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| Erschienen in Ausgabe: No. 23 (3/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Borislaw Wankow
Auf der erkenntnistheoretischen
Richtung des Empirismus lastet ein fundamentaler Widerspruch:
Vorbedingung aller Erfahrung ist die Zeit, Erfahrung bedeutet lernen
aus der Vergangenheit für die Zukunft. Andererseits findet
gerade aufgrund der Zeitlichkeit der Erfahrung in der Erfahrung keine
exakte Wiederholung statt. Damit wird bei strenger Betrachtung
jeglicher Verallgemeinerung der Boden entzogen. Erfahrung besteht
demnach aus singulären, unwiederholbaren Tatsachen, so daß
Erkenntnis allenfalls auf konventionalistischer Basis möglich
ist.
In der
Philosophiegeschichte haben sich zwei große
erkenntnistheoretische Strömungen herausgebildet – der
Empirismus und der Rationalismus. Empiristen sprechen der Erfahrung
(Empirie), zumal der sinnlichen Erfahrung, die führende Rolle im
Prozess der Erkenntnisgewinnung zu. Rationalisten sind hingegen der
Ansicht, daß unser Wissen entscheidend durch bestimmte
apriorische (vorempirische) Kategorien geprägt wird.
Kant hat sich, aus
heutiger Sicht wohl eher erfolglos, um eine Synthese und Versöhnung
der beiden Schulen bemüht. (1781) Auf einige grundlegende
Widersprüche des Empirismus hat Willard Van Ormand Quine in
einer berühmten Arbeit hingewiesen. (1951) Darin attackiert er
zwei alte und wichtige „Dogmen“ des Empirismus. Zum einen
ist laut Quine der Unterschied zwischen analytischen und
synthetischen Sätzen bei weitem nicht so deutlich ausgeprägt,
wie traditionell von den Empiristen angenommen. Zum anderen ist auch
der Reduktionismus, d.h. die Annahme, daß jede sinnvolle
Aussage ein logisches Konstrukt ist, das auf unmittelbare
Wahrnehmung zurückgeführt werden kann, problematisch.
Wahrnehmung wird immer im Lichte bestehender Konzepte modifiziert und
interpretiert.
Eine weiterführende
tiefschürfende Kritik der empirischen Epistemologie, wie sie
hier versucht wird, offenbart jedoch, daß die empiristische
Konzeption weitere Schwierigkeiten nach sich zieht, die dem
Skeptizismus neue Nahrung geben.
Um sinnvoll über
die Welt denken und sprechen zu können, benötigen wir
Begriffe. In der klassischen Erkenntnistheorie beziehen sich
Begriffe auf Gegenstände. Dabei können Gegenstände
nicht nur materielle Objekte, sondern auch Abstrakta sein. Eines der
grundlegendsten Probleme des Empirismus ist die Ableitung der
Begriffeaus der Erfahrung.
Die Abstraktionstheorie
der Begriffsbildung geht davon aus, daß wir Begriffe aus der
(Sinnes)Erfahrung konstituieren, indem wir Objekte aufgrund von
Gemeinsamkeiten unter Ausklammerung der Unterschiede zusammenfassen.
Sie ist an sich bereits zweischneidig. So setzt z.B. der
Vergleich verschiedener Gegenstände schon den Begriff der
Verschiedenheit und Gemeinsamkeit bzw. Ähnlichkeit voraus. Ich
kann mithin nicht bei Null, mit einer Tabula rasa beginnen. Um zu
Begriffen zu gelangen, muß ich schon über gewisse Konzepte
und Begriffe verfügen. Doch die Dinge sind erheblich
komplizierter.
Nach Thomas Hobbes
läuft der Erkenntnisprozess so ab, daß Eindrücke aus
der Außenwelt über die Sinnesorgane subjektive
Wahrnehmungen oder Empfindungen in uns auslösen. Spuren der
Wahrnehmungen werden im Gedächtnis gespeichert. Die Erfahrung
ist die Gesamtheit der im Gedächtnis abgelegten Wahrnehmungen,
wobei Künftiges in Analogie früherer Erlebnisse
antizipiert wird.
