, den Menschen so herzurichten, dass er in den
Genuss des zu erwartenden Glücks käme, vorausgesetzt,
seine Lebensführung stimme mit der einen Wahrheit
harmonisch überein. Das gelingt -wenn überhaupt-
nicht mit deduktiver Rationalität, sondern mit der Kunst des
konjekturalen Vernunftgebrauchs.
Auch
in der Biotechnik geht es um die entdeckungs- und erfindungsreiche
Formgebung im anderen. Beabsichtigt sind-nebst
finanziellem Gewinn aus der Anthropoindustrie-positive
Folgewirkungen etwa auf das künftige Lebensprogramm des
technisch hergestellten Produkts, des Kindes - eine Vorwegnahme
also seiner Lebenszeit. Dieses Präjudiz erfolgt
freilich unter Umgehung, Korrektur oder gar Ausschaltung der
naturbedingten Weltzeit, der kosmisch geregelten Kontinuität.
Die Macht der Technik über den Bios besteht darin, den Menschen
aus der kosmischen Kontinuität herauszulösen und ihn
der technisch garantierten Kontinuität zu überantworten.
Vertreibt Technik den Menschen aus der Natur, von dort also, "wo
wir zu Hause sind"?14
Ganz und gar nicht wohlfeil sagen wir noch immer: Ein Mensch ,kommt
zur Welt', platonisch richtiger: ,Er erblickt das Licht der Welt.'
Hat man die Wahrheit dieser urkundlichen Feststellung, dieses
Intertextes, je gründlich bedacht? Ihn nicht zu lesen oder
ihn, krass szientistisch, auf die Einbahn einer
definitorisch festgelegten Philosophie zu zwängen, wie das
Gereon Wolters in diesem Heft exemplarisch vorführt, ist auch
eine Art des Philosophierens. Ob sie zur adäquaten
Erörterung der anthropologischen Dimension von Technik
taugt?
Die Geburtsanzeige nennt eine
Welt-Zeit-Konstellation. Sie könnte ihre Herkunft in der
Tradition haben, macht damit einen Rückblick auf die Spätantike
wünschenswert. Sie erweist sich als verbindlicher Intertext.
Vorerst aber eine Klärung geläufiger Grundbegriffe und des
in ihnen Mitgedachten.
Bíos,
Leben, bedeutete in der klassischen Antike die Ausstattung der
stofflichen Grundlage (hýlê, materia) mit einer
Seele (psychê) als dem Lebensprinzip; to zên,
das Lebendige, ein Neutrum (ein ,Es'), nennt nicht lokalisierbares
Seiendes, das aber dennoch überall präsent sein kann. Vita,
Leben, ist im christlichen Umfeld definitiv mit dem Zeitfaktor
verknüpft: Die vita brevis, das kurze Leben, die Frist,
die Weile, galt (und gilt) unwiderruflich als kurz vor allem deshalb,
weil die Relation zur vita aeterna, zum ewigen Leben, zwingend
mitgedacht werden muss. Wer diese Projektionen vernachlässigt
oder abtut, verpasst das Verstehen dieser Lebensform, kann weder an
die Tradition anknüpfen noch das heutige Lebensverständnis
richtig abschätzen. Denn Lebenskunst geht zeitgleich mit
Todesverständnis einher, wie hinlänglich bekannt sein
dürfte. Im Tode geht, so die Lehre, die radikal
diskontinuierliche Endlichkeit in die Kontinuität Gottes und in
den "vollständigen und vollendeten Besitz endlosen Lebens"15
ein. Oder aber, so die andere Lehre, es ist mit allem Nichts. Dann
ist Kontinuität auch total, aber leer.
Frage:
Was hat das heutige naturwissenschaftliche Verständnis von Bios
noch zu tun mit dem traditionellen Verständnis von Leben und
Tod? Überraschend viel, denn die Diskontinuitäten Leben und
Tod - "alte Gegenstände philosophischen
Nachdenkens"-erhalten "in biologischer,
speziell evolutionstheoretischer Sicht eine eigentümliche
Beleuchtung ... Ohne Tod hätte es eine Evolution bis hin zum
Menschen nicht gegeben."16
Erst der Tod als endgültiger Kontinuitätsbruch hat
das Kontinuitätsherstellungsprinzip Sexualität
hervorgebracht, wie der französische Biologe François
Jacob als einer der ersten nachgewiesen hat.17
Anschlussfrage 1:
Wieviel von der begrifflich-konnotativen Charge geht vom
Wortgebrauch von damals in den Wortgebrauch von heute über?
Oder: Kann vom Bios heute gesprochen werden, als ob es den bíos
und die vita nie gegeben hätte? Ist die alte Lebenskunst
dank Biotechnik obsolet geworden? Was wäre, wenn Klaus-Peter
Rippe in Sachen IVF und heterologer Fertilisation statt den
moralischen Mittelbegriff ,Entscheidungs- und Wahlfreiheit der
Bürger' einzusetzen, auf Schottelius' Lebenstechnik
Bescheidenheit gesetzt hätte? Weshalb überhaupt diese
Abdankung der Moral vor dem Nutzeffekt der Technik? Ist ethisch
dosierte Machtausübung etwa menschenunverträglicher
als die (fast) allen Nicht-Forschern undurchschaubare Machtfülle
der Genomik?
Anschlussfrage
2: De posse ad esse non valet argumentum, vom Können
zum Sein zu schliessen gilt nicht. So sagten die Scholastiker. Heute
sagt man anders: Was machbar ist, wird auch gemacht. Wenn das nicht
sein darf, welches sind die Gründe, die den Weg vom Machenkönnen
zum Machen versperren?
In
der Lyrik des Weihnachtshymnus heisst der Schöpfergott conditor
alme siderum, liebreicher Gründer der Gestirne. Das ist
unüberbietbar schön und sprachtechnisch gekonnt. Die
Annahme, am Ursprung des (menschlichen) Lebens sei ein
Artifex herstellend beteiligt gewesen, ist ihrerseits ein Produkt
menschlichen Könnens. Es widersteht dem ,Zwang', die Vernunft
müsse vor der Faktizität und Zufälligkeit des Da
unseres Daseins kapitulieren. Also muss eine Erklärung her. Das
Faktum, dass es etwas (mich und dich z.B.)
gibt - obendrein mit dem Prinzip des Werdens, Bewegens,
Mehrens, Wachsens, Abnehmens und Vergehens ausgestattet -, wird mit
der rein spekulativen Entlastungsformel vom Schöpfer
geradewegs wegerklärt und in die Ästhetik ausgelagert.
