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| Erschienen in Ausgabe: No. 20 (2/2003) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Stefan Groß
In einem Zeitalter, wo das Interesse an
gartenthematischen Fragestellungen permanent zunimmt, widmet sich
Ulrich Müller, der derzeit Privatdozent am Kunstgeschichtlichen
Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist, speziell
dem Landsitz in Rousham. Mit seiner Monographie, die sich inhaltlich
mit der Rezeption des Landsitzes in Rousham und mit seiner
Rangstellung auseinandersetzt, gelingt es Müller aus der Sicht
eines praktischen Landschaftsgestalters und – darüber
hinaus – als gelehrten Kunsthistoriker, einen seiner
Forschungsschwerpunkte darzustellen. Immer wieder greift der
Wissenschaftsdiskurs, der sich explizit mit der Gartenkunst und ihrer
Tradition in England auseinandersetzt, auf den Garten in Rousham
zurück. Ulrich Müller unternimmt seinerseits den –
sehr geglückten – Versuch, ein Stück Gartenkunst der
englischen Tradition aus der heutigen Sicht aufzuarbeiten, der es
letztendlich ermöglicht, zu den Quellen gartenpragmatischer und
–theoretischer Schriften vorzustoßen. Die sehr
sorgfältige Beschreibung, die Müller für den Garten in
Rousham liefert, gilt auch für das dortige Herrenhaus. Die
Auseinandersetzung mit dem Bauherrn Dormer sowie mit den berühmten
Künstlern William Kent und Charles Bridgeman, die für die
Gartengestaltung verantwortlich waren –, belegen sein
nachhaltiges Interesse, den Garten nicht nur aus der Sicht eines
Gesamtkunstwerkes zu deuten, sondern ihn auch folgerichtig in die
Geschichte der englischen Gartenkunst zu integrieren. Müller
versäumt es daher nicht, sowohl geistesgeschichtliche als auch
politische Quellen anzuführen, die nicht nur für die
Gartenidee in Rousham verantwortlich waren, sondern die auch für
einen Strukturwandel innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung
maßgebend wurden. Exkurse in die Philosophiegeschichte, die
sich mit den Namen der Empiriker Hume und Locke verbinden, zählen
ebenso zur wissenschaftlichen Aufbereitung der Thematik wie
eingehende Beschreibungen, die den Garten aus zeitgenössischer
Sicht im neuen Licht erscheinen lassen. Müller, der sich in der
Thematik der Gartenkunst sehr gut auskennt und auch an pragmatischen
Fragen, die Gartenkunst betreffend, geschult ist, versäumt es in
seiner Monographie nicht, immer wieder auf empirische Details
einzugehen. Neben der Wiedergabe landschaftlicher Szenarien greift
Müller auf die strategischen Wegbereiter der englischen
Gartenrevolution zurück und spiegelt ihre aufgeklärten
Ideen im Lichte einer ästhetischen Gartenrezeption, die für
das späte 18. Jahrhundert nicht nur für England, sondern
auch für Deutschland wegweisend wurde. Seine Auseinandersetzung
mit der Gartenkunst und ihren Staffagen – insbesondere mit den
Skulpturen Peter Scheemakers` – verdeutlichen die Symbiose
zwischen aufgeklärter Liberalität – im Sinne der
Whig-Politiker – und arkadischem Sehnsuchtsempfinden, das sich
in den gestalterischen Entwürfen englischer Gartenanlagen –
so auch in Rousham – niederschlug. Das Wissen von
klassischem Ideal und die Suche nach einem Ideal aufgeklärt-gotischer
Tugend führt auch Müller zur Auseinandersetzung mit der
Arkadienthematik. Der Versuch, klassisches Stilempfinden, das von
Vitruv bis hin zu Palladio reicht, einzubeziehen, macht die Arbeit zu
einem abgeschlossenen Werk, das die Begeisterung des Autors für
die Gartenkunst auch sprachlich wiedergibt.
Die Gartenbeschreibungen erweiternd siedeln Müllers
Ausführungen auch im Umfeld von Alexander Pope – dem
damals renommiertesten Dichter – und dessen Garten in
Twickenham. Pope, so läßt sich entnehmen, greift nicht nur
die Idee der Antikenrezeption auf und sucht damit einem klassischen
Naturideal zu entsprechen, sondern erweist sich auch als originärer
Gartengestalter, der die Ideen der englischen Aufklärung
aufnimmt, um diesen in seinem Raumkonzept Wirklichkeit zu
verschaffen. Pope gelingt es, französische Stilelemente mit den
Gestaltungsidealen der neuen englisch-sentimentalen Gartenkunst zu
verbinden. Darüber hinaus wird der Garten zum Bild-Raum, der
sich an die Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts anlehnt und in
malerischer Form auf die Idee des Pittoresken hinweist. Ulrich
Müller schreibt: „Die virtuose Schilderung der Eindrücke
gewinnt nicht allein aus dem Bewußtsein malerischer
Landschaftserfahrung, jener distanzschaffenden Entfernung der Natur
von den Einlassungen des ausschnitthaften Teleskopeffekts der
Gewölbegänge, außerordentliche Bedeutung, sondern
auch aus der Beschreibung der bildhaften Wahrnehmung der Gegenstände,
die Pope, und darin seinen Zeitgenossen vorauseilend, vermöge
seiner Sensibilität für ästhetische Phänomene
illuminierte oder; dem Prinzip einer Camera obscura ähnlich,
vexierbildartig auf der Wand tanzen ließ“ (S. 94).
