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Erschienen in Ausgabe: No 65 (7/2011) Letzte Änderung: 31.01.13

August von Kotzebue

von Annette Seemann

„Das eigentliche Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren Gesellschaft, gehörten notwendig zusammen; und die Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: „In ihm leben, weben und sind wir.“ Hier war nichts Erzwungenes, Angebildetes, Halb- und Angeniessendes: was er wollte und konnte, wurde verstanden.“[1] So Nietzsche, einer der wenigen wichtigen nachgeborenen Befürworter des großen Theatertalents, das zu Lebzeiten immer wieder polarisierte. August Wilhelm von Schlegel etwa schrieb im Jahr 1800 ein Gedicht „Festgesang deutscher Schauspielerinnen bei Kotzebues Rückkehr“,in dem es u.a. heißt:

„Du bist unsrer herzen Mann,
Der uns recht errathen kann.
Reden, Thränen kannst du schreiben,
Wie wir sie zu Haufe treiben,
Daß wir bei der Lampen Schein
Glauben, ganz wir selbst zu sein.
Das kann niemand so wie du,
Kotzebue! Kotzebue!
Bubu - bubu - bubu - bu!"

Diese zwei Aussagen bedeutender Dichter und Denker fassen die Spannweite der Rezeption Kotzbues in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert. Wie kam es zu derartigen Polarisierungen? Was verdanken wir Kotzebue, weshalb ist es sinnvoll, sich an seinem 250. Geburtstag auf ihn, sein Leben und sein Werk zu besinnen?
Was bei näherer Betrachtung seines beträchtlichen Erfolgs sofort ersichtlich wird, ist ein drastisches Auseinanderklaffen von sehr positiver Publikumsresonanz und in der Regel vernichtender Kritik durch Kollegen.
Eine Vermutung muß gleich zu Anfang hier geäußert werden, nämlich dass die Kritikan Kotzebue einen eigentlich erst in unserer Zeit üblichen öffentlich praktizierten Rufmord exekutierte, und dies aufgrund von Sozial- und möglicherweise auch – (eine Neuschöpfung): Kreativitätsneid.
Der am 3. Mai 1761 geborene Sohn August des früh verstorbenen Weimarer Legationsrats der Herzogin Anna Amalia verspürte schon als Siebenjähriger einen Hang zur Bühnenkunst und wurde von seinem Onkel, dem Dichter der Volksmärchen der Deutschen, Musäus, auch im Schreiben gefördert. Seine Mutter, mit 25 Jahren schon Witwe, setzte sich zudem vehement selbst für die Erziehung ihrer beiden Kinder ein. Augusts erster Theaterbesuch im Weimarer Reithaus wirkte nachhaltig und er wünschte sich, ab sofort jeden Abend eine solche Aufführung zu erleben. Als die Herzogin Anna Amalia ein Jahr später im Schloss ein stehendes Theater errichtete, war er glücklich. Der junge Kotzebue wuchs mit Büchern auf, und Theater war vielleicht so etwas wie eine Versinnlichung seiner ihm durch das Lesen zugewachsenen Vorstellungskraft. Die damals neue Abenteuerliteratur sog er in sich auf: Die Insel Felsenburg etwa, von Schnabel. In der Liebhaberaufführung von Goethes Stück Die Geschwister wurde er einige Jahre später er als Briefträger eingesetzt, Goethe spielte den Wilhelm und Augusts Schwester Amalie die weibliche Hauptrolle. Der Junge patzte aufgrund zu starker Emotionen. Das Theater in seiner Unmittelbarkeit und dialogischen Struktur bannte ihn, ansonsten war ihm manche zu papierene Literatur unverdaulich: Gleim habe er zur Seite legen müssen, hatte der 15jährigein seiner Naivität angegeben. Goethe war amüsiert, artikulierte Sympathie für den phantasiereichen Jungen und lud ihn ein.
Kotzebue wuchs in der heutigen Schlossgasse 6 in Weimar auf -- eine Gedenktafel erinnert an den berühmten Sohn der Stadt, der 1777, mit knapp sechzehn Jahren und nach bestandener Reifeprüfung, mit der Mutter nach Jena zog, um dort zunächst Sprachen, dann Jura zu studieren. Im Zuge der Heirat seiner Schwester nach Duisburg folgte er dieser und gründete neben dem Studium sein erstes Liebhabertheater, für das er Stücke schrieb. Unbestritten waren sein Talent, die leichte Hand beim Schreiben, große Phantasie, Sinn für bühnenwirksame Effekte und geschickte Dialogführung. Mit 19 Jahren schloß er in Jena das Jurastudium ab und wurde in Weimar als Advokat zugelassen. Den Beruf übte er wenig bis gar nicht aus, mischte sich hingegen sogleich polemisch im Stadtleben ein. Seine scharfe Zunge, mit der er die Töchter der ersten Familien attackierte, machten ihn ebenso wie seine hart an der Realität verfassten Stücke mehr als unbeliebt. Selbst Herzogin Anna Amalia wurde zur Zielscheibe seines Spotts. Wegen dieser oft grundlosen Anfeindungen kippte die positive Haltung Goethes – und damit tout Weimars -- bald zu seinen Ungunsten: 1781 muß Kotzebue die Stadt verlassen, ein zweiter Klinger oder Lenz?
