| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 28. Mai '11 |
von Rainer Westphal
Wer mit Spannung die
Regierungserklärung von Frau Dr. Merkel in der obigen Angelegenheit verfolgt
hat, dürftemehr als nur enttäuscht
worden sein. In ihrer üblichen, oberlehrerhaften Form wurden Erkenntnisse der
Regierung erläutert, welche offensichtlich nur von dieser als neu empfunden
werden. Offensichtlich ist nach dem Prinzip verfahren worden, dass
Binsenweisheiten einer ständigen Wiederholung bedürfen, um als neue Erkenntnis
anerkannt zu werden.
So wird von einer Zeitenwende in
der Arabischen Welt gesprochen und von historischen Verpflichtungen diesen
Ländern gegenüber. Jeden politisch Interessierten dürfte bei der Ägyptischen
Revolution klar geworden sein, dass dieser Vorgang nicht auf ein Land
beschränkt sein dürfte. (siehe Artikel Tabularasa: „Der arabische Aufstand“).
Als eine Überraschung konnte man feststellen, dass Frau Dr. Merkel gerade die
Arbeitslosigkeit junger Menschen in diesen Ländern angeprangert hat. Eine Überraschung
deshalb, da man den Eindruck gewinnen konnte, dass sie offensichtlich übersehen
hat, was in Europa stattfindet, und eine
breite Protestbewegung, ausgehend von Spanien und Griechenland, am Entstehen
ist. Auch die Erkenntnis, dass es offensichtlich nicht ausreicht, Gelder zur
Verfügung zu stellen, sondern in den betreffenden Ländern Hilfe zur Selbsthilfe
über die Schaffung entsprechender wirtschaftlicher Strukturen darzustellen,
setzte den aufmerksamen Zuhörer wiederum in Erstaunen. In Erstaunen deshalb, da
auch dieses Problem im Europa der Vaterländer ein gravierendes Problem ist.
Erwähnt werden die Exportüberschüsse der BRD, die zu 70 % in der EU
erwirtschaftet werden, und dazu führen, dass eine wirtschaftliche Entwicklung
in den importierenden Ländern zumindest stark eingeschränkt wird, und die
Haushalte überbelasten. Derartige Missstände führen letztendlich zu
unerwünschten Völkerwanderungen und zur Notwendigkeit dauerhafter Transferleistungen,
was seit Jahrzehnten, u. a. von ATTAC angeprangert wird.
Eine Hilfe zur Selbsthilfe
beinhaltet auch Importe aus den betroffenen Ländern, um Investitionen zu ermöglichen. Dieses erfordert
natürlich Einkommensverhältnisse im Inland, welches Derartiges ermöglicht. Zum
wiederholten Male erinnert der Verfasser an das Stabilitätsgesetz aus dem Jahre
1967, welches aus nahe liegenden Gründen eine ausgeglichene Handels- und
Zahlungsbilanz fordert. Sollte
tatsächlich Frau Dr. Merkel zu diesen grundlegenden Erkenntnissen gelangt sein,
dass Exporte und die entsprechenden Importeerforderlich sind um Ungleichgewichte, insbesondere auf den so genannten
Arbeitsmärkten nicht zu begünstigen? Der Wettbewerbsvorteil einer Volkswirtschaft
muss dazu führen, dass schwächere Länder in absehbarer Zeit nachziehen. Also
die Schere zwischen armen und reichen Ländern nicht zu groß wird. Zumindest in
der EU kann man den Wettbewerb nicht mit einem Fußballturnier vergleichen, bei
dem ein Verlierer einfach auszuscheiden hat.
