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| Erschienen in Ausgabe: No. 18 (2/2002) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Die dreimalige Antwort abendländischen Denkens
von Dr. Stefan Bleecken
Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib' im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben. Goethe: West-östlicher Divan, Buch des Unmuts
Die Frage "Was ist Seele?" ist in der Geschichte des abendländischen Denkens dreimal beantwortet worden, in der Antike von der griechischen Philosophie, im Mittelalter von der christlichen Kirche und schließlich in der Neuzeit von der modernen Naturwissenschaft; jedesmal war die Antwort auf diese Frage scheinbar endgültig, und jedesmal war sie eine fundamental andere. Die unentschiedene Beantwortung dieser Frage ist ein Indiz für die Krise, in die das abendländische Denken geraten ist. Diese Krise des abendländischen Denkens muß als die eigentliche Ursache für die existentielle Krise der abendländischen Zivilisation angesehen werden.
Eine
der drei wesentlichen Wurzeln des abendländischen Denkens ist
die griechische Philosophie. Sie begann im 6. Jahrhundert v.
Chr. mit der ionischen Naturphilosophie, die von einer Allbeseelung
aller Dinge ausging, und erreichte zwei vorläufige Höhepunkte
in Demokrit (460 - 370 v. Chr.) und Platon (427 - 347 v. Chr.), den
Begründern der materialistischen bzw. idealistischen
Tradition in der Philosophie. Nach Demokrit entstehen und vergehen
die Einzeldinge durch Vereinigung und Trennung der Atome, die
als ewig und unzerstörbar angenommen werden. Die Atomistik wurde
von Demokrit nicht nur auf das Unbelebte beschränkt sondern
auch auf das organisches Leben, auf die Seele und das Denken
angewandt. Die das Denken hervorrufenden Atome werden als besonders
rund und glatt und daher als besonders beweglich angenommen. Im
Gegensatz zu den Materialisten ging Platon vom Primat der "Idee"
aus; danach besteht das Wesen der Welt in unveränderlichen
Ideen, die unabhängig von und vor den materiellen Dingen
existieren. Die Ideen können nicht mit Hilfe der Sinne, sondern
nur durch Rückerinnerung (Anamnese) erkannt werden. Nach
Platon existiert die Seele bereits vor dem Eingehen in den Körper
im Reich der Ideen und kehrt nach dem Absterben des Körpers
wieder in dieses Reich zurück.
Die
griechische Philosophie erreichte ihren Gipfel mit Aristoteles (384 -
322 v. Chr.), dem Schöpfer des universellsten
philosophischen Systems der Antike, eines Systems, das sowohl
materialistische als auch idealistische Elemente enthält.
Beim Versuch, das "Wesen" der Dinge zu erkennen und zu
beschreiben, gelangte Aristoteles zum Bild einer Stufenleiter, deren
niedrigste Stufe die unbelebte Natur darstellt, und deren höhere
Stufen die belebten Dinge versinnbildlichen. Als Ausgangspunkt
für die Klassifikation der Lebewesen diente Aristoteles die
Überlegung, daß die Form dieser Wesen die Seele sein
müsse; "Seele besitzen" ist danach nur ein anderer
Ausdruck für "leben". Nun bedeutet aber "Seele
besitzen" nicht dasselbe für eine Pflanze, ein Tier und
einen Menschen. Pflanzen scheinen weniger beseelt zu sein als Tiere
und jene wiederum weniger als Menschen. Pflanzen, die ja nur
vegetieren, haben nach Aristoteles eine vegetative Seele, die
Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung steuert, bei den Tieren
kommt eine animale Seele hinzu, die zusätzlich die Wahrnehmung
und die Empfindung bewirkt und dadurch das Tier über das
Pflanzliche hinaushebt. Beim Menschen kommt schließlich zur
vegetitiven und animalen Seele die Geistseele hinzu, die ihn vom Tier
unterscheidet und zu dem macht, was er ist. Die Dreiteilung der Seele
hat somit ihre Entsprechung in den drei Seinsstufen des Lebendigen,
repräsentiert durch das Geschlecht der Pflanzen (hier wären
auch primitive, einzellige Lebewesen einzuordnen, die Aristoteles
noch nicht kannte), das Geschlecht der Tiere und das
Menschengeschlecht.
