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| Erschienen in Ausgabe: No. 23 (3/2005) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Platonische und neuplatonische Randgänge zur Philosophie des Auges
von Stefan Groß
Es war der Neuplatoniker Plotin, der in seinen Enneaden
schrieb: „Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, Wie
könnten wir das Licht erblicken? Lebt’ nicht in uns des
Gottes eig’ne Kraft, Wie könnt’ uns Göttliches
entzücken?“1
Was ist aus diesem Zitat zu entnehmen, was können wir
daraus lernen? Was heißt, daß ein Auge sonnenhaft sein
soll, was meint die Rede vom Göttlichen in uns? Um einen
Einstieg in diese Thematik zu finden, ist auf jenen Philosophen
zu reflektieren, der dies namhaft machte.
Plotinos lebte im dritten Jahrhundert nach Christus in Alexandreia
und später in Rom. Er zählte nicht nur zu den bekanntesten
Philosophen seiner Zeit, sondern sein Denken prägte die
abendländische Philosophie im höchsten Maße. So ist
es auch noch Goethe, der sich dem Neuplatoniker verwandt fühlt,
der in Maximen und Reflexionen sich eindeutig für
den Griechen entscheidet. Aber nicht nur Goethe reflektierte über
den Gedanken des Lichtes, sondern auch einer der berühmtesten
Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, gemeint ist Rainer Maria Rilke.
Dieser schreibt: „Frühe Geglückte, ihr
Verwöhnten der Schöpfung, Höhenzüge,
morgenrötliche Grate aller Erschaffung, - Pollen der
blühenden Gottheit, Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen,
Throne, Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte stürmisch
entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln, Spiegel:
die die entströmte eigene Schönheit wiederschöpfen
zurück in das eigene Antlitz.“2
Was hat nun Plotin, der Gedanke des Lichtes und die Metapher von Gott
mit dem zu tun, was Gegenstand eines Vortrages zur Augenheilkunde
sein könnte. Zunächst und in letzter Linie alles, denn was
ist das Licht letztendlich anderes als eine sonnendurchflutete
Erleuchtung. Licht lichtet, Licht bringt zur Erkenntnis, Licht ist
Spiegelbild wahrhaften Seins, denn ohne Licht wäre Dunkel, Leere
und Nichts. Dieses Nichts ist es, was uns permanent daran zweifeln
läßt, daß wir sind; das Licht hingegen Vollzug
höherer Wesenheit und anderer Ordnung. Licht lichtet, dies heißt
nichts anderes, als das Licht Sinn, Sinnhaftigkeit schenkt, und daß
es das Auge ist, dem diese Lichtung sich offenbart. Das Auge wird
damit zum Zentralorgan von höherer Ordnung, höherer
Geistigkeit. Es ist der spirituelle Ort im Dasein jedes Einzelnen,
dessen Verlust, wie kaum eine andere Behinderung, jedes Wesen in die
Tiefe stürzt.
Was ist es also, was das Leben lichtet, was ihm dieses Dasein gibt?
Einerseits ist es ein kosmologischer Aspekt, der sich im Alltagsbezug
erschließt, der anzeigt, daß es eine Welt gibt, in ihrer
Schönheit und Einmaligkeit. Andererseits ist es ein
theologischer Aspekt, denn durch das Licht kommt das Leben. Genau
dieser Aspekt ist es, der auch zum Leitgedanken des Christentums
wurde, denn die Rede vom Licht und vom Leben war nichts anderes, als
die Offenbarung ewiger Wahrheiten. Nirgends war die Nähe
zwischen Antike und Christentum deutlicher spürbar als in dieser
Lichtmetaphorik. Die Metapher des Lichts war es auch, die in allen
Weltreligionen zentrales Thema wurde. Im Buddhismus und Hinduismus
ist es das auf die Stirn gemalte dritte Auge als Ausdruck von
Innerlichkeit, Erfahrung und Sensibilität. Ohne Licht im Leben,
keine Ideen, keine Idealität, ohne die Leben Sinn verliert.
