Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 22 (2/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad. Kiepenheuer & Witsch, 2004. 176 S., 14,90 Euro
von Anja Schachtschabel
Im vanilleduftenden Untergeschoß
eines Einkaufszentrums in Berlin zählt für Simone nur eine
Dreiviertelstunde an den Donnerstagen. Dort ist sie Kosmetikerin,
cremt und massiert aus Tiegeln und Töpfen schlaffe und faltige
Haut meist schweigender Kunden. Doch donnerstags abends kommt ER, der
Mann mit dem Maßanzug, der ihr viel erzählt, wovon sie
viel nicht versteht. Sie spürt Seelenverwandschaft und weiß
immer erst viel zu spät, was sie ihm auf seine kleinen Fragen
antworten könnte. Für ihn nennt sie sich Mona, zieht extra
dünne Stumpfhosen an, pudert sich den Auschnitt. Sie ist
verliebt und erträgt all die lange Zeit mit den üblichen
Symptomen irgendwie bis er wieder zum Termin kommt.
Nachdem er ihr
eines Tages „Feuilleton“ auf eine Serviette kritzelt,
beginnt sie, seine Zeitung zu lesen, sucht darin nach seinen Artikeln
und findet sie auch. Sie kauft sich die Zeitung wie eine Aufgabe, die
es zu bewältigen gilt und arbeitet sie durch. Schneidet seine
Artikel aus, schlägt im Wörterbuch nach, kann sie
auswendig. Nach und nach eignet sie sich tages- und kulturpolitisches
Wissen an und lässt es in einzelnen Worten in den üblichen
Monolog ihres liebsten Kunden tröpfeln, wenn er unter ihren
Händen liegt. Doch der Mann zieht sich zurück, am Ende
kommt er nicht mehr, als sie auf seine rhetorischen Fragen eine
Antwort geben konnte.
Leise ereignet sich Simones Leben in der
Großstadt Berlin stellvertretend für so viele andere
Immigrantenschicksale: früh zur Arbeit, spät nach hause,
manchmal mit den Kolleginnen, die über ihre Männer
erzählen, fremd, aber nicht resigniert, einfach nur so geht es
dahin. Einziger Glanzpunkt darin ist die Illusion des
Feuilletonredakteurs (der taz?), der sich im Dozieren auf der
Pritsche einer kleinen Kosmetikerin gefällt, die ihm
intellektuell nicht das Wasser reichen kann. Als sie sich zu ihm
vorarbeitet, aus Liebe und um ihn zu verstehen, so wie er sie zu
verstehen scheint, wenn er ihr Allerweltssätze hinwirft, die sie
als Botschaften nur für sich begreift, bedroht sie seinen
Wissensvorsprung und wird verstoßen.
In ruhigem Stil erzählt Katja
Kullmann, wie sich Simone zielstrebig durch ihr Leben arbeitet und
mit dieser stillen Zielstrebigkeit und ihrer Dynamik an Grenzen
stößt. Nie scheint sie dumm, selten einfältig, sie
ist ein kleiner sympathischer Charakter, der immer wie ein
Stehaufmännchen zu rattern scheint, jedoch ohne Geist und
scheinbar ohne sich wirklich wehzutun. Wunderbar einfach ist die
Beschreibung ihrer Verliebtheit und ihres Arbeitsplatzes im
Kosmetiksalon, gut beobachtet und nüchtern erzählt. Die
Aura des Anzugredakteurs zerplatzt an Simones Beharrlichkeit,
dagegen kehrt sich ihre Unbedarftheit selbst mit all dem
angelesenen Wissen um in Wahrhaftigkeit und lässt sie als
lebendigeren Menschen erscheinen.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.