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| Erschienen in Ausgabe: No. 19 (1/2003) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Stefan Lorenz Sorgner
Diese Überschrift mag
zunächst recht seltsam erscheinen, denn man verbindet den Namen
Arnold Schönberg eigentlich nur mit einem Komponisten und einem
Musiktheoretiker. Daß und in welcher Art er durch sein Werk
jedoch auch gesellschaftlichen Einfluß ausgeübt hat,
beabsichtige ich in diesem Aufsatz zu zeigen. Schönberg selbst
war sich der gesellschaftlichen Wirkung von Kunst und Musik bewußt,
denn für ihn war der Ausdruck der Persönlichkeit und auch
der Menschheit der Zweck von diesen Tätigkeiten. Jedoch lag es
nicht in seinem Interesse die Zivilisation und besonders auch den
Nihilismus zu fördern, was er, wie ich zeigen werde, trotzdem
getan hat.
Schönberg hat
natürlich den Nihilismus und die Zivilisation nicht zur gleichen
Zeit gefördert, da dies grundsätzlich verschiedene
kulturelle Ordnungen sind und jede durch eine andere Art von Musik
gefördert wird. Ich weise in diesem Aufsatz nach, daß
Schönbergs mittlerer Stil, den er zwischen den Jahren 1908 und
1913 inne hatte1,
den Nihilismus unterstützt, und sein reifer Stil, in dem er
zwischen 1923 und 1933 komponierte, die Zivilisation. Ich gehe bei
meiner Untersuchung wie folgt vor. Zunächst wende ich mich einer
abstrakten Kurzanalyse von Schönbergs Werk dieser beider
Schaffensperioden zu (1.) und dann erläutere ich kurz das dieser
Abhandlung zugrunde liegende Kunstverständnis (2a. & 2b.),
was mir wiederum ermöglicht, auf die gesellschaftlichen
Konsequenzen von seinen Kompositionen einzugehen (3.).
Ich konzentriere mich in
diesem Zusammenhang ausschließlich auf die beiden oben
angeführten Phasen. Zunächst gehe ich auf die wichtigsten
Kennzeichen von Schönbergs mittlerem Stil ein. Die beiden
Konzepte, die für die Beschreibung von diesem am wichtigsten
sind, sind die „freie Atonalität“ und die
„Emanzipation der Dissonanz„. Unter der „freien
Atonalität“ ist zu verstehen, daß statt des
diatonischen Leitersystems auf die chromatische Skala zurückgegriffen
wird, in der alle 12 Töne gleichberechtigt sind. Das Gefühl
einen Grundton zu haben entfällt, ebenso wie das einen
Zentralton zu haben. Die „Emanzipation der Dissonanz“
bedeutet, daß die vorhandenen Akkordfolgen, die aus
Stimmführung und Horizontalspannung entstehen, nicht mehr
funktionell deutbar sind, die Akkordformen nichts mehr den
traditionellen, tonalen entsprechen und ein harmonisches Bezugssystem
nicht länger vorhanden ist2.
Jeder Ton oder Klang kann fortan mit jedem beliebigen anderen
verbunden werden. Diese Haupteigenschaften von Schönbergs
mittleren Still sind zum Beispiel in den 3 Klavierstücken op. 11
(1909), in dem Drama „Die glückliche Hand“ op. 18
(1910/1913), sowie auch in „Pierrot lunaire“ op. 21 (1912)
vorzufinden.
Als nächstes möchte
ich noch eine Kurzbeschreibung der Hauptmerkmale von Schönbergs
reifen Stil vornehmen. Dieser ist in besonders ausgeprägter Form
in seiner Klaviersuite op. 25 enthalten. Ich zitiere das Gesetz der
Zwölftonreihe, welches seinen reifen Stil ausmacht, nach Georg
Nester3,
der es sehr kurz und prägnant formulierte:
„1. Kein Ton darf
wiederholt werden, bevor nicht die übrigen Elf erklungen sind.