Bei John Locke, der
üblicherweise als der Begründer des erkenntnistheoretischen
Empirismus in der neueren Philosophie angesehen wird,
stammt alle Erkenntnis ebenfalls aus der Erfahrung, und zwar durch
die Wahrnehmung äußerer Gegenstände (sensation)
oder der internen Prozesse des Geistes, der Selbstbeobachtung
(reflection).
Laut
David Hume bilden einfache, unteilbare und aus diesen
zusammengesetzte Sinneseindrücke (impressions) die
Grundlage der menschlichen Vorstellungen, Erinnerungen und Gedanken
(ideas),d.h. der gesamten Denktätigkeit. Eine gewisse
Beständigkeit und Wiederkehr bestimmter Eindrücke erweckt
die Illusion real, d.h. außerhalb des Menschen existierender
Dinge. Die Welt, wie sie in unseren Perzeptionen existiert, besteht
aus atomartigen Ereignissen, die zusammengesetzt erscheinen,
allerdings nicht kausal verknüpft sind. In Anlehnung an
Hume zerlegt Ernst Mach die Welt in unteilbare "Elemente"
neutralen
(weder materiellen noch geistigen) Charakters, die sich, in
bestimmter Weise geordnet, zu Komplexen verbinden können.
Philosophiehistorischer Ausgangspunkt des von
Ludwig Wittgenstein und Bertrand Russell vertretenen logischen
Atomismus sind die Auffassungen Humes. Viele Punkte an dieser Doktrin
sind unklar, besonders bei Wittgenstein, der sich überdies einer
eigenwilligen Terminologie bedient. Der logische Atomismus wird
üblicherweise so ausgelegt, daß es unmittelbar gegebene,
einfache, unteilbare, diskrete und voneinander isolierte „Atome“
oder Einzeltatsachen gibt, die die Gesamtheit der menschlichen
Sinnesempfindungen bzw. Erfahrung ausmachen. Atomaren Tatsachen
korrespondieren atomare Sätze, die ihrerseits die Basis der
Wissenschaft darstellen. Während Wittgenstein von
„Sachverhalten“ spricht, gebraucht Russell den Terminus
„Ereignis“. Russell und Wittgenstein waren jedoch nicht
in der Lage, ein überzeugendes Beispiel für wenigstens eine
solche elementare Tatsache oder Ereignis anzugeben. Ein Grund dafür
ist, wie erwähnt, daß die Grenze zwischen Beobachtung
(Wahrnehmung) und theoretischem Wissen nicht klar zu ziehen ist, wie
Quine nachweist. (1951) Beobachtungen sind immer auch
„theoriegeladen“. Auch Wilfried Sellars behauptet, daß
unmittelbares Wissen eine Fiktion darstellt und nennt dies „myth
of the given“
– „Mythos des Gegebenen“. (1956) Wissen hat keine
rein nichtsprachliche Grundlage, ist nicht auf Sinnesdaten
reduzierbar.
Offenkundig haftet
jedem Begriff eine gewisse Allgemeinheit sowie Konstanz bzw.
Invarianz des Inhalts an. Selbst Begriffe, die nicht auf eine
Vielzahl von Gegenständen, sondern auf singuläre Objekte
angewendet werden, also vermeintliche Einzelbegriffe
(Individualbegriffe), haben immer noch einen gewissen Grad an
Allgemeinheit. Der Begriff „Tisch“mag sich auf
einen konkreten Tisch beziehen, er bezeichnet aber zugleich den
allgemeineren Inhalt des „Tischseins“. Dasselbe gilt von
zunächst sehr elementar anmutenden Ausdrücken wie
„hier“ oder „rot“. Auch singuläre
Begriffe wie „der deutsche Bundeskanzler im Jahre 2001“
haben bei genauerer Analyse Bezug zu einer Vielzahl von Objekten.
Wittgenstein bemerkt übrigens zutreffend: „Immer wieder
fühlt man, daß auch im Elementarsatz von allen
Gegenständen die Rede ist.“ (1984) Zudem bestehen
Individualbegriffe, wie im obigen Beispiel, mit „deutsch“,
„Kanzler“, „Jahr“ usw. aus Begriffen,
die selbst eine gewisse Allgemeinheit beanspruchen können.
