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| Erschienen in Ausgabe: No 65 (7/2011) | Letzte Änderung: 27. Juni '11 |
von Christian J. Grothaus
In Zeiten des ökofundamentalistisch motivierten
Wut- bzw. Angstbürgers von ‚Stuttgart 21‘ und Fukushima erlebt ein altbekanntes
deutsches Motiv eine Renaissance - nämlich das der Technikskepsis. In diesem
Zusammenhang wird oft das Denken Martin Heideggers zur Flankierung diverser
Attacken in Stellung gebracht. Und tatsächlich scheinen seine Schriften um die
1950er Jahre herum davon zu strotzen, die Menschen vor dem vorstellenden
Herstellen, der Machenschaft und der Ermächtigung durch das ‚Ge-stell‘ zu
warnen.
Lässt sich die Bodenhaftung und Natursehnsucht,
das Aufbegehren gegen das Maschinenzeitalter und dessen Rationalismen als ideeller
Gravitationskern Deutschlands ausmachen und eine Linie ziehen von der
Frühromantik um 1800 bis hin zu Heidegger? Sind wir auch heutzutage zufrieden nur
unter den „Erlen“, die Friedrich von Hardenberg (Novalis) 1789 so zart
beschrieb?:
Die
Erlen.
Wo hier aus den felsichten Grüften
Das silberne Bächelein rinnt,
Umflattert von scherzenden Lüften
Des Mayes die Reitze gewinnt
…
Ja und nein, könnte die Antwort lauten, denn ein
Faktum ist es auch, dass technische Produkte und vor allem Maschinen aus
unseren Landen in aller Welt geschätzt werden? So hat Deutschland im Jahre 2009 rund 370 Milliarden € mit der
Ausfuhr von Maschinenbau- und elektrotechnischen Erzeugnissen u. Fahrzeugen
erwirtschaftet - das entspricht einem Anteil an Gesamtvolumen des Außenhandels
von rund 46 % (Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2010).
Wie soll
man damit umgehen, dass unsere europäischen Nachbarn sich mittlerweile verwundert
fragen, was los ist mit den technikliebenden-techikfeindlichen und
möglicherweise apokalypseversessenen Deutschen?Zur Erhellung dieses Themas mag ein neues Buch beitragen,
dessen Autor aus dem Freiburger Philosophenzirkel um Günter Figal stammt. Sören
Riis fragt sich in Zur Neubestimmung der
Technik. Eine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger, ob der schwäbische
Großdenker nicht noch mehr zu bieten hat, außer dem gehobenen Zeigefinger.
Etwas holzschnittartig gesehen,
könnte die Neo-Naturseligkeit aus der Annahme gespeist werden, dass der Mensch
nur in die Umwelt, die nicht von ihm selbst geschaffen ist, perfekt integriert
sei. Hier spricht die Sprache bezeichnenderweise von ‚Mutter Natur‘ oder ‚Schoß
der Natur‘. Also, warum etwas an dieser uterinen Perfektion verändern? Das
diese Annahme mit der Gegenwart allenfalls im Stadium des Selbstbetruges korrespondieren
kann mag zeigen, dass auch ökofundamentalistische Großdemonstrationen über Smartphones
und Social Media Anwendungen wie Twitter oder Facebook koordiniert werden,
während man gerade einen Schluck Bio-Ingwertee aus der Hightech-Thermoskanne
trinkt und vor möglicherweise andrängenden Wasserwerfern mit atmungsaktiver Multifunktionskleidung
geschützt ist.
Was ist aber mit der Umwelt,
die vom Menschen selbst gemacht wurde? Das Nicht-Naturgegebene bezeichnen wir
üblicherweise als das Künstliche. Was künstlich ist, steht der Natur entgegen,
denn es ist vom Menschen geformt und in die Welt gesetzt. Ist es nicht sehr
waghalsig daraus zu schließen, dass das Künstliche allein deshalb den Erdling
aus seiner ‚natürlichen‘ Lebensweise herausnimmt und ihn von sich selbst entfremdet?
