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Erschienen in Ausgabe: No 58 (12/2010) Letzte Änderung: 24.11.10

Der Sog der Vergangenheit – Zur Tagung “Die Securitate in Siebenbürgen”, Jena, 24.-26 September 2010

von Anngret Lieb

Wie oft feiern wir, dass etwas vergangen und vorbei ist. So wie in diesem Jahr, da das Ende der DDR nun 20 Jahre zurückliegt. Erinnerungen werden wach an den Taumel der Wendezeit, den Fall des Eisernen Vorhangs, den viele, besonders solche aus den Ostblockstaaten, nie für möglich gehalten hatten. Solche historisch bedeutsamen Erinnerungen verdichten sich oder verschwinden allmählich. Die Angriffe auf Seele, Geist und Körper jedoch, denen Menschen in den kommunistischen Diktaturen ausgesetzt waren, lassen sich weder adäquat erinnern, noch vergessen. Für die Zuhörer der Jenaer Tagung zur Bedeutung der Securitate in Siebenbürgen wurde dieses Dilemma in den Beiträgen von Betroffenen und Forschenden greifbar.
Ein Themenschwerpunkt der Tagung, auf den sich der folgende Text beschränkt, konzentrierte sich auf die Erfahrungen deutschsprachiger Literaten der „Aktionsgruppe Banat“, die im kulturellen und akademischen Leben gestalterisch aktiv waren. Spätestens seit Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt, ist diese andere, weder west- noch ost- und dennoch so deutsche Literaturströmung in unser Bewusstsein gerückt. In Rumänien war diese deutschsprachige Literatur den Machthabern immer suspekt und daher im Fokus der Securitate.
Die Angst vor dem Wort ging im rumänischen Staatsapparat um, besonders wenn es in einer der Minderheitensprachen gesprochen wurde. Daher war es erklärtes Ziel, das literarische Leben zu kontrollieren. Dies bekam auch der Lyriker Oskar Pastior zu spüren. Nachdem seine Freundin Grete Loew wegen des Besitzes seiner frühen Gedichte inhaftiert worden war, muss ihm klar geworden sein, dass er ebenfalls nicht verschont würde. Wie Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth, Direktor des IKGS München, der Pastiors Securitate-Akten untersucht hat, ausführte, muss sich Pastior in zwei zermürbenden Jahren innerlich auf den Besuch der Securitate vorbereitet haben. Warum er sich letztlich zum Mitarbeiter rekrutieren ließ, bleibt dennoch der Spekulation überlassen. Ob es seine bedrückenden Erfahrungen der Deportation nach Russland waren, der rauen Zeit danach als Hilfsarbeiter, oder der Militärzeit, bleibt ungewiss. Die Vorstellung, das angenehmere Lebensstadium aufgeben zu müssen, in dem er inzwischen angekommen war, und wie die standhafte Grete Loew und viele andere ins Gefängnis zu gehen, muss ihm unerträglich erschienen sein.
Wie unmenschlich Haft und Folter waren, deutete Werner Knall, ein Teilnehmer der Tagung an, der dies 10 Jahre erdulden musste. Spätestens als ein Schlagwerkzeug durch das Publikum gereicht wurden, mit dem, so wie auch im Falle Knalls, die Bastonade durchgeführt wurde, hörte jegliche (n)ostalgische Verklärung der Geschichte auf. Welche Handlungsspielräume hatten diese Menschen? Wie viele hielten dem Druck der Securitate nicht stand und begingen Selbstmord? Diesen Ausweg wählte so mancher Dissident in der DDR, warum sollte es in Rumänien anders gewesen sein? Zahlen hierüber liegen im Dunkeln, doch es gibt Bestrebungen, Fälle aus Rumänien zu sammeln und zu dokumentieren, bei denen Gründe für den Freitod auf das Regime zurück zu führen sein könnten. Denn der Zweifel war ein weiteres subtiles und probates Mittel der Securiate, die Menschen in Angst zu halten.
