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| Erschienen in Ausgabe: No. 26 (3/2006) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Bernd Ehlert
Kant hat ein anderes Religionsverständnis vorgestellt, das die religiösen Widersprüche tiefgründig und nachhaltig löst. Mit diesem anderen Religionsverständnis kann auch der Konflikt mit der Evolutionstheorie, über die die moderne Naturwissenschaft zunehmend auch das geistige Sein und Verhalten des Menschen zu erklären sucht, zu einem einheitlichen Weltbild hin überwunden werden. Das ist dann keine rein theoretische und abstrakte Angelegenheit, sondern in der heutigen Globalisierung, in der die verschiedenen Religionen und Kulturen aufeinanderprallen und miteinander leben müssen, von ganz praktischem Interesse.
Die Problematik des Verhältnisses
zwischen der Religion und der Evolutionstheorie ist der jüngste
und aktuellste Fortgang der alten Auseinandersetzung zwischen der
Religion und der modernen Naturwissenschaft. Diese Auseinandersetzung
begann mit der Kopernikanischen Wende, die als Beginn der modernen
Naturwissenschaft verstanden werden kann. In der Kopernikanischen
Wende wurde mit Verstand und Vernunft eine grundlegende
Sinneswahrnehmung (die sich scheinbar um die Erde drehende
Sonne) und damit das bis dahin gültige und von der Religion
gestützte Weltbild als falsch entlarvt. Ihre Fortsetzung fand
diese Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie durch Charles
Darwin. Die Evolutionstheorie stellte eine weitere (Kopernikanische)
Wende im Selbstverständnis des Menschen dar und wurde ebenso wie
die erste von der Religion oder Kirche abgelehnt und bekämpft.
Zwischenzeitlich hat die Kirche zwar sowohl das moderne
kosmologische Weltbild und auch größtenteils die
Evolutionstheorie anerkannt, das letztere allerdings nicht
hinsichtlich des geistigen menschlichen Seins. Hier setzt die
Religion weiterhin auf übernatürliche statt natürliche
Erklärungen, Begründungen und Ziele.
Doch die moderne Naturwissenschaft
schreitet weiter fort, und heute wird besonders in der Soziobiologie
zunehmend auch das Verhalten und damit das geistige Sein des Menschen
über die Evolutionstheorie auf natürliche Weise erklärt.
Die moderne Naturwissenschaft macht sich daran, hier Anspruch auf die
letzte und wichtigste Bastion und damit die Grundlage des bisherigen
Religionsverständnisses zu erheben. Wenn auch das moralische
Verhalten, die seelischen Empfindungen und etwa in der Hirnforschung
allgemein das Geistige im Menschen zunehmend natürliche
Erklärungen finden, dann wird damit dem Glauben an
übernatürliche Wesen, Kräfte oder Einflüsse
endgültig der Boden entzogen. Als Gegengewicht zu dieser
Entwicklung kann das Aufkommen des Kreationismus verstanden werden,
der umgekehrt die Evolutionstheorie als solche mittels
übernatürlicher Ansätze wieder komplett in Frage
stellt. Mit dem herkömmlichen Religionsverständnis an
übernatürliche Dinge ist dieser Konflikt unlösbar, und
er wird mit dem weiteren Fortschreiten der natürlichen
Erklärungen des menschlichen Verhaltens, der Kultur und des
geistigen menschlichen Seins durch die moderne Naturwissenschaft an
Schärfe gewinnen.
Eine grundlegende Lösung dieses
Konfliktes ist aber nicht nur in Sicht, sondern liegt schon seit über
200 Jahren fertig vor. Immanuel Kants idealistische Philosophie, in
der die realen Gegenstände der Welt nicht unsere Erkenntnis
bedingen, sondern umgekehrt der Geist die Dinge der Welt, die dann
nur Erscheinungen sind, wird von vielen mit einer weiteren
Kopernikanischen Wende verglichen, auch von Kant selbst.i
Als wichtiger Teil seiner Philosophie stellt Kant dabei ein
völlig anderes Religionsverständnis vor, in dem die
Religion und ihre Aussagen relativiert werden. Das ermöglichte
damals schon eine tiefgründige Überwindung der
Widersprüche zwischen den verschiedenen Religionen und auch der
Spaltungen in den einzelnen Religionen. Doch dieses revolutionäre
Religionsverständnis von Kant hat sich bisher nicht
durchgesetzt.
