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| Erschienen in Ausgabe: No. 28 (2/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
Neuere Veröffentlichungen zu E. M. Cioran
von Daniel Krause
Petreu,
Marta: An Infamous Past. E. M. Cioran and the Rise of Fascism in
Romania. Chicago 2005. ISBN: 1566636078;
Stölzel,
Thomas: Ein Säulenheiliger ohne Säule. Begegnungen mit
E. M. Cioran. Graz 1998. ISBN: 385420485X;
Thoma,
Friedgard: Um nichts in der Welt. Eine Liebe von Cioran. Bonn
2001. ISBN: 3931135608.
Am
20. Juni 1995 ist E. M. Cioran, der eminente Pessimist und
Meister kaustischen Humors, zugleich – nächst Wittgenstein
– der größte Stilist unter den Denkern des 20.
Jahrhunderts, in seiner Wahlheimat Paris verstorben. Nach einem
Jahrzehnt sehen wir uns einer ‚paradoxen’ Rezeptionslage
gegenüber: In der akademischen Welt wird Cioran schlicht
ignoriert. Montaigne, Vico, Friedrich Schlegel, Nietzsche, Heidegger,
die Existenzialisten, Strukturalisten und Poststrukturalisten,
auch reaktionäre Exzentriker von Gómez Dávilas
Zuschnitt, all jene ‚Häretiker’ der Philosophie, die
sich akademischer Äußerungsformen rundweg entschlagen,
erfreuen sich höchster Wertschätzung, zumindest in Teilen
der akademischen Öffentlichkeit – wenn nicht in
philosophischen Milieus, so wenigstens in der
Literaturwissenschaft. Cioran dagegen wird kaum beachtet –
obschon er nach Klarheit und Genauigkeit des Ausdrucks so manchem der
Genannten deutlich überlegen ist. Dass es Cioran an der
gewünschten politischen Korrektheit gebricht – es
taugt nicht als Erklärungsgrund, angesichts Heideggers oder
Gómez Dávilas’ rechten Affinitäten. Dass
Cioran den Aphorismus präferiert, nicht so sehr den Essai, am
allerwenigsten den zünftigen Traktat – angesichts
Schlegels und Nietzsches kann es kaum irritieren. Sollten die
Ausfälle gegen akademisches Philosophieren, gegen die
Institution ‚Wissenschaft’ den Ausschlag gegen? Wohl
kaum. Selbstkritik, ja Selbstverachtung ist spätestens seit
Nietzsche Gemeingut unter Philosophen. Kurzum: Die Ignoranz gegen E.
M. Cioran ist kaum begreiflich zu machen. Freilich – dies ist
die andere Seite besagter ‚Paradoxie’: Die literarische
Öffentlichkeit zeigt sich durchaus interessiert. Nie kam Cioran
mehr Aufmerksamkeit zu. Franz Schuh und Ilse Aichinger sind bemüht,
seinen Ruhm im deutschen Sprachraum zu mehren. Vor allem aber sind
zahlreiche Bücher über den „Säulenheiligen
ohne Säule“ erschienen. Zum einen Erfahrungsberichte von
solchen Autoren, die ihn persönlich kennen lernen durften. Zum
andern regelrechte Biographien.
An erster
Stelle ist Marta Petreus An Infamous Past zu nennen, 1999 auf
Rumänisch erschienen, 2005 in englischer Übersetzung
bei Ivan R. Dee in Chicago. Marta Petreu widmet sich den dreißiger
und vierziger Jahren. Der Untertitel lautet
demgemäß: E. M. Cioran and the Rise of Fascism in
Romania. Nun geht es nicht allein um den rumänischen
Faschismus der Eisernen Garde, jenes bizarre Gemisch aus
christlichem, hysterisch nationalistischem und genuin faschistischem
Gedankengut. (Beinahe alle jungen rumänischen Intellektuellen
der Zwischenkriegszeit, neben Cioran auch Mircea Eliade, sind ihm
verfallen – mit der rühmlichen Ausnahme Eugène
Ionescos.) Es geht durchaus auch um den deutschen Faschismus. Marta
Petreu rekonstruiert im Detail E. M. Ciorans Verstrickung in den
Nationalsozialismus: Als Humboldt-Stipendiat gelangt er im Herbst
1933 nach Berlin, später nach München – um
Philosophie zu studieren, so die ‚offizielle’ Version.
Tatsächlich ist er längst nicht mehr an akademischem
Philosophieren interessiert. (Mit Gusto sollte Cioran in späteren
Jahren berichten, er habe ein Stipendium für Paris dazu
verwandt, Frankreich mit dem Fahrrad zu erkunden.) Weit
faszinierender scheint Cioran das politische Geschehen. Seine
jugendliche Begeisterung speziell für die Person Hitlers ist in
diversen Beiträgen für rumänische Zeitschriften
dokumentiert. Den sog. Röhm-Putsch des Jahres 1934 (als „Nacht
der langen Messer“ bekannt), jenes von Hitler veranlasste
Massaker, dem die gesamte SA-Führung zum Opfer fällt, wird
Cioran – zur Verblüffung seiner Redakteure –
nachdrücklich rechtfertigen: Wo eine Nation sich im Aufbruch
findet, ist auf den einzelnen keine Rücksicht zu nehmen.
