| Erschienen in Ausgabe: No 58 (12/2010) | Letzte Änderung: 24. November '10 |
Welche Rollen spielten Macht und Gewalt im Herbst 1989?
von Teresa Tammer
1. Einleitung
Vor wenigen Wochen wurde die Deutsche Einheit 20 Jahre
alt. Im Jahr 1990 gingen die Veränderungen in der noch bestehenden Deutschen
Demokratischen Republik mit einer so ungeheuren Geschwindigkeit voran bis
schließlich am 3. Oktober 1990 die Einheit von Ost und West besiegelt wurde.
Nicht einmal zwölf Monate zuvor fiel die Mauer und mit ihr die Herrschaft der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sowie der gesamte DDR-Staat.
Vor allem die Bevölkerung der DDR mit ihrem Willen zu politischen und
gesellschaftlichen Veränderungen bestimmte diese rasant ablaufende Entwicklung,
so dass die so genannte „Wende“ eher als eine Revolution bezeichnet werden
muss. Die ostdeutsche Revolution vom Herbst 1989 kann jedoch nicht unabhängig
von anderen Ereignissen betrachtet werden, sondern gehört in eine längere
Geschichte von Aufständen, die den Zusammenbruch der kommunistischen
Staatenwelt in Mittel- und Osteuropa bewirkten und damit dem Ost-West-Konflikt
des Kalten Krieges ein Ende setzten.
Anders
als am 17. Juni 1953 in der DDR, in Ungarn 1965, in der Tschechoslowakei 1968
oder auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni 1989 blieben die
Massendemonstrationen in Leipzig und Berlin weitgehend friedlich. Es fuhren
keine sowjetischen Panzer auf, die in die Menge schossen und ein Blutbad an der
Zivilbevölkerung anrichteten, obwohl dies sicherlich eine der Handlungsoptionen
war.
Hannah
Arendt (1904-1975), die sich mit der Gewaltfrage in Bezug auf Revolutionen und
vor allem mit den Studentenbewegungen der 60er Jahre in den USA und der
Bundesrepublik befasste, hat diese Friedliche Revolution leider nicht mehr
erlebt. In ihrem Buch Macht und Gewalt
von 1970 legt sie eine Theorie dieser beiden Begriffe vor, erarbeitet eine
Differenzierung von ähnlich verwendeten Begriffen und zeigt die Unterschiede zwischen
ihrer Theorie und denen anderer politischer Denker auf. Das Anliegen Arendts
ist es, gegen die in früherer Literatur vorherrschende Meinung, Macht und
Gewalt seien Aspekte eines Phänomens, wobei Gewalt nur als die „eklatanteste
Manifestation von Macht“[1] betrachtet wird, zu
argumentieren. Sie bezieht sich dabei auf Max Weber, Bertrand de Jouvenel, Jean
Paul Satre, Rober Strausz-Hupé, Alexander Passerin d’Entrève und andere, die in
ihren Arbeiten, die Staatsmacht mit dem Gewaltmonopol gleichsetzen und Gewalt
als ein Instrument der Macht oder Macht als mildere Form der Gewalt definieren.
Für Arendt sind Macht und Gewalt Gegensätze. Gewalt kann Macht nur vernichten,
jedoch niemals erzeugen und wirkliche Macht beruht auf ihrer Legitimation nicht
auf möglicher Gewaltanwendung. Obwohl, nach Arendt, Gewalt und Macht oft
gleichzeitig und nicht klar voneinander trennbar auftreten, müssen sie
begrifflich differenziert werden.
Diese
Arbeit beschäftigt sich mit den Begriffsbestimmungen Hannah Arendts und
versucht von diesen ausgehend, die Gewaltlosigkeit während der Revolution von
1989 zu erklären. Macht ist dabei der zentrale Begriff. Wo war sie bzw. wo war
sie nicht mehr vorhanden?
