| Erschienen in Ausgabe: No 58 (12/2010) | Letzte Änderung: 24. November '10 |
Mühsamer Neuanfang in der Führung der nordrhein-westfälischen CDU
von Constantin Graf von Hoensbroech
„Kann man die Kiste noch hochstellen?“, raunte Jürgen
Rüttgers einem Mitarbeiter des Bonner Konferenz-Zentrums zu. Bei der
Totenehrung kurz zuvor war dem scheidenden Landesvorsitzenden der CDU in
Nordrhein-Westfalen offenbar aufgefallen, dass das Rednerpult nicht der für ihn
akzeptablen Höhe entsprach. Das durfte natürlich nicht sein. Schließlich sollte
nichts schief gehen bei diesem 32. Landesparteitag der nordrhein-westfälischen
CDU, bei dem Jürgen Rüttgers nach fast zwölf Jahren nicht wieder kandidierte.
So richtig schief ging zwar eigentlich nichts bei dem Treffen im ehemaligen
Bundestag, doch das von vielen in der CDU erhoffte geschlossene und kraftvolle
Signal eines Neustarts blieb aus.
Zwar wurde der neue Landesvorsitzende, Bundesumweltminister
Norbert Röttgen, erwartungsgemäß mit einem überzeugenden Votum von 92,5 Prozent
der Delegiertenstimmen als Nachfolger von Jürgen Rüttgers gewählt. Doch bei
seinen ersten beiden Personalvorschlägen bekam der 45-Jährige gleich einen
Dämpfer und wohl auch ein Gefühl dafür, wie viel im größten Landesverband der
CDU noch zu tun ist, um die auf dem Parteitag so oft beschworene Einigkeit und
Geschlossenheit wirklich zu realisieren: Christa Thoben, Wirtschaftsministerin
unter Rüttgers, wurde mit gerade einmal 76,6 Prozent als neue Schatzmeisterin
gewählt und der neue Generalsekretär, Oliver Wittke, erhielt mit 70,3 Prozent und
39 Enthaltungen sogar ein noch schlechteres Ergebnis.
Gerade die Personalie Wittke versprach besondere Brisanz für
den Parteitag, bei dem die Wahl von Röttgen ja bereits vorher feststand,
nachdem er sich in einer Mitgliederentscheidung gegen den ehemaligen
Integrationsminister Armin Laschet mit knapp 55 Prozent durchgesetzt hatte. Er
sei davon überzeugt, dass er mit Wittke vertrauensvoll zusammenarbeiten werde,
hatte Röttgen für den mit ihm seit Jahren befreundeten ehemaligen Gelsenkirchener
Oberbürgermeister geworben und dessen Wahl auch deshalb empfohlen, weil das
Ruhrgebiet damit wieder stärker in der Parteispitze vertreten sein würde. Der
Regionenproporz spielte schon immer in der CDU NRW eine wichtige und integrierende
– und manchmal auch intrigierende – Rolle. Doch Wittke, der seinerzeit als Landesverkehrsminister
zurücktreten musste, weil er in einer Stadt mit 109 Stundenkilometern geblitzt
worden war, ist in der CDU nicht unumstritten. Nicht wenige machen den
„rasenden Olli“ für Indiskretionen verantwortlich, die aus
Landesvorstandssitzungen an die Öffentlichkeit weitergegeben worden sind.
Ungemütlich wurde es, als einer von drei Rechnungsprüfern
beklagte, dass manche Kreisverbände die Landespartei „wie eine Bank“ benutzt und
bis zu 1,5 Millionen Euro herausgezogen haben sollen. Im Verlaufe des
Parteitags untermauerten einige Delegierte mit teilweise sehr kritischen
Beiträgen das Motto „Starke Basis. Starke CDU.“ Wie tief da offenbar manche Gräben
sind, zeigte schließlich der Bericht von Wittkes Vorgänger Andreas Krautscheid.
In den knapp acht Monaten seiner Amtszeit als Generalsekretär habe er manche
sehr einsame Tage in der Landesgeschäftsstelle erlebt, als „uns die Brocken um
die Ohren flogen: Da habe ich kaum jemanden vom Landesvorstand in der
Geschäftsstelle in der Wasserstraße gesehen.“ Parteiintern wird die
Landesgeschäftsstelle seitdem auch spöttisch in die „Unterwasserstraße“
adressiert. Viel Bitterkeit war zwischen den Zeilen zu hören, als sich
Krautscheid direkt an Wittke wandte und ihm den Rat gab: „Nach draußen muss die
Bude dicht sein.“ Wesentlich für die Landesgeschäftsstelle sei die Frage der
persönlichen Integrität und Seriosität. „Wer durch Illoyalität und Unseriösität
aufgefallen ist, hat da keinen Platz.“
Das lässt auf Zerwürfnisse im Landesvorstand schließen und
so verwunderte es nicht, dass Krautscheid denn auch noch die Norbert Röttgen
nachgesagten Ambitionen für höhere Ämter kritisierte, ohne diesen direkt zu
erwähnen: „Selbst wenn die Provinz nur Durchgangsstation ist, muss man die
Provinz ernst nehmen.“
So wird sich noch erweisen müssen, wie es der neue
Vorsitzende für den mit 160 000 Mitgliedern stärksten CDU-Landesverband
schaffen wird, seine bundespolitischen Aufgaben und vielleicht auch Ambitionen
mit den Aufgaben und Erfordernissen für den inhaltlich so dringend notwendigen
Neuanfang in der nordrhein-westfälischen CDU zu vereinbaren und dabei auch noch
überzeugend die amtierende rot-grüne Minderheitsregierung von Hannelore Kraft
unter Druck zu setzen. Noch mehr Gewicht soll seine Rolle am Wochenende beim CDU-Bundesparteitag
bekommen, wenn er als stellvertretender Vorsitzender kandidiert. Dafür kann der
Bundesminister sogar auf die Unterstützung des Landesverbands Baden-Württemberg
zählen, mit dem es im Frühjahr wegen der Umweltpolitik zu erheblichen Differenzen gekommen war. Die CDU-Vorsitzende
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich als
Gastrednerin in Bonn überzeugt, dass die NRW-CDU mit neuer Führung Rot-Grün
„unter Druck“ setzen werde.
