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| Erschienen in Ausgabe: No 60 (2/2011) | Letzte Änderung: 05. September '11 |
Kriegskind, Stasihäftling, Erfolgsunternehmer und Denkmalstifter
von Henning Pietzsch
Kaum jemand vermag sich heute vorstellen zu können, wie die Generation
der Kriegs- und Nachkriegskinder im zerstörten Deutschland aufwuchs und unter
welchen Bedingungen sie lebte. Gebrochene oder zerstörte Familienbiographien
waren für viele die wesentliche „Mitgift“ des Zweiten Weltkrieges. Eingebettet
war das Ganze in eine Lebenswelt der Zerstörung, der materiellen Nöte und neuer
politischer Konflikte. Sie bestimmten die Nachkriegsjahre, in der DDR die so
genannten Aufbaujahre und letztlich fast die gesamte zweite Hälfte des 20.
Jahrhunderts. Besonders schwierig verliefen diese Anfangs- bzw. Aufbaujahre im
geteilten Deutschland, und hier insbesondere in Ostdeutschland. Junge Menschen,
die in die 1949 gegründete DDR hineinwuchsen, hatten neben den schwierigen wirtschaftlichen,
politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zugleich Chancen, ihr
Leben in den Dienst einer neuen, ja besseren Welt zu stellen, so glaubten es
jedenfalls viele von ihnen. Für so manche kam aber die erwartete und durch
Propaganda verkündete Vision vom „schönen neuen sozialistischen Leben“ sehr
schnell ins Wanken. Ein wesentlicher Grund dafür war der von den Kommunisten
mit allen politischen Mitteln ausgetragene „Klassenkampf“, der seinen Höhepunkt
in der Adaption des sowjetischen Stalinismus fand. Die Diktatur der
Arbeiterklasse verfolgte auf dieser ideologischen Grundlage jeden, der sich
nicht zur kommunistischen Klassenkampfideologie bekannte oder bekehren ließ.
Die Folge war jahrelanger offener Terror gegen Andersdenkende unter dem
Deckmantel des Antifaschismus.
Ein Leben wie im Film
Einer, der durch diese „Hölle“ ging, war der Jenaer
Karl-Heinz Johannsmeier. Seine Lebensgeschichte steht zugleich für viele
gleichgelagerte Lebensläufe, zumindest bis zur Flucht in den Westen in den 50er
Jahren. Darüber hinaus wartet seine Biographie mit Besonderheiten auf, die
einen Hollywoodfilm wert wären. Vorerst ist sein Selbstzeugnis nur nachzulesen
in einer Biographie mit dem Titel „Neun Leben sind nicht genug. Mein Weg vom
Stasihäftling zum Erfolgsunternehmer in Silicon Valley“.[1]
Für die Ende der neunziger Jahre erschienene Biographie hatte Johannsmeier zwei
wichtige Beweggründe. Zum einen wollte er seiner Familie ein Werk hinterlassen,
in dem er ausführlich das beschreibt und darstellt, was er bisher in seinem
Leben erlebt und geleistet hat. Er gibt damit auch Antworten auf vielleicht bis
dahin ungestellte Fragen wie diese, woher komme ich und warum bin ich so, wie ich
geworden bin. Andererseits spiegelt er in dem Buch beeindruckend ehrlich das eigene
Leben als eine Art Selbstvergewisserung wider.
Johannsmeier, der sich selbst als kreativen Kopf versteht
und auch als Künstler, beschreibt in dem Buch sein Leben in chronologischen
Abschnitten. Es sind Geschichten, die dem Leser vor das geistige Auge treten,
als sei er in einem Film. Es wird ein Leben präsentiert, das unglaublich
erscheint. Die vielen bunten Zwischentöne zeichnen einen unbedingten
Lebenswillen und den Willen zum Erfolg nach. Die Zwischenkommentare und
Interpretationen von den Ereignissen belegen zugleich die Authentizität des
Erlebten.
