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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 18.11.10

Matthias Oldag, Generalintendant von Theater&Philharmonie Thüringen, zur Lage der Theater(un)kultur in Thüringen - hervorgegangen durch das Interview mit Erfurts Intendant Guy Montavon in der “Thüringer Allgemeinen” vom 17. November 2010, das eine Debatte ausgelöste.

von Matthias Oldag

Was ist ein großes Theater?
Gestern lese ich in der TA ein Interview. Es geht darin auch um große und kleine Theater in Thüringen.
Wie misst man eigentlich die „Größe“ eines Theaters? An den Zuschauerzahlen? An der Anzahl der Beschäftigten? Der Größe des Orchesters? An der Anzahl der Vorstellungen? An den Einnahmen? Oder an der Höhe der Zuschüsse? Gar an der künstlerischen Kraft? Vielleicht an seiner Bedeutung in der Region? An der Strahlkraft ins Land?
Oder in welcher Stadt es steht?
Und ab welcher Größe steht es dann zur Disposition? Ab wann ist es Sparmasse? Ab wann kann man sich den Kuchen teilen?
Einige dieser Kriterien sind bezifferbar - andere sind schwer zu vergleichen. Wie misst man den künstlerischen Erfolg eines Hauses? Wie wichtig ist ein Theater? Wie wichtig ist ein Fallschirm? Erst wenn man ihn nicht hat, merkt man es.
Unser Theater in Gera und Altenburg schafft mit etwa 300 Mitarbeitern um die 1000 Vorstellungen im Jahr – kleine und große. Wir haben jedes Jahr fast 180.000 Zuschauer, manchmal sogar mehr.
In allen Sparten leistet dieses Theater viel. Traditionell natürlich im Ballett, wo es Jahr für Jahr Uraufführungen namhafter Choreografen zu erleben gibt. Das Schauspiel unter Amina Gusner erarbeitet sich Stück für Stück Terrain zurück. Das Musiktheater konnte seinen Ruf als entdeckungsfreudige Sparte mit hoher Qualität ausbauen und besonders durch die Arbeit des neuen GMD Howard Arman gelang sowohl in der Oper als auch im Konzert ein Qualitätssprung. Nicht zuletzt gibt es noch ein aktives Puppentheater und eine innovative Jugendarbeit durch die TheaterFabrik.
Sind wir ein großes Theater? Womit vergleicht man sich? Gibt es in Thüringen überhaupt ein „großes“ Theater? Erfurt? Die Zahlen sprechen für sich. Aber müssen wir überhaupt eins haben? Es hätte vielleicht eins geben können mit Erfurt und Weimar in der Mitte. Ansonsten ist das Große an der Thüringer Theaterlandschaft eben die Vielfalt. Es kommt darauf an, diese als das Besondere Thüringens zu erkennen, es auf hohem Niveau zu halten, zu investieren und in geeigneter Weise natürlich auch zu vermarkten.
Wir sind ein kleinteiliges Land, das hat schon immer den Charme dieser Region ausgemacht. Wieso also nicht Zusammenarbeit? Wieso nicht wenigstens ein gemeinsames Internetportal, wieso nicht gemeinsames Marketing, wieso nicht gemeinsame Werkstätten, vielleicht sogar gemeinsam koordinierte Spielpläne. Die Entfernungen sind es nicht, es sind die Grenzen, die wir uns selber ziehen. Die Kulturlandschaft hier sollte nicht lokal gedacht werden, sie muss als Thüringer Kulturprodukt, als Thüringer Spezialität behandelt werden. Alles andere führt über kurz oder lang in den Ruin der Ränder.
Thüringen hat als Land seine reiche Kulturlandschaft, seine Museen, Orchester, Theater, Schlösser und Parks selbst geschaffen und schließlich immer durch die Jahrhunderte tragen können. Warum soll das jetzt auf einmal nicht mehr möglich sein?
Lassen wir also die Kirche im Dorf. Verfallen wir nicht in Kannibalismus, sondern suchen wir gemeinsam mit der Landesregierung nach Lösungen. Ich bin sicher, es gibt sie, denn die Thüringer wollen Ihre Theater und Ihre Orchester nach wie vor. Sie zeigen es allabendlich an der Kasse.

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