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| Erschienen in Ausgabe: No. 21 (1/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Hegels begehrendes Selbstbewußtsein, programmatisch punktiert
von Kasra Seirafi
Sobald Denken als Denken sich
erfasst, scheint dieses Selbstbewußtsein sich seiner Macht als
ein Anderes unterordnendes bewußt, wobei dies Andere wiederum,
in voller Emphase der Theorie, zum Verschwinden gebracht werden soll.
Was ist und was sein soll ist nur noch in der Struktur des
Vernünftigen zu fassen, welche eben die seinige ist, es ist das
Fassen überhaupt und im konsequent-absolutistischen Denkgebäude
auch dessen Voraussetzung. Damit steht ein absoluter Idealismus einer
kritischen Transzendentalphilosophie entgegen; eine
Gegenüberstellung, die jener Idealismus gar nicht zulassen
würde. Es ist bei Kant die genannte Voraussetzung etwas dem
Denken anderes, womit überhaupt der schwierige Versuch initiiert
worden war, das Andere zu denken, wobei Subjekt und Objekt, in
gegenseitiger Umkreisung, nicht ineinander fallen, sondern sich in
produktiver Spannung erhalten. Nicht so Hegel, dessen vernünftiges
Selbstbewußtsein, welches sich erst als vernünftig
erfahren muß, das Andere vollkommen in sich zu integrieren
strebt, eben weil das Andere, dies seine Prämisse oder vielmehr
Axiom, im Grunde schon immer vernünftig war. Gegen die Kritik,
daß es sich bei Hegel um einen Vernunftfetisch handelt,
der jede Grenze nur als eine zu überschreitende sieht und
ungerechtfertigt alles annektiert was ihm gegenüber liegt, hat
Hegel sich schon früh eine Strategie zurechtgelegt. Ein
Bewusstseinsprinzip, nachdem die eigentlichen
Besitzverhältnisse so geregelt sind, wie es das Selbstbewußtsein
festlegt, als ein vom überlegenen Beobachter der Phänomenologie
legitimiertes Dekret, nachdem der Gegenstand eigentlich schon immer
nicht bloß die Struktur des Selbstbewußtseins oder des
entwickelten Logischen hatte (die so verhasste "bloße
Form"), sondern sich in ihm befindet oder vielmehr es selbst
ist: Vernunft ist. Die Begierde des Selbstbewußtseins soll
nicht eine gesetzwidrig erobernde Vernunft sein, sie kann, nach
Hegel, letztlich gar nicht das Sein usurpieren, da das
Usurpierende nur nach sich selbst schnappt. Die eroberte Nation, weil
an-sich schon immer rechtmäßig der Vernunft Eigentum, kann
sich nicht als von einem äußeren Aggressor besetzt
ansehen. Wahrheit soll nicht mehr ein "fremdes Land der
Andersheit" (Gadamer 1998, 223) sein, und die Entwicklung zum
und im Selbstbewußtsein bewegt sich ins "einheimische Land
der Wahrheit" (PhG 138). Es ist der Weltbürger der ernst
macht und verlangt was ihm rechtmäßig zugehört - die
Welt. Die ganze Welt: denn bei Wahrheit könne es sich nicht um
eine "in unveränderliche Grenzen eingeschlossene", vom
"stürmischen Ozeane" umgebene Insel (KdrV B294/ 95)
handeln. Das Meer muß verebben, die versunkene Stadt wieder
auftauchen, als Territorium des Geistes, welches von einem voreiligen
Kritizismus als "tote Abstraktion des Anderen" und als
"unbestimmtes Jenseits" (VGP 381) mit dem Charakter des
dialektischen Scheins überflutet wurde.
Die Härte des getriebenen,
jede Grenze überschreitenden Denkens verleitet nicht bloß
zu einer überschwänglichen und sich selbst zur Apotheose
erhebenden, letztlich jedoch nur müßig-theoretischen,
Weltreflexion. Eine wirklich konsequente Systematik wird früher
oder später auch ins Praktische schwenken (dies zeigt nicht nur
die typische Gliederung der großen Systeme in Theorie und
Praxis, sondern auch der ständig vorhandene Konnex zwischen
Herrschaft und Theorie): das Denken wird zum Handeln, die alles Sein
verschlingende Vernunft ein Natur und Mensch beherrschender Zwang.
Die maßlose Erkenntnis zur repressiven Macht. Was die
sogenannte Kritische Theorie wohl am fruchtbarsten überlassen
hat, ist der eindringliche Hinweis auf die Verflechtung dieser beiden
Seiten.
Es muß freilich klar sein, daß
Hegel in einer reinen Beherrschungsrationalität der
Begierde, welche alles andere tilgt, nicht stehen bleibt, sondern in
Grundzügen die Versöhnung herbei denkt, in der nicht mehr
die Begierde des Vernichtens oder autoritäre Beherrschung
maßgebend ist, sondern, in der Sphäre der Gesellschaft,
die gegenseitige Anerkennung und letztlich Geschlossenheit
gleichberechtigter, freier Individuen. Doch in dieser Forderung
ist die ursprüngliche Begierde noch vorhanden; zwar
sublimiert, aber potentiell stark genug wieder regressiv
zurückzuschlagen, zumal keine der gestrigen wie heutigen
Gesellschaften diese Forderung in realita erfüllten oder
erfüllen. Doch diese Sehnsucht nach Versöhnung, und so
setzt sich die Kritik an Hegels System fort, muß letztlich doch
eine Einseitige sein, die nicht Mensch und Natur, Denken und Sein in
ihrer Andersheit erhält, sondern das Sein ganz im Denken
aufgehen lässt - ein totalitärer und asymmetrischer
Systematikzwang, in dem konsequenter Weise alle Sphären der
Erfahrungswelt, Natur und Geschichte, als Entäußerung
der absoluten Idee, integriert sind. Eine Vorstellung, die
angesichts der naturwissenschaftlichen und geschichtlichen
Entwicklungen dem Desaster nicht entkommt: nämlich die wie auch
immer zurechtgebogene Erfahrung, in Diskrepanz zum absolut
Vernünftig-Logischen, unversöhnt vorzufinden. Eine
Vorstellung, welche weder mit unbeugsamen Quantenfluktuationen, noch
mit dem Konzentrationslager das letzte mal in sich gebrochen war.
Die berühmte "List der
Vernunft" entpuppt sich eher als die Zersetzung des
Begriffs, als Irratio des Nicht-Begrifflichen, welche selbst doch
eigentlich unter vernünftiger Kontrolle zu bringen wäre.
Die Tötung im Konzentrationslager ist das Inhumane; das den
Begriff des Humanen sprengt, im Namen der Rationalität aber
selbst begrifflich ist. So ist die genannte "vernünftige
Kontrolle" immer in der Bewegung des Abgleitens ins Gegenteil
befangen. Es findet sich im gleichen Paradox, wie bewußt-reflexives
Denken, daß "mit Begriffen aufsprengen (möchte), was
in Begriffe nicht eingeht" (Adorno 1984a, 31).