Einsicht in die eigene
Begrenztheit
Am Anfang beschreibt Johannsmeier eine Situation, in der er während
eines Skiausfluges in den Alpen in eine lebensbedrohliche Lage kommt. Hier
beginnt er über sein bisheriges Leben nachzudenken. Er ist bereits in einem
Alter, wo andere kaum noch vor die Tür gehen. Er stellt fest, dass sein Leben,
das gegenwärtig an einem seidenen Faden hängt, viel zu schön und wertvoll sei,
als dass er bereit wäre, schon abzutreten. Er stellt sich auch hier dem
Schicksal entgegen, kann sich zum Teil selbst helfen und wird schließlich aus
der lebensbedrohlichen Lage befreit. Wichtigste Erkenntnis in dieser Situation
wird für Johannsmeier die Einsicht in die eigene Begrenztheit. Andererseits
stellt er auch fest, dass er eben diese Begrenztheit stets zu überwinden versuchte.
Kinder- und
Jugendjahre
Ausschlaggebend dafür waren seine Kinder- und Jugendjahre –
erste in der Nazidiktatur, danach in der kommunistischen Diktatur. In beiden
Diktaturen erlebte Johannsmeier ständig Begrenzungen - politische, ökonomische
und geistige. Der junge Johannsmeier folgte zunächst instinktiv dem eigenen
„Weckruf“. Er möchte raus aus dem materiellen Elend, fort vom ständigen Hunger,
dem Schmutz und der Widersprüchlichkeit seiner Lebensumwelt, der Welt der
Erwachsenen. Dabei kam er schnell, ja immer schneller an „reale“ Grenzen. Ging
es in der Nazizeit in erster Linie noch um das pure Überleben, so folgten in
der kommunistischen Zeit andere Zwänge, die den „Aufbauwillen“ des kreativen
und neugierigen Jugendlichen geradezu erstickten. Nur wenige Erwachsene hielten
zu ihm oder beförderten ihn. Er kämpfte sich also durch und lernte, dass das
Leben ein Kampf ist, egal wo. Dramatisch wurde es, als er erste Zweifel am
Leben im sozialistischen Paradies bekam, obwohl Johannsmeier nicht gerade
politisch dachte und fühlte. Das Überleben und der persönliche Erfolg standen an
erster Stelle. In Jena bei „Carl Zeiss“, wo er seine Lehre zum Feinmechaniker absolvierte,
schien beides auf wunderbare Weise möglich. Im Urlaub reiste er viel, auch nach
Westdeutschland. Noch waren Reisen in den Westen möglich, wenn auch unter
strengen Auflagen. Doch der Jugendliche Johannsmeier wusste sich immer wieder
zu helfen, die Auflagen zu umgehen oder so darzustellen, dass die Genossen ihn
ziehen ließen - zunächst. In Bayern lernte er dann Pepperl, einen Bergbauern, kennen.
Hieraus entstand eine langjährige, enge Verbindung, die ihn auch prägte.
Der 17. Juni und die
Folgen
Noch mehr prägte und veränderte aber der 17. Juni sein
weiteres Leben. Ihm und seinen Mitstudenten wurde an diesem Tag alles wieder bewusst,
was die Regierung der DDR sie bisher in den Jahren gezwungen hatte,
herunterzuschlucken. Zunächst als Zuschauer wurde er spontan mit hineingerissen
in die Ereignisse und half, Straßenbahnbarrikaden zu bauen und wünschte jene „Kommunistenscheine“,
die, wie er glaubte, auf Zivilisten geschossen hatten, hängen zu sehen. Doch der
Aufstand der Arbeiter wurde in Jena wie überall in der DDR von den Sowjets brutal
niedergeschlagen. Das SED-Regime zeigte sein wahres Gesicht - und die
Westmächte griffen nicht ein, wie manch einer wohl hoffte oder glaubte.