Ein Rätsel weniger, erst noch hymnisch akzeptabel gemacht; ein
dem Willen zum Wissen trotzendes Faktum weniger, hochgemut
dem Herstellungsgott zur gefälligen Lösung überantwortet.
Worin genau liegt der Unterschied zwischen dem Menschen, der sich
kreatürlich, als Produkt und letztlich als Eigentum des
liebreichen Schöpfers, also als ,fremdproduziert' versteht, und
dem Menschen, der von sich behauptet, er gehöre
ungeschmälert sich selbst und könne als Individuum das
Recht an sich selbst auch dann einfordern, wenn er von einem
Genomingenieur produziert worden sei? Ich empfinde bei dieser Frage
nur geringe Spuren an ästhetischer Entlastung. Aber vielleicht
ist mir der liebreiche Glanz der Technik noch fremd.
Alles
Herstellen geht einher mit dem Gefahrenmoment und dem
Erfolgsfaktor. Wenn das für Theorien gilt, um wievielmehr
dann für die unendliche und methodisch gesicherte
Wiederholbarkeit wissenschaftlicher Experimente. Sie
entlasten (verlässlicher [?] als das Schöpfungskonstrukt),
verbessern Fehler, verschönern Hässlichkeiten, befreien von
Krankheit, wehren verzögernd dem finalen Zerfall. Idealiter
wird Vergänglichkeit nicht nur aufgehalten, sondern
aufgehoben. Der Traum vom ,ewigen Leben', schon immer das
antinomische Pendant zur Angst vor dem Tode, ist eine
anthropologische Konstante par excellence. Die Widersprüchlichkeit
dieser Wesenskonstellation des Menschen fand in der Geschichte einmal
Lösungen in Richtung Unsterblichkeit, dann wieder
Lösungsangebote in Richtung gelingender Sterbekunst, heute in
der Intensivstation und in der Sterbehilfe. Immer wieder gewannen und
verloren diese Angebote an überzeugungswirksamer
Plausibilität, immer wieder tritt das eine Angebot in die
Lücke des anderen. Die untilgbare Ahnung einer den Menschen
übersteigenden ,Lösung' ist es, die im Menschen die
Bereitschaft gründet, auf ein ,Mehr' gefasst zu sein, auf ein
Dauer-Jetzt zu zählen und sich eben auf eine Ewigkeit (sei es im
Tode, sei es im Ewigen Leben, sei es im Nirgendwo) hin einzurichten
(Hans Blumenberg).
Folgerungen.
Die Anthropotechniken (Claude Lévi-Strauss hält dagegen:
die Entropotechniken!) gehören ihrer Anlage nach zu den
suggestiven Erfolgsfaktoren. Einen Anfang machte die Rhetorik
- das (vor)letzte Glied dieser Emendations-, Fortschritts- und
Reproduktionsstrategien ist die Gen- und Biotechnologie. Die
gegenwärtigen Debatten in der Öffentlichkeit setzen
Widersprüche frei, die der Anthropotechnik inhärent sind.
Die bisherigen Ausführungen sollten gezeigt haben, dass es
ausserhalb der menschheitsgeschichtlichen Dimensionen der Technik
kein angemessenes Verständnis von Anthropotechniken gibt und
geben kann. Ich schlage vor, dass wir uns nun der Anthropotechnik
über die Spitze der praktischen Vernunft, die Überlebenskunst,
nähern.
Wozu
all diese téchnai, wozu die imposanten, nicht selten
furchterregenden Vorkehrungen - angefangen bei der
einschmeichelnden Überredung, bei der wirkungsorientierten,
affektorientierten Argumentation über den moralischen Druck,
über das Klonen bis zu den Foltertechniken (die das Überleben
der ,Wahrheit' mit der Qual des Gefolterten erkaufen) - wozu das
alles? Als Antwort darauf gibt es eine konstante, von jedem System
neu zu prüfende Formel. Sie lautet: Die Anthropotechniken
dienten durchweg dem Überleben. Aber überleben kann nur der
jeweils hergestellte Neue Mensch (homo novus), der den
Alten Menschen (homo vetus) abzulösen hat. Der
antiquierte Mensch ist nicht in der Lage, unter neuen
Lebensbedingungen zu bestehen. Auch die anthropologische
Halbwertzeit des Menschen schmilzt. Also muss der Neue
Mensch den Alten Menschen ablösen.
Es
ist plausibel, dass es sich hier um die Grundformel der sich von
Epoche zu Epoche ablösenden, rasant erneuernden
Überlebensprogramme handelt. Die Formel ist seit
je pragmatisch gemeint und wird entsprechend appliziert: Den
alten Menschen ausmerzen, damit der neue Mensch entstehe und weiter
komme, das ist Anthropotechnik. Das war auch schon der ganze Inhalt
des Humanismus. Martin Heidegger hat sich diesen Humanismus
in seinem Brief an Jean Beaufret im Jahre 1946 vorgenommen.18
Er stand unter dem Eindruck der von Menschen geplanten und an
Menschen industriell exekutierten Massenvernichtung. Er verschwieg
feige sein Wissen, attackierte aber den Humanismus als den
rechtmässigen Anteilhaber an dieser millionenfachen Ermordung.
Diese Interpretation des "Humanismusbriefes" als
Humanismusattacke wurde jüngst von Peter Sloterdijk
vorgeschlagen. Der Humanismus zielte tatsächlich auf die
Herstellung des immer vollkommeneren Menschen. Sollte diese Technik
schliesslich in der industriell selektionierenden und vergasenden
Technik geendet haben, ist Humanismus Verrat am Menschen, den
wiederum der Humanimus selbst herangezüchtet hat. Für die
Plausibilität dieser Auffassung sprechen unter anderem
historische Konstellationen. Einige davon seien hier vorgestellt.