Das Selbstbewußtsein der Phänomenologie zeigt die Probleme und Auswüchse einer konsequent logozentristischen Konzeption. Das Kapitel beginnt mit dem Ergebnis des vorherigen, daß alle Dinge dem Selbstbewußtsein immanent sein müssen (es sich "hinter den Dingen" verbirgt). Die Begierde ist die unmittelbare Reaktion dieses Selbstbewußtseins auf alles vermeintlich andere. Ihre Erfolglosigkeit führt direkt auf die Einverleibung eines anderen Selbstbewußtseins in Herrschaft und Knechtschaft, ein Umschlagen der Vernichtung des Anderen in soziale Herrschaft, was nur in einem entwickelten Anerkennungsverhältnis vernünftig aufgelöst werden kann. Dies ist eine Forderung, die an dieser Stelle nur antizipiert wird und als "interpersonale Anerkennung" erst im Geist erfahren wird (vgl. Siep 1998, 112). Die Dialektik zwischen Herr und Knecht wiederholt sich dann zusammengezogen in einem Selbstbewußtsein im Stoizismus, Skeptizismus und dem unglücklichen Bewußtsein, wobei letztlich die ursprüngliche Ausgangsposition auf einer höheren Ebene wieder erreicht ist: in der bewußten und mittelbaren Spaltung zwischen dem eigenen Selbst der vernünftigen und wesentlichen Einheit und der anderen vergänglichen und äußerlichen Welt. Eine Regression in die erste Stufe der Begierde oder der Herrschaft und Knechtschaft ist für Hegel nicht denkbar, da das unglückliche Bewußtsein sich aufgrund der gemachten Erfahrung gewiss ist, so sein Streben nach totaler Integrität nicht zu erreichen. Gleichzeitig weiß es jedoch auch, daß es als Vernunft (im letzten großen Kapitel der Phänomenologie) alle Realität ist und birgt somit den Funken für die erneute Zündung der dialektischen Bewegung hin zur vollkommenen Durchrationalisierung von Sein und Tun.
Die Begierde ist nicht nur ein
eigenes Stadium der Bewegung des Selbstbewußtseins.
Freilich leitet die Begierde in die Dialektik des Selbstbewußtseins
ein und treibt es, durch seine Widersprüchlichkeit und
Nichteinlösung der eigenen Forderung, zur nächsten
Stufe. Aber Hegel macht hier etwas, für die ganze Phänomenologie
typisches, was man abschließende Einleitung oder
einleitenden Abschluß nennen könnte. Denn die
Einleitung des Kapitels positioniert nicht nur den betrachtenden
Philosophen (und somit auch den Leser) in die neue Situation, sondern
zeigt auch in knappen Zügen die vollendete Struktur oder den
Begriff des noch zu Erreichenden. Und dies gleich in zweifacher
Übersteigerung: einerseits wird nicht nur der abgeschlossene
Begriff des Selbstbewußtseins vorweggenommen, sondern
gleich der des Geistes überhaupt (PhG 145), also des
gesamten Erkundungsweges. Andererseits bleibt es nicht bei der bloßen
Forderung des Erreichens einer absoluten Gestalt, sondern das zu
Erreichende wird als etwas "an sich" bereits
vorhandenes postuliert. Was folgt ist also, und dies gilt ebenfalls
für die Phänomenologie im Ganzen, eine Reflexion des schon
vorhandenen, oder: ein "Fürsich-Werden". Dies ist eine
Methode oder besser eben Strategie, welcher sich Hegel oft bedient,
nämlich das zu Beweisende vorauszusetzen um die Totalität
zu bewahren: letztlich ist dies ja auch die einzige
Möglichkeit ein in sich geschlossenes System zu
konzipiereni.
Trotz aller Komplexität des Hegel´schen Werkes wird, und
dieser Punkt zeigt es deutlich, zu recht die Kritik nie vertilgen,
eine solche Position sei letztlich doch affirmativ den Verhältnissen
gegenüber. In der Interpretation entsteht eine bipolare
Opposition, in der entweder das zu Bejahende bejaht wird oder die
herrschenden Verhältnisse als noch nicht abgeschlossen
betrachtet werden. Die prekäre Situation der nicht bloß
gewollten, sondern vielmehr notwendigen gesellschaftlichen
Entwicklung, die "automatische Revolution" des
Staatsmarxismus, trägt hier bei Hegel ihren Keim genauso wie der
Rechtshegelianismus in seiner konservativen und bewahrenden Form.
An der Bildung illustriert
Hegel in der Vorrede die Strategie des eigentlichen Eigentums,
welche ich hier und auch schon weiter oben, im Prolog, angedeutet
habe. An dieser Stelle wird das Individuum aufgefordert, daß
es "dies Vorhandene [das angehäufte Wissen der Menschheit
oder eines Volkes, K.S.] erwerbe, seine unorganische Natur in sich
zehre und für sich in Besitz nehme." (PhG 33). Nicht nur
das in sich Zehren erinnert stark an eine vermittelte
Begierde, sondern auch die holistische Konzeption, die hier in der
Folge angedeutet wird, durch die Feststellung, "von der Seite
des allgemeinen Geistes" handle es sich nicht um ein Aufzehren
eines Anderen, sondern um die "Reflexion in sich" (ebd.).
Noch deutlicher wird es zu Beginn des Vernunftkapitels. Die
holistische Bewusstseinskonzeption wird hier totalitär
ausgeweitet: die Vernunft "schreitet zur allgemeinen
Besitznehmung des ihr versicherten Eigentums und pflanzt auf alle
Höhen und in alle Tiefen das Zeichen ihrer Souveränität"
(PhG 186). Alle äußeren Dinge sind ihr
"sinnliche[r] Ausdruck" (187). Hegel macht den
problematischen Zug, als vernünftiges Bewußtsein, vor
aller rational-empirischen Erkundung der Welt und vor jeder
Bestimmung des Handelns, diese Welt als sein Eigentum zu
proklamieren. Widerrechtliches Aneignen, die ständige
Tätigkeit einer solchen Ideologie, wird per Erlaß
verunmöglicht: Mein Eigentum, kann ich mir nicht wegnehmen.