Graf von Görtz, Freund der Familie, kann den jungen Mann allerdings nach St. Petersburg vermitteln, wo er am Hof der Zarin Katharina unterkommt. Kotzebue wird Sekretär bei dem Ingenieur der im Bau befindlichen Wasserleitung – dies war zuvor Lenzens Position --und leitet nebenbei die Petersburger Deutsche Komödie. Von der Zarin zum Titularrat ernannt, findet man ihn bald als Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland in Reval wieder. Ab 1785 steht ein „von“ vor seinem Namen und 1788 hat er, inzwischen verheiratet, mit dem Trauerspiel Menschenhaß und Reue einen unerwartet großen Erfolg, der ihn in ganz Europa bekannt macht. In zahlreiche Sprachen wird das Stück übersetzt, ja bis nach Amerika verbreitet sich Kotzebues Ruhm. Aber worum geht es in dem Stück, welche Bedürfnisse beim Publikum befriedigt es? Zunächst ist es mit Trivialitäten und unwahrscheinlichen Handlungswendungen geradezu gespickt. Der Handlungsverlauf ist denkbar banal, möchte man denken: Ein tugendhafter Edler, Herr von Mainau, wird von seiner Gemahlin Eulalia betrogen: Sie läuft mit einem Offizier davon, wird ihrerseits bald von diesem verlassen. Sie bereut innig und beschließt, unerkannt eine Stelle in einem Haushalt anzunehmen, gewissermaßen als Buße. Sie weiß, sie ist gefallen und darf von ihrem Mann keine Verzeihung erwarten. Sie leidet aber stark, da sie den edlen Gatten und ihre beiden kleinen Kinder vermisst. Unter dem Namen Madame Müller dient sie als Wirtschafterin eines Adligen. Dort tut sie nur Gutes und lebt fast wie eine Heilige. Durch Zufall kommt der zum Menschenhasser gewordene frühere Ehemann, Mainau, mit seinem Bedienten in die Gegend und bewohnt zurückgezogen eine Eremitage auf dem Schloßgelände. Die getrennten Eheleute wissen nicht, wie nah sie einander sind. Als der kürzlich zurückgekehrte Schlossbesitzer aber, Eulalias Kostgeber, über eine morsche Brücke geht und ins eisige Schloßgrabenwasser fällt, rettet ihn Mainau und verschwindet daraufhin. Eulalia, die sich soeben wegen ihres Lebenswandels wortreich im Selbstgespräch angeklagt hatte, erkundigt sich unversehens bei Peter, dem jungen Sohn des Verwalters nach dem Verlaufs des Unfalls:

Eulalia: Der gnädige Herr Graf ist ertrunken?
Peter: Ja.
Eulalia: Todt?
Peter: Nein, todt ist er nicht.
Eulalia: Nun, so schreyen Sie nur nicht so, dass die Frau Gräfin nichts davon erfährt.
Peter: Ich nicht schreyen? Ach Herr Jemine! Herr Jemine! Die Exzellenz trieft, wie ein Budel, am ganzen Leibe.

Kotzebue benutzt eine erfolgreiche Mischung von dramatisch-sentimentalen, gemischt mit komischen, ja grotesken Szenen – wahrscheinlich übernahm er das Prinzip von Shakespeare: In rasendem Tempo wechseln die Stimmungen, wird das Publikum manipuliert, soll bald lachen, dann wieder weinen, sich empören, mitfühlen. Warum dies alles? In Menschenhass und Reue wird letztlich eine neue Art der Moral vorgestellt: Eine Ehebrecherin soll als Geläuterte akzeptiert werden und aufgrund ihrer Reue wieder sowohl in der Gesellschaft als auch in ihrer Ehe aufgenommen werden. Moral und Sittenlosigkeit gehen hier eine Mischung ein, in der strikte ethische Maßstäbe nicht mehr erkennbar sind. Genau dies warfen die Kritiker, allen voran Goethe, aber auch Tieck, die Schlegels und Hebbel und in deren Folge die deutsche Literaturgeschichte[2] Kotzebue und seiner leichten Feder vor. Soweit hätte sich der protestantische Iffland nie verstiegen – und darum war es Kotzebue, der den größeren Erfolg einheimsen konnte. Denn er war es, der es vermochte, dem sowohl provinziellen wie residentiellen Publikum vorzuführen, wessen es ermangelte: der Zivilcourage in Fragen der Durchsetzung der Individualität, dies durch die Behauptung starker Gefühle, inklusive des Anspruchs, damals aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen wie etwa die Sklaverei zu diskutieren. Kotzebue lag, bildlich gesprochen, immer auf den Schienen der damals noch nicht nahenden Eisenbahn. Er vernahm den Puls der Zeit besser als alle anderen Theaterdichter Deutschlands, und das Publikum liebte seine Stücke, liebte daher ihn, der, anders als der ihm in der Beliebtheit folgende Iffland, nicht mit immer gleichen, nur unterschiedlich montierten Handlungsversatzstücken operierte, sondern ständig neue effektvolle Plot-Ideen umsetzte und die exotischsten Schauplätze zur Geltung brachte: Peru, die Südseeinseln, Indien oder Sibirien.. Bürgerliche Rührstücke wie Menschenhass und Reue, das in einer deutschen unbenannten Gegend spielt, bedienen in seiner Produktionsskala nämlich nur eine Kategorie. In dieser Kategorie wären zu nennen Das Kind der Liebe, Der Papagoy, La Peyrouse, Die Versöhnung, Üble Laune, Die deutsche Hausfrau, Das Taschenbuch usw. Kotzebue verfasste des weiteren Lustspiele, etwa Die Indianer in England, Armut und Edelsinn, Der Wildfang (Ein Lustspiel für die Verdauung) oder Die beiden Klingsberg, sowie Die deutschen Kleinstädter. Eine weitere Kategorie waren die Historischen und Versdramen, darunter Der Graf von Burgund, die Negersklaven, Johanna von Montfaucon, Octavia und die Hussiten von Naumburg.. Insgesamt ca. 230 Stücke verfasste er, nicht mitgezählt die Libretti, die er für Opern verfasste, darunter zwei Texte zu Musik von Beethoven Ungerns erster Wohlthäter. Ein Vorspiel mit Chören. Zur Eröffnung des neuen Theaters in Pesth von 1813, das er wie auch Die Ruinen von Athen im Auftrage Beethovens geschrieben hatte.