Sobald
nämlich der homo vetus nicht bereit war, sich dem
Humanismusprogramm des Neuen Menschen zu fügen, und
sich widerspenstig zeigte, blieb ihm entweder die Selbsttechnik
als Mittel zur Erneuerung, oder aber es sorgte eine Fremdinstanz mit
ihrer Herstellungskompetenz dafür, dass der Wandel kam.
Staatlich verordnete Zucht (paideía) bei Platon;
Zwangsregime der Wahrhaftigkeit (veracitas) bei den
Kirchenvätern; Extremverausgabung zwecks Ichfindung
im Akt des Hungerns bei den Wüstenvätern19;
Ausbildung von Personen, die fähig waren, die Kunst aller
Künste, die Herrschaft über die Seelen, auszuüben, und
"die wir heute ,Professionelle' oder gar ,Technokraten' nennen
würden"20;
,brüderliche Hilfe' aus den Reihen des römischen Militärs,
angefragt von Augustinus zwecks Ausrottung der Donatisten21;
geregelter Tages- und Nachtablauf mit Sonnenuhr und hydrokleptischer
Nachtuhr in den Klöstern; pietistische Endzeitdrohungen
über die gesamte menschliche Existenz hinweg; schliesslich
die Lebensmaxime der rechtmässigen, kapitalistischen
Erben dieses Humanismus: ,Freie Bahn dem Tüchtigen'. Auch der
Tüchtige wird hergestellt, der Lebensuntüchtige unter der
Rubrik ,selbstverschuldete Armut' abgebucht.
Es
kann ruhig gefolgert werden, dass die Anthropotechniken schon
immer zu den Lieblingsbeschäftigungen der westlichen
definitionsmächtigen Kulturträger gehörten. Ich lese
die Tüchtigkeits-, die Kultur- Sozialgeschichte des
Abendlandes als anthropologisch-biotechnischen Herstellungsprozess
des westeuropäischen Menschenschlags. Im Verlauf dieses
Prozesses muss es eine Art Initialzündung samt einer
überwältigenden Wirkungsgeschichte gegeben haben. Meines
Erachtens ist die Kontroverse zwischen Pelagius (als
Häretiker verurteilt) und Augustinus (als Kirchenvater
installiert) die dafür hochplausible Erklärungskonstellation.
Auf der einen Seite der assyrische Theologe Pelagius (um 360-429),
Verkünder einer Anthropologie der Willensfreiheit, der
moralischen Integrität, der Disziplin und selbsttätigen
Anstrengung, durch welche die Gottwohlgefälligkeit hergestellt
wird - auf der anderen Seite der afrikanische Redner,
Bischof und antisexuelle Scharfmacher Augustinus (354-430),
Konstrukteur der Anthropologie der naturhaften Korruptheit, Erfinder
des gattungsbezogenen, dem Zeugungsakt eingeschriebenen adamitischen
Verschuldens, genannt Erbsünde (peccatum originale). Die
Erbsünde, ein zum Menschenverständnis und zur
Rekonstruktion von Gottes Heilsökonomie erfundenes
Argumentationsmittel, ein der Natur des Menschen inhärenter, im
Geschlechtsakt von Generation zu Generation tradierter, die Menschen
an der Wurzel schwächender Makel-eine Beraubung in
Potenz, nämlich der Verlust der Ewigkeitsbestimmung
(Unsterblichkeit); entsprechend hat die Sterblichkeit die Bestrafung
mit Arbeit und Krankheit, Sexualität und Gottverlassenheit zur
Folge.
Die
Erbsündenlehre ist, sieht man einmal von theologischen
Spekulationen ab, keineswegs ein wissenshistorisches Monstrum.
Sie ist vielmehr eine bis heute massgebliche anthropologische
Erklärungskonstante, selbstverständlich im Laufe der
Geschichte semantisch ständig umbesetzt. Heutige Geltung
kann sie beanspruchen, sofern sie jeder konservativen
Anthropologie auf den Leib zugeschnitten ist. Diese
einzig wirklich erfolgreiche Menschenbildpraxis gibt sich
freilich aufgeklärt, blendet die "Logik des Schreckens"
- Erwählung und Verdammung - gelassen aus. Sie schwenkt auch
nicht in die Gottes Endgericht blutig vorwegnehmende
Vernichtungskampagne von Gegnern ein. These: Der Mensch ist nicht
gut, er ist zwar für das Glück geschaffen, verdirbt es sich
aber laufend selbst. Wo immer dieser seinsmässige Vorbehalt
gelöscht wird und an seine Stelle der Versuch tritt, das
Paradies wiederherzustellen, tut sich die vom Menschen dem Menschen
zubereitete Hölle auf. Es ist manifest auch nichts mit der
Happiness-Moderne, versprochen von der Wirtschaftsglobalisierung
plus Kosmopolitismus, vom Freihandel und dem Universalhumanismus.
Gerade die unerbittliche Disziplinierung vor allem der Heere aller
Armen durch den Markt, der eben ,Opfer verlangt', endet im
schlechten Gewissen der Reichen und in der Revolte der
Benachteiligten. Revolutionäre oder fortschrittstrunkene
Anthropologien zerschellen am Menschen selbst. Dennoch ist es just
die konservative Anthropologie, die vom Herstellen des homo novus
nicht ablässt. Sie ist ein von theologischen
Konsequenzen gereinigter Pelagianismus.
Diese
Anthropopraxis der unablässigen Korrektur am Menschen hat eine
wirksame Selbstkorrektur eingebaut. Es ist die das Denken und Handeln
unterwandernde, den Aufschwung retardierende (weil im stillen
halbwegs erbsündegläubige) Skepsis. Ihr liegt ein
genuin biotheologisches Motiv zugrunde: Mit dem
Bios, dem sterblichen Gott, kommt der Mensch bekanntlich nicht auf
einen grünen Zweig. Denn bereits in der triebbedingten
Generierung und Tradierung von Leben ist der Fehler eingebaut,
der Knacks programmiert. Und weil der Bruch mit dem Zeugungsakt
selbst gegeben ist und das Produkt als vererbliches, (sündiges)
Potential, eben als natura lapsa, corrupta22,
sich selbst überlassen ist, lässt sich dieser Makel
ebensowenig tilgen wie das Leben selbst. Wo immer dieser seinsmässige
Vorbehalt gelöscht wird, droht dem Menschen Gefahr durch
seinesgleichen. Doch eines ist gewiss: Er lässt sich in
Rechnung stellen, und wo dies nicht der Fall ist, ist nichts
als Illusion, sind Selbsttäuschung und Hybris am Werk.
