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| Erschienen in Ausgabe: No. 27 (1/2007) | Letzte Änderung: 27. Januar '09 |
von Dr. Stefan Bleecken
Vor etwa zweieinhalb
Jahrtausenden erfolgte eine radikale Umwälzung in der Geschichte
des menschlichen Denkens. Im antiken Griechenland traten Philosophen
auf, die die Erklärung der Welt nicht mehr in dem Wirken von
übernatürlichen Gottheiten suchten, sondern davon
ausgingen, daß das Weltgeschehen mit Hilfe des Denkens erklärt
werden kann. An die Stelle der früheren mythischen Erzählungen
von der Entstehung der Welt traten Bestrebungen, eine vernunftsmäßig
begründete Erklärung für das Entstehen und Vergehen zu
geben. Diese Wende im menschlichen Denken wird daher als Übergang
vom Mythos (griech. Erzählung) zum Logos (griech. Denken,
Sprache, Vernunft) bezeichnet.
Damit das neue Denken
Platz greifen konnte, mußten neue Begriffe geschaffen werden;
die dafür benutzten Worte stammten ursprünglich aus der
Umgangssprache und erhielten, in einem neuen Zusammenhang gebraucht,
allmählich eine neue Bedeutung. Ein Begriff von zentraler
Bedeutung ist das griechische Wort "arché", welches
umgangssprachlich die beiden Bedeutungen "das Erste" (bzw.
"der Ursprung") und "das Herrschende" hat. Nach
heutigen Sprachgebrauch hat arché die Bedeutung von
(Grund)Prinzip. Aristoteles gibt in seiner Metaphysik folgende
Definition: "Allen Prinzipien ist gemeinsam, daß sie ein
Erstes sind, von dem aus entweder ein Ding ist oder entsteht oder
erkannt wird" [1]. Eine sehr anschauliche Definition gibt später
der Dichter Goethe, wenn er Faust von dem sprechen läßt,
"was die Welt im Innersten zusammenhält". Mit Hilfe
des arché-Begriffs läßt sich die als Philosophie
bezeichnete neue geistige Tätigkeit des Menschen folgendermaßen
charakterisieren: "Philosophie ist eine Wissenschaft von den
Prinzipien" [2].
Die griechische
Philosophie begann im 6. Jahrhundert v. Chr. mit der ionischen
Naturphilosophie. Für die Anhänger dieser Philosophie
ist die arché ein materieller Urstoff, der dem Werden und
Vergehen der Welt zugrunde liegt. Für diesen Urstoff hielt
Thales das Wasser, Anaximenes die Luft und Heraklid das Feuer.
Später lehrte Empedokles, daß alles Werden und Vergehen in
der Natur aus der Mischung und Entmischung von vier unveränderlichen
Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde beruht und Anaxagoras nahm an,
daß die Dinge aus einer unbegrenzten Anzahl von Urteilchen
betehen. Die materialistischen Denkrichtung in der griechischen
Philosophie erreichte ihren Höhepunkt mit Leukipp (Mitte 5.
Jhd.) und Demokrit (460 - 370 v. Chr.), den Begründern der
Atomistik. Diese Lehre geht von zwei sich ergänzenden
Prinzipien aus, des Atoms und des "Leeren". Die
Einzeldinge entstehen und vergehen durch Vereinigung und
Trennung der Atome, die als ewig, unzerstörbar und
undurchdringlich angesehen werden; auch die Seele und das
Denken wird aus (besonders runden und glatten) Atomen bestehend
angenommen.
Eine zweite
Entwicklungslinie geht von der Philosophie des Pythagoras (580 - 496
v. Chr.) aus, der die Zahl als Urprinzip aller Dinge (arché)
annahm. Diese Linie führte dann weiter zu Sokrates (469 - 399 v.