Im ersten Teil
der Arbeit soll ein Überblick über die Vorbedingungen gegeben werden, die zum
Verfall des SED-Regimes und den Massenprotesten führten. Darauf folgt eine
Auseinandersetzung mit der Frage der Gewalt- bzw. Gewaltlosigkeit der
Ereignisse im Oktober und November 1989. Danach werden Hannah Arendts Begriffsbestimmungen
von Macht und Gewalt genauer betrachtet. Am Ende soll gezeigt werden, dass die ostdeutsche
Revolution keiner gewalttätigen Auseinandersetzungen bedurfte, weil Macht und
Gewalt eben nicht notwendigerweise gemeinsam auftreten müssen.
2. Die Friedliche Revolution in der DDR
2.1 Die Macht verliert ihre
Legitimation
Ohne die massenhaften Proteste
der ostdeutschen Bevölkerung wären der Mauerfall und die Wiedervereinigung
nicht möglich gewesen. Die Staatskrise in der DDR war im Sommer 1989
unübersehbar geworden und die Menschen waren nicht länger bereit, diese
Diktatur länger hinzunehmen. Der Mauerfall am 9. November 1989 war Folge und
endgültiger Höhepunkt der Massenproteste, die in den Wochen zuvor bereits in
Berlin und Leipzig, aber auch in anderen Städten der DDR stattgefunden hatten.
Der 9. November markierte das Ende der DDR-Regierung und des SED-Regimes,
welches bis dahin noch hoffte, durch Zugeständnisse die Macht sichern und die
Kontrolle über das Land bewahren zu können. Doch schließlich siegte die
Revolution.[2]
Klaus-Dietmar Henke nennt zehn
Bedingungen, die dazu beitrugen, dass es zur Massenmobilisierung in der DDR
kam. Dazu gehörte die Politik der Transparenz unter Michail Gorbatschow in der
Sowjetunion ab Mitte der 80er Jahre, die auch den sowjetischen Bruderländern
neue Spielräume eröffnete. Außerdem wurde 1975 die KSZE[3]-Schlussakte von der DDR
mit unterzeichnet, die sich damit auf internationale Prinzipien der Wahrung
grundlegender Menschenrechte festlegte. Das SED-Regime kam somit immer öfter in
Erklärungsnot. Das Machtmonopol der Einheitspartei in den sozialistischen
Bruderländern Polen und Ungarn begann bereits ab 1987/88 zu wanken und zu
verfallen. Damit wurde die Reformfeindlichkeit in der DDR deutlich, die im
Gegensatz zu den anderen Ländern nicht auf die Forderungen nach Wandel zu
reagieren in der Lage war. Die Besonderheit in der DDR war die Nähe zum Westen,
zur Bundesrepublik. Die Menschen in der DDR wussten um die Diskrepanz der
Lebensverhältnisse in Ost und West. Darüber hinaus war die SED-Führung unfähig,
Produktion und Produktivität in der DDR zu einem solchen Maß aufrecht zu
erhalten und zu steigern, dass es den Bürgern zumindest akzeptabel erschien.
1989 hatte die wirtschaftliche Situation der DDR ihren Tiefpunkt erreicht. Die
Bevölkerung hatte das Vertrauen in die eigene Regierung verloren. Es herrschten
Frustration und Unzufriedenheit im Land. Nicht nur innerhalb der Bevölkerung,
sondern auch aus den Reihen des Regierungsapparates kamen Stimmen, die den
offiziellen Kurs in Frage stellten und an der Glaubwürdigkeit der Führungsriege
zweifelten. Eine wichtige Rolle auf dem Weg zur und während der Friedlichen
Revolution spielten die Kirchen, vor allem die Evangelische Kirche in der DDR.
Sie war als Institution vom direkten Zugriff des Staates geschützt und bot seit
den 70er Jahren Unterschlupf für vielfältige Gruppen, die sich mit politischen,
gesellschaftlichen und ökologischen Themen beschäftigten. Die positiven
Visionen der vielen unterschiedlichen Gruppen von einer besseren DDR, die sich
meist um den Begriff der Basisdemokratie drehten und den zwischenmenschlichen Dialog
zur Voraussetzung eines Neuanfangs erhoben, trugen maßgeblich zum Umbruch mit
friedlichen Mitteln bei.[4]
Das deutlichste Merkmal des
Machtverfalls und des Legitimationsverlustes der DDR-Regierung waren jedoch die
massenhaften Ausreisen und Fluchten in den Westen.[5] Seit 1961 hatte das Regime
versucht die Abwanderung mit Zwangsmaßnahmen zu unterdrücken. Doch ab Sommer
1989 war der ostdeutsche Exodus nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen.