Johannsmeier selbst kam unbeschadet davon, beendete sein Studium zum
Konstruktionsingenieur und arbeitete bei Carl Zeiss Jena. Er gehörte nun zur
„technischen Intelligenz“, lernte eine Frau kennen, Erika, und hörte von den
aus der Sowjetunion zurückgekehrten ehemals deportierten Spezialisten und
Wissenschaftlern, wie schlimm die Verhältnisse dort waren. Er hatte es in Jena dennoch
weit gebracht. Er besaß ein kleines Motorrad und hatte eine wunderbare Frau an
seiner Seite. Vielen hätte und hat es gereicht, sich im neuen Staat
einzurichten, nicht so Johannsmeier. Klar war ihm da aber schon, dass ihm, wenn
er nicht dem Druck der Parteifunktionäre nach Bekenntnissen, Parteieintritt und
Teilnahme an militärischen wie ideologischen Veranstaltungen folgen würde, der
Aufstieg in höhere Positionen verwehrt bleiben würde. Parteifunktionäre trafen
ihre Entscheidungen über die Köpfe der Leute hinweg, die sehr viel besser
qualifiziert waren, so Johannsmeier. Dies und vieles mehr schärften seinen
Blick für die Unmöglichkeiten, in diesem System etwas zu werden, seine
Qualifizierung zu leben. Auch deshalb spielte er immer öfter trotz
tiefverwurzelter Heimatliebe zu Jena und seinen Menschen mit dem Gedanken, fortzugehen.
Er besorgte sich Zeitschriften aus dem Westen und entdeckte hier neben
fachlichen Erkenntnissen Stellenanzeigen, auf die er sich spontan bewarb, im
neutralen Umschlag. „Ich wollte meinen Horizont erweitern und lernen, was den
Westen so stark machte, seine Technologie kennen lernen und beruflich an die
Spitze kommen.“[2]Fast zeitgleich erfuhr er, dass er Miterbe eines
Grundstückes bei Frankfurt am Main geworden sei. Letzteres ermöglichte ihm, eine
offizielle Reisegenehmigung in den Westen zu bekommen, ohne die schon damals
keiner mehr in den Westen reisen durfte. Seine größten Befürchtungen trafen
dann auf der Reise ein, ihm gefiel es im Westen, und die beruflichen Chancen
schienen sehr gut. Die zunächst erfolgreiche Reise endete dann schließlich auf
der Rückfahrt an der ostdeutschen Grenze. Sein Fehler war, vom Firmenchef
Eckerle, bei dem er sich vorgestellt hatte, dem ersten Kapitalisten, dem
Johannsmeier begegnete, 100 DM für die Reiseauslagen angenommen zu haben. An
der Grenze lief er geradewegs in die Falle. Er wurde gefilzt, weil ihn ein
westdeutscher Lebensmittelhändler im Grenzgebiet offensichtlich an die
DDR-Grenzer verriet, weil Johannsmeier die 100 Westmark in Ostmark tauschen
wollte. Unter dem Verdacht der Spionage wurde er noch an der Grenze verhaftet. Die
Einfuhr von Westgeld in die DDR war verboten und zugleich ein kleines Vermögen.
Die 100 DM wurden entdeckt, Johannsmeier nach Gera gebracht, wo ihn zwei nette
Herren des 1950 gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit erstmals
verhörten. Sie setzten ihn wegen seines „Vergehens“ unter Druck und boten ihm gleichzeitig
an, seinen „Fehler“ durch eine „freiwillige Mitarbeit“ als Spitzel wieder
gutmachen zu können. Er stimmte dem zum Schein zu, und so kam Johannsmeier nach
fünf Tagen Untersuchungshaft erst einmal wieder frei. Danach ergriff ihn Panik.
Er dachte sich umgehend einen Plan aus, wie er sich und Erika aus
Ostdeutschland befreien könne. Das Schlupfloch hieß „West-Berlin“, das für Viele
bis zum Bau der Mauer 1961 letzte Rettung und Hoffnungsträger zugleich war.