Was setzte jedoch Kotzebue instand, derartig vielfältige Szenen beschreiben zu können, desgleichen so schnell und so erfolgreich? Vergegenwärtigen wir uns nur die obendrein immer noch zu bewältigenden teils Tage bis Wochen dauernden Reisen, die Ämter, die er zu verwalten hatte, die immer wachsende Familie, die er zumindest administrieren musste. Wie ging das?
Es ging nur mittels einer ausgeklügelten, früh von ihm eingeführten Arbeitsdisziplin, eines strengen Lebensrhythmusses: Sofort nach Ende einer Theateraufführung, die er möglichst täglich ansah, ging er zu Bett, um morgens um 5 Uhr aufzustehen und dann erst einmal einige Stunden zu schreiben, bevor er in die Theaterproben oder in sein Amt ging, um dann nachmittags zu korrespondieren und Visiten abzustatten.
Diese Disziplin ermöglichte es dem Dichter, manchmal ein ganzes Theaterstück in zwei Wochen abzufassen. Und wir haben bisher ja nur über die Theaterproduktion gesprochen. Die Prosawerke, die Zeitschriftenbeiträge inklusive der Herausgebertätigkeit, die historischen Werke, die Übersetzungensowie seine Polemiken haben wir noch gar nicht erwähnt, und auch sie füllen seitenweise seine Bibliographie. Kotzebue war sowohl für Goethe, der vom Amt überlastet und oft unter Schaffenspausen litt, wie für Schiller, den die Krankheit immer wieder in einen Zustand der erzwungenen Unproduktivität versetzte, bereits aufgrund seiner ununterbrochenen Emsigkeit ein rotes Tuch. Und für die vielen anderen Dichter in veränderter Weise eben auch – der ebenfalls rastlos tätige Wieland hatte bezeichnenderweise noch die wenigsten Probleme mit dem Kreativen. Er war Kotzebue im übrigen auch in einer weiteren Verfasstheit ähnlich: Ebenso wie Kotzebue war Wieland äußerst kinderreich. Der Kinderreichtum war es auch, der Kotzebue dazu verpflichtete, im Laufe des Lebens immer mehr zu verdienen, was auch gelang, da er hochdotierte lebenslange Pensionen sowohl vom russischen Zaren wie vom Kaiser in Wien erwarb. Er, der zwei Frauen nach schweren Geburten verlor und mit der dritten schließlich längere Zeit leben konnte, hatte am Ende seines Lebens stolze 17 Kinder aufzuweisen, von denen 12 überlebten, davon 9 Jungen, für die damals natürlich sehr viel mehr Geld in die Ausbildung investiert werden musste. Hier konnte auch nur ein Wieland in Weimar mit seinen 14 Kindern mithalten – Goethe, der nur einen Sohn hatte, war in diesem Bereich am weitesten abgeschlagen.
Letztlich konnte Kotzebue alle sogenannten Glücksgüter auf sich vereinigen: Geld, Familienglück, intellektuelle Schaffenskraft, einen Namen. Letztlich war es dieses Glückskindhafte, das er ausstrahlte und das ihn, je länger je mehr verhaßt in Weimar machte – und sein hauptsächlicher Fehler mag es einfach nur gewesen sein, gegen die ihm entgegengebrachten Ressentiments wiederum polemisch zu reagieren.
Zunächst war alles noch harmlos, denn die Kritik Goethes, Schillers und der übrigen bedeutenden, aber leider wenig erfolgreichen Dichter an Kotzebues Stück Menschenhass und Reue, in dem am Ende die Kinder des getrennten Paars zufällig auftauchen und die Eltern versöhnen, fand lediglich im philosophisch-ästhetischen Diskurs statt. Dem Autor war dies – noch – egal. Schon wartete der nächste Theater-Stoff auf ihn. Kotzebue griff die nächsten „heißen“ Themen auf: Rousseau, die Frage der Negersklaven, literarische Moden, Gefühlskonflikte, alles wild durcheinander, aber immer für „Jedermann“ rezipierbar. Ließen ihn die ersten Kritiken noch kalt und konnte er sich besänftigen, da alle Bühnen seine Stücke spielten und sie ihm tintennaß aus der Hand rissen, so verstummte doch die Kritik nie: man warf ihm mangelnden sittlichen Anstand vor und schlechte literarische wie formale Qualität seiner Stücke. Dies führte Kotzebue
Dann ergab es sich, daß 1790 während einer Kur in Bad Pyrmont mit dem damaligen Modearzt Johann Georg von Zimmermann (der auch Leibarzt der Zarin Katharina war!) zusammentraf, der ebenfalls in literarische Fehden verwickelt war. Kotzebue schrieb, sich mit Zimmermann offenbar identifizierend, kurzentschlossen ein Pasquill,und zwar unter falschem Namen, dem des Freiherrn Adolf von Knigge, betitelt Dr. Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder die deutsche Union gegen Zimmermann. Eine Entdeckung seiner Autorschaft war der Grund für sein fast fluchtartiges Verlassen des deutschen Reichs: Die Zarin Katharina in Petersburg war seine Zuflucht – sie setzte sich für ihn ein, das bereits gegen ihn angestrengte Verfahren niederzuschlagen. Sein Versuch, sich 18 Monate später in einer öffentlichen Abbitte mit dem Publikum auszusöhnen, hatte bei den Kritikern wenig Erfolg, während das Theaterpublikum weiter zu ihm hielt und er der erfolgreichste Theaterschriftsteller Deutschlands blieb Inzwischen hatte er seine erste Frau nach einer schweren Niederkunft verlieren müssen. Er kann fürderhin privatisieren und lässt sich 1794 auf seinem Gut Friedenthal in Estland nieder, wo er noch im selben Jahr Christine Gertrude von Essen, geb. von Krusenstern heiratet. Ein Theaterstück nach dem anderen entsteht, sein Name ist in Deutschland in aller Munde.