Heute erlauben es jedoch diese fast
schon vergessenen Gedanken und Erkenntnisse von Kant zur Religion,
diese als vollkommen natürlichen Teil der kulturellen und
evolutionären Entwicklung des Menschen zu verstehen. Durch
diese Relativierung der Religion löst sich nicht nur das Problem
zwischen der Religion und der Evolutionstheorie auf. Es ist in der
heutigen fortschreitenden Globalisierung, in der die verschiedenen
Religionen und Kulturen aufeinanderprallen, eine auch in
praktischer Hinsicht immer dringendere Notwendigkeit, die
Widersprüche zwischen den verschiedenen Religionen zu
überwinden, da der religiöse Glaube oft genug das Motiv und
den Hintergrund gewalttätiger Auseinandersetzungen bildet und
die Globalisierung so in einen „Kampf der Kulturen“ zu
entgleisen droht. Die Frage und Auseinandersetzung um das Wesen
der Religion und damit um die Art des menschlichen Selbst- und
Weltverständnisses kann dabei sogar als der natürliche
Fortgang der Evolution selbst verstanden werden.
In seiner Religionskritik lehnt Kant
die Religion nicht pauschal als solche ab, denn „es ist
notwendig, dass unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
untergeordnet werde“ii.
Dabei benötigt nach Kant die Vernunft oder Eigenart des
menschlichen Denkens eine „wirkende Ursache“iii
sowie einen „entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder
einem anderen Leben“iv.
„Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht
sichtbare, aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der
Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung,
aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung“v.
Doch wenn die praktische Vernunft die Vorstellung von einem Gott
besitzt, „so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich
als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner
Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer
Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen,
und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten“vi.
Denn diese moralischen Gesetze waren es eben, „deren innere
praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen
Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen
Gesetzen Effekt zu geben“vii.
„Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das
Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil
sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche
Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind“viii.
Kant sieht die Gottesvorstellungen
oder Götter nur als bloße Hilfsmittel und nicht als „neue
Gegenstände“ an, um das eigentliche Ziel zu verwirklichen,
um das es geht, nämlich das sittlich-moralische Leben in der
Welt. So werden wir Kant nach „das Sittengesetz, welches uns
die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt“ix
nur dadurch heilig halten, „dass wir das Weltbeste an uns und
an anderen befördern“x.
„Die Moraltheologie ist also nur von immanentem Gebrauche,
nämlich unsere Bestimmung hier in der Welt zu erfüllen,
indem wir in das System aller Zwecke passen, und nicht schwärmerisch
oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch gesetzgebenden
Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen, um ihn unmittelbar an
die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen“xi.
Warum ist es „schwärmerisch
oder wohl gar frevelhaft“, die Moralgesetze an ein als real
angesehenes übernatürliches Wesen zu knüpfen, statt
dieses Wesen nur als Hilfsvorstellung anzusehen, um die Moralgesetze
durchzusetzen, die uns in diesem natürlichen Verständnis
„die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt“?
In dem von Kant kritisierten falschen Religionsverständnis
werden eigentlicher Zweck und Hilfsmittel vertauscht, da dabei das
eigentliche natürliche Erfordernis eines moralischen Verhaltens
nur als Hilfsmittel zu einem übernatürlichen Zweck hin
angesehen wird, der in dieser Übernatürlichkeit als real
und absolut verstanden wird. Hinsichtlich dieses übernatürlichen
und absoluten Zweckes entzweien sich aber nicht nur die
verschiedenen Religionen, sondern spalten sich sogar die einzelnen
Religionen in sich, von den Widersprüchen zur Philosophie und
modernen Naturwissenschaft ganz zu schweigen. Da es sich um
übernatürliche Dinge handelt, gibt es keine Möglichkeit
diese Widersprüche und Spaltungen in der Welt und mit Vernunft
und Verstand zu überwinden. Diese unlösbaren Widersprüche
hinsichtlich des übernatürlichen, absoluten Zweckes laufen
dem moralischen und sittlichen Verhalten durch diese Widersprüche
entgegen, in der Praxis dann oftmals in gewalttätiger
Weise. Das wird in der Regel aber gar nicht als größeres
Problem angesehen, da das moralische Verhalten ja nur ein Hilfsmittel
zu dem übernatürlichen, absoluten Zweck hin ist und die
Gewalt somit, da es um den übernatürlichen eigentlichen
Zweck selbst geht, erlaubt ist. In Kants Verständnis ist dagegen
umgekehrt das moralische und sittliche Verhalten in der Welt der
eigentliche und alleinige Zweck, um den es geht und die
übernatürliche Vorstellung das Hilfsmittel, und es ist in
diesem Sinne eben frevelhaft, in dem Streit um die Hilfsmittel gegen
den eigentlichen Zweck zu verstoßen.