Begriffe beziehen sich demnach stets auf mehr als ein Objekt,
insofern ist eine klare Abgrenzung von Einzel- und Allgemeinbegriffen
nicht durchführbar. Es fragt sich mithin, ob und wie
Verallgemeinerung möglich ist.
Die
Auseinandersetzungen um die Allgemeinbegriffe haben eine lange
Tradition in der Philosophie. Im Mittelalter stritten die
Scholastiker leidenschaftlich über die Natur der Universalien.
Waren sie „vor den Dingen (Gegenständen,
Einzelerscheinungen)“ – ante rem“ (Realisten) -
oder „nach den Dingen“ – „post rem“
(Nominalisten)? Sie blieben letztlich eine schlüssige Antwort
schuldig.
Hume erkannte scharfsinnig, daß
Generalisierung aufgrund von Einzelbeobachtungen – Induktion –
logisch unmöglich ist. Selbst wenn die Sonne bisher stets
aufgegangen ist, ist das keine Gewähr, daß sie auch morgen
aufgehen wird. Er bestritt also in seinem Skeptizismus die
Gültigkeit des Schlusses von der Vergangenheit auf die Zukunft
und war sich dessen bewußt, daß Kausalität nicht aus
der Erfahrung abgeleitet oder durch diese verifiziert werden
kann, weil sich Beobachtungen bestenfalls auf die Vergangenheit
beziehen können und keine Garantie für ihre Gültigkeit
in der Zukunft gegeben ist.
Humes Ansatz war jedoch
nicht hinreichend profund. Er konzentrierte sich vor allem auf den
Kausalitätsbegriff und erkannte zutreffend, daß Induktion
keine Begründung für Kausalität darstellt, doch er
unterließ es, die Gültigkeit der Induktion auch auf
einzelne Gedanken und Ideen an sich anzuwenden. Auf
der anderen Seite findet man bei ihm folgende Zeilen: „First,
when we analyze our thoughts or ideas, however compounded or sublime,
we always find that they resolve themselves into such simple ideas as
were copied from a precedent feeling or sentiment.“ (1758)
Induktion bedeutet aber ein Lernen aus der Vergangenheit. Wenn, wie
Hume meint, auch unsere Gedanken und Ideen Kopien vergangener
Gefühle oder Empfindungen sind, kommt die Zeit und
mit ihr fast unvermeidlich ein quasi induktives Element
ins Spiel.
Humes „ideas“,
die die Grundlage der Erkenntnis bilden, müßten demnach
ebenfalls gewissermaßen durch einen induktiven Prozess
gewonnen werden. Denn Begriffe werden in verschiedenen Situationen
benutzt, und zwar stets mit derselben Bedeutung. Erkenntnis erfordert
insofern allgemeine bzw. universale Begriffe, also
bestimmte Invarianten. Wie sind diese Allgemeinheit sowie
Invarianz des Inhalts zu erklären?
Bei vertieftem
Nachdenken finden wir, daß die Zeit einen zentralen Kern
unserer Existenz sowie der Erfahrung bildet. Wir können davon
ausgehen, daß zumindest eine subjektive Zeit existiert: Das
Bewußtsein ändert sich ständig, evolviert in der
Zeit. Um mit Einstein zu sprechen:
„Die Erlebnisse
des Menschen erscheinen als in einer Erlebnisreihe angeordnet, in
welcher die einzelnen unserer Erinnerung zugänglichen
Einzelerlebnisse nach dem nicht weiter zu analysierenden Kriterium
des „Früher“ und „Später“ geordnet
werden. Es besteht also für das Individuum eine Ich-Zeit oder
subjektive Zeit.“ (1979)
Nun gibt es Philosophen
wie Kant, die eine sehr subjektivistische Zeittheorie vertreten und
behaupten, Zeit (und Raum) sei(en) eine Denknotwendigkeit und eine
Schöpfung des menschlichen Geistes (apriorische
Anschauungsformen). Mit dieser „kopernikanischen Wende“
glaubte Kant elegant viele Probleme der Erkenntnistheorie zu lösen.