Auch Goethe, Theaterintendant in Weimar, ist sich der Bühnenwirksamkeit der Kotzebueschen Stücke so sicher, daß er sie, ebenso wie die übrigen Theaterleiter im deutschsprachigen Raum, noch vor denen Ifflands prominent aufführte. 25 Prozent aller Theaterstücke, die um 1800 auf deutschen Bühnen gespielt wurden, stammten von Kotzebue, in Übersetzungen war er in ganz Europa präsent, über eine englische Übersetzung sogar in Amerika. Doch gleichzeitig wurde Menschenhaß und Reue, wie so viele literarische Hervorbringungen und ihre Autoren, von Goethe und Schiller in ihren Xenien, erschienen im Musenalmanach auf das Jahr 1797, geschmäht. Für Kotzebue unverständlich, da Goethe doch als Theaterdirektor unmittelbar von der erfolgreichen Aufführung profitiert hatte. War das Distichon von Goethe, war es von Schiller? Beide Dichter reklamierten in diesem Falle einmalig die gemeinsame Autorenschaft:
„Menschenhaß? Nein, davon verspürt ich beim heutigen Stücke
Keine Regung; jedoch Reue, die hab ich gefühlt.“
In seinem bedeutenden Briefwechsel mit Schiller schreibt Goethe an den Freund im März 1798: „Wenn Sie uns besuchen könnten, so wäre es recht schön, doch will ich bemerken, daß in der nächsten Woche die Oper den Donnerstag ist und Sonnabends ein neues Kotzebuesches Stück, zu dem ich Sie nicht einladen will.“
Inzwischen ist Kotzebue längst zu neuen Ufern aufgebrochen, indem er sich aus Estland ehrenvoll an das Wiener Hoftheater hatte berufen lassen, als Theaterregisseur, dem es auch oblag, Theateranzeigen für die Hofzeitung zu schreiben. Ein vermintes Gelände, in dem der unbefangene Kotzebue trotz erheblicher Zurückhaltung von einem Fettnapf in den nächsten stolpern muß. Der überzeugte Monarchist wird gar als Jakobiner gehandelt und kann sich gegen die gegen ihn intrigierenden Schauspieler nicht durchsetzen. Kaiser Franz II. nimmt sein Abschiedsgesuch nach einem knappen Jahr mehr als huldvoll entgegen. Kotzebue bleibt lebenslang Hoftheaterdichter mit einem Gehalt von jährlich 1000 Gulden. Nach längerer Reise kehrt er im Juni 1799 nach Weimar zurück, mit seiner stattlich angewachsenen Familie und etlichen Dienstboten.
Für den Angriff in den Xenien, die ihn, wie auch Herausgeber von Zeitschriften und Autoren angegriffen hatten, hatte er sich, wirksamer als in einer Zeitschrift, in einem Theaterstück gerächt, das als Gemeinschaftsereignis funktioniert und vor Ort bereits diskutiert wurde.
In seinem Schauspiel Üble Laune (Premiere 9.12. 1798 in Mannheim, Druck 1799) nimmt ein alter Offizier einem jungen Mädchen die Xenien aus der Hand und wirft sie in den Schloßgraben. „Schillers Xenien liegen mitten im Schlamme!“ ruft das Mädchen, und der Offizier antwortet. „Dahin gehören sie auch.“ In dem darauf folgenden Stück Die Unglücklichen tritt ein Dichter auf, der zugleich Goethe und Vulpius in einer Person darstellt -- seine schriftstellerische Produktion besteht nämlich in der Abfassung von Ritterromanen und Beiträgen zu Musen-Almanachen, und aktuell befasse er sich mit Gespenstermärchen, die er als „Unterhaltungen deutscher Auswanderer“ tarne. Dies war zwar eine Reaktion auf die Xenien, hielt sich aber in durchaus gängigen Bahnen der Aggressivität, – ein gutes Verhältnis zu ihm war damals nämlich im Grunde immer noch Kotzebues Ziel. Voraussetzung allerdings wäre eine Anerkennung seiner selbst und seiner Kreativität durch den großen Weimarer gewesen sowie persönlicher Austausch. Dem gingen Goethe wie Schiller ganz bewusst aus dem Wege.