Kommentar: würde ein Ton wiederholt (ausgenommen unmittelbare
rhythmische Tonwiederholungen), so entstünde ein Übergewicht
eines Tones über die anderen, mit anderen Worten, eine
Grundtonbezogenheit der Reihe. Gerade aber diese soll vermieden
werden. Aus dem gleichen Grunde ist auch die Oktave verpönt.
2. Man kann einen Hut von
vorn, von hinten, von oben oder unten betrachten, es bleibt doch ein
Hut (Schönbergs Formulierung).
Kommentar: Auch die
Grundgestalt der Reihe hat verschiedene Ansichten: a) die Umkehrung:
Intervalle, die nach oben gehen, kehren sich nach unten um und
umgekehrt, b) der Krebs: die Reihe läuft rückwärts von
hinten nach vorn ab, c) der Krebs der Umkehrung: beide Manieren
verbinden sich.“4
Ausgehend von diesen
beiden Kurzanalysen von Schönbergs mittlerem und reifen Stil
werden im dritten und letzten Teil die gesellschaftlichen Wirkungen
seiner Kompositionen erläutert. Zunächst gehe ich jedoch
kurz auf das Kunstverständnis ein, das dieser Arbeit zugrunde
liegt.
Kunst ist die beste
Möglichkeit für die Kommunikation von Werturteilen5,
wozu sowohl der formelle, als auch der inhaltliche Aspekt jedes
Kunstwerkes genutzt wird. Der Künstler stellt durch sein
Kunstwerk bestimmte Werte als gut oder schlecht dar. Das Bewußtsein
und teilweise auch nur das Unterbewußtsein des Rezipienten wird
dadurch auf den behandelten Werte - Bereich fokusiert. Nur wenn der
jeweilige Bereich für den Rezipienten von großer Bedeutung
ist, wird das Werk ihn in stärkerer Form ansprechen. Jedoch hat
die Kommunikation von Werturteilen durch die Kunst noch die weitere
Wirkung, daß jeder Rezipient, der sich auf ein Kunstwerk
einläßt, durch dieses geprägt wird, solange dieses
etwas verführerisches an sich hat. Falls eine Werk etwas
verführerisches für jemanden besitzt, verändert sich
die Einstellung des Rezipienten in Bezug auf den jeweiligen Bereich
entsprechend der Position, die der Künstler bezieht. Verführt
werden kann man auch von Werken, deren Gesamtaussage einen nicht
stark anspricht, da Verführung durch einen Teilbereich
stattfindet, der nicht notwendigerweise für den vermittelten
Werte - Bereich von großer Bedeutung ist.
Auf die Nähe dieses
Kunstverständnisses zu dem von Platon und Tolstoi gehe ich nun
kurz ein. Für Tolstoi fängt die Kunst an, „wenn ein
Mensch in der Absicht, den anderen Menschen das von ihm empfundene
Gefühl mitzuteilen, dasselbe von neuem in sich hervorruft und es
durch gewisse äußere Zeichen ausdrückt“6.
Dem ist entgegenzusetzen, daß nicht nur Gefühle, sondern
auch Ideen, Intuitionen, Vorstellungen, Erinnerungen und
Sinnesempfindungen durch ein Kunstwerk kommuniziert werden können,
und in jedem künstlerischen Ausdruck sind Bewertungen bezüglich
aller dieser Bereiche enthalten, denn ein Künstler kommuniziert
eine Sache bloß, weil er ihr eine besondere Bedeutung beimißt.
Platon steht der hier
angewendeten Definition von Kunst noch näher als Tolstoi, denn
für ihn haben alle Kunstwerke eine stark prägende Wirkung7.
Genau aus diesem Grund verbannte er alle Künstler, die bloß
den momentanen Genuß der Rezipienten ansprechen, aus seinem
Staat.
„Wenn nun ein Mann,
der infolge seiner Klugheit alles mögliche sein und alles
nachahmen kann, in unsern Staat käme, sich selbst und seine
Gedichte zur Schau zu stellen, dann würdigen wir ihn als einen
heiligen, bewundernswerten und angenehmen Menschen zutiefst verehren.
