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Erschienen in Ausgabe: No 61 (3/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Opfer mit Durchblick stellen die Welt in Frage

von Siegmar Faust

Die SED- und Stasi-Opfer sind Störenfriede wie einst die überlebenden Juden. Sie sind und waren das schlechte Gewissen nicht nur der Täter, sondern vor allem der Gleichgültigen, die nicht so genau hinsehen wollten und möchten. Sie verkörpern die nicht einfach zu beantwor­tende Frage nach eigener Verantwortung oder gar Mitschuld. Dass Menschen großes Unrecht geschah in der DDR, war in Ost und West leicht zu erkennen. Wer nicht blind war, sondern sich nur so stellte, der wusste mit welcher Rücksichtslosigkeit die SED ihre Macht verteidigte und auch über Leichen ging. Und das war sichtbar und sollte es auch sein. Damit aber wurden die Geschädigten zur Anklage für jeden, der aus nachvollziehbaren Gründen wegsehen wollte. Das Schreckliche einer Diktatur ist ja nicht bloß ihre unmittelbare Grausamkeit; es ist ihr per­fider Versuch, die Untertanen permanent zur Gleichgültigkeit, zur Mitleidlosigkeit und zum schlauen Dummsein zu zwingen, wenn sie schon nicht als Mittäter gewonnen werden können. „Die Söhne des Teufels“, so der französische Kultur­anthropologe René Gi­rard, „sind jene Menschen, die sich in den Zirkel des rivalisierenden Begehrens hineinziehen lassen und un­wissentlich zum Spielball der mimetischen Gewalt werden. Wie alle Opfer die­ses Prozesses ‚wissen sie nicht, was sie tun’ (Lukas 23,34).“
Die wie Jürgen Habermas mit ihrer neomarxistischen und zu­dem „Kriti­schen Theorie“ jahrzehn­telang den durch einen 30-jährigen europäischen Bürger­krieg im 20. Jahrhundert blutge­tränkten Boden be­wässerten und damit den ideellen Sumpf be­reiteten, in dem wir lang­sam und sicher ersticken, erken­nen plötzlich im Al­ter: „Als sich Sünde in Schuld, das Verge­hen ge­gen göttliche Gebote in den Verstoß ge­gen menschliche Gesetze verwandelte, ging et­was verloren.“ Das zu verstehen fällt weniger schwer, als die Person zu akzeptie­ren, die sol­ches sprach. Denn schließlich könnte es sein, dass es Vor-Gänge gibt, die nicht ver­geben wer­den können, nicht zuletzt deshalb, weil, so der jüdische Philosoph Emma­nuel Levinas, „die Möglichkeit der grenzenlosen Vergebung zu gren­zenlosem Bösen auffor­dert“. Dem „Verste­hen wollen“ und dem „Verständnis aufbringen“ haftet selbstver­ständlich eine moralische Di­mension an. Einzelnes lässt sich sowohl aus dem Ganzen verste­hen als auch das Ganze oft aus dem Einzelnen. Das menschenmögliche Verstehen ist gleichfalls syn­thetisch wie analytisch, ebenso Folgerung wie Ableitung. Demzufolge wird unser Dasein zur Gänze erst in dem Ver­stehen anderer und in dem Verstan­denwerden von anderen und damit in den moralischen Ge­meinsamkeiten der Familie, Religion, Kultur sowie des Volkes samt dem Staat, aber niemals aus einer Ideologie erfüllt. Ein Schlüsselbegriff sittli­cher Gemeinsamkeit dürfte das „Gewis­sen“ sein, an dem sich schon Generatio­nen von Philoso­phen die Zähne ausgebissen haben beim Versuch, es zu defi­nieren und damit zu bannen.
In der marxistischen Variante des Sozialismus wurde dieser Begriff durch das „sozialisti­sche Bewusstsein“ ersetzt, das zu erlangen jeder solange geschult wurde, bis der Begriff „Gewissen“ aus der Mode kam. Lediglich bei Marx und Engels, den Kon­strukteuren des „real existie­renden So­zialismus“, kam die Vokabel noch in ihren terroristi­schen Sätzen vor: „Die Kommunisten machen sich allerdings kein Ge­wissen dar­aus, die Herr­schaft der Bourgeois zu stürzen und ihr ‚Wohlsein’ zu zerstören, sobald sie die Macht dazu haben wer­den.“ So sehr sie bezüglich der Zukunftsprognosen auch irrten, hier sahen sie genau voraus, wie gewissenlos Marxisten nach der Machtergrei­fung das umsetzen würden, was sie in einem Satz deuteten. Was sie nicht wissen konnten oder wollten, waren die Fol­gen, da schließlich nach dem Un­tergang der Bour­geoisie auch die angeblich herrschende Klasse, das Proletariat, sel­ber der Verarmung preisgegeben ist. Zudem wurden die Arbeitenden in sol­chen Arbeiter-und-Bauern-Staaten am meisten geknebelt durch die büro­krati­sche Herrschaft einer feudalis­tisch, nein, viel schlimmer: totalitär regieren­den Partei­en­oligarchie. Und nicht einmal das stimmt, denn es ist unsin­nig von einer Partei zu sprechen, wenn es in den kommunis­tischen Staaten oh­nehin nur eine maß­ge­bende Partei gab. Denn das Wort Partei bekommt seine Be­deutung nur durch einen Part am Ganzen, wenn es also min­destens einen echten Gegenpart gibt. Deshalb ist ein Mensch, der beansprucht, die Wahrheit zu besitzen, nicht nur kein Philo­soph, sondern neigt unabänderlich dazu, gerade weil ihn utopisch-ersatzreligiöse Vorstellun­gen antreiben, die ganze Macht an sich zu reißen, um zum tyrannischen Terroristen zu wer­den, wenn ihm die Mittel dazu ge­ge­ben sind.
Der mit religiöser Inbrunst betriebene und als Religionsersatz dienende Führerkult um Bolesław Bierut, Fidel Castro, Nicolae Ceauşescu, Hitler, En­ver Hoxha, Sad­dam Hussein, Kim Il-sung, Kim Jong-il, Lenin, Mao, Mugabe, Nijasow, Stalin und viele andere zeigt den Grad der Domestizierung großer Bevölkerungsteile genauso an wie den Vor­rang des Zynis­mus, den unter solchen Bedingungen intelligente Menschen erreichen, wenn sie keine Chance sehen, die Verhältnisse zu ändern oder solcher Tyrannei zu entkom­men. Es ist solches von außen, aus einem anderen System der Lebens­form heraus, schwer nachzuvollzie­hen.
