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| Erschienen in Ausgabe: No. 28 (2/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
von Dr. Stefan Bleecken
Aristoteles stellt in seiner Metaphysik, die er
"Erste Philosophie" nennt, die Frage nach den Anfängen
und Ursachen aller Dinge. Stoff oder Material ist für ihn die
bloße passive Möglichkeit, die Form die
Wirklichkeit des Dinges und das Werden des Dinges ist dann die
Verwirklichung der im Stoff potentiell existierenden Form.
Während bei menschengemachten Dingen die Ursache für die
Verwirklichung der Form von außen kommt, liegt diese Ursache
bei Lebewesen in diesen selbst. Die Selbstverwirklichung der
Form nannte Aristoteles "Entelechie" als etwas,
was das "Ziel in sich trägt". In lebenden Organismen
entwickelt die Entelechie als formgebendes und zielsetzendes
Prinzip das der Art gemäße Wesen.
Aristoteles war nicht nur Philosoph,
sondern auch Naturforscher. Seine Naturerkenntnisse gründete
er wesentlich auf die Beobachtung und Erfahrung; so hat er Hunderte
von Tierarten beschrieben und klassifiziert und die Tiere zum
Teil auch seziert. Aristoteles war überzeugt, daß der
Mensch in der Lage ist, am Leitfaden der von jedermann wahrnehmbaren
Erscheinungen den inneren Bau der Natur, der den menschlichen Sinnen
nicht unmittelbar zugänglich ist, zu erkennen. Spekulationen
über das Unsichtbare haben sich dem Sichtbaren anzupassen und
nicht umgekehrt. Platon und seinen Anhängern wirft er vor, "daß
sie die Prinzipien, mit deren Hilfe man die Struktur des
Naturgeschehens erkennt, nicht richtig anwenden, sondern alles auf
gewisse vorgefaßte Meinungen zurückführen" [1].
Aristoteles bezeichnet das, was die
belebten Wesen im Gegensatz zu den unbelebten Dingen besitzen, als
"Seele". Das Verfahren, das er zur Erfassung der Seele
anwendet, besteht darin, von der sichtbaren Wirkung der
Seelenfunktion auf deren unsichtbare Ursache zu schließen.
Seine Erkenntnisse über das Wesen der belebten Dinge hat
Aristoteles in seiner Schrift "Über die Seele" (De
anima) zusammengestellt.
Am Anfang seines Buches "De anima" stellt Aristoteles fest, daß der Wissenschaft, die sich mit der Erforschung der Seele befaßt, ein hoher Rang einzuräumen ist, "denn die Kenntnis von der Seele scheint zum Blick in das gesamte Sein beizutragen, vor allem im Hinblick auf die Natur" [2]. Aristoteles meint damit, daß die Seelenlehre ein essentieller Bestandteil für ein Weltbild (Blick in das gesamte Sein) ist. Er spricht wohl aus eigener Erfahrung, wenn er sagt, daß es "zum Schwierigsten gehört, eine feste Meinung über die seelischen Vorgänge zu gewinnen". "So ist als erstes zu bestimmen, welcher Kategorie die Seele zuzuordnen ist, ist sie ein Ding oder eine Wesenheit, eine Qualität oder eine Quantität ... Weiterhin ist zu prüfen, ob sie geteilt oder ungeteilt ist und ob alle Seelen von gleicher Art sind oder nicht" [3]. Die erste Frage nach der Kategorie wird so beantwortet: Die Seele ist eine Wesenheit als "die erste Entelechie eines natürlichen Körpers, der potentiell Leben besitzt" [4], oder kürzer: Die Seele ist "Prinzip der belebten Wesen" [5].
"Seele besitzen" ist für
Aristoteles nur ein anderer Ausdruck für "leben".
Nun bedeutet aber "Seele besitzen" nicht dasselbe für
eine Pflanze, ein Tier und einen Menschen. Pflanzen scheinen weniger
beseelt zu sein als Tiere und jene wiederum weniger als Menschen [6].