Aber wir würden ihm sagen, einen solchen Mann gebe es nicht in
unseren Staate, noch dürfe er einwandern; dann würden wir
ihn in einen anderen Staat geleiten, Myrrhenöl auf sein Haupt
gießend und es mit Wolle bekränzend“8
Jedoch sollten alle die
Kunstwerke, die mit den Richtlinien seines Staates im Einklang
stehen, für die Erziehung genutzt werden.
„Wie sieht nun diese
Erziehung aus? Es läßt sich wohl schwer eine bessere
finden als die seit uralter Zeit erprobte? Es ist dies für den
Körper die Gymnastik, für die Seele die Kunst der Musen.“9
Beide Regelungen basieren
auf dem Grundverständnis, daß Rezipienten sich sehr leicht
durch Kunstwerke beeinflussen lassen. Die hier angewandte Auffassung
kann man als zeitgemäße Neuformulierung von Platon
Kunstphilosophie auffassen. Dabei ist zu betonen, daß die
Kommunikation der Werturteile die primäre Wirkung der Kunst ist
- die sich daraus ergebende Prägung ist die sekundäre
Folge.
Ich werde hier zwei
mögliche, zeitgemäße Beispiele für die Prägung
durch Kunstwerke darstellen. Das erste ist das Beispiel eines Werkes
zu dessen Werturteilen man heutzutage keinen Bezug mehr hat, wobei
jedoch ein Aspekt seiner formellen Schönheit so verführerisch
ist, daß man dem Werk trotzdem noch viel Zeit widmet. Das
zweite Beispiel hingegen bezieht sich auf ein Werk. mit dessen
grundsätzlicher Werte - Ausrichtung man sich identifizieren kann
und welches einen heutigen Menschen daher in seiner speziellen
Ausformung prägen könnte.
Das erste Beispiel bezieht
sich auf Bachs Messe in H – Moll (BWV 232). Diese Messe ist eine
der großartigsten Lobpreisungen des christlichen Gottes. Sie
repräsentiert die vollendete Harmonie, die in der transzendenten
Welt der christlichen Religion vorhanden sein soll und in die wir
nach unserem Tod gelangen könnten, so wir entsprechend gelebt
haben. Besonders durch das Gloria wird die Sehnsucht nach
einer solchen Welt und einem solchen Leben wieder wachgerufen.
Heutzutage hat man jede Hoffnung auf ein seliges, ewiges Leben bei
Gott aufgegeben, und man sucht nach einer guten Rechtfertigung für
das notwendige, irdische Leid, das man notwendigerweise ertragen muß.
Die Möglichkeit auf ein Leben ohne Leid hat man ganz
ausgeschlossen. Doch wenn die engelhafte Vollendung des Kyrie
Eleison erklingt, verliert man seine sonst sehr stark durch den
Intellekt beeinflußte Einschätzung von Kunstwerken. Das
feierliche Gloria in Excelsis Deo mit seinen klaren
Trompetenklängen, läßt die Frage aufkommen, ob es das
erfüllte, ewige Leben nicht vielleicht doch geben könnte.
Bachs H – Moll Messe verspricht uns dieses, sowie auch eine
harmonische, transzendente Welt, denn diese Messe besitzt keine
Ähnlichkeiten zu irgendwelchen irdischen Erscheinungsformen. Was
geschieht also beim wahrnehmen dieses Werkes? Durch die harmonische,
geordnete Komplexität in ihren verschiedensten Ausprägungen,
werden unterschiedliche Aspekte des ewigen, harmonisch vollendeten
Jenseits dargestellt. Im Gloria ist es die gütige,
majestätische Erhabenheit Gottes und im Credo in unum Deum
die gefestigte, glückliche Seele eines Christen. Die heute
vorherrschende Weltvorstellung schließt die Möglichkeit
der Existenz beider dieser Ideen aus. Jedoch aufgrund der
einzigartigen musikalischen Formulierungen Bachs wird man erneut zu
der Wahrscheinlichkeit der Existenz einer christlichen Nachwelt
verführt. Dieser Zustand hält zwar nur solange an, wie man
der H – Moll Messe zuhört, jedoch genügt dies um sich
die prägende Wirkung von Kunst, die einen nur durch diesen einen
Aspekt anspricht, zu verdeutlichen. Um auf eine länger
anhaltende Weise von Kunstwerken geprägt zu werden, müßte
man sich wiederholt Werken mit der gleichen Grundaussage zuwenden.
