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| Erschienen in Ausgabe: No. 21 (1/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Reclam Verlag 2003, Leipzig, 368 Seiten
von Sebastian Rinas
Das große Kantjahr 2004
bescherte allen philosophisch interessierten Lesern neben einer Flut
von neuen Kant-Ausgaben, Reprints, Einführungen auch drei
neue Biografien. Eine davon brachte der an der Humboldt Universität
zu Berlin lehrende Philosophie-Professor Steffen Dietzsch auf den
Markt.
Ebenso
wie die anderen beiden neu erschienen Biografien (M. Kühn: Kant,
Eine Biografie, C.H.Beck; M. Geier: Kants Welt, Eine
Biografie, Rowohlt) nimmt auch Dietzsch einen auf das Umfeld
Kants bezogenen Standpunkt ein. Im Gegensatz zu Geier aber, der die
Geisteshaltung Kants in den Mittelpunkt rückt, versucht
Dietzsch, Kants Biografie „im Kontext einer Kulturgeschichte
Königsbergs“ zu analysieren. Als wesentliche Basis zu
diesem Projekt fungieren kürzlich im Archiv der Universität
Königsberg gemachte Funde, unter denen sich auch die von der
Universität herausgegebenen sogenannten Apokryphen, eine Art
kommentiertes Vorlesungsverzeichnis, befinden. Die Autorschaft dieser
Texte ist zwar nicht eindeutig, da weder Regelungen in den Statuten
der Universität diesbezüglich existieren noch die Texte
bisher anderweitig namentlich identifiziert worden sind. Nach Ansicht
von Dietzsch besteht aber die begründete Möglichkeit, dass
der Dekan der philosophischen Fakultät oder aber zumindest der
Rektor diese Texte verfasst hat. Unter dieser Voraussetzung müssten
mindestens zwei der sechs in Frage kommenden Apokryphen Kant
zugeschrieben werden.
Die Kulturgeschichte Königsbergs,
als Wirkungsgeschichte des Kantianismus in Königsberg
aufgefasst, beginnt bei Dietzsch mit der Entstehung der Stadt
aus den drei Teilstädten Altstadt (1286), Löbenicht und der
im Pregel gelegenen Insel Kneiphof und endet mit der Einstellung
Herbarts als zweiten Nachfolger Kants im Jahre 1809.
Dietzsch bleibt somit nicht am Grabe
Kants stehen, sondern schildert die aus seinem Tode entstehenden
Probleme für das kulturelle Königsberg und dessen
Universität. Seine Abrundung findet das Buch in einem kurzen
Fichte-Exkurs. Fichte wollte nach der Kündigung seiner Jenaer
Universitätsprofessur zur königsberger Albertina wechseln
und wäre dort eventuell Kants Nachfolger geworden. Doch es
sollte nur ein kleiner Aufenthalt im Jahre 1807 werden, währenddessen
er eine Vorlesung über die Wissenschaftslehre hält und
den Unmut der Bürger auf sich zieht, da er sich abfällig
über den Königsberger Weltweisen äußert. Dieser
kulturgeschichtliche Rahmen macht dann auch den besonderen Reiz
dieses Bandes aus.
Ein Großteil des Buches nimmt
somit die ausführliche Beschreibung der Universität und
deren Umfeld unter Kant in Anspruch. Auf der einen Seite ist Kant ein
sehr liberaler und engagierter Professor, der vehement die Freiheiten
der Universität zu wahren sucht und dabei auch Studenten
wohlwollend unterstützend gegenübersteht, wenn er sich zum
Beispiel für die Befreiung der Studenten vom Militärdienst
einsetzt. So auch bei Gottlieb Crispien, dessen Fall der
Entrollierung zwar schließlich abschlägig entschieden
worden war, aber der dennoch bis zum König hinauf geriet. Auf
der anderen Seite aber vertritt Kant als Rektor der Universität
ebenso den institutionellen Antikatholizismus und Antijudaismus des
protestantisch-preußischen Wissenschaftsbetriebes, obwohl
engste Vertraute wie Moses Mendelssohn und Marcus Herz der jüdischen
Minderheit angehörten. Mit zunehmendem Alter scheint allerdings
das Engagement der frühen Jahre immer mehr geschwunden zu
sein. So lesen wir von sporadischen Teilnahmen an Senatssitzungen,
„tumultarische(m) Gang der Geschäfte in diesem Rectorat“
(wie sein Kollege Metzger sich auszudrücken pflegt) und
lakonischen Abwesenheitsentschuldigungen wie „Ich bitte, mich
als Invaliden zu entschuldigen. Immanuel Kant.“. All dieses ist
auch der preußischen Obrigkeit kundig geworden.