Tausende strömten über Ungarn, wo die Grenze nach Österreich bereits nur noch
aus einem Stacheldraht bestand, über die westdeutschen Botschaften in Prag,
Warschau, Ostberlin und Budapest in die Freiheit. Am 11. September ´89 öffnete
die ungarische Regierung die Grenze vollständig. Binnen weniger Wochen
verließen 50000 Ausreisewillige auf diesem Weg die DDR. Die anhaltenden
Massenfluchten bestärkten die zurück gebliebenen DDR-Bürger auf die Straße zu
gehen und ihren Unmut nun noch lauter zu artikulieren.[6] Angesichts dieser
Entwicklungen mussten die Reformgegner in der DDR, aber auch in der ČSSR, in
Bulgarien und Rumänien einsehen, dass eine Machtteilung nicht aufzuhalten war.
2.2. Revolution und Gewaltlosigkeit
Die „Wende“ von 1989 ist in den
meisten europäischen Ländern eine der wichtigsten Zäsuren der Zeitgeschichte
und zudem meist positiv besetzt. In der DDR und der ČSSR war der Bruch
einschneidender als beispielsweise in Polen und Ungarn, wo bereits wirtschaftliche
und politische Reformen eingeleitet wurden und der Übergang graduell erfolgte.
Der Begriff „Revolution“ ist jedoch kein Quellenbegriff, d.h. im Herbst ´89
wurde dieser noch nicht verwendet. Erst nach 1989 sollte durch ihn der scharfe
Bruch mit der Vergangenheit zum Ausdruck gebracht werden.[7]
Die
Frage, inwiefern die Ereignisse ´89 in der DDR gewaltfrei waren, lässt sich nur
in Abgrenzung zu den Niederschlagungen ähnlicher Bewegungen, wie beispielsweise
der „chinesischen Lösung“[8] oder der Erschießung von
friedlichen Demonstranten durch das Ceausescu-Regime in Rumänien, feststellen. Die
SED-Diktatur ließ nach wie vor politische Gegner festnehmen und teilweise
misshandeln, aber die Oppositionellen wurden nicht massenhaft getötet oder in
Lager verschleppt. Die Machthaber verzichteten auf die gewalttätige Lösung,
obwohl die Mittel dazu vorhanden waren. Phillip Ther spricht in diesem Fall von
„Selbstbeschränkung“, da das Regime vor der Entscheidung stand, seine Macht zu
teilen oder die Aufstände blutig niederzuschlagen.[9] Gewaltlosigkeit hieß
demnach, dass auf bestimmte Mittel verzichtet wurde. Die Gründe dafür sind, laut
Ther, zum einen darin zu sehen, dass mit der Entstalinisierung die
Massenrepressionen nicht mehr zum Repertoire politischer Handlungsoptionen
zählten. Zweitens gab es seit den 80er Jahren eine starke kritische
Öffentlichkeit, die sich auch auf internationaler Ebene in den Medien präsent
war. „Der Einsatz von militärischer Gewalt war daher wesentlich riskanter,
hätte westliche Sanktionen und die Gefahr von Bürgerkriegen nach sich gezogen.“[10] Mit dem Zugeständnis,
Teile der Macht an das Volk zu übertragen, war anfangs noch nicht der Gedanke
an eine vollständige Entmachtung verbunden. Lediglich rationale Überlegungen
und strategischen Entscheidungen führten dazu, dass Volkspolizei und NVA am 9.