Noch wirksamer ist die prägende Wirkung einer Werteordnung, wenn
diese in der gesamten Kultur, die einen umgibt, enthalten ist.
Etwas anders ist die
Wirkung des zweiten Kunstwerkes. Hierbei geht es um Koyaanisqatsi
von Philip Glass. Die grundsätzliche Weltanschauung des
Komponisten spricht viele der heutigen Zeitgenossen an, da Glass an
keine Zwei-Welten-Metaphysik glaubt10.
Diese Auffassung wird in allen Werken von Philip Glass durch die über
lange Zeitperioden andauernde Wiederholung von kleinen, zellenartigen
Phrasen, die die organischen Veränderungen der Welt
widerspiegeln, deutlich. Bevor er zu seinen persönlichen Stil
fand, machte er eine Reise durch Indien, das Himalaja Gebiet und
Nordafrika, bei der er eine neue Form der immanenten Geistigkeit weit
entfernt von den westlichen Zivilisationen, in denen gegenwärtig
die Abwesenheit von Werten vorherrscht, entwickelte. Ein wichtiger
Grund für diese Neuorientierung war Glass Begegnung mit dem
Sitar Spieler Ravi Shankar Mitte der 60er Jahre, der ihn mit den
Strukturen der indischen Musik vertraut machte. Für viele
Menschen ist heutzutage die Notwendigkeit für eine neue geistige
Ordnung der Menschen innerhalb der Immanenz offenkundig11.
In welcher Ausprägung diese jedoch entstehen sollte, ist noch
unklar. Somit ist zumindest der allgemeine Bereich, den Glass in
seinen Werken behandelt, vielen Menschen sehr wichtig. Die Streben
nach einer neuen Geistigkeit ist derzeit nicht bloß bei Glass
vorhanden, sondern man kann es ebenso bei dem russisch-orthodoxen
John Tavener oder der seltsamen Religiosität von Karlheinz
Stockhausen vorfinden12.
Deren Grundeinstellungen sprechen zwar einige Menschen an, jedoch
lehnen viele die Verteidigung einer jenseitigen Welt, die in deren
Werken enthalten ist, stark ab. Anders ist dies bei Glass
Koyaanisqatsi. Dieses Werk verteidigt eine wunderbare
immanente Geistigkeit. Sowohl in dem Abschnitt Koyaanisqatsi,
als auch in Oragnic legt er die ruhige, verborgene Ordnung der
Welt dar. Erst in The Grid geht er näher auf die
Erscheinungsformen ein, zeigt aber, daß auch diese unter einem
geordneten geistigen Aspekt betrachtet werden können, obwohl sie
zumeist wild und leidenschaftlich sind. In diesem Werk von Glass,
setzt er sich stark für ein Leben der Ausgeglichenheit jenseits
der großen Leidenschaften ein. Unabhängig davon, ob man
diese Einstellung mit dem guten Leben verbindet, kann Koyaanisqatsi
einen dafür stark begeistern. Man kann auf diese Weise sogar
eine große Wertschätzung dieser Konzeption des guten
Lebens entwickeln.
Da ich jedoch in diesem
Aufsatz nicht näher auf die Wirkung von Bach und Glass eingehen
möchte, wende ich mich nun wieder Schönberg zu.
Wie wir bereits bei den
bisherigen Beispielen gesehen haben, waren es stets einige Elemente
der musikalischen Werke, die ein analoges Abbild im Körper der
Menschen gefunden haben, die für die Prägung verantwortlich
waren. Unter „Körper des Menschen“ verstehe ich hier
den gesamten Menschen. Wir sind ausschließlich unsere Körper
und sonst nichts. Der Geist ist lediglich ein Aspekt des Körpers13.