Licht lichtet Sinn, macht Sinn, offenbart eine Welt, die sich über
die reine Sinnlichkeit erhebt, die diese in ihrer Qualität
anerkennt, sie aber auf einer höheren Ebene spiegelt.
Leben als Alltagsvollzug, als gewöhnlicher Alltag, in den alle
gestellt sind, sofern sie existieren, ist oft keine
lichtdurchflutende Existenz, sondern zumeist bloßes Sein, dem
es an den Qualitäten fehlt, für die wahrhaftes Leben
eigentlich steht. Dies ist auch ein Gedanke, auf den Plotin
aufmerksam machte, als er das sinnliche Leben vom übersinnlichen,
geistigen, unterschied. Sinnliches Leben hat eine andere Qualität
als eines, das aus der Mitte der Innerlichkeit flutet, das sich aus
Ideen speist, die ewig sind. Diese Differenz zwischen innerlichem
Glanz und äußerlicher Erscheinung war es auch, die seit
dem fünften Jahrhundert zur grundsätzlichen Unterscheidung
zwischen vita activa und vita contemplativa, zwischen
aktiv-schauenden und in sich versunkenen Leben führte. Die
Kontemplation galt als der Königsweg des Menschen, die vita
activa, als der Weg, wo sich Innerlichkeit, wo sich Mitte und
geistige Qualität offenbart. Die vita activa, das
praktische Leben, ist damit Bild, Bild höherer Ordnung.
Ohne Kontemplation keine Daseinspflicht, keine Überzeugung, das
es hinter allen Absurditäten Sinn, das es über der
sinnlichen Welt „Wesenhaftigkeit“ gibt. Es ist dieser
höhere Sinn, der Leben läßt und Leben gibt.
Vor diesem Hintergrund läßt sich auch begründen, daß
das Auge in der Antike jenes Organ war, das im Rahmen der
Wahrnehmungsinstrumente an höchster Stelle stand. Es war schon
Platon, also fünfhundert Jahre vor Christus, der auf den
Gedanken des Lichtes und seine Stellung innerhalb des
Lebensprozesses aufmerksam machte, als er sein Höhlengleichnis
niederschrieb. Was ist nun der tiefere Sinn dieses Gleichnisses?
Zunächst steht eine Metapher für schwer Übersetzbares,
wie sich alles in Metaphern verhüllt, was Anspruch auf
Wesentlichkeit hat. Menschen sind in einer Höhle gefesselt und
sehen auf einer Wand Bilder vor sich vorüberziehen. Diese Bilder
begreifen sie dann als die absolute Wahrheit, die sich ihnen
offenbart. Sie sehen Bilder, sie sehen eine Welt, aber sehen sie
tatsächlich die Welt? Ist das Auge hier tatsächlich
dasjenige Medium, das Wahrheit offenbart, oder gibt es ein „Mehr“,
das sich dem Auge hier entzieht. Das es ein „Mehr“ gibt,
und was dieses „Mehr“ ist, das bleibt die zentrale Idee
des Gleichnisses, das vom gewöhnlichen Sehen ausgeht, um von
dort aus nach dem wahrhaften Sehen zu fragen. Dieses wahrhafte Sehen
kann nichts anderes sein, als ein Auge in der Seele des Menschen, die
Seele des Menschen selbst, die Bilder sieht und glaubt zu Wissen.
