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| Erschienen in Ausgabe: No. 28 (2/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
von Dr. Stefan Bleecken
Die Seelenlehre des Aristoteles [1] ist vor über zweitausend Jahren geschrieben worden. Die Konfrontation dieser Lehre mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft führt zu einem unerwarteten Ergebnis: Das Begriffssystem des Aristoteles zur Beschreibung der Wirklichkeit steht auf einer höheren Entwicklungsstufe als das der modernen Wissenschaft.
Wenn man die Seelenlehre des Aristoteles im Lichte der
heutigen Wissenschaft betrachtet, dann stellt sich als
erstes die Frage, ob es einen wissenschaftlichen Begriff gibt, der
mit dem aristotelischen Begriff der Seele als dem Prinzip der
belebten Wesen in Beziehung gebracht werden kann. Diese Frage läßt
sich mit Hilfe einer zweiten Frage beantworten, sie lautet:
Worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen der Biologie als
der Wissenschaft vom Leben und der Physik als der Wissenschaft von
der Materie? Die Antwort: Beide Wissenschaften
unterscheiden sich in der zentralen Bedeutung, die der Begriff
der Information in der Biologie, nicht jedoch in der Physik
besitzt. Wir wissen heute, daß jedes Lebewesen eine
Nachricht enthält, die mit Hilfe eines
Vier-Buchstaben-Alphabets in einem (oder mehreren)
DNA-Makromolekül(en) eingraviert ist, ähnlich wie eine
Schrift in eine Druckmatrize. Die Weitergabe dieser Nachricht in
die Zukunft, nämlich von einer Generation des Lebewesens auf die
nächste, ist etwas gänzlich Unbekanntes in der Welt der
unbelebten Natur und daher typisch für das Leben. Der Inhalt
dieser Nachricht wird als "genetische Information" des
Lebewesens bezeichnet.
Das eben Gesagte fordert die Frage heraus, in welcher
Beziehung die genetische Information zur vegetativen Seele, die
nach Aristoteles allen Lebewesen eigen ist, stehen könnte. Die
Definition der Seele: "Seele ist nicht Körper aber
etwas an einem Körper" läßt sich nicht auf
die genetische Information selbst übertragen. Letztere ist
"etwas an einem DNA-Makromolekül", aber nicht "etwas
an einem Körper". Ein im Lebewesen vorhandenes DNA-
Makromolekül ist als Struktur Teil eines Körpers,
d.h. Teil einer Struktur mit einer höheren Kategorie von
Organisiertheit; es liegt daher die Vermutung nahe, daß die
genetische Information Teil einer höheren Kategorie von
Information sein könnte, die dann erst das eigentliche
Lebensprinzip für das betreffende Lebewesen repräsentieren
würde. Dieses Lebensprinzip müßte, ebenso wie die
genetische Information, von einer Generation eines Lebewesens
auf die nächste vererbt werden.
Der Gedanke, daß die genetische Information nicht
die einzige vererbbare Information eines Lebewesens ist,
ist nicht neu. Walter Elsasser [2] nimmt neben der Übertragung
von genetischer Information eine Informationsübertragung in
die Zukunft ohne mechanische Speicherung an und bezeichnet
dieses Phänomen als "holistisches Gedächtnis".
Vorher hatte bereits Hans Driesch [3] eine Zwei-Faktoren-Vererbung
postuliert. Aus den von ihm durchgeführten
entwicklungsphysiologischen Experimenten an Seeigel-Keimen zog
er den Schluß, daß bei der Entwicklung eines Lebewesens
ein ganzmachender Lebensfaktor wirksam sein müsse,
den er in Anlehnung an Aristoteles mit "Entelechie"
bezeichnete. Er nahm an, daß bei der Vererbung die Entelechie
und etwas Materielles gleichermaßen am Werke sein müssen
[4] und verstand unter dem Materiellen die Gene [5]. Der direkte
Vergleich der Entelechie mit den Newtonschen Prinzipien
zeigt, daß Driesch damit ein Naturgesetz oder etwas
Analoges meint [6].
Die Entelechie, die nach Driesch jedem lebenden
Organismus zuzuordnen sein soll, hat Ähnlichkeiten mit einem
Paradigma der Physik, unterscheidet sich aber in einem entscheidenden
Punkt davon: Der Entelechie steht bisher kein mathematisches Gesetz
zur Seite wie beispielsweise dem Paradigma der Gravitation das
Gravitationsgesetz, d. h. die Entelechie erfüllt nicht das
Akzeptanzkriterium der modernen Naturwissenschaft, das der
Quantifizierbarkeit und Formalisierbarkeit. Dies ist der
Grund, warum das Entelechiekonzept von Driesch (ebenso wie die
Seelenlehre des Aristoteles) bisher kein Bürgerrecht
in der modernen Wissenschaft erhalten haben.