Der polnische Literatur-Nobelpreisträger litauischen Ursprungs Czesław Miłosz, der sich als Diplomat zunächst dem Kommunismus verbunden fühlte, jedoch bald dessen schärfster Kritiker wurde und ins Exil ging, hat mit als Erster versucht, dem Rest der Welt in sei­nem Buch „Verführtes Den­ken“ auf hohem sprachlichem, psychologischen und poli­tischen Niveau - und trotzdem an­schaulich! - die geis­tige und moralische Zerstö­rung bis hin zur Auflösung des Denkens unter den sich auf Marx, Engels, Lenin und Stalin berufenen Diktato­ren des Ostblocks zu erklären. Wäre er grundlegend verstanden worden, hätte es dann 15 Jahre darauf zu einer Renais­sance des Marxismus an den westlichen Universitäten kommen können?
Es ist ja noch schlimmer, denn schon 1950 erschien Wilhelm Röpkes Buch „Maß und Mitte“. Darin wurde erkannt, „dass die kommunistische Variante des Tota­litarismus die nati­onalsozialistische gerade in denjenigen Hin­sichten, auf die es ankommt, eher noch über­trifft“. Zu Recht fragte er, der auch den Totalita­rismus der Hitler-Diktatur von Anfang an durch­schaute und ihm wi­der­stand, wa­rum man immer wieder, trotz aller Offensichtlichkeit, „klugen und wohlmeinen­den Menschen“ begegnet, darunter sogar Christen, „die sich an den weniger we­sentlichen Ver­schiedenheiten zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kom­munismus klammern, um die Gleichheit im Wesentlichen zu leugnen“. Der Kommunis­mus war vom Wesen her weit gefährlicher als das NS-Regime, was sich aus der Tatsache ableitet, dass der Nationalsozialismus auf einer biolo­gischen Rassen- oder Auserwähltheitslehre grün­dete, die wohl kaum einen Es­kimo oder Afrika­ner zur Ideologie des Germanischen „Herren­volkes“ be­kehrt und damit keine Chance gehabt hätte, „zu einem wirklichen Pseudo-Is­lam zu werden“. Der vom Marxismus-Leninismus ausgehende Kommunismus hinge­gen war „durch den uni­versell-rationalistischen, an den ‚linken’ Überliefe­rungen anknüpfenden Charakter seines Programms – nicht eine partikuläre, son­dern eine universalisti­sche Pseudo-Religion“.
Marx verkündete, dass der gesetzmäßig kommende Kommunismus über die Zwischen­etappe Sozialis­mus die Menschen, besonders des ausgebeuteten Proletariats, von ih­ren Fesseln befreien werde. Sie haben ja angeblich nichts weiter zu verlieren als ihre Ketten. Danach, wenn den kapitalis­ti­schen Ausbeutern der Garaus gemacht worden sei, müsste sich keiner mehr um eine fremde Sonne drehen, sondern könne end­lich, der Entfremdung von sich selber entledigt, seine volle Menschlichkeit entfalten, um „heute dies, morgen jenes zu tun, mor­gens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich ge­rade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Aus der Fülle des nach Plan mit volksei­genen Produkti­onsmit­teln Produzierten könne sich dann jeder nach sei­nen Bedürfnis­sen ohne Geld bedienen.
Der von Friedrich Engels vorher­gesagte „Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ würde den im Paradies auf Er­den lebenden Men­schen auch dorthin führen, „wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit be­stimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen mate­riellen Produktion“. So könnte in Kurzform die angeblich wissenschaftliche Er­lösungs-Botschaft von Marx & Engels zusammengefasst werden, ohne diese hymnischen Ver­kündun­gen mit jenem Sarkasmus und Zynismus kommentieren zu wol­len, der ansonsten den Stil die­ser Vielschreiber ausmacht. Wie soll schon in einigen Jahren noch verstanden werden, wel­chem aberwitzigen Aberglauben die Mehrheit der meinungsführenden Intellektuellen über hundert Jahre lang aufgesessen waren? Es wäre ja nur eine Vorhaltung zum geistreichen Thema Dummheit wert, wenn da nicht endlose Verwüstungen an Kulturen und Traditionen zu beklagen wären, ganz zu schweigen von den vielen Millionen Menschenopfern im Namen kommunistischer Gewaltherrschaft. Das sei nun längst schon Geschichte und nicht mehr vi­rulent? Wie ist es dann zu verstehen, dass nach einer „Spiegel“-Umfrage aus dem Jahre 2005 zwei Drittel der Mitteldeutschen und überraschend viele Westdeutsche, nämlich 56 Prozent, der Meinung sind, der Sozialismus sei „eine gute Idee, die bislang nur schlecht ausgeführt worden ist“? Rational lässt sich das wohl kaum noch erklären.
Erich Rothacker, Begründer der geisteswissenschaftlichen Kultur­anthropologie, unter­schied zwischen dem Verstehen und den beiden „rationalen Wegen des Begreifens und Erklä­rens“. Das Verstehen nutze zwar die „rationa­len Möglichkeiten“, aber „die Begriffe haben für das Resultat keine konstruk­tive, sondern nur eine erläuternde Bedeutung“. Das erklärt einiges, aber beileibe nicht al­les. Karl Jaspers widmete dem Buch „Verführtes Den­ken“ ein Vorwort, aus dem weit reichendes Verständnis durch Erfahrung spricht: „Die Sklavenschaft des Geistes in totalitären Staaten, die wir Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus äu­ßerlich in den Redewendungen, Gebärden und Handlungen des damaligen Alltags, innerlich in der An­schauung dessen, was in den einzelnen Menschen vorging, erfahren haben, wird hier an den Er­scheinungen der östlichen Volksdemokratien, besonders Polens, in einer Weise ge­zeigt, die wahrhaft ergreift, uns Deutsche vielleicht mehr noch als die westli­chen Völker, denn wir sind Mitwisser dessen, was hier in polnischer Abwand­lung gezeigt wird.“ Solche selbstverständli­chen Einsichten wurden anschlie­ßend durch die Wohlstands-Revoluzzer der 68er-Generation, die alles bestritten außer ihren Lebensunterhalt, regelrecht kriminalisiert.