Aber was ist dieses Wissen? Es ist, wie Platon betont, Vorläufigkeit,
scheinhafte Offenbarung einer Welt hinter den Dingen. Das Auge
vermittelt eine Welt, aber durch das Auge vermittelt sich auch die
Welt, was letztendlich nichts anderes heißt, als das das Auge
lernen muß zu sehen. Auf die alltägliche Welt übertragen,
meint dies: Leben ist Sehen, Leben ist Lernen. Unendlich viele Bilder
schieben sich, man denke an Rilkes Panther-Gedicht durch die
Pupille, aber sind es die Bilder, die das Leben ausmachen, oder ist
es das, woraus sich alle Bilder erst ableiten, woher alle Bilder
sind? Für Platon und Plotin fällt der Beweis eindeutig
dahin, daß es nicht die Bilder sind, daß es nicht das
ist, was wir sehen, was als Leben bezeichnet werden darf, sondern daß
es ein Etwas gibt, das hinter allem steht. Dieser Gedanke war es
auch, der die ganze abendländische Philosophie und ihre Mystik
beeinflusste, denn Mystik heißt nichts anderes, als mit anderen
Augen zu sehen, eine Wahrheit zu ersehen, die sich auf einer anderen
Ebene offenbart. Wahrheit und Leben, Licht und Offenbarung
verweisen auf Stetigkeiten, auf Unveränderliches, das sich
dem visuellen Blick entzieht, aber nicht dem, was wir geistiges Auge
nennen. Antoine de Saint Exupery dafür: „Man sieht nur mit
dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Die Offenbarung des Lichts zeigt sich letztendlich als Prozess, denn
Wahrheit erschließt zeitlich. Ganz ähnlich meint es auch
Platon, wenn er den Prozess der Erkenntnis als einen beschreibt, der
vom Schatten ins Licht greift. Was sich als Schatten zu erkennen
gibt, ist letztendlich die Welt des Alltags, eine Welt, die voller
Bilder ist, die aber letztendlich nichts bedeuten, wenn man
nicht weiß, für was diese Bilder letztendlich stehen. Das
Auge sieht eine Welt, ja, Welt offenbart sich in ihrer Vielfalt dem
Auge, aber, was ist es für eine Welt, die sich da offenbart.
Dies zu entschlüsseln, vermag nur die Seele als Einheit
aller Bilder, die sich aus ihr erzeugen. Die Reduktion der Welt auf
diese Seele war es, was man seit der Antike als Idealismus
bezeichnete, als etwas also, was sich aller Veränderlichkeit,
allem Vorüberziehen, entzieht, das also für sich selbst
steht und jeden platten Materialismus visueller Wahrnehmungen
korrigiert, ja, in Frage stellt. Mit anderen Worten: Es gibt viele
Augen die sehen, wenige nur die etwas sehen, die mehr sehen wollen,
als sich ihnen anzeigt. Dies zeigt sich uns in der alltäglichen
Praxis permanent, denn es sind immer die Augen, in denen sich ein
oder das Geheimnis des Lebens offenbart. Jedes Auge ist
Verweis einer Innerlichkeit, jedes Auge Zeichen des Verlustes an
derselben. Anders gesagt: Immer wird deutlich, wo Licht und damit
Seele ist, und wo die Augen erloschen, die erloschenen Augen, wie
Charles Baudelaire einmal meint, sind. In leuchtenden Augen leuchtet
die Welt, leuchtet die Seele und der Mensch, der sich gefunden, der
selbst Licht ist. Dieses Leuchten zu finden, dieses Leuchten zu
bewahren, dies bleibt Sinn des Lebens; hier zeigt sich
„Eigentlichkeit“ und „Wesensnatur“.
Leuchtende Augen sind Augen, in denen das Göttliche erscheint,
sei es nun in der Form eigener Innerlichkeit, in der Weise einer
idealen Wesensnatur oder tatsächlich im religiösen Sinn, wo
der Mensch Auge Gottes, Ebenbild Gottes ist.