Aber selbst er konnte, obwohl er der Zeit den objektiven Charakter
absprach, den subjektiv erlebten Zeitablauf nicht verleugnen:
„...meine Vorstellungen folgen einander; aber das heißt
nur, wir sind uns ihrer als in einer Zeitfolge, d.i. nach der Form
des inneren Sinnes bewußt.“ (1781)
Um John Searle ein
wenig zu paraphrasieren, können wir sagen, daß wir eine
Menge Überraschendes über unsere Subjektivität
herausfinden können, aber kaum, daß die psychologische
Zeit nicht existiert. Wenn man allerdings den subjektiven Zeitablauf
als eine Tatsache akzeptiert, entstehen sogleich große
epistemologische Probleme. Eine sehr wichtige Konsequenz ist, daß
ich keine zwei oder gar mehr exakt identische Sinneseindrücke
oder Wahrnehmungen haben kann - auch wenn es mir bisweilen subjektiv
so scheint, daß dem so ist. Ich kann – logisch betrachtet
- z.B. nie einen Tisch zweimal auf präzise die gleiche Weise
erleben! Es gibt niemals eine exakte Wiederholung, keine präzisen
Kopien der jeweiligen mentalen Inhalte sowie Wahrnehmungen aufgrund
der Struktur der Zeit, die von der Vergangenheit in die Zukunft
fließt.
Gerald Edelman über „die
unvergleichliche Mannigfaltigkeit des Seins“: „Wenn eine
fundamentale Eigenschaft bewußter Erfahrung darin besteht, von
Grund auf privat, einheitlich und kohärent...zu sein, so besteht
eine nicht minder fundamentale Eigenschaft in dem, was wir als ihren
außerordentlich hohen Grad an Differenziertheit oder
Informativität bezeichnen wollen...Bedenken Sie die
Unmenge an Personen, die einem im Verlauf des Lebens begegnen, die
Vielzahl an Gemälden oder die Unzahl an einzelnen Aufnahmen
für einen Film ... Die Bandbreite möglicher
Bewußtseinszustände ist so groß, daß nicht zu
befürchten steht, die Erfahrungen des Lebens, die Möglichkeiten
der Kunst, Dichtung und Musik könnten jemals ausgehen. Und doch
können wir aus der ungeheuren Anzahl an verschiedenen möglichen
Bewußtseinszuständen, die wir erfahren oder uns vorstellen
können, problemlos eine Auswahl unter diesen treffen, auch wenn
wir nicht ohne weiteres imstande wären, mit Worten zu
beschreiben, wodurch sie sich genau unterscheiden.“ (2002)
Wir können
Edelmans These dahingehend verschärfen, daß es nicht nur
ungeheuer viele verschiedene Bewußtseinszustände gibt,
sondern daß es in dieser Mannigfaltigkeit logisch (und
praktisch) keine zwei gleichen Bewußtseinszustände
geben kann.
Karl Popper führt
folgendes interessante Beispiel an: „Ich schaute zweimal
aufmerksam auf das gleiche Objekt. Und da mein Bewußtsein
gelernt hat, wie es mich über meine Umwelt zu informieren hat,
informierte es mich auch darüber. Und zwar durch Bildung einer
Hypothese „Das ist dieselbe Blume wie zuvor.“...Doch
genau deshalb, weil ich so informiert wurde, als ich angeblich „die
beiden Erfahrungen“ identifizierte, ist die zweite Erfahrung
oder der zweite Bewußtseinszustand anders (Hervorhebung
von B.W.) als der erste. Das subjektive Erlebnis (das gebildete
„Urteil“, die gemachte Annahme) war etwas anderes: Ich
erlebte eine Wiederholung, was ich beim ersten mal nicht tat“
(1982)
Popper zieht daraus den
Schluss: „Wenn das stimmt, dann ist die Theorie vom
Bewusstsein als Abfolge von (oft wiederholten) elementaren oder
atomaren Wahrnehmungen falsch.“ Doch auf einer
fundamentaleren Ebene müssen wir gerade den entgegengesetzten
Schluss ziehen. Popper gibt selbst zu, daß es keine zwei exakt
gleichen Bewußtseinszustände geben kann, weil sie
subjektiv allenfalls als Wiederkehr der vorhergehenden interpretiert
werden, das ist aber keine Identität. Auf logischer Ebene ist
Wiederholung indessen keine Identität. Bewußtseinszustände,
mögen sie relativ „einfach“ oder hochkomplex
sein, erscheinen demnach gerade als einzigartig und atomar.