Weit unter Diltheys, Jaspers, Heideggers, Gada­mers und NoltesNiveau fiel der zum bundesdeut­schen Staatsdenker stili­sierte „Ayatollah vom Starnberger See“ zu­rück, denn seine soziologische Wis­senschaft beförderte vorerst lediglich die Auflö­sung der Lebensbindungen und eine übertriebene Distanz zur eigenen Na­tional­geschichte, die auf die 12-jährige Herr­schaftsverwerfung der Nationalsozi­alisten reduziert wurde. Freilich musste diese Katastrophe analy­siert und begrif­fen wer­den, um verständlich zu sein, aber solches funktioniert schlecht auf Kosten ge­schichtlicher Selbstdurchsichtigkeit der gesamten Ge­schichte - ohne gleich He­gels umstrittenes Diktum „Das Wahre ist das Ganze“ in Anspruch nehmen zu wollen. Gada­mers Herme­neutik, in der das Verstehen zum Gegenstand der Besin­nung gemacht wurde, ver­deutlicht, „wieviel Gesche­hen in allem Verstehen wirksam ist und wie we­nig durch das mo­derne histori­sche Bewusstsein die Traditionen, in denen wir stehen, entmächtigt sind, so wer­den damit nicht etwa den Wissenschaften oder der Pra­xis des Lebens Vor­schriften gemacht, sondern es wird versucht, ein fal­sches Denken über das, was sie sind, zu berichtigen“.
Viele zeitgenössische Soziologen und Spezialphilosophen haben zudem ihr „fal­sches Denken“ in wirren, dennoch ausgetüftelten Sprachorgien abgelassen, das sich als Soziologen-Kauderwelsch einen Namen machte. „Worauf“, entgegnete der damals fast 100-jährige Ga­damer in der Frankfurter Paulskirche 1999, „soll eine Nation noch ihren Stolz gründen, wenn nicht auf das Wunder der Mutter­sprache?“ Die Bannerträger des (un)deutschen Sonderweges sind sich ja einig, dass es keinen Grund zum Stolzsein mehr geben dürfe in un­serem verblü­henden Staatswesen, das nur noch zu einem Verfassungspatriotis­mus tauge und dessen My­thos sich auf Auschwitz gründe. Der Klassen­kampf von oben, - vielen Schülern keinen Bil­dungskanon mehr vermittelnd, weder in Literatur, Ge­schichte oder Religion - tobt sich zwar langsam aus, aber die Schäden scheinen irreversibel zu sein. Die linken Gutmenschen, stets auf der Seite des Fort­schritts, päp­pelten sich re­gelrecht aus ihren politisch, pädagogisch und kulturell verwahrlosten Kindern ein rechtsextremes Po­tenzial heran, um weiter­hin die Natio­nalsozialisten und jene, die sie dafür halten, zum absolu­ten Bösen erklären und mit großer Kelle aus dem Steuertopf ihren im Ansatz schon totali­tären „Kampf gegen rechts“ füh­ren und von ihrem Versagen gegen­über der 2. totalitären Diktatur in Deutsch­land ablenken zu können. „Mit Ge­schichts­wissen­schaft hatte das nichts zu tun“, stellte Ernst Nolte in einem Inter­view la­pidar fest, „eher mit dem Entstehen ei­ner neuen Religion vom absoluten Bösen, dem wir uns entgegensetzen, um uns dadurch als Gute zu empfinden.“
Der vulgäre Ausfluss solchen Unbedenkens der Gutmenschen, die sich weniger um ein Verstehen, desto heftiger freilich um Urteile bemühen, äußert sich kurz und brutal in solchen Graffitisprüchen wie: „Feuer und Flamme für diesen Staat!“, „Polen muss bis Holland rei­chen, Deutschland von der Karte streichen“ oder kurz und bündig: „Deutschland verrecke!“ Die „Früchte des Zorns“ scheinen be­sonders gut auf einem humanen, soll heißen: liberalen und pluralistisch-demo­krati­schen Boden zu wachsen. „Wenn wir leben wollen, müs­sen wir uns beei­len“, sa­gen sich die so genannten „Autonomen“ zur Rechtferti­gung ihrer Ge­waltbe­reitschaft. Und so sehen sie „die Scheiße“, in der sie angeb­lich „schon bis zum Halse ste­cken“: „Das Leben vegetiert zwischen Maloche, Kaufzwang und Glotze. Die Jungen werden eingekreist, die Alten nach einem betrogenen Leben in Heime weggeschlossen und die Rente gekürzt; die dazwi­schen sind neuro­tisch und werden wie nie zu­vor auf Effektivität getrimmt oder ausgesondert und ar­beits­marktmäßig ‚sai­son­bereinigt’ oder auch nicht. Die Frauen sind ‚doppel­belastet’, Ausländer, Alte und Studenten bilden ‚Negativ­gruppen’ in ‚Problem­gebieten mit Veränderungs­druck’ und werden wegsaniert. Die Gefangenen wer­den le­bendig in Beton ein­gemauert, die Irren mit Chemie abgeschaltet. Aus Lie­benden sind längst Partner geworden, aus Erfassung und Entmündigung ‚Sozial­für­sorge’, aus weißer Folter ‚Therapie’ und aus Atomla­gern ‚Entsorgungsparks’. Aus Kriegsgegnern sind ‚gefährliche Pazifisten’ ge­worden, aus Kriegstreibern ‚Männer des Friedens’ und aus der entsetzlichen Auspressung der 3. Welt der ‚Nord- Süd- Dialog’. Der Regen ist sauer, die Luft krebserregend, das Wasser längst um­gekippt, die Erde voller Atomsprengköpfe und wenn man Sprengstoff fressen könnte, gäb’s keinen Hunger mehr auf der Welt, denn bereits auf jedes Baby kommen ein paar Tonnen.“ (Aus Texten der Revolutionären Zellen/Rote Zora: „Feuer und Flamme für diesen Staat.“)