Auf den Gebieten der Molekularbiologie und der
Bakterienphysiologie sind in den letzten Jahrzehnten derartige
Fortschritte erzielt worden, daß es zum ersten Male
möglich wurde, ein einfaches Lebewesen, das Darmbakterium
Escherichia coli, (fast) vollständig zu inventarisieren
hinsichtlich der in ihm vorhandenen Strukturen und der in ihm
ablaufenden Prozesse; dies wiederum war Voraussetzung für
einen weiteren Schritt: die mathematische Modellierung der
Bakterienzelle.
Die Regeln, die beim Aufbau eines mathematischen Modells
einer lebenden Bakterienzelle zu beachten sind und die
Eigenschaften eines solchen Modells wurden an anderer Stelle
ausführlich beschrieben [7]. Ein derartiges Modell beschreibt
etwas, was die lebende Zelle von einem leblosen Materieklümpchen
gleicher Zusammensetzung unterscheidet, d. h. das Modell
repräsentiert das Lebensprinzip dieser Zelle. Was dabei
entscheidend ist, dieses Lebensprinzip läßt sich
auffinden, ohne irgendwelche Begriffe und Gesetze der Physik
heranzuziehen.
Das Lebensprinzip, das (zumindest bei einfachen
Organismen) mit mathematischen Mitteln beschrieben werden kann,
wurde als "systemische Information" bezeichnet [7]. Eine
wesentliche Eigenschaft der systemischen Information
besteht darin, daß die genetische Information des
betreffenden Lebewesens in ihr enthalten ist [8]. Die lebende
Zelle kann als ein informationsverarbeitendes System
verstanden werden, das mit Hilfe der systemischen Information die in
der Zelle ablaufenden materiellen Prozesse im Interesse der
Zelle steuert. Dieses lebende informationsverarbeitende System
benötigt wie jedes informationsverarbeitende System der
Technik einen materiellen Träger zur
Informationsspeicherung. In der Technik, z. B. in einem Computer,
übernimmt diese Aufgabe ein Magnetband oder eine Diskette,
in der lebenden Zelle ein DNA-Makromolekül. Die auf dem
DNA-Molekül gespeicherte genetische Information ist der
speicherbare und invariante Anteil der ansonsten
nichtspeicherbaren systemischen Information [9]. Der Träger
der genetischen Information ist ein Makromolekül, der Träger
der systemischen Information ist die lebende Zelle mit ihrem
funktionierenden Stoff- und Energiewechsel.
Als nächstes soll der Frage nachgegangen werden,
wie denn die systemische und genetische Information eines Lebewesens
entstanden sind. Seit Darwin wissen wir, daß alle
Lebewesen durch einen historischen und als Evolution bezeichneten
Prozeß entstanden sind. Die Evolution wird vorwärts
getrieben durch die Variabilität der Lebewesen, die
Überproduktion von Nachkommen und die Auslese der an die Umwelt
am besten angepaßten Formen. Auslösender Faktor für
die Variabilität der Lebensformen ist eine als Mutation
bezeichnete zufällige Änderung der genetischen Information
eines Lebewesens, die eine neue systemische Information und damit
eine neue Lebensform hervorruft. Immer dann, wenn sich die neue
Lebensform in der Auseinandersetzung mit der Umwelt durchsetzen kann,
tritt ein Fixpunkt der Evolution in Form eines neuen Lebewesens auf.
Die Evolution erscheint somit als ein Spiel von Versuch
und Irrtum, verbunden mit dem "Abspeichern" der genetischen
Information, wenn eine neue konkurrenzfähige Lebensform,
d.h. ein Fixpunkt auftritt. Die genetische Information kann als
Spielmaterial des Evolutionsprozesses betrachtet werden; mit
Hilfe dieses Spielmaterials gelingt der Evolution (neben vielen
Irrtümern) immer einmal wieder ein Erfolgstreffer in Form einer
neuen Lebensform.