Wenn dem aber so ist,
gibt es in der Erfahrung keine wirkliche Repetition und keine
Möglichkeit von Verallgemeinerung. Die Welt wäre
auf rein logischer Ebene eine Ansammlung von
zusammenhanglosen Bewußtseinszuständen: Sinneseindrücken,
Wahrnehmungen, Gedanken usw. Es gibt darin demzufolge auch keine
echten Allgemeinbegriffe. Jeder Begriff, auch jeder angebliche
Allgemeinbegriff, kann in diesem Sinne bloß ein einziges Mal
angewendet werden, weil er aufgrund der Evolution des Bewußtseins
in der Zeit streng logisch inhaltlich nicht invariant sein kann.
Allgemeinbegriffe sind aus dieser Sicht auch atomar, also
Einzelbegriffe. Wir könnten diesen Standpunkt als eine Form des
extremen Nominalismus betrachten. Unsere subjektiven Erlebnisse sind
eine Abfolge von Bewußtseinszuständen und
Wahrnehmungsinhalten, bei denen keiner dem anderen logisch
gleicht. Über eine solche Welt läßt sich im
Grunde kaum etwas aussagen oder erfahren.
Andererseits jedoch ist
gerade Zeit im Sinne des Empirismus die wichtigste Voraussetzung
der Erfahrung. Hierzu schreibt Carl v. Weizsäcker: „Eine
mögliche Definition der Erfahrung lautet, sie bestehe darin, aus
der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen ... In diesem Sinne
ist die Zeit eine Vorbedingung der Erfahrung; wer Erfahrung gelten
läßt, der versteht den Sinn der Worte Gegenwart,
Vergangenheit und Zukunft.“ (1974) Erfahrung ist ohne
Zeitlichkeit in der Tat nicht denkbar.
Hier kann aber sofort die Gegenthese
aufgestellt werden: Auf der anderen Seite macht gerade die
Zeitlichkeit der Erfahrung Erfahrung – streng logisch –
unmöglich. Aufgrund der Struktur der (subjektiven) Zeit, die aus
der Vergangenheit in die Zukunft fließt, findet in der
Erfahrung keine Wiederholung statt. Die Welt ist auf – auf
logischer Ebene – eine Ansammlung von losgelösten,
unwiederholbaren, singulären Eindrücken, Erlebnissen und
mentalen Zuständen. Ob es objektive, in der Zeit beharrende
Gegenstände und ihnen korrespondierende Begriffe gibt, können
wir daher nicht wissen. Das zeitlich Kontinuierliche ist
lediglich ein Postulat.
Wenn dem aber so ist,
hat Hume mehr als recht – Induktion, die als Basis der
Erkenntnis dienen könnte, ist vollkommen unmöglich. Das
führt zu einer Konklusion, die wir, zugegeben etwas gewagt und
hochtrabend, als den Grundwiderspruch des Empirismus
bezeichnen können: Der Begriff der Erfahrung setzt mehr oder
minder implizit den Begriff der Zeitlichkeit voraus. Auf der anderen
Seite macht gerade die Zeitlichkeit der Erfahrung Erfahrung –
streng logisch – unmöglich.
Der konsequente Empirismus führt
demnach zu einem krassen Nominalismus, Subjektivismus und
Skeptizismus. Humes Skeptizismus war in diesem Sinne nicht
folgerichtig genug. Er war der Ansicht, daß vergangene
Erfahrung keine Gewähr für künftige Erfahrung ist. In
Wirklichkeit zeigt die Analyse, daß noch nicht einmal
Erfahrung über die Vergangenheit möglich ist. Erfahrung,
Wissen und Wissenschaft scheinen logisch unmöglich. Hume und dem
logischen Atomismus ist in folgendem Sinne zuzustimmen: Jeder
„Sinneseindruck“ bzw. jeder mentale Zustand ist in der
Tat atomar, aber nicht derart, daß er wirklich elementar wäre
(in Wirklichkeit sind alle Wahrnehmungen komplex), sondern weil er
einzigartig und unwiederholbar ist. Sowohl Hume als auch die
logischen Atomisten scheuten die Schlussfolgerung oder erkannten
nicht, daß die logischen Atome zwar paradoxerweise die Form
von Allgemeinbegriffen haben, aber zugleich absolut
individuell sein können.