Oktober 1989 in Leipzig nicht den Befehl erhielten, die Demonstration
aufzulösen. An diesem Tag entschied sich der weitere Verlauf der Bewegung und
er gilt bis heute als Wendepunkt des Geschehens. Denn mit dem Verzicht auf
militärische Gewalt gegenüber siebzigtausend Demonstranten kapitulierte die
Staatsmacht vor dem Volk.[11]
Für
einige Politologen und Soziologen sind Revolutionen stets mit Gewalt verbunden,
was für 1989 jedoch nicht zutrifft. Die Frage ist demnach, ob ´89 überhaupt als
Friedliche Revolution bezeichnet werden kann oder sich die Begriffe „friedlich“
und „Revolution“ gegenseitig ausschließen. Phillip Ther spricht sich für den
Begriff der Revolution aus, da es mit dem teilweisen oder vollständigen
Herrschaftswandel zu tief greifenden Veränderungen im politischen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System in den einzelnen Staaten kam.
Außerdem wurden spätestens ab 1991 in allen Ländern des vorher sowjetischen
Machtbereichs demokratische und rechtsstaatliche Institutionen eingerichtet.[12] Um auf das Problem der
Gewalt in Revolutionen näher eingehen zu können, sollen im Folgenden die
Begriffe von Hannah Arendt aufgegriffen werden. Sie geht davon aus, dass Gewalt
kein wesentliches Merkmal von Revolutionen ist.
3. Hannah Arendt
und die Friedliche Revolution
3.1 Macht und Gewalt
Die zentrale These Arendts ist
der Gegensatz von Macht und Gewalt.
„Politisch gesprochen genügt es
nicht zu sagen, daß Macht und Gewalt nicht dasselbe sind. Macht und Gewalt sind
Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden.
Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überlässt man sie den ihr
selbst innewohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das
Verschwinden von Macht.“[13]
Macht gehört, nach Arendt, „in
der Tat zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen, ja aller irgendwie organisierten
Gruppen, Gewalt jedoch nicht.“[14] Was den Gesetzten,
Institutionen und Herrschern eines Landes Macht verleiht, ist die Zustimmung
des Volkes. „Macht bedarf keiner Rechtfertigung, da sie allen menschlichen
Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimation.“[15] Eine solche Legitimation
entsteht, wenn sich Menschen zu einer Gruppe zusammenschließen und gemeinsam
handlungsfähig werden wollen. Macht hängt somit von der Anzahl ihrer
Befürworter ab. Je mehr Mitglieder einer Gruppe die Herrschaft über diese
unterstützen, desto fester ist die Basis der Macht. Wird diese Macht nicht mehr
durch das Volk gestützt, bricht sie zusammen.[16] Macht muss demnach auch nicht
gerechtfertigt werden, da ihre Existenz bereits die Legitimation darstellt. Macht
ist nicht auf einen Zweck gerichtet, sondern sie ist Selbstzweck.
„Macht entsteht, wann immer
Menschen sich zusammentun und gemeinsam handeln, ihre Legitimität beruht nicht
auf den Zielen und Zwecken, die eine Gruppe sich jeweils setzt; sie stammt aus dem
Machtanspruch, der mit der Gründung der Gruppe zusammenfällt. Ein Machtanspruch
legitimiert sich durch Berufung auf die Vergangenheit, während die
Rechtfertigung eines Mittels durch einen Zweck erfolgt, der in der Zukunft
liegt.“[17]
Gewalt dagegen, so Hannah Arendt, „ist ihrer Natur nach
instrumental; wie alle Mittel und Werkzeuge bedarf sie immer eines Zwecks, der
sie dirigiert und ihren Gebrauch rechtfertigt.“[18] Handlungen, die durch
einen Zweck bestimmt sind, unterliegen einer klaren Struktur mit Anfang und
Ende. Auch wenn Gewalt, beispielsweise im Falle der Selbstverteidigung,
gerechtfertigt werden kann, so ist sie doch niemals legitim. Anders als bei
Machtbildung, ist die Intensität der Gewalt nicht von der Anzahl der
Beteiligten abhängig, da Waffen eine Wirkkraft haben, die unabhängig vom von
menschlicher Stärke ist.