Das ist offensichtlich ein Welt-Bild unterhalb der Bild-Zeitung. Und trotzdem reicht diese einfältige „Weltanschauung“ bis weit in die Reihen der ältesten demokratischen Partei Deutschlands hinein, ganz abgesehen von der Melonen-Partei, die außen grün und innen rot mit braunen Kernen daherkommt. Der preisgekrönte Film „Der ewige Gärtner“ bedient ihre Klischees. Der Regisseur von Dokumentarfilmen über Opfer des Kommunismus, Dirk Jung­nickel, kommt angesichts einer Filmdokumentation, die er besprach, zu der Einsicht: „Was den Umgang mit Kommunisten betrifft, hat die deutsche Sozialdemokratie aus eigener leid­voller Geschichte wenig gelernt. Gemeinsame Wurzeln bei Marx verhindern bis heute eine konsequente Gegnerschaft zu den Kommunisten. Die daraus resultierende ideologische Viru­lenz bereitete bei Lichte besehen auch den Humus, auf dem die PDS gedeiht und durch den die fossilen Schergen des MfS derzeit wieder hervorzukriechen wagen.“
Hier sind wohl höhere Leistungen des Verstehens gefordert, denn es dürfte - wie bei den Rechtsextremisten auf der anderen Seite des Spektrums - der Zusammenhang zwischen „Erlebnis, Ausdruck und Verstehen“ (Wilhelm Dilthey) erkennbar gestört sein. Von den auf­gezählten „Problemen“, die keineswegs nur aus der Luft gegriffen sind, haben die Wohlstands-Revolutionäre freilich die wenigsten „erlebt“ oder auch nur mitfühlend durch­dacht. Sie gieren, oft aus Verwilderung heraus, die sich als jugendlicher Leichtsinn tarnt, nach extremen Erlebnisformen und orientieren sich an dem gefährlichen Leben der Freischärler, Revolutionäre, Rebellen, Autonomen oder Stadtguerillas. Ihr Lebenssinn speist sich aus Ver­achtung gegenüber dem Spießer, dem „normalen“ Leben und der von ihnen so empfundenen Wirklichkeit. Ihr Ausdrucksvermögen besitzt die Spannweite zwischen vulgär, kindlich, agi­tativ bis hin zu unkonventionell, originell und witzig, jedoch durchgehend ohne philosophi­sche Tiefe, die Marx und seine Adepten auch kaum fördern dürften. Ihr Nichtverstehenwollen der Umwelt, das einer Verachtung bis hin zum Hass gleichkommt, resultiert aus utopischen und märchenhaften Modellen, die teils aus Kinderfernsehsendungen, zumeist aber aus den be­kannten Utopien der Marxisten und Anarchisten jeder Spielart stammen, manchmal auch aus den Büchern religiöser Sektierer.
Es versteht sich von selber, dass narzisstische „Revolutionäre“ sich nicht im Gerings­ten um jene bemühten, die man jetzt so kurzerhand zur „abtretenden Erlebnisgeneration“ rechnet. Ja, die Überlebenden des letzten Weltkrieges und des sich daran anschließenden Martyriums von Millionen Flüchtlingen, Heimatvertriebenen, Verschleppten und Verhunger­ten, besonders gedacht der Zigtausenden von unschuldigen Jugendlichen zwischen 12 und 21 Jahren, die in den Kellern des sowjetischen Geheimdienstes gedemütigt, gefoltert, zu Falsch­aussagen erpresst, schließlich ermordet oder anschließend qualvoll in so genannten „Spezial­lagern“ oder in den Kohlegruben Workutas verreckten, spüren natürlich ebenso wie die über­lebenden Juden eine stark motivierte Verpflichtung, durch ihre Zeitzeugenschaft diese Unta­ten nie in Vergessenheit geraten zu lassen. Inbrünstig mahnen sie, damit sich solches nie wie­derhole, was sie erlebten und durchlebten, und dies oft mit Schuldgefühlen jenen gegenüber, die nicht überlebten.
Was die mit Gaskammern ausgerüsteten „Todeslager so fürchterlich macht“, schrieb die amerikanische Philosophin Susan Neiman, „ist für viele gerade dieses pervertierte Zu­sammenspiel von industrialisiertem Töten und einem Anspruch auf Menschlichkeit“, denn die Gaskammern seien erfunden worden, „um den Opfern schrecklichere Arten des Sterbens zu ersparen – und den Mördern einen Anblick, der ihr Gewissen hätte beruhigen können“. Ein Trost, dass solche Gedanken, die zwar dem Verstehen, jedoch nicht irgendeiner Verharmlo­sung dienen, von einer Jüdin ausgedrückt wurden; ein Deutscher hätte sich da um Kopf und Kragen geredet. Auch der russisch-jüdische Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky „hätte den schnellen Tod in einem deutschen KZ dem langsamen Dahinsiechen in einem sowjeti­schen Straflager vorgezogen“, wusste sein deutscher Freund Hans Christoph Buch zu berich­ten. Brodsky wurde 1964 in der Sowjetunion wegen „Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangs­arbeit verurteilt, die er in der Gegend von Archangelsk verbringen musste, aber bereits nach 18 Monaten entlassen. Später lebte und starb er in den USA. Er bekam also einen nachhalti­gen Eindruck von dem, was sein Landsmann und Kollege Alexander Solschenizyn in seinem begriffsbildenden Buch „Der Archipel GULAG“ Westeuropäern und den US-Bürgern nahe zu bringen versuchte. Er lieferte darin mit literarischer Potenz eine materialreiche und wirklich­keitsgetreue Aufarbeitung des Systems der politischen Verfolgungen, Verhaftungen, Untersu­chungsgefängnisse, der Verhöre, Folter, Verurteilungen und anschließender Straflager mit ih­ren unmenschlichen, durch Hunger, Kälte, Überanstrengung, unhygienische Zustände, Krank­heiten und mangelnde medizinische Versorgung geprägten Lebensbedingungen, die – wohl­gemerkt: zu sozialistischen Friedenszeiten! – Millionen Menschenopfer kosteten.
