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| Erschienen in Ausgabe: No. 26 (3/2006) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Dr. Stefan Bleecken
Über
Goethe ist so viel gesagt und geschrieben worden, daß man den
Eindruck haben muß, es gäbe bei diesem einzigartigen
Menschen nichts Neues zu entdecken. Dieser Eindruck ist jedoch
falsch. Wer sich näher mit dem Naturwissenschaftler Goethe
beschäftigt und wer dabei völlig vorurteilsfrei vorgeht und
sich nicht von der 200 Jahre alten Rufmordkampagne der herrschenden
Naturwissenschaft gegen Goethe irre machen läßt, der wird
in dessen naturwissenschaftlichen Schriften einen bisher
weitgehend unbekannten Kontinent des Denkens entdecken. Gemeint ist
der Begriff Goethes von der Natur, der uns modernen Menschen fremd
und unverständlich geworden ist und der sich von unserem
modernen Naturverständnis grundsätzlich unterscheidet. Die
unüberbrückbare Kluft zwischen dem Goetheschen und dem
modernen Naturbegriff wird erkennbar, wenn die Goethesche und die
moderne Naturwissenschaft gegenübergestellt werden.
Der englische Physiker und Mathematiker Isaac Newton,
der hundert Jahre vor Goethe lebte, begründete eine neue Art von
Naturwissenschaft, die sich heute „moderne Naturwissenschaft“
nennt, und in der Folge auch ein neues Zeitalter, welches sich
ebenfalls „modern“ nennt und in geistiger und materieller
Hinsicht auf den Schultern dieser Wissenschaft steht. Die neue
Naturwissenschaft, deren Aufkommen Goethe selbst miterlebte,
unterscheidet sich grundlegend von der Naturwissenschaft, wie sie
Goethe verstanden und betrieben hat. Diese neue Naturwissenschaft
krankt an einer maßlosen Selbstüberschätzung und
behauptet bis zum heutigen Tag, daß sie die einzig richtige und
daher die einzig mögliche wäre. Dies ist jedoch ein Irrtum.
Die geistigen Grundlagen der modernen Naturwissenschaft wurden während eines historisch extrem kurzen Zeitraums im 17. Jahrhundert gelegt. Dieser Zeitraum, in dem eine regelrechte Explosion auf geistigem Gebiet stattfand, wird als "wissenschaftliche Revolution" bezeichnet. Die vier Männer, die diese Revolution hervorriefen, waren Francis Bacon, René Descartes, Galileo Galilei und Isaac Newton, sie gelten als die Gründungsväter der modernen Naturwissenschaft. Bacon gab die Parole aus: "Wissen ist Macht!" und forderte die Wissenschaftler auf, die Natur auf die Folter zu spannen, um sie zur Preisgabe ihrer Geheimnisse zu zwingen; als Ziel der neuen Wissenschaft wird die Beherrschung der Natur durch den Menschen definierti
Der Beitrag von Descartes an dieser Entwicklung bestand in der analytischen oder zergliedernden Denkmethode, wonach Gedanken und Probleme, die sich als Ganzes einer Bearbeitung entziehen, in Teile zerlegt und diese in ihrer logischen Ordnung aufgereiht werden können.ii
Galilei führte das Experiment in die Wissenschaft ein und lenkte die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf die quantifizierbaren Eigenschaften der Materie. Sein Credo: "Zu messen, was man messen könne, und meßbar zu machen, was man noch nicht messen könne", ist zu einem methodischen Grundaxiom der modernen Naturwissenschaft gewordeniii
Newton veröffentlichte im Jahre 1687 sein epochemachendes Werk Philosophiae naturalis principia mathematicaiv (Mathematische Prinzipien der Naturlehre) und legte damit die Grundlagen für eine neue Art von Naturwissenschaft, die sich heute als "modern" bezeichnet; die wissenschaftliche Revolution erreichte damit ihren Gipfelpunkt und fand gleichzeitig ihren Abschluß. Newton war es erstmals in der menschlichen Geschichte gelungen, ein für ganz unterschiedliche physikalische Phänomene gültiges Prinzip in eine mathematische Form zu bringen. Die nach ihm benannten Gesetze der Mechanik stellten die erste geschlossene mathematische Theorie der Welt dar, mit ihrer Hilfe wurde es möglich, alle damals bekannten Phänomene der terrestrischen und Himmelsmechanik mathematisch zu beschreiben und einer Voraussage zugänglich zu machen.
Angesichts der triumphalen Erfolge
seiner Theorie glaubte Newton der neuen Wissenschaft den Weg mit den
Worten weisen zu können: „Lasset die substantiellen Formen
und die verborgenen Qualitäten beiseite und führt die
Natur auf mathematische Gesetze zurück.“v
Dieses Credo, dem sie bis heute folgt, hat die neue Wissenschaft zu
einem zentralen Dogma erhoben; danach ist nur das existent und
erkennbar, was analysiert, gemessen und mathematisch beschrieben,
was "objektiviert" werden kann. Durch die Erfolge, welche
die moderne Naturwissenschaft und die von ihr hervorgerufene Technik
bei der Beherrschung der Natur errungen haben, hat sich dieses Credo
zu einem zentralen Dogma verfestigt; dieses Dogma stellt das geistige
Fundament dar, auf dem sich die neue Wissenschaft von der Natur
gründet.
Die von der modernen Naturwissenschaft verwendete
zergliedernde oder analytische Methode führt immer auf
Phänomene, die sich messen und mathematisch beschreiben lassen,
mit anderen Worten, diese Methode führt immer auf materielle,
objektivierbare Phänomene. Alles das, was das Lebendigsein, was
das Sinnliche und was das Geistige ausmacht, wird durch die
Zergliederung aus dem wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß
ausgeschlossen. So kommt es, daß die moderne Naturwissenschaft
bis zum heutigen Tag noch nicht zu der Erkenntnis vorgestoßen
ist, daß zwischen einem Stein und einem Menschen ein
wesentlicher Unterschied, d. h. ein Unterschied im Wesen besteht. Da
diese Wissenschaft mit ihrer Methodologie immer wieder auf
materielle Phänomene stößt, behauptet sie, daß
es in der Realität ausnahmslos nur materielle Phänomene
gibt und andersartige Phänomene reine Gedankengespinste
sind, die in der Wissenschaft nichts zu suchen haben. Dies ist kurz
gesagt der Inhalt des materialistischen Weltbildes der modernen
Naturwissenschaft.