Chr.), der Materialismus und Naturerkenntnis ablehnte, und zu dessen
Schüler Platon (427 - 347 v. Chr.). Platon, der im Gegensatz
zu den Materialisten vom Primat der "Idee" ausgeht und
diese als arché ansieht, ist der Begründer der
idealistischen Philosophie. Die Platonsche Ideenlehre
besagt, das das Wesen der Welt in unveränderlichen Ideen
besteht, die unabhängig und vor den materiellen Dingen
existieren und die Urbilder dieser Dinge darstellen; der
Idee einer Erscheinung wird somit eine von der Erscheinung selbst
losgelöste Existenz zugesprochen. Die Vermittlerin zwischen
den materiellen Dingen und den Ideen ist nach Platon die Seele des
Menschen. Bereits vor ihrem Eingehen in den Körper hat die Seele
im Reich der ewigen Ideen existiert und sie hat dort die Ideen, an
die sie sich während ihres Aufenthaltes im Körper und
bei Begegnung mit sinnlich wahrgenommenen Dingen zurückerinnert,
erblickt. Die Ideen können daher nicht mit Hilfe der Sinne,
sondern nur durch Rückerinnerung (Anamnese) erkannt werden.
Nach dem Absterben des Körpers kehrt der Seele wieder in das
Reich der ewigen Ideen zurück.
Der universellste
Denker des alten Griechenland war Aristoteles (384 - 322 v.
Chr.), er trat mit 17 Jahren in die von Platon geleitete und als
"Akademie" bezeichnete Philosophenschule ein, war
zunächst ein Schüler Platons und später dessen
Kritiker. Aristoteles behandelte in seinen Schriften fast alle
Gebiete der Natur und menschlichen Gesellschaft und schuf das
universellste System der antiken Philosophie, das ganz wesentlich
über den philosophischen Materialismus und Idealismus
hinausgeht und diese beiden Denkrichtungen in sich einschließt.
Seine philosophischen Erkenntnisse hat Aristoteles in Schriften
niedergelegt, die unter dem Namen "Metaphysik" auf uns
überkommen sind. Im ersten Buch (Buch Alpha) der Metaphysik
setzt sich Aristoteles eingehend mit den philosophischen Lehren
seiner Vorgänger auseinander.
Aristoteles wendet sich
gegen die Meinung der ersten Philosophen, daß nur Prinzipien
für das Stofflich-Materielle existieren sollen. Er sagt: "Die
Materie bewirkt doch nicht ihre eigene Veränderung. Ich meine es
etwa so: weder das Holz noch die Bronze sind Ursache dafür, wenn
sich eines von ihnen verändert; weder stellt das Holz ein Bett
her noch die Bronze eine Statue, sondern etwas anderes ist die
Ursache der Veränderung. Dies aber zu suchen bedeutet ein davon
verschiedenes Prinzip suchen" [3]. Er gibt hier ganz klar seiner
Überzeugung Ausdruck, daß es über stoffliche
Prinzipien hinaus noch andere Prinzipien geben muß. Ein zweiter
Vorwurf an seine materialistischen Vorgänger richtet sich
dagegen, daß mit der Annahme nur stofflicher Prinzipien für
alle Dinge die Wesensunterschiede, die es zwischen den
verschiedenen Dingen gibt, gar nicht erfaßt werden
können. "Keiner (der früheren Philosophen) aber hat
das Was-es-ist-dies-zu-sein, das heißt das Wesen, deutlich
angegeben" [4], heißt es.
Den Vorwurf der
Einseitigkeit bei der Untersuchung der Prinzipien, nach denen die
Natur strukturiert ist, hat Aristoteles nicht nur an die Adresse der
Materialisten gerichtet, sondern auch an die Vertreter der
idealistischen Richtung in der Philosophie, und hier insbesondere an
Platon. Platon vermeidet zwar die Einseitigkeit der Materialisten,
die den Dingen nur ein einziges Wesen, das der Stofflichkeit,
zubilligen; er nimmt unterschiedliche Wesen der Dinge an und nennt
diese Wesen Ideen. Platon geht jedoch davon aus, daß die Ideen
außerhalb der Sinnesdinge und unabhängig von ihnen
existieren und genau dagegen wendet sich Aristoteles, indem er fragt:
"Wie können die Ideen, die ja die Wesen der Dinge
darstellen, gesondert von ihnen existieren? [5]. Aristoteles verlegt
die Idee eines Dinges in das Ding selbst und nennt diese Idee dann
die Form, die wahre Wirklichkeit des Dinges. Unter der Form versteht
er aber nicht nur die äußere Form, sondern das Wesen, das
"Was-es-ist-dies-zu-sein" des Dinges. So ist z.B. das Wesen
der Pflanze das, was die Pflanze zur Pflanze macht, und nicht etwa zu
einem Tier.