Ein
interessantes Kapitel beschäftigt sich eingehend mit der
Aufnahme der „Kritik der reinen
Vernunft“ im höfischen Berlin und anderen wichtigen
Universitätsstädten Deutschlands zu jener Zeit. Hier wie
dort bilden sich Kreise erlauchter Verehrer und scharfer Kritiker.
Zuweilen schießen aber einige, „die sich gleichfalls
derselben [der kritischen Philosophie] gewidmet hatten, durch zum
Teil lächerliche Neuerungssucht zur Originalität“
über das Ziel hinaus. Das Kapitel zur kantischen
Tischgesellschaft hingegen scheint bis auf die strukturelle
Komprimierung wenig Neues zu bieten. Vieles kann man bereits woanders
finden, vor allem in der schon zum Klassiker gewordenen Biografie von
A. Gulyga (Immanuel Kant – Eine Biografie, 2004).
Bei all der detaillierten
Beschreibung des kulturellen Umfeldes und der Institution Universität
kann man sich allerdings dennoch nicht ganz des Eindrucks erwähren
als hätte das Unternehmen noch weiter ausgebaut werden
können. Es ist mehr einer Vorbetrachtung ähnlich denn einem
abgeschlossenen Werk. Dies ist vielleicht auch dem allgemeinen
Aufbaus des Werkes geschuldet. Viele, meistens sehr kleine
Abschnitte, die sich zum Teil inhaltlich nicht richtig
ineinander fügen, erzeugten eher den Eindruck eines
Patchwork-Gefüges denn eines wohl gewebten Gedankenteppichs.
Auch die Passagen, die gelegentlich zwei oder dreimal in
verschiedenen Kapiteln auftauchen, sowie das unvollständige
Namensregister verstärken diesen Eindruck. Den Namen des zweiten
Nachfolgers Kants (Herbart) etwa sucht man dort vergebens.
Dennoch wäre das Buch aber eine
außergewöhnlich gute Studie, wenn es keinen Anspruch auf
die Kategorie „Biografie“ hätte und die auf dem
Klappentext formulierten Ziele nicht jenseits des Erreichten lägen,
eine Tatsache, bei der vielleicht verlagstechnische Interessen mit
dem Kantjahre hineingespielt haben. Denn zu einer Biografie gehört
vor allem eines: Biografisches. Genau das aber wird der Leser
vermissen. Nicht selten dient die Person Kants lediglich als
Aufhänger zu einem kulturellen Exkurs über Königsberg.
Beispielhaft sei hier das Kapitel „Kant und die Königsberger
Juden“ erwähnt, dessen Inhalt vor allem das Verhältnis
Königsbergs und der Universität zu den Juden behandelt.
Ebenso verhält es sich teilweise bei Kants Werken, die ohnehin
nur sehr eingeschränkten Eingang ins Dietzsche Buch gefunden
haben. So tritt etwa die Schrift „Beantwortung der Frage: Was
ist Aufklärung“ nur als Brücke zur allgemeinen
königsbergischen Aufklärung in Erscheinung. Dem gegenüber
stehen aber wiederum herausragende Seiten zur kritischen Philosophie,
die (obzwar auch hier der Klappentext etwas anderes verheißt)
es nicht an Anspruch mangeln lassen und somit keineswegs für
Einsteiger „unschwer“ geeignet sind.
Aber, das Werk ist eben eine
Vorbetrachtung zu einer Biografie. Als solches ist es gut und mit
Gewinn zu lesen!
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