Das materialistische Zentraldogma der modernen
Wissenschaft ist am eindeutigsten von Albert Einstein formuliert
worden. In der Rede, die Einstein zum 60. Geburtstag von Max Planck
gehalten hat, heißt es:
... die allgemeinen Gesetze, auf
die das Gedankengebäude der theoretischen Physik gegründet
ist, erheben den Anspruch, für jedes Naturgeschehen gültig
zu sein. Aus ihnen sollte sich auf dem Wege reiner gedanklicher
Deduktion ... die Theorie eines jeden Naturprozesses einschließlich
der Lebensvorgänge finden lassen. Und weiter heißt es
dann: Höchste Aufgabe der Physiker ist also das Aufsuchen jener
allgemeinsten elementaren Gesetze, aus denen durch reine Deduktion
das Weltbild zu gewinnen ist.vi
Die Anwendung der von Newton und seinen Nachfolgern
aufgefundenen physikalischen Gesetze in der Technik war der
Beginn eines beispiellosen Siegeszuges der modernen
Naturwissenschaft und dieser Siegeszug wiederum war und ist der
Grund für den kritiklosen Glauben der modernen Gesellschaften,
daß die von dieser Wissenschaft verwendeten Methoden, die von
ihr eingeführten Begriffe und das von ihr propagierte Weltbild
richtig sind. Die Denkweise der modernen Naturwissenschaft hat längst
Besitz ergriffen von Wirtschaft, Politik, Bildungswesen und zunehmend
von der ganzen Kultur. Symptomatisch ist das dem Newtonschen Credo
geschuldete und inzwischen allgegenwärtige Totschlagargument:
„Es muß sich rechnen“.
Erst in letzter Zeit hat die moderne Naturwissenschaft
mit zunehmenden Akzeptanzproblemen zu kämpfen, der Grund
ist die beispiellose Zerstörung der Natur und damit der
Lebensgrundlage des Menschen durch die von keiner Selbstbeherrschung
gezügelten Beherrschung der Natur durch den Menschen. Und
genau hier kommt der Naturwissenschaftler Goethe ins Spiel.
Goethe hat die Losung "Wissen ist Macht" sowie das dreiteiliges Credo der sich heute „modern“ nennenden Naturwissenschaft Newtons, wonach nur das existiere, was sich analysieren, messen und mathematisch beschreiben läßt, in allen seinen Teilen in Frage gestellt. Im Zentrum Goetheschen Denkens steht sein Credo: "Der Mensch gehört mit zur Natur!" (WA IV 48, S. 169). Das Wort "Mitwelt", welches Goethe anstelle des heutigen Wortes "Umwelt" benutzte, erhellt schlaglichtartig den Unterschied seines Denkens zum Denken von uns "modernen" Menschen.
Der von Bacon geforderten Herrschaft über die äußere Natur hat Goethe die Forderung entgegengesetzt, daß diese Herrschaft die Herrschaft des Menschen über sich selbst einschließen müsse. Voraussetzung dafür ist die durch die Naturwissenschaft zu leistende Selbsterkenntnis des Menschen. Der herrschenden Naturwissenschaft hat Goethe den Satz: "Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich" (WA I 42b, S. 174) ins Stammbuch geschrieben.
Unmissverständlich hat Goethe die seit Descartes übliche einseitige Anwendung der Analyse in der Naturwissenschaft angeprangert. In der Schrift Analyse und Synthese aus dem Jahre 1829 heißt es: "Ein Jahrhundert, das sich bloß auf die Analyse verlegt und sich vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; denn nur beide zusammen, wie Ein- und Ausatmen, machen das Leben der Wissenschaft" (WA II 11, S. 70/71). Die ausschließliche Anwendung der analytischen Methode in der Naturwissenschaft ist für Goethe geistiger Kretinismus; er sagt: "Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile.“vii
Auch gegen den seit Galilei und Newton aufgekommenen
Irrglauben der herrschenden Naturwissenschaft, wonach nur das
existiere, was sich quantifizieren und mathematisch erfassen läßt,
ist Goethe Sturm gelaufen. Er sagt dazu:
Ich ehre die Mathematik als die erhabenste und
nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am
Platze ist; allein ich kann nicht loben, daß man sie bei Dingen
mißraucht, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die
edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur
dann existiere, wenn es sich mathematisch beweisen läßt
(WA V 5, S. 331).
Wenn man die Kritik Goethes an den
geistigen Grundlagen der zur Alleinherrschaft gelangten Newtonschen
Naturwissenschaft mit einem Wort zusammenfassen will, so ist es die
"Einseitigkeit", die Goethe dieser Wissenschaft vorwirft,
und die Tatsache, daß sie immer wieder den "Teil für
das Ganze" setzt. Er fordert Erkenntnissuche nicht nur nach
außen, sondern auch nach innen; Anwendung nicht nur der
Analyse, sondern auch der Syntheseviii;
nicht nur das Meßbare, Berechenbare und Objektivierbare gehören
zur Natur, sondern auch das Unmeßbare, Unberechenbare
und Subjektive.
Für die rein materialistische
Sicht der vielschichtigen Welt durch die herrschende
Naturwissenschaft hat Goethe nur Verachtung übrig gehabt, er
spricht von einer grauen, totenhaften und gespenstischen Schauderwelt
(WA I 28, S. 68). In der Kampagne in Frankreich schreibt
er über sich, er sei "unempfänglich, ja unleidsam
gegen jene Denkweise, die eine tote, auf welche Art es auch sei, auf-
und angeregte Materie als Glaubensbekenntnis aufstellt" (WA I
33, S. 195/6). Den materialistischen Naturbegriff Newtons, der sich
in desses Credo widerspiegelt, hat Goethe als „Newtonischen
Irrtum“ (WA II 5b, 215) bezeichnet.
Worin besteht die gedankliche Leistung Goethes auf dem
Gebiet der Naturwissenschaft, die er noch vor seiner Leistung als
Dichter gewürdigt wissen wollte? (WA II 6, S. 126). Grundlage
für diese Leistung war ein ungeheurer Erfahrungsschatz, zu
erwähnen sind seine intensiven Studien unter anderem auf
botanischem, insektenkundlichem und knochenkundlichem Gebiet, die ihn
zu Erkenntnissen über die Metamorphose der Pflanzen und Tiere
führten. Bekannt ist auch seine Entdeckung des menschlichen
Zwischenkieferknochens, womit er nachwies, daß der
Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier nicht auf organische
Unterschiede zurückzuführen ist, wie bis dahin
angenommen.