Was ist jetzt die Begierde? Bevor
ich versuche zu zeigen, wie Hegel im Detail den Begriff der Begierde
entfaltet, möchte ich darlegen in welcher Weise ich eben diesen
Begriff als allgemeine Metapher der philosophischen Problematik
überhaupt sehe: als den alten parmenideischen Traum der Einheit
von Denken und Sein, so wie jede neue Entwicklung in der PhG zu
dieser Einheit strebt, hier jedoch mit dem interessanten Zusatz, daß
es sich um eine "für uns" bewußte Motivation
handelt. Insofern ist es nicht ganz unrichtig die Dialektik des
Verstandes, die ja geradewegs in das Selbstbewußtsein führt,
als Auseinandersetzung mit Kants "Phaenomena und Noumena"
zu sehen (Flay 1998). Denn die Schwierigkeit, nicht dem Bewußtsein
oder der Begrifflichkeit entkommen zu können, führt
eigentlich nur in zwei mögliche Konsequenzen: entweder
etwas Außerbegriffliches, ein der Vernunft nicht
immanentes wird angenommen, wie Kant es tat, oder es wird gezeigt wie
sich Begrifflichkeit als Ganzes ausfüllt, wie Hegel es zumindest
versuchte. Der Erste stand vor dem Problem den Widerspruch zwischen
Begriff und Nicht-Begriff auszuhalten, der Zweite davor, diesen
Widerspruch zu denken und aufhebend zu überwinden. Trotzdem läßt
sich sagen, daß auch für Kant, und mit ihm für den
Großteil der abendländischen Philosophie, der Drang nach
Integration des Seins ins Denken ein zugrundeliegendes Motiv ist, den
man in Hegels Begierde erkennen könnte. Die Begierde stellt
sich somit als Metapher eines zentralen Motivs der
Philosophiegeschichte dar. Als Motivation des Denkens, durch das
begriffliche Identifizieren auf das Sein zuzugreifen und es so zu
umfassen, im Extrem damit sich selbst zu umfassen, da nur so die
begehrte Geschlossenheit und Totalität möglich ist. Es
drängen praktisch alle philosophischen Systeme darauf, im
wahrsten Sinne des Wortes, die Welt zu haben. Alles Andere,
alles was zunächst den Anschein machte dieser Welthabe
entgehen zu können wird überführt, oder eben in der
unmittelbarsten Form wirklich getilgt. Auch wenn die Welthabe,
wie bei Kant, nur in den Formen des Denkens liegt, so ist nur
durch dieses Denken die Konstruktion (jedoch nicht
Erschaffung), der Dinge möglich und das Denken sitzt
gezwungenermaßen in seinen Grenzen fest. Selbst der radikalste
Skeptiker muß dieser Begierde nach Identifikation nachgeben,
was ja die Kritik des "selbstperformativen Widerspruchs" an
jenem Skeptiker eigentlich meint. Die Begierde ist ein Motiv
Welt begrifflich zu kontrollieren, was, wenn ins Praktische gedreht,
dort sich in wie auch immer gearteter Herrschaft äußert.
Daß Hegel diese nicht unrichtige Annahme macht, kann man daran
sehen, daß mit dem Zustandekommen des Selbstbewußtseins
und der Begierde, von da an bis zum Ende der Phänomenologie,
alle Kategorien, wie "a priorisch" auch immer, auch das
Gesellschaftliche durchdringen. Die Kontrolle des Seins durch Denken
impliziert zwar "praktisch" Kontrolle des Menschen durch
Herrschaft, im Ideal jedoch die Kontrolle des Menschen durch und über
sich selbst als Gestaltung seiner Freiheit. Aber selbst dem
unerfahrensten Menschen ist bewußt, daß diese Herrschaft
nicht notwendig in die vernünftige Gesellschaftsordnung führt,
sondern vielmehr die Gefahr birgt in tödliche Unterdrückung
zu gleiten.
Die notwendige Herrschaft über
das Sein kann sich äußern in der Herrschaft über
Natur oder den Menschen, wenn man diese Trennung vorerst einmal
akzeptieren kann. Die Problematik der Herrschaft über den
Menschen hat Hegel selbst reflexiv hervorgebracht und sie auch als
problematisch erkannt. Die asymmetrische Beherrschung über
den Menschen ist, wie die Herr-Knecht-Dialektik zeigt, nicht das Ziel
(wenn wohl notwendiger Teil des Weges). Sich gegenseitig
"anerkennen [...] als gegenseitig sich
anerkennend" (PhG 147) ist die einzig vernünftige
Lösung. Auch wenn diese Lösung in der PhG nicht zur Gänze
entfaltet ist (etwa institutionell: ein Bereich dem sich seine
Rechtsphilosophie zuwenden wird), wird diese hier bereits
antizipiert. Diese neuzeitliche Attitüde verbindet ihn, trotz
aller Polemik, auch mit Kant, für den im "Reich der Zwecke"
Menschen sich bekanntlich nie nur als Mittel, sondern immer auch als
Zweck anerkennen sollen (siehe GMS, BA 67ff.). Doch weder Kant noch
Hegel legten viel Wert darauf Herrschaft über nicht-menschliche
Natur kritisch zu durchleuchten. In einer Zeit, in der die Natur zu
beherrschen den Beginn eines großen Fortschritts einläutete,
auch kein großes Wunder. Eine Problematik aus Sicht der
Ökologie-Debatte, in welcher der Mensch, bedingt durch die
Ergebnisse der Industrialisierung und all ihrer Folgesymptome,
die Natur eben nicht mehr unbedingt als seine zu
kontrollierende sieht; diese durchaus dialektische Problematik
der vom Menschen verursachten Zerstörung seiner eigenen
Grundlage, also das Verhältnis Mensch-Natur ist, nach den noch
andauernden und sich verschärfenden Erfahrungen der
spätkapitalistischen Moderne, ebenso zentral wie das Verhältnis
Mensch-Mensch. Günther Anders spitzt dies in einer
bemerkenswerten Fußnote über die dritte Formulierung
des kategorischen Imperativs zu:
"Diese fürchterliche Generallizenz ["in der ganzen Schöpfung kann alles, was man will [...] auch bloß als Mittel gebraucht werden. Nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige Geschöpf, ist Zweck an sich selbst" (KdpV A156), K.S.]ii, die nichts außer dem Menschen ein Tabu zugesteht und alles andere als für den Menschen geschaffen unterstellt, und das heißt ihm zur Verfügung stellt, hat es außer im monotheistischen Raum der jüdisch-christlichen Tradition (Gen. I, Kap. 26-28) nirgendwo gegeben, weder in den Systemen der Magien noch in Polytheismen. Sie ist das Manko unserer abendländischen Ethik." (Anders 2002 [1980], 432f.)
Zurück zur Betrachtung der
Begierde des Logos als Motiv der Philosophie. Daran läßt
sich auch "nachmetaphysisches" Denken, als non-affirmativen
Bezug, spannen. Hier wurde eben dieses Motiv kritisiert und sowohl
rational-empirische als auch spekulativ-idealistische Wahrheiten zum
"bewegliche[n] Heer von Metaphern", als "Illusionen,
von denen man vergessen hat, dass sie welche sind" (Nietzsche
1988 [1873], 880f.) dekonstruiert. Auch die (rhetorisch) nicht so
drastischen Anstrengungen stehen in einem kritischen Winkel zur
Begriffsherrschaft, sei es Lebensphilosophie, bei
Heidegger, der Kritischen Theorie, Derrida oder Foucault: Philosophie
wird nicht bloß als Entwicklungs- sondern auch als
Verfallsgeschichte gesehen, ihr zentrales Motiv negativ
durchdrungen. Freilich wird Kritik des Logozentrismus sich immer dem,
letztlich auch Hegel´schen, Einspruch stellen müssen schon
immer im Logischen zu sein. Kritik, die dem Denken vorwirft, die Welt
mit dem Umhang des Logischen zu verdecken, muß sich der
Selbstbezogenheit und somit ihrer eigenen Verdeckung stellen;
jeder Theorie, die dem klassisch Skeptischen sich nähert, droht
die Selbstvernichtung.