Aristoteles, der die
sinnliche Wahrnehmung als Ausgangspunkt jeglicher Naturerkenntnis
ansieht, wirft Platon und dessen Anhängern spekulatives
Denken vor und kritisiert Platons These von der Existenz einer
Einheitswissenschaft von den Ideen und der Nichtexistenz einer
Wissenschaft von der Natur; nach der platonischen Ideenlehre ist es
unmöglich, über Sinnesdinge, die ja einer ständigen
Veränderung unterworfen sein sollen, allgemeine Definitionen
aufzustellen. In seiner Polemik gegen Platon sagt
Aristoteles: "Gerade wenn jene Denker über die Phänomene
sprechen, behaupten sie Dinge, die mit den Phänomenen nicht
übereinstimmen. Das hat darin seinen Grund, daß sie
die Prinzipien, mit deren Hilfe man die Struktur des Naturgeschehens
erkennt, nicht richtig anwenden, sondern alles auf gewisse vorgefaßte
Meinungen zurückführen. Sie benehmen sich wie Leute, die in
der Diskussion um jeden Preis an ihren Thesen festhalten wollen, als
ob nur sie die wahren Prinzipien besäßen. Nun hat aber
jede Wissenschaft ihre besonderen Prinzipien, je nach dem
Gegenstand der Forschung" [6]. Aus der Erkenntnis, daß es
in der Natur mehrere Strukturprinzipien gibt, folgert Aristoteles,
daß die Naturwissenschaft aus mehreren selbständigen
Einzelwissenschaften besteht.
Aristoteles hat sich
immer wieder gegen das einseitige Denken seiner Vorgänger
gewandt, seine Kritik richtete sich sowohl gegen diejenigen, die eine
materialistische als auch gegen diejenigen, die eine idealistische
Position vertreten haben. Viele seiner Aussprüche beziehen sich
daher auf beide Positionen gemeinsam. Drei Beispiele sollen dies
belegen: "Es geht klar hervor, daß die einseitigen
Aussagen, die für alle Dinge gelten sollen, unmöglich
zutreffen - wie einige behaupten" [7]; "In der Suche nach
Elementen für alles Seiende und in der Behauptung, daß
man sie habe, ist keine Wahrheit zu finden" [8]; "Es ist
unmöglich, die Elemente des Seienden zu finden, ohne die
vielfachen Bedeutungen auseinanderzuhalten, die der Ausdruck
>>seiend<< hat" [9]. Aristoteles verwendet hier und
anderswo die Ausdrücke "seiend" bzw. "das
Seiende", denen sehr viele Bedeutungen zukommen; es wird
darunter alles das verstanden, was "ist", gleichgültig,
ob es sich nun um ein konkretes Ding, ein Ereignis, etwas Gedachtes
oder etwas Gefühltes handelt.
Das Wort "Metaphysik",
das heute als Sammelname für eine Reihe philosophischer
Lehrschriften des Aristoteles und gleichzeitig zur Bezeichnung
des in diesen Schriften abgehandelten Gegenstandes benutzt wird,
hat Aristoteles selbst nicht gekannt, er hat diesen Gegenstand als
"erste Philosophie" oder auch als "Weisheit"
bezeichnet.
Im zweiten Kapitel des
Buches Alpha gibt Aristoteles eine kurze Einführung in die
gesuchte und dort als Weisheit bezeichnete Wissenschaft, er
beschreibt thesenartig ihr Ziel und ihre Merkmale [10]. Es heißt
dort: Weisheit ist die "Wissenschaft des im höchsten Grade
Wißbaren und im höchsten Grade wißbar sind die
ersten Prinzipien und Ursachen". Sie ist die "Wissenschaft
vom Allgemeinen". ... "Doch gerade dies, das Allgemeinste,
ist für die Menschen am schwierigsten zu erkennen ist, da der
Abstand zu den Sinneswahrnehmungen am weitesten ist". In der
Wissenschaftshierarchie ist die Weisheit die ranghöchste
Wissenschaft, alle anderen Wissenschaften sind ihr
untergeordnet; sie ist die "Königin der Wissenschaften".