Goethe ist nicht bei Einzelphänomenen stehen
geblieben, sondern zu immer größeren Verallgemeinerungen
vorgedrungen, bis zu den Fragen: "Was macht die Pflanze
eigentlich zur Pflanze, das Tier zum Tier und den Menschen zum
Menschen?" In einem ungeheuren Abstraktionsprozess hat er
alle existierenden Pflanzen zusammengedacht und dafür den
Begriff "Urpflanze" geprägt, umgekehrt betrachtet er
jede existierende Pflanze als einen Sonderfall der Urpflanze. An die
Frau von Stein schreibt er, daß die Urpflanze nur gedacht
werden, in Wirklichkeit aber nicht existieren könne (WA IV 8, S.
232).
Goethe hat dem rein Materiellen und Unbelebten in der
Natur insgesamt drei Urphänomene des Lebendigen
gegenübergestellt, die eigenen Gesetzmäßigkeiten
unterliegen und die jeweils den Typus einer ungeheuren Vielzahl von
Einzeldingen repräsentieren. Die drei, nicht aufeinander
reduzierbaren Urphänomene sind die "Urpflanze", das
"Urtier" und das "Urphänomen Mensch". Mit
dem Postulat der drei Urphänomene vollzieht Goethe den Schritt
von der Naturwissenschaft zur Naturphilosophie.
Die drei Goetheschen Urphänomene
erscheinen sofort in einem helleren Licht, wenn man zu ihrer
Veranschaulichung die Seelenlehre des Aristoteles heranzieht.ix
Goethe hat sich mehrfach auf Aristoteles berufen, so in der
Farbenlehre, der Poetik und Ästhetik. Mir ist jedoch kein
Hinweis bekannt, daß er die Seelenlehre des Aristoteles im
einzelnen gekannt hat; es scheint eher so, daß er über
Dritte in Umrissen von dieser Lehre Kenntnis erhieltx.
Die vier Stufen der Natur, die Goethe in seinen Morphologischen
Schriften unterscheidet, deuten darauf hin: die vier Stufen sind „das
Unorganische, das Vegetative, das Animale und das Menschliche“
(WA II 6, S. 446). Die folgenden zwei Zeugnisse weisen darauf hin,
daß Goethe Nachholbedarf in Bezug auf die aristotelische
Naturphilosophie verspürte: „Stünden mir jetzt, in
ruhiger Zeit jugendlichere Kräfte zu Gebot, so würde ich
mich dem Griechischen völlig ergeben, trotz aller
Schwierigkeiten, die ich kenne; die Natur und Aristoteles würden
mein Augenmerk sein“ (WA IV 42, S. 104) und: „Aristoteles
hat die Natur besser gesehen als irgend ein Neuerer“ ( WA V 6,
S. 329).
Nach Aristoteles hat jedes
Lebewesen etwas, was ein unbelebtes Ding nicht hat; er nennt dieses
„Etwas“ Seele. In seiner Seelenlehre definiert
Aristoteles die „Seele“ als das „Prinzip der
belebten Wesen“xi;
die Seele ist diesen Wesen eigen und nicht von einer höheren
Macht geliehen oder verliehen, d. h. Seele ist etwas Natürliches
und nicht etwas Übernatürliches. Die aristotelische
Seele ist somit etwas völlig anderes, als das, was uns durch die
christliche Dogmatik unter der Bezeichnung "Seele"
überliefert wurde.
Die Seele kann nach Aristoteles
aus mehreren Teilen bestehen. Der Seelenteil, den ausnahmslos alle
Lebewesen im Gegensatz zu den unbelebten Dingen besitzen, wird als
"vegetative Seele" oder "Vitalseele" bezeichnet;
die vegetative Seele verleiht den Lebewesen die Fähigkeit zur
Nahrungsaufnahme, zum Wachstum und zur Fortpflanzung. - Nun hat aber
das einfachste Tier etwas, was keine der Pflanzen, auch nicht die am
höchsten stehende besitzt; es scheint also so, als ob Tiere mehr
Seele besitzen als Pflanzen.xii
Dieses "Mehr" an Seele rührt nach Aristoteles von
einem Seelenteil her, den die Tiere zusätzlich zur vegetativen
Seele besitzen, dieser Seelenteil wird als "sensitive Seele"
bezeichnet. Aristoteles nennt das, was die Tiere, nicht aber die
Pflanzen besitzen, "ein Mittleres"xiii;
heute sagen wir dazu "zentrales Nervensystem", dieses ist
für die niedere Gehirntätigkeit und das niedere oder
geistlose Bewußtsein der Tiere und Menschen verantwortlich. -
Und schließlich hat der Mensch etwas, was keines der Tiere,
auch nicht das am höchsten stehende Tier besitzt. Der Mensch
scheint damit wiederum mehr Seele zu besitzen als ein Tier; dieses
"Mehr" ist der als "Geistseele" bezeichnete
Seelenteil, der ausschließlich dem Menschen zukommt. Die
Geistseele ist Ursprung der höheren Gehirntätigkeit
und des höheren oder geistigen Bewußtseins des Menschen;
sie verleiht dem Menschen, und nur ihm, die Fähigkeit des durch
Sprache und Schrift vermittelten begrifflichen Denkens. - Nach
Aristoteles stellt die Reihe vegetative Seele - sensitive Seele -
Geistseele eine Rangfolge dar, d.h. der ranghöhere Seelenteil
herrscht über den rangniedereren.xiv
Die Grundbegriffe der Goetheschen Naturphilosophie,
"Urpflanze", "Urtier", "Urphänomen
Mensch", sind völlig zwanglos mit denen der Aristotelischen
Naturphilosophie, "vegetative Seele", "sensitive
Seele", "Geistseele", in Beziehung zu setzen. Man kann
diese Beziehungen in Form symbolischer Gleichungen ausdrücken:
Urpflanze = (materieller) Körper +
vegetative Seele;
Urtier = Körper + vegetative Seele +
sensitive Seele;
Urphänomen Mensch = Körper + vegetative
Seele + sensitive Seele + Geistseele.