„Zu den entscheidenden
Unterschieden zwischen Macht und Gewalt gehört, daß Macht immer von Zahlen
abhängt, während die Gewalt bis zu einem gewissen Grade von Zahlen unabhängig
ist, weil sie sich auf Werkzeuge verläßt.“
Gewalt ist für Hannah Arendt technisches Handeln. So
werden auch zwischenmenschliche Beziehungen durch Werkzeuge (Waffen)
hergestellt. Solche „Zwecktätigkeiten…unterliegen einer technischen
Regelhaftigkeit, haben einen klar definierten Anfang und ein ebenso klar
definiertes Ende.“[19] Politisches Handeln
unterbricht dagegen regelhafte Prozesse.[20] Es könnte jedoch Ziel
sein, Macht durch Gewalt zu erhalten. In diesem Fall würde es möglich sein, wie
beispielsweise die aktuelle Situation im Iran es zeigt, die Demonstranten und
das Aufbegehren zu unterdrücken.
„Man kann Macht durch Gewalt
ersetzen, und dies kann zum Siege führen, aber der Preis solcher Siege ist sehr
hoch; denn hier zahlen nicht nur die Besiegten, der Sieger zahlt mit dem
Verlust der eigenen Macht.“[21]
Eine Strategie der gewalttätigen Unterdrückung von
machtgefährdenden Entwicklungen kann demnach nicht verhindern, dass das Regime
an Zuspruch verliert. Denn was Gewalt nicht erzeugen kann, ist Legitimation und
Unterstützung für die durch sie gestützte Macht.
3.2 Die Revolution ohne
Gewalt
Aus den historischen Fakten und
den theoretischen Begriffe von Hannah Arendt sollen nun die wichtigsten
Argumente herausgegriffen und so miteinander verbunden werden, dass ein Zusammenhang
zwischen der Revolution von 1989 und ihrer Gewaltlosigkeit entsteht. Die
Geschehnisse hätten durchaus anders verlaufen können. Es soll nicht behauptet
werden, dass die Revolution friedlich sein musste. Vielmehr geht es darum, die
Möglichkeit des friedlichen Machtwechsels zu erläutern.
Die
„verbreitete Vorstellung von der Revolution als Folge des bewaffneten Aufstands
[ist] ein Märchen. Revolutionen gerade werden nicht gemacht und am wenigsten
durch eine lernbare Prozedur, in der man vom Dissent zur Verschwörung, von
passivem Widerstand zum bewaffneten Aufstand fortschreitet.“ [22] Gewalt ist, nach Arendt,
also kein wesentlicher Bestandteil einer Revolution. Auch die Akteure der
Protestbewegung in der DDR propagierten von Anfang an Gewaltverzicht. Stattdessen
riefen sie die Regierung auf, in einen Dialog mit dem Volk zu treten.[23] Denn im Grunde ging es
und geht es auch beim Revolutionsbegriff von Arendt um Machtverhältnisse und
nicht um Waffenstärke. Auch das Regime demonstrierte ab dem 9. Oktober 1989 keine
Waffenstärke mehr, obwohl gilt: „ Wo Gewalt der Gewalt gegenübersteht, hat sich
noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen“ [24]. Die Staatsgewalt hatte sich entschieden, den
Massenprotest in Leipzig nicht aufzulösen und so, oder gerade deswegen, konnte
die Revolution ihren Lauf nehmen.
Die
SED und die alten Herren des Regimes hatten in der Endphase der DDR fast
vollständig ihre Legitimation als Herrschaftsriege eingebüßt. Die
wirtschaftlich äußerst prekäre Situation war nur ein Faktor, der dazu führte,
dass die Menschen der Regierung kein Vertrauen mehr entgegen brachten. Wie
bereits in 2.1 ausgeführt, hatten die DDR-Bürger durch Vergleiche mit anderen
Ländern ein gutes Bild vom inneren Zerfall des Landes und der Unfähigkeit der
Politik, darauf zu reagieren. Nicht zuletzt die Massenausreisen und Fluchten
über Österreich, Ungarn und die Botschaften der Bundesrepublik zeigten, dass
der DDR-Regierung stetig der Rückhalt aus der Bevölkerung entzogen wurde.