Die ‚Natur‘ dieses Planetenbewohners ist es doch, die ihn dazu befähigt, das
Vorgefundene zu verändern. Die Welt erschließt sich vor allem uns Abendländern primär
über das Benutzen und Gebrauchen und weit weniger über den
asketischen-meditativen Stillstand.
So war es auch Heidegger, der
in seiner fundamentalen Analyse den Menschen mit dem ‚Zeug‘ und in der ‚Zeugganzheit‘
verortete. Nicht umsonst dämmert hier ein konstruktivistischer Zug auf und mit
diesem zusammen auch die Begriffe Werkzeug und Handwerk. Freilich geschah das
hauptsächlich in Sein und Zeit von
1927, also noch vor den Erfahrungen einer entfesselten Kriegsmaschinerie, der
effizient durchorganisierten Tötungen der deutschen, sowjetischen und
chinesischen Diktaturen und vor allem vor den amerikanischen Atombombenwürfen
auf Hiroshima und Nagasaki.
Das Verharren in der Pro- oder
Kontraposition zum Thema führt offensichtlich zu keinem Ergebnis. Vielmehr muss
die Synthese her, denn Natur wie Technik verweisen beide auf das Wesen des
Menschen - und zusätzlich steckt in der Künst-lichkeit die Kunst. Diese wiederum
wies uns Abendländern über Jahrtausende den Weg zum Wahren, Guten und Schönen. Sören
Riis steuert in seinem Buch diese Synthese an, indem er den Heideggerschen
Dreiklang zwischen Natur, Technik und Kunst zum Tönen bringt. Die Rede ist hier
von der Wiederbelebung der techné,
also dem Versuch, sich der antiken Deutung einer zweckgerichteten
Hervorbringung von Kunst, Handwerk und Wissenschaft aus einem gemeinsamen
Geiste erneut zu versichern.
Grob lässt sich das Buch in drei Teilen
erschließen, die sich hauptsächlich mit der vergleichenden Analyse dreier
Schriften Heideggers befassen. Da wäre zunächst Sein und Zeit von 1927, dann Der
Ursprung des Kunstwerks von 1935/36 und schließlich Die Frage nach der Technik von 1953. Da es zu hoffen ist, dass
viele Ingenieure, Künstler und Nicht-Philosophen den Text lesen, ist es sehr
sinnvoll, im ersten Teil gründlich in die Argumentationslinien und auch die Heideggersche
Terminologie eingewiesen zu werden. So gerüstet, erschließt sich, warum Technik
nicht nur weitere Technik hervorbringt, sondern auch den Menschen
konditioniert, genau dieses zu tun.
Im zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit
Heideggers Versuch, die Fähigkeit zur Technik und auch zur Kunst in einem
gemeinsamen Rahmen zu verorten, der über die Begriffe Wahrheit, Lichtung,
Entbergung definiert wird. Das antike Denken der techné macht diese Fusion möglich. Diese ist jedoch nie abgeschlossen,
sondern befindet sich im permanenten Wandel bzw. „Streit“ zwischen „Erde und
Welt“ und auf der „Lichtung“ des menschlichen Verstehen, Entwerfens und
Handelns. Das letzte Drittel der vorliegenden Arbeit erscheint zunächst als
Zusammenfassung des ganzen Buches, gerät aber am Schluss zum Versuch, aktuelle
Fragestellungen z.B. zur Gentechnik philosophisch zu verorten.
Wenn Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker,
Künstler und auch alle anderen schöpferischen Menschen sich nicht nur mit der
Frage begnügen, was oder wie sie etwas tun, sondern auch, warum sie es denn tun,
dann sei dieses Buch empfohlen. Auch hilft Zur
Neubestimmung der Technik. Eine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger dabei,
sich den Unterschied zwischen der Anwendung eines technischen Instruments und
der Instrumentalisierung durch dasselbe bewusst zu machen. Eine mühelose
Lektüre kann zwar nicht versprochen werden, aber eine lohnende – und auch eine,
die die spezielle technikliebende-technikfeindliche, deutsche Balance
verdeutlicht.
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