| Erschienen in Ausgabe: No 61 (3/2011) | Letzte Änderung: 31. Januar '13 |
von Rainer Westphal
„Es ist durchaus denkbar, dass künftige
Generationen auf Beweise der Unterlegenheit des sozialistischen Plans ebenso
herabsehen werden, wie wir auf Adam Smith’s Argumente gegen die Aktiengesellschaft.“
Diese Äußerung stammt nicht etwa aus der „kommunistischen Plattform“ einer
Linkspartei, sondern von Joseph Alois Schumpeter, den letzten universalen Kopf
unserer Wissenschaft, wie der Kölner Wirtschaftsprofessor und
Volkswirtschaftspapst Günter Schmölders (1903-1991) ihn nannte. Sein Kieler
Kollege Erich Schneider ergänzte: „Was seine Werke enthalten, gehört zum
unverlierbaren klassischen Besitz der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.“
Abgesehen von Max Weber, war Schumpeter wohl der gebildetste Ökonom, der je
an einer Universität unterrichtet hat. Er beantwortete die Frage, ob der
Kapitalismus überleben werde, mit einem klaren „Nein“. Später stellte er sogar
fest, dass er sich durchaus vorstellen könne, dass eine Planwirtschaft dem
Konkurrenz-Kapitalismus überlegen ist. Dieses könnte durchaus Realität werden,
wenn Rohstoffmängel entsprechende Handlungen erfordern.
Obgleich Schumpeter das Hohelied auf den
wagemutigen und dynamischen Unternehmer sang, wird er häufig mit Karl Marx
verglichen. Beide bezogen nämlich die
geschichtliche Entwicklung in ihre ökonomischen Überlegungen ein. Beide
waren der Meinung, dass der Kapitalismus nicht überleben würde. Die
„Sozialisierung“ bereitete Schumpeter kein Kopfzerbrechen; sie sei lediglich ein
Schritt über die Großunternehmen hinaus. Vom „Ideal des freien Wettbewerbs“ mit
vielen kleinen, machtlosen Anbietern hielt er wenig, und verteufelte auch nicht
pauschal die marktbeherrschenden Konzerne.
Er argumentierte, dass wir unseren
Wohlstand nicht den kleinen Anbietern, die sich gegenseitig die Preise
herabdrücken, verdanken. Vielmehr ist das hohe Konsumniveau eine Folge der
Konzentration des Kapitals bei wenigen Industrie-Kolossen. Deren finanzielle
Kraft beschleunige den technischen Fortschritt und – speziell – die Entwicklung
rationeller Verfahren.
Schumpeter äußerte gegenüber der
erstaunten Fachwelt, dass der Kapitalismus nicht an seinen Mängeln, sondern an
seinen Erfolg zugrunde gehen werde. Dieses System sei ungerecht, und verlange
von den Menschen, die ungleiche Verteilung der Einkommen und die
Arbeitslosigkeit widerspruchslos hinzunehmen. Eine der größten Leistungen des
Kapitalismus bestehe jedoch darin, dass er die Errichtung eines gigantischen
Erziehungsapparats (Schulen und Universitäten) finanzierbar gemacht habe. So
rekrutierten sich aus dem Volk, dessen geistiges Niveau gewachsen sei, Regimenter
von kritischen Intellektuellen, die mit ihren Reden und Schriften die gefühlsmäßige
Anhänglichkeit der Menschen an die Profitwirtschaft zerstörten. Dieses würde
dann zu einer Atmosphäre allgemeiner Feindseligkeit führen. Demnach dürfte es
zum größten Teil von der Bildung der Menschen abhängen, um sich gegen die
Ungerechtigkeiten des Kapitalismus zur Wehr zu setzen. Eine derartige Aussage wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere
Gesellschaft und auf die Handlungen der Politiker.
