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| Erschienen in Ausgabe: No. 16 (1/2001) | Letzte Änderung: 26. Januar '09 |
von Stefan Groß
Analysiert man den
philosophiegeschichtlichen Diskurs, findet man viele ausgezeichnete
Arbeiten, die sich dem Neuplatonismus Plotins näherten. Gerade
in den letzten zwanzig Jahren beschäftigt man sich intensiver
mit der Philosophie Plotins. Die Auseinandersetzung mit der
Philosophie Plotins zeigt, daß im Zeitalter der Postmoderne ein
erneutes Interesse an metaphysischen Fragen besteht.
Zu
erwähnen ist der Münchner Philosoph Werner Beierwaltes1,
der ein profunder Kenner der plotinischen und neuplatonischen
Tradition ist. Zu den Autoren, die sich mit dem Neuplatonismus
Plotins auseinandersetzen, zählen in erster Linie auch Jens
Halfwassen2
und Christoph Horn.3
Werner Beierwaltes und Jens Halfwassen legten in letzter Zeit Studien
zum Verhältnis zwischen Neuplatonismus und deutschem Idealismus
vor. Das Hauptaugenmerk lag auf Strukturvergleichen, die
neuplatonische Elemente im Denken Schellings und Hegels freilegten.
Nicht zu vergessen ist Hans Michael Baumgartner4,
der den Einfluß des Neuplatonismus auf den späten Fichte
untersuchte.
In
Forscherkreisen ist man sich weitestgehend einig, daß es nicht
die Interpretation des Neuplatonismus Plotins gibt, da sein
"System" Modifikationen unterlag. Einig ist man sich auch
darüber, daß der Neuplatonismus Plotins die abendländische
Tradition beeinflußte. Dieser Einfluß beginnt mit
Proklos, Boethius, Pseudo-Dionysius Areopagita, Scotus Eriugena,
Nikolaus von Kues und reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein. Der 1781
in Eisenberg geborene Philosoph Karl Christian Friedrich Krause hatte
weit weniger Glück. Krause, und dies kann man als Manko
betrachten, zählt immer noch zu den Randerscheinungen des
deutschen Idealismus. Krause starb bereits 1832 in München als
verarmter Privatdozent. Eine akademische Laufbahn wurde ihm versagt,
obwohl er sehr früh als Privatdozent in Jena neben Schelling und
Hegel seine philosophische Karriere begonnen hatte. Diese endete
spätestens mit Krauses Weggang aus Jena im Herbst des Jahres
1804.
Krause
verstellte sich die Karriere sicherlich auch durch seine Kritik an
der Deutschen Loge, deren Mitglieder damals die Politik beeinflußten
und einen großen Druck auf die sogenannten universitären
Berufungskommissionen ausübten. Krause sah in der Humanitätsidee
der Logen die Keimzelle eines gesellschaftlichen Bundes, die seiner
Idee der Weltgemeinschaft ähnelte. Ihn störte das
Sektierertum der Logen. Er teilte weder die Immunität der Logen
noch deren hermetisches Verschlossensein, das nur Eingeweihten einen
Zutritt erlaubte. In seiner Schrift "Die ältesten
Urkunden der Freimaurerbrüderschaft" verlieh er der
Kritik nachhaltig Ausdruck.
Krause
ist ein Systemdenker, seine Philosophie läßt sich als ein
ganzheitliches und systematisch aufgebautes Wissenschaftssystem
lesen. Trotz der Wissenschaftlichkeit, die den gängigen
Systementwürfen des deutschen Idealismus nicht nachstand, wurde
ihm eine breite Rezeption in Deutschland versagt. Erst in jüngster
Zeit kam es zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem
,verborgenen' Philosophen Krause. In Spanien war dies anders, denn
dort gehörte die Philosophie Krauses zum fundamentalen
Bestandteil der politischen, sozialen, anthropologischen, religiösen,
ästhetischen und rechtlichen Neuorientierung des 19.
Jahrhunderts. Unter dem Schlagwort "Krausismus" erlebte die
Philosophie Krauses in Spanien eine Renaissance. Philosophen und
Dichter, der prominenteste von ihnen ist sicherlich Unamuno, eigneten
sich Krauses Gedankengut an. Heutzutage beschäftigt sich der
spanische Philosoph Enrique M. Ureña mit Krause.5
Einen
maßgeblichen Anteil an der Neuentdeckung Krauses in Deutschland
haben Klaus-Michael Kodalle6
und Peter Landau.7
Kodalle hat sich mit einem Sammelband dem Denker Krause genähert.
Landau widmete eine Vielzahl von rechtsphilosophischen Aufsätzen
der Philosophie Krauses. Von einer Krauserenaissance in Deutschland
kann trotz des Engagements beider Denker nicht gesprochen werden, da
der Name Krause in akademischen Studien und Publikationen nicht
auftaucht. Die Nichtberücksichtigung Krauses ist nicht
gerechtfertigt. Gerade für Philosophiestudenten, die sich die
Philosophiegeschichte aneignen wollen, empfiehlt sich ein Rekurs auf
Krauses philosophiegeschichtliche Abhandlungen, die er in seinen
Hauptwerken, dem "System der Philosophie" und den
"Grundwahrheiten der Wissenschaft", abhandelt.
Krause war aber nicht nur ein aufmerksamer Leser der
Philosophiegeschichte, die er kritisch und dennoch objektiv
beurteilte, sondern ein eigenständiger Denker mit einer eigenen
Philosophie.
Krause gibt immer wieder zu erkennen, daß zwei philosophische
Strömungen sein Denken beeinflußten. Zum einen prägte ihn die
griechische Metaphysik von ihren Ursprüngen bis ins Mittelalter hinein.
Zum anderen lehnte er sich an die Philosophie sowohl des Kritischen
Idealismus Kants als auch an den deutschen Idealismus Jenaer Prägung an.
Es wäre dennoch verfehlt, Krause als Eklektiker zu bezeichnen, da Krause
weder nur philosophisches Gedankengut adaptierte noch sich mit den
traditionellen philosophischen Positionen zufriedengab.
Mit
der spekulativen Begründung der Welt aus Gott, die der
Kosmologie des Neuplatonismus und des Mittelalters nahesteht, steht
Krause auch in der Tradition von Leibniz und Wolff,8
wenngleich er mit seiner Ethik die Nachfolge Kants und dessen
transzendentaler Ethik antritt. Mit Shaftesbury und Kant verbindet
Krause die Idee einer übergreifenden Staatengemeinschaft. Alle
Menschen sollen sich, so die Intention Krauses, zu einem großen
Individuum vereinigen, um die Idee Gottes auf Erden zu realisieren.
Die Idee vom Reich Gottes, die Krause von der augustinischen civitate
dei entlehnt, wird zu einem Ideal, das sich die Menschheit, so
Krause, aufzugeben hat, damit ein friedliches Miteinander möglich
wird. Die Idee des Menschheitsbundes, die Krause in seinem Werk "Das
Urbild der Menschheit" (1811) entwickelt, das mehrere
Auflagen erfuhr und Krause hinlänglich bekannt werden ließ,
erlangt im modernen europäischen Staatenbund wieder an
Aktualität. Nicht umsonst sah der Krauseinterpret Ernst Benz in
seinem Aufsatz "F. W. J. Schelling und C. Ch. F. Krause in
Spanien" in der Zeitschrift für Religions- und
Geistesgeschichte 6 (1954), S. 226-248, die Idee der UNO durch Krause
bereits vorweggenommen.
Krauses
Philosophie ist aktueller als man gemeinhin denkt. Fragen und
Probleme, die sich aus der veränderten Weltsicht des 21.
Jahrhunderts heraus ergeben, sind Krause zwangsläufig unbekannt,
dennoch greift er bereits Fragen und Problemen vor fast zweihundert
Jahren voraus, die heute die philosophische Reflexion immer noch
prägen. Im Hinblick auf Krauses Ethik und auf seine
Rechtsphilosophie wird dies deutlich. Aus Krauses Philosophie läßt
sich sowohl eine Metaphysik des Anderen, die heute mehr den je
Konjunktur hat - man denke hier an Emanuel Levinas - als auch eine
Theorie der Verantwortung - ein Beispiel hierfür ist Hans Jonas'
Buch "Das Prinzip Verantwortung, Versuch einer Ethik für
die technologische Zivilisation"9
bereits ableiten.
Krause fordert nicht nur die
Gleichstellung zwischen Mann und Frau, den Schutz des ungeborenen
Lebens, die Trennung von Kirche und Staat, eine ökologische
Präventivethik, die Aufhebung der Leibeigenschaft sowie die
Aufhebung des Adels, des Königtums, des Zölibats u.ä.,
sondern ihm geht es in erster Linie um die Alltagstauglichkeit
philosophischer Theoreme.
Den
wohl nachhaltigsten Einfluß in der Philosophiegeschichte
sicherte sich Krause durch eine Wortschöpfung - den
Panentheismus. Damit greift er nicht nur die Debatte der
Tübinger Stiftler um das en kai pan auf, sondern bezieht
sich auf eine panharmonische Kosmologie, wie man sie beispielsweise
bei Plotin findet. Wenn sich Krause dem Problem von Einheit und
Vielheit zuwendet, steht er unweigerlich in der neuplatonischen
Tradition Plotins.
Obwohl
Krause den Neuplatonismus als Niedergang oder als Verfallsgeschichte
bezeichnet, die den Philosophien von Platon und Aristoteles
nachsteht, ist sein Plotinbild durchgängig positiv besetzt.
"Zugleich muß aber erwähnt werden, daß Plotinos
redlich bemüht war, Schwärmerei, Wahnsinn und Wahneifer zu
vermeiden, schon indem er auf Logik und Dialektik großen Fleiß
wandte."10
Folgt
man der Beurteilung der Philosophie Plotins durch Krause, dann zeigt
sich, daß Krause mit Plotin übereinstimmt, wenn er wie
dieser die Bedeutung der Einheit hervorhebt. Krause weist darauf hin,
daß die Lehre "von der Einheit des Subjektes und des
Objektes der intellektualen Anschauung" mit den "neuen
deutschen philosophischen Schulen übereinstimmt [...]."
Kant hat "diese Einheit als Forderung und Grundbedingung für
die absolute", für den "endlichen Geist unerreichbare
Wissenschaft erkannt". Fichte fand sie in der Grundschauung Ich.
Schelling erkannte "die intellektuale Anschauung des Absoluten
zugleich als das Prinzip der menschlichen Wissenschaft" an.11
Krause stimmt mit Plotin überein, da auch für Krause Gott
der Anfang und das Ziel aller Philosophie ist.
Trotz
einer Vielzahl von Parallelen zwischen Plotin und Krause gibt es
bislang keine einzige Arbeit, die dem Verhältnis zwischen beiden
nachgeht - ein Strukturvergleich fehlt, wenngleich Hans-Christian
Lucas,12
der Spanier Rogelio Garcia-Mateo13
und Siegfried Wollgast14
auf Parallelen zwischen beiden Denkern hingewiesen haben. Leider
blieb es nur bei einem Hinweis.