Ein extremer Nominalismus ohne wie
auch immer geartete Allgemeinbegriffe ist mit einem extremen
Skeptizismus gleichzusetzen, der sich natürlich selbst aufhebt.
Sinnvolles Sprechen ist im Rahmen einer solchen Auffassung nicht
möglich. Das träfe dann auch auf den vorliegenden Text zu,
der sich ebenfalls als sinnlos entpuppte. Um aber zu einer solchen
Schlussfolgerung zu gelangen, muß man zunächst sprechen,
auch wenn sich das Gesprochene im nachhinein als genaugenommen
sinnlos erweist. Es ist mehr oder weniger die Situation, die
Wittgenstein mit der Leiter-Metapher am Ende des Tractatus
ausgedrückt hat: „Meine Sätze erläutern dadurch,
daß sie der, welcher sie versteht, am Ende als unsinnig
erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie
hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter
wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß
diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“
(1963)
Wittgensteins Worte
können aber auf den Skeptizismus angewandt werden, wie er hier
formuliert wurde. Um die Fragwürdigkeit oder gar Sinnlosigkeit
eines Unterfangens zu beweisen, muß ich irgendwo mit der
Untersuchung beginnen. Um den Skeptizismus zu formulieren, sind
zunächst unbegründete Begriffe nötig, die ihrerseits
zweifelhaft und womöglich unsinnig sind. Am Ende kann diese
Methode aber doch fruchtbar sein und zu neuen Erkenntnissen führen,
die auf die Ausgangsbasis zurückreflektieren. Der Kreis schließt
sich.
Der Moment ist
gekommen, uns die Frage zu stellen: Müssen wir an dieser Stelle
verzweifelt aufhören oder gibt es eine Möglichkeit,
unsere Untersuchung fortzusetzen? Wie könnte der Übergang
zu einer Erkenntnistheorie aussehen, die auf empiristischer
Grundlage bleibt, also dem Apriorismus keine Zugeständnisse
macht, in der doch etwas gewusst werden kann?
Wir sollten uns
zunächst vor Augen halten, daß kein Weg eine sichere
Gewähr bietet. Die logische Analyse der Erfahrung führt zu
skeptischen Schlussfolgerungen, wie sie in dieser Konsequenz selten
in der Philosophiegeschichte formuliert worden sind. Auf der anderen
Seite sind wir an Wissen interessiert, und so wankend das Fundament
sein mag, auf dem es aufbaut, so ist es immer noch akzeptabler als
der schrankenlose Skeptizismus. Offenbar müssen wir den extremen
Nominalismus abschwächen, wenn sinnvolles Sprechen und
Erkenntnis möglich werden sollen.