Im selben Jahr1799 lernte Kotzebue den1760 geborenen Carl August Böttiger kennen, seit 1791 Direktor des Weimarer Gymnasiums. Beide eint, dass sie von Goethe und Schiller abgelehnt werden, dass sie aufgrund dessen zumindest Goethe abzulehnen beginnen, und darüber hinaus die Romantiker hassen. Gegen sie, insbesondere die Gebrüder Schlegel, polemisiert Kotzebue, allerdings erst, nachdem sie seine Stücke in der Zeitschrift Athenäum angegriffen hatten. Die hier geäußerten ästhetischen Grundsätze widersprechen Kotzebues am Publikumsgeschmack ausgerichteter populären Manier. Weder Fichtes Wissenschaftslehre, noch der Wilhelm Meister noch die Französische Revolution sind für ihn gedankliche Fispunkte seines Schreibens, und für einenGenialen hält er sich nicht, allenfalls für einen europaweit erfolgreichen Theaterschriftsteller. Menschenhass und Reue, so kann er sich freuen, wurde soeben ins Französische übersetzt. Außerdem wird er – vielleicht auch deshalb – von der Herzogin Anna Amalia eingeladen und soll sein neuestes Stück Gustav Wasa vorlesen, ein Historiendrama. Schiller schreibt an Goethe, dass das Stück gräuliche Motive enthalte, wie er hörte. Kotzebue seinerseits greift postwendend die Schlegel-Brüder an, indem er die Satire Der hyperboreische Esel oder die heutige Bildung[3] abfasst. In der Zueignung heißt es da: „Wer sind denn diese Herrn, die das Recht zu entscheiden ausüben? Leute, die der Verachtung so lange trotzen, bis sie es endlich dahin bringen, sich geltend zu machen und den Ton anzugeben; die nie Grundsätze, sondern nur Meinungen haben, die wechseln, wegwerfen, wieder aufnehmen, ohne selbst zu wissen oder zu ahnden, die sich beständig glauben, weil sie halsstarrig sind. Sehet da die Richter über Reputation ….Man rühmt ihre Verdienste, aber bei näherer Untersuchung staunt man über ihre Leerheit, und man wird bald gewahr, dass sich alles nur auf ein gewisses Air einschränkt, einen Ton der Wichtigkeit und Selbstgenügsamkeit mit ein wenig Impertinenz gemischt, der manche blendet.“
Kotzebue erntet stante pede August Wilhelm Schlegels satirische Antwort Ehrenpforte und Triumpphbogen für den Theaterpräsidenten v. Kotzebue bey seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland.[4] Hieraus das Zitat Schlegels zu Beginn. Der Ton hat sich bereits spürbar verschärft.
Weimar kann sich nun in drei parteiische Lager teilen, wenn es um einen Dichter geht: pro Goethe, pro Schiller oder pro Kotzebue – diese Partei wird von Böttiger angeführt.
Für Kotzebue ist es, anders als für die übrigen, einfacher, Weimar zu verlassen. Er ist finanziell unabhängig genug, und er hat Gründe. Seine beiden ältesten Söhne hat er jahrelang nicht gesehen, sie werden in St. Petersburg in der Kadettenanstalt ausgebildet, seine Frau möchte ihre Familie besuchen. Trotz Warnungen zahlreicher Freunde und Kenner der politischen Lage nach dem Tod der Zarin Katharina, die die Despotie des Zaren Paul fürchten, der selbst Adlige, die nicht mit ihrer Kutsche anhalten, aussteigen und sich untertänig vor ihm am Straßenrand verneigen, einsperrren lässt, der eine Zensur gegen jegliches im Ausland erschienene Buch, das nach Russland eingeführt wird, eisern durchführt, französische Mode wie runde Hüte, Fracks und Gilets verbietet, sowie zahlreiche weitere Schikanen angeordnet hat, trotz all dieser ungünstigen Vorzeichen beantragt er in Berlin bei der russischen Gesandtschaft einen Pass, der ihn auf Befehl des Zaren aller Reussen unbesorgt die Reise antreten lässt. Am 1. April 1800 beginnt diese Reise.
An der russischen Grenze hinter Memel wird er verhaftet, von seiner Familie – seine Frau mit zwei kleinen Kindern und etliche Bediente reisten mit – getrennt und nach Sibirien verbracht. Ein Fluchtversuch wird aufgedeckt, krank gelangt er nach Tobolsk und von dort noch 400 km weiter nach Kurgan verbracht. Gründe? Maximal dies: Er ist Schriftsteller und verööfentlicht in deutscher Sprache? Oder: – womöglich ein Jakobiner? Kotzebue erfuhr nie den Grund für die Maßnahme und macht das Beste aus dem „merkwürdigen Jahr 1800.“
Unter dem Titel Das merkwürdigste Jahr meines Lebens veröffentlicht er im Herbst 1801 den Bericht über seine Entführung nach Sibirien, die Verbannung und schließlich die unvermittelte Rückführung in die Heimat, der ihm wie seine Theaterstücke buchstäblich aus der Hand gerissen wird. Im „Vorbericht“ heißt es:
„Deutschland – ja, ich darf sagen ein Teil von Europa – hat sich, teils neugierig, teils wohlwollend, für mein Schicksal interessiert; überall hat man nach der Veranlassung desselben geforscht. Die auffallendeWirkung erzeugte ein Grübeln nach der Ursache. Man erfand hundert und wieder hundert Geschichten. Bald sollte ich ein Buch geschrieben haben, das der eine Der weiße Bär, der andre Der nordische Bär nannte und das manche sogar gelesen haben wollten. Bald hieß es wieder, der Verfasser sei ein andrer, dessen Name mit eben den Anfangsbuchstaben wie der meinige bezeichnet werde, und ich sei daher das Opfer einer bloßen Namensverwechslung geworden. Andre suchten meine Schuld in unbesonnenen Reden, noch andre in Stellen gewisser Schauspiele, die ich schon zehn Jahre vorher geschrieben hatte. Kurz, der eine glaubte dies, der andre jenes. Keiner aber fiel auf den eigentlichen Grund, der doch einzig und allein in einer argwöhnischen Laune des Augenblicks zu suchen war. Mich dünkt daher, ich bin es meinem Rufe, meinen Kindern und meinen Freunden schuldig, was mir begegnet ist mit einfacher Wahrheit zu erzählen und so auf einmal alle Urteile zu berichtigen.“[5] Kurz, knapp und sachlich. Zeitungsstil?