Unsere These ist die folgende: Krause
steht in der Tradition des Neuplatonismus Plotins. Er greift Probleme
der spätantiken Philosophie auf und verbindet diese mit dem
eigenen Denken. Vor diesem Hintergrund läßt sich die
philosophische Hinterlassenschaft Krauses als originäre Synthese
zwischen Neuplatonismus und deutschem Idealismus interpretieren, denn
er sucht nach einer Verbindung zwischen traditioneller Metaphysik und
Transzendentalphilosophie.
Mit dem vorliegenden Aufsatz versucht
sich der Autor der Thematik "Plotin und Krause" anzunähern.
Nur unter dem gesonderten Blickwinkel, neuplatonische Elemente im
Denken Krauses freizulegen, wird sich der Thematik angenähert.
Zwischen beiden Denkern gibt es viele Parallelen aber auch viele
Differenzen, die hier im Einzelnen nicht alle berücksichtigt
werden können.
Das Verhältnis zwischen Plotin und
Krause möchte ich in einer Folge von drei Schritten
nachzeichnen. Im ersten Schritt steht die metaphysische Fundierung im
Mittelpunkt. In einem weiteren Schritt werde ich mich dem Begriff der
intellektuellen Anschauung annähern. Im dritten Schritt geht es
mir speziell um den Aufstieg des endlichen Ichs zu Gott.
Der spekulative Idealist Krause betont
wie Plotin die Stellung und die Bedeutung der Metaphysik. Die
absolute Ausgangs- oder Quelleinheit Gottes wird für beide
Denker zum Dreh- und Angelpunkt der spekulativen Frage. Krause folgt
Plotin, wenn er die Welt aus einem absoluten Urgrund deduziert. Wie
für Plotin - das Eine - ist für Krause der absolute Gott,
den er terminologisch als Orwesen bestimmt, ein indifferentes Eines,
das als Prinzip der Einheit und der Vielheit gedacht wird. Dieses
Absolute - Krause spricht im Gegensatz zu Plotin von einem
persönlichen Gott - ist der allmächtige, allwissende,
unendliche und liebende Weltgrund, der die Welt in sich hat. Krause
begreift diesen Gott als Alleinheit, da alles in Gott ist und nichts
außer ihm. Gäbe es anderes außer Gott, dann wäre
dieser nicht das Prinzip von allem. Im Unterschied zu Plotin bestimmt
Krause Orwesen als einen Gott der Immanenz, während Plotin am
transzendenten Einen festhält.
Wenn
Gott als immanenter, so Krause, nicht mit der Welt zusammenfällt,
muß er ein transzendenter sein. Gott als transzendentes Wesen
bestimmt Krause als Urwesen. Orwesen als Immanenz und Urwesen als
Transzendenz sind für Krause nicht zwei Götter, sondern nur
unterschiedliche Modi des Einen Gottes. Wenn er vom einen
Gott spricht, teilt er Plotins Auffassung einer einheitlichen
Begründung der Welt aus dem einen Gott.
Mit
der Bestimmung Gottes als Urwesen steht Krause in der Nachfolge
Plotins, denn das Eine Plotins ist wie Urwesen außer und
über der Welt, anders formuliert: jenseits
derselben.15
Als transzendenter ist Gott der Grund der Welt, ohne mit ihr
zusammenzufallen. Er fungiert als die oberste Einheit, die sich in
die unendliche Vielheit der Welt, d.h. in den unendlich/endlichen
Kosmos hinein differenziert. Dieser absolute Grund, den Krause nicht
wie Plotin als causa sui bestimmt, ist der unerkennbare Grund.
Krause
stimmt mit Plotin überein, wenn er behauptet: "Gott vermag
der endliche Geist zu schauen [...], aber nicht vermag er, Gott zu
durchschauen in der unendlichen Tiefe der Gottheit."16
Wenn Krause mit der Bestimmung Gottes als Transzendenz Plotins Idee
der göttlichen Hypertranszendenz aufgreift, distanziert er sich
von dieser Bestimmung Gottes, wenn er Gott als Immanenz begreift. Das
Vermittlungsproblem zwischen kosmos intelligibilis und kosmos
sensibilis, das bei Plotin bedingt durch die reine Transzendenz
des Einen als epekeina tes ousias nur gelöst werden kann,
wenn sich das unbestimmte Zweite auf den Grund der Einheit hin
bestimmt und sich im Akt der Unbestimmtheit als Bestimmtheit
konstituiert, umgeht Krause von vornherein. Gott ist bereits die
Welt, selbst wenn er, wie es die Funktoren des außer und
über verdeutlichen, nicht die Welt ist. Der Gott Krauses
ist zwar jenseits der Welt, er ist zugleich in der Welt. Das
außer, über und das in schließen
sich bei Krause nicht aus, wenn die Selbstbestimmung Gottes als ein
Akt gedacht wird, in dem sich Gott als immanenter zugleich als
transzendenter und vice versa bestimmt.
Wenn
Gott, so Krause, als einheitliches Wesen die Vielheit in sich setzt,
hat er sich als einheitlicher Grund immer schon in die Vielheit
hinein vermittelt. Mit dieser Konzeption Gottes umgeht Krause die
strikte Trennung zwischen dem Einen, dem Nous und der Weltseele, wie
sie Plotin in den "Enneaden" vornimmt. Es bedarf, so
Krause, keiner zweiten oder dritten Hypostase, die die
Differenzierung Gottes in die Welt hinein ermöglicht.
Gott
ist für Krause nicht nur der indifferente Ursprung, sondern das
die Differenz ermöglichende Prinzip. Zwar hält Krause am
Indifferenzpunkt fest, er hypostasiert diesen nicht wie Plotin,
dessen Philosophie bekanntlich in einer mystischen Theorie
kulminiert. So schreibt Plotin: "Da wir nicht imstande sind,
dessen [ dem Einen, Herv., S. G.] habhaft zu werden, was eigentlich
von Jenem ausgesagt werden müßte, lassen wir es mit der
Aussage über Es bewenden. Im eigentlichen Sinne aber läßt
sich nichts finden, was wir über Es, geschweige denn von Ihm
aussagen könnten; denn alles, auch das Herrlichste und
Erhabenste, ist später als Jenes."17
Das Ziel der plotinischen Philosophie ist es, alle sprachlichen und
ontologischen Bestimmungen vom Einen fernzuhalten, denn das Eine ist
kein Sein,18
kein Seiendes,19
nicht Seiendheit, nicht Wesenheit,20
nicht Existenz,21
nicht Leben,22
nicht Denken,23
nicht Selbstbewußtsein24
und nicht Geist.25
Es entzieht sich jeder Beschreibung.
Zwar
wird durch die metaphysische und durch die negativ dialektische
Methode, d.h. durch den Ausschluß aller positiven Bestimmungen
vom Einen deutlich, worauf Plotin hinauswill, nämlich auf einen
radikalen Prinzipienmonismus. Die Welt, die ein Produkt des Einen
sein soll, ist aus dem Einen jedoch nicht ableitbar. Die radikale
Differenz, die Plotin zwischen dem Einen und der Welt aufmacht, führt
zur Frage: wie kann sich das Eine in die Welt hinein vermitteln, wenn
es jenseits von allem ist. Plotin konnte diese Frage nicht lösen.
Systematisch ist die von Plotin aufgestellte Differenz zwischen Einem
und Welt nicht plausibel. Aus philosophiehistorischer Sicht kann man
Plotin verstehen, da er im Anschluß an Platon nach einer
absoluten Metaphysik sucht und sich als "Vollender" des
platonischen Erbes begreift.26
Krause
kann sich ebensowenig wie Hegel mit der mystischen Philosophie
Plotins anfreunden. Daher nimmt es nicht wunder, daß Krause dem
Absoluten positive Attribute wie Unendlichkeit, Gutheit, Schönheit,
Liebe, Güte, Vollkommenheit, Heil,27
Harmonie u.ä. zuschreibt, denn Gott ist, "das sich
unendlich der lebenbeschränkten endlichen Wesen erbarmende
Wesen, - unendliches heiliges Erbarmen".28
In der deduktiven Explikation des Absoluten, die Krause im zweiten
Teil der "Vorlesungen über das System der Philosophie"
(1828) vornimmt, kommt Krauses affirmative Theologie zum Ausdruck.
Die
Ent-rückung des Einen, und dies hat Krause wie Hegel29
deutlich gesehen, gefährdet die Annäherung an den absoluten
Grund und letztendlich die Identifikation mit demselben. Für
Plotin und für seine Philosophie des Aufstieges zum Einen, in
der sich der Mensch auf den Urgrund - das Eine - bezieht, den Plotin
als Wesensgrund des Menschen versteht, ist die Ent-rückung
oder das ekstatische Aus-sich-Heraustreten des Menschen in die
intelligible Welt hinein eine notwendige Voraussetzung des
Transformationsprozesses. Diese Ent-rückung, diese
Ek-stasis und letztendlich die henotische Identifikation mit
dem Einen wird durch das Verstandesdenken - die diskursive
Verstandesseele - und durch das Vernunftwissen - das intellektuelle
noetische Wissen des Nous - vorbereitet. Der Akt der Transformation
steht jedoch über dem Verstand und über dem Denken.
Genaugenommen ist es ein Akt, der sich unmittelbar ereignet.
Eine
weitere Gemeinsamkeit zwischen Plotin und Krause findet sich, wenn
man auf das Konzept der Entfaltung Gottes in die Welt hinein
reflektiert. Für Krause basiert - ähnlich wie für
Plotin - die Selbstauslegung des Absoluten auf der Freiheit und
Notwendigkeit desselben. Krauses Absolutes offenbart sich aus
freiheitlicher und aus notwendiger Bestimmung in die Welt, wenn es
sich in diese hinein differenziert, ohne die endliche Freiheit der
Subjekte aufzuheben. Das Absolute differenziert sich als Notwendiges
in Freiheit, wobei es die Welt als freiheitliche und als notwendige
setzt. Während die freiheitliche Entfaltung Gottes bei Krause
unproblematisch ist, da er von einem persönlichen Schöpfergott
ausgeht, stellt sich für Plotin folgendes Problem: wie kann aus
einer ontologischen Substanz, die über dem Sein liegt, von einer
freiheitlichen Entfaltung gesprochen werden? Wenn man Plotins
Philosophie nicht mehr als Emanationssystem interpretiert, sondern
von der Freiheit und vom freien Willen des Einen ausgeht, "denn
die Wesenheit des Guten ist wahrhaft Wille seiner selbst, das nicht
bestochen und auch nicht durch die eigene Anlage verleitet ist,
sondern sich selber frei wählt; es gibt ja auch gar kein anderes
Ding, daß er zu diesem hätte hingezogen werden können"30,
zeigt sich - sieht man einmal von den immanenten Schwierigkeiten des
Freiheitsbegriffes ab, die sich aus der negativen Theologie Plotins
ergeben - eine Parallele zu Krause. Beide bestimmen das Göttliche
als Freiheit, selbst wenn Plotin die Freiheit des Einen durch ein
gleichsam (oion) einschränkt.
