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| Erschienen in Ausgabe: No. 22 (2/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Ein Rezensionsessay zu Hans Werner Ingensiep: Geschichte der Pflanzenseele. Philosophische und biologische Entwürfe von der Antike bis zur Gegenwart, 692 S. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001
von Karim Akerma
Hans
Werner Ingensieps voluminöses Werk ist ein Manifest gegen den
"historische(n) Gedächtnisschwund in Sachen
'Pflanzenseele'." (597) Das Buch will als die "Geschichte
einer verlorenen Idee" und als "Seelengeschichte von
unten" gelesen werden. Deutliches Anzeichen dafür, dass wir
es mit der Geschichte einer verlorenen Idee zu tun haben, ist der
Umstand, dass, so Ingensiep, bereits die Erwähnung des
bloßen Vorhabens, eine Geschichte der Pflanzenseele verfassen
zu wollen, bei Biologen wie Philosophen Irritationen auszulösen
vermag: Wer sich mit der Pflanzenseele befasst, schreibt die
Geschichte einer unterlegenen und nicht die Geschichte einer
siegreichen Idee. Leicht entsteht der Verdacht, hier werde
vorwissenschaftliches oder gar esoterisches Terrain betreten. Wer das
flüssig geschriebene, über weite Strecken spannend zu
lesende Buch zur Hand nimmt, wird schnell eines Besseren belehrt. Ein
Beispiel: Noch um 1900 sehen die meisten Philosophen "in der
Pflanze eine Art von Bewusstsein am Werk" (502f); um die
Wende zum 20. Jahrhundert entwickelt sich die Pflanzenseele "zu
einer Inspirationsquelle für die Biologie und Philosophie"
(475), und der letzte von Seiten eines Naturwissenschaftlers
unternommene Versuch, die Pflanzenseele für die Botanik zu
retten, wurde von Tschirch noch in den 30er Jahren des 20. Jh.
Unternommen.
Einerseits
als die Geschichte einer verlorenen Idee, will Ingensieps Werk aber
auch gelesen werden als eine radikale – da an die radices
(lat.: Wurzeln) gehende – Geschichte der Naturphilosophie,
"waren doch die pflanzlichen Lebensäußerungen das
Fundament unserer abendländischen Tradition einer Philosophie
des Organischen." (1)
Insofern nun die
pflanzlichen Lebensäußerungen das Fundament einer
Philosophie des Organischen abgeben, berührt diese Geschichte
der Pflanzenseele notwendigerweise eine ganze Reihe verbundener
weiterer Themen, deren Erörterung das Buch umso lesenswerter
macht. Ingensiep erhebt nicht nur den Anspruch, die erste umfassende
Geschichte der Pflanzenseele von Empedokles über antike,
christlich antike, mittelalterliche, frühneuzeitliche bis
hin zu romantischen Positionen vorgelegt zu haben und den Wandel der
Positionen seit der Zeit Darwins bis in das 20. Jahrhundert –
inklusive Bose und Backster als "exzentrischen" Apologeten
der Pflanzenseele – und bis in die Gegenwart mit ihrem Streit
um quasi-pflanzliche (vegetative) Zustände menschlicher
Organismen zu beleuchten. Das Buch bietet darüber hinaus
Erörterungen u.a. folgender an die Frage nach der Pflanzenseele
grenzender Problemfelder, wodurch es – mehr als eine Geschichte
der Pflanzenseele – am Rande auch Folgendes beinhaltet:
1. Eine Geschichte
philosophischer Argumente für und wider den Vegetarismus
von der Antike bis hin zu Peter Singer. 2. Eine Geschichte der
Tierseele und in gewissem Maße auch der menschlichen Seele. 3.
Eine Darstellung zahlreicher Antworten auf die Fragen "Was ist
Leben?" und "Was ist als lebendig anzusehen?" 4. Eine
"Antwortgeschichte auf die Kernfrage der philosophischen
Anthropologie 'Was ist der Mensch?'" (620) 5. Nicht zuletzt will
Ingensiep mit seinem Buch dokumentieren, "wie mit der
Pflanzenseele der Lebensbegriff und damit der Mensch tangiert wird."
(628) Hier erweist sich Ingensiep als Kritiker von Überführungen
am Gegenstand der Pflanze gewonnener Vorstellungen vegetativen Lebens
(s. Ingensieps Ausführungen zur scholastischen anima vegetativa)
auf embryonale und hirntote menschliche Organismen in
gegenwärtigen Debatten zur Bioethik.
In
enzyklopädischer Weise kommen die Stimmen zur Sprache, die sich
über die Jahrtausende zur Pflanzenseele gemeldet haben. In
enzyklopädischer Weise, weil es Ingensiep immer wieder zu
zeigen gelingt, dass und wo spätere Äußerungen zur
Pflanzenseele auf frühere Vorstellungen entweder
zurückgreifen oder doch Gemeinsamkeiten mit älteren
Vorstellungen haben. Auf diese Weise erfährt der Leser von
Ähnlichkeiten zwischen Vorstellungen aus dem indischen
Kulturkreis und denen des Empedokles (20); über
Verbindungslinien von Damascenus über Hegel zu Plessner (77);
von Herder über Fechner zu Uexküll (403); von Plutarch zu
heutigen Tierethikern: beide Erhöhen den moralischen Status der
Tiere auf Kosten der Pflanzen. Die boundary of sentience
beschreibt Ingensiep als eine von Theophrast bis Singer reichende
Argumentationsfigur (70). Fraglich ist, ob ein von Ingensiep (s. 554,
602) festgestellter Rekurs Jonas’ auf Hegel tatsächlich
zutrifft.
Die
Geschichte einer verlorenen Idee, ist Ingensieps Studie im gleichen
eine reiche Fundstätte für vergessene Literatur. Ingensiep
erinnert an Autoren und Werke wie Karl Friederichs (1878-1969) Die
Selbstgestaltung des Lebendigen oder Hans Andrés
(1891-1966) Die Seele in der modernen Lebenswissenschaft und die
Wiedergeburt der scholastisch-aristotelischen Biologie.