Arendt formuliert die Bedeutung der Zahl derer, welche die Macht unterstützen
bzw. ablehnen, wie folgt:
„Alle politischen Institutionen sind
Manifestationen und Materialisationen von Macht; sie erstarren und verfallen,
sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinter ihnen steht und sie
stützt.“[25]
Die Demonstranten auf dem Leipziger Ring oder später in
Ostberlin wussten jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht, wie die Nacht für sie enden
würde. Trotzdem setzten sie das klare Zeichen, dass eine Führung, die ihre
öffentlichen Räume nicht unter Kontrolle hat, ihre Legitimität teilweise oder
vollständig verloren hat.[26]
Bereits
vor dem Herbst 1989 formierte sich Widerstand auf den Straßen. Die Menschen,
die sich durch kommunikative Prozesse zusammenfanden und sich für ein
gemeinsames Handeln entschieden, fingen an Macht zu konstituieren, die der
Staatsgewalt zur Konkurrenz wurde. Jürgen Habermas leitet aus den Texten
Arendts drei konkrete Situationen ab, in denen sich Macht manifestiert, die auf
gewisse Weise die Lage in der DDR und die Konstituierung der Widerstandsbewegungen
spiegeln: „a) in politischen Ordnungen, die die politische Freiheit schützen;
b) im Widerstand gegen Kräfte, die die politische Freiheit von außen oder innen
bedrohen; und c) in jenen revolutionären Akten, die neue Institutionen der Freiheit
begründen“[27] In
dem Maße wie das SED-Regime seine Legitimation stetig einbüßte, gewann die
Opposition an Zuspruch. Zwar waren die Bürgerinitiativen gespalten, doch der
Wunsch nach Veränderungen und der Wille auf die Straße zu gehen, unabhängig von
den konkreten Motiven, legitimierte jede einzelne Gruppe als Träger von Macht
und schließlich die gesamte Protestbewegung bei der Entmachtung des alten
Regimes. „Max Weber hat Macht als die Möglichkeit definiert, den jeweils
eigenen Willen dem Verhalten anderer aufzuzwingen. Hannah Arendt hingegen
versteht Macht als die Fähigkeit, sich in zwangloser Kommunikation auf ein
gemeinschaftliches Handeln zu einigen.“[28] Die große Leistung der
Friedlichen Revolution, die Aushebelung der alten Verhältnisse, muss somit eher
in der gemeinsamen Willensäußerung tausender Demonstranten und anderer
Aktivisten gesehen werden, als in der bloßen Tatsache der Überwindung des
DDR-Regimes. In diesem Prozess des Zusammenschlusses fehlte Gewalt völlig.
Die
Macht, die sich auf Legitimation in der Bevölkerung stützte, konstituierte sich
also gewaltlos. Gewalt ging von der Ohnmacht der Mächtigen aus, konnte jedoch
nicht mit aller Konsequenz durchgesetzt werden, da die Macht spürte, wie sie
sich selbst damit gefährdet hätte. „Gewalt kann Macht vernichten; sie ist
gänzlich außerstande, Macht zu erzeugen.“[29] Hier wird das von Phillip
Ther verwendete Wort der „Selbstbeschränkung“ wichtig. Die SED-Führung zeigte
mit der Entscheidung, keine militärische Gewalt einzusetzen, dass die
absehbaren Folgen eines solchen Eingreifens dem Machtapparat noch verheerender
erschienen, als das Dulden des Widerstandes der Bevölkerung. Es war klar, „daß
Gewalt, eben weil sie in der Tat Macht vernichten kann, stets die eigene Macht
mitbedroht.“[30] Bei
Habermas wird dies wie folgt ausgedrückt: „Keine politische Führung kann
ungestraft Macht durch Gewalt ersetzen; und Macht kann sie einzig aus einer
nicht deformierten Öffentlichkeit gewinnen.“ [31]
4. Zusammenfassung und Resümee
Die Ereignisse des Herbstes 1989 verdienen die
Bezeichnung der Friedlichen Revolution, denn ohne Gewalt, sondern durch den
aktiven Entzug der Legitimation durch die Bevölkerung, wurde das bestehende
Herrschaftssystem gestürzt. Das Volk ging auf die Straße, um seinem Unmut und
seiner Unzufriedenheit, aber auch seinem politischen Willen Ausdruck zu
verleihen. Das zahlenmäßige Ausmaß der Demonstranten und Mitläufer stellte die
Legitimation der herrschenden Macht offen in Frage. Unterstütz durch die
Bewegungen in den sozialistischen Nachbarstaaten und die Politik Gorbatschows
ging das SED-Regime seiner Herrschaftsbasis verlustig. Dass die Revolution
überwiegend gewaltfrei von statten ging kann durch die These Hannah Arendts
erklärt werden, dass Gewalt keine Macht erzeugen, nur zerstören kann. Ohne zu
behaupten, dass die Akteure, Staatsmacht sowie Demonstranten, sich dieser
Zusammenhänge bewusst waren, muss der Verlauf einer gewaltfreien Revolution,
sowie ihn Hanna Arendt theoretisch möglich sieht, anerkannt werden. Auf die
Frage, warum die Revolution friedlich verlief, soll hier statt der historischen
Fakten folgende Antwort gegeben werden: Die Revolution war eine friedliche,
nicht weil dies notwendig, sondern weil dies möglich war. Da sich Macht nicht
auf Gewalt, sondern auf Legitimation stützt, veränderten sich die
Machtverhältnisse, aufgrund dessen, dass die Menschen der einen Herrschaft ihre
Zustimmung absprachen und einer anderen übertrugen.