Somit gilt es zu fragen
welcher geistigen Grundhaltung und welcher Anordnung der Triebe im
menschlichen Körper die Merkmale von Schönbergs mittleren
und reifen Stil entsprechen. Zunächst konzentrieren wir uns auf
den mittleren Stil. Dieser ist geprägt durch die freie
Atonalität und die Emanzipation der Dissonanz. Die freie
Atonalität erlaubt die unbegrenzte Nutzung eines jeden Tones,
solange sich dabei kein Grundton und Zentralton herausbildet. Jeder
Ton kann genutzt werden, wenn dies Schönberg im Moment für
richtig hielt. Schönberg konnte, als er im mittleren Stil
komponierte, jeder seiner momentanen Launen nachgehen, ohne auf
irgendeine signifikante Beschränkung zu achten. Alles war
erlaubt, solange sich dabei kein Grund- oder Zentralton und keine
Konsonanz herausbildet. Wenn jemand stets seinem momentanen Willen
folgt, dann ist die automatische Ausbildung etwa von Konsonanzen sehr
unwahrscheinlich. Bei dieser Vorgehensweise konnte sich die Dissonanz
und der damit verbundene Schmerz leicht emanzipieren, denn es wurde
beim Komponieren nicht mehr länger auf irgendwelche zukünftigen
Entwicklungen geachtet. Alleine der Moment zählte. Was vor
kurzem passierte und was im nächsten Moment geschehen wird, war
völlig egal. Diese Vorgehensweise findet sehr leicht eine
Analogie in den Trieben der Menschen. Dieser mittlere Stil entspricht
den Handlungen eines Menschen, der sich ganz seinen momentanen
Trieben hingibt, nicht darauf achtet, was gestern war und was morgen
sein wird. Alleine die Erfüllung des momentanen Triebes zählt,
auch wenn dies bedeutet, daß man sich dadurch viel Leid
einhandelt, was bei einer solchen Vorgehensweise unweigerlich der
Fall sein muß. Genauso wie die Dissonanz sich emanzipiert,
fördert und akzeptiert der so handelnde Mensch sein Leid. Die
Folgen einer solchen Lebensweise werden am deutlichsten an Oscar
Wildes Dorian Gray sichtbar. Denn dieser folgt stets alleine seinen
Trieben und handelt ohne jede Selbstdisziplin. Die Einflüsse,
die diese Art zu Leben auf einen Menschen haben, werden an dem auf
dem Gemälde dargestellten Dorian Gray deutlich. Der freien
Atonalität entspricht beim Menschen das uneingeschränkte
Folgen der eigenen Triebe. Daß hierbei ein Grund- oder
Zentralton entsteht ist genauso unwahrscheinlich, wie daß ein
Mensch dem gleichen Trieb häufig hintereinander folgt und sich
so ein tugendhafter, starker Charakter bildet – also sehr
unwahrscheinlich. Die Emanzipation der Dissonanz korrespondiert beim
Menschen darin, daß der Schmerz in den Vordergrund rückt
und die Zeitlichkeit vergessen wird, weil nur noch der momentane
Schmerz wahrgenommen wird. Somit bewirkt der mittlere Stil Schönbergs
das freie Spiel der menschlichen Triebe, da es sich direkt auf die
geistige Grundhaltung auswirkt, die in diesem Fall besagt: Alles ist
erlaubt ungeachtet, von dem was bereits geschah, und dem, was
geschehen wird.
Wenn Schönbergs
mittlerer Stil diese Auswirkungen auf das Leben eines einzelnen hat,
dann fördert er damit den Nihilismus. Der Nihilismus ist nämlich
eine Gesellschaftsform, in der jeder Mensch ausschließlich
seinen eigenen momentanen Trieben folgt und darin das gute Leben
sieht14.
Schönbergs mittlerer Stil fördert genau diesen Lebensstil,
und wenn er dies bei einer genügend großen Menge von
Menschen getan hätte, dann würden wir in einer
nihilistischen Gesellschaft leben. Die Frage, ob wir dies nicht
vielleicht sogar tun, möchte ich an dieser Stelle nicht
erörtern.