Auf logischem Niveau
gibt es in der Erfahrung nichts Allgemeines, sondern nur einzelne,
unwiederholbare, singuläre Ereignisse (mentale Zustände,
Sinnesdaten, Wahrnehmungen usw.). Es ist nicht einzusehen, wie man
daraus zu wirklich allgemeinen Begriffen, Sätzen usw. gelangen
kann. Gerade diese liegen aber allem Wissen zugrunde. Begriffe haben
andererseits offenbar ihren Ursprung in der Erfahrung, werden doch
irgendwie aus der Erfahrung „abstrahiert“, auch wenn
diese Ableitung, wenn unsere Analyse stimmt, philosophisch nicht
streng nachzuvollziehen und zu rechtfertigen ist. Im übrigen
können wir auf naturwissenschaftlicher Ebene durchaus Ansätze
zu einer Erklärung der Universalien finden. Es ist
unbezweifelbar, daß das Gehirn Wahrnehmungsprozesse
strukturiert. Wir wissen alle selbst, daß uns die Welt nicht
wie ein wahlloses Sammelsurium von einzelnen losgelösten
Wahrnehmungen vorkommt. So ist beispielsweise zum Gesichtssinn
beim Neurophysiologen Wolf Singer zu lesen: „Was schließlich
wahrgenommen wird, hängt in kritischer Weise davon ab, wie
und nach welchen Kriterien das Sehsystem die Gruppierung von
Merkmalen zu kohärenten Figuren vornimmt und welche Lösungen
dieser vorbewusst ablaufende Gruppierungsprozess anbietet ... Aus
erkenntnistheoretischer Sicht besonders beunruhigend ist
dabei, daß diese interpretativen Vorgänge weitestgehend
unbewusst ablaufen...“ (2002) Derartige (unbewusste)
Strukturierungsprozesse im Zentralnervensystem könnten
Grundlage geordneter Wahrnehmung und damit der Universalbegriffe
sein. Dabei taucht indessen das Problem auf, daß wir für
philosophische Zwecke auf die Ergebnisse von Einzelwissenschaften
erst dann zurückgreifen können, wenn wir einigermaßen
sicher sind, daß diese Wissenschaften eine
metawissenschaftliche Rechtfertigung haben, also "möglich"
sind, aber nicht vorher. „Reine“ Epistemologie kommt vor
den konkreten Wissenschaften. Daher ist die naturalistische
Erklärungslinie an dieser Stelle wenig hilfreich.
Augenscheinlich können
wir auf der vorgeschlagenen Grundlage ohne eine Reihe
konventionalistischer Annahmen nicht auskommen, wenn Erkenntnis
möglich werden soll. Der einzige Ausweg für einen
konsequenten Empiristen ist deshalb vermutlich der Konventionalismus.
Begriffe sowie aus ihnen erwachsende (wissenschaftliche) Theorien
sind Vereinbarungen. Wir setzen konventionalistisch voraus,
daß der Geist bei seinen Operationen in allgemeinen und
invarianten Kategorien - Begriffen - zu denken vermag. Exakt
begründen können wir diese Universalität und Invarianz
der Begriffe freilich nicht.
Es ist v. Weizsäcker
zuzustimmen: „Ich setze einfach voraus, daß...Erfahrung
als Quelle besonderer Gesetze, die auch in Zukunft ihre Gültigkeit
haben, möglich und sinnvoll ist.“ (1986). Erfahrung im
weiteren Sinne wäre nicht nur die Quelle von (physikalischen)
Gesetzen, sondern auch von Wissen schlechthin. Aber trotz unseres
Plädoyers für den Konventionalismus ist unsere Position
nicht einfach mit diesem Begriff zu umschreiben. Ebensowenig kann man
sie als „Positivismus“, „Instrumentalismus“
oder „Pragmatismus“ bezeichnen. Denn wir glauben,
daß wir zumindest Zipfel der Realität zu fassen
bekommen, obwohl wir wahrscheinlich nicht die „Essenz“
der Dinge oder „das Ding an sich“ erkennen. Diese
Realismus ist, wie wir gesehen haben, logisch nicht zu
rechtfertigen, sondern strenggenommen bloß ein Glaube,
nichtsdestoweniger ein tief verwurzelter Glaube. Es ist in der
Tat etwas erschreckend anzunehmen, daß unsere Ansichten
über die Welt in jeder Beziehung grundfalsch sein könnten
und unsere Theorien nichts über die Wirklichkeit aussagen,
sondern bestenfalls Instrumente zur Vorhersage sind. Deshalb ist hier
abschließend als Konzession an den Realismus nicht ganz ohne
Pathos anzufügen: Auch wenn vieles von dem, was wir über
die Welt denken bzw. zu wissen glauben, konventionalistisch sein mag,
so ist es doch recht unwahrscheinlich, daß es keinerlei Bezug
zur Realität aufweist. Und selbst wenn sich alle unsere
Ansichten als falsch herausstellen sollten, so werden sie dennoch
nicht nutzlos gewesen sein.
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