Anschaulicher ist eine pyramidenförmige
Darstellung, aus der unmittelbar hervorgeht, daß die
höherrangigen Prinzipien oder Seelenteile über die
niederrangigen herrschen. Das Leben baut sich danach wie eine
Stufenpyramide auf, von den niederen zu den höheren Stufen; die
Pyramide besteht bei den Pflanzen aus zwei, bei den Tieren aus drei
und bei den Menschen aus vier Stufen. Die unterste Stufe besteht
jeweils aus dem (materiellen) Körper des jeweiligen Lebewesens.
Goethe spricht von Aristoteles als von einem
Baumeister, der sich das Naturgebäude pyramidenartig in die
Höhe gebaut denkt (WA II 3, S. 141). Schiller benutzt im Blick
auf den Naturwissenschaftler Goethe ebenfalls das Bild vom
Baumeister, wenn er 1794 in seinem Geburtstagsbrief an Goethe kurz
nach der denkwürdigen „freundlichen Begegnung“ in
Jena schreibt:
Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen [...] Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee (SNA, Bd. 27, S. 25).
Schiller hat wie kein noch so prominenter Vertreter der
modernen Naturwissenschaft die wahre Bedeutung der Goetheschen
Naturwissenschaft erkannt, die den Menschen als Teil der Natur
ansieht und deren höchstes Ziel es ist, Auskunft über den
Menschen zu erlangen.
Dem ganzheitlichen Weltbild
Goethes und Aristoteles' steht das Weltbild der modernen
Naturwissenschaft gegenüber. Diese Wissenschaft geht davon aus,
daß alle natürlichen Dinge eine materielle Grundlage
haben. Sie interpretiert den richtigen Satz „Alles in der Natur
ist auch materiell“ um und behauptet: „Alles in
der Natur ist nur materiell“. Durch das Wörtchen
"nur" wird die Sicht auf die Welt grundlegend verändert.
Die von dem ganzheitlichen Weltbild beschriebene vielschichtige
Wirklichkeit wird plattgewalzt auf eine materielle Teilwirklichkeit.
Der Stufenaufbau der natürlichen Dinge wird negiert, Unbelebtes,
Pflanzen, Tiere und Menschen sollen sich nicht mehr prinzipiell (d.h.
hinsichtlich der Art und Anzahl der obwaltenden Prinzipien), sondern
allein hinsichtlich ihrer Komplexität unterscheidenxv.
Diese Behauptung, die von der modernen Naturwissenschaft allgemein
akzeptiert worden ist, wurde aufgestellt, bevor es diese
Wissenschaft auch nur ansatzweise versucht hat, einen
Komplexitätsgrad zu definieren, um damit Nichtleben von Leben,
die Pflanze vom Tier, das Tier vom Menschen unterscheiden zu können.
Eine Würdigung des
Naturwissenschaftlers Goethe wäre Stückwerk, wollte man
nicht auf das Gebiet eingehen, auf dem die dramatischste und für
Goethe folgenschwerste Auseinandersetzung mit der herrschenden
Naturwissenschaft und ihrem Gründungsvater Newton stattfand. Ein
Gebiet, in welches Goethe nach eigenen Bekundungen "die Mühe
eines halben Lebens hineingesteckt" hat (WA V 6, S. 56), mit dem
er "eine Bresche in die Festung" (WA II 1, S. XIII) der
Newtonschen Wissenschaft schlagen, den „Newtonschen Irrtum ein
für allemal aus der Welt schaffen“ (WA II 5b, 215) und
"Epoche in der Welt" (WA V 5, S. 74)
machen wollte; die Rede ist von der Farbenlehre.
Newton war ja nicht nur der
Begründer der klassischen Mechanik, sondern hat auch auf dem
Gebiet der Optik Bahnbrechendes geleistet. In seinem berühmten
„Prismenversuch“ wird ein ausgeblendeter weißer
Lichtstrahl in ein Farbenspektrum aufgefächert. Das Ergebnis
seiner optischen Untersuchungen veröffentlichte Newton in einem
dreibändigen Werkxvi,
dessen übersetzter Titel lautet: Optik oder Abhandlung über
Spiegelungen, Brechungen, Beugungen und Farben des Lichtsxvii.
Aus seinen Beobachtungen zieht Newton die folgenden Schlüsse:
Weiß ist eine Mischung aus
allen Farben (und, als Resümee seiner Versuche) Die Lehre von
den Farben wird eine ebenso sichere mathematische Theorie, wie irgend
ein anderer Teil der Optik, insoweit nämlich die Farben von der
Natur des Lichts abhängen und nicht durch die Einbildungskraft
[...] hervorgebracht oder geändert werden.xviii
Während
Newtons Theorie der Mechanik nur mit einigen mathematischen
Vorkenntnissen verstanden werden kann, ist das Phänomen Farbe
der unmittelbaren Erfahrung und damit auch Nichtmathematikern
zugänglich, zu denen sich Goethe zählte. Er schreibt: "Hier
tritt er in eine Welt ein, die wir auch kennen, in der wir seine
Verfahrensart und seinen Sukzeß zu beurteilen vermögen"
(WA II 4, S. 97). Im polemischen Teil der Farbenlehre wird
deutlich ausgesprochen, welches der Streitpunkt mit Newton und den
Newtonianern ist:
Jedoch nach der Newtonschen Lehre sollen ja die Farben im Lichte stecken, sie sollen daraus entwickelt werden. Schon der Titel seines Werkes deutet auf diesen Zweck hin. Schon dort werden wir auf die Colours of Light hingewiesen, auf die Farben des Lichtes, wie sie denn auch die Newtonianer bis auf den heutigen Tag zu nennen pflegen (WA II 2, S. 48).
Goethe wendet sich vehement dagegen, daß die
Farben im Lichte stecken sollen und die Newtonsche Optik den Anspruch
erhebt, auch eine Farbenlehre zu sein. Um die Gründe für
Goethes Widerspruch verständlich machen zu können, müssen
wir weiter ausholen und die beiden Hauptleistungen Goethes in der
Farbenlehre kurz erläutern sowie die dabei benutzten Begriffe in
den heutigen Sprachgebrauch übersetzen.