Seele ist für Aristoteles kein
einheitliches Ganzes; von seinen Vorgängern übernimmt
er die Praxis, verschiedene Seelenteile zu unterscheiden. Dabei
macht er seinen Vorgängern allerdings den Vorwurf der
Einseitigkeit bei der Untersuchung der Seele: "Nun ist es so,
daß jene, die bisher über die Seele geredet und geforscht
haben, nur die menschliche Seele untersucht zu haben scheinen"
[7]. Aristoteles stellt die Frage, in welchem Sinne man von
Seelenteilen sprechen soll und von wie vielen. "In gewisser
Hinsicht scheint es unendlich viele zu geben, und nicht nur, wie
manche meinen, den überlegenden, mutvollen und begehrenden
Teil, oder nach anderen den rationalen und irrationalen Teil"
[8]. Diese beiden Einteilungen der Seelenfunktionen, die in der
Platonschen Akademie üblich waren, hält der Naturforscher
und Empiriker Aristoteles für unzureichend. "Es gibt
tatsächlich Teile der Seele, die sich prinzipiell stärker
unterscheiden als die genannten" [9]. Er nennt dann die drei,
sich am stärksten unterscheidenden Teile der Seele: den
ernährenden Teil, der (außer dem Menschen) auch den
Pflanzen und allen Tieren zukommt, den wahrnehmenden und
empfindenden Teil, der bei den Tieren und beim Menschen
auftritt, und den denkenden Teil, der nur beim Menschen in
Erscheinung tritt.
Die drei Seelenteile des Aristoteles
werden in der neueren Literatur meistens als vegetative
oder Vitalseele, empfindende oder sensitive Seele und Vernunft-
oder Geistseele bezeichnet.
Von besonderer Wichtigkeit ist es, wie Aristoteles das Verhältnis zwischen der Seele als Lebensprinzip und dem zugrundeliegenden Körper eines Lebewesens gesehen hat. Am Anfang des zweiten Buches von "De anima" heißt es dazu: "Die Seele gibt es weder ohne Körper noch ist sie ihrerseits Körper", und dann: "Sie (die Seele) ist zwar nicht Körper, wohl aber etwas an einem Körper, und darum ist sie auch in einem Körper, und zwar in einem Körper von bestimmter Beschaffenheit. Es gilt also nicht die Lehre der Früheren, die sie in einem Körper einfügten ohne genauer zu bestimmen, in welchen und was für einen" [10]. Hier wird ganz deutlich herausgestellt, daß einerseits ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Körper und Seele vorhanden ist (Seele ist nicht Körper), als auch andererseits eine unlösbare Gebundenheit der Seele an den Körper existiert (Seele gibt es nicht ohne Körper). Die Seele mit ihren drei Bestandteilen ist bei Aristoteles den menschlichen Sinnen und der menschlichen Erfahrung zugänglich und kein übersinnliches oder übernatürliches Phenomen. Die Kritik an seinen Vorgängern präzisiert er an anderer Stelle: "Jene aber versuchen nur zu sagen, wie die Seele beschaffen sei; jedoch über den Körper, der sie aufnehmen soll, geben sie keine weiteren Bestimmungen, als ob es möglich wäre, daß (wie die Pythagoreer erzählen) jede beliebige Seele in jeden beliebigen Körper eintreten könnte. Vielmehr hat doch jeder Körper seine eigene Form und Gestalt. ... In Wirklichkeit muß die Seele den Körper haben, den sie braucht" [11].
