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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 31.03.11

Kanzlerin muss sofortiges Herunterfahren aller AKW einleiten: „Das absolut Unwahrscheinliche wurde Realität“ – Widerspruch in Regierungserklärung vom 17. März 2011

von Karim Akerma und Martin Sehrt

In ihrer Regierungserklärung vom 17. März 2011[1] findet die Bundeskanzlerin Worte, mit denen die Bevölkerung dieses Landes entängstigt werden soll, das circa ein Fünftel seines Strombedarfs mittels Kernspaltung deckt:
(1) „Derart gewaltige Erdbeben und Flutwellen, wie sie Japan getroffen haben, treffen uns nach allen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erwartungen nicht.“
Blicken wir zurück: Anlässlich ihrer Vereidigung im Jahr 2005 gelobte die Kanzlerin, ihr Bestes geben zu wollen, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“ (Art. 56 GG) Göttlichen Beistand benötigt die mit dem Phänomen der Wahrscheinlichkeit vertraute – da im Bereich Quantenchemie promovierte – Physikerin wahrlich. Denn an späterer Stelle ihrer Regierungserklärung verlässt sie den unter (1) eingeschlagenen Pfad, der der Atomindustrie eine Atempause und der Bevölkerung Entängstigung bescheren soll, und begibt sich auf prekäres Terrain:
(2) „Die unfassbaren Ereignisse in Japan lehren uns, dass etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden konnte. Sie lehren uns, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich waren, sondern Realität wurden.“
Während (1) für ein vorsichtiges, umsichtiges und beständiger technischer Kontrolle unterworfenes Weitergewinnen von Kernenergie und an der Kernenergie den Boden zu ebnen sucht, bringt (2) den scheinbar konsolidierten Boden atomarer Moratorien mit einer Einsicht zum Schwanken, die das sofortige Herunterfahren aller Atomkraftwerke gebietet: Mit (2) gibt die Kanzlerin unumwunden zu, dass von der Wissenschaft für unmöglich Gehaltenes grauenhafte Wirklichkeit werden kann. Damit bringt sie indes zum Ausdruck, dass über die Sicherheit von Atomreaktoren vor einem Ausnahmezustand gar nichts Stichhaltiges ausgesagt werden kann, sondern immer erst danach – ob es sich nun um einen Flugzeugabsturz oder ein Erdbeben handelt.
Sehen wir aufgrund der geographischen Lage Deutschlands von „Flutwellen“ ab und beschränken wir uns auf „gewaltige Erdbeben“: Gemäß (1) ist in Deutschland nicht mit starken Beben zu rechnen; mit (2) hingegen fordert Merkel uns auf, hinsichtlich Japans die Lehre daraus zu ziehen, dass scheinbar Unmögliches und absolut Unwahrscheinliches Wirklichkeit wurde, mithin, dass als Wahrscheinlichkeiten buchstabierte wissenschaftlich-technische Sicherheitsgarantien nicht taugen, um damit Schaden abwendende Politik zu betreiben.
Welcher Geologe legt seine Hand dafür ins Feuer, dass Deutschland niemals von einem schweren Beben erschüttert werden wird, das die jeweils getroffenen „besten“ Sicherheitsmaßnahmen überfordert? Nur zwei Beispiele aus unmittelbarer Vergangenheit, die die Kanzlerin dazu ermahnen sollten, den Bürgern das von ihr neu Gelernte per Regierungserklärung nicht bloß mitzuteilen, sondern aus der Lehre rasch die einzige verantwortbare Konsequenz zu ziehen: Am 13. April 1992 erschütterte ein Beben der Stärke 5,9 auf der Richterskala das grenznahe niederländische Roermond. Es kam zu Verwerfungen im Gelände. In Nordrhein-Westfalen wurden 30 Menschen verletzt, Bäume fielen um, Ziegel und Schornsteine von den Dächern, der auf deutscher Seite entstandene Sachschaden wurde auf gut 150 Millionen DM beziffert. Am 14. Februar 2011 kam es nördlich von Nassau an der Lahn zu einem Beben der Stärke 4,5 auf der Richterskala, vereinzelt zeigten sich Risse in Hauswänden, Menschen flohen aus ihren Häusern.
Wenn uns die Ereignisse in Japan nach Tschernobyl nun schon zum zweiten Mal lehren – wie die Kanzlerin am 17. März mit Bezug auf die Atomenergie ausführt –, dass „Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich waren, sondern Realität wurden“, so kann aus dieser katastrophendidaktischen Lektion nur die Konsequenz eines sofortigen Ausstiegs aus dieser Form der Energiegewinnung gezogen werden. Andernfalls nähme die Kanzlerin wider besseres Wissen Schaden für das deutsche Volk in Kauf, den keine kernenergetische Nutzenmehrung kompensieren und den wieder gutzumachen ihr kein Gott helfen könnte.

[1]
http://www.youtube.com/watch?v=XOTK3UTCIR0

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