Diese Wissenschaft wird "um ihrer selbst willen und der
Erkenntnis wegen" betrieben und nicht ihrer Resultate wegen.
"Man philosophiert, um zu wissen, keineswegs aber um eines
Nutzens willen ... Diese Wissenschaft ist als einzige von allen
(Nutzensbestrebungen) frei, sie ist allein um ihrer selbst
willen da" [11]. Die Philosophie ist die "Wissenschaft der
Wahrheit" [12], wobei Wahrheit die Übereinstimmung zwischen
dem Denken und dem Seienden ist [13].
Von besonderem
Interesse sind die Äußerungen von Aristoteles über
das Verhältnis zwischen der "Weisheit" und den
Einzelwissenschaften, die er als "Teile der Weisheit"
bezeichnet [14], und seine Begründung, warum er die Wissenschaft
"Weisheit" auch "erste Philosophie" nennt. Er
sagt: "Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als
solches betrachtet und die ihm an sich zukommenden Bestimmungen.
Diese ist aber mit keiner der sogenannten Einzelwissenschaften
identisch, weil keine der anderen Wissenschaften das Seiende als
solches allgemein untersucht, sondern sich ein Teil davon
herausschneidet und dessen Bestimmungen betrachtet" [15].
So untersucht beispielsweise die Mathematik das Seiende, sofern es
quantifizierbar ist, die Biologie das Seiende, sofern es
Leben besitzt und die Geschichte das Seiende, sofern es der
Vergangenheit angehört; allein die Philosophie untersucht das
"Seiende als solches" oder das "Seiende als Seiendes".
Zur Erklärung des
Begriffs "erste Philosophie" wird ein Vergleich mit der
Mathematik durchgeführt: "Es gibt ebenso viele Teile
der Philosophie, wie es Wesen gibt. Daher muß darunter eine die
erste Philosophie sein und eine die daran anschließende
Philosophie. Denn das Seiende ... verfügt über Gattungen;
ihnen also folgen entsprechend die (Einzel)Wissenschaften. Denn es
verhält sich dem Wortgebrauch nach beim Philosophen wie beim
Mathematiker: auch die Mathematik verfügt über Teile, und
es gibt auch im Mathematischen eine erste und eine zweite
Wissenschaft" [16]. Etwas später heißt es dazu:
"Geometrie und Astronomie handeln von einer bestimmten Natur,
die allgemeine Mathematik behandelt alle gemeinsam" [17]. Die
Axiome der allgemeinen Mathematik haben allgemeine Gültigkeit,
unabhängig, ob sie auf geometrische oder astronomische
Objekte angewendet werden; die allgemeine Mathematik ist demnach
die erste Mathematik, Geometrie und Astronomie gehören zur
zweiten Mathematik.
Die erste Philosophie
ist eine universale Prinzipienwissenschaft, die das Seiende
schlechthin betrachtet; die zweite Philosophie umfaßt die
Einzelwissenschaften, die sich aus dem Seienden einen Teil
herausschneiden und es jeweils mit nur einem Prinzip zu tun haben.
Aristoteles' Vergleich zwischen Philosophie und Mathematik läßt
nur eine Schlußfolgerung zu: Eben so wenig, wie Geometrie und
Astronomie (zweite Mathematik) ohne die Erkenntnisse der ersten
Mathematik auskommen, können die Einzelwissenschaften (zweite
Philosophie) auf die Erkenntnisse der ersten Philosophie
verzichten.
Aristoteles übt
Kritik an seinen Vorgängern, die annahmen, das die stoffliche
Ursache die einzige Ursache für alle Dinge sei [18] und setzt
dieser Lehre von der einen Ursache für alle Dinge seine Lehre
von den vier Ursachen entgegen.