Dieser eigentliche Zweck ist uns
nach Kant nicht durch eine übernatürliche Offenbarung in
einem bestimmten Volk oder einer bestimmten Kultur übermittelt
worden, sondern er wurde uns durch „die Vernunft aus der Natur
der Handlungen selbst [ge]lehrt“xii,
wobei „die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied
angelegen ist, keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu
beschuldigen sei“xiii.
Das heißt, dass der eigentliche Zweck, der sich ja aus der
Natur der Handlungen oder der Welt selbst heraus ergibt, sich dann
auch bei allen beteiligten Menschen und Religionen zeigt und äußert
und nicht nur in einer einzigen bestimmten, parteiisch und mit
übernatürlichen Begründungen in einer absoluten Weise
scheinbar hervorgehobenen Religion oder Kultur.
In Kants Verständnis sind die
religiösen übernatürlichen Vorstellungen nur
Hilfsmittel, um bestimmte natürliche Zwecke zu erreichen.
Grundsätzlich sind darin diese Hilfsmittel nicht etwas
Absolutes, Unveränderbares und einzig Richtiges, sondern etwas
dem jeweiligen natürlichen Zweck Angepasstes, d.h. dieser
natürliche Zweck ist in einer evolutionären Entwicklung
veränderbar. Die speziellen religiösen Vorstellungen und
Glaubensinhalte sind in einer evolutionären Perspektive in
dieser Weise der Ausdruck für bestimmte, dem jeweiligen
(kulturellen) Entwicklungsstand angepasste Werte und Verhaltensweisen
des Menschen. Naturvölker glauben so an Naturgottheiten, während
bei den sogenannten zivilisierten Völkern eine soziale
Verhaltensweise wie die der Nächstenliebe das Hauptthema ist.
Ein sehr aussagekräftiges
Zeugnis für die jüngste Veränderung der religiösen
Vorstellungen und damit der Verhaltensweisen des Menschen ist im
Alten Testament unter 5 Mose/Deuteronomium 20 zu finden. Hier
ist der Völkermord noch ein göttliches Gebot. Der
Völkermord ist dabei der Extremfall eines archaischen
Verhaltens, das wir als Fremdenhass kennen und das als innerartliche
Aggression auch bei Tieren sehr verbreitet ist, deren
Lebensgrundlage von einem bestimmten Territorium abhängig
ist. In der nachfolgenden Gottesvorstellung des Neuen
Testamentes ändert sich das radikal, der Völkermord wird
zur Todsünde und stattdessen wird die völkerübergreifende
Nächstenliebe zum bestimmenden Thema. Dieser Prozess und Wandel
vollzog sich jedoch nicht nur (parteiisch) in einer Religion oder
Kultur, sondern mehr oder weniger in allen Religionen und Kulturen.
Es ist in diesem natürlichen Verständnis ein Wandel,
der aufgrund der technisch-handwerklichen Entwicklung und der damit
verbundenen geänderten Lebensweise der Menschen notwendig wurde.
