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| Erschienen in Ausgabe: No. 25 (2/2006) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
Review von Peter Bieris „Das Handwerk der Freiheit“
von Patrick Spät
Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 2003, 445 Seiten, ISBN 3-596-15647-5.
Peter Bieris Buch trifft den Nerv der Zeit. Die Debatte
um den freien Willen hat die Mauern der akademischen Elfenbeintürme
längst hinter sich gelassen und mittlerweile sogar ins Fernsehen
und in die Feuilletons Einzug gehalten hat. Die Frage nach dem freien
Willen ist eine der ältesten philosophischen Fragestellungen
überhaupt, doch Anfang bis Mitte des 20. Jh. wurde das Thema
aufgrund so epochaler Werke wie Gilbert Ryles The Concept of Mind
(1949), eine umfangreiche, an Wittgenstein angelehnte
Descartes-Kritik mit nachhaltigen Folgen, sowie des Siegeszugs
behavioristischer und biologistischer Schulen mit neuer Brisanz
behaftet. Diese Brisanz hat im aktuellen Zeitgeschehen keineswegs
abgenommen – im Gegenteil. Vermehrt machen sich Stimmen breit,
welche beispielsweise abweichendes Verhalten – insbesondere
Kriminalität – als ein bloßes Resultat defekter
neuronaler Verbindungen auffassen. Begriffe wie Schuld, Reue und
(moralische) Verantwortung drohen im Zuge dieser Biologisierung bzw.
Mechanisierung des homo sapiens (vernunftbegabter Mensch!) ihren
Anspruch auf Legitimität zu verlieren.
Warum dem nicht so sein muss, und weshalb die
Erkenntnisse der Neurowissenschaften unserem Bild eines autonomen,
aufgeklärten und willentlich handelnden Menschen nicht
zwangsläufig den Garaus machen müssen, legt der 1944 in
Bern geborene Bieri, Professor für Philosophie an der FU Berlin,
auf eindrucksvolle Weise in seinem Buch dar. Der Untertitel lautet:
„Über die Entdeckung des eigenen Willens“, und
diesem Slogan wird Bieri durchaus gerecht, denn die Methode seines
Werks ist nicht die klassische, akademische Abhandlung, gespickt mit
Fußnoten und Fachtermini. Der Adressatenkreis schließt
ausdrücklich auch interessierte Laien mit ein, und dieses
hochgesteckte Ziel erfüllt Bieri mit spielerischer Leichtigkeit,
indem er uns auf eine Reise mitnimmt, bei welcher wir immer wieder
dem Protagonisten aus Dostojewskis Jahrhundertroman Verbrechen und
Strafe begegnen:Rodion
Raskolnikov, ein bettelarmer, ehemaliger
Student, der sich aus Geldnöten dazu verleiten lässt (oder
sich selbst dazu verleitet?), eine alte, wucherische Pfandleiherin zu
ermorden, bei welcher er zuvor sein gesamtes Hab und Gut versetzen
musste, um überleben zu können. Der dem Leser fortwährend
servierte Fall Raskolnikov hat es in sich,
denn nachdem er verhaftet worden ist, stellt sich dem Richter wie
auch dem Leser von Bieris Buch die entscheidende Gretchenfrage: Ist
Raskolnikov lediglich ein Opfer
determinierter Umstände, so dass seine Tat unausweichlich
geschehen musste und er in dieser Hinsicht nicht zur
(moralischen) Verantwortung gezogen werden kann, oder aber ist er
voll und ganz schuldig, da er absichtsvoll und willentlich gehandelt
hat bzw. auch hätte anders handeln können?
Bieri votiert für die zweite Option, denn Bieris
Mantra lautet schlicht: „Frei ist man, wenn man auch anders
handeln kann“. Doch wie lässt sich dieses Mantra im Falle
Raskolnikov rechtfertigen? Haben wir nicht allerlei Determinanten,
welche die Mordtat nachvollziehbar, ja erklärbar und vielleicht
sogar vorhersagbar machen? Bieri überspielt solche Einwände
keineswegs und stimmt ihnen unter Vorbehalt sogar zu: Zwar lebten wir
in einer von Naturgesetzen und Kausalitäten beherrschten Welt,
doch diese Weltansicht schließe noch lange nicht die
Möglichkeit eines freien Willens aus. Bieri hält einen
Determinismus, der sich auch auf unser Verständnis von
Willensfreiheit erstreckt, für einen logischen non sequitur,
erwachsen aus sprachlichen Verwirrungen, welche die tatsächlichen
Umstände verkennen.