Auf Grund der Rolle, die der Zufall spielt, läßt
sich der Weg der Evolution nicht mit mathematischen Mitteln
beschreiben und somit nicht vorhersagen. Eine ganz andere Situation
tritt an den Fixpunkten der Evolution auf. Beispielsweise ist für
eine Coli-Zelle und ihre Nachkommen die genetische Information
konstant (solange keine Mutation auftritt). Diese Konstanz
bzw. die Irrelevanz des Zufalls sind die Gründe dafür, daß
die Lebensprozesse der Coli-Zelle mit mathematischen Mitteln
beschrieben und das Verhalten der Zelle vorausgesagt werden kann
[10].
Das Spiel von Versuch und Irrtum wird als ein
entscheidender Prozeß bei der Entstehung des Lebens und
neuartiger Lebensformen angesehen. Für den vom Rationalismus und
Materialismus geprägten Geist des modernen Menschen ist es
schwer vorstellbar, daß durch ein Spiel von Versuch und Irrtum
etwas in der Welt noch nie Dagewesenes entstehen kann und dieses
Etwas die Qualität einer Information besitzt.
Das einfachste Beispiel für einen
informationserzeugenden Prozeß ist der Gang durch ein Labyrinth
mit zahlreichen Verzweigungen und Sackgassen [11]. Der kürzeste
Weg vom Eingang zum Zentrum des Labyrinths ist nicht vorhersehbar, er
kann nur durch „Versuch und Irrtum“ ermittelt werden.
Jede Wegegabelung erfordert einen Versuch, dieser kann entweder in
eine Sackgasse oder ein Stück weit auf den Weg zum Ziel führen,
bis zur nächsten Wegegabelung. Jede Rückkehr zum
Ausgangspunkt einer Sackgasse (d. h. jeder Irrtum) bedeutet einen
Informationsgewinn, daß nämlich die durchlaufene Sackgasse
nicht Teil des kürzesten Weges zum Ziel ist. Wenn nach vielen
Versuchen das Ziel erreicht ist, läßt sich der kürzeste
Weg zurück zum Eingang durch Straffziehen eines mitgeführten
Ariadnefadens ermitteln. Durch das Straffziehen werden sämtliche
vergeblichen Versuche (Sackgassen) eliminiert, d. h. sämtliche
partiellen Informationsgewinne zusammengefaßt. Dieser
gestraffte Ariadnefaden repräsentiert daher eine Information,
die es vorher nicht gab; diese Information ist das Ergebnis eines
informationserzeugenden Prozesses.
Das Labyrinthbeispiel kann uns noch zu einer weiteren
wichtigen Erkenntnis führen, daß nämlich in einem
informationserzeugenden Prozeß zwei kategorial unterschiedliche
Elemente zusammenwirken müssen: ein der menschlichen Ratio
zugängliches Element, welches als „Notwendigkeit“
bezeichnet werden kann, und ein irrationales Element, der Zufall. Der
Verstand gebietet uns, am Ende einer Sackgasse umzukehren, zum
Ausgangspunkt zurückzukehren und den noch nicht begangenen Weg
weiterzugehen. Weiterhin sagt uns der Verstand, daß zur
Ermittlung des wünschenswerten kürzesten Weges vom Ziel
zurück zum Eingang der mitgeführte Ariadnefaden gestrafft
werden muß. Eine ganz andere Situation tritt auf, wenn wir vor
einer Wegegabelung stehen. Hier kann uns unser Menschenverstand nicht
weiterhelfen, hier hilft keine Statistik, keine Chaostheorie, hier
müssen wir eine reine Zufallsentscheidung treffen.
Jede Erzeugung von Information ist aus dem
Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit hervorgegangen. Ohne das
Modell eines informationserzeugenden Prozesses vor Augen zu haben,
ist die Entstehung von Leben in all seinen Ausformungen nicht zu
verstehen.
Die Evolution als Ganzes gesehen ist ein
informationserzeugender Prozeß, der zur Entstehung einer
Vielzahl verschiedenartiger Lebewesen geführt hat. Bisher
wurde davon ausgegangen, daß das Spielmaterial, welches von der
Evolution benutzt wird, die an einen materiellen Träger
gebundene genetische Information ist. Damit ist aber nur
die Entstehung der einzelligen Lebewesen und der vielzelligen
Pflanzen, nicht aber das Entstehen der Tiere und des Menschen zu
verstehen. Damit Tiere und Menschen entstehen konnten, mußte
die Evolution außer der erwähnten genetischen Information
noch zwei andere, als Spielmaterial verwendbare
Informationskategorien und damit auch zwei neue Träger zur
Informationsspeicherung erfinden.