In der kurzen Zeit, die Kotzebue auf der Reise nach Kurgan in Tobolsk verbringt, wird ihm selbst dort seine Popularität bewußt, und dies trotz des Verbots ausländischer Literatur. Das Theater macht hier offenbar eine Ausnahme, bzw. ist die Übersetzung des Stücks eine zensierte. Er schreibt:
„Kinjakoff, der Sohn eines wohlhabenden Edelmannes in der Stadt S. war mit zweien seiner Brüder und drei anderen Offizieren über Hals und Kopf hierher geschickt worden,… Er erwähnte einer kleinen Bibliothek, die er besitze – welch eine Nachricht! Er versprach mir Bücher – welch ein Glück! Ich hatte so lange kein Buch gesehen! Von ihm erfuhr ich auch zuerst, dass der Kaiser vor kurzem die ganze ausländische Literatur verboten habe und dass man daher jedes Buch, welches man besitze, als einen Schatz betrachten müsse. Er erzählte mir ferner, dass mehrere meiner Stücke auf dem Tobolskischen Theater gespielt würden, freilich elend, aber doch mit großem Beifall, und dass daher meine Ankunft in der Stadt mehr Sensation gemacht habe, als wenn (so drückte er sich aus) der Kaiser sechs Generale en chef hergeschickt hätte.“[6]
Kotzebue versucht auch in dem Prosatext, das Publikum mit allen ihm zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln auf seine Seite zu bringen: Anders als im Theaterstück kann er dies – er muß politische Rücksichtsnahmen üben – nicht mit Witz, Schlagfertigkeit und kleinen Seitenhieben tun, sondern muss die Emotionen anders aufheizen – eine gefährliche Flußüberquerung etwa, die 7 Stunden gedauert hat, komplizierte Krankheiten, die er gerade noch übersteht und die farbig geschilderte Angst, für ewig von seiner Familie getrennt zu bleiben, wirken beim Leser nach. – Doch schon im Juli erfolgt seine Rückführung nach St. Petersburg, ebenfalls ohne die geringsten Erklärungen über die Gründe der Verbannung noch ihre Aufhebung. Kotzebue: „Am 13ten August erhielt ich die Abschrift eines Ukas, durch welchen der Kaiser mir das in Livland gelegene Krongut Worroküll, von 61/2 Haaken, ohne alle Abgaben schenkte. Dieses Gut, welches … mir … jährlich eine Pacht von 4000 Rubeln abwirft, war ein wahrhaft kaiserliches Geschenk und enthielt zu gleicher Zeit die sprechendste Erklärung meiner Unschuld.“[7]
Dem Zaren wird kein Wort des Vorwurfs gemacht, im Gegenteil, auch im Vorbericht dankt Kotzebue ihm beredt. Auch über die Ermordung des Zaren Paul, die noch vor der Veröffentlichung des Buchs erfolgte, kein Wort. Lediglich über die Verpflichtung durch den Zaren, das deutsche Theater in St. Petersburg zu leiten, mit einem stattlichen Jahresgehalt vergütet, spricht er und wie sehr er sich gewünscht hätte, Russland nach dem sibirischen Abenteuer gleich wieder zu verlassen. In dem Rat Adelung, einem Deutschen, der am Zarenhof Dienst tat, wurde Kotzebue ein Zensor an die Seite gestellt, der in allen Stücken missliebige Worte aufspüren und durch unverfänglichere ersetzen soll. Des Wunderns ist für den Autor kein Ende: „Das Wort Republik durfte in meinem Trauerspiel Octavia nicht genannt werden. „Stirb als ein freier Römer!, durfte Antonius nicht sagen…“Daß der Kaviar aus Russland komme und dass Russland weit sei“ wurde weggestrichen. Daß der Kammerrat als Patriot keine Fremde heiraten will, war ihm nicht erlaubt. Daß ein Kammerdiener unverschämt sein könne, wurde nicht statuiert.[8]
Kotzebues Sprache in diesem wie in allen seinen Texten ist frisch, ungekünstelt, er wirkt offen, glaubhaft, emotional – ja modern. Für die damalige Zeit vielleicht allzu modern, zu forsch, zu wenig zeremoniös. Aber ist das ein Wunder? Ist nicht Kotzebue derjenige aus dem Kreis der Schriftsteller um 1800, der am meisten gereist war, die größte Weltläufigkeit besaß – er kannte Italien, Österreich, Frankreich, Russland, Estland und Deutschland, Höfe und Entscheidungsträger in der Administration und hatte vielleicht auch das umfassendste Arbeitspensum. Schnelligkeit, Effektivität und immer sitzende, gerade zum Ziel vorpreschende Ausdrucksweise waren für ihn die eingefleischte conditio sine qua non seiner umtriebigen Existenz. Anders als für Goethe, Schiller und Herder. Wieland nehme ich bewusst aus (siehe oben).