Wie schwierig es ist, dieses Leuchten in einer Welt zu bewahren, wo
es nur Bilder, nur Medialität, nur Plakate, nur Werbung gibt,
ist die Herausforderung unserer Zeit. Licht lichtet immer weniger,
Augen werden immer lichtloser, gerade in einer Zeit, wo es nicht um
Licht, sondern um Gelichtet- oder Belichtetsein geht, wo die Materie
des Sehens die innere Natur, die Seele, verdrängt. Dies gesehen
zu haben, dies kann als eigentliche Leistung von Platon und Plotin
angesehen werden; dies ist übrigens auch die Botschaft des
Christentums, die immer wieder Innerlichkeit nahe legt, denn ohne
Mitte – wie auch im Buddhismus – kein Sein. So bleibt es
im Christentum die Idee des Göttlichen, die Sinn verleiht, die
etwas gibt, woraus sich Hoffnung speist, was wiederum nichts anderes
heißt, als zu glauben. Bei Platon und Plotin hingegen ist es
das Wissen, das Ewigkeit hat und das unveränderlich ist. Diesen
Wesenszug in sich zu entdecken, die Innerlichkeit zu erfühlen,
dafür steht das Auge, das an der äußeren Welt lernt,
das ihre Bilder ordnet, daß die Vielheit in die Einheit
überführt und in der Innerlichkeit anlangt. Diese
Innerlichkeit ist nichts anderes als Unveräußerlichkeit,
innere Größe, etwas, durch das man sich verschenken,
anderen schenken kann. Dafür stehen letztendlich auch die
Begriffe Anagoge und Eros in der Antike, im Christentum Agape und
Charitas, worunter letztendlich die liebende Rückwendung,
als Bestimmung auf einen letzten Grund hin, gedacht wird.
Anagoge ist liebende Einheit, Lichtwerden des Auges und im
Licht-Bleiben. Eros verkörpert hier die rein platonische Idee,
sich dieses Lichtes zu vergewissern. Agape ist liebende
Verschenkung an den Anderen, Charitas, aufopferungsvolles
Dasein. All dies ist aber nicht möglich, wenn sich das Auge
verliert, all dies ist also nur möglich, wenn die Seele zu einem
bleibenden Grund aufersteht. Daher kann Plotin schreiben, daß
Gleiches Gleiches erkennt, weil es unter Gleichem Verwandtschaft,
Sinn und Beständigkeit gibt. Dieses Gleiche ist das lichtvolle
Auge, daß andere Gleiche, die Idee des Göttlichen. Auch im
Höhlengleichnis von Platon erkennt das Ich, die Seele, sobald
sie ihren angestammten Platz in einer festvorgezeichneten Welt
verlässt, daß ihre lichtvollen Augenblicke, ihr Sehen, nur
am Relativen, also am Schein, am Schatten, gefesselt war. Die Welt,
die sich dem „normalen“ Auge offenbart ist nichts
anderes als die Welt der Schatten. Verlässt das Auge den
äußerlichen Schein und dringt in die Innerlichkeit ein,
dann kommt es zu jener qualitativen Reflexion, in der das Göttliche
einleuchtet, ein Gedanke, der sich auch noch in der
Wissenschaftslehre Fichtes findet. Bei Fichte ist es das Licht, das
sich als Offenbarung Gottes anzeigt und das zu wesenhafter
Existenz vermittelt. Das, was jede Reflexion, d.h. jener kritische
Blick auf sich selbst auslöst, ist eine andere Welt, eine
Perspektive, Licht anderer Kategorie. Anders gewendet: Das, was
vorher als einzig Wahres wahrgenommen wurde, wird vom Auge der Seele
nunmehr kritisch überprüft; ein Prozess, der endliches
Leben ausmacht, ja, der für den Entwicklungsprozess des
Kindes zum Erwachsenen steht. Ein kindliches Auge betrachtet die Welt
in ihrem So- und Dasein, ein reflektiertes Bewußtsein
vergleicht die Bildwelt mit dem Urbild, mit der Idee, wobei dieses,
so Platon und Plotin, nur ein ideales sein kann. Leben zeigt sich
damit als ein stetiges Abschreiten auf diese Idealität hin, was
auf der anderen Seite heißt, daß vieles von dem, was
erkannt wird, relativ wird.