Der eigentliche Durchbruch Goethes
zur Farbenlehre erfolgte mit der Entdeckung der physiologischen
Farben im Zeitraum 1793/94 und dem Nachweis, daß diese Farben
im Sehorgan des Menschen hervorgerufen werden und keine Produkte der
Einbildungskraft sind, sondern strengen Gesetzen unterliegen. Diese
Farben bilden nach Goethe das Fundament der ganzen Lehre“ (§
1 der Farbenlehre, WA II 1, S. 1), sie entsprechen nach heutigem
Sprachgebrauch Farbempfindungen. Die Entdeckung der
physiologischen Farben war die eine Vorbedingung für den Ausbau
der Farbenlehre zu einer Wissenschaft. Die zweite Vorbedingung
war die Einordnung der unüberschaubaren Vielfalt von
Farbphänomenen in drei Kategorien, die Goethe im Jahre 1798 mit
intensiver Mitwirkung von Schillers philosophischen Sachverstand
vornahm. Außer den physiologischen Farben gibt es noch zwei
weitere Erscheinungsweisen der Farben, die Goethe als physische und
chemische Farben bezeichnete. Nach heutigem Sprachgebrauch sind
unter physischen Farben Lichtfarben (dazu gehören die
prismatischen Farben) und unter chemischen Farben Körperfarben
(dazu gehören die Pigmentfarben) zu verstehen. Lichtfarben als
auch Körperfarben sind keine Farbempfindungen, sondern von
außen auf das Auge wirkende Farbreize.
Bei der Erforschung des Phänomens „Farbe“
stellt sich unabweislich die Frage, welche Beziehung zwischen Licht
bzw. Farbreiz einerseits und Farbempfindung andererseits besteht. Im
seinem Gedankenaustausch mit Goethe über die Farbenlehre stellt
Schiller ebendiese Frage in zugespitzter Form, wenn er in dem Brief
an Goethe vom 16. 2. 1798 schreibt:
Bei dem Moment der Qualität müßte, deucht mir, die wichtige Frage beantwortet werden, ob nicht die Q u a l i t ä t der Farbe (Farbempfindung) unabhängig vom Licht existiert (SNA Bd. 29, S. 206).
Die eigentliche Kern des Farbenstreits zwischen Goethe
und Newton (bzw. den Newtonianern) wird sichtbar, wenn man die
Antworten gegenüberstellt, welche die beide Antipoden auf diese
Kardinalfrage gegeben haben.
Die Erfahrung, auf der Newton seine Farbentheorie
aufgebaut hat, gründete er ausschließlich auf
Experimente mit Farbreizen (prismatische Farben und Pigmentfarben);
seine Farbenlehre ist somit eine Lehre von den Farbreizen. Farbreize
werden erzeugt durch Lichtstrahlung, nach heutigem
Erkenntnisstand eine elektromagnetische Wellenstrahlung, die mit
mathematischen Mitteln beschrieben werden kann. Die Lehre von den
Farbreizen ist somit Teil einer mathematischen Optik, wie von Newton
behauptet.
Newton hat selbst bemerkt, daß
er mit der Gleichsetzung von „Farbe“ und „Licht“
(Farbreiz) in eine Zwickmühle geraten ist. Einerseits weist er
bereits im Titel der Optik auf die „Farben des Lichts“
hin, andererseits muß er zugestehen, daß die
Lichtstrahlen im wissenschaftlichen Sinn nicht gefärbt
sind, sondern daß „in ihnen lediglich eine Macht oder
Disposition liegt, die Empfindung dieser oder jener Farbe zu
erregen.“xix
Die Auflösung dieses Widerspruchs hat Newton im dritten und
letzten Buch seiner Optik versucht, in dem er alle Spekulationen und
Hypothesen, die er nicht wissenschaftlich begründen konnte, die
er aber Nachfolgern als Anregung hinterlassen wollte, als Fragen
(Quaries) formuliert hat. Newtons Meinung über das Verhältnis
zwischen Licht und Farbensehen geht aus Frage 12 hervor:
Erregen nicht die Lichtstrahlen, wenn sie auf den Hintergrund des Auges fallen, Schwingungen auf der Netzhaut, die sich entlang der festen Fasern der Sehnerven bis zum Gehirn verbreiten und dort den Eindruck des Sehens hervorrufen?xx
Newton
nimmt eine aus Schwingungen bestehende Kausalkette an, ausgehend vom
Farbreiz (Licht), der auf die Netzhaut wirkt, bis zum Gehirn, in
welchem die Farbempfindung hervorgerufen wird. Mit anderen
Worten: die Farbempfindung ist mit dem Farbreiz fest verkoppelt und
kann nicht unabhängig vom Farbreiz existieren. Das heißt
aber auch: Eine vom Farbreiz (Licht) unabhängige Farbempfindung
ist ein Produkt der menschlichen Einbildungskraft und daher nicht
real.xxi
Die Kardinalfrage Schillers wird von Newton negativ beantwortet:
Farbreiz und Farbempfindung sind von gleicher Qualität,
unterliegen den gleichen Gesetzen der physikalischen Optik und
brauchen terminologisch nicht getrennt werden, beide Erscheinungen
sind „Farbe“. Die Behauptung Newtons, daß die
Farben im Lichte stecken und ihnen keine eigene Qualität
zukommt, hat Goethe als den „Newtonischen Irrtum“ in der
Farbenlehre bezeichnet. Er schreibt: "Der Newtonische Irrtum
steht so nett im Conversations-Lexikon, daß man die Oktavseite
nur auswendig lernen darf um die Farbe fürs ganze Leben los zu
sein" (WA II 11, 112).
Im Gegensatz zu Newton hat Goethe die Frage Schillers
positiv beantwortet: Farbreiz und Farbempfindung sind von
verschiedener Qualität und unterliegen ganz verschiedenen
Gesetzen. Für die Farbempfindungen ist nicht die Physik, sondern
eine ganz andere Wissenschaft zuständig, die Goethe
„Farbenlehre“ nannte.