Und könnte nicht ein grundlegender Unterschied auch der Wahrnehmung gesellschaftlich relevanter Themen zwischen den die deutsche Provinz selten bis nie verlassenden klassizistischen Dichtern und dem allzeit mobilen, an den europäischen Höfen und in den Hauptstädten verkehrenden Erfolgsautor und Staatsrat bestehen? Ein Unterschied, der wiederum bei jenen, die Weimar nicht mehr verließen – ich möchte natürlich keineswegs Goethes Reisen kleinreden, aber mit Ausnahme der Schweiz und Italien war es auch bei ihm selten das Ausland --, zu Komplexen führten, die sie nur mit einer einhelligen Ablehnung von Kotzebues Produktion abschmettern konnten. So geschah es dem Stück Octavia, das Goethe zunächst zurückschickte und dann offenbar doch noch spielen wollte. Aus dem Briefwechsel zwischen Böttiger und Kotzebue geht dies hervor: „Daß H.v. Göthe mir die Octavia als für die Bühne unbrauchbar zurücksendet, und sie nun dennoch wie ein Stück Marzipan auf den Weynachtsbaum hängen will, das find` ich ein wenig unschicklich und hab`es mir verbeten.“[9]
Im Vorfeld hatte Schiller das Stück geprüft und am 10. 12. 1799 an Goethe geschrieben: „Je tiefer man in die Handlung hineinkommt, desto schwächer erscheint das Werk. Die Motive sind schwach, zum Teil sehr gemein und plump. Antonius ist gar zu einfältig, … Kleopatra ist nur widerwärtig, ohne Größe, selbst Octavia begreift man nicht…Es bleibt also bei unserm gestrigen Ausspruch, der rednerische Teil ist brav, der poetische und dramatische insbesondere wollen nicht viel heißen.“[10] Goethe, in seiner Antwort tags darauf, pflichtet bei: „Je weiter man kommt, je weniger gefällts.“[11]
Doch wurde das Stück dennoch in Weimar gespielt. Kotzebue reagiert darauf im Brief an Böttiger vom 22.2. 1801. Man spürt deutlich die wachsende Spannung Kotzebues: „Daß man, nach dem was vorgefallen, meine Octavia gegeben, war klein, und noch kleiner dass man sie so besetzt hat, dass sie missfallen musste. Niemand konnte den Antonius spielen als Vohs oder Graf, und niemand die Octavia als Mlle Jagemann. Daß doch mein glimmerndes Lämpgen den hellflackernden Lichtern so gar sehr im Wege steht, und sie gern mögten, dass es ausgeblasen wurde … Daß Göthe bis zum magren Übersetzer Voltairischer Tragödien herabgesunken ist, thut mir wahrhaftig leid. Wenn Sie mir einen Vergleich aus der Niederländischen Schule erlauben wollen so kommt er mir vor, wie eine Kupplerin, die vor alten Zeiten selbst recht hübsch war, und nun bey verblühten Reizen uns fremde Dirnen zuführt.“[12]
Die Weimarer Pro-Kotzebue-Partei indes erwartet ihren Heros nach dem Sibirien-Aufenthalt zurück, und wirklich: Wunderbar war seine Rettung, noch wunderbarer sein Einzug in Weimar, mit Familie und Dienerschaft, ein wahrer Triumphzug. Reichtum umgibt ihn, das Denkwürdige seiner Verhaftung und Verbannung, dann seiner Erhebung in die Gnade des inzwischen ermordeten Zaren Paul machen ihn zu einem Helden, der just aus einem seiner Stücke hätte entstiegen sein können. Jetzt hätte sich Goethe ihm freundschaftlich öffnen können, hätte ihn zumindest höflich zu seiner cour d`amour, die er sich für den Winter ausgedacht hatet, bitten können. Die Göchhausen, Hofdame der Anna Amalia, übermittelte Goethe seinen Wunsch, die anderen Damen stimmten bei. Doch Goethe lehnt ab, fühlt sich durch Kotzebue und dessen leichte Art, in Gesellschaft zu verkehren, in seiner Zeremoniosität in Frage gestellt. Abgrenzung scheint ihm das probate Mittel, kurzum: Das Mittwochskränzchen kommt ohne Kotzebue aus. Eine Karikatur, die August zugespielt bekommt, die ihn vor den Propyläen (so der Titel der Goetheschen Zeitschrift jener Jahre) in denen Goethe mit Gleichgesinnten wandelt, zeigt und zwar im Zustande einer Darmentleerung begriffen und sehnsüchtig um Einlaß in die Goethe-Welt bittend, veranlasst ihn nun seinerseits zur Aktion. Ein „Gegensalon“ am Donnerstag, eine Teegesellschaft für Adel und Bürger, wird von ihm einberufen, an dem selbst die meisten der Gäste Goethes erscheinen, da es bei Kotzebue gar nicht steif, sondern unterhaltsam zugeht…Kaum ist dieser Eklat verdaut, ergibt sich schon der nächste: Kotzebue hat ein neues Theaterstück geschrieben, Die Deutschen Kleinstädter, in dem er Weimar, aber vor allem auch den Romantikern etwas auswischen möchte. Die Premiere findet in Mannheim im September 1802 statt. In Weimar soll es nachgespielt werden. Allerdings macht sich Goethe daran, alle Anspielungen, die auf Schlegel oder Vulpius darin vorkommen, zu streichen. Kotzebue setzt er davon lediglich in informierender Weise in Kenntnis. Keine Rede davon, die Streichungen mit dem Autor durchzugehen. Hier einige Kostproben:
(S. 7-8).
Mit Krähwinkel, dem von Jean Paul geprägten Ortsnamen, ist Weimar gemeint, das Kotzebue aus der Sicht eines die Hauptstädte Europas kennenden Menschen in seiner ganzen Provinzialität schildert: (S. 27)
Titelsucht, Beharren auf überkommenen, unsinnigen Höflichkeitsformen, Verlogenheit und Kleingeisterei kennzeichnet die Krähwinkeler, die sich ihres Handels mit Meerrettich – also im Grunde ihres Nichthandels rühmen. Tratsch und Klatsch ist das Hauptgeschäft in diesem kleinen Ort, der Diebstahl einer Kuh wird zum epochalen Strafdelikt hochgespielt.