Genauso wie wir alle wohl
diesen nihilistischen Lebensstil des ‚neuen Hedonismus‘
schon bald wieder ablegen würden, obwohl er anfänglich
einen gewissen Reiz auf uns ausgeübt hat, hat auch Schönberg
diesen Kompositionsstil schon bald wieder abgelegt und sich auf die
Suche nach einem neuen Ordnungsprinzip begeben. Nach etwa 10 Jahren
hatte er ihn in dem Gesetz der Zwölftonreihe gefunden. Auch
diese Ordnung hat eine bestimmte Wirkung auf die Menschen. Weil ein
Ton erst dann wieder auftreten darf, nachdem die anderen elf bereits
erklungen sind, hat hierbei eine Demokratisierung der Töne
stattgefunden. Und diese Demokratisierung prägt eine analoge
Demokratisierung im Denken der Menschen. Sie erschafft eine neue
Ordnung in der grundsätzlichen, menschlichen Denkstruktur. Es
ist nicht länger so, daß man wahllos den eigenen Trieben
folgt und somit unbedenklich sich und andere Menschen schädigt,
sondern man wird dadurch unter anderem auf die Gleichwertigkeit der
Menschen aufmerksam gemacht. Wenn jeder Ton das gleiche Grundrecht
besitzt, dann besitzen dies die Menschen auch. Somit verteidigt
dieser Kompositionsstil auch die unveräußerlichen
Menschenrechte. Jeder Mensch hat die gleichen grundlegenden
Menschenrechte, unabhängig davon wo und wann er lebt. Wenn man
von der grundlegenden Gültigkeit der Menschenrechte ausgeht,
dürfte ein Mensch auch keine Luxusartikel besitzen, solange
einem anderen noch nicht alle grundsätzlichen Menschenrechte
erfüllt wurden. Dies entspricht der Forderung, daß ein Ton
erst dann wieder auftreten darf, nachdem das Existenzrecht der elf
anderen erfüllt wurde. Jedoch nicht nur auf globaler Ebene
spielt dieser Gedanke eine Rolle, sondern auch auf politischer, denn
auf dieser entspricht dies dem Gedanken, daß jeder Mensch
zumindest die gleichen politischen Rechte besitzt. Wie beim Gesetz
der Zwölftonreihe die Töne, so haben in einer Demokratie
alle Menschen die gleichen politischen Rechte. Durch die musikalische
Form von Schönbergs reifen Stil entwickelt sich diese Denkweise
bei den Menschen. Die Anordnung der zwölf Töne ist stets
verschieden und verändert sich nach bestimmten Regeln, wie dem
Krebs oder der Umkehrung. Genauso ist dies auch in einer Demokratie.
Wenn die politische Führung nicht mehr gut regiert, wird sie
abgewählt und die Opposition kommt an die Macht. Das was unten
war, kommt nach oben und umgekehrt.
Wenn Schönbergs Werke
das Denken in diese Richtung verändern können und der
Einfluß von ihm groß genug wäre, dann könnte er
durch sie eine Zivilisation erschaffen. Eine Zivilisation ist nämlich
eine Gesellschaftsordnung, in der jeder Mensch seine eigene
Vorstellung vom guten Leben verwirklichen darf, solange er die
Menschenrechte der anderen dabei nicht verletzt. Dies entspricht dem
Gesetz der Zwölftonreihe. Jeder Ton kann so lange, so hell und
dort sein, wo er will, solange er erst dann wieder auftritt, wenn die
anderen elf Töne bereis erklungen sind.