Flucht und Gefängnis
Johannsmeier besorgte für sich eine Reisevollmacht seines
Betriebes nach Ost-Berlin, für Erika ein Visum für eine Familienreise in den
Westen. Auf getrennten Wegen reisen und im Westen zusammenkommen, hieß die
Devise. Alles schien ganz einfach, ein Kinderspiel, so Johannsmeier in seinen
Erinnerungen. Einen Teil seiner Habseligkeiten hatte er allerdings zunächst in
Ostberlin in einem Schließfach deponiert. Er hatte nun vor, diese nach und nach
zu holen. Naiv und den Ernst der Lage nicht begreifend, pendelte er nach
Ostberlin zurück, wo er sich spontan von einer Schaufensterauslage verführen
ließ. Dort waren jene optischen Produkte in der Auslage, an denen er in Jena
mitarbeitete. Er beschloss, sich vom letzten DDR-Geld ein Fernglas zu kaufen.
Beim Erwerb hatte er seinen Personalausweis vorzulegen, der ihn sofort
verdächtig machte. Denn wieso kauft einer aus Jena ein Fernglas in Ostberlin, das
in Jena produziert wird?
Damit war sein Schicksal für die nächsten Jahre besiegelt.
Er wurde erneut wegen Spionageverdacht verhaftet und kam nach Gera in die
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit. Wochenlange
Verhöre, Hunger, Kälte, Schlafentzug, Holzpritsche, Dunkelzelle, Isolation und
physische wie psychische Quälereien bestimmten fortan den Alltag, der die Zeit
zeitlos werden ließ. Er verlor binnen kurzer Zeit 10 Kilo Körpergewicht. Die
Verhandlung am Tag der Urteilsverkündung dauerte gerade 25 Minuten. Am Ende
hieß es, er, Johannsmeier, habe sich schwerster Verbrechen schuldig gemacht, er
neige trotz oder gerade wegen seiner Intelligenz zu kriminellen Handlungen. Er
wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein ehemaliger Bergarbeiter als
Richter, der nun den Arbeiter- und Bauernstaat vertrat, hatte „Recht“
gesprochen. Johannsmeier war da im Jahr 1955 gerade 26 Jahre alt, seine besten
Jahre hätten vor ihm liegen können. Nun war er verzweifelt über das Ausmaß einer
Strafe, die etwas bestrafen sollte, was die DDR bis zu ihrem Ende begleitete -
das Streben der Menschen nach politischer und sozialer Freiheit. Zwei Drittel
seiner Mithäftlinge in seinem Gefängnisblock waren „Staatsfeinde“, die wegen
politischer Verbrechen einsaßen, so Johannsmeier. Auch seine Gefährtin Erika
wurde an der Grenze zunächst verhaftet und den DDR-Gesetzen entsprechend „behandelt“.
Trotzdem gelang es ihr, zu den Verwandten im Westen zu kommen, wo sie erst
zweieinhalb Jahre später wieder auf Johannsmeier traf.
Im Gefängnis dachte er unentwegt an Flucht. Doch unversehens
wurde er nach Torgau verbracht, wo er in einem betrieblichen „Außenlager“, in
dem auch der VEB Carl Zeiss Jena vertreten war, auf Grund seiner fachlichen
Qualifikation eine Tätigkeit als Konstruktionsingenieur ausüben sollte. Hier
vermutete er das Ende seines Daseins, dennoch entwickelte sich in Torgau ein
wichtiger Ausgangpunkt für sein späteres Leben. Zum einen führte seine gute
Arbeitsleistung zur vorzeitigen Haftentlassung, zum anderen vertiefte er seine beruflichen
Fähigkeiten, die ihm später viel Nutzen brachten.
Zeitenwende
Am 1. April 1958 wurde Johannsmeier unvermittelt aus der
Haft entlassen und konnte nach Jena zurückkehren. Bei der Haftentlassung erhielt
er die Auflage, über das Gerichtsurteil und seine Erlebnisse im Gefängnis zu schweigen.
Er fühlte sich isoliert und als Außenseiter. Der Riss zwischen ihm und den
alten Kollegen und vielen Freunden wäre zu groß geworden. Das Schweigen, nicht
reden zu dürfen, belastete ihn und summierte die traumatischen Erlebnisse ins Unerträgliche.