Ähnliches schwebt Cioran für Rumänien vor: Schimbarea
la faţă a României (The Transfiguration of
Romania, d.h.: ‚Rumäniens Verwandlung’), sein
‚magnum opus’ der dreißiger Jahre, redet dem
‚Großen Sprung nach vorn’ das Wort. Aus dem
Agrarzeitalter soll Rumänien in die urbane, industrielle Welt
versetzt werden. Das kann einzig, so Cioran, durch rohe Gewalt
geschehen, in einer ‚Entwicklungsdiktatur’. Corneliu
Codreanus Eiserne Garde scheint prädestiniert, dieses Amt zu
exekutieren.
Ein
dogmatischer Faschist – ob im Sinne Codreanus oder der Nazis –
ist Cioran allerdings niemals gewesen. Marta Petreu weist detailliert
nach, welche Beweggründe seine Abirrung motivieren. Da ist
zunächst der Minderwertigkeitskomplex des „Balkanesen“.
Alle politischen Extravaganzen scheinen gerechtfertigt, sofern sie
zur Modernisierung des Landes beitragen. Zum andern ist eine
hysterische Empfänglichkeit für alle Erscheinungsformen
(vermeintlicher) politischer ‚Größe’ zu
konstatieren. Es ist eine einzige Eigenschaft Hitlers, die Ciorans
Aufmerksamkeit weckt: Des „Führers“ Fähigkeit,
die Massen in den Bann zu schlagen, ein ganzes Volk (dem Anschein
nach) auf ein Ziel auszurichten. (Deswegen kann Cioran sagen,
ob eine „Bewegung“ rechts oder links stehe, sei ihm im
Grunde egal. Auch Mao hätte seine Zustimmung gefunden.) Auch
hier gilt: Allfällige ‚Opfer’ der nationalen
Erhebung sind ohne Zögern in Kauf zu nehmen. Cioran sucht eine
Intensität kollektiver Erfahrung, die ihm weder die westlichen
Demokratien noch das verachtete Rumänien zu bieten vermögen.
Dies vor allem erklärt seine Faszination durch den Faschismus.
Jenseits
moralischer Bewertungen stellt sich dem Leser eine Frage (ganz
ähnlich wie im Falle Eliades oder Heideggers): Sind Ciorans
kanonische Schriften der Nachkriegsjahrzehnte faschistisch infekt?
Inhalieren wir bei der Lektüre rechtes Gedankengut, wenngleich
nur in ‚Spuren’? Dass Cioran sich nach dem Kriege –
jedenfalls öffentlich – der Auseinandersetzung mit jenen
Jahren verweigert, macht es nicht leichter. (Seine Einstellung gegen
‚Juden’ hat er noch während des Krieges, privatim,
korrigiert.) Faschistische Ideen werden wir beim reifen Cioran
durchaus nicht finden – so viel scheint sicher –, wohl
aber solche Haltungen, die eine Hinwendung zum Faschismus
begünstigen, ohne an sich bereits ‚inkriminierbar’
zu sein: Die Verachtung fürs politische Tagesgeschäft und
bürgerliche Institutionen; umgekehrt die Bewunderung fürs
Radikale, Rückhaltlose, Unbedingte, selbst fürs Barbarische
– in der Philosophie und im Leben; die tiefe Selbstverachtung
des Rumänen; die Neigung zu krudem, kulturpessimistischem
Geschichtsdenken aus Schopenhauers, Nietzsches und Spenglers Geist;
nicht zuletzt ist Ciorans Ästhetizismus zu nennen, der Kult der
Form, dem Inhalte austauschbar scheinen. Wache Leser werden diese
Ingredienzien von je mit Vorsicht genossen haben. Marta Petreu lehrt
uns, wie wesentlich solche Wachsamkeit ist.
Neben
aufklärerischen Interventionen wie Marta Petreus An Infamous
Past nehmen sich Erfahrungsberichte von Freunden und Bekannten
aus Ciorans Spätzeit einigermaßen harmlos aus. Friedgard
Thomas, der letzten ‚unsterblichen Geliebten’ des
Meisters, Erinnerungsbüchlein: Um nichts in der
Welt. Eine Liebe von Cioran (Bonn 2001), nimmt sich
selbstverliebt-eitel aus. (Das Presseecho war, zu Recht, überaus
kritisch.) Anders präsentieren sich Thomas Stölzels
Cioran-Reminiszenzen: Ein Säulenheiliger ohne Säule.
Begegnungen mit E. M. Cioran (Graz 1998). Stölzel war es
durch Zufall vergönnt, den greisen Cioran kennen zu lernen. Sein
Erlebnisbericht ist ein Meisterstück präziser
Charakterisierungskunst. Vor allem aber ist Stölzel Cioran auch
geistig gewachsen. Seine Ausführungen sind von weit reichendem
Einverständnis, durchaus von Sympathie getragen. Dennoch bringt
er wohlabgewogene, durchdachte Kritik an. Ihm ist eine der klügsten
Entgegnungen auf E. M. Cioran gelungen, fern aller Polemik und aller
Apologie. Wer eine kluge, fein differenzierende Hinführung zur
Person und zum Werk des unerreichten Meisters luziden Ausdrucks
begehrt, der möge Stölzels Säulenheiligen
konsultieren.
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