Im zweiten Buch von "De anima"
weist Aristoteles ausführlich nach, daß die Seelenteile
vegetative Seele, sensitive Seele und Geistseele eine Reihe oder
Aufeinanderfolge bilden, und die Teile in dieser Reihe in einem ganz
bestimmten Bedingungsverhältnis zueinander stehen. "Die
Lage bei der Seele und bei den geometrischen Figuren ist eine ganz
ähnliche. Immer ist nämlich im nachfolgenden Glied der
Reihe das frühere der Möglichkeit nach mitenthalten,
bei den Figuren wie bei den beseelten Wesen: so im Viereck das
Dreieck, im Wahrnehmungsvermögen das
Ernährungsvermögen. Darum muß man dem Einzelnen
nachgehen, welches die Seele jedes Einzelnen ist, der Pflanze, des
Menschen oder des Tieres. Prüfen wir nun, aus welcher
Ursache sie derart in einer Reihe stehen. Ohne das Ernährungsvermögen
existiert das Wahrnehmungsvermögen nicht". Und
weiter heißt es: "Das letzte endlich und nur im Besitze
der wenigsten ist Überlegung und Vernunft. Und welche nun
von den vergänglichen Wesen Überlegung haben, die haben
auch alles übrige" [12].
Aristoteles weist hier auf eine
Gesetzlichkeit hin, die als das Gesetz der Bedingtheit von unten
bezeichnet wurde [13]: die niederen Teile der Seele können ohne
die höheren, nicht aber die höheren ohne die niederen
existieren. Dieses Gesetz der Bedingtheit von unten gilt nicht
nur für das Verhältnis zwischen den drei Seelenteilen,
sondern auch für das Verhältnis des niedersten
Seelenteils, der vegetativen Seele (und der Seele überhaupt) zum
Körper. Heißt es doch: "Seele gibt es nicht ohne
Körper noch ist sie ihrerseits Körper". Die Seele ist
von dem zugrundeliegenden physischen Körper nicht
abtrennbar.
Die Seelenlehre impliziert eine
zweite Gesetzlichkeit, die der Unabhängigkeit des höheren
Seelenteils vom niederen in seinem Eigentümlichen [14]. In
jedem höhere Seelenteil tritt ein Novum in Form eines neuen
Prinzips hinzu, das in dem niederen Seelenteil noch nicht vorhanden
ist, das zwar von den Funktionen des niederen Teils abhängt,
sich aber aus diesen nicht ableiten läßt. Zum Lebendigsein
bedarf es der Funktion der vegetativen Seele (Ernährungsvermögen),
zum Tiersein zusätzlich der Funktion der sensitiven
Seele (Wahrnehmungsvermögen) und zum Menschsein
schließlich noch der Funktion der Geistseele (Vermögen
der Vernunft).
Aristoteles begnügt sich nicht damit, die drei Teile der Seele hinsichtlich ihres Vermögens zu beschreiben und das Verhältnis der Teile zueinander und zum Körper zu untersuchen, er weist auch darauf hin, daß bei genauerer Charakterisierung der Seelenteile weitere Unterteilungen vorgenommen werden müssen. So unterscheidet er zwei unterschiedliche Leistungen der vegetativen Seele (ernährende Seele): Ernährung und Wachstum einerseits sowie Zeugung und Fortpflanzung andererseits. So heißt es: "Also ist zuerst über Ernährung und Fortpflanzung zu sprechen. Denn die ernährende Seele findet sich auch bei den anderen und sie ist die erste und allgemeinste Fähigkeit der Seele und Grundlage des Lebens für alle. Ihre Leistungen sind Fortpflanzung und die Nahrung gebrauchen. Denn dies ist die naturgemäßeste Leistung für die Lebewesen ... : nämlich ein anderes hervorzubringen wie sie selbst, das Tier ein Tier, die Pflanze eine Pflanze, damit sie, soweit sie es vermögen, am Ewigen und am Göttlichen teilhaben" [15]. Und weiter heißt es: "Es (das Lebewesen) dauert nicht als es selbst, sondern wie es selbst, nicht der Zahl, wohl aber der Art nach eines" [16]. Nicht das einzelne (und vergängliche) Lebewesen wird erhalten, sondern die Art, die für Aristoteles etwas Beständiges ist.