Solschenizyns Berichte sind nach der Möglichkeit von Akteneinsichten und Befragung von Zeugen von der jüdischen Journalistin Anne Applebaum bestätigt worden. Zugleich bes­tätigt sie die Thesen Ernst Noltes vom Wesenszusammenhang beider sozialistischen Systeme, indem sie schreibt: „Beide Systeme entstanden nahezu zur selben Zeit auf demselben Konti­nent. Hitler wusste von den sowjetischen Lagern, und Stalin vom Holocaust. Manche Häft­linge haben beide Arten von Lagern erlebt und beschrieben. Irgendwo in großer Tiefe gibt es Zusammenhänge.“ In beiden totalitären Systemen, so führt sie des weiteren aus, wurden die Menschen nicht dafür festgesetzt oder ermordet, was sie getan oder unterlassen haben, „son­dern dafür, was sie waren.“
Wie lässt es sich verstehen, dass Intellektuelle, allen voran die kulturrevolutionären Kräfte der 68er Bewegung, Sympathien entwickelten zu Ländern, die von einer Partei regiert wurden und teils noch werden, die sämtliche Gewalten ausübt: die regierende, politische, ökonomische, legislative, jurisdiktive, gewerkschaftliche, polizeiliche, militärische und natür­lich auch die Informationsgewalt? Wie lässt sich verstehen, dassbedeutende westeuropäische oder amerikanische Dichter und Denker wie Louis Aragon, Henri Barbusse, Simone de Beau­voir, Ernesto Cardenal, Theodore Dreiser, Paul Eluard, Max Frisch, André Gide, Oskar Maria Graf, Graham Greene, Nicolás Guillén, Ernest Hemingway, Abbie Hoffmann, Haldór Lax­ness, Sinclair Lewis, Gabriel Garcia Márquez, Jan Myrdal, Pablo Neruda, Luise Rinser, Ro­main Rolland, Jean-Paul Sartre oder Elsa Triolet, um nur ein paar zu nennen, kommunistische Tyrannen und Massenmörder anhimmelten und wie Götter verehrten? Wie lässt sich verste­hen, dass in den siebziger Jahren offensichtlicher Grundkonsens in den europäischen Wohlstandsstaaten die Zerstörung des „kapitalistischen Systems“ unter Jugendlichen und In­tellektuellen war? Freiheit, Menschenrechte? Das seien alles nur Phrasen, um den wahren Terror, der vom Kapital und dem Eigentum an Produktionsmitteln ausgehe, verschleiern zu wollen. Marx und Lenin lehrten bekanntlich, dass Grundfreiheiten, solange das Kapital herrscht, nur formal existierten. Der um das Jahr 1968 herum dominante Herbert Marcuse, der als Heidegger-Schüler übertrieben weit vom Stamm seriösen Denkens fiel, glaubte hinzufü­gen zu müssen, dass die Toleranz, je großzügiger gehandhabt, desto „repressiver“ sei. Zur Rechtfertigung der „Null-Bock-Generation“ diente das von ihmvorgegebene Schlagwort der „Großen Verweigerung“. In seinem 1967 vor Studenten der freien Universität Berlin gehalte­nen Vortrag bezeichnete er die Negation der bestehenden Gesellschaft als Voraussetzung zur Transformation menschlicher Bedürfnisse. Es bedürfe einer jenseits der judäo-christlichen Moral stehenden neuen Moral, welche die vitalen Bedürfnisse nach Freude und Glück erfülle und ästhetisch-erotische Dimensionenen umfasse. Er befürwortete ein Experiment der Kon­vergenz von Technik und Kunst sowie von Arbeit und Spiel. In dieser Rede prägte Marcuse den Begriff vom möglichen „Ende der Geschichte“, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von dem amerikanischen Politologen Francis Fukuyama (geb. 1952) lediglich wieder aufgewärmt wurde.
Die Freiheit des Denkens, die stets ihre Grenzen durch das Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Verstehen gesetzt bekommt, wirft immerhin die Frage auf, was geschieht, wenn utopi­sche Denkspiele die Schranken unserer sich langsam über die Jahrhunderte entwickelte Spanne zwischen Vernunft und Unvernunft ignorieren und damit diskursunfähig werden?Das vom Staat durch Professorengehälter „ausgehaltene“, aber von der Gesellschaft kaum noch auszuhaltende Denken feiert die Emanzipation von allem Absoluten. „Damit wird allbe­herrschend“, so Röpke, „die Willkür und die Beliebigkeit. Kein Gedanke, keine Möglichkeit ist mehr ausgeschlossen. Keine festen Grenzen, keine unverrückbaren Punkte, kein unnach­giebiges Fundament geben mehr Halt. Wir bewegen uns geradlinig hin auf eine Welt der völ­ligen Willkür, in der alles zu erwarten ist, in der jede Art von Philosophie oder Kunst grund­sätzlich zulässig erscheint, in der jede Art von Verhalten der einzelnen und der Regierungen denkbar wird und man auf alles, auch das Absurdeste und Abnormste, gefasst sein muss.“ Für moderne Denker wie den 1950 geborene Max Lorenzen hat sich „die ge­sellschaftliche Werteskala“ natürlich ebenso verschoben: „Die Tugenden der Befehlsgewalt, bzw. des Gehorsams und der Unterwerfung, der Demut und Opferwilligkeit, auch des Ertra­gens von Schicksalsschlägen, die früher das Streben nach Lust verdecken sollten, lösen sich entweder auf oder treten in die zweite Reihe, wohingegen in der ersten nun das früher Ver­pönte: Lustgewinn, ‚Spaß’, Abwechslung, steht. Ich halte diese Entwicklung in mancher Hin­sicht für positiv, weil sie eine Demokratisierung und Enthierarchisierung bedeuten kann…“ Hartmut Lange, ein 1965 aus der „DDR“ geflohener Schriftsteller, der, obwohl sich damals noch als Marxist verstehend, schon früh die trostlosen Folgen der Aufklärung be­nannte, widerspricht heute solcher Geschichts- und Traditionsverachtung und verteidigt „die Glaubenssehnsucht des Einzelnen, der etwas sucht, zu dem er gehören kann, etwas, das größer ist als er selbst“. Lange antwortete Lorenzen unmissverständlich: „Es gibt durchaus eine Struktur des Manselbst, die Spaß am Leben haben will, weil sie sich vor der ‚sich selbst ge­wissen Freiheit zum Tode’ fürchtet. Aber eine Gesellschaft, die die sinnstiftende, normative Kraft ‚der sich selbst gewissen Freiheit zum Tode’ nicht mehr aufbringen kam, ist verloren. Sie endet in der Freizeitindustrie oder in der Spaßgesellschaft, die das Streben nach der sittli­chen Vernunft aufgegeben hat oder einfach nicht mehr kennt.