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| Erschienen in Ausgabe: No. 25 (2/2006) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Karim Akerma
Ich lebe und Sie leben. Soviel scheint gewiss.
Doch womit endet unser Leben? Sagen wir, unser Leben ist dann zu
Ende, wenn wir tot sind, so haben wir ein philosophisches Problem.
Sind wir nämlich tot, so sind wir nicht mehr. Der landläufige
Gebrauch des Wortes „sein“ führt in die Irre. Sage
ich: Mein Nachbar „ist“ tot, so unterstelle ich
unwillkürlich, dass ihm eine Eigenschaft zukommt. Wobei ich mich
doch gerade deshalb des Wortes „tot“ bediene, um
mitzuteilen, dass er aufgehört hat zu sein.
Offenbar ist das Hilfsverb „sein“
nicht geeignet, das zu transportieren, was wir mitteilen wollen, wenn
wir sagen, jemand sei tot. Eine sprachliche Alternative ist der
Ausdruck „existieren“. Statt zu sagen, „Mein
Nachbar ist tot“, müsste ich demnach sagen: „Mein
Nachbar existiert nicht mehr“. Prüfen wir diese Aussage
auf ihre Tragfähigkeit hin. Ist nicht schon die Frage „Wo
ist der Tote?“ geeignet, unsere Rede von seiner Nichtexistenz
zu widerlegen? Zweifelsohne befindet sich in der Nachbarswohnung ein
Leichnam. Aber dies ist eben nur der Körper eines Verstorbenen,
der Körper des nicht länger existierenden Nachbarn.
Was muss einem lebenden Wesen
widerfahren, soll es aufhören zu existieren? Und was kann einem
lebenden Wesen widerfahren, ohne dass es aufhört zu existieren?
Man nehme mir einen Fuß, ein Bein, Arme und Beine, den gesamten
Körper. So lange mein Gehirn bei entsprechender Versorgung mit
Nährstoffen und Reizen Bewusstsein realisiert, werde ich
existieren. Verschlechtert sich im Falle einer Alzheimer-Erkrankung
der Zustand meines Gehirns, werde ich irgendwann kein selbstbewusstes
Wesen mehr sein, sondern nur mehr ein selbst-loses Wesen. Gleichwohl
werde ich es sein, der da fortexistiert. Und kein anderer. Ich lebe
nicht nur so lange, wie ich denke, sondern solange, wie mein Gehirn
der Ort von Empfindung und Wahrnehmung ist.
Hören wir in dem Augenblick
auf zu existieren, da unser Gehirn kein – wie immer basales –
Bewusstsein mehr realisiert, so kann nicht gänzlich
ausgeschlossen werden, dass wir vorübergehend nicht existieren.
Nehmen wir nämlich an, dass unser Gehirn in bestimmten
Schlafphasen, während einer Bewusstlosigkeit, in der Narkose
oder im tiefen Koma keinerlei Bewusstsein hervorbringt, so existieren
wir für die Dauer dieser vollständigen
Bewusstseinslosigkeit genau dann nicht, wenn zutrifft, dass wir
essentiell das von unserem Gehirn realisierte Bewusstsein sind. Ob
unser Bewusstsein jemals vollständig erlischt ohne endgültig
zu erlöschen, ist unter Neurologen und Anästhesisten
strittig. Sollte es so sein, dass unser Bewusstsein niemals
vollständig erlischt, bevor es endgültig erlischt, so
existieren wir kontinuierlich bis zum Eintritt des „Tod“
genannten Ereignisses. Sollte es hingegen so sein, dass unser
Bewusstsein allnächtlich vollständig erlischt, so wäre
unsere Existenz eine diskontinuierliche: Wir existierten
vorübergehend nicht, um abermals zu existieren, sobald unser
Gehirn wieder Bewusstsein realisiert. Tiefer Schlaf wäre in der
Tat Todes Bruder – ersterer vorübergehende, letzterer
endgültige Nichtexistenz.
Machen wir ein Gedankenexperiment:
Ein über alle Maßen empörter Leser dieser Zeilen
zerstöre mein Gehirn in einer Schlafphase, in der es keinerlei
Bewusstsein realisiert. Folglich zerstörte er mein Gehirn zu
einem Zeitpunkt, da ich nicht existierte. Wann starb ich? Ich hörte
auf zu existieren, als mein Gehirn eine Weile nach dem Einschlafen
keinerlei Bewusstsein mehr realisierte. Ich legte mich in dem Glauben
schlafen, nur vorübergehend nicht existieren zu werden. Als ich
nicht existierte, wurde mein Gehirn, die conditio sine qua non meiner
Existenz, zerstört. Folglich hörte ich endgültig zu
existieren auf – in landläufiger Ausdrucksweise: ich
verstarb –, als mein Gehirn irgendwann nach dem Einschlafen
aufhörte, Bewusstsein zu realisieren. Durch die Zerstörung
meines Gehirns wurde ich, der ich nicht existierte, nicht getötet.
Allerdings wurde bewirkt, dass ich, der ich nicht existierte, niemals
wieder würde existieren können.
Wenn es so ist, dass es kein
Subjekt gibt, welches tot „ist“, eben weil der Tod das
endgültige Ende der Existenz jenes Subjekts bedeutet, dem
man Eigenschaften zuschreiben könnte, so bedeutet dies, dass wir
niemals tot sein werden. Denn niemals werden wir nichtseiend
sein. Folglich gibt es auch keine Toten, sondern nur die Körper
Verstorbener.
(Zur Homepage des Autors: www.akerma.de)
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