Im natürlichen Verständnis
der Entwicklung des menschlichen Seins ist dieser Wandel als
weitergehende Gen-Kultur-Koevolution keinesfalls abgeschlossen, wir
stehen in diesem Verständnis vielmehr erst mitten in diesem
Wandel. Die Überwindung des archaischen und instinktgesteuerten
Fremdenhasses durch ein verändertes Gottesbild und dem damit
verbundenen neuen Verhalten der völkerübergreifenden
Nächstenliebe war auch in dem natürlichen Verständnis
ein epochaler Schritt in der Entwicklung des Menschen, der durchaus
eine neue Zeitrechnung rechtfertigte. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass es im evolutionären Verständnis
im Menschen zwei völlig unterschiedliche Verhaltenssteuerungen
gibt, einmal das angeborene, instinkthafte und genetisch verankerte
Verhalten und das kulturell erworbene, gelernte Verhalten, das
auch nur auf dieser Ebene tradiert wird. Das neue Verhalten der
stetigen völkerübergreifenden Nächstenliebe ist
deswegen ein epochaler Schritt, weil hierbei eine kulturelle
Verhaltensweise nicht in Richtung einer zugrundeliegenden
instinkthaften liegt und diese verfeinert, verbessert und
weiterentwickelt, sondern sich wohl zum ersten Mal eine kulturelle
Verhaltensweise strikt und konsequent gegen einen bedeutenden
Instinkt stellt, um diesen ganz auszuschalten. Das ist jedoch
letztlich nicht möglich, da die instinkthafte Verhaltensweise
genetisch verankert ist. Es ist die grundsätzliche Problematik
der Gen-Kultur-Koevolution, dass unangepasst gewordene instinkthafte
Verhaltensweisen, die allgemein auf dem Recht des Stärkeren
beruhen, nur kulturell überdeckt werden und so jederzeit wieder
hervorbrechen können, was auch im Falle des Fremdenhasses bis
heute konkret erfahrbar ist. Hier findet die allgemeine dauernde
Notwendigkeit eines weltlichen Strafrechts und der religiösen
Moralverpflichtungen ihre ganz natürliche Erklärung.
Dieser epochale und bedeutende
Schritt im Fall des Fremdenhasses geschah jedoch nicht direkt und
ausschließlich über die nur dem Menschen zukommende und
seine kulturelle Entwicklung kennzeichnende Eigenschaft von Vernunft
und Verstand, sondern indirekt über den religiösen Glauben
an übernatürliche Dinge. Der religiöse Glaube kommt
zwar ebenfalls nur dem menschlichen Sein zu und ist wohl so alt wie
das menschliche Sein, steht aber aufgrund dieses Alters und seines
Widerspruches zu Vernunft und Verstand, wie sehr offensichtlich in
den Sekten und im Aberglauben offenbar wird, in Verdacht, selbst noch
instinkthafte Elemente zu enthalten. Das Instinkthafte zeigt sich
dabei wie stets auf der gefühlsmäßigen oder
emotionalen Ebene. In seinen Widersprüchen, die gerade in der
heutigen Globalisierung, in der die verschiedenen Religionen und
Kulturen aufeinanderprallen, offenbar und zum Problem werden, wird
der religiöse Glaube an übernatürliche Dinge selbst zu
einem mehr und mehr unangepassten Verhalten.
Der nächste Schritt in der evolutionären
Entwicklung des Menschen besteht im Verständnis einer weiter
gehenden Gen-Kultur-Koevolution dann darin, dass der Mensch ganz nach
Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“
den Mut aufzubringen hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen,
um aufgrund der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und der
herrschenden globalisierten Umstände zwischen und in den
Religionen zu erkennen, dass alle Erkenntnisse, Erwartungen und
Bilder eines Jenseitigen nicht in einem absoluten Sinne wahr, sondern
bloße Hilfsmittel sind und es damit auch keine übernatürlichen
Einflüsse auf diese Welt und das Sein des Menschen gibt (was
nicht heißt, dass es damit überhaupt kein Jenseits der
Welt geben kann). Dadurch würde nachvollzogen, was sich als
Grundsatz und Methode in der modernen Naturwissenschaft schon lange
äußerst erfolgreich bewährt hat, nämlich die
Nichtberücksichtigung übernatürlicher Kräfte oder
Wesen.
Die Ausdehnung dieses Prinzips auch
auf die Religion würde darüber hinaus im Sinne einer
stetigen Gen-Kultur-Koevolution dem Geistigen des Menschen zum
endgültigen Durchbruch und zum bestimmenden Teil seines Wesens
verhelfen, in dem der Mensch auch die tieferen Schichten seines
eigenen Seins und Verhaltens nicht mehr übernatürlich und
gefühlsmäßig, sondern natürlich und
vernunftmäßig versteht und begründet. Dann könnte
er sein heutiges unangepasstes Verhalten genauso erkennen und
überwinden, wie er viele Krankheiten und Seuchen durch das
Erkennen der natürlichen Ursachen überwunden hat. Magische
Beschwörungsformeln an übernatürliche Kräfte
konnten vielleicht in begrenzter Weise Krankheiten (auf der
psychosomatischen Ebene) heilen, doch eher indirekt und zufällig.