Wer diese Rechnung nicht auftut, dem wird sie unter Schmerzen, meist
erst nach dem selbstgemachten, tödlichen Desaster, aufgemacht.
Mit anderen Worten, im Gegensatz zur Bergpredigt (etwa ähnlich
radikal wie Augustinus, aber jenseits von dessen sexuellen
Phantasmen) muss man mit der vom pseudo-biologischen Zauber
gereinigten ,Erbsünde' rechnen, also muss man mit ihr auch
Politik machen, was mit der Bergpredigt und anderen Extremtechniken
manifest nie ging und nie gehen wird. Politik aber heisst, auf die
Frage zu antworten, wie es klug anzustellen sei, um zu
überleben. Wir überleben nicht, wenn wir am
Selbstverständnis des Alten Menschen kleben, und wir überleben
vermutlich nur, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass jeder Neue
Mensch das Erbe des Alten Menschen antritt. Der Neue ist zwar wie der
Alte, aber halt doch neu.
Historisch
gesehen, lässt sich die europäische Kultur auslegen als das
Resultat eines mehr oder weniger erfolgreichen Rezepts gegen die
Erbsünde und ihre Folgen und zugleich als die
enttheologisierte Umsetzung eines gemilderten Pelagianismus. Das hört
sich an als "Selbstverantwortung", "dem
Tüchtigen gehört die Welt", "Hilf dir selbst, so
hilft dir Gott!". Ohne dieses Doppelrezept ist europäisch
nichts gelaufen und läuft erst recht im globalisierten
Kapitalismus nichts. Das Rezept heisst paradoxerweise
Herstellung des Neuen Menschen. Doch der Widerspruch liegt offen
zutage: Der so seiner Integrität beraubte Mensch, statt dass er
endlich an sich hält, wird selbst zum Räuber, ja zum Mörder
am Vater und zum Gatten seiner Mutter. Zwischen dem Alten Menschen
und dem Neuen Menschen gibt es immer eine Art Freiraum, und genau
hier wütet der homo praedator. Raub und nochmals Raub,
das ist das Rezept. Europas Kultur und Staatlichkeit beruht eben
darauf als auf dem Gewaltprinzip.23
Die Raubkunst wird raffiniert und verfeinert. Den
Entstehungsbedingungen der potentesten aller
Herstellungsmaschinerien, des Kapitalismus - von Gilles
Deleuze und Félix Guattari als machine de guerre
identifiziert -, entgehen wir nicht, sind wir doch ein Teil davon und
gehört er doch zu unserem bio-theologischen Erbe. Dieses Erbe
ist gekennzeichnet vom Gefahrenmoment und vom
Erfolgsfaktor aller Herstellung und heisst
Ressourcenschöpfung unter erschwerten Umständen. Die
"Schöpfung seufzt", und Gott hat nun einmal die
Steinkohlevorkommnisse nicht wie einen Wald
eingerichtet, also nicht "mit ihrem besonderen Saamen begabet,
dass sie sich biss an das Ende der Welt ... vermehren ... sollten",
wie J.Ph. Büntig 1693 sich das noch vorstellte.24
Mithin heisst die Parole: Überleben, entweder um jeden Preis
oder nicht um jeden Preis, also entweder sich in der Welt nach dem
Gesetz des Räubers einrichten oder dann, nach Art des
klugen Sachwalters, sich selbst, den Nachbarn und der Nachwelt die
gebührende Sorge angedeihen lassen.
Wir
haben es schwer, aber es bleibt dabei: Der Mensch steht unter dem
anthropologischen Diktat des belasteten, biologisch halb zerrütteten,
aber technisch wiederherstellbaren Lebens. Er ist frei, selbsttätig
und zugleich taumelt er von Fiasko zu Fiasko. Die Wiederherstellung
läuft noch immer strikt nach den Regeln der Disziplinierung, der
Lustentsagung, des Aufschubs der Befriedigung, der Arbeit und
der Verdinglichung ab. Die Tragik dieses Programms hat Georg
Simmel überzeugend nachgewiesen. Bis wohin soll die Zumutung der
Verdinglichung gesteigert werden? Ab wann muss sie zurückgewiesen
werden? Wo hat die Wunscherfüllungstechnik ihre
Grenzen? DetlefB. Linke, Neurophysiologe, meint, es sei längst
zu spät, um die ganze Dynamik wirksam zu bremsen: "Die
Frage, warum die Technologie über den Menschen kommt, weshalb
sich der Mensch durch die Technologie verführen lässt,
wurde bis heute nicht befriedigend beantwortet. Heute gehe ich davon
aus, dass der Drang zum Neuen hin, der Wunsch, stets etwas anderes zu
erfinden, eine biologische Konstante des Menschen ist ... Ich halte
die Überwindung biologischer Grenzen nicht für
rechtfertigbar, aber auch nicht für aufhaltbar."25
Zum
Schluss eine nicht sonderlich verbindliche, aber noch nachwirkende
Erinnerung an die einst grandios inszenierten und an Menschen
erbarmungslos exekutierten Erzählungen von den
Höllenqualen, von der entlastenden Zwischenstation
Fegefeuer und von den himmlischen Freuden. Sie wurden als
Theo-techniken26
dem Menschen an Leib und Seele appliziert. Wie war das nur möglich?