Von
besonderer Wichtigkeit ist es, wie Aristoteles das Verhältnis
zwischen Körper und Seele gesehen hat. Am Anfang des zweiten
Buchs "Über die Seele" (De anima II. 414a), wo
Aristoteles das Prinzip der Seele einführt, heißt es:
"die Seele gibt es weder ohne Körper noch ist sie
ihrerseits Körper" und dann: "sie (die Seele) ist zwar
nicht Körper, wohl aber etwas an einem Körper". Hier
wird ganz deutlich herausgestellt, daß einerseits ein
grundsätzlicher Unterschied zwischen Seele und Körper
vorhanden ist (Seele ist nicht Körper), als auch
andererseits eine unlösbare Gebundenheit der Seele an den Körper
existiert (Seele gibt es nicht ohne Körper). Mit heutigen
Begriffen ist die aristotelische Seele ein übermaterielles
Lebensprinzip, welches untrennbar an das Körperlich-Materielle
gebunden ist und dieses überformt. Dieses Lebensprinzip ist bei
Aristoteles menschlichen Sinnen und menschlicher Erfahrung
zugänglich und keinesfalls ein übersinnliches oder
übernatürliches Prinzip.
Durch
Aristoteles ist der materialistische und idealistische Denkansatz
seiner Vorgänger zu einem ganzheitlichen Denkansatz vereint
worden, der besonders deutlich in dem angenommenen
Körper-Seele-Verhältnis zum Ausdruck kommt. Lebewesen
bilden eine Ganzheit aus Körper und Seele und das eine ist bei
ihnen nicht ohne das andere denkbar. Körper ohne Seele ist ein
Totes und kein Lebendes und Seele ohne Körper ist ein
Gedankengespinnst. Es gehört zu den folgenschwersten
Entwicklungen in der Geschichte des abendländischen Denkens, daß
dieser ganzheitliche Denkansatz des Aristoteles in den nachfolgenden
Jahrhunderten wieder auseinandergerissen wurde, indem seine
materialistischen und idealistischen Aspekte isoliert betrachtet
und fortgeführt wurden.
Die
zweite wesentliche Wurzel des abendländischen Denkens ist die
christliche Religion, die sich in den ersten Jahrhunderten nach
der Zeitenwende als geschichtsbildende Kraft etablierte. Schon
frühzeitig wurde der Versuch unternommen, den christlichen
Glauben vernunftmäßig zu begründen und mit den
philosophischen Überlieferungen der Antike in Einklang zu
bringen. Während der Zeit der Kirchenväter (Patristik)
wurden vor allem Anleihen aus der idealistischen Philosophie Platons
gemacht, um die Dogmen der zur Macht strebenden katholischen Kirche
zu begründen; so wurde der Christengott philosophisch als
absolute Idee interpretiert. Als später die Philosophie
des Aristoteles aus Arabien überliefert und im
mittelalterlichen Europa bekannt wurde, entwarfen unter dem
Einfluß dieser Philosophie Albertus Magnus (1200 - 1280) und
Thomas von Aquin (1225 - 1274) ein einheitliches, als Scholastik
bezeichnetes System der philosophischen Weltdeutung, das für
Jahrhunderte Geltung behielt. Sie beraubten dazu die aristotelische
Philosophie aller materialistischen Elemente und verbanden sie
mit dem Platonismus. Während bei Aristoteles die Seele vom
Körper nicht getrennt werden kann, hielten sich die
Scholastiker an die Bestimmung der Seele als
nichtstoffliches Prinzip und verbanden diese Bestimmung mit
Transzendenz und Geistigkeit. An die Stelle der an den Körper
gebundenen aristotelischen Seele trat die vom Körper
trennbare und von Gott geschaffene unsterbliche Seele des
christlichen Dogmas. (In der theologischen Lehre von der Seele
unterscheidet sich die später entstandene evangelische
Dogmatik nicht wesentlich von ihrer katholischen
Vorgängerin).
Die
Scholastik führte zur Unterordnung der Philosophie unter die
Theologie, deren Oberherrlichkeit sich schließlich auf alle
Bereiche der intellektuellen Tätigkeit erstreckte. Was wahr ist,
sollte sich aus den Dogmen der katholischen Kirche ergeben.
