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Erschienen in Ausgabe: No 61 (3/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Wer warum heute noch Freunde braucht

von Lisz Hirn

Gäbe man einem Menschen alle Herrlichkeit der Welt, was hilft´s, wenn er keinen Freund hat, dem er es sagen kann? (Catharina Elisabeth Goethe)

Wer kennt nicht die berühmte Strophe “Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt”? Aber wie schaut Freundschaft 2.0 aus beziehungsweise was ist unter dem Terminus “Freundschaft” eigentlich zu verstehen? Freundschaft kennzeichnet eine positive Anziehung und Beziehung zwischen Menschen, die sich durch Vertrauen, Sympathie, Wertschätzung und Verständnis auszeichnet. Es gibt Nutzfreundschaften, Zweckfreundschaften und die “reine” Freundschaft. So weit die Theorie, doch wie schaut die heutige Praxis aus?

Die moderne technologische Entwicklung ermöglicht uns neue Arten von Beziehungen zu pflegen und weitreichende Netzwerke herzustellen. Virtuelle Freundschaften bekommen immer größere Bedeutung in unserem Leben und nehmen immer mehr unserer Freizeit in Anspruch. In den letzten Jahren rückt in diesem Zusammenhang der Begriff “virtueller Freund” ins Zentrum der Diskussion. Virtuelle Freunde sind aus dem Cyber-Alltag nicht wegzudenken. Aber ein virtueller Freund - kann er ein adäquater Ersatz für einen Freund aus Fleisch und Blut sein? Kann er mehr als Nutz- oder Zweckfreund sein?
“Reale” Freunde werden heutzutage oft aufgrund virtueller vernachlässigt, manchmal sogar ersetzt. Da stellt man sich die Frage, ob es überhaupt noch zeitgemäß und terminlich vereinbar ist, reale Freundschaften zu pflegen. Befreundet wird nach dem Motto: Mehr Nutzen, weniger Mühe und weniger zeitlichen Einsatz. Das ist die neue Freundschaftsökonomie. Die virtuellen Freunde sind nie böse, wenn man mal keine Zeit hat, aber auch nie da, wenn man sie wirklich braucht. Die realen Freunde sind weit weniger pflegeleicht, also wofür brauchen wir sie dann? Was macht die “Realos” so wertvoll? Jean Paul charakterisiert den Wert der Freundschaft folgendermaßen:
Einen guten Freund zu haben ist von allen Gottesgaben die reinste, denn diese Art Liebe kennt keine wechselseitige Belohnung. Sie ist nicht ererbt wie bei der Familie. Sie ist nicht zwingend wie die zu einem Kind. Und sie verfügt nicht über das Mittel körperlicher Freuden wie in der Ehe. Deshalb ist sie eine unbeschreibliche Bindung, die eine weit tiefere Hingabe mit sich bringt als alle anderen.
(Jean Paul)
Diese Hingabe kommt im optimalen Sinne beiden Freunden gleichermaßen zugute, indem Fürsorge und Fürsprache sich gegenseitig fruchtbringend auf die Lebensführung auswirken. Ein guter Freund hilft in Sorgen, ist Ansprechpartner in Problemen und bietet kritische Stimme bei Entscheidungen und die Stimme der Vernunft bei Unmäßigkeit. Denn die Befriedigung falscher Bedürfnisse, wie seit den antiken Philosophen bekannt, führt zu innerer Unruhe, Verwirrung und schädlicher Erregung. Diese verkehrten und schmerzfördernden Bedürfnisse gilt es sich bewusst zu machen und zu meiden. Wer könnte dies besser als ein Mensch, der uns kennt und dem wir vertrauen können? Nichtige Bedürfnisse, die nur durch falsche Meinung entstehen, können beispielsweise durch das Ausräumen der falschen Meinung Ängste beseitigt werden, die die Seelenruhe, d.h. die Ataraxie, bedrohen. Diese Seelenruhe, so Epikur, ist dauernd bedroht und es gilt immer mithilfe der Vernunft abzuwägen, welche Entscheidungen man trifft, welche Meinungen man fasst. Zur Unterstützung empfiehlt er, in Kommunikation mit philosophischen Freunden zu treten. Diese tragen füreinander Sorge und Mitgefühl. Ein wesentliche Punkt in Epikurs Philosophie ist daher die Freundschaft. In diesem Punkt stimmt er mit vielen Intellektuellen der Antike wie Aristoteles überein und formt folgendes Motto: Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um die Gewissheit zu haben, dass wir sie brauchen würden. Freunde sollen um ihrer selbst willen gewählt werden, nicht nach ihrem Nutzen. In gewisser Weise sagt die Wahl der Freunde viel über den Wähler selbst: Der Edle wählt seine Freunde nach ihrem Charakter, der Unedle seine Freunde nach ihrem Nutzen für ihn aus. Freundschaft ist ein wesentlicher Faktor im Streben nach dem guten Leben. Sie trägt zur Erreichung bei, d.h. sie schafft die richtigen Voraussetzungen und unterstützt das Vorhaben.
In jedem Freund soll man seinen besten Feind haben.
Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widersprichst.
(Friedrich Nietzsche)
Viele spätere Philosophen stehen in der Tradition Epikurs, welcher die Freundschaft zu den Dingen rechnet, für die sich das Leben erst lohnt beziehungsweise erst lohnenswert macht. Denn was helfen einem alles Glück und aller Reichtum, wenn man niemanden hat, mit dem man diese teilen kann. Ein guter Freund hält immer einen Schirm für einen bereit: bei Sonne, um Schatten zu spenden, bei Regen, um vor der Nässe zu schätzen. Viel schwerer jedoch, als einen solchen Freund zu finden, ist selbst ein so guter Freund zu sein.
Freundschaft gehört zum menschlichen Leben dazu. Freund zu sein und einen Freund zu haben ist schon in Kindheitstagen wichtig für die Entwicklung von sozialer Kompetenz und Kontaktfähigkeit - und bleibt es bis zum Lebensende. Echte Freunde sind gesund und erwiesenermaßen auch lebensverlängernd, wenn auch schwer zu finden im Überangebot der neuen Medien und der konsumorientierten Spaßgesellschaft. Wer sie aber hat, der kann, so ein altes Sprichwort, nie ganz unglücklich sein.
Auf den Punkt gebracht: Einen treuen Freund an seiner Seite zu habe, das wiegt mehr als alles Unheil der Welt. Vielleicht sollte man dieses Motto im Hinterkopf haben, wenn man seine Freunde wählt oder das nächste Mal wahllos Freundschaftsanfragen auf seiner Facebook-Seite annimmt.

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