Ingensiep
schreibt die Geschichte der Pflanzenseele als Verlierergeschichte.
Den Keim für den Prozess der Entseelung der Pflanzen findet er
bereits in der aristotelischen Seelenlehre angelegt (vgl. 79). Zwar
stattet Aristoteles die Pflanzen mit einer bis dato neuartigen Seele
aus – der Nährseele –, doch entbehren sie gemäß
seiner Lehre jeglicher Sensitivität, welche ihnen in der
platonischen Philosophie noch zukommt. Platons Vorstellungen zur
Pflanzenseele, die von einer empfindungsbasierten innerseelischen
Verwandtschaft aller Lebewesen ausgehen, sind nicht wirkmächtig
geworden, sondern werden von Ingensiep zuallererst rekonstruiert.
Wirkmächtig wurde die aristotelische Sichtweise, welche die
Pflanzen mangels Empfindungsfähigkeit aus dem Kreise der "echten
Lebewesen (zoa)" ausschließt. Bricht im
aristotelischen Denken einerseits "die innerseelische
Verwandtschaft aller Lebewesen auseinander" (36), so
bedeutet dies gleichwohl nicht, dass Platons Konzeption einer
empfindenden Pflanzenseele gar nicht mehr positiv rezipiert worden
wäre. In der Naturphilosophie der italienischen Renaissance
blüht sie – nach ihrer spätantiken Erosion,
christlich-frühmittelalterlichen Verflüchtigung und
scholastischen Physiologisierung. (vgl. 177) – insbesondere im
Denken Campanellas (vgl. 37) wieder auf.
Als Geschichte der
Entseelung der Pflanze ist Ingensieps Buch zugleich eine Geschichte
der philosophischen und naturwissenschaftlichen Widerstände
gegen die Entseelung sowie der – letztlich paranormalen –
Rettungsversuche einer Pflanzenseele. Im Auge behalten muss der
Leser, dass Kritik und Affirmation der Pflanzenseele
geistesgeschichtlich ein zweigleisiger Prozess ist. Zum einen
geht es um die von Aristoteles etablierte organisierende
Pflanzenseele, zum anderen um die in der Antike unterlegene
empfindende Pflanzenseele.
Ingensiep
eröffnet seine Studie mit dem vorsichtigen Satz: "Ob
Pflanzen eine Seele haben oder nicht, soll und wird in diesem Buch
nicht entschieden werden." (1) Gleichwohl liest man bereits auf
S. 43: "[...] ob die Pflanzen nicht dennoch über Gefühl
und Begierde verfügen, wie Platon meinte, wird noch zu klären
sein." (43) Auf S. 634 endlich fragt Ingensiep abermals, gegen
Ende des Buches nicht mehr in historischer, sondern in systematischer
Hinsicht: "Haben Pflanzen eine Seele?", was vermuten und
den Neugierigen hoffen lässt, dass er das Vorhaben der
Zurückhaltung von S. 1 inzwischen fallen gelassen haben könnte.
Aber statt einen klaren Standpunkt präsentiert zu bekommen lesen
wir:
"Wie kann vor dem
Hintergrund dieser ideengeschichtlichen Erträge eine Antwort auf
die Frage nach einem Seelenleben der Pflanzen gegeben werden? Meines
Erachtens sind aktuell drei Gesichtspunkte von Bedeutung: der
Standpunkt eines modernen Biologen, eines kritischen
Wissenschaftsphilosophen und der eines praktischen Naturphilosophen."
(636)
Ingensiep
lässt den idealtypischen Biologen antworten, dass es bei
Pflanzen keinen Anhaltspunkt für ein zoomorphes Empfindungsleben
gibt, zumal ihnen ein Zentralnervensystem fehlt. Dem
Wissenschaftsphilosophen ordnet Ingensiep die Antwort zu, ein
Seelenleben könne bei Pflanzen weder falsifiziert noch
verifiziert werden. Und betreffend den dritten Standpunkt ist
Ingensiep "der Meinung, dass der praktische Naturphilosoph
auf die Frage nach der Pflanzenseele eine umsichtigere Antwort geben
sollte, als der Biologe oder der kritische Wissenschaftsphilosoph es
zu tun gedenkt." (637) Wie sieht diese Antwort aus? Da Ingensiep
an dieser Stelle keine Antwort gibt, kann seine Forderung nach einer
"umsichtigeren Antwort" so gedeutet werden: Anders als
der Biologe und der kritische Wissenschaftsphilosoph muss der
praktische Naturphilosoph – bevor er seine Antwort formuliert –
sich der unterschiedlichen Positionen in der Geschichte der
Pflanzenseele versichern. Allein auf diese Weise können die
Untiefen dogmatischer Antworten umschifft werden. Insoweit es
zutrifft, dass eine Geschichte der Pflanzenseele erstmals mit
Ingensieps Werk vorgelegt wurde, muss der praktische Naturphilosoph
also dieses Buch konsultieren. Allerdings stellt sich die Frage,
warum dieses Erfordernis ausschließlich für den
praktischen Philosophen gelten sollte und nicht auch für den
Biologen und den kritischen Wissenschaftsphilosophen.
Ingensiep
selbst führt vor, wie eine undogmatische Erörterung der
Frage nach der Beseelung von Pflanzen (gemeint ist hier die
empfindende Seele) aussehen kann, womit er seinem Vorsatz – die
Frage nach der Beseelung von Pflanzen weder entscheiden zu wollen
noch zu können – zwar nicht zuwider handelt, aber der
Möglichkeit pflanzlichen Erlebens doch Platz verschaffen will:
"Für Molekular- und Neurobiologen ist Bewusstsein häufig
nichts anderes als das Produkt neuronaler Regulationen und
Funktionen, deren letzte Träger elektrochemische
Potentialänderungen und organische Moleküle sind. Warum
sprechen wir dann aber nicht auch bei Pflanzen von Bewusstsein, da
beides auch bei ihnen nachweisbar ist?" (378) Eben so schwer wie
die Nichterweisbarkeit pflanzlichen Bewusstseins müsse die
Nichtwiderlegbarkeit pflanzlichen Bewusstseins wiegeni.