Das Novum, welches Tier und Pflanze scheidet, ist das Wahrnehmungsvermögen der sensitiven Seele bei den Tieren. Aristoteles macht deutlich, daß das Fehlen der Wahrnehmung bei den Pflanzen nicht in erster Linie durch das Fehlen von Sinnesorganen (Organe für das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Tasten) bedingt ist, sondern durch das Fehlen eines "Mittleren". "Ebenso wird klar, weshalb die Pflanzen nicht wahrnehmen, obschon sie eine Teilseele besitzen ... Ursache ist, daß sie kein Mittleres haben und kein Prinzip, das fähig ist, die Formen der Wahrnehmungsgegenstände aufzunehmen" [17]. Mit dem "Mittleren" meint Aristoteles nicht bloß ein körperliches Zentrum, sondern ein seelisches. Dieses Zentrum, welches die Formen der Wahrnehmungsgegenstände aufzunehmen vermag, würden wir heute als "Zentralnervensystem" bezeichnen. Von einem menschlicher Erfahrung zugänglichen Phänomen, das nämlich Tiere im Gegensatz zu Pflanzen die Fähigkeit haben, "die Formen der Wahrnehmungsgegenstände aufzunehmen", schließt Aristoteles auf ein bei Tieren vorhandenes und als sensitive Seele bezeichnetes unsichtbares Prinzip.
Das, was den Menschen vor allen
anderen Lebewesen auszeichnet, ist nach Aristoteles die
Geistseele. Der Geist, von dem diese Seele ihren Namen hat, wird von
dem Philosophen in zwei Kategorien unterteilt. "Es gibt also
Geist von solcher Art, daß er alles wird, und wiederum einen
von solcher, daß er alles bewirkt als ein besonderes
Verhalten, wie etwa das Licht. Denn auf eine gewisse Weise macht auch
das Licht die der Möglichkeit nach vorhandenen Farben zu
wirklichen Farben. Dies ist der abgetrennte Geist, der leidenslos
ist und unvermischt und seinem Wesen nach Wirklichkeit"... "Aber
erst, wenn er (der Geist) abgetrennt ist, ist er das, was er wirklich
ist, und nur dieses ist unsterblich und ewig. Wir erinnern uns aber
nicht daran; denn der eine Teil ist wohl leidenslos, der
leidensfähige Geist aber ist vergänglich, und ohne
diesen gibt es kein Denken" [18]. Und an anderer Stelle wird
gesagt, "daß der (leidensfähige) Geist der
Möglichkeit nach die denkbaren Dinge sei, aber der
Wirklichkeit nach keines, bevor er denkt. Dies muß so sein wie
auf einer Schreibtafel, auf der faktisch noch nichts geschrieben
ist. Dasselbe gilt für den Geist" [19].
Aristoteles läßt sich
dahingehend verstehen, daß der leidensfähige Geist mit der
Geistseele gleichzusetzen ist, denn die Geistseele ist, wie die
anderen Seelenteile auch, an den Körper gebunden und damit
vergänglich. Bevor der (neugeborene) Mensch mit dem Denken
beginnt, ist die Geistseele leer - wie eine unbeschriebene
Schreibtafel. Die Geistseele wird deshalb denkend und vernünftig,
weil in sie "von außen" der (abgetrennte) Geist
"einbricht" [20]. Die Geistseele und der abgetrennte Geist
ist für Aristoteles das, was den Menschen vom Tier
unterscheidet. Dieser Unterschied wird in der folgenden Stelle
konkretisiert: "Nun ist der Mensch unter allen tierischen Wesen
allein im Besitz der Sprache, während die Stimme, das Organ für
Äußerungen von Lust und Unlust, auch den Tieren eigen ist"
[21].
Mit dem "abgetrennten Geist"
meint Aristoteles offensichtlich die durch Sprache und (im
späteren Verlauf der Menschheitsgeschichte) durch Schrift
überlieferte Erkenntnis der Vorfahren und Mitmenschen. Die
überlieferte Erkenntnis ist vom Körper des Einzelmenschen
trennbar (und daher leidenslos und ewig), und ohne Einwirkung dieser
Erkenntnis kann sich die Geistseele des werdenden Menschen nicht
entwickeln.