Im
Hinblick auf die Freiheit und die Notwendigkeit des Einen wird aber
auch ein Unterschied zu Krauses Gottesbegriff deutlich. Für
Krause reicht Gott bis in die Welt hinein. "Gott also ist die
Vorsehung gemäß seinem Lebengesetz und seiner
Lebenordnung. Und da ferner Gott in dem Einen Leben mit heiliger
Freiheit des Willens, also unbedingt sittlich oder moralisch, seine
Wesenheit als das Gute zeitlich darbietet, so ist Gott die heilige
unbedingt sittliche oder moralische Vorsehung. Da nun Gott als
Vorsehung hinsichts des ganzen Gliedbaues der endlichen Wesen frei
herab und hereinwirkt in das Leben aller endlichen Wesen, so kann
bildlich gesagt werden, daß Gott als Vorsehung sich zu den
endlichen Wesen herab oder hernieder läßt."31
Gott ist für Krause nicht nur der unbegründete Grund seiner
selbst, sondern das kosmologische Prinzip.
Die Explikation Gottes in die Welt
hinein denkt sich Krause ähnlich wie Plotin als ein
Abstiegsprozeß auf unterschiedlichen Stufen, wenngleich er
nicht mit Hypostasen arbeitet sondern mit Potenzen.
Bevor
wir uns Krauses Verständnis von der Explikation Gottes zuwenden,
wollen wir Plotins Nouskonzept freilegen. Die dynamische oder
harmonische Selbstdurchdringung der sich reflektierenden zweiten
Hypostase, dem Nous, versteht Plotin als Leben. Das noetische
Sich-Durchdringen von Sein und Denken, von Noeton, Noesis und Nous
wird für ihn zur noologischen Struktur triadischer
Selbstbezüglichkeit. Das Sein ist das Denken und vice versa. Die
triadische Selbstdurchdringung von Sein und Denken als Leben
sichert dem intelligiblen Nous seine dynamische Identität.
Der Selbstbezug als Differenzierung und Synthesis der geeinten und
geschiedenen Onta, die selbst Eide sind, ist nicht potentieller
Natur, sondern eine aktuale Selbstbestimmung, die Plotin als Ewigkeit
bestimmt. Die Bedingung der Selbstdifferenzierung als intelligible
Selbstbestimmung ist für Plotin die Einheit des Einen, auf
dessen Einheit hin sich der Nous bestimmt, um sich als unendliche
intelligible Vielheit noetisch zu erfassen. Die Unterschiedlichkeit
der einzelnen Onta sichert ihnen im intelligiblen Nous ihre
Selbständigkeit und Identität, wobei sie sich als
unterschiedliche auf die Gesamtidentität des Nous beziehen und
als einzelne die Gesamtheit des Nous repräsentieren. Jedes
einzelne Eidos ist für sich betrachtet Identität seiner
unendlichen Eide, die es als allgemeine Idee unter sich subsumiert.
Jedes einzelne Eidos ist gemäß der intelligiblen Struktur
des Gesamtnous als Identität der Identität und
Nichtidentität aufgebaut.
Wenn
dem Einen Vielheit nicht zugesprochen wird, kann das Eine die
Differenz nicht an sich und nicht in sich selbst haben. Die Differenz
als Identität ermöglichende Bestimmung beschränkt sich
auf den Nous, der als Identitätsprinzip der Ideen zugleich das
Differenzprinzip seiner Selbstbestimmung ist. Wenn die Differenz im
Nous gesetzt wird, ist der Nous nicht absolute Differenz, obwohl die
einzelnen Onta oder Eide im Verhältnis der Differenz zueinander
stehen, sondern eine relative. Die strukturelle Bestimmung des Nous
ist Einheit in der Differenz. Ohne Differenz gäbe es
weder die intelligible Mannigfaltigkeit der Ideen noch das noetische
Selbstbestimmen als Identität der Identität und
Nichtidentität. Die Trias von Sein, Leben und Zu-Denkendem
fungiert dabei als die immanent dialektische und harmonische
Selbstbestimmung des Nous, denn das Sein bedarf der Andersheit, dem
Denken, um sich als aktuales Leben zu vollziehen. Die Kategorien, die
diesen Denkprozeß ermöglichen, bestimmt Plotin als das
intelligible Sein, als die Einheit und als die Andersheit, als die
Ruhe und als die Bewegung, die als Magista gene die
dialektische Selbstbestimmung ermöglichen. Plotin verortet die
Kategorien nicht im Prinzip, sondern im Prinzipiat, wobei man wieder
die Frage stellen könnte: wie läßt sich ein
Prinzipienmonismus rechtfertigen, wenn die Kategorien erst an
abgeleiteter Stelle deduziert werden? Ohne diese Frage zu
beantworten, da sie über unser Untersuchungsfeld hinausgeht, ist
nicht zu übersehen, daß es sich bei der Einführung
der Kategorien im Nous um eine spekulative Ableitung der Kategorien
handelt, denn die Explikation des Nous gründet sich auf der
kategorialen Deduktion: besser, als Konstitution der Kategorien.
Krause
sieht dies anders. Er verlagert im Unterschied zu Plotin die
Kategorien in das Prinzip Gottes als Orwesen. Damit entgeht er dem
Problem Plotins, die Kategorien aus einem Prinzip abzuleiten, das
nicht das Absolute ist. Krause spricht, wenn er von Kategorien redet,
zumeist von "Wesenheiten", die sich an oder
in Gott finden. Ohne die höchst komplizierte
Kategorientafel Krauses hier näher zu erläutern, die sich
in ihrer formalen Aufgliederung an die Wissenschaftslehre von Fichte
anlehnt, lassen sich zwei unterschiedliche Kategorienarten
hervorheben, die als primäre und sekundäre Kategorien
beschreibbar sind. Primär sind all jene Kategorien, die
unmittelbar am Absoluten selbst gefunden werden. Sekundär all
jene, die sich im Absoluten befinden.
Im folgenden wollen wir der
Selbstentfaltung des Absoluten bei Krause nachgehen. Hierbei wollen
wir auf das oben zum Nous Erarbeitete zurückzugreifen. Unsere
These ist die folgende: Krause übernimmt vom plotinischen
Nouskonzept sowohl den Harmonie- als auch den Trinitasgedanken.
Plotin versteht unter Harmonie die
Vereinigung Verschiedener, Krause wird ihm hierbei folgen. Plotin
begreift Sein und Denken als Bestimmungen der intelligiblen
Selbstauslegung des Nous. Krause setzt an ihre Stelle die Idee der
Vernunft und die Idee der Natur, die er beide als Potenzen des
Absoluten, genauer: als unterschiedliche Explikationen desselben
versteht. Unter die Idee der Vernunft wird die gesamte geistige
Wirklichkeit subsumiert. Die Idee der Natur denkt sich Krause - auch
dies ist im übrigen eine Parallele zu Plotin - als organischen
und harmonischen Kosmos, der sich selbst organisiert. Die Natur
degeneriert nicht zu einem mechanischen Determinismus, sie ist keine
tote und depravierte Materie, sondern Leben. Urwesen steht für
Krause an höchster Stelle, unter ihm die Vernunft und die Natur
als Ideen. Die Vernunft bestimmt Krause als unendliche, die Natur
dagegen als endliche, denn in letzterer ist die gesamte materielle
Welt als Idee enthalten. Jede der einzelnen Potenzen enthält in
sich eine unendliche Fülle von Ideen. Den Abstieg Gottes in die
Welt hinein denkt sich Krause nicht wie Plotin als "Herausfall"
aus der Ewigkeit. Er stimmt auch dann nicht mit Plotin überein,
wenn er die Materie nicht als Nichts, sondern als eine aus der Idee
der Natur entsprungene Subidee versteht, die zugleich schön und
anmutig ist.
Vernunft und Natur stehen sich auf der
zweiten Stufe der göttlichen Selbstoffenbarung als differente
gegenüber. Ihr gemeinsamer Ursprung ist die Einheit Urwesen, aus
dem sie entspringen und durch dessen Kraft und Macht sie sich
aufeinander beziehen. Die Einheit Urwesens ermöglicht nicht nur
die Differenzierung in zwei Potenzen, sondern sichert jeder Potenz
ihre Eigenständigkeit und ihr Bezogensein auf die andere Potenz
zu.
Während Plotin das Sein und das
Denken als strukturimmanente Bestandteile der Selbstkonstitution des
Nous versteht, verlegt Krause die Vernunft und die Natur in die Welt
hinein. Vernunft und Natur sind nicht nur die Entäußerungen
Urwesens, sondern sie sind die kosmologischen Entfaltungsprinzipien
des Einen Prinzips. Die Vernunft ist nicht mit der Natur identisch
wie das Sein kein Denken ist, sondern das Andere der Natur. Der
Gegensatz, den Vernunft und Natur als Bestimmungen des Absoluten
bilden, ist wie beim Sein und beim Denken im intelligiblen Nous kein
absoluter Gegensatz, sondern ein relativer. Wäre er ein
absoluter, dann würden sich die beiden Bestimmungen in Urwesen
ausschließen. Dieser Ausschluß würde die Einheit des
Prinzips negieren, das die beiden Bestimmungen als vorausliegende
Einheit setzt.
Wie Plotin sucht Krause nach einer
Synthese zwischen den Differenzen. Während sie Plotin im Denkakt
findet, den er als Leben bestimmt und dem er die Funktion der
synthetischen Vereinigung Differenter zuweist, findet sie Krause in
einer dritten Potenz - der Menschheit. Die Menschheit ist die
synthetische Vereinigung, da sie die Vernunft und die Natur als
Einheit enthält. Die Idee der Vernunft ist eine rein ideale
Bestimmung, die der Natur eine rein reelle Bestimmung. Krause weiß,
und hier kommt seine Anthropologie ins Spiel, daß das Endliche
nur als Vereinigung von Idealität und Realität bestimmt
wird, denn jedes Wesen besteht einerseits aus einer geistigen Natur,
andererseits aus einem Leib. Analog zum strukturellen Aufbau der Idee
der Menschheit ist jeder einzelne Mensch ein synthetisches Wesen,
wenn er die differenten Bestimmungen von Vernunft und Natur am Ort
seiner Endlichkeit als Geist und Leib verbindet.
Vernunft und Natur bei Krause stehen
sich wie Sein und Denken im plotinischen Nouskonzept als dialektische
gegenüber. Zwar ist die Vernunft nicht die Natur und vice versa,
die Vernunft bedarf aber zu ihrer Selbstbestimmung der Natur.