Durch
Beobachtungen und Experimente hatte Goethe erkannt, daß die
alltäglichen Erfahrungen, die der Mensch mit Farben macht,
beispielsweise daß eine Mohnblüte bei ihm die
Farbempfindung „Rot“, eine Wiese die Empfindung „Grün“
auslöst, nicht geeignet sind, ihm bei der Suche nach den
Gesetzen der Farbempfindungen weiterzuhelfen, da die Farbempfindung
für gewöhnlich an den Farbreiz gekoppelt und von diesem
nicht zu trennen ist. In seinem 1810 erschienenen Werk Zur
Farbenlehre (WA II 1-4) gibt Goethe zahlreiche Versuche zur
Beobachtung nichtalltäglicher Farbphänomene an, bei denen
die Farbempfindung nicht mit dem Farbreiz verkoppelt ist und in quasi
freier Form existiert.xxii
Es sind nun gerade diese eigentümlichen Farbphänomene, die
auf die eigentlichen Gesetze des Farbensehens hinführen und den
Nachweis gestatten, daß Farbe eine Qualität und keine
Quantität ist. Jeder farbentüchtige Mensch ist in der Lage,
unter der Anleitung Goethes die durch einen sechsteiligen Farbenkreis
symbolisierten Farbengesetze selbst aufzufinden, es bedarf dazu
keinerlei Messungen, keinerlei Kenntnisse der Physik und Mathematik,
es bedarf nur des Gebrauchs der eigenen Sinne (Veröffentlichung
in Vorbereitung). Ohne die Versuche mit „freien“ (vom
Farbreiz abgekoppelten) Farbempfindungen unter der Anleitung Goethes
nachempfunden zu haben, ist es gar nicht möglich, im
Farbenstreit Goethe-Newton ein fundiertes Urteil zu fällen.
Der sich an die Veröffentlichung
von Goethes Farbenlehre anschließende Farbenstreit wäre
gar nicht zustande gekommen, wenn die von Newton begründete und
zur Vorherrschaft gelangte Naturwissenschaft, die sich heute als
„modern“ bezeichnet, die von Goethe geforderte
Unterscheidung von Farbreiz und Farbempfindung zur Kenntnis genommen,
die Trennung von Optik und Farbenlehre vollzogen und immer dazu
gesagt hätte, was sie mit „Farbe“ meint: einen
Farbreiz oder eine Farbempfindung. Als Beispiel für die
Fruchtlosigkeit des Farbenstreits sei die Kontroverse über
Newtons Behauptung: „Weiß ist eine Mischung aus allen
Farben“xxiii
angeführt. Diese Behauptung ist nur richtig für die zu den
Farbreizen zählenden Lichtfarben (z. B. prismatische Farben),
sie ist jedoch falsch, wenn man wie Goethe unter Farbe eine
Farbempfindung versteht. Die Erfahrung, daß eine Mischung von
Farbempfindungen entweder die Empfindung einer Mischfarbe oder die
Empfindung von Grau, niemals jedoch von Weiß ergibt, veranlaßte
Goethe zu dem bekannten Spottvers aus den venezianischen Epigrammen:
"Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches hat
er euch weis gemacht, das ihr ein Säkulum glaubt" (WA I 1,
S. 325).
Die moderne Naturwissenschaft
beharrt auf ihrem Urteil, daß Newton in der Farbenlehre
recht und Goethe unrecht hatte, ohne dafür stichhaltige Beweise
beigebracht zu haben. Sie beruft sich allein auf ihr zentrales Dogma,
wonach nur das existent und erkennbar ist, was analysiert, gemessen
und mathematisch beschrieben, was "objektiviert" werden
kann. Freie, nicht an einen Farbreiz gekoppelte Farbempfindungen,
die das Erfahrungsfundament von Goethes Farbenlehre darstellen,
können nach der Lehrmeinung der modernen Wissenschaft gar nicht
existieren, da sie mit keinerlei Apparaten nachzuweisen, durch
keinerlei äußere Mittel festzuhalten sind. Diese
fundamentalistische Wissenschaft verstößt dabei gegen das
von ihr selbst aufgestellte und für jeden Wissenschaftler
verbindliche wissenschaftliche Ethos, zu dessen Geboten die
Imperativsätze "Sei undogmatisch!" und "Argumentiere
symmetrisch (d.h. prüfe die Alternative zu der von dir
bevorzugten Hypothese mit derselben Sorgfalt)!" gehören.xxiv
Goethe hat die einfache oder
gestaltlose Natur von der höheren oder gestalteten Natur
unterschieden und dementsprechend gibt es innerhalb einer
ganzheitlichen Wissenschaft zwei Teilwissenschaften. Für
die einfache Natur gibt es eine Wissenschaft vom Stoff, von der
Materie; diese nennt sich heute fälschlicherweise "moderne
Naturwissenschaft", ist aber gemäß der
aristotelischen Definition von einer "Wissenschaft im strengen
Sinne"xxv
eine Materiewissenschaft, da sie ausschließlich nach
Prinzipien für das Materielle sucht. Den augenfälligsten
Beweis, daß die Wissenschaft Newtons nur eine für die
gestaltlose Natur zuständige Teil-Naturwissenschaft ist, hat
Goethe selbst mit seiner Farbenlehre geliefert.
Für die spezifischen
Phänomene der höheren Natur gibt es eine Wissenschaft von
der Form, der Morphe: die Morphologie. In seiner Betrachtung über
Morphologie überhaupt schreibt Goethe, daß er "in
der Morphologie eine neue Wissenschaft aufzustellen gedenkt, zwar
nicht dem Gegenstande nach, denn derselbe ist bekannt, sondern der
Ansicht und der Methode nach, welche sowohl der Lehre selbst eine
eigne Gestalt geben muß als ihr auch gegen andere
Wissenschaften ihren Platz anzuweisen hat" (WA II 6, S. 293).
Und es folgt eine Definition der neuen Wissenschaft: "Die
Morphologie soll die Lehre von der Gestalt, der Bildung und Umbildung
der organischen Körper enthalten; sie gehört daher zu den
Naturwissenschaften." Auf Grund der Vielschichtigkeit der
höheren Natur (Vegetatives, Sensitives, Geistiges) ist die
Morphologie nicht als Einzelwissenschaft, sondern als ein
Wissenschaftskomplex zu verstehen, der sich aus Biologie,
Psychologie und Geisteswissenschaften zusammensetzt.
Goethe gibt auch Auskunft, wie er das Verhältnis
zwischen seiner neuen Wissenschaft "Morphologie" und der
vorhandenen, herrschenden Naturwissenschaft sieht. Er schreibt, "daß
sich die Morphologie als eine besondere Wissenschaft legitimiert"
und "daß sie mit keiner Lehre im Widerstreite steht, daß
sie nichts wegzuräumen braucht, um sich Platz zu schaffen"
(WA II 6, S. 298). Wenn man seine Ausführungen zur Morphologie
im Gesamtzusammenhang sieht, so können sie nur so
verstanden werden, daß er die herrschende Naturwissenschaft
nicht "wegräumen" will, er bestreitet aber deren
Anspruch, eine vollkommene Naturwissenschaft zu sein, er sieht
in ihr nur eine Teilnaturwissenschaft, die erst zusammen mit der von
ihm skizzierten Morphologie zu einer wahren, ganzheitlichen
Wissenschaft von der Natur vervollständigt wird.
Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang ein
Brief, den Goethe an Alexander von Humboldt richtete; dort heißt
es: "Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen von der
Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der
Mitte zu begegnen" (WA IV 10, S. 271). Goethe hat hier eine
wünschenswerte Begegnung der Gestaltwissenschaft, der
Morphologie, mit der Elementwissenschaft, d.h. der Wissenschaft von
der Materie, vor Augen. Nach Goetheschem Verständnis ist die
sich heute "modern" und "objektiv" nennende
Naturwissenschaft in Wirklichkeit eine "Elementwissenschaft",
eine Materiewissenschaft, die einen Alleinvertretungsanspruch erhebt
und nicht bereit ist, die Gestaltwissenschaft als gleichberechtigten
Partner anzuerkennen.
Wohl kaum jemand hat dem Menschen so auf den Grund seines Wesens zu schauen vermocht wie Goethe. Für den modernen Menschen ist der Maßstab für die Wahrheit die moderne Naturwissenschaft, also ein geistiges Produkt des Menschen. Als Kriterium fürdieseWahrheit wird der Erfolg angesehen, den die moderne Naturwissenschaft in der Beherrschung der Natur erzielt hat. Aber schon der römische Geschichtsschreiber Livius wußte, daß der "Erfolg der Lehrmeister der Toren" ist. Für Goethe ist der Maßstab für die Wahrheit ein ganz anderer: nicht ein geistiges Produkt des Menschen, sondern die Natur selbst ist dieser Maßstab. 1829 sagt er zu seinem Vertrauten Eckermann:
Ohne meine Bemühungen in den Naturwissenschaften hätte ich jedoch die Menschen nie kennengelernt, wie sie sind. In allen anderen Dingen kann man dem reinen Anschauen und Denken, den Irrtümern der Sinne wie des Verstandes, den Charakterschwächen und -stärken nicht so nachkommen, es ist alles mehr oder weniger biegsam und schwankend und lässt alles mehr oder weniger mit sich handeln; aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge; sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen (WA V 7, S. 16).
Goethe hat sich, wie wohl kein
anderer, Gedanken gemacht über die Quelle, aus der
grundsätzliche Irrtümer entspringen. In seinen Maximen
und Reflexionen sagt er: "Die Sinne trügen nicht, das
Urteil trügt" (WA I 42b, S. 390). Bei den Tieren erfolgt
der Übergang von den Sinneseindrücken zur Interpretation
dieser Eindrücke im Gehirn unmittelbar, ohne eine Zwischenstufe.
Anders beim Menschen. Bei ihm ist zwischen Sinneseindruck und
Interpretation des Sinneseindrucks das begriffliche Denken
dazwischengeschaltet, und hier genau liegt eine schier
unerschöpfliche Quelle des Irrtums durch Verwendung falscher,
d.h. nicht der Wirklichkeit entsprechender Begriffe. Das fatalste
Beispiel dafür ist der Begriff „Moderne
Naturwissenschaft“.
Goethe hat als großer
Menschenkenner nicht nur erkannt, daß die Quelle
grundsätzlicher Irrtümer auf der geistigen Ebene zu
suchen ist, er ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat
auch erkannt, daß innerhalb der menschlichen Gesellschaft es
das Genie ist, das in besonderer Weise Gefahr läuft, dem
Schmeichler "Irrtum" zu verfallen, indem es die seinem
Geist gezogenen Grenzen nicht anerkennt und negiert. In seinen
Maximen und Reflexionen sagt Goethe:
Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: die Wahrheit fordert, daß wir uns für beschränkt erkennen sollen, der Irrtum schmeichelt uns, wir seien auf ein- oder die andere Weise unbegrenzt (WA I 42b, S. 151).
Die folgende Aussage hat Goethe auf das Genie Newton
gemünzt: "Das Genie [...] hat seiner Natur nach den Trieb,
über Gegenstände zu gebieten, [...] sie seiner Art zu
denken [...] zu unterwerfen" (WA II 5a, S. 163). Wenn man sich
die Vielzahl von Nobelpreisträgern vergegenwärtigt,
die im Angesicht einer spektakulären Entdeckung ihre eigene
Beschränktheit verleugnet haben und den Geltungsbereich ihrer
Entdeckung, der sich immer nur auf einen Teilbereich der Natur
erstreckt, in spekulativer Weise, d. h. ohne den geringsten Beweis,
auf das Ganze der Natur ausgedehnt haben, so trifft diese Goethesche
Aussage wohl auf die meisten Genies zu, welche die moderne
Naturwissenschaft hervorgebracht hat.
Als Beispiel, das sich beliebig
vervielfältigen ließe, sei Albert Einstein genannt, der in
seiner oben erwähnten Rede zum 60. Geburtstag von Max Planck den
Anspruch der theoretischen Physik erhebt, daß die von ihr
aufgefundenen Gesetze für jedes Naturgeschehen gültig sind,
und die These aufstellt, daß sich aus diesen Gesetzen die
Theorie eines jeden Naturprozesses einschließlich der
Lebensvorgänge finden lassen sollte.xxvi
Einstein hat sich in diesem Bekenntnis nicht als Wissenschaftler
geäußert, dessen Leistungen bewundernswert und einzigartig
sind, sondern als Spekulant und Wahrsager, der die Grenzen seines
Fachgebiets überschreitet und damit negiert. Man stelle
sich Einstein vor versehen mit dem Erfahrungsschatz Goethes in
Bezug auf die höhere Natur (Botanik, Insektenkunde, Osteologie),
versehen mit der Skepsis Goethes dem eigenem Ich gegenüber und
dessen Anfälligkeit gegenüber Irrtümernxxvii,
und versehen mit dem Wissen Goethes um die Gefährlichkeit des
Übergangs von einem Naturbereich in den anderenxxviii,
ein solches Bekenntnis wäre nie über seine Lippen gekommen.
Die einmalige und bisher fast unbeachtete Leistung des Naturwissenschaftlers Goethe läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:
1. Mit seiner Kritik an der von Newton begründeten modernen Naturwissenschaft und an deren falschen Natur- und Menschenbegriff hat Goethe den Punkt bezeichnet, wo der in die Modernexxix führende Weg des menschlichen Denkens eine falsche Richtung einschlug.