Ob also diese Kritik gelungen ist
oder vielmehr überhaupt gelingen kann will ich hier nicht
beurteilen. Entscheidend ist, daß Philosophie ihre eigenen
Motive erkennt. Und eines ihrer Hauptmotive ist eben dieser Drang
nach Integrität, der bei Hegel als Begierde zunächst
unmittelbar und unreflektiert zum Ausdruck kommt, dann jedoch alle
anderen Figuren als sublimierten Trieb durchdringt.
Zunächst ist der Übergang
aus der Verstandesdialektik ebenso wichtig wie schwierig. Denn in
dieser wurde konsequent versucht die widersprüchlichen
Teile mit Hegels spekulativer Denkfigur zu durchdringen. Und dies auf
verschiedenen Ebenen, was es so schwer macht zum tatsächlichen
Kern des Verstandeskapitels vorzudringen. Dabei geht es um die
Problematik zwischen Erscheinungswelt und ihrer Grundlage (der
"übersinnlichen Welt"), deren Dualismus Hegel
versucht mit dem Begriff der Kraft und des Gesetztes zu kompensieren.
Ein Dualismus kann nicht so aufgehoben oder begriffen werden, daß
seine beiden Seiten einfach zusammen-gedacht oder nur subsumiert
werden, sie müssen eine Einheit bilden, die "in sich
reflektiert" ist. Was das bedeutet wird bereits zu Beginn des
Verstandeskapitels am Begriff der einzelnen Kraft deutlich und zum
Muster für alle anderen spekulativen Erfassungeniii.
Illustrieren könnte man dies an der Gravitationskraft: ich nehme
zwar verschiedene, einzelne Körper wahr, die sich anziehen und
verallgemeinere diese Bewegungen eben zu der Gravitationskraft; diese
Kraft selbst jedoch sehe ich nie, sich sehe nur ihre Äußerungen.
Trotzdem nimmt der Verstand eine zurückgedrängte Kraft an,
die allgemein und potentiell in den Dingen liegt und sich
gegebenenfalls als bestimmte Bewegungen der Körper äußert.
Der Begriff der Kraft ist also in einem Dualismus gefangen, der sich
als geäußerte und zurückgedrängte Kraft zeigt
und sich nur durch eine Einheit aufheben läßt, die in sich
beide Momente erhält: denn die in sich zurückgedrängte
Kraft äußert sich und "in der Äußerung ist
sie ebenso in sich selbst seiende Kraft, als sie in diesem
Insichselbstsein Äußerung ist" (PhG 110). Diese
Einheit jedoch ist begrifflich gebildet, sie existiert nicht
in einem der beiden antagonistischen Teile, sondern in dem Denken,
welches sie gegeneinander aufhebt: "so ist eigentlich der
Verstand, dem der Begriff der Kraft angehört, der Begriff,
welcher die unterschiedenen Momente als unterschiedene trägt"
(ebd.). So heißt es später auch: "Die Wahrheit der
Kraft bleibt also nur der Gedanke derselben" und ihre
Einheit ist ihr Begriff als Begriff" (115). Diese
Wahrheit ist also bereits nur mehr im und durch das Bewußtsein
möglich und antizipiert nicht nur ein formal sich erkennendes
Selbstbewußtsein, sondern weist schon auf ein absolutes
Selbstbewußtsein, welches auch alle Inhalte des Bewußtseins
in sich trägt. Eine Spitze, die erst in der Vernunft sich
tatsächlich bilden kann und das Ziel der Phänomenologie als
Ganzes bildet.
Fasst man die in sich
zurückgedrängte Kraft als Allgemeinheit auf und ihre
Äußerungen als Konkretionen, und dann die Einheit
beider als eine Allgemeinheit, die sich in ihren Konkretionen von
sich abstößt und sich durch diese erst bildet, also als
begriffliche und konkrete Allgemeinheit, so ist damit
schon das erhalten, was Hegel 40 Seiten später in der Einleitung
des Selbstbewußtsein-Kapitels als Leben oder
Unendlichkeit, als das Resultat der Verstandesdialektik
versteht: denn diese Einheit ist "reflektierte Einheit" und
"etwas anderes als die erste [als die erste abstrakte
Allgemeinheit, K.S.]", nämlich "einfache Gattung"
(PhG 142f.). Die Sache wird verständlicher, wenn man mit Gadamer
das Gesetz (der Kraft) als Gattung identifiziert und die
dialektische Einheit von Allgemein und Konkret von einem platonischen
Standpunkt quasi aristotelisch durchdringt (siehe Gadamer 1998). Denn
Hegel versucht gerade klarzumachen, daß das Wahre als
reine Abstraktion des Verschiedenen (welche sich als Gattungsbegriff
oder bei Platon als Idee manifestiert) aufzufassen, sich durch
Widersprüche und Dualismen kämpfen muß. Denn das
Problem einer solchen Abstraktion liegt darin, daß dieses
Allgemeine ein prekäres Verhältnis zu seinen Konkretionen
hat. Eine Problematik, die Hegel in der Unterscheidung zwischen
Erscheinungswelt und der übersinnlichen Welt (das "ruhige
Reich der Gesetze", welches Gadamer mit Platons Ideenwelt
gleichsetzt (Gadamer 1998, 118)) zeigen will. Die Gattung Huftier
referenziert eben genau auf seine Konkretionen, also etwa
Pferde, Esel, usw. und umgekehrt sind diese selbst im Gattungsbegriff
vereint und diese Differenz als Vielheit (das
"Ungleichnamige") ist in der Einheit (das
"Gleichnamige") eigentlich gemeint (Gadamer, 119).
Das, was Aristoteles tóde ti, ein "Dies, von der
Art" nennt, also ein Konkretes, das nur mittels Allgemeinheit
gefasst werden kann und durch dieses Allgemeine überhaupt erst
ist. Viele Teile des Verstandeskapitels sind der Problematik einer
solchen bloßen Allgemeinheit als Wahrheit gewidmet und sollen
verdeutlichen, daß die "erste übersinnliche Welt"
eigentlich nichts erklärt, sondern tautologisch ist (PhG
125f.). Hegel versucht sich einerseits gegen einen zu einseitigen
Ideenrealismus, andererseits gegen einen zu platten Nominalismus
abzugrenzen; es gilt aber auch nicht sich durch die Mitte zu
schlängeln, sondern den Allgemeinbegriff als etwas existentes zu
fassen, daß eben durch seine individuellen Konkretionen sich
erhält. Ein bloßer Formalismus, der nur von den Dingen
abstrahiert, wäre ein abstrakt Allgemeines. Es würde
die Dinge und ihre Unterschiede selbst nicht mehr enthalten. Man
muß die konkreten Dinge selbst mit ins Allgemeine nehmen, als
konkret Allgemeines, was Hegel mit der zweiten übersinnlichen
Welt versucht, als eine in sich reflektierte Welt, die nur noch in
Kategorien des Selbstbewußtseins zu fassen ist.