Innerhalb der reinen Vernunft, aus der Krause alle Kategorien des
Denkens und die Denkoperationen wie den Beweis, das Urteil und den
Schluß erst ableitet, gibt es eine triadische Struktur. Jede
Potenz in Gott, d.h. nicht nur die Vernunft, sondern auch die Natur
und die Menschheit sind nach dem triadischen Prinzip aufgegliedert
und strukturiert. Am Anfang steht die These, ihr zur Seite die
Antithese und letztendlich - als die Verbindung von beiden - die
Synthese. Die Synthese ist ihrem Inhalt nach die reichste, denn in
ihr wird das Unterschiedliche so verbunden, daß das
Unterschiedene als Einheit gedacht wird. Einheit und Verschiedenheit,
Thesis und Antithesis werden letztendlich in der Synthesis
,aufgehoben'. Wenn weder die These noch die Antithese unvermittelt
nebeneinander bestehen, ist es das Ziel der krauseschen Dialektik,
das Unterschiedliche miteinander harmonisch zu versöhnen. Die
dritte Potenz - die Menschheit - versteht Krause als
synthetisch-harmonische Potenz des Absoluten. Sie spiegelt die
Mannigfaltigkeit des Absoluten in seiner Entäußerung wider
und erweist sich damit als die Bestimmung des Absoluten, in der sich
die Idealität und die Realität miteinander verbinden.
Strukturell gesehen wollen Plotin und
Krause dasselbe, denn beide streben nach einer Vermittlung von
Differentem. Während der intelligible Nous Plotins das
Differente als intelligible Reflexion vermittelt, begreift Krause die
Selbstvermittlung als Selbstmitteilung Gottes in die Welt hinein. Das
Differente ist nicht reflexiv immanent, d.h. nur als immanente
Selbstbestimmung zu begreifen, sondern als die Bedingung der
Offenbarung Gottes. Krause erweitert das Strukturmodell des Nous,
wenn er die Triadik und Dialektik als Entfaltungsweisen des Absoluten
begreift.
Schenkt
man den Selbstaussagen Krauses Glauben, dann übernimmt er die
Idee der intellektuellen Anschauung von Platon und Plotin, wenngleich
er an die Stelle des tradierten Anschauungsbegriffes einen
Neologismus - die Wesenschauung32
- setzt.
Krause
kritisiert am Begriff der intellektuellen Anschauung das Präfix
an, denn damit verbindet sich ein Angeschautes, das
gegenständlich vorgegebenen ist. Ist die intellektuelle
Anschauung ein Akt, der die Gegenständlichkeit bzw. die
Intentionalität auf ein anzuschauendes Gegenständliches
ausschließt, dann ist, so zumindest Krause, der Terminus
technicus - intellektuelle Anschauung - befremdlich, denn die
intellektuelle Anschauung ist als unmittelbare Schau nicht auf die
Objektwelt gerichtet, sondern auf das Absolute, das geschaut wird. In
Übereinstimmung mit dem Verständnis der intellektuellen
Anschauung bei Plotin ist die Schau bei Krause ein Akt intuitiver
Kontemplation. Sie ist aber nicht nur seliges Schauen oder Apathie
(Seelenruhe) wie bei Plotin, sondern Krause dient die Schau als
Grundlage der unmittelbaren Evidenz von Wissen, wenngleich sie als
indifferenter Vollzug nicht Wissen, sondern nur die Bedingung des
Wissens ist. Die Anschauung ist zeitlos, sie geschieht, bzw.
vollzieht sich im Augenblick. Sie ist weder reflexiv noch kann sie
mit den Mitteln der Vernunft gedeutet werden. Bestimmt man die
Indifferenz der Schau als formalen Vollzug eines intellektuellen
Anschauungserlebnisses, hinter das nicht zurückgegangen werden
kann, dann zeigt sich eine Parallele zwischen Plotin und Krause, denn
für beide ist die unmittelbare Vereinigung die höchste
Erkenntnis als Nichterkenntnis. Trotz dieser Gemeinsamkeit darf ein
Unterschied nicht übersehen werden. Dieser wird deutlich, wenn
man auf den Vollzug des Anschauungserlebnisses blickt. Plotin stellt
die intellektuelle Anschauung, die er einmal als absolutes
Anschauungserlebnis mit der noetischen Reflexion gleichsetzt und das
andere Mal als henotische Vereinigung und als Identifikationsakt mit
dem absoluten Einen begreift, an das Ende des Aufstieges zu Gott hin.
Sie ist das alleinige Telos der philosophischen Reflexion. Die
unmittelbare Identifikation als Berührung und Verschmelzung mit
dem überseienden Grund und Ursprung ist für Plotin die
höchste Form der mystischen Ekstase, die ein endliches Ich im
Akt der Selbsttransformation anstrebt. Wurde diese Identifikation
einmal erreicht, dann sucht das nichtreflexive Ich, dieses Erlebnis
immer wieder anzustreben. Wird die Identifikation mit dem Einen zum
Bestimmtheitsprinzip endlich-unendlicher Selbstauslegung, dann reicht
das Denken und das sogenannte "Überdenken" aus, um zum
Einen zu gelangen. Im Gegensatz zur Philosophie Krauses liegt das
Hauptaugenmerk Plotins nicht auf der Praxis, sondern auf der Theoria.
Die vita activa wird der vita contemplativa
subordiniert,33
denn das Subjekt will im transformativen Akt nicht seine Endlichkeit,
sondern nur seine Unendlichkeit bejahen, die ihm im
endlich-praktischen und moralisch-sittlichen Leben versagt wird. Die
vollkommene Freiheit stellt sich nicht in der Welt ein, denn diese
steht dem Ich als intelligible Welt, d.h. dem Ich als ein zum kosmos
intelligibilis dazugehörendes Wesen negativ gegenüber.
Plotin schreibt in V 1 dazu: "Wie nun in der Welt diese drei
genannten Wesenheiten vorhanden sind, so, muß man annehmen,
sind sie auch in uns vorhanden; ich meine nicht in uns als
Sinnendingen, denn jene Prinzipien sind transzendent, sondern in uns
sofern wir außerhalb des Sinnlichen sind, ,außerhalb' in
dem Sinne wie jene oberen Wesenheiten außerhalb des Weltalls
sind; so ist es auch beim Menschen, in dem Sinne wie Platon vom
,inneren' Menschen spricht. So ist denn auch unsere Seele ein
Göttliches und höheren Wesens, so beschaffen wie das
Gesamtwesen Seele; zu ihrer Vollendung aber gelangt die Seele, welche
den Geist in sich hat; der Geist aber scheidet sich in einen welcher
denkt und einen welcher das Denken verleiht."34
Sowohl
für Plotin als auch für Krause ist die intellektuelle
Anschauung oder die Wesenschauung ein spontaner Akt. Durch die
Rationalität wird dieses Anschauungserlebnis vorbereitet. Die
intellektuelle Anschauung ist ein Akt, der sich unmittelbar selbst
einstellt, sobald das Subjekt seine Rationalität aufgibt. Die
Schau ist als Sprung oder als Ereignis35
beschreibbar. Plotin und Krause verstehen unter dem Sprung nicht wie
beispielsweise Jacobi,36
einen Sprung vom Wissen in den Glauben hinein. Für beide steht
unter der erkenntnistheoretischen Prämisse fest, daß nur
die intellektuelle Anschauung Wissen überhaupt ermöglicht.
Krause bestimmt im Anschluß an die neuplatonische Tradition die
intellektuelle Anschauung als Prinzip des Wissens. Erreicht ein
Subjekt diese Schau, dann ist es auf der Höhe seines
spekulativen Wissens, selbst wenn es dieses Wissen noch nicht
versprachlichen kann. Die intellektuelle Anschauung ist kein Akt, den
der Mensch vollzieht, sondern vielmehr ein Akt, der ihm von Gott
zukommt.
Während für Plotin die
henotisch-intellektuelle und anschauliche Vereinigung mit dem Urgrund
ein transintellektueller Vollzug ist, begreift Krause die
Wesenschauung als einen Akt, der transzendentales Wissen überhaupt
erst ermöglicht, denn die Wesenschauung bleibt für Krause
nur ein Akt, der als Gewißheit zwar dem transzendentalen
Subjekt vorausliegt, es aber seiner transzendentalen Icherschließung
nicht beraubt, sondern diese in einem höchsten Wissenspunkt
setzt, aus dem sich heraus das transzendentale Ich Wissen erschließt.
Anders formuliert: Die Wesenschauung oder Gotteserkenntnis des
Menschen sichert diesem erst seine Selbsterkenntnis, da er sein
gesamtes Wissen nunmehr im Lichte der Prinzipienerkenntnis spiegelt
und dieses Prinzip seines Wissens anerkennt.
Die
Selbsterkenntnis, wie sie Krause versteht, und dies ist eine
Parallele zu Plotin, bedarf der Gotteserkenntnis, die Krause im
Anschluß an Plotin als objektive begreift. Die Gotteserkenntnis
ist objektiv, weil jedes Subjekt, das sich zu dieser Erkenntnis
erhebt, Gott als das Prinzip von allem schaut. Innerhalb seiner
lebensweltlichen und erkenntnisfähigen Ausrichtung vermag jedes
Ich sich denkend, dem Absoluten anzunähern. Die Wesenschauung
Gottes durch das Ich ist bei Krause wie bei Plotin ein transzendenter
Akt. Der Unterschied zwischen Plotin und Krause zeigt sich, wenn man
den Transzendenzbegriff untersucht. Für beide bleibt die
Transzendenzerkenntnis der höchste Akt, den das Ich erreichen
kann - soweit ihre Gemeinsamkeit. Für Krause ist die
Transzendenzerkenntnis Gottes nicht nur ein Akt, den jeder Mensch,
der sich auch tatsächlich auf den Weg zu Gott hin begibt,
erlangt, sondern zugleich ein Akt, der ihn seine Endlichkeit bewußt
werden läßt. Der Mensch transzendiert sich weder auf Gott
hin noch ist die intellektuelle Anschauung nur auf wenige Menschen
einzugrenzen. Krause entgeht letztendlich der Vorstellung von einem
exklusiven Gotteserlebnis, das Plotin nur den Auserwählten und
nur denen zugesteht, die die geheime Sonderlehre vom Einen
durchdrungen haben. Wenn für Krause der intellektuelle, d.h.
schauende Vollzug allen offen ist, zeigt sich ein weiterer
Unterschied zu Plotin. Krause bestimmt die Transzendenz als einen
Gedanken, der das "Ich überschreitend, und dabei
nichtsinnliche" ist,37
denn "er überschreitet das Ich (ist Transiten oder
transcendent), weil wir behaupten, daß die unendliche Natur
selbständig da ist, unabhängig vom Ich".38
Mit dieser Bestimmung der Transzendenz folgt Krause mit Sicherheit
Plotin. Er setzt sich aber von diesem ab, wenn er schreibt:
"[...] so finde ich, daß der Gegenstand dieses Gedankens keineswegs als vom Ich alleinige (isoliert) gedacht wird, sondern daß das Ich in diesem Gedanken zwar sich selbst übersteigt, aber dann auch zum Ich wieder zurückkehrt (refcendiert). Dieses Verhältniß des Transcendenten zum Immanenten hat in neuerer Zeit vorzüglich Kant betrachtet, und hat für das zuletzt erklärte Verhältnis sich des Ausdruckes des Transcendentalen bedient, also das Transcendente vom Transcendentalen so unterschieden, daß das Transcendente das rein Aeußere, das Ich Uebersteigende ist, daß Transcendentale aber in unserm Erkennen das Aeußere ist in wesentlicher Beziehung zum Innern. So ist z. B. nach Kant der Gedanke: Gott, ansich rein transcendent; wenn aber der Mensch sich seiner Sittlichkeit bewußt wird, daß für die sittliche Freiheit vorausgesetzt wird ein unendliches, unbedingtes, sittliches Wesen, das ist Gott als heiliges Wesen, so wird nach Kant, Gott nicht unmittelbar transcendent, sondern transcendental, d. h. in wesenlicher Beziehung zu dem Ich selbst und zu seiner Selbsterkenntnis des Ich, gedacht."39
Krause,
dies wird durch das Zitat bestärkt, bezieht die
Transzendenzerkenntnis zugleich auf ein transzendentales Ich. Die
Wesenschauung als Transzendenzerlebnis ist ein Akt, indem sich das
Ich Gott übergibt, zugleich sich dieses Gottes als Ich
versichert.