2. Mit seinem eigenen ganzheitlichen Natur- und Menschenbegriff, dokumentiert in seinen morphologischen Schriften, in der Farbenlehre und darüber hinaus in seinem gesamten Werk, hat Goethe den geistigen Weg gewiesen, der den Menschen in eine zukunftsfähige Zivilisation führen kann.
Das letzte Wort soll ein Schriftsteller und Poet haben, dem der Autor die Hinführung zum Naturwissenschaftler Goethe verdankt: Hanns Cibulka. In seinem Hiddenseetagebuch Sanddornzeit schreibt er: "In Goethes Morphologischen Schriften fand ich die entscheidende Ergänzung zu dem naturwissenschaftlichen Denken unserer Zeit". Und weiter: "In der Art und Weise, wie wir heute die Natur erkennen, fällen wir den Richtspruch über uns selbst, über unsere eigene Existenz, über unser Schicksal. Was wir heute durch die moderne Wissenschaft nach außen hin gewinnen, darf nach innen nicht verloren gehen. Die Beantwortung einer solchen Frage berührt schlechthin unsere gesamte Kultur."xxx
Goethe-Bibliographie: WA = Goethes Werke. Weimarer Ausgabe (Sophienausgabe). 143 Bände, Weimar, 1887-1914. Abt. I: Werke, Abt. II: Naturwissenschaftliche Schriften, Abt. III: Tagebücher, Abt. IV: Briefe, Abt. V: Gespräche..
Francis Bacon: Novum
organum scientiarum, 1620.
ii
René Descartes: Discours de la méthode, 1637.
iii
Galileo Galilei: Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo,
1632.
iv
Isaac Newton: Philosophiae naturalis principia mathematica.
London, 1687.
v
Zitiert nach Otto Westphal: Die Weltgeschichte im Spiegel von
Goethes Farbenlehre. Stuttgart 1957, S. 88.
vi
Carl Seelig (Hsg.): Albert Einstein. Mein Weltbild.
Frankfurt/M. 1989, S. 109.
vii
Goethes Werke in zwölf Bänden, hrsg. von den Nationalen
Forschungs- und Gedenkstätten der Klassischen deutschen
Literatur. Berlin, Weimar 1974, Bd. 7, S. 570.
viii
Goethe verstand unter "Synthese" nicht nur die chemische
Synthese, sondern auch die "höhere Synthese". In
seinem Aufsatz Analyse und Synthese heißt es: "
Was ist höhere Synthese als ein lebendiges Wesen" (WA II
11, S. 71).
ix
Aristoteles: De anima. Die Zitate sind der Übersetzung
von O. Grigon, Aristoteles: Vom Himmel. Von der Seele. Von
der Dichtkunst. Zürich 1950 entnommen.
x
Über das Verhältnis Goethes zu Aristoteles vgl. A.
Zastrau. (Hsg.): Goethe- Handbuch, Bd. 1; Stuttgart 1961, S.
374-379.
xi
Aristoteles: De anima I, 1, 402.
xii
Aristoteles: Historia animalium VIII 1, 588a - 589a.
xiii
Aristoteles: De anima II, 12, 424a, b.
xiv
Ebd., II, 3, 414b.
xv
Bernd-Olaf Küppers: Der Ursprung biologischer Information.
München 1990, S. 195.
xvi
Isaac Newton: Opticks: Or a Treatise of of the Reflections,
Refractions, Inflections and Colours of Light. London
1704.
xvii
Isaac Newton: Optik oder Abhandlung über Spiegelungen,
Brechungen, Beugungen und Farben des Lichts. Übers. u.
hrsg. von William Abendroth. Braunschweig 1983.
xviii
Ebd., S. 159. (Zweites Buch der Optik, Abschnitt Bemerkungen zu
den vorhergehenden Beobachtungen).
xix
Ebd., S. 81. ( Erstes Buch der Optik, zweiter Teil, Definition).
xx
Ebd., S. 227. (Schluß des dritten Buches der Optik, Frage
12).
xxi
s. Anm. 18.
xxii
Goethe hat die Hervorrufung „freier
Farbempfindungen“ im Sehorgan des Betrachters, die heute als
„farbige Nachbilder“ bezeichnet werden, ausführlich
in der ersten Abteilung „Physiologische Farben“
des didaktischen Teils seiner Farbenlehre (WA II 1, 1), insbesondere
im Abschnitt „Farbige Bilder“ (§ 48 - §
61) beschrieben. Die Farben von Bild und Nachbild eines Gegenstandes
sind komplementär und stehen in einem Verhältnis gleich
dem von Positiv- und Negativbild in der vordigitalen Farbfotografie.
Normalerweise wird das Nachbild eines Gegenstandes vom Betrachter
nicht wahrgenommen.
xxiii
s. Anm. 18.
xxiv
Hans Mohr: Biologische Erkenntnis - Ihre Entstehung und
Bedeutung. Stuttgart 1981, S. 194.
xxv
Aristoteles: Analytica posteriora I 27, 87a.
xxvi
s. Anm. 6.
xxvii
"Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist,
weil sie immer recht hat und der Irrtum bloß auf meiner Seite
sein kann"; WA II 9, S. 225.
xxviii
Naturlehre: fingierter, aus Neapel datierter Antwortbrief
(10. Jan. 178*) Goethes auf einen Brief Knebels, im dem Eisblumen
mit Vegetabilien, Vogelfedern und -schwingen verglichen wurden. Im
"Teutschen Merkur" veröffentlicht. Gefährlichkeit
des Übergangs von einem Naturbereich in den anderen. WA II 13,
427 - 431.
xxix
In einem Tagebucheintrag vom Juni 1831 (WA III 13, 98) schreibt
Goethe: "Ich laß in Galilei´s Werken. [...] Er
starb in dem Jahre, da Newton geboren wurde. Hier liegt das
Weihnachtsfest unserer neueren Zeit". Goethe hat wohl als
erster erkannt, daß Newton nicht nur eine neuartige
Wissenschaft begründet hat, sondern auch ein neues Zeitalter,
daß sich heute – wie die Newtonsche Wissenschaft -
„modern“ nennt.
xxx
Hanns Cibulka: Ostseetagebücher. Leipzig 1990, S. 63.
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