Kennzeichnend für diese, durch die Theologie geprägte
Denkrichtung war einerseits der Hang zu reiner Spekulation über
allgemeinste und abstrakteste Dinge und andererseits die
Unterschätzung und Mißachtung der sinnlichen Erfahrung.
Das bekannteste Beispiel für die letztgenannte Tatsache ist der
Prozeß der Inquisition gegen Galileo Galilei (1564 -
1642). Dieser hatte das Experiment in die Naturwissenschaft
eingeführt, mit Hilfe dessen der Wahrheitsgehalt einer
Behauptung unabhängig von kirchlichen Dogmen überprüft
werden konnte. Zwangsläufig geriet Galilei mit seiner neuen
wissenschaftlichen Denkmethode in Gegensatz zum spekulativen und alle
Bereiche der Wirklichkeit umfassenden theologischen Weltbild. So
war es schließlich auch ein neues, durch die aufstrebende
Naturwissenschaft geprägtes Weltbild, durch das die
Vorherrschaft der Theologie auf dem Gebiet des menschlichen
Denkens gebrochen wurde.
Nach
der griechischen Philosophie und der christlichen Theologie ist als
dritte wesentliche Wurzel des abendländischen Denkens die
neuzeitliche Naturwissenschaft zu nennen. Im 17. Jahrhundert setzte
eine Entwicklung ein, die als wissenschaftliche Revolution
bezeichnet wird und die mit den Namen Descartes, Galilei und Newton
verbunden ist. Der Beitrag von Descartes (1596 - 1650) an dieser
Entwicklung bestand in der analytischen oder reduktionistischen
Denkmethode, wonach Gedanken und Probleme in Teile zerlegt
und diese in ihrer logischen Ordnung aufgereiht werden können,
sowie in dem von ihm vermittelten Glauben an die Gewißheit
der wissenschaftlichen Erkenntnis. Galilei führte das
Experiment in die Wissenschaft ein und lenkte die Aufmerksamkeit
der Wissenschaftler auf die quantifizierbaren Eigenschaften der
Materie. Newton (1643 - 1727) schließlich vervollständigte
die erste und entscheidende Phase der wissenschaftlichen
Revolution, indem er durch logische Verknüpfung und
Vereinheitlichung der damals vorhandenen empirischen Fakten die
nach ihm benannten Gesetze der Mechanik aufstellte, aus denen sich
alle damals bekannten Phänomene der terrestrischen und
Himmelsmechanik deduzieren ließen. Die Physik Newtons
stellte eine geschlossene mathematische Theorie der Welt dar, aus der
sich nicht nur Bekanntes ableiten sondern auch Unbekanntes
voraussagen ließ. Das spektakulärste Beispiel hierfür
war die Voraussage der Position eines unbekannten Planeten (des
Neptun) aus den Bahnstörungen des Uranus.
Die
wissenschaftliche Methode der Quantifizierung und Mathematisierung
von Naturphänomenen, die sich in der Mechanik so hervorragend
bewährt hatte, wurde später auch zur Beschreibung
elektrischer, magnetischer und weiterer Phänomene angewandt.
Anfang des vorigen Jahrhunderts stellte sich heraus, daß die
auf mittlere (alltägliche) Dimensionen zugeschnittenen
Begriffe der klassischen Physik sich als ungeeignet erwiesen,
Phänomene, die sich in atomaren oder kosmischen Dimensionen
abspielen, zu verstehen. Aber auch hier führte die
wissenschaftliche Methode schließlich zum Erfolg. Durch die
Verwendung von radikalen Abstraktionen und die Aufgabe von
gewohnten, sich an mittleren Dimensionen orientierenden
Vorstellungen von Wirklichkeit ließen sich sehr allgemeine
und abstrakte Theorien konstruieren, mit denen auch Phänomene
in atomaren und kosmischen Bereichen erklärt werden konnten. Der
Verlust an Anschaulichkeit dieser Theorien wurde durch einen
außerordentlichen Gewinn wettgemacht: die Vereinigung bisher
getrennter Wissenschaftsgebiete zu einem einheitlichen Gebiet. Durch
die Quantenmechanik konnte die Chemie und durch die
Relativitätstheorie die Kosmologie mit der Physik
vereint werden.