Wie wir an den
vorangegangenen Schlußfolgerungen gesehen haben, haben die
Stilmerkmale aus den verschiedenen Schaffensperioden von Schönberg
unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesellschaft. Die Stilmerkmale
seines mittleren Stils beeinflussen die Menschen so, daß der
Nihilismus gefördert wird, und die Stilmerkmale seines reifen
Stils beeinflussen die Menschen so, daß die Zivilisation
gefördert wird. Die Entwicklung vom Nihilismus zur Zivilisation,
so wie sie bei Schönberg stattfand, kann man außerdem auf
vielen anderen Ebenen wiederfinden. Zum einen auf der
gesellschaftlichen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
war der Nihilismus in Europa sehr stark, was man an den zahlreichen
politischen Streitereien, Unruhen und Kriegen, den ständig neuen
staatlichen Ordnungsversuchen und den häufigen
zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen sehen kann. Jedoch waren die
Menschen mit diesem Zustand sehr unzufrieden. Deshalb wurde er durch
die Zivilisation abgelöst. Zivilisation zeigt sich in den
verschiedenen demokratischen Staatsformen, die man heute in Europa
vorfindet. Ich versuche mit diesem Beispiel nicht aufzuzeigen, daß
Schönbergs Werke alleine diese Veränderung hervorgebracht
haben. Jedoch gehe ich aufgrund der im zweiten Teil gemachten
Beobachtungen auch nicht davon aus, daß er an den geschehenen
Veränderungen unbeteiligt war. Es scheint sogar so, daß
das Werk Schönbergs die Vorhut der Entwicklung war, die sich auf
geschichtlicher Ebene im 20. Jahrhundert in Europa abgespielt hat.
Weiterhin ist zu bemerken,
daß der Wandel vom nihilistischen Chaos zur einfachen,
zivilisatorischen Ordnung ein auf vielen Ebenen stattfindender Prozeß
ist. Nämlich nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene ist dieser
Wandel vorzufinden, sondern auch auf persönlicher Ebene ist ein
analoger Vorgang zu beachten15.
Beispiel: Während der Teenager – Zeit gibt man sich häufig
alleine den eigenen Trieben hin: Alles ist egal! Wozu man Lust hat,
muß gemacht werden! Man probiert alles mal aus! D.h. Man lebt
den Nihilismus. Irgendwann bemerkt man jedoch, daß die
Abwesenheit von jeder Ordnung einen nicht das Überleben sichern
kann. Aus diesem Grund beginnt man sich neu zu orientieren und einen
für einen selbst gültigen Lebensstil zu erschaffen, der dem
der anderen nicht entgegensteht, was wiederum der typischen
Ausformung eines in einer Zivilisation lebenden Menschen entspricht.
Somit kann man an den Auswirkungen, die das Werk Schönbergs aus
den beiden angesprochenen Abschnitten auf die Menschen hat, auch eine
ganz normale Entwicklung des Menschen Arnold Schönberg
beobachten.
Aus den gestellten
Überlegungen können wir nicht nur folgern, daß
Schönberg die Vorhut der kulturellen Entwicklung im 20.
Jahrhundert in Europa darstellt, eine fördernde Wirkung ausübte
und somit tatsächlich ein Förderer des Nihilismus und der
Zivilisation war, sondern außerdem können wir die folgende
noch viel weiterreichende Schlußfolgerung ziehen. Spenglers
Organismustheorie der kulturellen Entwicklung16
wird durch die hier angestellten Überlegungen bekräftigt,
denn auf allen unterschiedlichen Ebenen hat sich uns ein
organismusähnliches Wachsen und Vergehen dargeboten, wie es von
Spengler beschrieben wurde. In diesem Fall repräsentiert
Schönberg nicht nur die Vorhut der kulturellen Entwicklung im
20. Jahrhundert, was impliziert, daß er diese Entwicklung
mitgefördert hat, sondern es wurde auch deutlich, daß die
kulturelle Entwicklung im 20. Jahrhundert selbst eine ganz natürliche
Entwicklung darstellt.