“Für Lange und andere zumeist diktaturerfahrene Dichter und Denker hat sich die gesellschaftliche Werteskala im Grundsätzlichen nicht verschoben. Da sich jedoch trotz der weltweiten Ausbreitung der Philosophie Heideggers in unserer Alltagskultur die „Seinsver­gessenheit“ ausbreitet, dürften die Spannungen zunehmen, die sich irgendwann und irgendwie wie ein Gewitter entladen wollen. Ist das der Lauf der Dinge? Darf „man“ das so verstehen? Das „Man“, das Heidegger so treffend analysierte, darf alles, weil es nichts zu verantworten hat. Es ist die „Öffentlichkeit“, die vom Zeitgeist beherrscht wird. Darin ist jeder „der Andere und Keiner er selbst. Das Man, mit dem sich die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins beantwortet, ist Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.“Lange führt an, dass keine Werteskala einer Philosophie der geschlossenen Systeme es vermochte, das „nicht festgesetzte Tier“ im Menschen, von dem Nietzsche schrieb, zu do­mestizieren. Sein Fazit: „Der Kampf zwischen Zivilisationsbestreben und Triebstruktur dauert an.“ Das heißt: Das Leben bleibt spannend. Der Auflistung derer, die einst tyrannische Er­satzgötter anhimmelten, kann eine noch längere Liste derer entgegengesetzt werden, die als Renegaten, Dissidenten, Verräter, Abtrünnige, Überläufer und ähnlich zu bezeichnen sind, weil sie als ehemalige Marxisten und Kommunisten bis hin zu hohen Funktionären wie Gün­ter Schabowski erkannten, dass die immer gefährdete Welt weder mit einer Utopie, einem Su­perman, noch mit Gewalt oder einer Einheitspartei zu retten ist: „In wenigen Monaten waren drei Varianten kommunistischen Machterhalts in die Binsen gegangen. Erst stürzte Erich Ho­necker. Die Brutusse um Egon Krenz fielen einer Abräumung zum Opfer, an der noch Markus Wolf, Gregor Gysi und Hans Modrow beteiligt waren. Dann sagte das Volk in der ersten freien Wahl am 18. März 1990, nun ist es genug. Auch die KGB-Sondierungen hatten so im Kleinen nur einen weiteren Beweis dafür erbracht, was im Großen längst offenbar war: Sozi­alistische Prophetie und kommunistischer Machbarkeitswahn hatten ihr Ende gefunden. Sie liefen, wo sie noch zuckten, ins Leere.“ Und nach einer Besinnungspause fügte Schabowski gedämpft hinzu: „Ins Leere? Frag ich mich heute. In ihrer damaligen Fassungslosigkeit ahnten die roten Bankrotteure wohl nicht, dass sie nicht in den Orkus, sondern ins Gehege der De­mokratie geraten waren. Bald sollten sich für sie neue Weideplätze finden.“Wolf Biermann, der einst Philosophie und Mathematik studierte, wurde der bedeu­tendste Liedermacher, den die DDR je hatte und 1976 des Landes verwies. Er kam nach lan­gem Festhalten an der Grundauffassung seines Vaters, der als Kommunist und Jude in Auschwitz ermordet wurde, ebenfalls zu neuen Erkenntnissen: „Ich bin inzwischen der An­sicht, dass die Leute, die eine kommunistische Gesellschaft anstreben, ein Paradies, in dem es keine Klassengegensätze, in dem es keine antagonistischen Konflikte gibt, ein Narrenparadies suchen, in dem der Löwe Gras frisst.“Auf die Frage, warum eigentlich den intellektuellen Profiteuren der „Diktatur des Proletariats“ der volkseigene Staat samt „Volkskammer“, in der er ebenfalls saß, abhanden kam, wusste der oberste DDR-Schriftstellerfunktionär und inoffizielle Stasi-Mitarbeiter Her­mann Kant nur gewunden zu antworten: „Wir hätten – das hört sich komisch an, wenn ich das 2006 sage, aber ich habe es ja vorher auch gesagt – wir hätten auf die Überredungskraft, die wir in Vorzeiten hatten, weiter vertrauen müssen…“ Ah, ja! Überredungskunst. Hier wären Filme von Zeitzeugen einzublenden, die zeigen, was Kommunisten unter Überredungskunst in ihrer urwüchsigen Form verstanden haben. Heinz Schwollius aus Potsdam war 16 Jahre alt, als er 1946 wegen angeblicher Werwolftätig­keit völlig unschuldig mit anderen Jugendlichen von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde, während man die anderen erschossen hatte. Er erinnert sich: „Die Anzahl meiner Vernehmungen vermag ich nicht genau zu sagen, denn nach der 50. war ich nicht mehr in der Lage, diese zu zählen. Die Vernehmungen zogen sich wochenlang hin, nur mit dem Ziel, völlig absurde Geständnisse zu erpressen. Als besonders brutal, ja, sadistisch habe ich weibliche Dolmetscherinnen in Erinnerung. Irgendwann unter­schrieb jeder alles, was man ihm nur vorlegte, dazu in einer Sprache, die keiner verstand. Wir fühlten uns mehr als Tiere, denn als Menschen, obwohl sie ihre Hunde besser als uns behan­delten. Besonders wenn sie betrunken waren, was öfters vorkam, kam es zu wilden Prügelor­gien. Als ich vom Vernehmer gefragt wurde, wer mich so zugerichtet habe, sagte ich wahr­heitsgemäß aus. Die Folge war, dass ich sowohl von ihm als vom Dolmet­scher und dem an­wesenden Posten brutal zusammengeschlagen wurde. Danach zün­dete sich der Vernehmer genüsslich eine Machorka an, während der Dolmetscher schrie: ‚Warum lügst Du? Ein russi­scher Soldat tut so etwas nicht!’“ Dazu kamen die Ver­hältnisse, in denen die Überre­dungs­künste ausprobiert wurden: „Ohne Reinigungsmöglich­keiten und medizi­nische Versorgung vegetierten wir wie Aussätzige dahin. Krätze und Läuse­fraß, von Wanzen fast aufgefressen verfaulten wir am ganzen Körper buchstäblich bei leben­digem Leibe. Die Wunden eiterten so stark, dass uns der Eiter am Körper hinunterlief, sobald wir uns nur bewegten.