Als neu wurden allerdings die
Begriffe wie: „geopolitische Tektonik“ und „Transformationspartnerschaft“
empfunden. Transformationspartnerschaft dahingehend, da zuklären wäre, was man eigentlich in die
arabischen Länder transformieren will. In diesem Zusammenhang ist
festzustellen, dass es die schlechten Lebensverhältnisse und die gewaltigen
Unterschiede zwischen Armen und Reichen es sind, welche zu diktatorischen
Zuständen, und letztendlich zu den revolutionären Veränderungen führten. Man
sollte sehr vorsichtig mit den Reihenfolgen sein, und sich vergegenwärtigen,
dass man sich in den arabischen Ländern über demokratische Strukturen zunächst
eine Verbesserung der Lebensverhältnisse erhofft. Frau Dr. Merkel hat durchaus Recht,
wenn Sie es anmahnt, dass die Veränderung der politischen Strukturen zur
Demokratie nicht durch negative wirtschaftliche Gegebenheiten verhindert werden
darf. Umgekehrt gilt allerdings auch, dass in der EU nicht der Fall eintritt,
dass demokratische Strukturen u. U. durch undemokratische abgelöst werden.
Es kann nicht davon ausgegangen
werden, dass beabsichtigt ist, einen Raubtierkapitalismuszu transformieren. Es wird an die Aussage des
Ökonomen Schumpeter erinnert, welcher der überraschten Fachwelt mitteilte, dass
der Kapitalismus an seinen Erfolgen zugrunde gehen würde (siehe Tabularasa: „Joseph
Alois Schumpeter“). Oder will man gar die Europäische Kultur und den
christlichen Glauben transformieren?
Des Weiteren weist die Kanzlerin
auf die Ereignisse in Japan in Sachen Atomkraft hin, und die Absicht, weltweit
so genannte Stresstests für Atomkraftwerke einzuführen. Allerdings wird es als
Gefahr angesehen, dass diese Tests bei Nichterfüllung zur Herabsetzung der
Anforderungen aus wirtschaftlichen Gründen führen, und es sich lediglich um
Absichtserklärungen handelt. Viel wichtiger dürfte es sein, auf mögliche
Innovationen zu verweisen, welche den Betrieb von Atomkraftwerken unnötig
macht. Es ist nachvollziehbar, dass die
Energiekonzerne nicht gerne auf ein bestehendes sicheres Geschäft zu Gunsten
von weniger attraktiven Aktivitäten verzichten wollen und entsprechenden
Einfluss und Druck ausüben werden. Die Konzerne dürften sich demnach als ein
großes Hindernis für notwendige Innovationen erweisen.
Die Kanzlerin streifte auch das
Problem in Palästina und das Problem Israels. Richtigerweise erfolgte der Hinweis
auf die Notwendigkeit von Gesprächen und der notwendigen Anerkennung des
Existenzrechtes des israelischen Staates. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn
die Bundesregierung eigene Vorstellungen hinsichtlich der Vorgehensweise zur
Lösung des Problems entwickelt hätte.
Die Reaktion und Kritik auf die
Regierungserklärung durch die Opposition beschränkte sich mehr oder weniger
darauf, dass die Rede von Frau Dr. Merkel ohne die notwendige Leidenschaft
vorgetragen wurde, statt auf die Inhalte einzugehen. Lediglich der Vertreter
der ungeliebten Linkspartei, Herrn Gregor Gysi, dürfte es gelungen sein,
notwendige und drängende Fragen zum Thema zu äußern. Dieses sollte man
unabhängig davon honorieren, ob man mit den Ansichten der Linkspartei in allen
Belangen übereinstimmt. Demokratie beinhaltet nach Auffassung des Verfassers die
sachliche Auseinandersetzung mit Andersdenkenden ohne zum Mittel der
Beleidigung und Diskriminierung zu greifen. Eine derartige Verhaltensweise
würde vielleicht dazu führen, dass das Parlament wieder eine Akzeptanz erfährt.
Allerdings wäre es dann auch erforderlich, dass die Abgeordneten bei Sitzungen
des Parlaments zugegen sind und nicht mittels Abwesenheit dieses abwerten.
Eine Überraschung wäre es aber, wenn aus dem G8-Gipfel mehr herauskommen würde
als die Tatsache, dass definitiv festgestellt wird, dass Frau Carla Sarkozy-Bruni
schwanger ist. Allerdings dürfte es wichtig sein, dass sich die Staatschefs
von zumindest 8 Ländern über Probleme unterhalten. Man darf gespannt sein, was
beim G20 Gipfel im Herbst d. J. an greifbaren Ergebnissen erzielt wird.
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