Vergegenwärtigen wir uns: Die Frist des Überlebens war noch
im 18. Jahrhundert statistisch gesehen kurz, weshalb sie
kompensierend auf die überirdische ,Zeit' hin kalkuliert werden
musste. Zudem spielte sich das kurze Leben für Christenmenschen
extrem gefährdet zwischen Himmel und Hölle ab. Der so
erlebten Lebensfrist entsprach dann freilich, als dessen
wundersame Erfüllung, die unendliche Erstreckung der erhabenen
Gefilde des seligen Lebens. Man muss sich vergegenwärtigen, dass
um eben dieses Lebens willen die Überlebenstechniken
erfunden, angewandt und bis zum Exzess wirksam gemacht wurden. Wie
weit Theotechnik als religiös aufgeladene Psycho- und
Anthropotechnik reichte, zeigt der folgende Bericht über die zum
Tode verurteilte und um 1750 hingerichtete Brandstifterin Anna
Regina Töplerin.
Dreiviertel
Jahre hat sie sich, im Gefängnis sitzend, völlig
widerspenstig gezeigt. Der Pfarrer sprach dann den Fluch über
sie aus, so solle sie zur Hölle fahren. Anderntags zeigte sie
sich ,bekehrt' und verlangt den Beichtvater. Sie erklärt
ihm, Jesus wolle nun Eingang in ihr Herz halten. Sie sah den Pfarrer
"steif an, und ihre Augen fiengen an, Thränen zu
vergiessen". Das war, nach pietistischer Auffassung, das
untrügliche Zeichen, dass der Sünder nun mürbe
geworden war. Person und Wesen der Töplerin hatten sich
gewandelt, der alte Mensch war ausgetrieben und der neue Mensch zur
Hinrichtung präpariert. "Von nun an war ihr der HErr JEsus
süsser, als Zucker und Honigseim." Sie sah dem Tod mit
Freude entgegen, hatte die Meinung angenommen, nicht in die Hölle
fahren zu müssen, sondern in den Himmel zu kommen und dort den
Herrn Jesus zu sehen.27
Inzwischen
haben die heute an Moribunden applizierten Technologien zur
medizingestützten Verzögerung des finalen Abgangs ins
Totenreich die einstigen Seelentechniken zur Herrichtung des Menschen
für das Reich der Seligen abgelöst. Der Zeitfaktor hat
radikal umgeschlagen: Die Frist des Überlebens wird immer
länger, und der hundertjährige Hans-Georg Gadamer hat, nach
dem unsäglichen Ernst J., einen Anfang gemacht. Doch die
einst affektiv dermassen wirksame Jenseitsvorstellung als das
Woraufhin des Überlebens hat einer vagen Ungewissheit Platz
gemacht. Das ewige Licht ist gelöscht. Die Menschen fahren
nicht mehr in den Himmel, sondern steigen ab in die von ihnen
technologisch ausstaffierte Höhle als in die ihnen
bekömmliche Welt. In welcher Welt erblikken sie zeitliches
Licht? Droht künftigen Generationen der kalte Fanatismus?
Leitet die anthropotechnisch hergestellte Generation eine Lebensart
ein, die sich nicht mehr von Erwartungen auf die Entzeitlichung im
Ewigen nährt, sondern davon lebt, dass es weder Hoffnung
noch Illusionen, noch Sinn des Sinnlosen gibt oder geben kann?
Kaum ist die Tinte trocken und die
,definitive' Version abgespeichert, erweist sich ein Text wie der
obige bereits als Stückwerk. Thematik und Argumentationen werden
von nachdrängenden Texten und Publikationen eingeholt.
Informationen über den neuesten Stand der Genforschung von
gestern erweisen sich anderntags als veraltet. Die neueste Aussage
über technologisch-naturwissenschaftliche Sachverhalte
dementiert die alte. Die kontroversen Stellungnahmen zum Engineering
am Genom häufen sich, die Beurteilungen der 99prozentigen
Sequenzierung des humanen Erbguts - nicht zu sprechen von
Pflanzentechnologie und dem Klonen von Tieren-gehen
radikal auseinander. Die Patentierung von Forschungsresultaten
zwecks finanzieller Absicherung der hohen Investitionskosten
schliesslich wirft die Frage auf, wer das Monopol zur Herstellung
des ,vollkommenen Menschen' beanspruchen könne - ob es dem
Menschen bekömmlich sei, wenn er sich gebrestenfrei,
krankheitsresistent und schliesslich unsterblich machen sollte.
Mein Text ist vorläufig, unfertig,
ergänzungsbedürftig. Deshalb die folgenden Ergänzungen
und Hinweise. Texte öffnen geschichtliche Räume nach
rückwärts. Sie zeigen (im besten Fall) auch voraus auf das,
was zu erwarten ist, wenn diese oder jene Entscheidung fällt,
wenn die nächste technologische Stufe wirksam wird, wenn jener
Eingriff in den Lebensentwurf eines Wunschkinds unterbleiben
soll.
Der
obige Text hat dem Lesenden - vielleicht überraschend oder
befremdend - einen historischen Raum eröffnet. Zwischen
Spätantike und Frühmittelalter gerieten dort zwei
Anthropologien in Widerstreit. Es ist der Raum, der sich von Irland
(wo Pelagius die heroische Mönchskultur für kommende
Jahrhunderte als militia Christi programmiert hatte) nach
Nordafrika erstreckte (wo der Gnadenlehrer die für damalige wie
künftige Andersdenkende verheerenden Schlüsse aus seiner
Anthropologie zog), ein Raum, der vom Norden Europas über Rom
bis nach Mesopotamien reichte. Im damaligen Europa wurde die
Antinomie des Todes - Sterblichkeit versus Unsterblichkeit,
Zeitlichkeit versus Ewigkeit-ausgelebt, dort entwickelte
sich das widersprüchliche Selbstverständnis des Menschen:
Entweder versteht er sich als autonomes Erkenntnis- und
Willenssubjekt (grandeur) oder als unfreies, abhängiges,
dem Gnaden- und Rachewillen des Gottes ausgeliefertes Glied einer von
Natur aus korrupten Gattung (misère).
Das
Spannungsverhältnis zwischen Lebenstechnik,
Überlebenskunst und moralisch hochwertiger, heroischer
Selbstverwirklichung einerseits, Hinfälligkeitserfahrung,
Vergeblichkeitsresignation und Todesfiasko andererseits
hat das Abendland geprägt. Die unvereinbar angelegten
Anthropologien sind die adäquate Selbstauslegung des
Europäers, ein wichtiges Moment der Subjektwerdung und der
Entdeckung der Freiheit und zugleich ein dringendes Korrektiv des mit
diesem Programm einhergehenden Unterwerfungszwangs unter das
Regime der angeblich einzigen Wahrheit.