Nicht
allein (praktische Natur-)Philosophen werden Ingensieps Werk mit
Gewinn studieren, sondern auch Biologen, die an vergessenen Ideen
ihrer Disziplin interessiert sind. So findet sich eine Kritik des
neurozentrischen Dogmas – welches pflanzliche Empfindungen
ausschließt – explizit bei Gustav Theodor Fechner
(1801-1887), Ingensieps "Hauptphilosoph der Pflanzenseele"
(629): "Dass Tiere mittels Nerven empfinden, beweist also nichts
gegen die Möglichkeit eines pflanzlichen Empfindungslebens."
"Kann aber die Pflanze ohne Nerven atmen und sich nähren,
warum nicht auch empfinden?" (Fechner, zit. in Ingensiep, S.
376)
Ingensiep
hinterfragt das neurozentrische Vorurteil – allein ein
Nervensystem komme als Träger seelischer Vorgänge in
Frage – unter Rekurs auf vergessene Positionen wie folgt: "Die
entscheidende Frage ist nämlich nicht, ob die Pflanze Nerven,
wie Tiere oder Menschen, bzw. ein Zentralnervensystem hat,
sondern ob es physiologische Trägersysteme in der Pflanze oder
überhaupt physikalische Systeme geben kann – wie z.B.
Computer –, die als Träger von Empfindungen angesehen
werden könnten." (609) Um 1900 waren laut Ingensiep die
meisten mit dieser Frage beschäftigten Philosophen (Ingensiep
erwähnt Paulsen, Heymans, Erdmann) überzeugt, "dass
ein Nervensystem keine notwendige Voraussetzung für ein
pflanzliches Seelenleben und der Analogieschluss von äußeren
Erscheinungen auf inneres Empfinden ein zulässiges Verfahren
sei. Fast alle akzeptierten das Protoplasma als Träger des
Seelenlebens." (503)
Ohne
neurozentrisches Dogma philosophiert auch Hedwig Conrad-Martius
(1888-1966) in deren Werk "die Pflanzenseele letztmalig
systematisch und synoptisch auf den Feldern der Naturphilosophie
und Botanik analysiert" (521) werde. Den Suchbewegungen
beispielsweise des einzelligen Trompetentierchens – dem
man nach Conrad-Martius "Empfindung als causal
eingreifendes Glied zwischen der Reizung und den Reaktionen"
(zit. 528) zuschreiben muss –, liegt kein Nervensystem zu
Grunde, sondern es handele sich um eine allgemeine Eigenschaft des
Protoplasmasii.
An Conrad-Martius'
Untersuchungen deckt Ingensiep ein anderes Dogma auf, wenn sie
nämlich behauptet, allen Tieren, aber keinen Pflanzen kämen
Erlebnisse zu. Hierzu urteilt Ingensiep: "Die Wesenbestimmung
der Tiere erfolgt dogmatisch, indem sie auch dem niedrigsten 'Tier'
eine empfindende Psyche zuschreibt." (528) Indem Ingensiep nun
aber darlegt, dass Conrad-Martius bei Organismen einen fundamentalen
Zusammenhang zwischen Empfindungsfähigkeit und
Selbstbewegung unterstellt, ist ihre Auffassung vielleicht doch
nicht so dogmatisch wie zunächst scheinen mag. Ihr Dogma lautet
nicht: Alle Tiere können empfinden, aber keine Pflanze vermag zu
empfinden, sondern: "Könnte eine Pflanze empfinden, so
könnte sie sich auch selbst bewegen. Könnte sie sich selbst
bewegen, so könnte sie auch empfinden." (zit. 529) Dieses
Zitat führt einerseits zu Ingensieps Darstellung des Phänomens
pflanzlicher Selbstbewegung, andererseits zu seiner Behandlung
der so genannten Zwischenwesen.
Da
die Natur nach Aristoteles nichts Unzweckmäßiges
hervorbringt, Empfindungsfähigkeit ohne Bewegungsfähigkeit
jedoch unzweckmäßig wäre, ist das Unvermögen zu
freier Ortsbewegung, so Ingensiep, wohl schon hinsichtlich
Aristoteles' als ein Grund für seine Ablehnung pflanzlicher
Empfindungen anzusehen (vgl. 53).
Als ein vielbeachtetes
Indiz für pflanzliche Empfindungsfähigkeit bespricht
Ingensiep die Entdeckung der erstmals 1578 beschriebenen exotischen
"Sinnpflanze", der Mimose. Einerseits lesen wir dazu bei
Ingensiep, die Entdeckung pflanzlicher Bewegungen am Gegenstand
der Sinnpflanze habe nach der vollständigen Mechanisierung
und Chemisierung der vegetabilen Funktionen eine Renaissance der
Vorstellung empfindender Pflanzenseelen bewirkt (vgl. 215, 291). An
anderer Stelle hingegen stellt Ingensiep jedoch fest:
"Naturphilosophische Überlegungen oder botanische
Phänomene wie spontane Bewegungen können in der Neuzeit die
Pflanze nicht mehr einschlägig mit einem Empfindungsleben
versehen [...]" (629) So fragt beispielsweise Herder: "Was
sollte die Pflanze mit Kräften der Thierbewegung, da sie nicht
von ihrer Stelle kann? Warum sollte sie andre Pflanzen um sich her
erkennen können, da dies Erkenntnis ihr Qual wäre?"
(zit. 305) In den Kontext dieses Zitats gehören interessante
Ausführungen Ingensieps zur Theodizee-Problematik bei
unterschiedlichen Autoren wie Porphyrios (101), Michael Alberti (249)
oder James Perchard Tupper (327).