Die von uns erlebte Wirklichkeit lehrt uns, was
kein noch so durchtriebener Determinist wegvernünfteln kann
– unser Gefühl von Freiheit. Hier sind wir bei
einer zentralen Aussage Bieris angelangt: Statt sich auf äußere
Umstände und naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle zu
beschränken, müsse man die „innere Perspektive“
einnehmen. Und im Rahmen dieser inneren Perspektive fühlten wir
uns frei – gleich, was uns die Neuro- und andere
Naturwissenschaften über die Bedingtheit unseres Handelns
erzählen wollen. Bieri plädiert eingehend dafür,
Introspektion zu betreiben, um seinen eigenen Willen zu
erfahren.
Dabei registriert Bieri durchaus, dass unser Wille in
einem begrenzten Spielraum agiere: Die Idee einer unbedingten
Freiheit sei eine Fata Morgana. Ich kann noch so sehr im Lotto
gewinnen oder ein berühmter Opernsänger sein wollen
– die Wirklichkeit bzw. unsere physischen Fähigkeiten
machen einem solchen Wollen einen Strich durch die Rechung. Bieri
zeigt uns: Willensfreiheit ist nicht gleichzusetzen mit
Handlungsfreiheit! Diese Feststellung ist deshalb so bedeutend, da
der commonsense meist eine fehlgeleitete Definition des Begriffs der
Willensfreiheit besitzt: „Jemand ist frei, wenn er tun und
lassen kann, was er will“. Doch Bieri zeigt deutlich, dass dies
nicht der Fall sein kann. Des Weiteren stellt Bieri folgerichtig
fest, dass unser Wille nicht nur Grenzen bei der Ausübung, also
seiner Verwirklichung erfahre, sondern dass er überdies auch
durch andere Faktoren eingeschränkt oder manipuliert werden
könne, sei es durch Hörigkeit gegenüber Autoritäten
oder dem Konsum von Drogen. Von Willensfreiheit können wir nach
Bieri also nur dort reden, wo es „Spielräume möglicher
Handlungen gebe“, sprich dort, wo man auch anders handeln
könne.
Das Gegenteil von Freiheit bzw. vom Gefühl
der Freiheit sei Zwang, so Bieri. Und genau hierin stößt
der Determinismus an seine Grenzen, denn im Rahmen der inneren
Perspektive verspüren wir keinen Zwang, sondern vielmehr das
Gefühl der Willensfreiheit. Wenn ich überlege, ob ich einen
Apfel oder Schokolade essen möchte, dann bin ich der
verantwortliche Urheber meiner Entscheidung. Fällt meine
Wahl auf die Schokolade, so geschehe das als willentliche Handlung,
da ich mich als Auslöser, sprich als Urheber dieser Wahl
verstehe, und nicht etwa deshalb, weil ich von irgendwelchen
Determinanten dazu genötigt worden bin.
Doch Bieri bemerkt auch, dass die Analyse unvollständig
wäre, würden wir nicht betonen, dass unsere Freiheit nicht
einfach vom Himmel fällt. Urheber und Autoren unseres Lebens
werden wir erst durch einen fortwährenden Prozess der
Übung und des Verstehens: „In dem Maße, in dem die
Aneignung des Willens auf Artikulation und Verstehen beruht, handelt
es sich um einen Erkenntnisprozess. Wachsende Erkenntnis bedeutet
wachsende Freiheit. So gesehen ist Selbsterkenntnis ein Maß für
Willensfreiheit.“ Wir müssten unseren Willen und dessen
alltägliche Verwirklichung prüfen, kritisieren und abwägen,
sodass eine gewisse Übung und Feinfühligkeit im Umgang mit
unserer Willensfreiheit ermöglicht werde. Kurzum: Freiheit
ist ein Handwerk!
Peter Bieri hat ein wortgewandtes, gut lesbares und vor
allem ideenreiches Plädoyer für die Willensfreiheit
verfasst. Er bekennt ehrlich, dass das Problem äußerst
vertrackt ist und dass sein Werk deshalb keineswegs einen
Schlussstrich setzen kann... und damit sind wir beim altbekannten
Problem angelangt: wissenschaftliches Weltbild vs. gefühlte
Freiheit.