Aristoteles besaß ein
fundiertes Wissen über die Ontogenese, über die
Keimesentwicklung bis zum vernunftbegabten Menschen, das in
Anbetracht des zeitgenössischen Streites, wann der Mensch zum
Menschen wird, geradezu sensationell anmutet. Im zweiten Buch über
die Zeugung und Entwicklung der Tiere geht er ausführlich auf
die Entstehung der verschiedenen Seelenvermögen bis zum
Tierwerden bzw. Menschwerden ein [22]. Es heißt dort: "Die
Samen und Keime der Tiere (und Menschen) leben ebenso gut wie
diejenigen der Pflanzen und sind bis zu einer gewissen Zeit
entwicklungsfähig. Daß sie also die Ernährungsseele
haben, ist klar; ... aber im weiteren Verlauf müssen sie auch
die Empfindungsseele bekommen, kraft deren sie Tiere sind. ... Denn
das Ziel und die Vollendung geschieht zuletzt ... Es ist eine sehr
wichtige Frage, um deren Beantwortung man sich nach Kräften
bemühen muß, wann, wie und woher diejenigen Geschöpfe
das Denkvermögen erhalten, die mit dieser Kraft begabt sind. ...
Anfangs scheinen alle Föten eine Art Pflanzenleben zu führen;
erst in der Folge ist bei ihnen von der Empfindungs- und Denkseele zu
sprechen. Denn sie müssen sie sämtlich der Anlage nach
vorher besitzen, ehe sie sie der Wirklichkeit nach haben".
Aristoteles überlegt dann, welche Seelenteile in dem sich
entwickelnden Menschen vorhanden sind und welche erst von außen
hineinkommen. Er stellt fest, daß die ernährende und die
empfindende Seele, die beide körperlicher Organe bedürfen,
nicht von außen hereinkommen. Über die Denkseele äußert
er sich an dieser Stelle nicht, er sagt jedoch, "daß das
Denkvermögen, der Verstand, allein von außen hereinkommt
und allein göttlich ist".
Zusammen mit dem in "De anima"
Gesagten ergibt sich das folgende Bild für die Entwicklung
vom menschlichen Keim zum Menschen: Die Ernährungsseele ist
im Keim von Anfang an vorhanden, im weiteren Verlauf der Entwicklung
kommt die bereits vorher angelegte Empfindungsseele zur Wirksamkeit.
Die Denk- oder Geistseele (der "leidende" Geist) ist
zunächst nur potentiell vorhanden (Vergleich mit der
unbeschriebenen Schreibtafel bzw. der Farbe, die ohne das Licht nicht
zur Wirkung gelangt) und wird erst durch den von außen
hereinkommenden "abgetrennten" Geist zur
Wirklichkeit. Der letzte Schritt zur Menschwerdung kann
sich somit erst nach der Geburt vollziehen.
Aristoteles hat in seiner
Seelenlehre die Prinzipien untersucht, die den Körper eines
Lebewesens zum eigentlichen Lebewesen machen. Der Körper ist der
Stoff, der durch die als vegetativen Seele, sensitive Seele bzw.
Geistseele bezeichneten Prinzipien seine Form als Pflanze, Tier bzw.
Mensch erhält. Über die Prinzipien, die für die Körper
im allgemeinen gelten, gleichgültig, ob es sich um Körper
von Lebewesen oder um leblose Dingen handelt, hat sich Aristoteles in
seiner Seelenlehre nicht geäußert, dazu muß man
seine Physik und seine Metaphysik zu Rate ziehen. Am Anfang seiner
Physik sagt Aristoteles, wann ein Ding als erkannt gelten kann: dann
nämlich, "wenn wir die letzten Gründe und seine
letzten Prinzipien und wenn wir es bis in seine Elemente hinein
erfaßt haben" [23].