Plotin
und Krause begreifen die intellektuelle Anschauung als Erweiterung
des Wissens. Die Frage, die sich hier stellt, ist die folgende:
Handelt es sich um eine qualitative oder um quantitative
Wissenserweiterung? Wenn die intellektuelle Anschauung das sinnliche
Wissen überschreitet, ist sie ein qualitativ
höherwertiges Wissen. Die qualitative Sonderstellung der
intellektuellen Schau betonen beide Denker. Plotin interpretiert das
in intellektueller Anschauung Geschaute als ein
qualitativ-quantitativ höherwertiges Wissen, das sich radikal
vom endlichen Wissen unterscheidet. Krause versteht im Gegensatz zu
Plotin die Schau nicht als quantitative Erkenntniserweiterung. Durch
die Wesenschauung wird nichts erkannt, was nicht schon durch die
unmittelbare und mittelbare Erkenntnis des Subjektes gewußt
wird. Die Wesenschauung ist keine quantitative Wissenserweiterung,
durch die die Gesamtheit des Wissens auf qualitativ höherer
Ebene, wie z. B. durch die Nouserkenntnis, gegeben wäre.
Qualitative Erkenntnis, so Krause, ist nur gesicherte Erkenntnis von
einem Prinzip des absoluten Wissens aus.
Krause moniert, wenn man seine
Schriften zur Philosophiegeschichte analysiert, immer wieder die
Einseitigkeit der philosophischen Reflexion. Entweder geht die
philosophische Reflexion, wie im Falle der antiken Philosophie, von
Gott aus und deduziert die Welt aus diesem, wobei sie das
transzendentale Subjekt übergeht. Oder die Metaphysik dient -
wie im Falle Kants - nur noch als hypothetisches Ideal in praktischer
und religiöser Hinsicht. Krause will die philosophischen Extreme
verbinden, denn nur so sieht er den kosmologischen Universalismus
gewahrt. Er will den spekulativen und den objektiven Idealismus
versöhnen. Hierbei geht Krause einen eigenständigen Weg.
Wenn
Krause im "System der Philosophie" von 1828 die
analytische Methode vorstellt, unter der er den Aufstieg des Menschen
zu Gott hin begreift, widmet er sich im "Urbild der
Menschheit" 1811 der deduktiven Explikation des Absoluten.
Beide Wege - der Aufstieg zu Gott und der Abstieg Gottes in die Welt
hinein als die Offenbarung desselben -, werden von Krause in seinem
System gleichermaßen berücksichtigt. Das Theorem vom
Abstieg verbindet ihn mit antiken Spekulationen, mit dem
Aufstiegstheorem steht er in der Tradition von Descartes und Kant.
Nun stehen sich Abstieg und Aufstieg,
so Krause, solange unvermittelt gegenüber, solange sie
nebeneinander stehen. Zu einer Verbindung zwischen Analyse und
Deduktion kommt es erst, wenn sich der Mensch als einheitliches
Wesen, d.h. als transzendentales Wesen einerseits und als in Gott und
durch Gott begründetes Wesen andererseits erkennt. Sowohl die
Selbsterkenntnis als auch die Gotteserkenntnis bieten die Gewähr
für eine Orientierung am Göttlichen.
Krause
versteht im Anschluß an Platon und Plotin das Göttliche
als das Gute, ja als das höchste Gut. Die Realisierung
dieses höchsten Gutes ist der Inhalt und das Ziel aller
Regionalphilosophien. Unter Regionalphilosophie versteht Krause ein
eigenständiges Wissenschaftsgebiet innerhalb der Philosophie.
Erkenntnistheorie, Ethik und Moral, Religion, Ästhetik, Recht u.
ä. sind eigenständige Wissenschaften, die aus der Einen
Wissenschaft - der Metaphysik oder "Grundwissenschaft"
abgeleitet werden. Nicht nur die Potenzen werden aus dem Absoluten
abgeleitet, sondern auch die Wissenschaften. Jeder Wissenschaft
entspricht ein Attribut oder eine Eigenschaft Gottes, denn Gott ist
die Gutheit, die Religion, die Schönheit, das Recht u.ä. In
der Erkenntnistheorie wird sich dem Absoluten auf dem Wege der
Einbildungskraft, des Verstandes und der Vernunft genähert, bis
das Absolute in intellektueller Anschauung erkannt wird. In der Ethik
und Ästhetik fungiert das Absolute als das transzendentale Ideal
der Annäherung. Diese endet nicht im mystischen Sich-Verlieren,
sondern wenn sich der Mensch als zeitliches und endliches Wesen dem
Göttlichen annähert.
Die
Erkenntnis Gottes denkt Krause nicht wie Plotin als das Ende der
spekulativen Selbstüberschreitung der Vernunft, sondern als
Ausgangspunkt praktischen Handelns und Lebens. In concreto bedeutet
dies: wird Gott erkannt, dann ist das Subjekt verpflichtet, sittlich
zu handeln. Die sittliche Selbstbestimmung orientiert sich dabei an
der Idee Gottes als höchstem Gut. Krauses Sittenlehre
zählt zu den stärksten Teilen seines philosophischen
Programms. Gerade in der Sittenlehre erweist sich Krause als echter
Nachfolger und Vollender des kantischen Systems, wie er selbst
behauptet. Krause erweitert den Formalismus der Ethik Kants durch
eine Güterlehre, denn "Wesen ist das Gute, und das Gut:
oder: Gott ist das Eine Gute und das Eine Gut; auch: Gott ist das
unendliche, unbedingte Gute, und das unendliche, unbedingte, Gut;
oder auch: Gott ist das einzige Gute und das einzige Gut. Man pflegt
diese Schauung gewöhnlich so zu bezeichnen: Gott ist das höchste
Gute und das höchste Gut [...]".40
Für
Krause wie für Plotin spielt die Gotterkenntnis eine wichtige
Rolle. Dennoch unterscheiden sich beide, wenn man darauf schaut, wie
diese Erkenntnis umgesetzt wird. Plotin rückt Gott als höchstes
Gut in die Nähe seiner metaphysischen Erkenntnislehre, denn die
Annäherung an das höchste Gut wird nur vom rein sich
an der intelligiblen Wirklichkeit ausrichtenden Erkenntnissubjekt
erreicht. Krause betrachtet, wenn man seiner Sittenlehre folgt, die
Erreichung des höchsten Gutes nicht so sehr unter der Prämisse
der rationalen, sondern der sittlichen Vernunft, die dem endlichen
Ich gebietet, sich als sittlich-moralisches dem absoluten Grund
anzunähern. Der Mensch soll nicht mit Gott zusammenfallen, wie
es Plotin fordert, sondern die Idee Gottes in der endlichen Welt
abbilden.
Um
rein sittlich zu handeln, benötigt man, so Krause, einen
Imperativ. Diesen bestimmt er in der Nachfolge Kants als
kategorischen. Der kategorische Imperativ als
synthetisch-apriorischer Satz, den Krause mit den folgenden Worten
beschreibt: "Wolle du selbst und tue das Gute als das Gute"
betont die sittliche Lebenspraxis des Menschen und seine Bestimmung,
das Gute als das Gute zu tun. Die Idee des höchsten
Gutes, so die Auffassung Krauses, soll lebenspraktisch eingeholt und
nicht jenseits des Lebens erlangt werden.
Auch
in den plotinischen Enneaden findet sich ein Imperativ. Der
Imperativ Plotins lautet: "Aphele panta" (Tu alles weg).
Krause kann Plotin zustimmen, da es sich bei Plotins Imperativ um
einen Satz handelt, der nicht aus der Empirie entlehnt ist, er teilt
die Radikalität des "Aphele panta" jedoch
nicht, da durch den Imperativ die Loslösung von der sittlichen
Handlung geboten wird. Genaugenommen fordert der Imperativ Plotins
dazu auf, alle Handlungen, die sittlichen eingeschlossen, in die
reine Schau aufzuheben. Plotin schreibt: "[...] vielmehr tu alle
andern Dinge fort, wenn du Ihn aussagen oder Seiner innewerden
willst. Wenn du nun alles fortgetan hast, dann suche nicht danach,
was du Ihm beilegen könntest, sondern danach, ob du vielleicht
etwas noch nicht von ihm fortgetan hast in deinem Denken".41
Krause
dagegen geht es um eine Veränderung der sittlichen Welt, die nur
zum Tragen kommt, wenn das sittliche Gesetz befolgt wird, denn das
Sittengesetz ist die bleibende und unveränderliche Grundlage des
praktischen Bewußtseins, das sich dieses Gesetz auferlegt.
Plotin fordert, daß das endliche Ich diesen kategorischen
Imperativ so gebraucht, daß es ihm hilft, seiner endlichen
Lebenswelt zu entfliehen. Die praktische Ethik wird hinfällig.
Die Idee des höchsten Gutes soll nicht transzendental,
sondern transzendent eingeholt werden. Die Ethik Plotins dient nur
als Voraussetzung der sittlich-intelligiblen Läuterung und
erhält nur in diesem beschränkten Rahmen Bedeutung. Die
sittliche Handlung wird dem intelligiblen Wissen untergeordnet, denn
im intelligiblen Kosmos ist Handeln unmöglich.