“ Freilich, die Verhältnisse, in denen am Ende die Überredungskünste nichts mehr nütz­ten, hatten sich im Lauf der Jahre verändert. Anstelle des massenhaften Ein­sperrens und bru­talen Folterns ging man bald weicher, psy­chologischer vor. Die „Zersetzung“, so der Fach­ausdruck, von Familien, Freundeskreisen und Personen hinterließ kaum Spuren der Täter, aber genauso brutale Folgen. Die DDR war neben Ungarn Weltmeister in der Selbstmord­quote. Die geheime Staatspolizei, offiziell Ministerium für Staatssicherheit (MfS), umgangs­sprachlich Stasi genannt, wurde zur größten Netzwerk-Firma der DDR ausgebaut. Die allge­genwärtige Bespitzelung kam erst nach dem Zusammenbruch ans Licht: Der Stasi-Experte im Westen, Karl-Wilhelm Fricke, der selber vier Jahre in Bautzen saß, schätzte, dass es haupt­amtlich 17.000 Stasi-Mitarbeiter gab. Nach dem Zusammenbruch stellte sich jedoch heraus, dass etwa 91.000 Personen hauptamtlich beschäftigt waren und 189.000 inoffiziell spitzelten. Damit arbeitete also jeder 60. DDR-Bewohner für dieses geheim operierende Or­gan zum Schutze dieses Unrechtsstaates. Die nichtmilitärischen Außenposten der Stasi, wie Kaderleitungen und andere Kontroll- und Zensurorgane, sind hier nicht einbezogen. Sechs Millionen personenbezogene Akten wurden vom MfS in vierzig Jahren zusammengetragen, Briefe massenhaft geöffnet und gelesen, Telefonge­spräche abgehört, mitgeschnitten. Sogar Geruchsproben von Oppositionellen sammelte die Stasi, um sie bei Bedarf mit Spürhunden ver­folgen zu können. Zur Praxis der Einschüchterung gegen Uneinsichtige oder Unbestechli­che gehörten auch Morddrohungen und Entführungen. Terroristen aus dem Westen erhielten in der DDR Unterschlupf sowie eine neue Identität. Es stellte sich also heraus, dass die Me­thoden des DDR-Regimes noch grausa­mer waren, als von den meisten Opfern und Kritikern vermutet, obwohl Akten, die ihre Mordanweisungen und Terrorkonzepte bargen, bis auf win­zige drei Ausnahmen noch vernichtet werden konnten. Vieles ließe sich nun mühsam auflisten und bezeugen, aber philosophisch bleibt zu fragen, was steckt hinter dieser Erscheinung, was macht ihr Wesen aus? Das Globalisierungsdenken, hinter dem sich kollektivisti­sche Ambitio­nen verbergen, zielt auf ein Ende der Nationalisierung des Men­schen. Die bis ins Perverse hin­einreichenden Emanzipationsbestrebungen, aus denen hervorsickert, dass einem nicht nur das angeborene Geschlecht, die Zeu­gung und Erziehung eigener Kin­der, manchem Architek­ten gar die Schwerkraft oder einigen Philosophen - ja, sogar Politikern! - die Muttersprache lästig wird, entwurzeln den Men­schen, be­freien ihn angeblich von allen Fesseln und aus Zwingburgen. So revol­tiert er, oft schon auf der kriminellen Schiene und zudem vom Staate sozial subventioniert, gegen die „Launen der Natur“, führt mit Lenin unter der Frage „Was tun?“ ei­nen „Kampf gegen die Spontaneität“, anderer­seits gegen alle gesellschaftli­chen Ord­nungsstrukturen, die nicht seiner Utopie von einer freien, gleichen und zu­dem brüderlichen Weltordnung entsprechen. Wie und womit verteidigt sich die Gesellschaft? Indem sie sich, wie Günter Rohrmo­ser erkennt, „an der Gegenwart festkrallt, gegen die Zukunft schlechthin und den Glauben an eine sinnvolle lebenswerte Zukunft. Ich bin überzeugt, dass diese katastrophale Geburtenent­wicklung mit diesem Verlust an Zukunft, Zukunftsglaube und -zuversicht zutiefst zusammen­hängt. Ein Volk, das für sich keine bessere, wenn auch vielleicht andere Zukunft mehr sieht, hat keinen Grund mehr, als das zu tun, was die Deutschen tun, nämlich zu verteidi­gen, was sie haben und das um fast jeden Preis.“Die christliche Trias „Glaube, Hoffnung, Liebe“ wurde längst durch die von allem An­fang blutgetränkte Propa­gandaformel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlich­keit“ der französischen Revolutionäre verdrängt. In einer Rede über die Organi­sation der Nationalgarden sprach sich der „Blutrichter der Fran­zösischen Revo­lution“, Maximilien de Robespierre, im Dezember 1790 dafür aus, die Worte „liberté, égalité, fraternité“ auf alle Uniformen und Flaggen zu schreiben. Obwohl das Vorhaben nicht angenommen wurde, dürften diese drei abstrakten Ideen dennoch mit zu den bekanntesten der Welt geworden sein. Doch anstelle des erwarteten Weihnachtsmanns und seiner Heinzelmännchen ritten die Apokalyptischen Rei­ter heran.
Ist es wirklich nur eine Entartung, dass jene Marxisten, die sich am heftigsten auf die Wertetrias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ beriefen, solche und an­dere Werte im Blut ertränkten? Die bestialischen Züge der Französischen Re­volution führten notwendig zu den bisher noch nicht überbo­tenen Massenmorden nationaler oder internatio­naler Sozialisten, die nicht nur die individuelle Freiheit abzuschaffen trachteten und den Staat zu einem totalitä­rem, militanten und streng isolierten Sklavenhaltersystem herabwürdigten, sondern auch jede Brüderlich­keit durch Misstrauen, Spitzelwesen, Angst und Schrecken vereitelten. Die Französische Re­volution darf daher mit Fug und Recht als Ge­burtsstunde des europäi­schen Totalitarismus be­zeichnet werden. Aus dem Kon­text der religionspolitischen Kämpfe in Frankreich stammt auch der Begriff „Dechristianisierung“, der in seiner Urform die gewalttä­tigen Aktionen klein­bürgerlicher Kreise gegen Kirche und Klerus, tödliche Angriffe auf Priester, Vergewalti­gungen von Nonnen, Verwüstungen der Gotteshäuser und Raub an kirch­lichen Schätzen ein­schloss. „Anhänger der Revolution“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, „verwendeten den Begriff zudem zur Be­schreibung des Abbruchs kirch­licher Tradition und Sitte, etwa mit Blick auf die Pensionierung oder die Heirat von Priestern. Déchristianisa­tion diente ihnen schließlich auch dazu, die Etablie­rung des neuen Vernunftkultes der Revo­lution zu rechtferti­gen.“