Von seinen Vorgängern und Zeitgenossen
unterschied sich Schumpeter dadurch, dass er nicht so sehr um ein
geschlossenes, stimmiges Theorie-System bemüht war, sondern um die Durchdringung
vieler Einzelfragen, was die Gefahr beinhaltete, niemals „fertig“ zu werden.
Einen
Namen machte er sich u.a. als Konjunkturforscher dadurch, dass er die konjunkturellen
Auf- und Abschwünge nicht nur auf äußerliche Faktoren wie Kriege und Missernten
alleine zurückführte, sondern auf das Funktionieren bzw. auf systemimmanente Faktoren des
kapitalistischen Wirtschaftssystems. Mit dieser Auffassung manövrierte er sich
in einen Gegensatz zu den damals herrschenden Lehren.
Die Modelle
seiner Kollegen kritisierte er dahingehend, dass sie nicht exakt dietatsächlichen
Vorgänge auf den „Märkten“ widerspiegeln würden. Die Anpassung
des wirtschaftlichen Gleichgewichts gehe nicht reibungslos vonstatten. Viel
gewichtiger noch war seine Kritik an den Vorstellungen, welche sich seine
Kollegen vom Wettbewerb machten. Der Kapitalismus sei nämlich „nicht nur
stationär, sondern kann es auch nie sein“ Wichtiger
als die Preiskonkurrenz sei vielmehr die Konkurrenz der Qualität und der
Produktionsverfahren.
Das heißt: Wie schon für Karl Marx
bestand auch für Schumpeter der Wettbewerb vor allem aus einem ständigen
Prozess der „schöpferischen Zerstörung“, bei dem neue und qualitativ bessere
Produktionsverfahren und Waren die alten Verfahren und Waren verdrängen. Die
Geschichte des Kapitalismus sei u. a. eine Geschichte der technischen
Revolution. Die Untersuchung der technischen und kommerziellen Innovationen
spielte bei Schumpeter die größere Rolle, als darüber nachzudenken, welche
Kräfte das wirtschaftliche Gleichgewicht immer wieder aus den Angeln heben.
In den Seminaren des Professors freundete
sich dieser mit den damaligen Studenten Hilferding und Otto Bauer an, welche
sich bald als linke Theoretiker hervortun sollten. Allerdings konnte er die
teilweise hitzigen Diskussionen über Mehrwert und Ausbeutung nicht
nachvollziehen, und fiel durch seine „kühle Distanz“ auf, so dass der Eindruck
entstand, ihm fehle der nötige Ernst.
1907 ging Schumpeter nach Ägypten, wo er
als Jurist am internationalen Gerichtshof arbeitete. In dieser Zeit schrieb er
sein erstes Buch: „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen
Nationalökonomie.“ Mit diesem Erstlingswerk verschaffte er sich Einlass in die
gelehrte Welt. 1909 wurde er mit 26 Jahren Professor an der kleinen Universität
von Czernowitz. Zwei Jahre später übernahm der den Lehrstuhl für
Nationalökonomie in Graz. Auf einen Ruf aus Wien wartete er vergeblich; statt dessen
meldete sich die Columbia-Universität in New York, die ihn zu Gastvorlesungen
einlud, und ihm die Würde eines Ehrendoktors verlieh.
Mit dem Begriff Innovation meinte
Schumpeter jede denkbare Veränderung in den Methoden der Güterversorgung.
Darunter fallen:
Die
Erfindung und Entwicklung neuer Produkte
Die
Erfindung und Einführung neuer Produktionstechniken
Die
Änderung in der Organisation in und zwischen den Unternehmungen
Innovationen sind demnach nicht nur
bahnbrechende Neuerungen wie die Einführung der Elektrizität. Zu einer
Innovation gehört also auch, dass eine Idee auch tatsächlich auf dem Markt
durchgesetzt wird. Heute trifft dieses nur bei ca. 4 % aller Erfindungen zu.
Die Durchsetzung von Innovationen stößt auf erhebliche Probleme durch die
etablierten Konzerne. Aus Gründen des Profits verschwinden oftmals Innovationen
in den Schubladen der Konzernmanager. Der
Förderung und der konsequenten Durchsetzung kommt demnach erhebliche Bedeutung
zu.