Durch
die Anwendung der aufgefundenen physikalischen Gesetze in der
Technik war es dem Menschen möglich, die Natur immer perfekter
zu beherrschen und für seine Ziele auszunutzen. Die Erfolge
der wissenschaftlichen Methode zur Erforschung der Eigenschaften
der Materie waren so überraschend groß, daß sich
bei vielen Wissenschaftlern und gerade auch bei den hervorragendsten
Denkern unter ihnen die Erwartung einschlich, man würde mit
dieser Methode schließlich alle Naturphänomene
einschließlich die des Lebens verstehen können. Als ein
Beispiel von vielen sei Albert Einstein zitiert. In seiner 1918
gehaltenen Rede zum 60. Geburtstag von Max Planck heißt es
(Seelig, 1989) : " ... die allgemeinen Gesetze, auf die das
Gedankengebäude der theoretischen Physik gegründet
ist, erheben den Anspruch, für jedes Naturgeschehen
gültig zu sein. Aus ihnen sollte sich auf dem Wege reiner
gedanklicher Deduktion ... die Theorie eines jeden
Naturprozesses einschließlich der
Lebensvorgänge finden lassen" ... Und dann: "Höchste
Aufgabe der Physiker ist also das Aufsuchen jener allgemeinsten
elementaren Gesetze, aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu
gewinnen ist". In allen naturwissenschaftlichen
Diziplinen ist inzwischen das Bestreben vorherrschend,
der in der Physik so erfolgreich praktizierten
wissenschaftlichen Methode nachzueifern. Wiederum als ein
Beispiel für viele sei Francis Crick zitiert, der 1953 die
Struktur des die genetische Information tragenden
Makromoleküls mitentdeckte (Crick, 1966) : "the
ultimate aim of the modern movement in biology is in fact to explain
all biology in terms of physics and chemistry".
Die
Geschichte des abendländischen Denkens läßt sich wie
in einem Fokus zusammenfassen mit Hilfe der drei Antworten, die
dieses Denken auf die Frage "Was ist Seele?" gegeben hat.
Die drei Antworten gehen gemeinsam davon aus, daß Seele nicht
gleich Körper (Materie) ist, sie unterscheiden sich jedoch
fundamental in Hinblick auf das angenommene Verhältnis zwischen
Körper und Seele. Aristoteles als hervorragendster Vertreter der
antiken Ganzheits-philosophie beantwortet die Frage dahingehend, daß
die Seele ein an den Körper gebundenes Lebensprinzip ist - die
Seele ist unveräußerliches Eigentum des Körpers eines
Lebewesens. Die christliche Kirche geht davon aus, daß die
Seele von Gott erschaffen und dem Körper geliehen ist - die
Seele ist Leihgabe an den Körper. Die moderne Naturwissenschaft
schließlich spricht der Seele jegliche reale Existenz ab - es
gibt keine Seele sondern nur den Körper (bzw. die Materie).
Angesichts
dieses grundsätzlichen Dissenses im abendländischen
Denken zum Seelenproblem drängt sich die Frage auf, ob es unter
den drei Antworten eine "wahre", d.h. eine mit der
Wirklichkeit in Übereinstimmung befindliche Antwort gibt
und wenn ja, welche der drei Institutionen - Philosophie, Theologie,
Naturwissenschaft - in der Lage ist, diese Antwort zu finden und
zu allgemeiner Anerkennung zu verhelfen.