Es
ist nur zu offensichtlich, dass die europäisch-nordamerikanischen
Technologien am Menschen, an Pflanzen und Tieren - an nichts anderem
also als an der "gefallenen Natur" (natura lapsa,
corrupta) - heute an einem für die Zukunft der Gattung
entscheidenden Punkt angelangt sind. Im Verlauf meiner Recherchen ist
mir aufgegangen, dass die Technik am Menschen, nämlich der
Gebrauch seiner wunderbaren Fähigkeiten, sich den Zwängen
des Bios zu entwinden und neue Fähigkeiten zu entwickeln, die
ingeniösen Wiederherstellungsversuche sowie die Vorkehrungen zur
Sicherung einer möglichst gefahrlosen Zukunft schon immer die
zentrale Beschäftigung des Abendländers waren. Von
Generation zu Generation ist der Europäer dabei, sich seines
Denkens und Könnens, Wünschens und Erfindens, seiner Siege
und Triumphe zu versichern. In dem Masse freilich, da er sich selbst
ermächtigt, befallen ihn die Ängste vor dem Tod, kommt die
Ernüchterung unerfüllter und unerfüllbarer Wünsche
über ihn, überrennt ihn das unersättliche Begehren
nach Rache, blickt er in den Abgrund seiner möglichen und
tatsächlichen Verbrechen.
Diese
Einblicke in die Genese dessen, was der Europäer dank
Technik und Lebenskunst, dank Kulturschöpfungen und der
Überwindung des industriellen Zeitalters durch Elektronik
schliesslich geworden ist, sind geborgt. Ich habe sie von Franz
Borkenau: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen
und von der Entstehung des Abendlandes28.
Eine
Gegenstimme im Chor der Ethiker - nicht laut, aber eindringlich und
mit überzeugungsstarken Zwischentönen - war schon immer der
(katholische) Philosoph Robert Spaemann. Seinen Beitrag konnte
ich nicht mehr berücksichtigen: "Menschen machen, Menschen
verbessern? Ein Plädoyer für Zurückhaltung".29
Zur
Patentierung und den daraus zu erwartenden Folgen zwei kontroverse
Stellungnahmen. Christoph Rehmann-Sutter, Biolog und Philosoph, "Der
verkaufte Mensch? Genpatente - ein Klärungsversuch", sieht
in der Patentierung "keine Waffe, um die terra incognita
der Gene zu besetzen". Er führt das - von der
Kolonialgeschichte widerlegte - Argument an, die Entdeckung eines
Landes könne "keinen Besitzanspruch auf das Land und auf
dessen Früchte rechtfertigen" und meint dann, 500 Jahre
nach Beginn der Kolonisierung müsse sich "in der Biosphäre
der genetischen Information nicht dasselbe Muster
wiederholen".30
Hat denn der Europäer je aus seiner Geschichte etwas
gelernt? Wäre er auf einmal, ganz pelagianisch diesmal, zum
Guten geboren und fähig, eine andere als eine Besitzergreifungs-
und Raubgeschichte zu inszenieren? Zweifel sind angebracht, aber
hoffen darf man schon.
Bereits
im Titel auf der ersten Seite von Le Monde diplomatique, tönt
es anders: "Ende der Solidargemeinschaft. Die Versuchung der
genetischen Apartheid", von Dorothée Benoit
Browaeys, Wissenschaftsjournalistin, und Jean-Claude
Kaplan, Professor für Biochemie und Molekularbiologie,
Medizinische Fakultät Cochin-Port-Royal (Paris)31.
Diese
Ergänzungen mögen eine Ahnung geben, innerhalb welcher
Bandbreite die Diskussion darüber läuft, was der Mensch
alles kann und wovon er doch eher ablassen soll, sofern er willens
und fähig ist, einen Blick in seine zwiespältige
Verfassung, in die condition humaine, zu werfen.32
Nur wenn er sich selbst als leiblich konstituiert annimmt und sich
mit Geist und Leib zum Medium seines Könnens und Wissens
macht, lebt er in der Wahrheit. Vermutlich scheitern Technologien
nicht an der fehlenden Rationalität, wohl aber an der im
Menschen Fleisch gewordenen Vernunft. Die Leiblichkeit zwingt
zur Technik. Wer sich anschickt, mutwillig die für ihn
bereitgestellten technologiegestützten, lebensfördernden,
krankheitsverhindernden und todesverzögernden Mittel zu
ignorieren, untergräbt seine eigene, fragmentarische Wahrheit.
Wer das Arsenal der inzwischen nahezu omnipotenten Apparate vom Leib
eines in ihm wurzelnden Intellekts separiert und zur
alleinseligmachenden Erfindung erklärt, bewegt sich von der
Wahrheit weg. Sollte es je so weit kommen, dann wäre die
Endphase des Krieges eingeläutet. Mit der
wissenschaftsgestützten Technik benützten dann
Menschen ihre Apparate dazu, deren Form dem Nachbarn, dem
Kranken, dem Sterblichen aufzuzwingen. Wir müssen jetzt
darüber befinden, ob wir die Form dieses ,Fremden' uns zu
eigen machen wollen oder nicht, also zu den von ihr verheissenen
neuen Menschen werden wollen.
* * *
Diese
Überlegungen erläutern auf ihre Art die Menschwerdung der
Vernunft im europäischen homo technicus. Er ist
durch Lebenskunst und Technik, Kulturschöpfung und Engineering
zu dem geworden, der er jetzt ist. Wird sein Lebensprogramm einmal
entschlüsselt und saniert sein, wird er endlich zu dem, der er
dereinst gerne sein möchte. Er ist dabei, den homo lapsus,
diese mythische und zugleich unüberbietbare Realfigur Mensch,
einzuholen und technologisch zum integralen, gesunden und seine
Hinfälligkeit elegant auffangenden neuen Menschen zu formen.