Bei der niederen Gehirntätigkeit der Tiere werden
zur Informationsspeicherung anstelle von Molekülen
Zellen verwendet, nämlich die im Gehirn miteinander vernetzten
Neuronen. Die Gehirntätigkeit ist ein der biologischen
Evolution analoger informationserzeugender Prozeß; auch
hier ein Spiel von Versuch und Irrtum, verbunden mit der
Abspeicherung günstiger Varianten im Gedächtnis als
neuronale Information. Das Verhalten eines Tieres wird wesentlich
durch die niedere Gehirntätigkeit bestimmt. Diese ist als
informationserzeugender Prozeß nicht formalisierbar
und voraussagbar und damit ist auch das Verhalten eines Tieres -
anders als das einer Coli-Zelle - nicht voraussagbar.
Das Verhalten des Menschen wird wesentlich durch die nur
bei ihm realisierte höhere Gehirntätigkeit bestimmt,
welche die auch bei ihm vorhandene niedere Gehirntätigkeit
überlagert. Dazu mußte eine weitere neue Qualität der
Informationsspeicherung hinzukommen, nämlich die
Speicherung von durch Sprache und Schrift vermittelter
begrifflicher Information. Mit seiner im Vergleich zum Tier "höheren"
Gehirntätigkeit besitzt der Mensch die Fähigkeit des
begrifflichen Denkens und damit auch die Fähigkeit, das in
seinem individuellen Leben Gelernte mit Artgenossen auszutauschen,
d.h. er besitzt die Fähigkeit zum gesellschaftlichen bzw.
kulturellen Lernen. Natürlich gilt das für das Tier
hinsichtlich der Nichtvoraussagbarkeit seines Verhaltens Gesagte
in noch höherem Maße für den Menschen.
Unausweichlich stellt sich nun die Frage, in welcher
Beziehung die drei von Aristoteles postulierten Seelenteile -
vegetative Seele, sensitive Seele und Geistseele - zu den drei
Kategorien der in der Natur vorkommenden
informationserzeugenden Prozesse - biologische Evolution,
niedere und höhere Gehirntätigkeit - stehen.
Die vegetative Seele ist nach Aristoteles das
Lebensprinzip für ein Lebewesen bzw. für dessen Art. Nach
dem Verständnis der Wissenschaft ist ein Lebewesen (bzw. dessen
Art) ein Fixpunkt des als Evolution bezeichneten
informationserzeugenden Prozesses, dessen Spielmaterial die auf
einem materiellen Träger (DNA) befindliche genetische
Information ist. In einem Lebewesen laufen Prozesse in zwei
Ebenen ab, auf der materiellen Ebene und auf der hierarchisch höheren
Informationsebene. Von der Informationsebene aus gesehen stellt ein
Lebewesen ein informationsverarbeitendes System dar, welches die in
dem Lebewesen ablaufenden materiellen Prozesse im Interesse des
Lebewesens steuert; ein Charakteristikum des Systems ist die
Konstanz der auf einem DNA-Makromolekül gespeicherten
genetischen Information. Somit ist die vegetative Seele der
philosophische Begriff für das Prinzip eines
informationsverarbeitenden Systems (Lebewesen),
der wissenschaftliche Begriff für dieses Prinzip ist
"systemische Information" [7].
Während sich die vegetative Seele nicht auf den
informationserzeugenden Prozeß "Evolution"
selbst, sondern auf dessen Produkt (Lebewesen) bezieht, besteht
zwischen der sensitiven Seele bzw. der Geistseele einerseits und den
informationserzeugenden Prozessen "niedere"
bzw. "höheren Gehirntätigkeit"
andererseits eine direkte Beziehung. Die beiden genannten
Seelenteile sind die philosophischen Begriffe für die
Prinzipien, denen die informationserzeugenden Prozesse
niedere bzw. höhere Gehirntätigkeit gehorchen. Die
beiden Prozesse unterscheiden sich kategorial durch die Art des
von ihnen benutzten Spielmaterials, im ersten Falle ist es die
neuronale, im zweiten Falle die begriffliche Information.