Eine
Parallele zwischen beiden zeigt sich, wenn man die Trias von
In-sich-Bleiben, Ausgang und Rückkehr reflektiert. Die Trias
geht nicht auf Plotin, sondern auf Proklos zurück. Wenngleich
sie Plotin nicht begrifflich und systematisch ausgearbeitet hat,
bedient er sich ihrer schon vor Proklos. Krause greift sie auf, um
die Annäherung an das Absolute als den Weg des Menschen zu Gott
zu begreifen. Zwar findet sich im krauseschen Gesamtwerk nicht der
griechische Terminus Anagogé, jedoch scheint Krause, wenn er
vom erotischen Streben spricht, dasselbe zu meinen wie Plotin, denn
die Liebe des Menschen zu Gott ist die Voraussetzung der Annäherung.
In der Liebe, besser: durch die Liebe wird Differentes miteinander
verbunden. Mit der Bestimmung der Liebe als eines Vollzuges erweitert
Krause die rein erkenntnistheoretische Annäherung durch ein
Gefühl. Auch bei Plotin, dessen Philosophie vom rationalen
Bestimmungen getragen ist, spielt die Emotionalität des Fühlens
eine Rolle, denn im transrationellen Akt ist der Mensch als
intellektuell fühlendes Wesen auf das Eine bezogen. Das Gefühl,
von dem Plotin und Krause sprechen, ist nicht das sinnliche Gefühl,
das vom Gegenstand und von den Affektionen der Sinnlichkeit
pathologisch affiziert wird, sondern das Gefühl ist
intellektueller Natur. Wenn dieses Gefühl nicht an die unteren
Vermögen, d.h. an die Einbildungskraft und die Wahrnehmung
gebunden ist, ist es ein geistiges Fühlen, das sich von der
gegenständlich-sinnlichen Objektwelt löst. Plotin und
Krause - eine weitere Affinität - vereinseitigen den Menschen
nicht nur auf seine Rationalität, selbst wenn sich in den
"Enneaden" eine Vielzahl von Belegstellen finden läßt,
die den Anschein einer gegenteiligen Position erwecken, sondern sie
begreifen den Menschen als ein einheitliches und als ein
ganzheitliches Wesen. Plotin, so schreibt Krause, hat die
Ganzheitlichkeit des Menschen richtig erfaßt: "Nach
Plotinos ist alle echte Erkenntnis Gotterkenntnis. ,Die Seele wird
Gottes nicht bloß im Schaun und Denken, sondern im ganzen
ungeteilten Gemüte als ganzes Wesen in wahrer Gegenwart [...]
inne.' Mehrere Stellen des Plotinos zeigen, daß er es
eingesehen hat, daß die Gotteserkenntnis des endlichen Geistes
nur eine der besonderen Weisen ist, in den derselbe der wesentlichen
Gegenwart Gottes in ihm inne ist."42
Was
ist unter In-sich-Bleiben (Verharren), Ausgang und Rückkehr zu
verstehen und welche Parallelen gibt es zwischen Plotin und Krause?
Für beide Denker ist das Absolute der unveränderliche
Grund. In der Selbstexplikation wird Gott nicht minimiert, d.h. seine
Transzendenz besteht weiter, selbst wenn er sich in die Welt hinein
offenbart. Das Eine und Orwesen bleiben in sich. Als Urwesen,
Vernunft, Natur und Menschheit und als Nous und Weltseele geht Gott
aus sich heraus. Der Ausgang Gottes ist die Offenbarung desselben.
Auf die Entfaltung antwortet der analytische Aufstieg des Menschen zu
Gott hin. Die Rückkehr oder die Annäherung an den
göttlichen Ursprung ist dem Menschen möglich, so Plotin,
weil er zur intelligiblen Welt als intelligibles Vernunftsubjekt
dazugehört. Die drei Hypostasen, so bemerkt Plotin in der
Enneade V 1 "Über die drei ursprünglichen
Wesenheiten", gehören zum Wesen des Menschen, der dann
an der intelligiblen Wirklichkeit partizipiert, wenn er sich auf die
göttlichen Wesenheiten ausrichtet. Die Möglichkeit, sich
auf diese Hypostasen auszurichten, wird durch die Immanenz der Seele,
des Nous und des Einen im Menschen ermöglicht. Sobald sich der
einzelne Mensch auf seine ihm eigene Intelligibilität richtet,
steht er in Beziehung zum absoluten Einen, das sich als Macht in ihm
äußert. Der Mensch seinerseits partizipiert an den
einzelnen Hypostasen.
Auch
Krause denkt den Aufstieg zu Gott hin als einen Prozeß, der
ohne die Teilhabe des Menschen an der Idee Gottes unmöglich
wäre. Durch die Präsenz Urwesens im Menschen ist der Mensch
mit dem Absoluten verbunden. Er hat nicht nur am Absoluten Anteil,
sondern das Absolute als omnipotentes und omnipräsentes Wesen
ist in ihm als endliches Wesen. Er wird sich der Präsenz
Urwesens in sich bewußt, wenn er sich als sittlich-moralisches,
religiöses, ästhetisches und rechtliches Subjekt auf das
Absolute bezieht. In Übereinstimmung mit Plotin schreibt Krause:
"Das Eine, Gott, ist allgegenwärtig, in ihm sind und atmen
wir; Gott ist das Vollkommene, das Urbild und der eine Zweck der
Dinge, die nur durch Gott sind, leben und bestehen und vollkommen
werden können."43
Die Rückkehr zu Gott sieht Krause ähnlich wie Plotin als
Angleichung an den Grund. Ähnlich wie bei Plotin gelingt die
Annäherung nur, weil Gott als Urgrund in allem präsent ist
und das gesamte Seiende auf sich bezieht. Ein Unterschied zwischen
Plotin und Krause wird deutlicher, wenn man die Annäherung
analysiert. Bei Plotin kommt das Sich-Gott-Annähern erst zur
Ruhe, wenn sich das liebende und strebende Ich mit dem Einen
identifiziert. Der transzendente Regreß in den überseienden
Urgrund hinein ist das Ziel des Aufstieges. Auch Krause spricht, wenn
er von einer liebenden Annäherung redet von Vereinigung. Die
Vereinigung, die Krause im Blick hat, ist keine mystische
Identifikation, sondern die Vereinigung von Unendlichem und
Endlichem. Der Mensch vereinigt sich mit Gott als endliches Wesen und
nicht als intelligibles und weltfremdes Wesen. Der liebende Mensch
vereinigt sich nicht mit Gott, wenn es seine Endlichkeit dazu
aufgeben muß. Analysiert man, was Krause unter Vereinigung
versteht, dann zeigt sich, daß Krause unter Vereinigung das
harmonische Wechselspiel zwischen Geist und Leib begreift. Sowohl der
Geist als ein Teil der unendlichen Vernunft als auch der Leib als ein
Teil der unendlich-endlichen Natur werden aus Gott abgleitet. Sie
sind als Bestimmungen oder unterschiedliche Erscheinungsformen der
unterschiedlichen Potenzen in Gott anzusehen. Der Geist des Menschen
steht nicht über dem Leib, denn der Geist ist nicht würdiger
oder wertvoller als der Leib. Die Annäherung an den Grund
schließt die leibliche Vollendung mit ein, genauer: der Mensch
bedarf seiner Leiblichkeit um sich Gott anzunähern. Die
Leiblichkeit, genauer: einen Leib zu haben, gehört für
Krause zur Wesensbestimmung des Menschen. Würde er diesen
negieren, um sich als rein intellektuelles Wesen dem Absoluten
anzunähern, destruierte der Mensch seine Bestimmung, ein
geistig-leibliches Bild oder Ebenbild Gottes zu sein. Die
Bildlichkeit, genauer: die "Gottähnlichkeit", die
zugleich Güte, Tugend, Schönheit und Leben ist, soll im
endlichen Leben erlangt werden.
Im Gegensatz zu Krause versteht Plotin
unter Vereinigung eine rein intelligible Verbindung, die die
Abstraktion von der Leiblichkeit voraussetzt. Den Leib und seine
Bedürfnisse klammert Plotin aus dem Aufstiegsprozeß aus.
Krause dagegen begreift die Vereinigung als das Aushalten der
Differenz zwischen Geist und Leib.
Krause
pflichtet Plotin bei, da er dem Geist im Aufstiegsprozeß eine
Leitfunktion zuerkennt. Der Geist soll den Menschen als ganzen
bestimmen. Nur so ist es möglich, daß sich der Mensch
nicht an den niederen Bestimmungsgründen ausrichtet. Die Willkür
des Menschen soll durch den sittlichen Willen begrenzt und
eingeschränkt werden, d.h. der Mensch soll sich nicht an seinen
eigenen und egoistischen Bedürfnissen orientieren, sondern durch
den Geist zur Anerkennung der Idee Gottes geführt werden. Krause
schreibt: "Es ist vielleicht überflüssig, daß
ich es ausdrücklich bemerke, daß hier nicht von dem mit
dem Leben des Geistes verbundenen leiblichen Leben, die Rede ist,
sondern von dem Leben des Ich als Geistes, von dem innern
Selbstbestimmen des ganzen Ich zum Guten nach dem Sittengesetze."44
Auf der vorhergehenden Seite heißt es: "Diesen ganzen
Zustand des Ich nun nennen wir die Sittlichkeit, und diese bleibende
Selbstbestimmung nur das Gute zu verwirklichen, nennen wir die
sittliche Gesinnung, und sofern das Ich in dieser Gesinnung seine
Zeitreihe gestaltet, nennen wir es tugendhaft, und diesen bleibenden
Zustand die Tugend. Daraus folgt, daß das Gesetz des Guten und
das Gesetz der Sittlichkeit und der Tugend ist, oder das
Sittengesetz."45
Wenn Plotin im anagogischen Aufstieg zum Einen die praktische
Sittlichkeit aufgibt, begreift Krause den Aufstieg unter einer
sozialphilosophischen Prämisse. Der Mensch soll sich mit den
anderen Wesen zu einer großen Gemeinschaft zusammenschließen.