Der in Berkeley lehrende Philosoph John R. Searle (2004)
beispielsweise betont gleich Bieri, dass wir die starke Intuition
von einem freien Willen nicht einfach leugnen können, indem wir
auf neurowissenschaftliche Erklärungsmodelle verweisen. Denn im
Gegensatz zu deren Laborkultur machen wir Menschen schon bei
banalsten, alltäglichen Situationen Erfahrung mit unserer
Willensfreiheit. Niemand würde auf die Frage eines Kellners, was
man denn zu essen wünsche, antworten, dass man eben Determinist
sei und deshalb einfach abwarten müsse, was nun passiere und was
man schließlich essen werde. Kurzum, wir entscheiden uns
für eine Speise unserer Wahl, und selbst dann, wenn man
sich der Erklärung dieser Wahl mit neurobiologischen,
deterministischen Theorien annähert, verbleibt dennoch das
unauslöschliche Gefühl, dass wir es sind,
die da entscheiden. Ich denke, dass Bieris Beschreibung dieser
starken Intuition nicht aus dem Weg zu räumen ist. Es ist ja
nicht so, dass wir einer Halluzination unterliegen würden –
die von Bieri immer wieder betonte „innere Perspektive“
ist erlebte Realität und in dieser Hinsicht eine empirische
Entität, die bisher kein neurowissenschaftliches Modell zu
erklären, geschweige denn zu desillusionieren vermochte. Und es
ist fraglich, ob wissenschaftliche Erklärungsmodelle das
überhaupt irgendwann einmal zustande bringen werden. In einem
Artikel beschreibt Bieri diesen Umstand mit einer treffenden Analogie
(Bieri 2005):
Wenn wir ein Gemälde betrachten, so können wir
dies aus verschiedenen Perspektiven tun. Aus der einen (der
objektiven) ist das Bild 30 kg schwer, hat den und den Handelwert,
ist mit Öl gemalt etc. Aus der anderen jedoch (der subjektiven)
ist das Gemälde schön, hässlich oder kitschig, es hat
die und die Aussage und Bedeutung, wir können über die
Intention des Malers spekulieren etc. Nun sind beide Perspektiven
richtig – richtig in dem Sinne, da sie sich nicht auf eine von
beiden Perspektiven reduzieren lassen und sie deshalb beide ihre
Legitimation haben. Das gleiche gelte für das Problem der
Willensfreiheit, denn es wäre ein Kategorienfehler, wenn wir
sagten, dass das Hirn entscheidet und nicht wir, da beim Entscheiden
von Gründen, Überlegungen und Verantwortung die Rede ist
und nicht bloß von Ursache und Wirkung.
Oder anders formuliert: Würde der Richter
Raskolnikov freisprechen, wenn er wüsste, dass Raskolnikov
keinen freien Willen habe? Nein! Unsere Intuition, unser Gefühl
sagt uns, dass wir ihn schuldig sprechen müssen, weil er für
seine Tat verantwortlich zu machen ist. Es käme ja auch kein
Richter auf die Idee, Raskolnikov freizusprechen, bloß weil
dieser darwinistischen Gesetzen unterliege, obgleich sich die
Evolutionstheorie Darwins als wissenschaftlich korrekt
erwiesen hat. Ebenso wenig würde es einen Freispruch geben, wenn
sich die Experimente Benjamin Libets (1993) als Indiz dafür
anwenden ließen, dass wir keinen freien Willen haben.
Doch manchmal scheint es, als stimme Bieri einem
fatalistisch gefärbten Weltbild zu, und zwar an jenen Stellen,
an welchen seine Definition des Freiheitsbegriffes zu schwanken
beginnt. Laut Bieri herrsche immer dort Freiheit, „wo mein
Wille sich meinen Urteilen fügt“. Es liegt nahe,
anzunehmen, dass diese Urteile durch und durch biologisch oder
gesellschaftlich determiniert sind. Kann man Urteile nicht
als Reaktion auf biologische Funktionen auffassen, der
Ausschüttung von Hormonen oder dem reizgesteuerten Feuern von
Neuronen? Können Urteile nicht aus einem funktionalistischen
trial-and-error Prinzip erwachsen, wie es
uns die Behavioristen ans Herz legen? Wenn sich diese Theorien
faktisch bestätigen sollten, dann können Gefühle
und andere Entitäten nicht mehr die Rolle spielen, die Bieri
ihnen zuweist.
Richtig – noch kann es sich Bieris Idee der
Willensfreiheit leisten, solch kritische Ansätze außen vor
zu lassen, doch was werden zukünftige Forschungsergebnisse zu
Tage fördern? Bieri räumt zwar ein, dass unser Wille durch
unsere Lebensgeschichte bedingt sei, doch gleichsam verweist er auf
sein Mantra „Ich hätte auch etwas anders wollen können“
und folgert weiter: „Die Offenheit der Zukunft, die wir für
die Freiheitserfahrung brauchen, liegt im Spiel der Einbildungskraft.