Resultat dieses Lernprozesses ist ein höheres Wissen, ein
Wissen, das sich nicht durch die Bilder in Frage stellen läßt,
sondern über die Bilder gebietet. Das Auge wird zur Mitte der
Seele; die Welt der sinnlichen Bilder, der Medien, der Plakate, des
Geldes zum Schein, die vielleicht notwendig sind, um zu leben, die
aber nicht hinreichend notwendig sind, um sinnvoll zu existieren.
Dasein bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Qualität.
Diese neue Qualität erlangt das Auge also dadurch, daß es
sich auf sich selbst konzentriert, es lernt „Selbstreduktion“,
Krisis, was wiederum nichts anderes meint, als Glückseligkeit.
Glückseligkeit, dies vermittelt das Licht; Glückseligkeit
ist das, was zum höchsten Ziel des Lebens wird. Aber auch dieses
Wissen, dieses Licht, ist, wie Platon im Höhlengleichnis
betont, noch nicht das vollkommene Glück. Da, wo das Auge noch
Bilder hat, wo es schweift, wo es sucht, auch da hat es noch nicht
den „Kern“ seines Wesens erschlossen. Dieser Wesenskern
vermittelt sich erst, wenn es die Bilder, die Alltagswelt also,
sein läßt, wenn es in seinem geistigen Nirwana anlangt.
Dieses Anlangen ist – wie im Buddhismus – dann das
vollkommene Glück, das Gute selbst. Es bleibt also die Idee,
genauer die Idee der Vollkommenheit, die, und dies ist nun ein höchst
philosophischer Gedanke, zum Leitbild richtiger und sinnvoller
Existenz wird. Daher ist nun wiederum ein Blick auf das Eingangszitat
zu riskieren. Dort hieß es ja: „Wär’ nicht das
Auge sonnenhaft, Wie könnten wir das Licht erblicken? Lebt’
nicht in uns des Gottes eig’ne Kraft, Wie könnt’ uns
Göttliches entzücken?“ Das Auge ist sonnenhaft,
weil es selbst nach Vollkommenheit strebt, weil es sich nicht mit
einer ihm vorgegebenen Wirklichkeit befriedigt, weil es das
„Mehr“ in sich ist, das es ihm ermöglicht, eine ganz
andere Welt zu erschauen. Es ist dieses Göttliche in uns, die
Ideen, die wir vom Leben haben, die Sinnbezüge, die rein
geistiger und keinesfalls materieller Natur sind, die uns als „Wesen“
auszeichnen. Diese Innerlichkeit wiederum „entzückt“
uns, verleiht unserem Dasein jene Aktivität, die wir benötigen,
um selbst Licht zu werden.
Doch zurück zu Platon und dem Höhlengleichnis. Bislang
wurde deutlich, daß das Lichtwerden prozessual zeitlich gedacht
wird, daß es ein Licht geben muß. Es wurde auch deutlich,
daß dieses Licht ein Auge voraussetzt, daß dieses Licht
erkennen kann. Was aber noch nicht ins Zentrum der Interpretation
gerückt wurde, ist die platonische Lehre von der Anamnese, die
sowohl die medizinische Technik als auch die psychologische Praxis
nachhaltig beeinflusste. Erkennt also das Auge das Licht, dann bleibt
immer noch die Frage, woher es dieses Wissen bezieht. Anders
formuliert: Woher weiß das Auge vom Licht? Hier bieten sich
unterschiedliche Erklärungsmodelle an, die sich kurzgefasst
wiederum auf eine empirische oder auf eine idealistische
Erkenntnislehre zurückführen lassen. Der Empirismus als
Phänomenologie des Geistes, der von der sinnlichen
Erkenntnisgewissheit zum Idealen schreitet, bleibt der Weg der
modernen Naturtheorie und empirischen Medizin. Demgegenüber
steht der schon benannte Idealismus, der seine Erkenntnisqualitäten
eben nicht aus den Gegenständen der Wahrnehmung ableitet,
sondern die Wahrnehmung aus den Ideen. Dies zu zeigen,
unternimmt Platon mit seiner Anamnese-Lehre. Anders formuliert: Es
kann nicht erkannt werden, was vorher nicht schon existierte. Die
Erkenntnistheorie wird zur Ontologie und damit zur Lehre von einem
überindividuellen Dasein. Anamnese heißt hier:
Wiedererinnerung, das, was wiedererinnert wird, sind die unendlichen
und ewiglichen Ideen. Auf die Alltagssprache übertragen,
meint dies: Die Ideen sind nicht irgendwelche Äußerlichkeiten,
die sich aus dem Wahrnehmungsprozess abstrahieren lassen, sondern,
wie es der Philosoph Krause einmal nannte, „Wesenheiten“.