Alle Körper sind nach
Aristoteles aus Elementen zusammengesetzt, die er auch als einfache
Körper bezeichnet; "Diejenigen, die von den Elementen der
Körper sprechen, meinen dasjenige, wohin sich als letztes die
Körper zerlegen" [24]. In Weiterentwicklung alter
Vorstellungen trennte er die himmlische Welt, die vom Fixsternhimmel
bis herab zum Mond reicht, von der irdischen Welt. Für die
irdische Welt übernimmt Aristoteles die klassische, auf
Empedokles zurückgehende Elementenlehre [25], danach
bestehen die zusammengesetzten irdischen Körper aus Wasser,
Erde, Feuer und Luft [26], [27]. Die "Welt über dem Monde"
ist aus einem eigenen Element aufgebaut, das Aristoteles Äther
nennt [28] und das später als fünftes Element (lat. quinta
essentia, Quintessenz) bezeichnet wird.
Als Beispiel für einen
zusammengesetzten Körper nennt Aristoteles das Fleisch, das sich
aus den Elementen Feuer und Erde zusammensetzt; allerdings ist diese
Zusammensetzung keine einfache Mischung "wie ein Haufen",
sondern wird mit der Zusammensetzung einer Silbe verglichen: "Es
ist die Silbe etwas, nicht nur Buchstaben, Vokale und Konsonanten,
sondern noch etwas davon Verschiedenes, und ebenso ist das Fleisch
nicht nur Feuer und Erde oder Warmes und Kaltes, sondern auch noch
etwas davon Verschiedenes" [29].
In seinem Beispiel für den
zusammengesetzten Körper "Fleisch" nennt Aristoteles
nicht nur die Elemente "Feuer und Erde", aus denen das
Zusammengesetzte besteht, sondern auch den Gegensatz "Warmes und
Kaltes" als wirkendes Agens. Was er unter diesen Agens versteht,
geht aus den folgenden Stellen hervor: "Die Prinzipien treten
notwendig als Gegensatzpaare auf" [30] und "Daß das
Seiende und das Wesen aus Gegenteilen zusammengesetzt werden, nehmen
fast alle einhellig an; alle setzen Gegenteile als Prinzipien an: die
einen nämlich das Ungerade und Gerade, die anderen das Warme und
Kalte ..." [31]. Die Fundamentalgegensätze
Warm-Kalt und Flüssig-Trocken werden von Aristoteles als
Prinzipien betrachtet, denen alle Körper unterworfen sind [32].
Diese Fundamentalgegensätze haben daher für die antike
Philosophie eine Bedeutung, die derjenigen vergleichbar ist, welche
die für die Materie geltenden Gesetze der Physik für die
heutige Naturwissenschaft haben.
Alles Wirkliche ist für
Aristoteles geformter Stoff, dies gilt somit auch für die
leblosen Körper und, wie wir heute sagen würden, für
die Materie: "Die sinnlich erfaßbaren Wesen aber verfügen
alle über Stoff" [33]. Es muß daher einen "ersten
Stoff" oder Urstoff geben, der völlig ungeformt ist: "Wenn
es aber ein Erstes gibt, das nicht mehr nach einem anderen als >>von
diesen herrührendDem ungeformten, ersten Stoff, der
gewissermaßen unterhalb der Wirklichkeit steht, stellt
Aristoteles auf der anderen Seite die reine Form gegenüber, die
keines Stoffes bedarf und die er das "erste" oder
"unbewegliche Bewegende" nennt [36]. Die stofflose, reine
Form steht oberhalb der Wirklichkeit und ist ebenso wie der
ungeformte, erste Stoff als etwas nur Gedachtes den Sinnen nicht
zugänglich. Die reine Form ist der Gott der Philosophen.
Grundlage für das Verständnis
des ganzheitlichen aristotelischen Weltbildes ist die Erkenntnis, daß
das Stoff-Form-Verhältnis Aufstufungscharakter besitzt:
Geformtes kann seinerseits wieder Stoff für einere höhere
Formung sein. Mit Hilfe der Seelenlehre, der Ursachenlehre und
des Begriffs des "Urstoffes" als des absolut Ungeformten
gelangt man zu einer Stufenleiter der Natur, die aus vier Stufen
besteht:
Der "Urstoff" ist als
Ungeformtes nur der Möglichkeit nach Körper (Materie),
damit er der Wirklichkeit nach Körper ist, muß ein Prinzip
(Materieprinzip) wirksam werden, das dem Urstoff eine Form verleiht.