Haben Marquis de Sade und Auschwitz wirklich nur wenig ge­meinsam, wie die amerika­nische Philosophin Susan Neiman in ih­rem etwas anderen Philosophie-Geschichts­buch „Das Böse denken“ meinte?Allein schon Sades Biografie verrät viel von dem Urmuster vieler Revolutio­näre, die vorgaben, der Befreiung der Menschheit dienen zu wollen, wobei sie sich lediglich von ihren sadistischen Veranlagungen rein zu waschen suchten. Marquis de Sade wurde aufgrund seiner von ihm selber beschriebenen Sexual­praktiken und der von ihm verursachten gesellschaftlichen Skandale mehrfach inhaftiert. Der Begriff „Sadist“ leitet sich nicht zufällig von seinem Namen ab. Vor dem so genannten Sturm auf die Bastille 1789 schrie er der vor der Bastille demonstrierenden Menge zu: „Sie töten die Gefangenen hier drinnen!“ Wahr­scheinlich war dieses verlogene Geschrei einer der Gründe, die die Bevölke­rung dazu bewegte, die Bastille zu stürmen, die ja eigentlich nur ein Gefängnis vor­nehmer Leute war. Man konnte sich dort, wie de Sade selber, außerhalb beko­chen lassen und seine Zel­le nach Belieben möblieren. Kommt uns das nicht be­kannt vor? Verhielten sich die RAF-Terroristen im Westen und die herrschenden Staatsterroristen im Osten wesentlich anders? Und auf welcher Seite standen der Freiheitsphilosoph Jean-Paul Sartre, die protestantischen Pfarrer und Anwälte des Rechtsstaates? De Sade wurde 1790 infolge der französischen Re­volution vorü­bergehend entlassen. Trotz seiner aristokratischen Herkunft schloss er sich den extremistischen Jako­binern an und vertrat eine utopische Va­riante des Sozialis­mus, verwei­gerte dabei allerdings die Aufgabe seines Famili­enschlosses und Herausgabe seines Famili­en­vermögens. Unzählige „Salon-Kommunisten“, man denke nur an Karl-Edu­ard von Schnitzler, Oskar Lafontaine oder sozialisti­sche Gewerkschaftsbosse, taten und tun es ihm nach. Dem Dichter der Freiheit, Friedrich Schiller, ekelten nach an­fänglicher Sympathie bald „diese elenden Schinderknechte“ an. In einem Brief an den Herzog von Augustenburg bemerkte er den Fall des „aufgeklärten Menschen (...) bis zum Teuflischen hinab“.
Wie konnte es gelingen, dass die von bedeutenden Denkern entwickelte Totali­taris­mus-Theorie unter den fadenscheinigsten Argumenten zur Seite geschoben wurde? Wie konnte es passieren, dass die Erfahrungs­berichte und Bü­cher Tau­sender Zeitzeugen, die den totalitären Diktaturen ent­flohen waren, im angeblich „herrschaftsfreien Diskurs“ der westeuro­päischen Intelligenzija kaum noch ein Rolle spie­lten? Warum wollte oder konnte das Verstehen nicht mehr im Sinne Dil­theys „in die fremden Le­bensäu­ßerungen“ mittels einer „Transposition“ in die Fülle eigener Erlebnisse und Er­kennt­nisse durchdringen? Es gibt Fra­gen, die ei­nen nicht mehr nach Antwort su­chen lassen, weil das Ergebnis einem die Neugier abgewöhnt. Doch das Fragen kann auch als eine Kunst ver­standen werden, die das Weiterfra­gen befördert. Der Horizont des Fragenden hebt sich vom Horizont, von dem aus das Gefragte verstanden wurde, selbstverständlich ab. Die Zusammen­kunft dieser beiden Ho­rizonte, also die Bildung eines neuen, bezeichnete Gadamer als „Hori­zontver­schmelzung“. Fragen bedeutet also nicht das bloße Verstehen einer fremden Meinung, sondern das Offenlegen von Sinn­möglichkeiten. Von mit Steuergeldern subventionierten In­tellektu­ellen, gar mit Machtman­daten versehenen, ist wenig zu erwarten. Sie sind zumeist nur Bedenkenträger ohne Mut und Demut. Ihr Ver­ständnis gründet sich auf der Angst vor dem Verhängnis, das sie wieder in die Anonymität zurückholen könnte. Dabei sind die großen Bewegungen der jüngs­ten Geschichte in Europa hauptsächlich von den Un­bekannten ausge­gangen, von denen, bis auf wenige Aus­nahmen, kaum jemand berühmt wurde und einige so­gar hingerichtet wurden, ohne als Märty­rer ins Bewusstsein ihres Volkes einge­gangen zu sein. „Von den niederge­schla­genen Revol­ten“, so der deutschstämmige französische Philosoph André Glucksmann, „in Berlin 1953 über Posen und Buda­pest 1956 bis zum Prager Frühling, vom Sieg von Solidarność in Polen bis zum Fall der Berliner Mauer, haben ohnmächtige Re­bellen den Kontinent geeint.“ Kein Wunder, dass die Profiteure dieser Eini­gung gern ihre jämmerliche Rolle vergessen machen wollen, die sie dabei spielten, seien es die französi­schen und englischen Staatsoberhäupter oder die vielen deutschen politischen Krakeeler um „Joschka“ Fischer, Claudia Roth oder Jürgen Trittin, die bis zu­letzt gegen die deutsche Einheit Gift und Galle spuckten, sich dann aber nicht scheuten, mit aller Macht und der dazugehöri­gen Wichtig­tuerei das ganze Volk regieren zu wollen, als sei nichts geschehen.
Ihr Nichtverstehen der Geschichtsmöglichkeiten, das auf der schon beschränkt zu nen­nenden Fixierung auf die 12 Jahre entgleister Geschichte beruht, lässt sie wie Irrende - kurz gesagt: Irre - die nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie wollen, das Staats­ruder nach den Launen des Windes und der Wellen förm­lich aus dem Ruder lau­fen. Land ist nicht in Sicht, aber es geht laut und fröhlich zu auf der Titanic, die mit linker Schlagseite hin und her getrieben wird. Und je­den Tag gehen die Besten über Bord, während Meinungsmacher darin ein Gleichnis sehen: „Dialektisch gesehen ist es mit Marx und dem Kapitalismus so, dass es den ei­nen nicht ohne das andere geben kann. Weil das System, so lange es existiert, immer diese leben Fragen aufwirft, wird der Kopf, der darauf Ant­worten gefun­den hat, immer wieder auferstehen, immer wieder für tot erklärt werden, immer wieder beerdigt werden, immer wie­der auferstehen.“ („Der Spiegel“, 34/2005, S.45) Das hieße: Dummheit ist so unausrottbar wie der Irrtum. Damit Lassen sich alle Philosophie- und Theologielehrbücher genüsslich zu­schlagen.

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