Im
darwinistischen 19. Jahrhundert, so Ingensiep, wird im Gebäude
der Ablehnung pflanzlicher Empfindungen die Systemstelle des Unnützen
ergänzt um das Argument, pflanzliche Empfindungen wären im
Lichte selektionstheoretischer Überlegungen nicht zu
rechtfertigen: "Pflanzen können schon deshalb nichts
empfinden, weil es für sie keinen Nutzen im Überlebenskampf
bringt, denn sie können nicht weglaufen." (303) Eben so
wenig wie die Entdeckung der Sinnpflanze letztlich zu überzeugen
vermochte, ist Jahrhunderte später die "seinerzeit
neuartige filmische Präsentation pflanzlicher Wachstumsvorgänge"
(541) in der Lage, das philosophische Publikum für die
Pflanzenseele einzunehmen: "Ein seinerzeit Aufsehen
erregender Film über die Suchbewegungen von Rankpflanzen
liefert Plessner daher nicht den mindesten Grund [...]" (541)
"Plessner, André und Conrad-Martius ignorieren damit das
filmisch inszenierte Seelenleben der Pflanzen." (542) In –
raren – Sätzen wie diesen wird deutlich, dass Ingensieps
Herz für die Pflanzenseele schlägt. Ungeklärt bleibt,
ob für die teleologische – den Pflanzenorganismus
organisierende – Pflanzenseele wie Aristoteles sie verstand
oder für die empfindende Pflanzenseele im Sinne des
neuzeitlichen Seelenbegriffs, der die Seele – und auch eine
etwaige Pflanzenseele – als Bewusstseinsprinzip fasst
und nicht mehr – wie Ingensiep sich ausdrückt – als
Lebensprinzip. Wenn Ingensiep über Fechner bemerkt,
dieser kapituliere vor dem neuzeitlichen Seelenbegriff und verzichte
"auf die antike teleologische Bestimmung der Seele als
Entelechie, d.h. eines inneren Lebens- und Bewegungsprinzips eines
Körpers" (426), so verteidigt Ingensiep offenbar die
aristotelische Bestimmung der Pflanzenseele. Wenn er in den
Naturphilosophien Uexkülls und Plessners einen
Subjektivitätsverlust der Pflanze feststellt, der für beide
Denker schon aus Gründen pflanzlicher Organisationsform
feststehe (s. 518), so verteidigt er indirekt die neuzeitliche
empfindende Pflanzenseele. Von dieser Verteidigung getragen ist der
mehrfach gegen Peter Singer erhobene Vorwurf, er grenze Pflanzen aus
dem Gebiet praktischer Ethik aus und sei nicht in der Lage, sich in
eine Pflanzenseele einzufühlen (s. 623). Wie aber und warum
sollte Singer sich in etwas einfühlen, von dessen Nichtexistenz
er überzeugt ist?
Interessant und
zahlreich sind die von Ingensiep aufgefundenen und erörterten
Argumente, welche intendieren, den gegen pflanzliche Empfindungen
ins Feld geführten Grund pflanzlicher Sessilität zu
unterspülen. Es sind dies Argumente, in deren Fluchtpunkt
letztlich allen Pflanzen Empfindungen zuzuschreiben wären.
Über Buffon (1707-1788) führt Ingensiep diesbezüglich
aus: "Eine Wahrnehmungsempfindung sei nicht einmal den Tieren
sicher. Gestehen wir sie jedoch im Tierreich zu und steigen bis zur
Auster herab, warum sollte man nicht auch den Pflanzen diese nämliche
Empfindung in einem noch tiefern Grade zugestehen." (299)
Ähnlich argumentiert Tupper: Es gibt als sensitiv angesehene
Tierarten, die sessil sind, warum sollten die sessilen Pflanzen dann
keine Empfindungen haben? (vgl. 324) Sollte es vielleicht so
sein, dass einfache, bewegliche pflanzliche Organismen vor der
Eroberung des Festlandes über basale Empfindungen verfügten,
ihnen dieses Minimalbewusstsein aber mit Beginn der Unbeweglichkeit
in Folge von Zelluloseproduktion an Land verloren gegangen ist? –
eine in der Geschichte der Pflanzenseele ungestellte Frage.
Für
die Annahme, bereits Einzeller könnten über Empfindungen
verfügen, weiß Ingensiep eine ganze Reihe von Stimmen
anzuführen. Immer wieder ist vom Süßwasserpolypen die
Rede "als das einfachste Tier, das der Struktur der Pflanzen am
nächsten war, und es schien zu empfinden." (292) Für
Ernst Haeckel (1834-1919) ist gewiss, dass bereits Einzeller eine
Seele haben und August Pauly (1850-1914) fordert gar: "Die
Biologie hat nun eine Psychologie der Zelle zu schaffen." (zit.
480)
Während der
Neurozentrismus alle Pflanzen aus der Gruppe erlebender Organismen
ausschließt, lässt das Theorem, welches Selbstbewegung mit
Erleben verbindet, es zu, dass zumindest einige Pflanzen mit Erleben
versehen sein können. Es ist deshalb nicht auszuschließen,
dass Robert Sommer (1864-1937) Unrecht hat, über den Ingensiep
ausführt: "Der Verstand wurzele in der
Gegenstandswahrnehmung, d.h. in der Übereinstimmung einer
subjektiven Vorstellung mit der objektiven Lage eines Gegenstandes im
Raume, was nach Sommer eindeutig eine Errungenschaft der Tiere
ist." (507)
Als das heutige
Paradebeispiel für vormals so genannte Zwischenwesen oder
Pflanzentiere kann wohl Euglena (Grünes Augentierchen) angesehen
werden, welches Ingensiep als Argument gegen das oben angeführte
Dogma Conrad-Martius' hätte dienen können. Je nach Milieu
existiert Euglena autotroph (wie eine Pflanze) oder heterotroph (wie
ein Tier). Conrad-Martius' Diktum lautete: Könnte eine Pflanze
sich selbst bewegen, so könnte sie auch empfinden. Ingensiep
versteht Conrad-Martius dahingehend, alle Pflanzen seien als
nicht-empfindend, alle Tiere als empfindend anzusehen. Wenn man
nun geneigt ist, eine autotroph lebende Euglena als Pflanze zu
klassifizieren, dann muss man diesen pflanzlichen Organismus vor dem
Hintergrund des "Bewegen-Empfinden-Theorems" als
empfindende Pflanze ansehen. Während das neurozentrische Dogma
in der Tat alle Pflanzen zu nicht-empfindenden Organismen stempelt,
lässt das "Bewegen-Empfinden-Theorem" es zu, dass
zumindest bewegliche pflanzliche Organismen – sofern man diese
Organismen als Pflanzen ansehen will – über Empfindungen
verfügen könnten.