Die denkende Seele erinnert sich, so auch im Höhlengleichnis,
einer höheren Wirklichkeit, der sie teilhaftig war, bevor sie
sich anschickte, ins Dasein, in die Welt des Alltags zu gelangen. Die
Bilder dieser alltäglichen Welt geben nur den Anlass, sind
Quasibausteine für eine Erkenntnis, die sich in der
Unendlichkeit offenbarte. Die Seele, als die Form des Auges, nimmt
diese Ideen war, indem sie sich ihrer erinnert. Das Leben wird so, in
dieser platonisch-idealistischen Wendung, zur Wiedererinnerung, zur
Erweckung dessen, was sich in transzendenter, d.h. übersinnlicher
Erkenntnis zu erkennen gab. In dieser Erkenntnis wird auch der
höchste Zweck menschlichen Lebens geschaut, die Idee des
höchsten Gutes, das zu erlangen sei, dem man sich aktiv
verpflichtet. Einfacher gesagt: Alles, was wir mit Innerlichkeit
sehen, ist uns ewig schon gegeben, wir müssen nur dieses Wissen
wieder erinnern.
Neben dieser Anamnesetheorie, die sich insbesondere in Platons
Phaidon vorgezeichnet findet, ist es ein weiterer
Gedanke, dem hier Beachtung geschenkt werden soll. Gemeint ist die
sich im Höhlengleichnis findende Lehre von der Schwermut
der Erkenntnis. Wie bereits deutlich wurde, ist Erkenntnis
prozesshaft, verläuft zeitlich, indem ein Auge Bilder wahrnimmt,
diese Bilder lokalisiert, Bilder und Abbilder unterscheidet. Dieser
Prozess des Sonderns, diese Ablösung von einer als ursprünglich
angesehenen Wahrheit bleibt immer noch an das Höhlenerlebnis
selbst gebunden. Die Reflexion darüber, was als wahr und was als
falsch betrachtet werden darf, läßt sich damit als ein
immanenter Abkopplungsprozess der Seele selbst lesen, die einerseits
die Welt betrachtet, andererseits auf sich selbst reflektiert. Diesen
Prozess des Abstrahierens, eben des Sonderns, bezeichnet Platon nun
als einen, der der Seele Schwermut bereitet. Zum einen ist die Seele
an die Bilder gewöhnt, die sie visuell wahrnimmt, an die Welt
also, wie sie ihr erscheint, zum anderen aber weiß diese Seele
auch, daß jeder Erkenntnisprozess ein Leiden an Erkenntnis mit
verursacht. Anders gesagt: Je mehr die Seele erkennt, je mehr sich
ihr an Wissen und Wahrheit offenbart, desto mehr versucht sie sich
der Erkenntnis entgegenzustellen, versucht die Erkenntnisse zu
meiden. Der Prozess des Erkennens ist also einer, der weh tut, denn
je mehr man erkennt, desto mehr stellt man sich in Frage, wo man
selbst steht, was die eigene Erkenntnis ausmacht und wohin diese
Erkenntnis eigentlich führt. Genau aber diese Infragestellung,
dieses mit der Wahrheit-Hadern wird zu einem Grundbaustein des
Platonischen Höhlengleichnis. Das Licht, und hier ist
wiederum das göttliche Licht der Erkenntnis gemeint,
blendet das Auge, das im Augenblick der Betrachtung nichts mehr
sieht, weil es die Überfülle der Wahrheit selbst ist, die
es wahrnimmt. Diese überhelle Erkenntnis, wie dies in der
Nachfolge Platons Pseudo Dionysios Areopagita nannte, verursacht
Angst, Angst vor dem Nichts, das hier als überhelle Erkenntnis
erscheint. Mit anderen Worten formuliert: Das, was für ein