Dieses Prinzip gilt dann auch hinsichtlich einer unangepasst
gewordenen sozialen Verhaltensweise des Menschen, d.h. der religiöse
Glauben an übernatürliche Dinge als Maßstab des
Selbstverständnisses und Verhaltens stößt heute
an seine Grenzen und wird selbst zum Problem und zu einem
unangepassten Verhalten, das nur durch den Verstand und die Vernunft
überwunden werden kann. Das bedeutet nicht die Eliminierung von
Gefühlen und Emotionen, aber doch deren Unterordnung unter
Verstand und Vernunft.
Ein rein natürliches Selbst-
und Weltverständnis des Menschen, das er dann ganz nach Kant und
der Aufklärung nicht mehr übernatürlich begründet,
übernatürlichen Einflüssen ausgesetzt sieht und
mit dem er nicht mehr übernatürliche Ziele verfolgt, ist
dabei keine bloße theoretische Einsicht, sondern etwas,
das „uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst
lehrt“, nämlich der Natur der Handlungen des menschlichen
Umgangs und Miteinanders in einer globalisierten Welt. Der
Kreationismus kann mit seinen übernatürlichen Bezügen
nur scheinbar den Widerspruch zwischen der Religion und der Evolution
lösen, aber in keiner Weise die Widersprüche hinsichtlich
der übernatürlichen Bezüge zwischen verschiedenen und
in den einzelnen Religionen. Welche der verschiedenen
naturwissenschaftlichen, philosophischen, religiösen oder
politischen Weltanschauungen sich in der weiteren Entwicklung auf
welche Weise durchsetzt, ob rein durch Vernunft oder durch Emotionen
oder gar Gewalt, ist dabei nichts anderes als die weitere
Gen-Kultur-Koevolution selbst. Der eleganteste, harmonischste
und angepassteste Weg ist es zweifellos, wenn das Finden neuer
Verhaltensnormen und der zugehörigen Weltbilder rein auf
geistige und vernünftige Weise erfolgt, was dann auch heißt,
ohne übernatürliche Bezüge, Begründungen und
Ziele. Dass dieser vernünftige Weg wie allgemein bestimmten
Emotionen und Gefühlen des menschlichen Seins zuwiderläuft,
ist das Kreuz, das der Mensch in der weiteren Gen-Kultur-Koevolution
aufgrund der Besonderheiten der evolutionären Entwicklung zu
tragen hat.
Der Sport und seine
Großveranstaltungen erfüllen im Leben des modernen
Menschen und der modernen Gesellschaften eine wichtige kultivierte
Ableitungsfunktion hinsichtlich instinkthafter Verhaltensweisen.
Solch eine Möglichkeit muss auch die Religion finden, d.h. dass
der religiöse Glauben nur in einem fairen Wettstreit mit seinen
konkurrierenden Formen zugunsten des sozialen Fortschritts und
allgemein des vernünftigen Lebens auf diesem Planeten ausgeübt
wird. Die Absoluthaltung und generelle Bevorzugung eines bestimmten
Glaubens wäre dabei ein eklatanter Verstoß gegen die
Regeln eines fairen und kultivierten Wettbewerbs. Evolution auf
der geistigen und kulturellen Stufe des Menschen bedeutet
Auseinandersetzung und Entwicklung unter gerechten, fairen und
vernünftigen Regeln bzw. eine geistige Auseinandersetzung und
Entwicklung ohne rein emotionale oder gar gewalttätige Elemente.
Dadurch wäre ein kultiviertes, angepasstes und vernünftiges
Verhältnis der Religionen in einer globalisierten Welt
gewährleistet, wodurch sie auch nur in diesem evolutionären
(Selbst)Verständnis ihren eigentlichen Zweck verwirklichen und
nicht „schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft“
verfehlen würden. Zu diesem Verständnis kann der Mensch aus
Vernunft und geistiger Einsicht gelangen, oder es wird ihm nach Kant
„die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehr[en]“.
I. Kant: Kritik der reinen Vernunft, B. 2. Auflage 1787, Hamburg ²1998.
i
I. Kant, Kritik der Reinen Vernunft, B XVI - B VII.
ii
I. Kant, KrV, B 840.
iii
ebd.
iv
ebd.
v
I. Kant, KrV, B 841.
vi
I. Kant, KrV, B 846.
vii
ebd.
viii
I. Kant, KrV, B 847.
ix
ebd.
x
ebd.
xi
ebd.
xii
ebd.
xiii
I. Kant, KrV, B 859.
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