Dass Röttgen das kann, bewies der rhetorisch gewandte
Rheinländer bei seiner Rede vor dem Wahlgang. Geschickt interpretierte er seine
und Laschets Kandidaturen um den Landesvorsitz als einen Wettbewerb, der die
Landes-CDU positiv verändert habe und übertrug die dabei deutlich gewordene
lebhafte Beteiligung der Mitglieder auch auf einige – auch parteiintern -
ebenso lebhaft diskutierte Sachthemen wie Sozialstaat, Generationengerechtigkeit,
Rente mit 67, Energiepolitik, Haushaltssanierung, Entlastung der Städte und Gemeinden,
Europa. Röttgen rief
seine Partei zu Geschlossenheit und mehr Diskussionswillen auf. „Angst vor
Diskussionen ist ein Keimvon Schwäche“,
warnte er und fügte hinzu: „Mit Diskussion und Teamgeist kann die Partei
richtig stark werden.“
Ob er dabei auch die Themen und Probleme meinte, die
parteiintern längst noch nicht geklärt sind: etwa Schulpolitik, Bildung sowie
die frühkindliche Förderung? Etwa die Konsolidierung der finanzschwachen Städte
und Gemeinden? Etwa die für das Energieland NRW so wichtige Industrie- und
Energiepolitik? Röttgens Vorstellungen von den Erneuerbaren Energien als einer
„mittelständischen Wachstumsbranche“ wird in Teilen der CDU auch als eine allzu
große – oder schnelle? – Annäherung an die Grünen gesehen. Die
CDU-Landtagsfraktion hat das Ziel, dass bis 2020 rund 15 bis 20 Prozent des
NRW-Stroms aus erneuerbaren Energien stammt, Röttgen strebt ein Drittel an. Mit
den Grünen ließe sich möglicherweise eher realisieren. Gleichwohl bleibt
Röttgens Verhältnis zur einstigen Ökopartei ungeklärt. Als junger
Bundestagsabgeordneter gehörte er Mitte der 1990er Jahre zu jenen
CDU-Parlamentariern, die sich zu inoffiziellen Sondierungsgesprächen mit
Vertretern der Grünen in einem Restaurant zur später sogenannten „Pizza-Connection“
zusammengefunden hatten. Beim Parteitag bezeichnete er die Grünen als
„dahinvegetierende Partei“, die sich allein ihres demoskopischen Hochs erfreue.
Tags darauf mutmaßte er in einem Interview, dass „CDU und Grüne die wichtigsten
politischen Wettbewerber geworden sind“.
Wie auch immer – für die CDU beanspruchte er: „Wir stellen
uns der Verantwortung, während sich SPD und Grüne bei den Themen wegducken.“
SPD-Chef Siegmar Gabriel sowie den Grünen-Politiker Jürgen Trittin nannte er in
diesem Zusammenhang „Aussteigungsdealer und Verantwortungsflüchtlinge“, der
SPD-geführten NRW-Minderheitsregierung attestierte er eine „Abhängigkeit von
irrlichternden Altkommunisten“ und in Anspielung auf die Schulpolitik von
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kritisierte er die „Hybris sozialdemokratischer
Bildungsideologen, die die Kinder gleichmachen will“.
Röttgen dankte Jürgen Rüttgers für die Jahre als
Landesvorsitzender sowie den Nachweis, „in Nordrhein-Westfalen gewinnen zu
können“. Rüttgers hatte 2005 nach 39 Jahren das Machtmonopol der SPD gebrochen,
wurde Ministerpräsident und führte darüber hinaus als Landesvorsitzender die
CDU auch in zwei Kommunalwahlen zu großen Erfolgen. Gleichwohl wurde Rüttgers
nach nur einer Wahlperiode im Mai dieses Jahres abgewählt. Der Mann, der sich CDU-intern
gern als soziales Gewissen profilierte und an Rhein und Ruhr auch als
„Arbeiterführer“ in einstigen SPD-Hochburgen Erfolg hatte, bleibt als
Ministerpräsident des Bundeslandes wohl nur eine Episode.
Landes- und kommunalpoltische Erfolge muss Röttgen erst noch
erringen. „Wir können in NRW gewinnen und wir werden wieder gewinnen“,
ermutigte er das Parteivolk. Dabei hat er selbst aber auch die Schwierigkeit,
Bundesminister ohne Landtagsmandat zu sein, oder anders ausgedrückt: Er muss
zeigen, dass es möglich ist, als Bundesminister auch den Landesverband einer
großen Volkspartei zu führen. Zwar steht ihm mit dem rhetorisch gewandten Oliver
Wittke der gewünschte CDU-General zur Seite, doch der kann auch nur gebremst
Oppositionsarbeit leisten, weil er bei der Landtagswahl dieses Jahres sein
Mandat verloren hat. So spricht einiges dafür, dass Röttgens Stellvertreter im
Landesvorsitz einen erheblichen Teil zur Profilierung der NRW-CDU als wettbewerbsfähige
politische Alternative beitragen müssen: der von ihm selbst als Stellvertreter
vorgeschlagene und mit dem zweitbesten Ergebnis gewählte Armin Laschet sowie
der mit dem besten Ergebnis ausgestattete CDU-Fraktionschef im Landtag,
Karl-Josef Laumann.
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