Dies im „Gepäck“ verabschiedete sich Johannsmeier umgehend in Jena von seiner
Familie und reiste anschließend in Begleitung seines Bruders unter dem Vorwand
einer Legende nach Ost-Berlin. In West-Berlin angekommen, trennten sich die
Wege der Brüder. Letzterer fuhr zurück, Johannsmeier dagegen erlebte eine
Metamorphose, wie er schreibt. Ein neues Leben, sein neues Leben im Westen hatte
begonnen. Am 3. April 1958 flog er von West-Berlin nach Frankfurt am Main. Hier
traf er Erika wieder, bekam sofort eine Arbeitsstelle als Konstruktionsingenieur
und wollte heiraten. Ein Angebot veränderte erneut sein Leben, als er in den
USA vertriebene zahnmedizinische Apparaturen der deutschen Ritter-AG in der
Konstruktion verbessern sollte. Daraus entstanden seine ersten Patente, und Patente
sollten künftig eine wesentliche Rolle beim Aufstieg des Herrn Johannsmeier zum
Erfolgsunternehmer im Silikon Valley spielen.
Eine „Denkmal-Debatte“
in der Provinz
Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftsform und
einer Zeit der Besinnung erinnerte sich Herr Johannsmeier an seine alte Heimat,
an seine Wurzeln, die ihn prägten. Er möchte diese ergründen und seiner Familie
erschließen. Um seiner Verbundenheit mit der alten Heimat Ausdruck zu
verleihen, aber auch, um an die Vielen zu erinnern, die wie er von den kommunistischen
Machthabern gezeichnet waren, wollte er seiner alten Heimatstadt etwas geben,
vielleicht zurückgeben, den Schmerz der eigenen Erinnerung. Dafür sollte
symbolisch ein Denkmal stehen. Stattdessen kam ein Jahre anhaltender Prozess in
Gang, der sein Leben noch einmal auf den Kopf stellte. „Das Denkmal sollte in
erster Linie an den kommunistischen Terror und seine Opfer erinnern und im
städtischen Raum ein lebendiger Gedenkort sein.“Der jetzige Standort, so Johannsmeier,
sei kein Ort, wo sich Menschen hinsetzen können und würden.[3]
Vor allem alte und neue Demagogen der ehemaligen Diktatur liefen
von Anfang an gegen seinen Denkmalentwurf Sturm und entdeckten die Spielregeln
und Möglichkeiten der Demokratie. Sie verhinderten gekonnt hinter der Maske der
demokratischen Meinungsfreiheit versteckt jeden Versuch von Herrn Johannsmeier,
ein Denkmal für die Opfer kommunistischer Gewalt in Jena zu errichten. „Wenn
schon ein Denkmal, dann erst für die Opfer des Nationalsozialismus in ähnlicher
Größe. Eine Plakette in der Nähe des ehemaligen MfS-Gebäudes genügt“, so der
allgemeine Tenor der Verhinderungsfraktion.[4]
Ohne Johannsmeier und seine Geschichte zu kennen, wurde er vom ehemaligen
sozialistischen Kadermob zum „Mann ohne Gewissen mit Geld“ erklärt, der in Jena
unerwünscht sei. Die alten Feindbilder wirkten zum Teil bis in die Köpfe derer,
die ein solches Denkmal ursprünglich befürworteten. Und auch der Frust der
Gegenwart wurde dem „amerikanischen Kapitalisten“ teilweise zur Last gelegt. An
anderer Stelle hieß es verschleiernd: „Die Bürger Jenas sollen entscheiden.