Wer das tierische
Monopol auf Empfindungen unter Verweis auf Organismen wie
Euglena erschüttern will, der findet in Ingensieps
Ideengeschichte allerdings ein passendes Gegenargument,
vorgebracht vom Pflanzenphysiologen Ernst G. Pringsheim
(1881-1970): "Abfällig bemerkt er zu Francés Analyse
der Suchbewegungen einer dem Licht zustrebenden Euglena: 'Ein Stein
strebt nach dem Erdmittelpunkt, 'hat' also auch Psychisches!'"
(488)
1.
Vegetarismus Wer nach philosophischen Argumenten für und
wider den Vegetarismus sucht, wird in Ingensieps Ideengeschichte
fündig. Theoprast, Plutarch und Porphyrios waren
Vegetarier, um nur drei antike Autoren zu nennen. In einer um 315 v.
Chr. entstandenen Spätschrift des Theoprast entdeckt Ingensiep
das erstmalige Vorkommen einer Argumentationsfigur, "die
bis heute aktuell ist. So werden z.B. bei Peter Singer alle Menschen
und empfindenden Tiere in eine biologisch-ethische
Seelengemeinschaft und damit in den ethischen Kreis einbezogen,
Pflanzen aber wegen der boundary of sentience ausgeschlossen."
(70)
Was
aber, wenn Pflanzen – allen Entseelungsschüben zum Trotz –
nun doch über Empfindungen verfügen sollten? Dann, so
Ingensiep, würde ihr Verzehr moralisch problematisch (vgl. 632);
Vegetarier müssten verzweifeln und Wissenschaftler würden
zu Vivisektoren (vgl. 572). Bevor man allerdings als Vegetarier sich
in Selbstvorwürfen ergehen kann, gibt Ingensiep ein moralisches
Remedium an die Hand: "Wie könnten wohl strenge Vegetarier
das potentielle Leid der Pflanzen rechtfertigen? [...] Hier greift
nun das Prinzip der Interessenabwägung zuungunsten von fiktiv
empfindenden Pflanzen." (610) Selbst wenn es so sein sollte,
dass Pflanzen empfinden, so würden sie doch vermutlich
weniger leidensfähig sein als die meisten Tiere oder Menschen.
Ein Argument für den Karnivorismus ergäbe sich erst unter
Ingensieps gedankenexperimenteller Annahme gleicher Leidensfähigkeit
bei Pflanzen und Tieren und der Zusatzannahme einer synthetischen
Ernährbarkeit von Tieren (s. 610) – also ohne Rückgriff
auf leidende Pflanzen als Futtermittel –, da Fleisch pro
Gewichtseinheit besser sättigt als pflanzliche Kost.
Allerdings hat Ingensiep die größere Lebens- und
Ertragsdauer insbesondere fruchttragender Bäume im Vergleich zu
fleischtragenden Tieren nicht ins Kalkül gezogen.
2.
Vegetative Zustände Wiederum gegen Singer gerichtet sagt
Ingensiep, es werde "die moralische Pflanzenperspektive nicht
selten dauerhaft bewusstlosen, geistig schwerbehinderten oder
hirntoten Menschen unterstellt." (614) Diese Zusammenstellung
ist nicht gerechtfertigt und beinhaltet einen schwerwiegenden
Vorwurf, von dem Singer zu befreien ist. Ingensiep unterstellt,
Singer würde irreversibel Komatöse und Hirntote einerseits
mit empfindenden – wenn auch geistig schwer behinderten –
Menschen andererseits auf eine Stufe stellen und somit behaupten,
geistig schwer Behinderte seien kein Gegenstand moralischer
Betrachtung. Anders als von Ingensiep dargestellt, betont Singer am
Beispiel des Down-Syndroms, dass die geistige Behinderung das Leben
nicht so beeinträchtigt, "dass es sich aus der
Innenperspektive der Person, die es führt, nicht mehr zu leben
lohnte." (P. Singer, Praktische Ethik, 2. Aufl., Reclam,
Stuttgart 1994, 240) Singer sagt ferner: "Das Leben derer, die
nicht im Koma liegen und die Bewusstsein, aber kein Selbstbewusstsein
haben, hat dann einen Wert, wenn sie mehr Lust als Schmerz empfinden
oder Präferenzen haben, die erfüllt werden können."
(a.a.O. 245)
In
ethischer Hinsicht erweist Ingensiep sich als Kritiker der
Auffassung, mit empfindungslosen menschlichen Embryonen dürfe
eben so verfahren werden wie mit empfindungslosen Pflanzen. Denn wie
im Falle der Pflanzen, könnten sonst auch mit Blick auf
Embryonen instrumentelle – ökonomische oder ästhetische
– Interessen künftiger Generationen eingebracht
werden: "Dieses Unterfangen lässt sich weitertreiben bis
zur künstlichen Produktion von menschlichen Organspendern
oder der Einrichtung einer Sklavenhaltergesellschaft, deren
Mitglieder gentechnisch in der vegetativen Embryonalphase ihrer
Empfindungsfähigkeit, genauer ihrer Leidensfähigkeit,
beraubt werden, damit selbst mögliche Wünsche oder
mögliches Leiden dieser künftigen Menschen aktuell nicht
mehr ins Kalkül einbezogen werden müssten." (613f) Es
stellt sich die Frage, wie ein Wesen als Sklave gehalten werden soll,
wenn es nicht in der Lage ist, körperliches oder seelisches Leid
zu empfinden. Wie wollte man einen solchen "Sklaven"
kontrollieren und Befehlsverweigerungen bestrafen? Da dies ganz
unmöglich wäre, der Sklave hätte ja weder Furcht vor
Bestrafung noch vor seiner eigenen Vernichtung, könnte man
sich solche empfindungslosen Wesen ganz einfach nicht als Sklaven
halten, sie wären keiner Subordination fähig sondern
bestenfalls gut programmierte Bioroboter.