Dass man im Rumänien der späten 60er und 70er Jahre Mitglied in der KP und gleichzeitig Gegner des Regimes sein konnte, führte Richard Wagner aus. Die Mitgliedschaft war meist die notwendige Voraussetzung für berufliches Vorankommen. Der Eintritt in die Partei war aber nicht zwangsläufig mit einer politischen Karriere und der persönlichen Vorteilsnahme verbunden, sondern konnte als Türöffner für kritisches Gedankengut dienen. Erhielt man zum Beispiel einen Posten in einer Redaktion, konnte man ihn dazu nutzen, Autoren zu protegieren, kritische Texte zu veröffentlichen und kulturelles Leben neben der staatstreuen Linie so weit wie möglich zu unterstützen. Besonders plastisch waren die Schilderungen über Parteifunktionäre, die ihren eigenen Interessen meist viel verbundener waren als dem System, dem sie dienten, so dass es im Zweifelsfall einfach unterlaufen wurde. Prof. Dr. Anton Sterbling, dem nach einem Gefängnisaufenthalt eigentlich untersagt war, das Abitur abzulegen, kam dank eines politischen Würdenträgers doch zu seinem Abschluss. Dieser nämlich, seines Zeichens ebenfalls Dichter, hatte Sterblings schriftstellerisches Talent erkannt und ihn dazu auserkoren, seine Lyrik zu übersetzen und zu veröffentlichen. So etwas war in Rumänien auch möglich - der Willkür der Funktionäre sowie der Überwachung durch die Securitate war man jedoch immer ausgesetzt.
Die Erinnerungen der in welcher Form auch immer vom System Gequälten sind zu ihrer eigenen Geschichte geworden, beruflich und privat, untrennbar, unauslöschbar eins geworden mit dem eigenen Leben. Zu belastend waren die dauernden Gängeleien durch Vorgesetzte, die Übergriffe, die Bespitzelungen, wie die Vortragenden auf mehr oder weniger emotionale Weise eindrucksvoll darstellten. Das immer wieder Erstaunliche für jemanden wie mich, der diese Zeiten nicht erlebt hat, ist, wie diese Erinnerungen zur Triebfeder für unterschiedliche Arten von „Vergangenheitsbewältigung“ werden. Eindrucksvoll sind jene Zeitzeugen, die zur Versöhnung aufrufen, die ihre Erinnerungen schriftlich festhalten, Leidensgenossen suchen, um das kollektiv erfahrene Leid akribisch zu dokumentieren. Wie das zum großen Teil siebenbürgischstämmige Publikum verdeutlichte, sind Bereitschaft und Bedarf enorm. Brisant ist die Aufarbeitung auch deshalb, da seit zwei Jahren die Einsicht in die Securitate-Akten in Bukarest möglich ist. Dadurch werden viele Erinnerungen ergänzt, das Gesamtbild einer Lebensgeschichte möglicherweise erheblich verändert. Mancher muss nun im Nachhinein feststellen, dass die vermeintlich gleich gesinnten Kollegen, Wegbereiter und Vorgesetzten auch Spitzel der Securitate waren.
In diesem Punkt greifen individuelle Erinnerung und Wissenschaft ineinander und zeigen eine bemerkenswerte Eigenschaft der Tagung auf: Laien und Wissenschaftler waren hier gleichermaßen Initiatoren, Referenten und Publikum. Gegenseitiges Interesse prägte die Atmosphäre, kontroverse Diskussionen inklusive. Denn Aufgabe und Absicht der Wissenschaft ist es, Erfahrungsberichte und Staatsakten mit ordnender Distanz zu bearbeiten und in die historischen und literarischen Zusammenhänge einzufügen. An der Universität Jena gibt es seit geraumer Zeit das Graduiertenkolleg „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ das sich Themen, die auf der Tagung vorgestellt wurden, annimmt. Es ist zu wünschen, dass weitere Forschungsanträge, wie zum Beispiel ein Vorhaben zur sprachlichen Analyse der Securitate-Akten, bewilligt werden, damit auch dieser Aspekt betrachtet werden kann.
Klar wurde bei der Tagung indessen, dass in Rumänien, wie auch in anderen postdiktatorischen Gesellschaften, die Gefahr besteht, dass trotz der Einsetzung eines Gremiums für die Aufarbeitung der Securitate-Archive (CNSAS) am Ende die Opfer wieder schlechter da stehen als die Täter. Katharina Lenski vom Jenaer Archiv für Zeitgeschichte "Matthias Domaschk“, die über ihre ernüchternden Erfahrungen mit der Aufarbeitung von Stasi-Akten der DDR referiert hatte, zog am Schluss der Tagung eine Parallele zur Wendezeit: Man dürfe die Opfer nicht wieder aus dem Blick verlieren, genauso wenig wie die Anstifter. Es reiche nicht, sich mit dem „Mittelfeld“ der Täterschaft zu begnügen.
Der Grad zwischen Vergeben- Vergessen- Aufarbeiten und Erinnern ist schmal, die Handlungsspielräume der Betroffenen beschränkt, manchmal sogar paradox. Es bleibt zu hoffen, dass wissenschaftliche Analysen und persönliche Erfahrungen der Nachwelt einen Weg bereiten, mit diesem Vermächtnis umzugehen.

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