Aristoteles hat mit seiner Seelenlehre ein in sich
abgeschlossenes Weltbild von unerhörter Reife geschaffen,
das in seiner Vollendung bis heute nicht wieder erreicht wurde. Er
unterscheidet vier Stufen, das Körperlich-Materielle als
Stufe des Unbelebten und die drei Stufen des Lebendigen, das
Vegetative, das Sensitive und das Geistige, wobei jede höhere
Stufe durch ein neu hinzukommendes Prinzip ausgezeichnet ist. Nach
Aristoteles besteht die ganze Wirklichkeit aus vier
Teilwirklichkeiten mit eigenen Prinzipien. Er hat damit die
einseitige Erklärung der Wirklichkeit durch seine Vorgänger
Demokrit und Platon, die alles aus den Prinzipien des
Atomistisch-Materiellen bzw. Geistig-Ideellen ableiten wollten,
aufgehoben und durch eine ganzheitliche Erklärungsart ersetzt..
In der Metaphysik des Aristoteles finden sich zahlreiche
Warnungen vor den Versuch einer einseitigen Erklärung der Welt.
So heißt es: "In der Suche nach den Elementen für
alles Seiende und in der Behauptung, daß man sie habe, ist
keine Wahrheit zu finden" [12] und "Es ist klar, daß
die einseitigen Aussagen, die für alle Dinge gelten
sollen, unmöglich zutreffen" [13]. Die Warnungen des
Aristoteles vor einseitigem Denken sind von den Hauptströmungen
des abendländischen Denkens, die auf die griechische
Philosophie folgten, negiert worden, so versucht die
christliche Theologie mit einem Geist-Prinzip und die
moderne Naturwissenschaft mit einem Materie-Prinzip die
ganze Wirklichkeit zu erklären. In beiden Fällen wird
die Mehrdimensionalität der Weltwirklichkeit (in
Bezug auf die wirkenden Prinzipien) auf eine einzige
Dimension zusammengeschrumpft.
Bei einem Vergleich der aristotelischen Seelenlehre mit
dem Erkenntnis- und Lehrgebäude der modernen (Natur)Wissenschaft
stößt man auf ein Paradoxon. Einerseits lassen sich die
drei von Aristoteles postulierten Seelenteile mit Hilfe von
Erkenntnissen, die die Wissenschaft gewonnen hat, interpretieren und
als Prinzipien für informationsverarbeitende Systeme
(vegetative Seele) bzw. für informationserzeugende Prozesse
(sensitive Seele, Geistseele) erkennen. Andererseits hat die
Wissenschaft jeden Begriff davon verloren, was Aristoteles "Seele"
nannte, d.h. sie hat für die drei Prinzipien keinen Namen [14].
Da die Begriffssysteme der Einzelwissenschaften dafür nicht
ausreichen, muß eine auf rationaler Ebene erfolgende
Weltbild-Diskussion wieder dort stattfinden, wo sie hingehört:
auf den Boden der Philosophie.
Nachdem die Hauptbegriffe der Seelenlehre - vegetative
Seele, sensitive Seele, Geistseele - mit Begriffen der heutigen
Wissenschaft umschrieben werden können, ist es
möglich, die Aussagen dieser Lehre zu präzisieren bzw. zu
ergänzen. Im Folgenden sollen die Prinzipien, die die drei
Seelenteile repräsentieren, hinsichtlich ihrer
Unterscheidbarkeit, Besonderheit, Formalisierbarkeit und
Vollzähligkeit untersucht und eine Definition des Begriffs
"ganzheitlich", der das aristotelische Weltbild
charakterisiert, gefunden werden.
Aristoteles ist von den verschiedenen, menschlichen Sinnen zugänglichen Äußerungen oder Vermögen der Seele (Ernährung und Fortpflanzung, Wahrnehmung, Denken) ausgegangen und hat auf die unsichtbaren Ursachen geschlossen. Er hat drei Seelenteile postuliert, die sich nicht graduell, sondern prinzipiell voneinander unterscheiden. Mit dem heutigen Wissen ist es möglich, die (unsichtbare) Ursache für diese prinzipiellen Unterschiede anzugeben. Die drei Seelenteile korrespondieren mit drei informationserzeugenden Prozessen (die vegetative Seele kann als Fixpunkt des „Evolution“ genannten informationserzeugenden Prozesses interpretiert werden), die sich in der Art der Informationsspeicherung unterscheiden, die Evolution bedient sich der genetischen Information, die niedere Gehirntätigkeit der neuronalen Information und die höhere Gehirntätigkeit der begrifflichen Information als Spielmaterial. Die genannten, als Spielmaterial verwendeten Informationsarten unterscheiden sich qualitativ und können nicht ineinander überführt werden. Die prinzipiellen Unterschiede zwischen den drei Seelenteilen sind daher auf die prinzipiellen Unterschiede zurückzuführen, die zwischen den drei korrespondierenden informationserzeugenden Prozessen auftreten. Das heißt aber auch, daß die drei Seele-Prinzipien nicht aufeinander reduziert werden können.