Menschenauge sichtbar ist, das bleibt für dieses beherrschbar,
das entzieht sich diesem nicht. Sobald sich aber eine Wahrheit
offenbart, die sich nicht durch die Visualität zäumen läßt,
kommt der Abgrund und das Nichts ins Spiel. Beide, Abgrund und
Nichts, sind Kategorien der Existentialphilosophie des 19. und 20.
Jahrhunderts. Der Abgrund ist die Schwelle zum Nichts, so
Kierkegaard. Was sich aber daraus lernen läßt, und dies
findet sich bereits bei Platon, ist die Verwandlung der Negativität,
des Nichts, in einen Akt der Positivität. Das Nichts wird
angenommen und zugleich überwunden. Das Nichts steht für
eine lebensweltliche Konstante, für die Langeweile des Daseins
nämlich, wie in jüngster Zeit Peter Sloterdijk betonte; ihm
ist nur zu begegnen, wenn, und dies ist eine Wendung der
Existenzphilosophie Martin Heideggers, das Nichts genichtet wird,
wenn aus der Erfahrung des Nichts heraus Sinn entsteht. Heidegger
verhandelt, zumindest in Sein und Zeit, dieses Nichts vor dem
Hinterund der sterblichen Endlichkeit, die bedacht sein muß,
soll Sinn sein. Anders gewendet: Der Tod ist unausweichlich, er
bleibt die Negativität schlechthin, die uns alle Daseinsbezüge
verstellt. Die Reflexion auf diese Negativität ist aber nicht
nur negativ, sondern in ihrer Umkehrung, in ihrer Kehre, Positivität.
Was Heidegger also hier an der Kategorie der Sterblichkeit bzw.
Endlichkeit thematisiert, formuliert Platon vor dem Hintergrund der
Erkenntnistheorie. Die Fülle der Erkenntnis macht blind, aber in
dieser Blindheit zeigt sich das wahre Licht. Blindheit und Licht,
Nicht-Sehen-Können und absolutes Sehen bilden damit die
Paradoxie aller Existenz. Im Verbergen, offenbart sich das Licht, im
Geheimnis kommt das Sein zur Wahrheit. Verbergen und Offenbaren sind
damit die zwei Seiten allen Lebens und jeden Erkennens.
Auch der französische Existenzphilosoph Emanuel Levinas wendet
sich dem Gedanken des Lichts zu, wenn er den Anderen als denjenigen
begreift, in dem das Göttliche erscheint. Es ist sein Antlitz,
wie Levinas schreibt, daß es uns verbietet, ihm Negatives
anzutun. Im Antlitz erscheint das Göttliche als Spur; dieses
Wissen macht den Anderen zu einem, der mich immer wieder darauf
hinweist, ihn nicht zu töten. Das Gesicht besagt: „Du
sollst nicht töten“. Es spricht, bevor es spricht. „Das
Sein des Seienden, das an sich selbst Differenz und infolgedessen
Andersheit ist, spendet Licht als verborgenes und immer schon
vergessenes.“ Es ist das Zusammen von Verborgensein und
Offenbarung, von Antlitz und wesenhafter Existenz, das sich dahinter
verbirgt. Das Sehen verobjektiviert damit nicht in den Blick auf den
Anderen, wie Sartre meint, sondern im Sehen verbirgt sich der Andere,
er läßt sich nicht „ausziehen“, entkleiden,
was ja auf nichts anderes hinauslaufen würde, als ihn in die
persönliche Verfügungsgewalt zu stellen. Der Andere bleibt
der Andere als der ganz Andere, dies ist es, was Levinas seine
humanistische Ethik nennt, in der der Andere der Andere bleiben muß.