Aristoteles verstand unter diesem (Materie)Prinzip die
Fundamentalgegensätze Warm-Kalt und Trocken-Flüssig, nach
heutigem Erkenntnisstand besteht das Materieprinzip aus den Gesetzen
der Physik. Das Körperlich-Materielle ist die erste Stufe der
Stufenleiter der Natur.
Ein Körper (Materieanhäufung)
ist nur der Möglichkeit nach ein Lebewesen, damit er der
Wirklichkeit nach ein Lebewesen ist, muß ein zweites Prinzip,
die vegetative Seele, wirksam werden, das den Körper (die
Materie) überformt. Das Vegetative stellt somit die zweite Stufe
der Leiter dar.
Ein vegetatives Wesen ist nur der
Möglichkeit nach ein empfindendes Wesen, damit es wirklich
ein solches ist, muß ein drittes Prinzip, die sensitive Seele,
wirksam werden, das die vegetativen Phänomene überformt.
Das Sensitive ist die dritte Stufe der Leiter.
Ein empfindendes Wesen ist nur der
Möglichkeit nach ein denkendes Wesen, damit es der Wirklichkeit
nach ein solches ist, muß ein viertes Prinzip, die Geistseele,
wirksam werden, das die Phänomene des Wahrnehmens und
Empfindens überformt. Die Geistseele ist zunächst leer;
damit sie mit dem Denken beginnen kann, muß der „abgetrennte
Geist“ in sie „einbrechen“. Das Geistige ist die
vierte und letzte Stufe des Stufenbaus der Natur.
Die von Aristoteles postulierten
vier in der Natur obwaltenden Prinzipien (Materieprinzip, vegetative
Seele, empfindende Seele, Geistseele) sind die Ursache für die
vier Bereiche der Wirklichkeit (Materielles, Vegetatives, Sensitives,
Geistiges) und die vier in der Natur vorkommenden Wesenheiten
(lebloses Ding, Pflanze, Tier, Mensch).
Soweit die moderne Naturwissenschaft
überhaupt vom Weltbild des Aristoteles Kenntnis genommen hat,
wurden bisher zwei Haupteinwände gegen dieses Weltbild ins Feld
geführt, der eine Einwand kam von seiten der Physik, der andere
von seiten der Evolutionsbiologie.
Seit Bacon und Descartes, den
Vordenkern der modernen wissenschaftlichen Methode, wird
Aristoteles der Vorwurf gemacht, sein Weltbild sei spekulativ.
Aristoteles war als Naturforscher in erster Linie Biologe und
weniger Physiker. Er hat versucht, seine an Lebewesen erworbenen
Vorstellungen von einem zielgerichteten (teleologischen)
Verhalten auch auf physikalische und kosmologische
Phänomene zu übertragen und sich hier mit Recht
dem Vorwurf der Spekulation ausgesetzt [37]. Die Kritiker
von Aristoteles übersehen allerdings, daß beim Aufbau
eines Weltbildes zunächst die Erkenntnis wesentlich ist, ob
und wieviele Teilwirklichkeiten existieren (dies ist ein Problem
der Philosophie), und daß die genaue Beschreibung der
Teilwirklichkeiten (dies ist ein Problem der
Einzelwissenschaften) demgegenüber eine sekundäre
Rolle spielt. Die moderne Naturwissenschaft ist ein eklatantes
Beispiel dafür, daß die exakte Beschreibung einer
Teilwirklichkeit (der materiellen) bei gleichzeitiger Negierung
der übrigen Teilwirklichkeiten zwangsläufig zu
einem falschen Weltbild führt.