Diese Gemeinschaft kann dann als das Reich Gottes auf Erden
verstanden werden. Der Aufstieg zu Gott kommt, so Krause, daher nicht
an sein Ende, wenn sich das Ich von aller Irdischkeit befreit, selbst
wenn es als weltbeschränktes, d.h. endliches und bestimmtes
Wesen "mit Begierden befleckt ist",46
sondern wenn es seine Irdischkeit bejaht. Den Anderen als
selbständiges Wesen grenzt Krause nicht wie Plotin aus. Der
Aufstieg zu Gott, so Krause, setzt die Erkenntnis der anderen Wesen
und die sittliche Vereinigung mit diesen voraus. Der Solipsismus
prägt die Ethik Plotins. Man muß "also zurückgehen
[...] auf das Eine und zwar auf das wahrhaft Eine, das nicht in der
Weise Eines ist wie alles andere, das Vieles ist und nur durch
Teilhabe an dem Einen Eines - man muß aber das Eine selbst
erfassen, das nicht durch Teilhabe Eines ist und nicht ebensosehr
Vieles wie Eines [...]",47
Die stoische Autarkieethik Plotins ist mit dem Denksatz Krauses nicht
zu verbinden. Kurzum: Der Unterschied zwischen Plotin und Krause ist
der folgende: Gerade im Umfeld ethischer Überlegungen wird für
Plotin das Eine zum Bezugspunkt des Aufstieges, wobei der Vereinigung
eine transzendente Verlagerung der Subjektivität in das Eine
vorausgeht. Krause lehnt den transzendenten Regreß vor dem
Hintergrund seines transzendentalen Ansatzes ab. Zwar ist Urwesen der
transzendente Grund, diesem transzendenten Grund kann sich aber nur
transzendental angenähert werden. Nicht die Identifikation mit
dem Grund, sondern die Idee Gottes als ethisches Ideal reicht Krause
für die Annäherung aus. Der Mensch soll nicht wie Gott
werden, er soll sich nur als dessen getreues Bild entwerfen. Ist er
ein getreues Bild Gottes, dann ist er schon auf dem Wege zu Gott,
denn er verbindet die aus Gott herausgesetzten Potenzen der Vernunft
und der Natur zuerst in sich selbst. Gelingt ihm dies, dann hat er
die Voraussetzung, sich auf die anderen Wesen zu richten, um mit
ihnen gemeinsam die Idee der Menschheit als einer universalen
Weltgemeinschaft zu realisieren.
Sicherlich
überschätzt Krause Plotin, wenn er in einer
Wissenschaftsgeschichte behauptet, daß dieser ein
Gesellschaftsideal vor Augen gehabt hätte. "Daher nahm er
die Idee des Pythagoras, eine vollkommene menschliche Gesellschaft
gemäß den Lehren der Wissenschaft zu gründen, wieder
auf und faßte den Entschluß, eine ihm von Kaiser
Gallienus überlassene verwüstete Stadt in Kampanien, mit
kaiserlicher Unterstützung, wiederaufzubauen und mit deren
Bewohnern Platons Ideen vom Staate zu verwirklichen, daher er sie
Platonopolis nannte [...]".48
Es ist sicher, daß der späte Plotin einen kleinen Staat
gründen wollte, der die Ideen Platons in die Wirklichkeit
umsetzen wollte. Diese Idee ist, wenn man die Enneaden
analysiert, nicht mit Plotins Metaphysik des Einen zu verbinden, da
es Plotin um eine individualistische Ethik ging. An dieser Stelle
stellt sich die Frage: hat Krause die Enneaden gelesen? Wenn
Krause die Philosophie Plotins in ihren Grundzügen - auf gut
drei Seiten - wiedergibt, erscheint es mir unwahrscheinlich, daß
Krause Plotin im Orginal gelesen hat. Sein Plotinexzerpt läßt
darauf schließen, daß er seine Plotinkenntnisse den
gängigen Philosophiegeschichten von Tiedemann, Tennemann und
Brucker verdankt. Gegen ein reines Sekundärstudium Plotins
scheint jedoch zu sprechen, daß Krause Plotins Denken nicht -
wie einige Theoretiker der Philosophiegeschichte - als Schwärmerei
und Phantasterei abwertet, sondern als wissenschaftliche "Erkenntnis
Gottes" begreift49,
denn "Plotinos betrachtete sehr tief und genau den Geist und
besonders genau das Erkenntnisvermögen, daher in seinen
Schriften die Erkenntniswissenschaft, die Logik, in vieler Hinsicht
weitergebracht wird".50
Zum
Abschluß unserer Annäherung an "Plotin und Krause"
soll die Stellung und die Bedeutung des Bösen zur Sprache
kommen. Sowohl Plotin als auch Krause begreifen das Böse nicht
ontologisch. Plotin ordnet das Böse der Materie - dem
ontologischen Nichts - zu. Krause versteht das Böse als
Verkehrung der guten Maxime sittlicher Selbstbestimmung. Böse,
so Krause, wird der Mensch erst, wenn er sich nicht für das Gute
entscheidet. Insofern für beide Denker das Böse eine
Nichtbestimmung ist, ist das Böse nicht als Prinzip zu bestimmen
- wie im gnostischen Denken -, sondern als eines, dessen Macht
ausgelöscht wird, wenn sich der Mensch auf das Gute (Krause)
oder auf seine intelligible Welt (Plotin) bezieht. Plotin bestimmt
das Böse als Seinsmangel, Krause hingegen als Willkür, denn
das Böse ist "das Unsittliche, unsittlich Schlechte".51
"Das Wesenwidrige, das ist das Uebel überhaupt und das Böse insonderheit, hat sein Gebiet nur im Leben vollendet=endlicher Wesen, also nur im Zeitlichen, und ist in keiner Hinsicht an dem Einen selben Leben Wesens, noch an dem Leben Wesens = als = Urwesen, noch an dem Leben der obersten in ihrer Art unendlichen Grundwesenheiten in Wesen. Es gilt also das Wesenwidrige oder das Uebel durchaus nicht von Wesen, als dem Einen, selben, ganzen Wesen, noch von Gott als Urwesen. Das Wesenwidrige ist zwar von Wesen, als eine Wesenheit des endlichen Lebens vollendet=endlicher Wesen, an und in deren Endlichkeit auf unzeitliche Weise mitverursacht, aber weder auf unbedingte und unendliche Weise, noch auf urwesenliche Weise, sondern nur auf ewigzeitliche Weise: ferner ist das Wesenwidrige invon Gott durchaus nicht selbwesenlich oder unmittelbar, sondern nur gegenselbstwesenlich und mittelbar verursacht, so daß das invon Wesen ewigverursachte Wesenwidrige nicht als Selbstbewegliches fürsich besteht, nicht selbständig ist, sondern nur an und in dem selbständigen Lebwesentlichen, das ist nur an und in dem Guten."52
Das Zitat unterstreicht, daß das
Böse unselbständig ist. Krause geht noch einen Schritt
weiter. Wenn das Böse keine Substanz, sondern nur eine Akzidenz
sein kann, ist es der Möglichkeit nach in Gott. Es ist in diesem
nicht als Böses, denn dann wäre das Böse von Gott
verursacht, sondern weil es am Guten ist, ist es selbst gut. Auf die
schwierige Ableitung des Bösen aus Gott können wir hier
nicht näher eingehen.
Beide Denker stimmen überein, wenn
sie das Böse als weltliche Erscheinung begreifen, denn das Böse
ist eine Wirklichkeit und gehört in die endliche Welt hinein.
Der Mensch, so Plotin, wird böse, wenn er sich als endlich
menschliches Wesen allein an der materiellen Wirklichkeit orientiert.
Verabsolutiert der Mensch seine leiblichen Begierden, wird das Böse
Wirklichkeit,
"da die Seelen nun sich selbst nicht und Jenen [das Eine, Herv. S. G.] nicht mehr sahen, achteten sie sich selbst gering aus Unkenntnis ihrer Herkunft, achteten aber das Andere hoch, hatten vor allem mehr Respekt als vor sich selbst, waren von dem Andern hingerissen, staunten es an, hängten daran, und so rissen sie sich soweit als möglich los von dem, dem sie geringschätzig den Rücken gekehrt hatten. Somit ergibt sich, daß der Grund für das gänzliche Vergessen jenes Oberen die Hochachtung vor dem Irdischen und die Mißachtung ihrer selbst ist. Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben durch diese Bewunderung und dies Nachjagen ein, ihm unterlegen zu sein; indem es sich aber selbst für geringer schätzt als die Dinge die da werden und vergehen, indem es sich für unwerter und sterblicher als alle die Dinge hält die es hochschätzt, kann es niemals den Gedanken von Gottes Wesen und Kraft erfassen".53
Krause
folgt Plotin, da er die Existenz des Bösen mit dem Nicht- bzw.
Unwissen in einen Zusammenhang bringt. Wenn ein Mensch nicht weiß,
was das Gute ist, obwohl dieses Gute in ihm ist, handelt er unter
Umständen böse. Absolut böse handelte er dann, wenn er
weiß, was das Gute ist, dem er sich bewußt
entgegenstellt. Im Gegensatz beispielsweise zu Kierkegaard, der die
bewußte Verfehlung theologisch als Sünde vor Gott
begreift, geht Krause davon aus, daß der Mensch, der um das
Gute weiß, auch wenn er nicht danach handelt, nicht sündigt,
da ihm die Erkenntnis des Guten letztendlich, so der Optimismus
Krauses, nur in eine Richtung führt, nämlich zum
Guten. Die Erkenntnis des Guten schließt die Bestimmung zum
Bösen aus.
Das Böse, und hierbei stimmen
Plotin und Krause überein, ist schon überwunden, wenn das
Gute gewußt wird. Für beide, und dies ist eine weitere
Gemeinsamkeit, ist der Aufstieg zum Absoluten nur möglich, wenn
der einzelne Mensch das Gute verwirklicht und nach dem Guten strebt.
In beiden Philosophien steht der Bezug zum Absoluten im Mittelpunkt,
wenngleich sich der Weg zu diesem hin unterscheidet. Bei Plotin
berührt das schauende Ich den Grund und identifiziert sich im
unmittelbaren Augenblick des Schauens mit diesem. Bei Krause wird die
Idee Gottes als Urwesen zum Vorbild der sittlichen, religiösen,
ästhetischen und rechtlichen Lebensbestimmung.
Trotz des unterschiedlichen
Philosophieansatzes gibt es eine Vielzahl von Berührungspunkten
zwischen Plotin und Krause. Die Deduktion der Welt aus Gott und der
Aufstieg der einzelnen Wesen zu Gott finden sich bei beiden Denkern.
Für beide steht das Prinzip der Einheit im Mittelpunkt, das sie
als Voraussetzung der Vielheit begreifen. Das vielheitlich Seiende
vermag nur als einheitliches existieren. Trotz der hervorragenden
Stellung, die beide der Einheit in ihren Systemen zuweisen, bedarf es
der Differenz, durch die die Entfaltung Gottes in die Welt hinein
möglich wird. Krause antwortet auf die aus der
Philosophietradition Platons und Plotins stammende Frage nach Einheit
und Vielheit mit seinem panentheistischen Denken. Eines und Alles
stehen sich nicht als konträre Pole gegenüber, sondern sie
sind aufeinander bezogen.
Wenn sich die Einheit in der Vielheit
darstellt und die Vielheit als Einheit, sprechen beide Denker von
Harmonie. Nicht nur die göttliche Weltordnung ist harmonisch,
sondern der endliche Kosmos ist ein harmonisches Ganzes, das dem
göttlichen Kosmos nachgebildet ist. Jedes einzelne Teil
repräsentiert das Ganze, im Ganzen sind alle Teile miteinander
so verbunden, daß ihre Selbständigkeit und Individualität
gewahrt wird.