[1] Arendt,
Hannah: Macht und Gewalt, Gisela Uellenberg (Übers.), München/Zürich 1970, S.
36.
[2] Vgl.: Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): 1989, in: Henke,
Klaus-Dietmar (Hg.): Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die
Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 11ff.
[3] Konferenz
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
[4] Vgl.:
Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): 1989, S. 15ff.
[5] Bis zum
Mauerbau verließen 3 Mio. DDR. Zwischen 1961 und 1988 waren es 600.000
Flüchtlinge. Außerdem wurden in dieser Zeit ca. 33.000 politische Häftlinge von
der BRD freigekauft.
[6] Henke,
Klaus-Dietmar (Hg.): 1989, S. 26f.
[7] Vgl.: Ther, Phillip: 1989 – eine
verhandelte Revolution, in: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahresschrift für
Zeitgeschichte und Politik, 3/2010, S. 11.
[8] Hier ist
das Massaker an Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989 in Peking
gemeint.
[9] Vgl.:
Ther, Phillip: 1989 – eine verhandelte Revolution, in: Gerbergasse 18. Thüringer
Vierteljahresschrift für
Zeitgeschichte und Politik, 3/2010, S. 15.
[10] Ebd., S.
16.
[11] Vgl.:
Grünbaum, Robert: Deutsche Einheit. Ein Überblick 1945 bis heute, Berlin 2010,
S. 65.
[12] Vgl.: Ther, Phillip: 1989 – eine verhandelte
Revolution,S. 11.
[13] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, Gisela
Uellenberg (Übers.), München/Zürich 1970, S. 57.
[14] Arendt, Hannah: Denken ohne
Geländer. Texte und Briefe, Heidi Bohnet/ Klaus Stadler (Hg.), Band 601 in der
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006, S. 89.
[15] Ebd, S. 90.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Ebd., S. 89.
[19] Arendt,
Hannah: Denken ohne Geländer, S. 89.
[20] Vgl.:
Kulla, Ralf: Politische Macht und politische Gewalt. Krieg, Gewaltfreiheit und
Demokratie im Anschluß an Hannah Arendt und Carl von Clausewitz, Hamburg 2005,
S. 45.
[21] Arendt, Hannah: Denken ohne Geländer, S. 92.
[22] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, S. 49.
[23] Vgl.: Maier, Charles S.: Essay:
Die ostdeutsche Revolution, in: Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): Revolution und
Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte,
München 2009, S. 553.
[24] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, S. 49.
[25] Ebd., S. 42.
[26] Vgl.: Maier, Charles S.: Essay:
Die ostdeutsche Revolution, S. 564.
[27] Habermas, Jürgen: Politik, Kunst, Religion.
Essays über zeitgenössische Philosophen, Stuttgart 1989, S. 106.
[28] Ebd., S. 103.
[29] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, S. 57.
[30] Ebd., S. 56.
[31] Habermas, Jürgen: Politik, Kunst, Religion, S.
108f.
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