Die
Analyse scheint mir dazu angetan, einen gewissen Durchblick auf die
derzeitige dramatische Situation zu öffnen. Eine Situation, die
sich als ein globaler Schauplatz darstellt. Dort treffen die
Ingenieure des sterblichen Gottes Bios auf den mit
Würde und Schande ausgestatteten Menschen, der sich um ein
gelingendes und gutes Leben bemüht. Techniker ,stellt' den
Nichttechniker, wie Stauwehr den Fluss (M. Heidegger).
Von nicht unerheblicher Bewandtnis ist
bei diesem Aufeinandertreffen, dass es kein Ringen von
Mann zu Mann, von Frau zu Mann ist. Die Kriegsherren haben das
mörderische corps à corps von Verdun hinter sich
gelassen. Die heutige Kampfszene macht sogleich deutlich, dass sich
der elektronische Apparat als Medium zwischen die Streiter schiebt.
Mit dem Apparat müssen, wie gesagt, alle am Bios Beteiligten und
in ihm tief Verwurzelten rechnen. In diesem Wettstreit dreht
sich alles um Besitz und Anwendung des entschlüsselten
Humangenoms und um den Gebrauch der Lebensformel zur Heilung,
Sanierung und Profitsteigerung in einem. Es geht dabei um zweierlei.
Erstens um den Apparat. Er kann, wie jedes Medium, jedes Werkzeug,
sowohl als wunderbarer Explorator gebraucht wie als fürchterliche
Waffe missbaucht werden. Angesichts des möglichen Missbrauchs
sind Menschen vor sich selbst und vor anderen zu schützen. Ein
Krieg gegen den Bios mit eben diesem, dank der sequenzierenden
Apparate zur Waffe hergerichteten Bios ist zu ächten.
Es
geht, zweitens, darum, ob wir zu jenem Menschen-Bild, also zur
Anschauung unserer selbst und zur Selbstanschauung im Andern finden.
Es muss ein Selbst-Bild sein, das auch zum homo technicus, der
wir sind, passt, ein Bild auch, das mehr repräsentiert als die
blosse Addierung von biologisch-neurologischen Funktionen. Es wird,
so meine Vermutung, ein Selbst- und Fremdbild sein, das aus dem
Widerstreit von Tod und Unsterblichkeit, von Verbrechen und
Unschuld, von Erfahrungen der Subjektivität und
Entwürfen des Übernatürlichen33
nicht heraustritt, diesen anthropologisch-metaphysischen
Rahmen nach keiner Richtung sprengt. Der Techniker unternimmt laufend
alles und alles immer gekonnter, damit uns das vertraute Bild
Alter Mensch abhanden kommt. Kaum fühlen wir uns wohl in unserer
Haut, haben wir uns bereits auf ein Bild des Neuen Menschen
einzustellen. Es wird wohl kaum ein Francis Bacon sein, noch weniger
ein Fra Angelico.34
Doch wer ist der Neue Mensch? Gerade der Techniker wird es uns
vermutlich erst dann sagen können, wenn die Reihe an ihm ist und
er zum alten Eisen geworfen wird.
1Daß
es unter dem gleichen Titel eine Videokassette zu Blumenberg gibt
(VHS, Düsseldorf 1996), habe ich erst nachträglich
festgestellt. Er drängt sich ja auch auf.
2Justus
Schottelius, Ethica. Die Sittenkunst oder Wollebkunst, Wolfenbüttel
1669, ND hg. J.J. Berns, Bern-München 1980, S. 479.
3J.
Kopperschmidt (Hg.), Rhetorische Anthropologie. Studien zum homo
rhetoricus, München 2000.
4Vgl.
den Aufsatz von Hartwig Wiedebach in diesem Heft; G. K. Mainberger,
Design plündert rhetorische Technik, in: M. Götz, Der
TABASCO*-Effekt. Wirkung der Form, Formen der Wirkung. Beiträge
zum Design des Design, Basel 2000, S. 203-226.
5H.-G.
Gadamer, Theorie, Techne, Praxis [1972], in: GW 4, Tübingen
(UTB) 1999, S. 258, S.262.
6Aristoteles,
De generatione et corruptione animalium, II 4, 740b 28 f.; II 1,
735a 2 f.
7M.
Serres, Éclaircissements, Paris 1994; L. Linsmayer,
Genußkultur, industrielle Technik und anthropologischer
Wandel, in: R. v. Dülmen (Hg.), Armut, Liebe, Ehre. Studien zur
historischen Kulturforschung, Frankfurt a. M. 1988, S. 258-274.
8Nebenbei:
Die Spitze der reputiertesten Forschungsbranche spricht immer noch
alteuropäisch, nämlich griechisch/lateinisch...
9K.P.
Rippe, Die Freiheit auf Fortpflanzung sichern, in: Tages-Anzeiger,
26.2.2000, Nr. 48.
10In
den USA kann man im Internet das Sperma eines jungen Mannes für
4000 Dollar kaufen, dessen Stammbaum angeblich zu zwei europäischen
Königsfamilien und sechs katholischen Heiligen zurückreicht.
- Vgl. Th. M. Mannsdorfer, Pränatale Schädigung.
Außervertragliche Ansprüche pränatal
geschädigter Personen, Freiburg i. Ü. 2000.
11Die
Substantivendungen -ik waren im griechischen die Endungen der zur
téchnê gehörenden Adjektive:
grammatikalische, rhetorische, politische, jetzt genomische,
biologische Technik.
12In
England soll, laut Bericht vom 4.4.2000, vermutlich das Klonen
menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken freigegeben werden.
Argument: Der Nutzen des Verfahrens für Kranke überwiege
bei weitem die ethischen Bedenken.
13N.
Etcoff, Schönheit - Geheimrezept der Natur, NZZ,
19./20.02.2000, Nr. 42, S. 101; unübertrefflich dazu: V.
Albus, Gut abgehangen. Über die profane Lust und Last mit der
Gestalt des Fleisches, in: Design report 09, 1999, S. 058-059.
14Vgl.
J. McDowell, Geist und Welt, Potsdam 1998, und das echt entspannende
Interview in: Information Philosophie 1/00, S. 24-30.
15Aeternitas
igitur est interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio.
Boethius, Trost der Philosophie, V, 6p 9-11, lat.-dt. E.
Gegenschatz/O. Gigon, Zürich-München 1986, S. 262/263.