Beide
Denker verstehen sich als Wissenschaftstheoretiker. Dies wird
deutlich, wenn Krause Plotins "Begriff der Philosophie" am
Ende seiner Referates über Plotin zusammenfaßt: "Sie
ist die in reiner Vernunft geschöpfte Wissenschaft von Gott als
dem Einen, zugleich als dem einen Sachgrunde und Erkenntnisgrunde,
welches das Erkennende und das Erkannte zugleich ist, und die
Wissenschaft von der Welt und allen Dingen als in und durch Gott. Sie
gibt dem Menschen Anleitung zur Tugend, das ist, zur Gottähnlichkeit
im Leben, wodurch die geeinigten Seelen zur Vereinigung mit Gott
gelangen."54
Krause nimmt neuplatonisches Denken auf
und integriert es in seine Transzendentalphilosophie. Wenngleich sich
der späte Krause intensiver mit dem Kritischen Idealismus Kants
auseinandersetzte, geht er mit seiner Metaphysik über diesen
hinaus, denn er sucht nach einer Synthese zwischen traditioneller
Metaphysik und Transzendentalphilosophie, ohne die Errungenschaften
der Aufklärung zu verwerfen. Eine Philosophie vom Ich und die
Ableitung desselben aus Gott widersprechen sich bei Krause nicht, da
er die Transzendentalphilosophie und die Metaphysik auf zwei
unterschiedlichen Wegen entwickelt. Der eine geht von Gott aus, der
andere vom Ich.
Plotins Schriften. Übers. v. R. Harder. Neubearbeitung mit griechischem. Lesetext u. Anmerkungen, Bd. I-VI (ab Bd. II fortgeführt v. R. Beutler und W. Theiler), Hamburg 1956-1971.
Vorlesungen über das System der
Philosophie, Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Göttingen
1828 mit einem neuen Vorwort und Anmerkungen von S. Pflegerl,
Breitenfurt 1981.
Vorlesungen über die
Grundwahrheiten der Wissenschaft zugleich in ihrer Beziehung zum
Leben, nebst einer kurzen Darstellung und Würdigung der
bisherigen Systeme der Philosophie, vornehmlich der neuesten von
Kant, Fichte, Schelling und Hegel, und der Lehre Jacobi's, Dritte
vermehrte und vielfach verbesserte Auflage, hg. v. A. Wünsche,
Leipzig 1911.
1
Literatur in Auszügen: Beierwaltes, W., Denken des Einen,
Studien zur neuplatonischen Philosophie und ihrer
Wirkungsgeschichte, Frankfurt/Main 1985; Platonismus und Idealismus,
Frankfurt/Main 1972; Identität und Differenz, Frankfurt/Main
1980; Plotin, Geist - Ideen - Freiheit, Enneade V 9 und VI 8,
Einleitung, Bemerkung zu Text und Übersetzung, bibliographische
Hinweise, Hamburg 1990; Selbsterkenntnis und Erfahrung der Einheit,
Plotins Enneade V 3, Text, Übersetzung, Interpretation,
Erläuterungen, Frankfurt/Main 1991; Platonismus im Christentum,
Frankfurt/Main 1998.
2
Literatur in Auszügen: Halfwassen, J., Der Aufstieg zum Einen,
Untersuchungen zu Platon und Plotin, Stuttgart 1992. Ders.,Geist und Selbstbewußtsein, Studien zu Plotin und
Numenios. Abhandlung der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der
Literatur, Jg. 10, Stuttgart 1994. Ders.,Idee,
Dialektik und Transzendenz, Zur Platondeutung Hegels und Schellings
am Beispiel ihrer Deutung des Timaios, in: Platon in der
abendländischen Geistesgeschichte. Neue Forschungen zum
Platonismus, Hg. v. T. Kobusch und B. Mojsisch, Darmstadt 1997, S.
193-209. Ders.,Hegel und der spätantike
Neuplatonismus, Untersuchungen zur Metaphysik des Einen und des Nous
in Hegels spekulativer und geschichtlicher Deutung, Bonn 1999.
3
Horn, Chr., Plotin über Sein, Zahl und Einheit, Eine Studie zu
den systematischen Grundlagen der Enneaden, Stuttgart und Leipzig
1995.
4
Baumgartner, H.M., Die Bestimmung des Absoluten, Ein
Strukturvergleich der Reflexionsformen bei J.G. Fichte und Plotin,
in: ZphF 35 (1981), S. 321-342.
5
Literatur in Auszügen: Ureña, E.M., El faude de Sanz
del Río o la verdad sobre su ,Ideal de la Humanidad', in:
Pensamiento 44 (1988), S. 25-47. Ders., K.C.F. Krause,
Philosoph, Freimaurer, Weltbürger, Eine Biographie, Mit einem
Vorwort von R. Vierhaus, Stuttgart-Bad Cannstatt 1991. Ders.,
El original alemán de ,Ideal de la Humanidad' de Sanz de Río.
Hacia una nueva perspectiva del krausismo español, in: Letras
Pensinsulares 4.1. (1991), S. 207-224. Ders., Krause educador
de la Humanidad. Una biografia, Madrid 1991. Ders.,La
actualidad del krausismo en su contexto europeo, Madrid 1999. Ders.,Algunas consecuencias del panteísmo krausista: ecología
y mujer, in: El Basilisco, Segunda Epoca, Nr. 4, (3/4, 1990), S.
51-58. Ders., Cincuenta cartas inéditas entre Sanz del
Río y krausistas alemanes (1844- 1869). Con introducción,
notas y 3 índices, Madrid 1993. Ders., El krausismo
como fenómeno europeo, in: E. M. Ureña / P. Álvarez
Lazaro: La actualidad del krausismo en su contexto europeo, Madrid
1999, S. 15-36. Ders., Krause hoy, in: J. O. Casella (Hg.):
Las ideas filosóficas que influyeron en la formación
del Uruguay contemporáneo, Band II, Montevideo 1988, S.
19-27. Ders., Krause, Karl Christian Friedrich, in: Vinzent,
M. (Hg.): Metzlers Lexikon christlicher Denker, Stuttgart 2000, S.
414. Ders.,Krausismo y economía, in: Fuentes
Quintana, E. (Hg.): Economía y economistas españoles
Band V, Barcelona 2001, S.297- 320. Ders., La recepción
de la filosofía de Krause en la Alemania posthegeliana, in:
M. Alvarez / Ma. C. Paredes (Hg.): Libertad y Estado en
Hegel, Salamanca 2000. Ders., Philosophie und
gesellschaftliche Praxis. Wirkungen der Philosophie K.C.F. Krause in
Deutschland (1833-1881), Stuttgart-Bad Cannstatt 2001. Ders.,
Krause (1781-1832), Edidiones del Orto, Madrid 2001. Vgl. ders.,
(www.uam.es/departamentos/economicas(econucuan/EMU.php)
6
Kodalle, K.-M. (Hg.), K. Chr. F. Krause (1781-1832), Studien zu
einer Philosophie und zum Krausismo, Hamburg 1985.
7
Landau, P., Karl Christian Friedrich Krauses Rechtsphilosophie, in:
Kodalle (1985), S. 80-92.
8
Landau, P., Karl Christian Friedrich Krause und Christian Wolff, Zu
den Wurzeln des ,Krausismo' im deutschen Naturrecht, in:
Philipps/Wittmann (Hg.), Rechtsentstehung und Rechtskultur, Heinrich
Scholler zum 60. Geburtstag, Heidelberg 1993, S. 473-485.
9
Jonas, H., Das Prinzip Verantwortung, Versuch einer Ethik für
die technologische Zivilisation, Frankfurt/Main 1984.
10
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
337.
11
A.a.O., S. 336.
12
Lucas, H.-C., Die Eine und oberste Synthesis, Krause in Jena, in:
Kodalle (1985), S. 39.
13
Garcia-Mateo, R., Das deutsche Denken und das moderne Spanien,
Panentheismus als Wissenschaftssystem bei Karl Chr. F. Krause, Seine
Interpretation und Wirkungsgeschichte in Spanien, Der spanische
Krausismus, Frankfurt/Main 1982, S. 14f.
14
Wollgast, S., Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832),
Anmerkungen zu Leben und Werk, Berlin 1990, S. 44.
15
Beierwaltes, W., Reflexion und Einung, Zur Mystik Plotins, in:
Grundfragen der Mystik, hg. v. W. Beierwaltes, Hans Urs von
Balthasar, Alois M. Haas, Einsiedeln 1974, S. 24.
16
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
380.
17
VI 8, 8, 4-8.
18
III 8, 10, 31.
19
VI 9, 2, 46-47.
20
III 8, 10, 30.
21 VI
8, 10, 37.
22
III 8, 10, 30-31.
23
III 8, 10, 30.
24
III 9, 9, 12-13.
25
VI 9, 2, 45.
26
Dies betonen Szlezák, Volkmann-Schluck, Beierwaltes und
Halfwassen, während Schicker anders urteilt. Vgl. Schicker, R.,
Plotin, Metaphysik und Modalität, Sankt Augustin 1993, S. 16f.
27
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
547.
28
A.a.O., S. 548.
29
Halfwassen, J., Der Aufstieg zum Einen, Untersuchungen zu Platon
und Plotin, Stuttgart 1992, S. 13.
30
VI 8, 13, 38-40.
31
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
546.
32
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
25.
33
Hans Jonas hat diese Tendenz der Weltfremdheit gesehen und die
plotinische Philosophie und insbesondere die Ethik als "stoische
Autarkieethik" kritisiert. Die neueste Forschung hat gezeigt,
daß Plotins Philosophie keine weltfremde ist. Anstatt von
Platon und Aristoteles auszugehen, rückte Jonas Plotin
allzusehr in die Nähe zur Gnosis. Vgl. ders., Gnosis und
spätantiker Geist, Zweiter Teil, hg. v. K. Rudolph, Göttingen
1993, S. 264ff.
34
V 1, 10, 5-15.
35
Vgl. zu Krause: Kodalle, Gewißheit als absolutes
Wahrheitsereignis, Das Konzept der "Wesenschau" in der
Metaphysik Karl Christian Friedrich Krauses, in: Kodalle (1985), S.
58-63.
36
Vgl. dazu: Sandkaulen, B., Grund und Ursache, Die Vernunftkritik
Jacobis, München 2000, S. 7.
37
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
203.
38
Ebda.
39
A.a.O., S. 203f.
40
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
499f.
41
VI 8, 21, 26-28. (Übers. v. R. Harder)
42
Krause, Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft
(31911), S. 335.
43
A.a.O., S. 336.
44
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
137.
45
A.a.O., S. 136.
46
Krause, Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft
(31911), S. 336.
47
V 5, 4, 1-4.
48
Krause, Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft
(31911), S. 337.
49
A.a.O., S. 336.
50
Ebda.
51
Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie (1981), S.
520.
52
A.a.O., S. 525.
53
V 1, 1, 11.-22.
54
Krause, Vorlesungen über die Grundwahrheiten (31911),
S. 337f.
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