Und nur in diesem Spiel. [...] Als vorgestellte Möglichkeiten
üben sie echten und tatsächlichen Einfluss auf den Willen
aus, der durch diesen Einfluss zu einem freien Willen wird.“
Einerseits sind die äußeren Umstände und
damit die Zukunft determiniert, andererseits ist die Zukunft aus der
inneren Perspektive, einem Produkt der Phantasie, offen. Man kann
Bieri berechtigterweise vorwerfen, dass seine Folgerung, dass die
vorgestellten Möglichkeiten den Willen beeinflussten,
nichts als pure, spekulative Metaphysik sei. Schließlich bietet
Bieri ja nur eine Beschreibung der Umstände, und von
diesen kann man nicht ohne weiteres auf einen Ist- oder gar
Soll-Zustand schlussfolgern. Es ist fraglich, wie Bieri die
Bevorzugung der subjektiven Perspektive zu legitimieren vermag –
kann die andere, die wissenschaftliche Perspektive nicht ebenso ihren
Anspruch auf Richtigkeit einfordern?
Bieris Schlussfolgerungen bewegen sich auf dünnem
Eis, das die Neurowissenschaften in naher Zukunft zum Schmelzen
bringen könnten. Denn welchen Gehalt hätten Bieris Thesen,
wenn selbst die „innere Perspektive“ völlig
aufgeschlüsselt werden würde, sodass wir in der Lage sind,
jegliche Handlung zu erklären und gar vorherzusagen? Der GAU
würde dann eintreten, wenn wir via bildgebender Verfahren alle
Determinanten unseres Handelns ausfindig machen könnten,
und wenn diese technischen Möglichkeiten z.B. Einzug in die
Gentechnik oder Rechtssprechung halten würden. Es ist, wie
zuvor erwähnt, richtig, dass unser moralisches Empfinden bzw.
unsere erlebte Freiheit dadurch nicht einfach verschwindet. Wenn
wir aber tatsächlich in die Köpfe schauen könnten,
dann besteht die berechtigte, von Bieri nicht weiter beachtete
Gefahr, dass unsere Freiheitserfahrungen lediglich als schmückendes,
aber wirkungsloses Beiwerk einer perfekten Maschinerie betrachtet
werden. Wenn wir erst einmal (un-)dank der Technik bemächtigt
sind, in Raskolnikovs Hirn zu schauen und einen Faktor X
ausfindig zu machen, der seine Mordtat „erklärt“,
dann besteht die reale Gefahr, das Raskolnikov wohl oder übel
als Opfer seines Hirns, als bloßer Automat, betrachtet und vor
allem behandelt werden wird.
Das Hand-Werk der Freiheit wäre nur noch
Blend-Werk. Der Glaube an die Willensfreiheit wäre wie der
Glaube an Gott. Niemand kann solch einen Glauben weg-argumentieren,
doch die Welt, vor allem die der naturwissenschaftlichen Methoden,
funktioniert und erklärt sich in der Praxis
bestens ohne diesen Glauben. Wenn dieses Szenario eintreten sollte,
dann würden sich Bieris Ausführungen leider als pure
Illusion entpuppen, da sich die Idee der Verantwortung
buchstäblich in Luft auflösen würde.
Abschließend sei also betont, dass in dieser
Angelegenheit nicht Bücher oder Manifeste das letzte Wort haben
werden, sondern schlichtweg die tatsächlichen, zukünftigen
Entwicklungen der Wissenschaften – alles andere ist
Spekulation. Somit müssen wir konstatieren, dass sich Bieris
Buch mit einer offenen Frage beschäftigt, sodass wir zwar
kritische Anmerkungen vorbringen können, aber keine
stichhaltigen Argumente.
Eines zeigt Bieris Buch jedoch ganz gewiss: Was auch
immer die Zukunft bringen mag, wir müssen und sollten nicht
schicksalsergeben zuschauen, wie die Dinge ihren Lauf nehmen.
Vielmehr sollten wir uns einmischen, Prognosen wagen und vor Folgen
warnen, insbesondere vor einem allzu voreiligen Abschied der Ethik
und des alten Menschenbildes. Genau dieses Anliegen hat Bieri mit
seinem Werk eloquent und streckenweise auch recht überzeugend
umgesetzt, und deshalb ist es ein wichtiges und im wahrsten
Sinne des Wortes be-freiendes Buch.
Bieri, Peter (2003): Das Handwerk der Freiheit.
Frankfurt am Main: Fischer-Verlag
Bieri, Peter (2005): „Unser Wille ist Frei“.
DER SPIEGEL. Vol. 2/2005, S. 124-125.
Libet, Benjamin (1993): „The
Neural Time Factor in Conscious and Unconscious Events”.
Experimental and Theoretical Studies of Consciousness. Ciba
Foundation Symposium 174. New York: Wiley.
Ryle, Gilbert (1949): The Concept
of Mind. London: Hutchinson.
Searle, John R. (2004): Mind.
Oxford: Oxford University Press.
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