Aristoteles ist sich
bewußt, daß der Begriff "Ursache" vieldeutig
ist und es schon von ein und demselben Ding mehrere Ursachen gibt, so
ist z. B. von einer Statue sowohl die Kunst des Bildhauers, der sie
geschaffen hat, als auch das Erz, aus dem sie besteht, Ursache [19].
Er gelangt zu der Erkenntnis, daß sich alle möglichen
Ursachen einer von vier Ursachenkategorien zuordnen lassen
und führt diese Ursachenkategorien mehrmals in seinen Werken an
[20], [21], [22], [23], [24], [25]:
1. Ursache als das,
"woraus" etwas ist; kurz als "Stoffursache"
bezeichnet (z. B. das Erz als Stoffursache für die Statue).
2. Ursache im Sinne
des "Was-es-ist-dies-zu-sein"; als "Formursache"
bezeichnet (z. B. die der Statue eigene Gestalt). Unter Form ist
nicht nur die äußere Form, sondern (z. B. bei Lebewesen)
auch die innere Form bzw. das dem Ding gemäße Wesen zu
verstehen.
3. Ursache als das,
woher der Anfang der Bewegung kommt; als "Wirkursache"
bezeichnet (z. B. die handwerklichen Fertigkeiten des Bildhauers als
Wirkursache für die Statue).
4. Die zu 3.
entgegengesetzte Ursache als Ziel, auf das alle Bewegung hinzielt;
als Ziel- oder Zweckursache bezeichnet (z. B. die Vorstellung von
der Statue im Kopf des Künstlers als Zielursache für die
Statue).
Mit seiner Lehre von
den vier Ursachen wandte sich Aristoteles entschieden von der
Ideenlehre seines Lehrers Platon ab. Er sah es als fundamentalen
Irrtum an, daß das von Platon als Idee bezeichnete Wesen der
Dinge außerhalb ihrer selbst liegen und unabhängig von
ihnen existieren solle; so verlegte er diese Idee in die Dinge
selbst. Als Idee bzw. Wesen eines Dinges, als seine wahre
Wirklichkeit, bezeichnete er die Form. Der Stoff ist die Möglichkeit
eines Dinges, der die Form erst Wirklichkeit verleiht. Mit Hilfe der
beiden Begriffspaare Stoff - Form und Möglichkeit - Wirklichkeit
hat Aristoteles die Entstehung aller Dinge erklärt; an vielen
Stellen seines Werks hat er diese Begriffspaare anschaulich
erläutert.
Wichtig für das
Verständnis von "Stoff" (griech. hyle) ist die
folgende Stelle: "Die übereinstimmend anerkannten Wesen
sind die sinnlich erfaßbaren; die sinnlich erfaßbaren
Wesen aber verfügen alle über Stoff. ... unter Stoff
verstehe ich das, was nicht der Verwirklichung nach, doch
dem Vermögen nach ein Das ist" [26]. Aus dieser Stelle geht
hervor, daß Aristoteles unter "Stoff" nicht das
versteht, was wir heute als "Materie" bezeichnen, eher das,
was wir heute als "Material für etwas" bezeichnen
würden. Stoff ist das, was dem Vermögen nach ein Ding ist.
Zum Begriffspaar
"Möglichkeit - Wirklichkeit" sagt Aristoteles: "Der
Stoff existiert dem Vermögen nach, weil er zur Form
gelangen kann; sobald er aber der Verwirklichung nach existiert, ist
er in der Form" [27], und er erläutert diesen Gedanken am
Beispiel des Hauses: "Wenn einige bei der Definition des Was
eines Hauses sagen, es sei Steine, Backsteine und Hölzer, so
meinen sie das Haus dem Vermögen nach, denn jene Dinge sind sein
Stoff; wenn aber andere einen Behälter nennen, der Sachen und
Körper behütet, ... meinen sie die Verwirklichung, das
Haus der Wirklichkeit nach" [28].
Ein weiterer
Grundbegriff der Aristotelischen Philosophie ist die Entelechie
(griech. Entelecheia, was sein Ziel in sich selbst hat).