Der zweite Vorwurf, der Aristoteles
gemacht wird: Sein Weltbild sei statisch und enthalte nicht den
Gedanken der Evolution. Aristoteles fand als Naturforscher
überall gegeneinander abgegrenzte und unveränderliche
Arten von Lebewesen vor und die Ausrottung ganzer Arten
durch den Menschen gab es damals noch nicht; für ihn war die Art
"ewig". Aristoteles scheint ein Beleg dafür zu sein,
daß es zur Schaffung eines Weltbildes in erster Linie auf
die Erfassung des "Seins", nicht des "Werdens"
ankommt. Aristoteles ist es gelungen, mit seinem
Seele-Prinzip das, was "Leben" ist, zu definieren,
ohne das Phänomen der Evolution zu kennen. Dagegen scheint es
für den modernen Evolutionsbiologen unmöglich zu sein,
eine prägnante Definition für "Evolution" zu
geben, ohne eine Definition von "Leben" zur Verfügung
zu haben[38].
Daß sich im Weltbild des
Aristoteles sehr wohl der Gedanke der Entwicklung findet, zeigen
seine Überlegungen zum Werden eines Menschen vom Keim bis zum
vernunftbegabten Wesen [22]. Die bis heute kontrovers diskutierte
Frage, wann ein Mensch zum Menschen wird, kann gar nicht vernünftig
beantwortet werden ohne Berücksichtigung der Lehre des
Aristoteles von der dreigeteilten Seele und ohne seiner Forderung zu
entsprechen, bei einem Entwicklungsprozeß strickt zwischen
Möglichkeit und Wirklichkeit zu unterscheiden. Als Möglichkeit
läßt das aristotelische Weltbild sogar den Gedanken der
Evolution zu, wenn man sein Postulat, „daß es Prinzipien
und Ursachen gibt, die entstehen können und vergänglich
sind“ [39], auf die von ihm charakterisierten Prinzipien für
das Lebendige (vegetative Seele, sensitive Seele, Geistseele)
bezieht.
Verwendete Abkürzungen von
Aristoteles’ Werken:
De an.: De anima (Die
Zitate sind der Übersetzung von O. Grigon, „Aristoteles:
Vom Himmel. Von der Seele. Von der Dichtkunst“ (Zürich
1950) entnommen.)
Hist. an.: Historia animalium
De gen. an.: De generatione
animalium
De re publ.: De re publica
Phys.: Physica
De gen. et corr.: De generatione et
corruptione
[1] De caelo III 7,
306a.
[2] De an. I
1, 402 a.
[3] De an. I 1, 402 a -
402 b.
[4] De an. II 1, 412 a.
[5] De an. I 1, 402 a.
[6] Hist. an. VIII 1,
588a - 589a.
[7] De an. I 1, 402 b.
[8] De an. III 9, 432
a.
[9] De an. III 9, 432
a.
[10] De an. II 2, 414
a.
[11] De an. I
3, 407 b.
[12] De an. II 3, 414 b - 415 a.
[13]Hartmann, N: Die
Anfänge des Schichtungsgedankens in der Alten Philosophie. Abh.
Preuß. Akad. Wiss. Jg. 1943. Berlin. S.24.
[14] Ebd. S. 26.
[15] De an. II 4, 415 a
- 415 b.
[16] De an. II 4, 415
b.
[17] De an. II 12, 424
a - 424 b.
[18] De an. III 5, 430
a.
[19] De an. III
4, 429 b.
[20] De gen. an. II
33 - 36, 736a,b.
[21] De re publ.
I 1, 2, 1252a - 1253a.
[22] De gen. an. II
c. 33-36, 736a,b.
[23] Phys. I
1, 184a.
[24] Met. D
3, 1014a.
[25] Met. A
7, 988a.
[26] Met. B
5, 1002a.
[27] Met. H
1, 1042a.
[28] De caelo I 3,
270b.
[29] Met. Z
17, 1041b.
[30] Phys. I 5, 189a.
[31] Met. G
2, 1004b.
[32] De gen. an. II 3,
330b.
[33] Met. H
1, 1042a.
[34] Met. Q
7, 1049a.
[35] De gen. et corr.
II 3, 330b.
[36] Met. L
6, 1073a.
[37]Mayr, E.: Die
Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Berlin 1984. S. 74.
[38] Ebd. S. 319.
[39] Met. E 3, 1027a.
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