Wenn schon ein Denkmal, dann für die Jenaer Bürger, die auf die Straßen
gegangen sind und die Wende erzwungen haben.“[5]
Nach jahrelangem „Streit“ steht am Ende ein „konsens- und hauptstadtfähiges
Denkmal“[6]
ganz einsam, isoliert und unbeachtet am ehemaligen Ort des Schreckens[7]
- dort, wo die Stasi auch Herrn Johannsmeier einst „umarmte“ und zur
Zusammenarbeit mit dem MfS zu erpressen versuchte. Weil er sich verweigerte,
wurde er zum Klassen- und Staatsfeind der DDR.
Der Standort des Denkmals in Jena ist ein „sinnentleerter“Ort
geworden. Einerseits, weil der authentische Bezug zum Ort fehlt, das Gebäude
der ehemaligen Kreisdienststelle des MfS wurde ohne jeglichen Widerspruch im Februar
2007 abgerissen. Andererseits, weil der Ort kein lebendiger Ort ist, an dem Menschen
im Alltag zusammenkommen.[8] Sicher war es richtig, dass Jenas Oberbürgermeister
Dr. Albrecht Schröter einen Endpunkt unter die jahrelange „Denkmal-Debatte“
setzten wollte und die konkrete Umsetzung konsequent anstrebte. Die Diskussion
ventilierte seit fast neun Jahren im öffentlichen Raum. Der Eindruck war und
ist geblieben, dass sich Oberbürgermeister Schröter und die den Denkmalentwurf
befördernde Jury, bestehend aus angesehenen Historikern und Vertretern der
Stadt, sowie die ausführenden Künstler Sibylle Mania und Martin Neubert
keineswegs der politischen Dimension der Daten- und Faktensammlung, die nun auf
dem Denkmal zusammengestellt wurde, voll bewußt gewesen sind. Gorbatschow bzw.
dessen Perestroika vor dem Hintergrund der Widmung auf dem Denkmal zu benennen,
erscheint nach wie vor mehr als gewagt und ist historisch auch falsch.[9]Zwar waren die Reformen
in der Sowjetunion eine wichtige Voraussetzung für die revolutionären Ereignisse
in den Jahren zwischen 1988 und 1990 in ganz Osteuropa. Die „Reformen“ Gorbatschows
sollten die institutionellen und rechtlichen Grundlagen der Sowjetunion vom
„Kopf auf die Füße“ stellen sowie einen Prozess der ökonomischen Neuorientierung
einläuten und schrittweise eine sozialistische Demokratisierung der sowjetischen
Gesellschaft vorantreiben vor dem Hintergrund der enormen wirtschaftlichen Belastungen
durch das Wettrüsten. Ein Auseinanderbrechen bzw. ein Ende der UdSSR
(Union der sozialistischen Sowjetrepubliken)aberwar nicht das Ziel
Gorbatschows und der anderen Reformer. Insofern trat Gorbatschow niemals gegen
die kommunistische Diktatur aufrecht für Demokratie und Menschenrechte ein. Und
seine Menschenwürde wurde auch nie in diesem Sinne verletzt. Die notwendige
bzw. erzwungene Aufgabe der Breschnew-Doktrin durch Herrn Gorbatschow im Jahr
1988[10] forcierte und ermöglichte es den kommunistisch regierten osteuropäischen
Staaten, politisch selbständiger zu agieren. Diese „neuen politischen Freiheiten“
führten in den Jahren 1989/90 zu „Reformen“ oder zu Revolutionen in ganz Osteuropa.