Entscheidend ist jetzt der
tatsächliche Übergang zum Selbstbewusstsein. Oben habe
ich ihn aus dem Beginn der Verstandeskapitel bereits angedeutet:
der eigentliche Begriff der Kraft ist die Einheit von in sich
zurückgedrängter Kraft und Äußerung, oder als
Einheit von Allgemeinheit und Besonderheit. Diese Einheit jedoch ist
nicht einfach in den Dingen, sondern ergibt sich nur als eine
Bewegung des Bewußtseins; der Begriff der Kraft ist nur als
Begriff, nur als der bereits zitierte "Begriff des Begriffs".
Erst in der Reflexion, die nach Hegel freilich am klarsten bei ihm
sich entwickelt, können die Dinge zu ihrer wirklichen Wahrheit
gelangeniv.
Und Hegels Kernthese meint zu zeigen, daß das Sein als
Allgemeines, welches sich von sich selber abstößt und
durch seine Konkretionen zu sich selber kommt, nicht nur ein Begriff
des Bewußtseins ist, sondern zum Selbstbewußtsein
hinführt und letztlich das vernünftige Selbstbewußtsein
ist. Wir finden diese These wieder in der Explikation des Lebens,
welches als Resultat des Verstandes als das Innere der Dinge
beschrieben wird. Man sollte den Begriff des Lebens nicht
eingeschränkt auf übliche Lebewesen sehen. Denn das
Leben als "einfache Unendlichkeit" oder als "absoluter
Begriff", die "Seele der Welt" (PhG 132), meint nicht
nur tierisches oder menschliches Leben, sondern die aufhebende
Bewegung der Widersprüche der sinnlich wahrgenommenen Welt
überhaupt. Der Begriff des Lebens ist durch die dialektische
Verbindung zwischen der "allgemeinen Substanz" und den
"selbstständigen Gestalten" gekennzeichnet (PhG 141),
wobei nicht nur eine Gattung (z.B. Pferd) und ihre konkret
existierenden Individuen (die geborenen, sich reproduzierenden und
sterbenden, einzelnen Pferde) gemeint sind, sondern auch
Allgemeinheit und Konkretion überhaupt. An Lebewesen
zeigt sich jedoch diese Einheit als Prozess viel deutlicher als bei
anorganischen Dingen. Die platonische Unterscheidung zwischen dem
allgemeinen Ding überhaupt und seinen unvollkommenen
einzel-erscheinenden Nachahmungen wird bei Hegel als Einheit im
"Leben als Prozess" (ebd.) gedacht. Das Leben bringt
individuelles Leben hervor, das zwar äußerlich und
einzeln existiert aber durch Tod und Reproduktion sich als das
Einzelne mit seiner Art oder seinem Wesen verbindet. Die bloß
abstrakte, allgemeine Art oder Idee kann also nur verkörpert
bestehen, eine individuelle Verkörperung die zwar wieder
vergeht, durch Tod und Reproduktion jedoch das Allgemeine erhält.
Dadurch entsteht der Begriff der "einfachen Gattung", die
das Einzelne nicht, wie Platon, nur als unvollkommene Teilhabe an
einem Allgemeinen sieht, sondern als dessen Realisierung. Dieses
Allgemeine als Prozess ist nicht mehr die bloß
formal-abstrahierte Hülle des Konkreten, sondern führt, als
konkret Allgemeinesv,
den Erfahrungsgang direkt zum Bewusstsein, welches diesen
Begriff überhaupt bildet, zurück und somit zum
Selbstbewußtsein. Was uns zu einer entscheidenden Passage in
der Einleitung des Selbstbewußtseins bringt:
"Indem von der ersten unmittelbaren Einheit [abstrakt Allgemeines, K.S.] ausgegangen und durch die Momente der Gestaltung [Konkretes, K.S.] und des Prozesses hindurch zur Einheit dieser beiden Momente und damit wieder zur ersten einfachen Substanz [konkret-Allgemeines K.S.] zurückgekehrt wird, so ist diese reflektierte Einheit eine andere als die erste. Gegen jene unmittelbare oder als ein Sein ausgesprochene ist diese zweite die allgemeine, welche alle diese Momente als aufgehobene in ihr hat. Sie ist die einfache Gattung, welche in der Bewegung des Lebens selbst nicht für sich als dies Einfache existiert; sondern in diesem Resultate verweist das Leben auf ein anderes, als es ist, nämlich auf das Bewusstsein, für welches es als diese Einheit oder als Gattung ist. Dies andere Leben aber, für welches die Gattung als solche und welches für sich selbst Gattung ist, das Selbstbewußtsein, ist sich zunächst nur als dieses einfache Wesen und hat sich als reines Ich zum Gegenstande" (PhG 142f.)
Hier versucht Hegel das einzulösen,
was er sich in der Einleitung unter dem Titel "abstrakte
Bestimmungen des Wissens und der Wahrheit" (PhG, 76ff.)