Aristoteles hat erkannt, daß die für das
Seelische gültigen Prinzipien eine Besonderheit
aufweisen. "Jede Seele muß den Körper haben, den sie
braucht" und "Jeder Körper hat seine eigene Form und
Gestalt (Seele)", heißt es. Jedes Lebewesen (bzw. jede
Art) hat die ihm gemäße Seele. Bezogen auf den
allgemeinsten Seelenbestandteil, die vegetative Seele,
heißt das: Es gibt so viele vegetative Seelen, wie es Lebewesen
(Arten) gibt. Das Prinzip "vegetative Seele" ist somit
nicht für alle Lebewesen (Arten) identisch, sondern hat bei
jedem Lebewesen eine spezifische Ausformung erfahren. Dies ist
in Übereinstimmung mit der Erkenntnis, daß die der
vegetativen Seele analoge systemische Information und die darin
enthaltene genetische Information für jedes Lebewesen
(Art) unterschiedlich ist [7].
Durch die Vielfalt, die den Prinzipien des Seelischen
eigen ist, unterscheiden sich diese fundamental von dem für das
Körperlich-Materielle gültige Prinzip. Bei diesem
Prinzip, repräsentiert durch die „Naturgesetze"
[15] der Physik, gibt es eine solche Vielfalt nicht. In der Physik
deutet vieles darauf hin, daß die Theorien, die verschiedene
materielle Phänomene beschreiben, zu einer
einheitlichen Theorie konvergieren.
Die Prinzipien für die vier Teilwirklichkeiten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Formalisierbarkeit und der damit verbundenen Voraussagbarkeit. Das Materie-Prinzip (Gesetze der Physik) ist ein formalisierbares Prinzip. Es muß davon ausgegangen werden, daß die vegetative Seele, die der systemischen Information analog ist, ebenfalls ein formalisierbares Prinzip ist - jedenfalls, solange die genetische Information in dem Lebewesen und dessen Nachkommen konstant ist und der Zufall keine Rolle spielt [10]. Im Gegensatz dazu sind die sensitive Seele und die Geistseele als Prinzipien von informationserzeugenden Prozessen, bei denen der Zufall eine Rolle spielt (Versuch und Irrtum), nichtformalisierbare Phänomene.
Es stellt sich die Frage, ob es außer den von Aristoteles postulierten Seelenteilen: vegetative Seele, sensitive Seele und Geistseele, weitere Teile gibt, die sich von den genannten im Prinzip unterscheiden. Der Befund, daß es die (vegetative) Seele nicht ohne Körper, die sensitive Seele nicht ohne vegetative Seele und die Geistseele nicht ohne sensitive Seele gibt, deutet schon an, daß in dieser Folge kein Platz für ein weiteres Zwischenglied ist. Beim Übergang von den drei Seelenteilen zu den drei informationserzeugenden Prozessen, mit denen diese korrespondieren, wird die Nichtexistenz weiterer Seelenteile (Prinzipien) noch deutlicher. Die biologische Evolution, deren Produkt die vegetative Seele ist, verwendet Materielles als Träger für die genetische Information (Spielmaterial), die niedere Gehirntätigkeit (Sensitives) verwendet Vegetatives (Nervenzellen) als Träger für die neuronale Information und die höhere Gehirntätigkeit (Geistiges) verwendet Sensitives (wahrnehmungsbedingte Lautfolgen) als Träger für die begriffliche Information. Sieht man die Teilwirklichkeiten: Materielles, Vegetatives, Sensitives und Geistiges, in denen jeweils eigene Prinzipien gelten, als Seinsschichten [16] an, so liegen diese Schichten übereinander, wobei das für die höhere Schicht geltende Prinzip unmittelbar in der darunterliegenden Schicht verankert ist. Der Träger für die dem Prinzip zugeordnete speicherbare Information gehört jeweils der darunterliegenden Schicht an. Daraus folgt, daß die vier Teilwirklichkeiten zusammen die ganze Wirklichkeit bilden, in der kein Platz für weitere Teilwirklichkeiten ist.