Sie beendeten in ihrer Gesamtheit den Kalten Krieg und ermöglichten schließlich
die deutsche Wiedervereinigung, an deren
formellen Ergebnissen Michail Gorbatschow maßgeblich beteiligt war.[11]
Die Namen von Herrn Johannsmeier,
dem Initiator des Denkmals, und anderen politisch Verfolgten sucht man dagegen
vergebens auf dem Denkmal. Wieso eigentlich? Und ist das nicht der eigentliche
Skandal, der seitdem totgeschwiegen wird? Das Denkmal steht, nun haltet endlich
die Klappe! Die politisch Verantwortlichen der Stadt, die Jury und die
ausführenden Künstler waren und sind jedenfalls von sich, dem demokratischen
Prozess und dem Ergebnis überzeugt. So kann man sich irren! Wenn schon
ein „Konsens“-Denkmal, dann hätte der zur Verfügung stehende Platz doch besser
für die wirklich politisch Verfolgten genutzt werden sollen. Mit der Benennung von
Gorbatschow auf dem Denkmal wird dieser quasi zum Verfolgten seiner eigenen Diktatur
erklärt. Das ist doch absurd. Die Hinweise und Bedenken der Geschichtswerkstatt
hierzu wurden weder auf- noch angenommen. Die „demokratische Selbstherrlichkeit“
der Entscheider ging hier mächtig daneben. Und keiner regt sich „mehr“ auf. Das
Thema ist weggestellt, abgelegt und vergessen. Kommendes Jahr am 17. Juni
stehen wir wieder vor dem Denkmal und erzählen uns Märchen vom aufrechten Gang.
Resümee
Zum Klassenfeind erklärt und vertrieben aus dem „sozialistischen
Paradies“, bestimmte Herr Johannsmeier den technischen Fortschritt auf der
„Gegenseite“ wesentlich mit und trug so freiwillig oder nicht freiwillig zum
Untergang des Kommunismus bei. Er war ein Klassenkämpfer wider Willen. Nicht
wider Willen machte er mit seinen Fähigkeiten als Konstruktionsingenieur in den
USA ein finanzielles Vermögen, weil er ein hohes technisches Vermögen in sich
trägt. Ein Vermögen, dem die Kommunisten zutiefst misstrauten, das nur unter
den Bedingungen des „bösen“ Kapitalismus abrufbar war. Was wäre wohl aus seiner
alten Heimat, was aus Jena geworden, wenn die klügsten Köpfe ihr hätten treu
bleiben können? Blühende Landschaften?
Die „Abenteuer des Herrn Johannsmeier“ stehen für sich
selbst und für eine ganze Generation Ostdeutscher, die den Zweiten Weltkrieg
als Kind erlebten und deren jeweilige Wege, aufgezwungen von den Folgen des
Krieges, erneut in einen diktatorischen Abgrund führten. Und Herr Johannsmeier,
er macht sich so seine Gedanken. Die Welt um ihn dreht sich weiter, und er
fragt sich, was soll ich mit dieser Erinnerung anfangen? Eines weiß
Johannsmeier aber: Er hat sein Leben nicht für eine Utopie, für ein Dogma
geopfert, die außer „Narren, Idioten und Verbrechern“ keiner haben wollte.[12]
Wer sein Leben nicht vergeuden wollte, musste also handeln, vielleicht so wie
Johannsmeier.
Die Geschichte von Herrn Johannsmeier hat mit dem Denkmal in
Jena mehr zu tun, als dass er der „Geld“-Geber sein wollte. Ohne seine
Biographie und sein Engagement wäre wohl kein solcher Diskussionsprozess über
die SED-Diktatur in Gang gekommen. Allein das ist schon zu würdigen. Biographie
und Denkmaldebatte waren und sind ein Bindeglied zwischen privater Erinnerung
und öffentlichem Erinnerungsdiskurs sowie ein Brennspiegel für den Zeitgeist
der Gesellschaft in Jena. Der Geschichtswerkstatt ging es dabei stets um die Glaubwürdigkeit
solcher Debatten und um das Aufdecken demokratischer Scheinheiligkeiten im lokalen
Raum. Wir alle müssen uns fragen, ob wir die Opfer der kommunistischen
Gewaltherrschaft ehren und würdigen oder ihr Leiden als ein Leiden „zweiter
Klasse“ relativieren wollen. „Ja, nicht alle der vielen Gefangenen wurden
umgebracht, aber gepeinigt, entwürdigt und harmlose Menschen zu Verbrechern
erklärt.“[13]
Karl Heinz Johannsmeier wurde 1929 geboren. Bis
1951 war er alsFeinmechaniker und nach
seinem Studium als Fertigungsingenieur beim VEB Carl Zeiss Jena beschäftigt. 1955
wurde er zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wegen „Boykott der Deutschen
Demokratischen Republik“ und „Verletzung des Gesetzes zum Schutze des innerdeutschen
Handels“und musste bis 1958 im Zuchthaus in Waldheim und in Torgau einsitzen.
Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 1958 flüchtete in den Westen. Zwei Jahre
später, im Jahr 1960, wanderte er in die USA aus. 1998 erschien sein Buch „Neun
Leben sind nicht genug. Mein Weg vom Stasi-Häftling zum Erfolgsunternehmer in
Silicon Valley“, in dem er u. a. von seinen drei Jahren Zuchthaus in Waldheim und
Torgau berichtet und von seinem beispiellosen Aufstieg zum Multimillionär in den Vereinigten
Staaten von Amerika.
[1] Karl-Heinz Johannsmeier:
Neun Leben sind nicht genug. Mein Weg vom Stasi-Häftling zum Erfolgsunternehmer
in Silicon Valley, München 1998. Zuletzt erschien am 1. Dezember 2010 im
Seifert Verlag Wien der Roman: Shalibi, bei Tag und bei Nacht.
[2] Zitat im Schreiben an den
Verfasser vom 22.11.2010.
[3] Telefonat am 18. Juni 2010
mit dem Autor.
[4] Pro und Contra Denkmal,
Johannsmeier auf www.jenanews.de (Stand 11.10.2010).
[5] Ebenda.
[6] Vgl. Pietzsch, Henning:
Aufruf an die Stadt Jena. Plädoyer für ein Denkmal, in: „Gerbergasse 18“, Heft
1/2008, Nr. 48, S. 40; Ders.: Der 17. Juni 1953 und das Gedenken an die
politisch Verfolgten in der SBZ und DDR in Jena, in: „Gerbergasse 18“, Heft
II/2010, Nr. 57, S. 38 f.
[7] Ehemalige Gerbergasse 18,
Kreisdienststelle des MfS, im Februar 2007 von der Stadt Jena ohne Widerspruch
der Bürger abgerissen. Der authentische Ort des Verbrechens wurde beseitigt,
nichts erinnert mehr an die Schreckensherrschaft. Das am 17. Juni 2010
eingeweihte Denkmal soll erinnern helfen und den Ort markieren.
[8] Vgl. dazu die Fotos im
Internet auf www.geschichtswerkstatt-jena.de.
[9] Widmung: „All denen, deren
Menschenwürde verletzt wurde. All den Verfolgten, die gegen kommunistische
Diktatur aufrecht für Demokratie und Menschenrechte einstanden, 1945 - 1989“.
[10] Als Breschnew-Doktrin
bezeichnet man eine Doktrin des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid
Breschnew, die am 12. November 1968 auf dem 5. Parteitag der Polnischen
Vereinigten Arbeiterpartei verkündet wurde. Die Doktrin ging von der
„beschränkten Souveränität“ der sozialistischen Staaten aus und leitete daraus
das Recht ab, einzugreifen, wenn in einem dieser Staaten der Sozialismus
bedroht würde. Dabei lautete die Hauptthese: „Die Souveränität der einzelnen
Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft.“
Im Zuge der Reformpolitik unter Michail Gorbatschow wurde diese Doktrin 1988
offiziell aufgehoben.
[11] Vgl. Altrichter, Helmut: Russland 1989. Der Untergang
des sowjetischen Imperiums, München 2009.
[12] Wunderbare Metaphern und
deutliche Worte über das Versagen der selbsterklärten Kommunisten finden sich
bei Christoph Hein und seinem 1989 in Dresden uraufgeführten Theaterstück „Die
Ritter der Tafelrunde“. Vgl. dazu die Ausführungen von Joachim-Rüdiger Groth:
Die Literatur und der Untergang der DDR. Beispiele aus vierzig Jahren, Hg.
Konrad-Adenauer-Stiftung St. Augustin/Bonn 2010, S. 88 ff.
[13] Zitat Karl Heinz
Johannsmeier
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