Als weitere Schwierigkeit der
Durchsetzung erweist sich die Notwendigkeit der sinnvollen Verbreitung, was mit
weiterhin erheblichen Investitionen verbunden ist. So ist z. B. die Verbreitung
eines gasgetriebenen Fahrzeugs nur dann möglich, wenn ein entsprechendes Netz
an Tankstellen geschaffen wurde.
Schumpeters Berufung zum Professor an der
Universität in Bonn machte diese bald zum Mekka der Ökonomen aus aller Welt.
Der Denker unterrichtete dort vornehmlich die höheren Semester.Wohl ahnend, dass im Deutschland eines
Hitlers für ihn kein Platz sei, folgte er 1932 einem Ruf an die damals
bedeutendste Hochschule der USA, die Harvard-Universität. Dort baute er seine
Konjunktur-Theorie weiter aus.
Die Innovationen erfolgen in Schüben,
wobei diese nach Überwindung entsprechender Hindernisse gewöhnlich eine weitere
Welle von Innovationen nach sich ziehen. In diesem Vorgang sah Schumpeter die
Hauptursache für die Auf- und Abschwünge in der Wirtschaft. Schumpeter hob auch
darauf ab, dass entsprechende Zahlungsmittel z.B. zur Erstellung von
Produktionsanlagen zur Verfügung stehen müssen, was wiederum nicht nur von den
Banken alleine dargestellt werden kann. Der Fiskalpolitik kommt demnach ein hohes
Maß an Verantwortung hinsichtlich der Steuerung zu.
Außer den Innovationszyklen nannte
Schumpeter noch viele andere Ursachen, die den Wirtschaftsprozeß ins Schwanken
bringen, auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann. Wie andere
Ökonomen seiner Zunft widerspricht er den „Klassikern“, welche lediglich
exogene Faktoren wie Kriege und Missernten für die Ungleichgewichte
verantwortlich machten. Er bewies anschaulich, dass die gleichen Kräfte, welche
für den Aufschwung verantwortlich sind auch für den Abschwung sorgen. Seine
Zyklenlehre wurde in der Ökonomie nie richtig verstanden. Dort gelten offenbar immer noch aus naheliegenden Gründen die
überholten Ansichten, wonach hohe Löhne und eine verfehlte Wirtschaftspolitik
die Schuld an Depressionen tragen.
Zeit seines Lebens stand Schumpeter im
Schatten von John Maynard Keynes. So arbeitete er 1930 an einem Band über „Geld
und Währung“. Im selben Jahr brachte Keynes sein Buch „Vom Gelde“ heraus. Sein
Schüler Erich Schneider berichtete davon, dass Schumpeter ihm erklärte, daß er sein
Manuskript nicht mehr veröffentlichen könne. Alle seine wesentlichen Ideen
seien von Keynes vorweggenommen worden. Es bleibe ihm nur noch, das Manuskript
zu vernichten. Nach seinem Tode fand
man jedoch eine bearbeitete Schrift, die 1970 unter dem Titel „Das Wesen des
Geldes“ erschien.
Schumpeter heiratet 1937 seine dritte
Frau Elizabeth Boody. Er lebte zurückgezogen, und schrieb das Buch „Geschichte
der ökonomischen Analyse“, in der er noch einmal sein umfassendes Wissen
ausbreitete. Obwohl dieses Werk mit 1520 Seiten unvollendet blieb, zählt es
doch zu den Höhepunkten der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur. Joseph A.
Schumpeter verstarb am 8. Januar 1950.
Literaturhinweise:
Paul-Heinz Koesters,„Ökonomen
verändern die Welt“
Joseph A. Schumpeter „Das Wesen des Geldes“
Joseph A. Schumpeter „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“
Erich Schneider: „Joseph A. Schumpeter, Leben und Werk eines großen Sozialökonomen“.
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