Hier ist es also wieder das Sehen, das Auge, das den Anderen als
Andern läßt und ihm damit Autonomie und Würde
zukommen läßt. In Totalité
et infini heißt es: „Dieses
Buch wird die Subjektivität als eine den anderen Menschen
aufnehmende darstellen, d.h. als Gastlichkeit. In ihr vollzieht sich
die Idee des Unendlichen. Die Intentionalität, bei der das
Denken Angleichung an das Objekt bleibt, definiert folglich nicht das
Bewußtsein auf seiner ursprünglichsten Ebene. Alles
Wissen, sofern es Intentionalität ist, setzt schon die
Vorstellung des Unendlichen voraus, die Nichtangleichung par
excellence.“
Zum Schluss ließe sich noch ein Blick auf den Weimarer
Klassiker Goethe wagen. Zeit seines Lebens war es die Betrachtung,
das Auge und das Licht, das Goethe als Aufweis seiner Existenz
begriff. „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“, meint
nichts anderes, als einen Blick in die Welt zu wagen. Das Auge bleibt
wichtigstes Medium für einen, der die Welt sucht, der beobachtet
und die Welt sich so auf wissenschaftliche Weise aneignet. Sehen
bleibt für Goethe alles, ihm, der ein analytischer Denker war,
der also nicht von der Idee, wie Platon, sondern vom Phänomen
ausging, um von dort zur Idee zu gelangen. Auch in der analytischen
Phänomenologie, so läßt sich daraus schließen,
bleibt Licht wesenhaft, Zugang zur Wahrheit und zur Offenheit. Nichts
anders meint Goethe noch im letzten Augenblick des Lebens, an der
Schwelle des Todes angekommen, wenn er fordert: „Mehr Licht“,
denn Licht war Leben, geisthafte Existenz und Sinn seines langen
Lebens.
Damit ist der Kreis wieder geschlossen, denn Licht kommt aus der
Fülle der Innerlichkeit oder aus einem Licht, das belichtet, aus
Gott. Der Tod kann, und dies ist die Hoffung des Religiösen, das
Licht nicht nehmen, sondern nur Licht im Licht verstärken. Der
Tod ist damit die lichthafte Existenz in einer ewig lichthaften Welt.
Er ist weder Negation des Daseins sondern Fülle, Hoffung und
Existentialität. Im Tod, so weiß zumindest der Religiöse,
leuchtet das Leben in seiner Unendlichkeit. Daher rein Religiöse
keine Angst vor ihm haben, sondern in ihm das wahrhafte Leben sehen.
Für uns Mitteleuropäer in einer säkularisierten Welt,
mag dies alles befremdlich klingen, allein ein Blick in andere
Kulturen zeigt, daß sich Milliarden von Menschen aus diesen
Gedanken Erlösung erhoffen.
1
J.W. Goethe: Vorwort zur Farbenlehre. In: Goethes Sämtliche
Werke, Jubiläumsausgabe Bd. 40, Schriften zur
Naturwissenschaft, Zweiter Teil, Stuttgart, Berlin 1902ff., S. 71.
2
R.M. Rilke: Zweite Elegie. In: Die Gedichte, Frankfurt/Main 1986,
S. 633.
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