Aristoteles hat dieses Wort geschaffen, damit der Unterschied
zwischen toten bzw. von Menschen geschaffenen Dingen und lebendigen
Dingen überhaupt begriffen werden kann. Während bei
den von Menschen geschaffenen Dingen, z. B. bei einer Statue, die
Stoffursache von der Formursache getrennt und der Übergang von
der im Stoff vorhandenen Möglichkeit zur Verwirklichung in der
Form durch die von außen kommende Ziel- und die Wirkursache
(Künstler, Bildhauer) erklärt werden kann, ist diese
Trennung von Ursachen bei Lebewesen nicht mehr möglich. Die
Ziel- und die Wirkursache kommen hier nicht von außen, sondern
liegen im Lebewesen selbst. Diese Selbstverwirklichung
eines Lebewesens nennt Aristoteles Entelechie ("was sein Ziel in
sich trägt"). In seiner Schrift "De anima"
definiert Aristoteles die Entelechie als ein Doppeltes; "eine
erste Entelechie wie das Wissen (episteme)", das man hat, ohne
es zu betätigen, d.h. Wissen als ruhender Zustand, "eine
zweite wie das Überdenken (theorein)", die Betätigung
des Wissens im Gebrauch" [29].
Durch Erweiterung
seiner Vorstellungen zum Stoff-Form-Verhältnis kam
Aristoteles zu der Überlegung, daß jede Form wiederum als
Stoff gegenüber einer höheren Form betrachtet werden kann;
so ist beispielsweise der Ziegelstein Form gegenüber dem Lehm,
aus dem er hergestellt wurde, aber Stoff gegenüber dem aus
Ziegelsteinen gebauten Haus.
Der Gedanke einer
Hierarchie von Formprinzipien lieferte Aristoteles den Schlüssel,
um die Grundstrukturen des Naturgeschehens zu erkennen. So wie
bereits Geformtes seinerseits wieder Stoff für eine höhere
Formung sein kann, so kann ein niedriges Entwicklungsstadium in der
Natur als Möglichkeit (Stoff) für ein höheres
Entwicklungsstadium angesehen werden, das dessen Verwirklichung
(Form) darstellt. Aristoteles gelangte so zum Bild einer
Stufenleiter, deren niedrigste Stufe die unbelebte
Natur darstellt und deren höhere Stufen die belebten Dinge
versinnbildlichen; die belebten Dinge wiederum lassen sich mit
Hilfe einer Hierarchie von Formprinzipien, die Aristoteles mit
Seelenqualitäten identifiziert, stufenweise klassifizieren.
Seine Erkenntnisse über das Wesen der belebten Dinge hat
Aristoteles in seiner Schrift "Über die Seele" (De
anima) zusammengestellt.
Die Bezeichnung
"Metaphysik" (griech. meta, nach und physis, Natur) ist ein
ursprünglich von einem Redakteur der aristotelischen Schriften
geprägter Zufallsname, der ausdrücken sollte, daß
eine Reihe von philosophischen Lehrschriften bibliothekarisch
den Schriften zur Naturwissenschaft nachgeordnet seien. Dies hatte
dann die philosophische Fehlinterpretation zur Folge, die Metaphysik
sei eine Lehre von den der Erfahrung entzogenen, hinter der Natur
liegenden Gründen, die somit kein Gegenstand einer
naturwissenschaftlichen Forschung sein können. Repräsentativ
für viele gleichartige Bekenntnisse ist das folgende:
"Metaphysik ist ein System von Aussagen, die nicht mit
wissenschaftlichen Methoden begründet und überprüft
werden können" [30]. (Dieses Credo ist natürlich
dann und nur dann richtig, wenn der allgemeine Begriff
"wissenschaftliche Methode" auf die einseitig-analytische
Methode der modernen Naturwissenschaft eingeengt wird).