Nicht immer, wenn aus der Verbindung von Teilen etwas
Neues entsteht, ist dieses Neue eine Ganzheit. Wenn chemische
Elemente eine Verbindung eingehen, so entsteht zwar etwas Neues,
aber sowohl die Teile (Atome) als auch die Verbindung derselben
(Moleküle) lassen sich mit Hilfe der Quantentheorie, d.h.
einem für die Materie geltenden Prinzip verstehen. Ganz anders
ein Lebewesen. Ein Lebewesen ist nicht eine Verbindung
(Summe) seiner Teile, sondern eine Ganzheit, die mehr ist als die
Summe der Teile. Dieses "Mehr" wird repräsentiert
durch ein für das Lebewesen gültiges Lebensprinzip,
das einer anderen Kategorie angehört als das für die
Materie gültige Prinzip . Das Lebensprinzip setzt nicht etwa das
Materie-Prinzip außer Kraft, sondern im Gegenteil, es "benutzt"
dieses Prinzip "im Interesse" des betreffenden
Lebewesens. In einem einfachen Lebewesen gelten zwei Kategorien
von Prinzipien, wobei das hierarchisch höhere Prinzip
(Lebensprinzip für das Vegetative) sich das niedere
Prinzip (für das Materielle) zunutze macht, indem es in das
materielle Geschehen organisierend eingreift. Noch
höherrangigere Prinzipien treten auf beim Tier (für
das Sensitive) und beim Menschen (für das Geistige).
Eine Ganzheit läßt sich derart definieren,
daß in ihr ein neues (höherrangiges) Prinzip wirksam wird,
das für die von der Ganzheit abgetrennten Teile keine
Wirksamkeit besitzt; umgekehrt besitzt aber das für
die Teile geltende (niederrangige) Prinzip auch für die
Ganzheit Gültigkeit.
Ein großer Humanist unserer Tage, der Biochemiker
Erwin Chargaff, wirft der modernen Naturwissenschaft den Verlust der
Wirklichkeit vor, da sie nur diejenigen Teile der Natur als wirklich
ansieht, die erforschbar sind. Chargaff sieht in der
"Wiederentdeckung der Wirklichkeit" die einzige
Alternative, um zu einer neuen Art von Naturwissenschaft zu kommen
und die verheerenden Folgen, welche die jetzige nach sich zieht,
zu verhindern [17].
Aus der Sicht der Erkenntnistheorie ruht die moderne
Naturwissenschaft auf drei Säulen, die mit den Schlagworten
Empirie, Theorie und Weltbild bezeichnet werden können. Die
Generalrichtung, in der sich diese Wissenschaft vorwärts
bewegt, wird nicht von dem empirisch Erforschten oder den darauf
gegründeten Theorien bestimmt, sondern von dem
materialistischen Weltbild, dem sie sich verpflichtet hat. Ein
Wissenschaftler mit materialistischem Naturverständnis kann
gar nicht auf den Gedanken kommen, eine Forschung zur Auffindung
und Untersuchung eines übermateriellen Prinzips zu betreiben.
Bildlich gesprochen hat die heutige Naturwissenschaft keine
Flügel mehr, mit deren Hilfe sie die ganze Wirklichkeit erkunden
kann, sie hat die Flügel durch Räder ersetzt, mit denen sie
sich nur noch auf festgelegten Geleisen fortbewegen und nur noch eine
einzige Teilwirklichkeit (die materielle) erforschen kann.
Wenn die heutige Naturwissenschaft ihre Selbstblockade
durch die Bindung an das materialistische Weltbild aufheben und
anerkennen würde, daß es außer dem Prinzip für
das Materielle noch weitere Prinzipien (für das
Organisch-Vegetative, das Sensitive und das Geistige) gibt, dann
hätte dies eine neue Art von Naturwissenschaft zur Folge. Zwei
wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Arten von
Naturwissenschaft, der materialistischen und der ganzheitlichen,
lassen sich sofort angeben.
Da Materie unzerstörbar ist (Erhaltungssätze
der Physik) ist die heutige materialistische Naturwissenschaft nicht
in der Lage, Werte zu begründen. Nun hat Leben in all seinen
Ausformungen mit Information zu tun und Information kann erzeugt
und auch wieder zerstört werden; Information stellt somit einen
Wert an sich dar. Eine ganzheitliche Naturwissenschaft, die die
Existenz übermaterieller Prinzipien für das Lebendige
anerkennt, kann daher Werte begründen.