Unter
den zeitgenössischen Denkern hat Ingensiep sich Peter Singer zum
Generalgegner gewählt, an dem er moniert, er würde Seins-
und Wertordnungen etablieren, "die nur aus der
Siegerperspektive des Menschen rekonstruierbar sind. [...]
Pflanzen sind in jedem Fall die ethischen Verlierer." (612)
Leider bleibt Ingensiep dem Leser eine Antwort auf die Frage
schuldig, an welchen ethischen Hintergrund er denkt, vor dem Pflanzen
als Verlierer anzusehen wären. Für einen Utilitaristen
nämlich können Pflanzen nur dann direkte Gegenstände
moralischer Entscheidungen sein und als übergangene ethische
Verlierer in Betracht kommen, wenn dieser Utilitarist sie als
empfindende Organismen begreift. Genau dies schließt Singer
jedoch aus. Und mit dieser Position – wie Ingensiep
verdienstvoll herausstellt – steht Singer nicht allein: Ein
Vertreter ganz anderer ethischer Grundsätze, gelten Pflanzen
auch Kant nur als wissenschaftliche oder ästhetische
Gegenstände.
Wiederum
gegen Singers Position bringt Ingensiep vor: "[...] Pflanzen
werden ethisch hier ausgegrenzt, weil 'Leben an sich' keinen Wert
hat, sondern nur ein Empfindungsleben. Warum ist nur
empfindungsfähiges oder subjektiv bewusstes Leben wertvoll? Hier
zeigt sich eine weitere metaphysische Prämisse, die
ideengeschichtlich vor dem Hintergrund des antiken Lebensbegriffes
verständlich wird, wonach nur Empfindungsleben eigentliches und
vollwertiges Leben ist." (612) Leider ist es so, dass Ingensiep
sich schlicht an Intuitionen hält, statt im Fundus der von ihm
beleuchteten Positionen nach neuen Antworten auf "die
naturphilosophische Kernfrage in der Biophilosophie: Was ist Leben?"
(623) zu suchen. Warum eigentlich sollten Pflanzen überhaupt als
lebendig angesehen werden? Bereits Aristoteles, dies stellte
Ingensiep auf den Seiten 38-60 heraus, sah Pflanzen als zwar lebende
Dinge, mangels Empfindung jedoch nicht als Lebewesen an.
Im
Sinne einer Zuspitzung Aristotelischer Auffassungen ereignet sich
laut Ingensiep bei Nicolaus Damascenus (64-4) und beim Kirchenvater
Basilius (ca. 331-379) das Aufbrechen der Frage, „in welchem
Sinne die Pflanzen überhaupt Leben haben [..." (76). Für
Basilius gilt: Pflanzen "leben nur 'uneigentlich', da
eigentliches Leben nach griechischer Vorstellung immer ein
Sinnesleben einschließt." (114)
Hatte
Ingensiep mit großem Recht deutlich gemacht, dass die Frage
nach der Beseelung von Pflanzen nicht zu beantworten ist ohne eine
vorgängige Klärung der Frage, was jeweils unter "Seele"
verstanden werden soll, so lässt er dieselbe Umsicht nicht dort
walten, wo er es mit der wahrlich an die Wurzeln gehenden Frage zu
tun hat, ob Pflanzen überhaupt leben. Ohne die von ihm im
Denken der Jahrtausende beobachteten Zweifel an der Lebendigkeit der
Pflanzen in Betracht zu ziehen, folgt Ingensiep der
Standard-Intuition, dass Pflanzen leben. Dabei ist ein
untergründiger Zweifel vernehmbar, wenn er beispielsweise
schreibt: "Nach der naturwissenschaftlichen Entseelung der
Pflanze stellt sich allerdings die Frage, wie deren autotroph
orientierte Daseinsweise von heterotrophen, empfindenden und
verständigen Menschen überhaupt noch unter einen
konsistenten Lebensbegriff gebracht werden kann, der auch die
physiologische und morphologische Fremdheit dieser
eigentümlichen Daseinsform einschließt." (627)
Ingensiep lässt hier unbedacht, dass sich nicht allein die Frage
stellt, wie die pflanzliche Daseinsform unter einen
konsistenten Lebensbegriff gebracht werden kann, sondern dass vor dem
Hintergrund seiner Geschichte der Pflanzenseele auch die Frage zu
beantworten ist, ob und in welcher Weise dies überhaupt
noch geschehen kann. Im Lichte der Ideengeschichte lösen sich
gegenwärtige Selbstverständlichkeiten schnell in
Fragwürdigkeiten auf. Die Frage "Leben Pflanzen?" wird
in Ingensieps Darstellung so viele Male verneinend beantwortet, dass
es sich nicht mehr von selbst versteht, Pflanzen als lebendig
anzusehen.
Geht
die philosophische Urschuld für ein Herausfallen der Pflanzen
aus der Gemeinschaft echter Lebewesen auf Aristoteles zurück,
so ist ihr Ausschluss aus dem Kreis der Lebewesen noch älteren
Datums: Da Pflanzen nicht atmen und kein Blut haben, zählt die
Bibel sie nicht zu den Lebewesen. "Diese biblische
Auffassung der Pflanzen trifft im Zeitalter des Hellenismus auf eine
Palette philosophischer Pflanzenkonzeptionen, die sich überwiegend
darin einig sind, dass die Pflanze nur in einem sehr uneigentlichen
Sinne als beseelt angesehen werden kann, denn wirkliches Seelenleben
ist Empfindungsleben. Hier verstärken sich also
verschiedenartige Traditionen in Bezug auf die Infragestellung
einer Pflanzenseele, die nicht ohne Auswirkung auf den Lebensbegriff
bleiben kann, wie sich im Laufe des Mittelalters zeigen wird."