Neben Pope wird auch auf Lord Burlington hingewiesen,
der mit seinem Garten in „Chiswick“ ein bedeutendes
Beispiel englischer Staffagekunst und Gartengestaltung geschafft hat.
Müller setzt sich dabei mit Stilfragen auseinander, die
ästhetische Konzepte einbeziehen, wie sie von Bridgeman, Switzer
und Langley vorgelegt wurden. Der Rekurs auf die Gartenkunst, die
damals als junge und keineswegs anerkannte Gattung innerhalb der
Hierarchie der Künste gehandelt wurde, belegt Müllers
Interesse, autonome Gestaltungsmerkmale dieser Gattung
herauszuarbeiten, um ihr – aus wissenschaftlicher Sicht –
eine Stelle innerhalb der Kunstgattungen einzuräumen. Denn wie
„[...] sehr die Ausgestaltung des Landsitzes von Rousham auf
die in England geführte Diskussion über Aufgabe und Rang
des Landschaftsgartens reagiert, verdeutlicht die Debatte über
seine Qualität als Kunstwerk. Sie veränderte das bisherige
Verhältnis von Natur und Kunst, anschaulich in den Gärten
des Barock, grundlegend und setzte eine Entwicklung in Gang, die für
de Bestimmung dessen, was Landschaft ausmachen kann, folgenreich
werden sollte“ (S. 251). Müller spricht vom fundamentalen
Wandel „des abendländischen Naturgefühls“ (S.
251) und betont in seiner Arbeit den Paradigmawechsel, der von der
geometrisch-starren Ordnung kompositorischer Raumbilder auf ein
Konzept von Landschaftlichkeit hinausgreift, das sich von den Ideen
barocker Gartengestaltung radikal verabschiedet. Dieser Übergang,
der sich nicht nur in der Gartenkunst vollzieht, ist, wie Müller
betont, auch vom Einfluß philosophischen Denkens nicht
loszulösen. Besonders Shaftesbury unterstützte mit seiner
Naturphilosophie, so Müller, die Ideen einer liberalen
Aufklärung, die in der freien Landschaft das Refugium des neuen
Menschen sehen wollte. Der Gedanke einer universalen Kosmologie –
verbunden mit dem Anspruch sittlicher Läuterung, wie sie sich in
der englischen Tradition des „moral sense“ findet –,
steht letztendlich für ein Gesamtkonzept aufgeklärter
Moralität, das sich in vielen Gärten widerspiegeln sollte.
Dem naturreligiösen Deismus, wie ihn Shaftesbury fordert, geht
es letztendlich darum, Natur und Vernunft zu versöhnen. Müller
schreibt dazu: „Indem er Natur als eine alle Sphären
durchwaltende sittliche Macht setzte, trug er zur Schaffung eines
naturreligiösen Deismus bei, der Natur und Vernunft zu versöhnen
suchte. Der Schöpfer, die Gottheit oder das höchste Wesen
des auf Balance, Symmetrie und Proportion gegründeten,
harmonischen Universums sollte sich nicht mehr mit der
Heilsgeschichte, sondern in der umfassenden Allnatur offenbaren“
(S. 253).
Der Versuch einer Harmonisierung unterschiedlicher
Wissenschaftsdiskurse, wie Kunstgeschichte, Politik und
philosophische Geistesgeschichte macht den eigentlichen Reiz dieses
Buches aus. Kurzum: Für all jene, die ein Interesse an
kunstgeschichtlicher Forschung innerhalb der Gartenkunst haben und
denen Ausflüge in den Gesamtdiskurs der englischen Geschichte
willkommen sind, bietet Müllers Buch garantiert Abwechslung.
Ulrich Müller, Klassischer Geschmack und Gotische Tugend, Der englische Landsitz Rousham, Wernersche Verlagsanstalt, Worms 1998, 350. Seiten Text mit 90 Tafeln, Ln. geb., Preis neu: 89, 50 Euro, gebraucht: 29, 50 Euro, ISBN 3-88462-143-2 (1998)
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