programmatisch vornahm, nämlich den Nachweis der Notwendigkeit
der Erfahrung, daß der Gegenstand des Wissens zunächst nur
so erscheint, als wäre er außerhalb oder nur ein
getrenntes "Ansich". Und daß das Bewußtsein
etwas von sich unterscheidet, "worauf es sich zugleich bezieht"
(76), der Gegenstand also vor allem für das Wissen ist und das
Wahre des Ansich ist, daß es für das
Bewußtsein ist, also ein "Für-es-Sein dieses
Ansich" (79). Dies ist das Grundargument des Idealismus
überhaupt. Wahrheit und Wissen müssen für Hegel
das selbe sein: das Sein ist logisch und umgekehrt: "Das
Geistige allein ist das Wirkliche" (28); Hegels Philosophie
liegt ein "holistisches Bewußtseinskonzept"
(Schnädelbach 2001, 157) zu Grunde und diese Tatsache muß
immer im Blick bleiben. Die Literatur tut sich häufig schwer,
den Übergang zum Selbstbewußtsein wirklich als
schlüssig zu interpretieren: denn daß das Bewußtsein
an dem resultierenden Gegenstand des Verstandes die Struktur
des eigenen Selbstbewußtseins findetvi
erklärt nicht mit Notwendigkeit das Emergieren des
Selbstbewußtseins. Denn dieses würde dann ja auch nur
vorgefunden und zufällig als strukturell gleich dem Gegenstand
des Verstandes bestimmt werden. Außerdem wäre dann
nicht der Drang nach Integrität und Aufhebung von
Selbstbewußtsein und Bewußtsein in der Vernunfteinheit
erklärbar, da, wenn auf einer Seite ein Selbstbewußtsein
und auf der anderen ein Verstandes-Gegenstand mit der selben Struktur
steht, noch lange nicht die Notwendigkeit erkennbar ist, wieso das
eine im anderen aufgehen muß. Nur in Hinblick auf Hegels
Bewußtseinsprinzip kann der Übergang einigermaßen
rekonstruiert werden. Denn, und so wenden wir den Blick wieder auf
die oben zitierte Passage, das Bewußtsein erkennt sich deswegen
im Inneren der Dinge, weil es die beiden Seiten des Allgemeinen und
Besonderen, oder der ersten übersinnlichen Welt und der
Erscheinungswelt (Sphären, die noch als andere, dem Bewußtsein
gegenüberstehenden Dinge gesehen werden), in der "reflektierten
Einheit" aufgehoben hat - weil es, das Bewußtsein,
sie aufgehoben hat; ohne es würde diese höhere
Wirklichkeit gar nicht existieren. Daraus ergibt sich nicht nur die
strukturelle Gleichheit, sondern auch die Forderung, die noch
eingelöst werden muß, nämlich daß das
Selbstbewußtsein nicht nur neben den Dingen steht und diese
erkennen kann, sondern daß das Selbstbewußtsein
tatsächlich alle Dinge nur in sich unterscheiden soll. War es in
Kants Vernunftkritik, aber durchaus auch in Platons Phaidon, so, daß
auch dort die Struktur der Vernunft durch die sinnlich-empirischen
Dinge erschienvii,
so wurde daraus nicht die maximale These entworfen, daß
das Selbstbewußtsein nicht nur sich selbst und Dinge erkennt,
bzw. die Möglichkeit der Erkenntnis ist, sondern es in gewisser
Weise auch alles in sich sein muß.
Zusammenfassend gesagt, zeigt Hegel
an der oben zitierten Stelle vor allem, daß sich diese
Forderung aus der theoretischen Erfahrung des Bewußtseins
ergeben muß, daß also, wenn die Widersprüche von
Wissen und Gegenstand wirklich aufgehoben werden sollen, diese es nur
in der begriffenen "einfachen Gattung" sein können und
diese "reflektierte Einheit" nicht mehr an dem
ursprünglichen Leben, als dem Bewußtsein vermeintlich
anderes, für-sich existiert, sondern "auf ein anderes
verweist", eben auf jenes, welches diese einfache Gattung
begreift, nämlich das Bewußtsein selbst, das durch
diese Erfahrung Selbstbewußtsein geworden ist. Hier
weist also das natürlich-lebendige Dasein auf das prinzipiell
schon vernünftige Selbstbewußtsein; umgekehrt ist auch
alles Dasein nur aus dem Selbstbewußtsein zu denkenviii.
Wahrheit und Gewißheit, Objekt und Subjekt liegen für
Hegel in einer Einheit. Am Ende des Verstandeskapitels wird dies
bereits antizipiert, da hier behauptet wird, daß der Verstand
im "Inneren der Erscheinung [...] in der Tat nur sich selbst
erfährt" (135), wobei gleich hinzugesetzt wird, daß
es sich hierbei zwar um eine Erfahrung und Erkenntnis über die
Dinge, als Spiel der Kräfte, handelt, jedoch nur als deren
"absolut-allgemeine Momente" (ebd.). Dies ist von immenser
Wichtigkeit für den weiteren Verlauf. Die dialektische Bewegung
ist zwar in das "einheimische Reich der Wahrheit"
vorgedrungen, da, "absolut-allgemein" gesehen, das
Selbstbewußtsein als Wesen der Übereinstimmung von Wissen
und Wahrheit oder Bewußtsein und Gegenstand gesetzt ist. Aber
diese Feststellung allein ist wieder nur formal und tautologisch,
zunächst vollkommen leer: die Dialektik des Selbstbewußtsein
beginnt.
Auf der einen Seite ist über
die Verstandesdialektik der allgemeine Begriff des
Selbstbewußtseins erreicht, welcher darin besteht, daß
der Unterschied zwischen Wissen und Wahrheit in eine Einheit
zusammengefallen sind, "eine Gewißheit, welche ihrer
Wahrheit gleich ist". Und zwar in der Form der oben
beschriebenen reflektierten Einheit, die sich bereits dem Verstand an
seinem Gegenstand ergeben hat und "Unendlichkeit" oder
"Leben" genannt wurde: das Ich wird sich selbst zum
Gegenstand bedeutet hiernach, daß das Ich sich formal als ein
anderes setzt, über welches es wieder zu sich kommt, weil dieses
andere es selbst ist und somit das Ich wirklich "in sich
reflektiert" ist.
Auf der anderen Seite, und dieser
Umstand muß jedem unter den Nägeln brennen, scheint dies
von allen vorherigen Bewegungen abgekapselt zu sein, es ist bloße
Form, eine erkenntnistheoretische Metaebene, eine wie Hegel selbst
sagt, "bewegungslose Tautologie" welche nicht die "Gestalt
des Seins" (PhG 138) hat. Doch gleichzeitig meint er, in dem
Selbstbewußtsein seien alle anderen Momente des
sinnlich-wahrnehmenden Verstandes aufgehoben. Diese stehen "zunächst
[meine Hervorhebung, K.S.] nur im Gegensatze" (139) zum
Selbstbewußtsein und sind für dieses Selbstbewußtsein
als ein "Anderssein" noch da, jedoch eben nur für
das Selbstbewußtsein oder "auf [...] die Einheit des
Selbstbewußtseins mit sich selbst bezogen" (ebd.). Aber
wie sich dies dem Selbstbewußtsein und dem beobachtenden
Philosophen ergibt, muß sich erst noch zeigen. Fest steht, daß
der "unmittelbare" Gegenstand der sinnlich-wahrgenommenen
Welt den "Charakter des Negativen bezeichnet" (139) -
ein Negatives, welches zurückgeholt werden muß, an dem
sich das Selbstbewußtsein verwirklichen muß.
Dieses Müssen, als
Drang, ist der allgemeine Begriff der Begierde, welcher nicht nur an
einer unmittelbaren oder tierischen Weise existiert. Gemeint ist in
einer solchen Interpretation nicht nur unmittelbar die
Begierde als Vertilgen oder Verschlingen, Essen oder Trinken
(Hansen 1994, 63), das "dumpfe, animalische" Genießen
(Siep 1998, 109; ders. 2000, 100) oder nur die Erfahrung des
"Primitive[n]" mit dem "Naturding"
(Adorno/Horkheimer 1988 [1944], 41) usw., sondern der Trieb des
Denkens selbst, die Begierde des Logos alles zu sein. Aus
erkenntnistheoretischer Sicht ist hier, um nicht in die Falle
des Solipsismus zu tappen, ein gewaltiger Sprung notwendig. Ein
Sprung, der bei Hegel als Postulat direkt aus der Erfahrung der
Begierde gefolgert wird, nämlich die Einsicht, daß eine
solche Forderung unmöglich nur ein einzelnes, individuelles
Selbstbewußtsein erfüllen kann. Hierfür kommt nur
eine über-individuelle Vernunft, die bei Hegel bekanntlich Geist
genannt wird, in Frage. Dies wird, gewissermaßen wie aus der
Pistole geschossen, dann gleich als "Ich, das Wir,
und Wir, das Ich ist" (PhG 145) präsentiert.