*Jung, Carl G.: Gesammelte
Werke. 20 Bd., herausgegeben von M. Niehus-Jung, L. Hurwitz-Eisner,
F. Riklin, L. Jung-Merker, E. Rüf und L. Zander, Walter Verlag,
Düsseldorf 1995
*Lovisa, Fabian R.:
minimal-music - Entwicklung, Komponisten, Werk. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 1996
*Nester, Georg: Die
Geschichte der Musik. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1962
*Nietzsche, Friedrich: Der
Wille zur Macht - Versuch einer Umwertung aller Werte. Alfred Kröner
Verlag, Stuttgart 1964
*Nietzsche, Friedrich:
Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino
Montinari, de Gruyter, Berlin 1967-1977 & 1988
*Platon: Werke. 8 Bd.,
Griechisch/Deutsch, herausgegeben von Gunther Eichler,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, Band 4, „Der
Staat“
*Platon: Der Staat. Ins
Deutsche übersetzt von Karl Vretska, Reclam, Stuttgart 1958
*Spengler, Oswald: Der
Untergang des Abendlandes - Umrisse einer Morphologie der
Weltgeschichte. dtv, München 1923
*Stevens, Anthony: On
Jung. Penguin Books Ltd., London 1990
*Tolstoi, Leo N.: Was ist
Kunst?. Eugen Diederichs Verlag, München 1993
*Vattimo, Gianni: Glauben
– Philosophieren. Ins Deutsche übersetzt von Christiane
Schultz, Reclam, Stuttgart 1997
*Vetter, Hans Joachim: Die
Musik unseres Jahrhunderts. B. Schott’s Söhne, Mainz 1968
1
Ich greife bei dieser Einteilung auf Hans Joachim Vetters Analyse
von Schönbergs Schaffensperioden zurück [Vetter, Hans
Joachim: Die Musik unseres Jahrhunderts. Mainz 1968, S. 60 –
61].
2
Auch in der Spättonalität waren die Akkordfolgen zum Teil
nicht mehr funktionell deutbar, jedoch wurden zu dieser Zeit noch
die traditionellen, tonalen Akkordformen verwendet.
3
Nester, Georg: Die Geschichte der Musik. Gütersloh 1962.
4
Ebd.: S. 601 – 602.
5
Der „Wert“ ist hier jede mögliche Grundlage für
menschliches Handeln. Das Wertespektrum umschließt den
gesamten Bereich zwischen Ethos und Pathos, also von den bestimmten
Eigenschaften oder Tugenden, die einen stabilen Charakter ausmachen,
bis hin zu den Leidenschaften und Begierden, von denen man
beherrscht werden kann.
6
Tolstoi, Leo N.: Was ist Kunst?. München 1993, S. 73.
7
vgl. Platon: Werke. Darmstadt, 1990, Band 4, „Der Staat“,
401b-d.
8
Platon: Der Staat. Stuttgart 1958, S. 178; „Der Staat“
398a.
9
Ebd.: „Der Staat“, 376 e.
10
Lovisa, Fabian R.: minimal-music - Entwicklung, Komponisten, Werk.
Darmstadt 1996, S. 101.
11
Gianni Vattimo hat klar herausgestellt, daß in der letzten
Zeit Religionen wichtiger geworden sind, die Frage nach Gott wieder
laut wird und einem auch das Recht zugestanden wird, diese Frage zu
stellen. Dies scheint eine Abkehr von der in den vergangenen
Jahrzehnten dominierenden antireligiösen Haltung aufzuzeigen
[Vattimo, Gianni: Glauben – Philosophieren. Stuttgart 1997, S.
7].
12
In diesem Zusammenhang ließen sich noch viele weitere Namen
nennen, etwa: Arvo Pärt oder Henryk Görecki.
13
vgl. Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe. Herausgegeben
von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, de Gruyter, Berlin
1967-1977 & 1988, Vol. 4 „Also sprach Zarathustra“,
‚Von den Verächtern des Leibes’.
14
vgl. Nietzsche, Friedrich: Der Wille zur Macht - Versuch einer
Umwertung aller Werte. Stuttgart 1964, „Der Wille zur Macht“
Aph. 1-2.
15
vgl. Jung, Carl G.: Gesammelte Werke. Düsseldorf 1995, 8.
Band, Paragraph 795 & Stevens, Anthony: On Jung. London 1990.
16
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes - Umrisse einer
Morphologie der Weltgeschichte. München 1923, Tafeln nach Seite
71.
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