Die Fehlinterpretation
der Metaphysik als eine nicht auf Erfahrung gegründete Lehre
hatte fatale Folgen für das Selbstverständnis der modernen
Naturwissenschaft, die ihrem Erkenntnisideal nach eine
Einzelwissenschaft im Sinne der aristotelischen Philosophie ist. Seit
ihrem Entstehen hat die moderne Naturwissenschaft einen
Verdrängungskampf gegen die aristotelische Philosophie
geführt, sie betrachtet sich als der Philosophie übergeordnet
und hat auf der Grundlage ihrer einzelwissenschaftlichen
Erkenntnisse ein Weltbild konstruiert, welches sie der
Philosophie aufzuoktroyieren versucht. Die Erkenntnisse des
Aristoteles wurden damit regelrecht auf den Kopf gestellt. Für
Aristoteles ist die heute als Metaphysik bezeichnete erste
Philosophie den Naturwissenschaften, die zur zweiten
Philosophie gehören, über- und damit vorgeordnet. Die
Konstruktion eines Weltbildes ist die ureigenste Aufgabe der ersten
Philosophie und nicht einer Einzelwissenschaft, die sich
aus dem Seienden einen Teil herausgeschnitten hat und somit gar nicht
in der Lage ist, ihre Erkenntnisse in einen Gesamtzusammenhang
zu stellen. Eine Einzelwissenschaft, die sich nicht der ersten
Philosophie unterordnet, hängt gewissermaßen in der Luft.
Sein Credo als
Wissenschaftler hat Aristoteles in seiner zweiten Analytik
formuliert: "Einem Wissen, das lediglich Fakten konstatiert
(Wissen, daß etwas ist), ist ein Wissen vorzuziehen, das die
konstatierten Fakten auch erklärt (Wissen, daß und warum
etwas ist). Wissen im strengen Sinn besitzt man nur dann, wenn man
Rechenschaft über die Ursachen und Prinzipien geben kann"
[31]. Aus diesem Credo folgt eine Definition dessen, was unter
Naturwissenschaft zu verstehen ist: Naturwissenschaft im
strengen Sinne ist die Suche nach den in der Natur obwaltenden
Prinzipien. Nach dieser Definition ist die moderne Naturwissenschaft,
die alle natürlichen Phänomene mit Hilfe eines
Materieprinzips zu erklären versucht, keine
Naturwissenschaft im eigentlichen Sinne, sondern eine
Materiewissenschaft.
Die Verstümmelung
der modernen Naturwissenschaft zu einer Materiewissenschaft hat ihre
Entsprechung in der Verstümmelung des von Aristoteles
gefaßten Prinzipbegriffs zum modernen Begriff des
"Naturgesetzes", welches in Wirklichkeit nicht mehr als ein
Materiegesetz darstellt. Hier wird ein Teil (nämlich ein
fälschlicherweise als "Naturgesetz" bezeichnetes
Prinzip für das Materielle) für das Ganze (nämlich
die Gesamtheit der in der Natur wirkenden Prinzipien) gesetzt.
Im Gegensatz zum Prinzipienmonismus der modernen
Naturwissenschaft geht Aristoteles von einer
Prinzipienpluralität aus. Da nicht nur unbelebte Dinge, sondern
auch Lebewesen aus Materie bestehen, gilt das Materieprinzip auch für
diese. Nur gibt das Materieprinzip allein keine Erklärung dafür,
was ein Lebewesen zu einem Lebewesen, ein Tier zu einem Tier und
einen Menschen zum Menschen macht. Das Wesen von belebten Dingen läßt
sich nur mit Prinzipien erklären, welche sich vom Materieprinzip
unterscheiden und welche die einfache oder mehrfache Überformung
der Materie in diesen Dingen beschreiben.
Für die moderne
Naturwissenschaft ist ein Naturgesetz ein Gesetz, welches universelle
Gültigkeit, d. h. Allgemeingültigkeit in Raum und Zeit,
besitzt; für sie ist es undenkbar, daß Naturgesetze
existieren, die entstehen und auch wieder vergehen können. Der
Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker warnt vor der Hoffnung,
„in der Biologie Gesetze zu finden, die über jene der
Physik hinausgehen, ohne ihnen zu widersprechen“ [32]. Für
Aristoteles hingegen gibt es "Prinzipien und Ursachen, die
entstehen können und vergänglich sind, ohne daß sie
sich selbst in einem Entstehen und Vergehen befinden" [33].