Diese Stelle, in der vom Verlangen der Begierde direkt auf ihre
Erfüllung im Geist verwiesen wird, sehe ich auch als Indiz
dafür, daß die Begierde eben nicht nur ein bloß
anfängliches und primitives Moment enthält, sondern die
nach außen drängende intellektuelle Energie
bezeichnet, den Trieb des Logischen nach vollständig-vernünftiger
Integrität am sich entwickelnden Bewußtsein, der über
alle folgenden Gestalten hinaus erst im absoluten Wissen des Geistes
befriedigt sein wird.
Die prinzipielle Struktur des Seins,
im Selbstbewußtsein formal zu sich gekommen, erkennt die noch
vorhandene Diskrepanz zwischen sich und dem Anderen - diesmal jedoch
in der Weise, daß von vornherein die Forderung besteht, dieses
Andere, den Gegenstand des Verstandes, vollends in eben dieser
Struktur aufzunehmen oder zu integrieren. Eben dies löst
die Begierde aus, welche den zunächst nur gewußten Begriff
des Selbstbewußtseins als wahre Gestalt verwirklichen willix.
Vielleicht ist tatsächlich der Begriff der Integration hier
aufschlussreicher, als nur jener der Begierdex.
Meiner Interpretation nach, ist der Drang des Selbstbewußtseins
nach Integration eben diese fundamentale Begierde, die, wie ich oben
versuchte zu zeigen, nicht nur das Hegel'sche System antreibt. Diese
Begierde des Selbstbewußtseins, alles in seine Struktur zu
integrieren, ist in ihrer unmittelbar-natürlichen Gestalt schon
in der bereits beschriebenen animalischen Sphäre vorhanden,
tritt jedoch dann sublimiert in jeder weiteren Entwicklung auf, etwa
in der Fähigkeit des Knechtes die Natur zu Formen, also durch
Arbeit zu beherrschen. Hegel definiert die Arbeit tatsächlich
als "gehemmte Begierde" (PhG 153), als
"aufgehaltenes Verschwinden" (ebd.), in dem die
Begierde nach Integration den Gegenstand nicht einfach zerstört,
sondern formt. Auch die Unhaltbarkeiten des Stoizismus,
Skeptizismus und des unglücklichen Bewußtseins
resultierten aus dem Integrationsdrang, welcher gleichsam als
Energieversorgung der dialektischen Bewegung, dafür sorgt, daß
diese Gestalten des Selbstbewußtseins in ihren Positionen nicht
verweilen können. Die totale Integration kann erst zum Schluß,
in der Vollendung der Vernunft, wirklich erreicht werden, welche im
dritten großen Kapitel der Phänomenologie eben Bewußtsein
und Selbstbewußtsein zusammenschließen muß, um
tatsächlich "alle Realität zu sein" (179). Es
kann nur erreicht werden, wenn gesichert ist, daß das
Bewußtsein für sich der einzige Gegenstand ist und kein
anderer neben ihm steht. Hegel drückt dies am Anfang des
Vernunftkapitels auch so aus; denn der Idealismus (hier verstanden
als formales Ich bin Ich) hat nur die Gewißheit das
wesentliche zu sein und es bleibt noch immer eine andere Gewißheit
im Raum, nämlich die eines anderen Gegenstandes "neben"
mir (179ff.). Ziel muß aber eine in sich geschlossene
Totalität, von der aus alle Urteile analytisch sind, sein, in
der alles sich Entwickelnde und Ergebene die Explikation des bereits
vorhandenen ist. Oder wie Adorno sagt: "Daß das Neue und
Andere wiederum das Alte und Bekannte sei, ist ein Moment von
Dialektik." (Adorno 1975, 72). Die Vernunft, so Hegel, ist
"getrieben, [...] ihre Gewißheit zur Wahrheit zu erheben
und das leere Mein zu erfüllen." (PhG 185). Das
"Mein" soll nämlich eben alles Sein beinhalten, denn
"Sein (hat) die Bedeutung des Seinen" (ebd.).
Bei Hegel ist das Sein präformiertes Eigentum und das
Bewußtsein soll erkennen, daß es im eigenen Laden
einkauft.
Die Gewißheit muß
also zur Wahrheit werden: in der Vernunft und dem absoluten
Wissen, worin die schier unerschöpfliche Begierde des Logos
befriedigt sein will; nämlich in der alles aufhebenden Sphäre,
die kein Neben sich mehr kennt, kein Außen, kein Anderes, kein
"Gegebenes". Das "Skandalon des Idealismus, das er
doch nicht wegzuräumen vermag" (Adorno 1984a, 79) soll an
seiner Wurzel getilgt werden. Alles ist vernünftig, in sich
durchsichtig aufgelöst: Vernunft herrscht über sich.
Erkenntnistheoretisch zu zeigen, wie
das gedachte Sein dem Denken äußerlich sein kann,
muß mehr sein als ein performativer Widerspruch. Es müsste
eine Chance bestehen, das Sein tatsächlich aus dem Denken zu
entlassen, ohne, im anderen Extrem, in passiver Subjektivität
dem Objektiven diktatorisch ausgeliefert zu sein. Der paradoxe
Akt, das Irrationale zu denken, entfaltet sich zweiseitig.
Zunächst ist das in sich gekehrte reine Denken selbst
unwiderruflich seinen eigenen Widersprüchen ausgesetzt,
wovon Kants Dialektik in der Vernunftkritik, aber durchaus auch
Hegels Logik nur Kronzeugen sind. Andererseits tritt der, sich wie
auch immer konstituierten, Vernunft stets ein Anderes, oder in
räumlicher Analogie: ein Außen gegenüber, welches
sich jener versucht zu entziehen. Wie zu erahnen, handelt es sich um
zwei Seiten desselben, da die Vernunft in ihrer Selbstreflexion,
durch die Erfahrung des Anderen ihren Widerspruch erhellend,
emphatisch bemüht ist eben diesen Widerspruch durch eigene
innere Umkonfiguration aufzulösen um so die eben festgestellte
Diskrepanz und den vermeintlichen Gegenstand zu tilgen. Diese
aktive Entfaltung des Vernünftigen folgt dem Drang, seinen
Gegenstand zu integrieren, ihm das zu nehmen, was ihn zu dem macht
was er ist, nämlich das Gedachte als Anderes, als das außer
der Vernunft liegende und trotzdem vernünftig Bestimmbare: eine
Bestimmung, die eine solche Widersprüchlichkeit ausstrahlt, so
daß sie unwiderstehlich den Vernunftfetisch anzieht, bis
die Integration alles in der Vernunft vorkommende bestimmt und
unter sich gebracht hat.