(107)
Was
mittelalterliche Auffassungen angeht, so präsentiert Ingensiep
wiederum interessante Zusammenhänge. Zu nennen ist die
Verbindung die er herstellt, wenn er bemerkt, die Behandlung der
Pflanzenseele bei Isaak Israeli (ca. 845-940) und Albertus Magnus
(1193-1280) lasse den Weg zu ihrer nachcartesianischen Chemisierung
kurz erscheinen (s. 141). An den naturphilosophischen Schriften
Albertus Magnus' überrasche "das Ausmaß an
physiologisch-funktionaler Aufspaltung der nun wieder präsenten
anima vegetativa, die den Weg zu ihrer frühneuzeitlich
chemischen Auflösung bis hin zu Boyle erstaunlich kurz scheinen
lässt." (155) Nach der physiologisch-funktionalen
Dissoziierung der aristotelisch-organisierenden Pflanzenseele sowie
der scholastischen anima vegetativa – welche dafür
einstanden, dass Pflanzen als lebendig angesehen werden konnten –
in Mechanik und Chemie hängt die Beantwortung der Frage, ob
Pflanzen überhaupt noch als Lebewesen angesehen werden können,
davon ab, ob man ihnen Empfindungen zugesteht oder nicht. "Waren
die Pflanzen bei Platon aufgrund ihres Begehrens noch zoa und bei
Aristoteles des Lebens teilhaftig, so sind sie nach der
Automatisierung durch Descartes für Reimarus oder Kant nicht nur
empfindungslose Maschinen, die nach bloßen Naturkräften
bewirkt werden, ihnen kommt auch gar kein eigentliches Leben mehr zu
wie den Tieren. Denn 'Leben' ist nach Kant ein Vermögen einer
Substanz, sich aus einem inneren Prinzip zum Handeln zu bestimmen,
und d.h., dass Pflanzen über Vorstellungen des inneren Sinnes
wie Empfindungen, Gefühle, Begehren verfügen müssten,
um als lebendig gelten zu können." (626)
Reimarus
(1694-1768) und Kant (1724-1804) sind in seltenem Ausmaß
konsequent, wenn sie Pflanzen mangels Empfindungen nicht mehr als
Lebewesen ansehen. Sie sind eben so konsequent wie Ingensieps
Hauptphilosoph der Pflanzenseele, Fechner, der umgekehrt kein
Leben ohne Erleben kennt: Für Fechner "schließt der
Begriff des Lebens den Begriff der Seele ein." (381) Ähnlich
kennt der englische Botaniker J. E.Taylor in seinem Buch The
Sagacity & Morality of Plants (1884) "kein Leben ohne
psychological action" (461); für Francé ist "das
Psychische schlechthin das Teleologische und allem Leben eigen"
(486). Und Ludwig Klages' Auffassung gibt Ingensiep
folgendermaßen wieder: "Zellen wie Pflanzen leben, und
wenn sie denn leben, so erleben sie auch." (540). Ebenfalls
konsequent gedacht ist hier die Auffassung gewisser "moderner
Wissenschaftsphilosophen", deren Namen Ingensiep leider
nicht bekannt gibt: "Moderne Wissenschaftsphilosophen fassen den
Lebensbegriff enger und schließen Pflanzen aufgrund des
fehlenden Empfindungslebens vom Leben aus." (627)
Obgleich
Ingensiep wie vielleicht kein Zweiter mit der Vielfalt der
Anschauungen zu Seele und (Nicht-)Leben der Pflanzen vertraut
ist, stellt er das Leben der Pflanzen – anders als die
Beseeltheit der Pflanzen – unter Rückgriff auf die ihm zu
Gebote stehenden Ideen, über die er ansonsten virtuos gebietet,
nicht in Frage. So zitiert er aus Hans Jonas' "Organismus und
Freiheit": "Drei Merkmale unterscheiden das tierische vom
pflanzlichen Leben: Bewegungsfähigkeit, Wahrnehmung,
Gefühl." (zit. 600) Da Ingensiep die Intuition pflanzlichen
Lebens trotz anderslautender Auffassungen u.a. von Francis Bacon
(s. 216), Reimarus oder Kant nicht in Frage stellt, entgeht ihm an
Jonas' Naturphilosophie folgende Ungereimtheit: Einerseits stellt
Jonas ein Diktum auf, wonach Leben und Empfinden koextensiv sind;
andererseits ist Jonas von der Empfindungslosigkeit der Pflanzen
überzeugt. Gleichwohl, und dies ist unstimmig, spricht er die
Pflanzen als Lebewesen an. Jonas spricht von einer "Dimension
der Innerlichkeit [...], die zum Leben gehört."
(Jonas, Organismus und Freiheit, Göttingen 1973, 3). Und er legt
fest, dass "Innerlichkeit koextensiv mit dem Leben ist [...]"
(a.a.O. 84) Ferner behauptet er eine "fundamentale
Selbstbesorgtheit alles Lebens" (a.a.O. 185) Resultat der von
Ingensiep nachvollzogenen Analysen Jonas' in Organismus und
Freiheit ist nun aber, dass Pflanzen über keine
Innerlichkeit verfügen und man ihnen somit auch keine
Selbstbesorgtheit zuschreiben kann. Wenn allein Organismen mit
Innerlichkeit als lebendig anzusehen sind, dann können Pflanzen
auf dem Boden der Analysen Jonas' nicht als lebendig angesehen
werden. Sicherlich ist Ingensieps Geschichte der Pflanzenseele
geeignet, beim Leser die von Intuitionen geprägten Strukturen
der Aufmerksamkeit zu verändern. Wie das Beispiel Jonas
demonstriert, hat das Werk eine entsprechende autokatalytische
Wirkung nicht gezeitigt. Was aber sind nun Pflanzen, sofern sie
mangels Empfindungsfähigkeit nicht als Lebewesen angesehen
werden?