Die
Philosophie, bei Aristoteles noch "Königin der
Wissenschaften", wurde während der Scholastik zur Magd
der Theologie und durch den wissenschaftlichen Materialismus
schließlich ganz aus den wirksamen Strömungen des modernen
Lebens hinausgedrängt; die aristotelische Lehre von der
dreigeteilten Seele ist praktisch der Vergessenheit
anheimgefallen. Von seiten der Philosophie ist daher eine
allgemein akzeptierbare Entscheidung in der Frage "Was ist
Seele?" nicht zu erwarten. Es ergibt sich aus der Natur der
Sache, daß auch von der Theologie keine Entscheidung zu
erwarten ist, die allgemein (z.B. von der Naturwissenschaft)
akzeptiert werden kann. Angesichts der Tatsache, daß die
wissenschaftliche Denkweise zunehmend Einzug in alle
gesellschaftlichen Bereiche gehalten hat und zu einem dominierenden
Faktor geworden ist, wird eine Entscheidung mit allgemeiner Akzeptanz
nur noch von der Naturwissenschaft zu erwarten sein. Allerdings kann
diese Aufgabe nur von einer Naturwissenschaft geleistet werden,
deren Erkenntnisstreben nicht in ein dogmatisches materialistisches
Naturverständnis eingezwängt ist und die sich nicht dem
Erfolg, sondern allein der Wahrheit verpflichtet fühlt. Eine von
Vorurteilen und Dogmen befreite Naturwissenschaft ist auf Grund
des vorhandenen Wissens schon heute in der Lage, die Frage "Was
ist Seele?" mit modernen wissenschaftlichen Begriffen in
Beziehung zu setzen und eine allgemein akzeptierbare Antwort auf
diese Frage zu geben.
Den
drei Antworten auf die Frage "Was ist Seele?" und den damit
charakterisierten Weltbildern ließen sich die drei Epochen
abendländischen Denkens zuordnen, in denen jeweils eines dieser
Weltbilder dominierend wurde. Dabei ist deutlich geworden, daß
unser modernes Zeitalter, dessen Zeitgeist von materialistischen
Weltbild der modernen Naturwissenschaft geprägt wird, kein
Endstadium darstellt.
Eine
Antwort muß in diesem Zusammenhang noch erwähnt werden,
die allerdings keine eigene Epoche begründete, die Antwort
Goethes. Goethe war der erste Denker, der die zu seiner Zeit
aufkommende moderne Naturwissenschaft hinsichtlich ihrer einseitigen
Methode und ihres einseitigen Weltbildes kritisiert hat, und er hat
dieser eine andere, neue Wissenschaft von der Natur entgegengesetzt.
Goethe hat nicht versucht, eine Antwort auf die Frage "Was ist
Seele" zu geben, da der ihm überlieferte Seelenbegriff
etwas völlig anderes als der von Aristoteles verwendete Begriff
war. Aber dennoch läßt sich das Weltbild Goethes, auf dem
seine Naturwissenschaft basiert, zwanglos mit dem Weltbild des
Aristoteles in Beziehung setzen läßt, mit anderen Worten,
beide gingen von einem ganzheitlichen Weltbild aus. Goethe wollte
nicht nur eine neue Naturwissenschaft sondern auch ein neues
Zeitalter begründen, er wollte "Epoche in der Welt machen",
wie er seinem Vertrauten Eckermann gestand. Wie wir heute wissen, ist
er mit beiden Vorhaben gescheitert.
Dem
modernen Menschen dämmert allmählich, daß er geistig
in eine Sackgasse geraten ist, er gleicht immer mehr einem Verirrten,
der mit immer größerer Angst vorwärts hastet und
dadurch immer mehr in die Ausweglosigkeit gerät. Ständig
wird er aufgefordert, sein Augenmerk auf die Zukunft zu richten und
sich nicht bei der Vergangenheit aufzuhalten. Für das einzig
Vernünftige meint er keine Zeit zu haben, nämlich sich zu
besinnen, woher er gekommen ist, sich zu erinnern, wo er geistig noch
festen Boden unter den Füßen hatte.
Wenn es
stimmt, daß wir modernen Menschen falsch handeln, weil wir
falsch denken, dann gibt es nur eine Möglichkeit, wieder zu
richtigem Denken zu gelangen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß
es bei psychischen Krankheiten keine Heilung ohne Anamnese, ohne
Offenlegung einer verdrängten Vergangenheit gibt. Analog wird es
bei einer Krankheit des Geistes, und um eine solche handelt es sich
beim falschen Denken doch wohl, keine Besserung geben, ohne eine
Besinnung auf die Geschichte unseres Denkens. Nur ein solcher
Rückblick in die Vergangenheit kann uns über die Herkunft
unserer Irrtümer und Vorurteile belehren.
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