Dieses Werden und Vergehen von Prinzipien geschieht
fortwährend bei der Entstehung der Lebewesen durch die
Evolution: Mit der Entstehung eines neuartigen Lebewesens
entsteht auch ein neues Lebensprinzip, das diesem Wesen bzw. seiner
Art zugeordnet ist; wenn die Art ausstirbt, wird mit ihr auch das
zugeordnete Lebensprinzip wieder ausgelöscht.
Der philosophische
Alleinvertretungsanspruch der modernen Naturwissenschaft, die sich
als Teil (Einzelwissenschaft) für das Ganze (erste Philosophie)
setzt, führt nicht hin zu einem ganzheitlichen Verständnis
der Natur, sondern davon weg. Das Weltbild der modernen
Naturwissenschaft ist ein strikt materialistisches. Die
Philosophie dieser Wissenschaft fällt somit auf die Philosophie
der voraristotelischen Materialisten zurück, für die
alle Dinge ein und dasselbe Wesen hatten und die eine
Hierarchie oder Stufenleiter verschiedener Kategorien von Wesenheiten
nicht kannten. Von Weizsäcker drückt diese Sichtweise so
aus: "Die Reihe der Gestalten, die das Atom mit den
Menschen verbindet, ist kontinuierlich" [34]. Bei dieser
Sichtweise ist kein Platz für Prinzipien, die entstehen und
vergehen können. Mit dem Postulat des universell (in Raum und
Zeit) gültigen „Naturgesetzes“, das für alle in
der Natur vorkommenden Phänomene zutreffen soll, hat sich
die moderne Naturwissenschaft in ihrer Erkenntnissuche selbst
kastriert.
Die moderne
Naturwissenschaft hat es vermocht, ihren philosophischen
Alleinvertretungsanspruch bis heute aufrecht zu erhalten; ihr
wird dies weiterhin nur gelingen, solange sie die Erkenntnis
verdrängen kann, daß eine Naturwissenschaft im strengen
Sinne (als Suche nach den in der Natur obwaltenden Prinzipien)
gar nicht möglich ist ohne ein Fundament, das Aristoteles "erste
Philosophie" nannte.
Verwendete Abkürzungen
von Aristoteles’ Werken:
Met.: Metaphysica
(Die
Zitate sind der Übersetzung von F. F. Schwarz (Reclam,
Universalbibliothek Nr. 7913, Stuttgart 1970) entnommen.
Phys.: Physica
De gen an.: De
generatione animalium
De an.: De anima
An. post.: Analytica
posteriora
[1] Met. D
1, 1013a.
[2] Met. K
1, 1059a.
[3]
Met. A 3, 984a.
[4]
Met. A 7, 988a.
[5]
Met. A 9, 991b.
[6] De
caelo III 7, 306a.
[7]
Met. G 8,
1012a.
[8]
Met. A 9, 992b.
[9]
Met. A 9, 992b.
[10]
Met. A 2, 982a
- 983a.
[11]
Met. A 2, 982b.
[12]
Met. a 1, 993b.
[13]
Met. G 8,
1011b.
[14]
Met. K 4,
1061b.
[15]
Met. G 1,
1003a.
[16]
Met. G 2,
1004a.
[17]
Met. E 1,
1026a.
[18]
Met. A 3, 983b.
[19]
Met. D 2,
1013b.
[20]
Met. A 3, 983a.
[21]
Met. D 2,
1013a.
[22]
Met. D 2,
1013b.
[23]
Phys. II 3, 194b.
[24]
Phys. II 7, 198a.
[25] De gen. an. I
1, 715a.
[26]
Met. H 1,
1042a.
[27]
Met. Q 8,
1050a.
[28]
Met. H 2,
1043a.
[29]
De an. II 1, 412a.
[30] Wuketits, F. M.:
Biologische Erkenntnis: Grundlagen und Probleme. Stuttgart 1983,
S. 242.
[31] An. post. I 27,
87a.
[32] Weizsäcker,
C. F. v.: Die Tragweite der Wissenschaft. Stuttgart, 1964, S. 423.
[33] Met. E
3, 1027a.
[34] Weizsäcker,
C. F. v.: Das Experiment. Studium generale 1 (1947), 9.
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