Wenn man den Pflanzen mit Kant und anderen die Lebendigkeit abspricht, als was sollte man sie dann ansehen? Ein Vorschlag besteht darin, nicht-erlebende Pflanzen als – funktionierende – Organismen anzusehen, erlebende Organismen hingegen als Lebewesen. Zu Kant, Hegel und Plessner bemerkt Ingensiep, dass sie die pflanzliche Daseinsweise als den Prototypen organismischer Daseinsweise überhaupt bestimmen (vgl. 311, 520). Speziell mit Blick auf Kant fragt Ingensiep: "Allerdings bleibt bei Kant ontologisch offen, wieso die Pflanze theoretisch betrachtet in der KdU (§64) ein Paradigma des Organischen überhaupt sein soll, praktisch betrachtet aber, wie in der Tugendlehre (§17), auf die Seinsstufe des Anorganischen herabsinken kann." (311) Über die Pflanzen führt Kant nämlich aus, sie seien "zwar subjektiv schön, befinden sich aber in moralischer Berücksichtigung objektiv auf der Naturstufe der anorganischen Steine." (311) Die Antwort auf Ingensieps obige Frage sieht so aus, dass wir zwischen erlebenden Organismen und nicht-erlebenden Organismen unterscheiden sollten. Terminologisch wären allein die erlebenden Organismen als Lebewesen betrachten. Allein erlebende Organismen kommen als Entitäten direkter moralischer Berücksichtigung in Frage. Falls es zutrifft, dass Pflanzen über keine Empfindungen verfügen, so sind sie, ontologisch gesehen, Organismen, aber eben keine Lebewesen, die moralische direkt zu berücksichtigen wäreniii. Wobei gilt, dass die Ablehnung pflanzlicher Empfindungsfähigkeit nach der Lektüre von Ingensieps Buch weniger selbstverständlich ist und umsichtiger begründet werden muss als zuvor. Übrigens erwartet Ingensiep für das dritte Jahrtausend die Wiedergeburt der Pflanzenseele "als ein Produkt extravagantester und feinster Messtechnik [...] in einem biophysikalischen Laboratorium." (596)
- Außerirdische Einleitung in die Philosophie. Extraterrestrier
im Denken von Epikur bis Jonas, Münster 2002.
- Verebben der
Menschheit? Neganthropie und Anthropodizee, Freiburg 2000.
- Soll eine Menschheit
sein? Eine fundamentalethische Frage, Cuxhaven/ Dartford 1995.
- Der Gewinn des
Symbolischen. Zur Ableitung von Naturtheorie aus dem
gesellschaftlichen Sein in der Tradition kritischer Theorie seit
Marx, Hamburg 1992.
- Toward an Ontology of Consciousness with Nicolai Hartmann and Hans
Jonas, in: Helmut Wautischer (Hg.): Ontology of Consciousness.
Percipient Agency, MIT Press, Cambridge MA 2006
- Leben als Erleben. Erlebende Organismen und nicht erlebende
Organismen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Beginn und Ende
des Lebens menschlicher und anderer Organismen. In: Conceptus
Nr. 83,Februar 2003, S. 133-158.
- Das embryonale Potenzial. Ein ontologischer
Fehlschluss. In: prima philosophia, Band 15/Heft 3,
Juli-September 2002, S. 371-390.
- Wann beginnt ein menschliches Leben? In: Conceptus, Mai 2002,
Nr. 82, S. 133-146.
- Spielräume und Grenzen der Patentierbarkeit von Organismen und
Lebewesen. In: System und Struktur, Januar-Juni 2002,
Band VIII / Heft 1, S. 64-85.
- The End and the Permanence of Mankind in Karl Jaspers’s
Philosophy. In: Jahrbuch der Österreichischen
Karl-Jaspers-Gesellschaft 1999, S. 83-103.
- Hegel’s Silence on Extraterrestrial Intelligence. In: prima
philosophia, April-Juni 1999, S. 19-34.
- Kommunikation mit extraterrestrischer Intelligenz (ETI) als Topos
praktischer Philosophie. Ist der Blumenbergsche Absolutismus der
Wirklichkeit überwindbar? In: Akerma/Maximovic (Ed.):
Betrachtungen zum Außerirdischen, Cuxhaven/Dartford
1996, S. 9-26
i
Für die Frage tierischen Bewusstseins hat Margret Midgley diese
Umgewichtung in ihrem Buch Animals and Why They Matter (The
University of Georgia Press, Athens 1984, S. 134ff) vorgenommen.
ii
Interessanterweise drücken sich mit einzelligen Organismen
beschäftigte Biologen häufig so aus, als verfügten
ihre Forschungsobjekte über Empfindungen. So heißt es
über soziale Amöben, dass sie – auf völlig
nährstofffreiem Untergrund verteilt – nach etwa vier
Stunden ein chemisches Alarmsignal ausschütten: „Über
spezifische Antennenmoleküle empfängt jede Zelle die von
ihren Leidensgenossen abgesonderte Substanz, cAMP.“ (Eshel
Ben-Jacob und Herbert Levine: Muster in der Mikrobenwelt, in:
Spektrum der Wissenschaft, 12/1998, S. 56-61, hier: S. 61) In ihrem
Artikel „Wie und warum Bakterien kommunizieren“
(Spektrum der Wissenschaft, 4/1997, S. 78-84) schreiben Richard
Losick und Dale Kaiser über hungernde Bakterien. Hungern,
allgemeiner: leiden, können nur empfindende Organismen.
iii
Siehe hierzu Akerma: Leben als Erleben. Erlebende und nicht
erlebende Organismen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Beginn und
Ende des Lebens menschlicher und anderer Organismen, in:
Conceptus Nr. 83 (2000), S. 133-158.
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