Hegels phänomenologischer
Geist, dessen Grundfunktion in den eben skizzierten Modi operiert,
drückt sich so aus, daß durch die Erfahrung des
Widerspruchs, das unwesentliche Moment in das wesentliche
umgeschlagen wäre und daß durch diese Bewegung sich
auch der Gegenstand geändert hätte; für das
Bewußtsein hätte sich der wahre Gegenstand von einem
"An-Sich" in ein "Für-Es-Sein dieses An-Sich"
(PhG 79) transformiert.
Es ist überhaupt die
logozentrische Begierde gewesen, welche das abendländische
Denken hindurch das Andere durch vollständige
Durchrationalisierung und Naturbeherrschung in Schach hielt und
nicht bloß in szientistisch-verflachter Wissenschaftstheorie
sich zeigte, sondern noch vielmehr in Hegels System die kaum
überbietbare Entfaltung erfuhr. Eine Kritik des Logozentrismus
steht vor der schier unüberwindlichen Schranke, daß nur
aus dem Logos aus dem Logos gegangen werden kann. Diesen
Widerspruch eingehen, die Spannung zwischen Vernunft und dem ihr
Gegenüberstehenden akzeptieren und aushalten muß dem
Lustprinzip des Logos, der Begierde, entgegengestellt werden. Nicht
jedoch im simplen Ignorieren der verführenden Vereinigung,
welche im Praktischen sich oft als Unterdrückung entblößt,
sondern im steten Hinsehen - das Sein zu entlassen - mit und
aus der Vernunft selbst.
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i
Dies ist auch ein Diskussionspunkt
in der Literatur, wo Hegel kritisiert wird, sich prinzipiell
zirkulär zu bewegen: z.B. Schnädelbach, der ein
"Einführungsproblem" erörtert und kritisiert,
daß eigentlich die spekulative Systematik immer vorausgesetzt
werden muß (siehe Schnädelbach 2001, 156ff.); siehe aber
auch (Gräser 1988). Als Hegel neutral oder verteidigend
gegenüber stehend, wären Interpreten zu nennen, welche die
Hauptteile der PhG als "Einübung" oder
"Illustrierung" der Wissenschaft der Logik sehen (Hansen
1994; Pöggeler 1998)
ii
Diese Haltung Kants bestätigt sich zum Beispiel auch einige
Seiten vorher, wo klar gemacht wird, daß für Natur,
Tiere, Umwelt, usw. niemals "Achtung" aufgebracht werden
kann (vgl. KdpV A136).
iii
Auch hier zeigt sich der Charakter dessen, was ich oben
abschließende Einleitung nannte.
iv
Diese Wahrheit der bewußten Einheit macht das Mystische
an diesem Text aus: da nur im vernünftigen Denken das Objektive
wirklich zu sich kommt ("für-sich" wird) erzeugt
Hegels Werk oft das Gefühl einer Apotheose: sowohl des Autors
als auch des Lesers. Wobei klar sein muß, daß letztlich
für Hegel das einzelne Individuum der Allgemeinheit immer
untergeordnet ist, es sich "um so mehr vergessen" muß
(PhG 67).
v
Noch in der Vernunft wird diese Vermittlung ausschlaggebend sein.
Nicht "abstrakt", sondern "konkret-allgemein"
muß "wahre Vernunfterkenntis" sein (vgl. Düsing
1998, 144). Die Verbindung zwischen Abstrakt-Konkret /
Allgemeinheit-Bestimmtheit als konkret Allgemeines betonen auch
(Hansen 1994, 64) und (Taylor 1998, 159f.).
vi
Die Literatur erklärt den Übergang zum Selbstbewußtsein
oft mit der gleichen Struktur des Bewußtseins und der
Dinge (siehe z.B. Siep 1998, 110f.; Hansen 1994, 63; Pöggeler
1998, 133)
vii
Platon schreibt der Sinnlichkeit, trotz aller vorschneller
Dequalifikation, einen bedeutenden Stellenwert ein: "Aber auch
das geben wir doch zu, daß wir eben dieses [die Idee (des
Gleichen in diesem Fall); K.S.] nirgend anders her bemerkt haben
noch imstande sind zu bemerken als bei dem Sehen oder Berühren
oder irgendeiner andern Wahrnehmung." (Phaidon, 75a).
Emphatischer sieht es natürlich bei Kant aus: "Die
Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als
ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung" (KdrV B146).
viii
Es erinnert stark an die Intention in Schellings "System des
transzendentalen Idealismus", daß nicht bloß
die Natur aus der Idee abgeleitet werden soll, sondern auch die Idee
aus der Natur. Die Natur muß als "reale Grundlage des
sich verwirklichenden Geistes" (Gadamer 1998, 219) verstanden
werden. Das Selbstbewußtsein ist "selbstbewußtes
Leben" genauso wie "lebendiges Selbstbewußtsein"
(Pöggeler 1998, 133).
ix
Somit kann man der Wichtigkeit der Teilung zustimmen, welche von
Siep herausgestrichen worden ist, die zwischen dem "Begriff"
und der "Gestalt" des Selbstbewußtseins
unterscheidet. (Siep 1998, 99)
x
Ich sehe meine Interpretation auch bei Charles Taylor angedacht, für
den das Streben des Selbstbewußtseins zum "integralen
Ausdruck" tendiert, in dem "die äußere Realität
[...] ganz und gar unser Ausdruck ist, der nichts Fremdes enthält."
(Taylor 1998, 203): "So reflektiert Begierde [meine
Hervorhebung, K.S.] also nicht nur das sachliche Bedürfnis
nach einem Gegenstand, sondern auch den fundamentalen Drang nach
Integrität." (ebd., 206).
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Sophisto 02.12.2010 14:45
ich fürchte nur, die diagnostizierte Begierde fällt mit ein/zwei Anpassungen rasch in sich zu einem Erkenntnisinteresse zusammen. Begierde= Neugier? Das kann nicht gemeint sein. Ich denke, man sollte ein Stück weit die Absurdität des philosophischen Unternehmens berücksichtigen, schließlich handelt es sich nicht um alltägliches ubiquitäres Denken, sondern um ein eben sonderbares Unterfangen. Die Begrifflichkeit, sei es mit Geschichte oder ohne, ist kein Erzeugendensystem. Das Substrat, das man manchmal mit Händen zu greifen glaubt, ist nichts weiter als ein weiteres Stück Begrifflichkeit, gesondert oder ungesondert, komplementär oder protoaktiv. Leider geht inzwischen die feinsinnige Unterscheidung von Referenzialität und Objektivität allmählich verloren, ansonsten wäre es klar, dass es sich bei diesem "unmöglichen Begehren" nicht um eine psychoanalytische Kategorie sondern nur um eine selbstvergessene Übertreibung handelt.