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| Erschienen in Ausgabe: No. 19 (1/2003) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Stefan Groß
2003 erschienen gleich mehrere Standardwerke zu Gilles Deleuze, was
um so erfreulicher ist, da die Auseinandersetzung mit dem
postmodernen Denker – auch und gerade nach der Kritik von Manfred
Frank – noch in ihren Anfängen steckt.
Unter den bislang im deutschsprachigen Raum erschienenen Arbeiten zu
Deleuze ist einerseits die von Friedrich Balke publizierte Einführung
hervorzuheben, andererseits sein mit Joseph Vogl herausgegebener
Sammelband Fluchtlinien der Philosophie, in der auch Deleuzes
letzte und kürzeste Schrift – Immanenz – Ein Leben Eingang
gefunden hat.
Neben Mirijam Schaubs beiden Büchern Gilles Deleuze im
Wunderland: Zeit- als Ereignisphilosophie und Gilles Deleuze
im Kino: Das Sichtbare und das Sagbare, die nunmehr im Münchner
Wilhelm Fink Verlag vorliegen und sich insbesondere Deleuzes
Kinoprojekt zuwenden, sind Röllis und Zechners Monographien ganz dem
philosophischen Denken des Franzosen verpflichtet.
In seiner umfangreichen Studie, die als Dissertationsschrift bei
Turia & Kant vorliegt, beschäftigt sich Rölli eingehend mit
Deleuzes Begriff des transzendentalen Empirismus, wobei darüber
hinaus auch dessen Hauptwerk Differenz und Versöhnung in den
Mittelpunkt gerückt und einer tiefgründigen Analyse unterzogen
wird.
Rölli holt bei seiner Annäherung an Deleuze weit aus, erläutert
die Begriffe des Transzendentalen und des Empirismus in der
abendländischen Geistesgeschichte, was ihn immer wieder zu Hume und
Kant führt. Um tiefergehende Einblicke in das Denken des
Postmodernisten zu liefern, setzt sich Rölli auch mit Husserl und
Heidegger auseinander.
Seine bis ins Detail gehende Beschäftigung mit den Schriften dieser
Denker gerät aber zu ausführlich. Der Leser wünschte sich vielmehr
einen tieferen Blick auf jene Begriffspersonen, die Deleuze im Rahmen
seiner geschichtsphilosophischen Analysen interessierten – auf
Spinoza, Nietzsche, Foucault und Bergson. Denn: Alle diese Denker
waren es – die stoische Philosophie nicht zu vergessen –, in und
aus denen Deleuze seine Randgänge des Denkens entwickelte.
Die Geschichte der Philosophie läßt der Franzose nur dort gelten,
wo diese – wie bei Nietzsche – zu einem aktiven Moment wird, zu
einem unvorhersehbaren Ereignis, das zum Denken zwingt, das von außen
zustößt. Dieses Sich-Ereignen des Denkens, das in der permanenten
Erschaffung von Begriffen kulminiert, war auch das ausgewiesene Ziel
von Deleuze und Guattari in ihrem letzten gemeinsam veröffentlichten
Werk Was ist Philosophie?
Deleuze selbst warnte vor einer Vergeschichtlichung der Philosophie
und der Verklärung ihrer Denker. Auch Röllis Arbeit ist nicht davor
gefeit, das Historische, den geschichtlichen Deleuze, zu sehr
herauszuarbeiten, was aber keineswegs ihren Wert für die Forschung
schmälert – sie bleibt ein wichtiger und ausgezeichneter Beitrag.
Einen sehr gelungenen Einstieg in das Werk von Deleuze bietet das
Buch Der Gesang des Werdens von Ingo Zechner. Während Rölli
bereits eine fundierte Kenntnis der Deleuzeschen Schriften
voraussetzt, erklärt Zechner in aller Einfachheit die oft
schwierigen Neologismen des Franzosen. Bereits in den
Anfangskapiteln, in denen das Verhältnis zwischen sokratischer
beziehungsweise kierkegaardscher Ironie und Humor am Beispiel der
Schriften von Deleuze gespiegelt wird, erhält der Leser einen
anschaulichen Zugang zu deleuzianischen Begriffen wie Rhizom,
transzendentales Feld und Immanenzebene. Zechner zeichnet in seiner
Monographie aber auch immer wieder Deleuzes kritisches Kantbild nach,
verweist auf seine Kritik am repräsentativen Denken, betont im
Zusammenhang mit dem Prozeßcharakter dieses Denkens zugleich den
Ereignischarakter desselben. Schließlich gibt es gute Einblicke in
das Theatrum Philosophicum.
Daß es sich bei der Philosophie des Postmodernisten um eine
Umkehrung des Platonismus handelt, wird dort deutlich, wo Zechner
seine deleuzianische Ideenlehre vorstellt. Interessant ist darüber
hinaus die im Schlußkapitel entwickelte Einführung in einen
fröhlichen Atheismus, wobei auch die Ethik des Franzosen zum Thema
gemacht wird.
Kurzum: Sowohl Rölli als auch Zechner erweisen sich als profunde
Kenner dieses in Deutschland weitgehend – und zu unrecht –
unbedachten Denkers, der keineswegs, wie ihm von Seiten der
akademischen Philosophie vorgeworfen wird, lediglich sich in bloßen
Wortspielereien und denkerischer Zufälligkeit gefällt. Deleuzes hat
eine Renaissance verdient, Rölli und Zechner haben dazu schon
Wesentliches beigetragen.
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