16J.
Mittelstraß (Hg.), Enzyklopädie Philosophie u.
Wissenschaftstheorie I, Stuttgart/Weimar 1995, S. 317, s.v.
Biologie.
17F.
Jacob, Le jeu des possibles. Essai sur la diversité du
vivant, Paris 1981. - Der Bios trat schon immer im Zusammenhang mit
Techne in den Gesichtskreis des Menschen, als
theoretisch-spekulativer Topos wie als Schauplatz technischer
Umformung. ,Philosophie der Lebenskunst' wird von Wilhelm Schmid
enzyklopädisch rekonstruiert (Frankfurt a. M. 31998);
Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, Frankfurt a. M. 1989,
verschärfend und im Akt der Umbesetzung, erörtert
das Leben unter den Bedingungen der Höhle, beendet damit in
einem auch die Diskriminierung der Schatten und versagt sich der
Hermeneutik der Texte, um endlich deren geschichtliches
Potential frei bedenken zu können. ,Nachdenken über Hans
Blumenberg' führt für F.J. Wetz/H. Timm (Hg.) zur
,Kunst des Überlebens'' (Frankfurt a. M. 1999).
18M.
Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt a. M. 1949.
19P.
Brown, Die letzten Heiden. Eine kleine Geschichte der Spätantike,
Berlin 1987; ders., Die Keuschheit der Engel, München 1991.
20Ders.,
Die Entstehung des christlichen Europa, München 1996, S. 168.
21K.
Flasch, Logik des Schreckens. Augustin von Hippo. Die Gnadenlehre
von 397. De diversis quaestionibus ad Simplicianum I,2, CCSL 44,
lat.- dt., Mainz 21995.
22Die
Formel der Lehre lautet korrekt: status naturae lapsae; ihm
ging der Stand der integren Natur voraus, der ursprüngliche
Stand zwischen Schöpfungsmorgen und Sündenfall, gefolgt
vom Gnadenstand nach der Erlösung. Die Schöpfungs- und
Sündenfall- und Heilsanthropologie argumentiert nicht
mit dem evolutionistischen Naturbegriff, sondern verknüpft mit
,Natur' die für das Selbstverständnis der
mittelalterlichen Gesellschaft letztmaßgebliche Kategorie des
Status, des Standes. Noch für John Rawls ist der Urzustand
eine unentbehrliche Verstehenshypothese. Eine Theorie
der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1975, s. Index s.v. Urzustand.
23A.
Vollmer, Heißer Friede. Über Gewalt, Macht und das
Geheimnis der Zivilisation, Köln 1995; R. Girard, Das Heilige
und die Gewalt, Zürich 1987; P. Sloterdijk macht sich Girards
Entstehungsmodell der Entdifferenzierung und der mimetischen
Gewalt zu eigen, um darauf seine Analyse der medialen Gesellschaft
zu entwickeln. P. Sloterdijk/H.-J. Heinrichs, Die Sonne und der Tod.
Über mentale Gitterstäbe, Erregungslogik und
Posthumanismus sowie über die Unheimlichkeit des Menschen
bei sich selbst, in: Lettre International 48, Frühling 2000, S.
32-47.- Vgl. dazu mein Postscriptum.
24Zit.
in H.-J. Luhmann, Der Homo industrialis und der Klimawandel. Auf der
Suche nach der verlorenen Erinnerung an das Erschrecken über
sich selbst, in: NZZ, 29.03.2000, Nr. 75, S. 79.
25Statement
von D.B. Linke, in: Der verpflanzte Kopf, in: Das Magazin
(Tages-Anzeiger), Nr. 24, 17.-23.6.2000, S. 30.
26Accipite
armaturam Dei (Empfanget die Ausrüstung Gottes) steht auf
einem Tafelbild, das die Werkzeuge zur Geißelung,
Dornenkrönung und Kreuzigung darstellt. Das Museumsstück
wird gegenwärtig im Kloster Einsiedeln gezeigt. Herkunft:
Schweiz, 18. Jahrhundert.
27E.
G. Woltersdorf, Der Schächer am Kreuz. Das ist, Vollständige
Nachricht von der Bekehrung und seeligem Ende hingerichteter
Missethäter, gesammelt und mit Anmerkungen begleitet, 2 Bde.,
Budißin-Görlitz 1761/62, Bd. I, S. 38 ff., zit. in: K.-H.
Kittsteiner, Die Entstehung des modernen Gewissens, Frankfurt
a. M. 1991, S. 340 ff.
28Postum
herausgegeben von R. Löwenthal, Stuttgart 1991, bes. die
Kapitel Todesantinomien und Kulturgeneration (S. 83-119),
Urverbrechen und ,gesellschaftliche Paranoia' (S. 448-459) und Von
der heroischen Moral zur spirituellen Erneuerung (S. 460-488).
29In:
NZZ, 17. Mai 2000, Nr. 114, S. 67.
30In:
NZZ, 5. Mai 2000, Nr. 104, S. 65.
31Nr.
5, Mai 2000, zitiert nach deutscher Übersetzung in der WoZ,
Mainummer 2000, S. 1 u. 12; vgl. auch P. Lima, Wenn Genmaterial zur
Handelsware wird, ebd. S. 12 f.
32
Der Jahresbericht 1999 des Interfakultären Zentrums Ethik in
den Wissenschaften (IZEW), Tübingen, gibt umfassend
Rechenschaft über Forschung, Lehre und Publikationen in Schule
und Praxis zu diesem Bereich (e-mail: izew@uni-tuebingen.de).
33P.
Brown, Die Gesellschaft und das Übernatürliche [1982],
Berlin 1993. Brown mustert die Spätantike, östliches und
westliches Christentum in der Spätantike sowie das 12.
Jahrhundert auf ihr Verhältnis zum Heiligen, zum Wunder und zur
Subjektivität durch.
34Die
wunderbare Dokumentation zu den bildnerischen Beständen findet
sich im Ausstellungskatalog L'Anima et il Volto. Ritratto e
fisiognomica da Leonardo a Bacon, hg. von Flavio Caroli, Mailand
1998 (Mailand, Palazzo Reale 30.10.1998-14.3.1999).
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