Auf die Frage, was ist wert, gewußt bzw. erforscht
zu werden, gibt die heutige Naturwissenschaft die Antwort: alles was
gemessen, formalisiert und reproduziert werden kann. Die
Erkenntnisse, die auf diese Weise über den materiellen Teil der
Natur gewonnen wurden, haben den Menschen in die Lage versetzt, die
Natur zu beherrschen, für seine Ziele auszubeuten und - wie sich
in unseren Tagen immer deutlicher herausstellt - zu zerstören.
Da die moderne Naturwissenschaft das Phänomen „Leben“
und damit auch den Menschen mit seiner existentiellen Problematik aus
ihrer Erkentnissuche ausgeschlossen hat, weiß sie auch keine
Antwort, wie der Mensch von der Zerstörung seiner eigenen
Lebensgrundlagen abgehalten werden kann. - Eine ganzheitliche
Naturwissenschaft wird sich als erstes das Ziel stellen, das
eklatante Mißverhältnis zwischen dem unüberschaubar
gewordenen Wissen über das Materielle und dem Nichtwissen
über das Übermaterielle zu beseitigen. Sie wird die
Frage, was ist wert gewußt zu werden, völlig neu
beantworten: An erster Stelle wird das Wissen stehen, das zur
Selbsterkenntnis des Menschen beiträgt. Die Selbsterkenntnis des
Menschen ist Voraussetzung dafür, daß er in der Lage
ist, sich selbst zu beherrschen, und die Selbstbeherrschung des
Menschen ist wiederum die Voraussetzung für die Verwirklichung
einer überlebensfähigen Zivilisation.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß
sich das Weltbild des Aristoteles auch nach einer Konfrontation mit
den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft als das erwiesen hat, was
es schon immer war: als das einzige, aus menschlicher Erfahrung
heraus begründbare ganzheitliche Weltbild, das wir kennen. Eine
Entscheidung der Naturwissenschaft zugunsten dieses Weltbildes ist
daher überfällig. Erst danach wird der Weg frei sein, das
materialistische Weltbild aus seiner beherrschenden Position, die es
in unserer Zivilisation einnimmt, zu verdrängen. Die
entscheidende Frage, die bleibt: Wird dem Menschen die Zeit vergönnt
sein, den gewaltigen Umdenkprozeß weg von einem einseitig
materialistischen Denken und hin zu einem ganzheitlichen Denken zu
vollziehen mit allen Konsequenzen, die sich daraus für
menschliches Handeln ergeben? Noch glimmt ein Fünkchen Hoffnung,
daß die Prophezeiung von Erwin Chargaff nicht eintrifft: "Wenn
wir unseres Irrtums gewahr werden, wird es zu spät sein. Der
Mittelpunkt unserer Welt ist nicht dort, wo wir nach ihm gesucht
haben" [18].
[1] Vgl. vom Verf.: Das ganzheitliche Weltbild des
Aristoteles
[2] Elsasser, W. M.: Reflections on a
Theory of Organisms. Quebec 1987.
[3] Driesch, H.: Philosophie des Organischen. Leipzig
1928.
[4] Ebd. S. 178.
[5] Ebd. S. 183.
[6] Ebd. S. 378.
[7] Bleecken, S.: Naturwissenschaften 77 (1990) S. 277 -
282.
[8] Vgl. Ebd. Abb. 1.
[9] Die genetische Information als invarianter Anteil
eines Prinzips (systemische Information) weist eine Analogie auf zur
Gravitationskonstanten, letztere ist der invariante Anteil des
Gravitationsgesetzes
[10] Bleecken, S.: Merkur Heft 12. Stuttgart 1992. S.
1096 - 1108.
[11] Das Wort „Labyrinth“ wird hier im Sinne
von „Irrgarten“ verwendet, im sog. „klassischen“
Labyrinth des Theseus hat es keine Sackgassen gegeben.
[12] Aristoteles: Metaphysik A 9, 992 b.
[13] Aristoteles: Metaphysik
8, 1012 a.
[14] Die "systemische Information",
deren Existenz mit wissenschaftlichen Mitteln nachgewiesen und die
mit der vegetativen Seele gleichgesetzt werden kann, hat als Begriff
praktisch noch keinen Eingang in die Wissenschaft gefunden.
[15] Der allgemein verwendete Begriff "Naturgesetze"
ist irreführend, es muß richtiger "Materiegesetze"
heißen.
[16] Hartmann, N.: Neue Wege der Ontologie. Stuttgart
1947.
[17] Chargaff, E.: Kritik der Zukunft. Stuttgart 2002.
[18] Chargaff, E.: Das Feuer des Heraklit. Stuttgart
1988.. S. 277.
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