Natürlich machte sich Kotzebue mit diesem Stück erneut bei Goethe, Schiller und den Romantikern unbeliebt. Für die Striche, gegen die er nichts ausrichten konnte, rächte er sich mit einem Entzug aller Vergünstigungen für das Weimarer Theater. Und Goethe sollte es außerdem persönlich noch einmal richtig büßen, befand der streitsüchtige Kotzebue. Er soll auf den ihm zustehenden 2. Platz als deutscher Dichter verwiesen werden, indem nämlich er, Kotzebue, Schiller zum Dichterkönig Weimars und der Deutschen erhebt. Dies anlässlich des Namenstags Schillers am 5. März, an dem im Stadthaus am Marktplatz Szenen aus einigen Dramen Schillers aufgeführt sowie das Lied von der Glocke rezitiert werden sollen. Eine Glocke aus Pappe würde daraufhin von ihm, Kotzebue, verkleidet als Glockengießer, zerschlagen werden: Im Inneren der Glocke erschiene dann Schiller Büste von Dannecker, die er aus der Bibliothek auszuleihen gedachte. Schiller sollte schließlich mit einem Dichterlorbeerkranz geschmückt werden. Doch der mit der Ehrung Konfrontierte ist nicht begeistert, und vielleicht war er es auch, der Goethe von allen Vorbereitungen in Kenntnis setzte und auch Heinrich Meyer die Verweigerung der Büste nahelegte… Und wer die von Kotzebue mit der Errichtung einer Bühne im frisch renovierten Stadthaussaal beauftragten Handwerker abwies, bleibt ganz unklar: Die geplante Ehrung mußte ausfallen – Schiller ist froh, ebenso Goethe, doch Kotzebue und alle Damen, die die Garderoben und Kostüme schon vorbereitet hatten, sind enttäuscht. Die nächste Rache ist schon programmiert: Bei der durch Goethe erzwungenen Aufführung des Alarkos von August Wilhelm Schlegel glänzt die Kotzebue-Partei durch einhelliges schallendes Gelächter. Das „Man lache nicht!“ Goethes hilft wenig…Kotzebue zieht es nach all diesen Erfahrungen nach Berlin, wo er mehr als willkommen ist und die Romantiker auf dem Theater keinen Fuß fassen können. In Iffland, dessen Stücke wie die eigenen von den Romantikern verhöhnt werden, findet Kotzebue einen mächtigen Mitstreiter, der im Sinne der Publikumswünsche die Romantiker auf der Bühne verhindert. Kotzebue gründet jetzt eine Zeitschrift, Der Freimütige oder berlinische Zeitung für gebildete und unbefangene Leser. Über Kunst und Literatur handelt er in diesem Blatt, aber es tritt in erster Linie erneut als polemisches Organ gegen Goethe und die Romantiker hervor. Im Januar 1803 tritt der Freymüthige mit einer programmatischen Ankündigung hervor: Er werde sich durch keinen berühmten Dichternamen oder eine Staatswürde einschüchtern lassen, ein mittelmäßiges oder schlechtes Literaturstück zu loben. Kotzebue greift Goethe als „Despoten des Geschmacks“ an, er selbst sei kein blinder Anbeter, schätze seine Iphigenie und seinen Tasso über alles, aber die Geschmacksautorität, die er auch auf die Herrn an der Universität Jena, Schelling und Hegel ausdehne, sei ihm ein Dorn im Auge, sie spricht er ihm ab.
Inzwischen ist Kotzebues Stern in Weimar im Sinken: Die neuesten Stücke werden mit Zischen quittiert, und Kotzebue wird des Herzogtums verwiesen. Ihn, in Berlin Darling der Gesellschaft wie bei Hofe, ficht dies wenig an, inzwischen ist er Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften und Kanonikus von Magdeburg… Der Tod seiner zweiten Frau treibt ihn jedoch nach Paris – und wenig später trifft man ihn in Königsberg wieder, wo er sich nun anschickt, die Archive nach Dokumenten zur älteren preußischen Geschichte zu durchforsten, über die er eine Abhandlung schreiben möchte. Und wirklich gelingt ihm auch dies, mit ungeheurem Fleiß beim Entziffern und Sichten unterschiedlichster Quellen. Daraufhin folgt ein noch größer angelegter historischer Entwurf, eine Geschichte des Deutschen Reiches, an der er ab 1810 arbeitet. Band 1, der 1814 in Leipzig erscheint, widmet er dem Zaren Alexander. Er schildert darin zwei Gründe für die Abfassung. Zum einen: „Mir ist keine Geschichte Deutschlands bekannt, die ein gebildeter Mann, der gerade kein Gelehrter ist, oder ein gebildetes Frauenzimmer mit Vergnügen lesen könnte.“[13] Zum zweiten fehle es den bisher erscheinenden Geschichtsdarstellungen an einer „Einheit der Ansicht.“ Es sind solche Sätze wie die folgenden, die ihm seitens der burschenschaftlich organisierten Studenten und ihrer patriotisch die nationale Einheit erstrebenden Professoren – vor allem in Jena – bald abgründigen Hass eintragen werden, ganz andersgearteten Hass als durch die bisherigen Polemiken: „Ich hatte ein Vaterland – sein Name, seine Sprache sind noch übrig – wer weiß wie lange! – ja, mir scheint die zeit nicht fern, wo man die Deutsche zu den todten Sprachen zählen wird: unter denen, die sie geschrieben, glaube ich einer der letzten zu sein.“[14] Und trotz seiner Freude über die Befreiung vom französischen Joch – aufgrund der unter der napoleonischen Besetzung waltenden Zensur konnte das Buch natürlich 1811 nicht erscheinen und war erst 1814 auf dem Markt, was eine 2. Vorrede Kotzebues provozierte – deutet er Karl den Großen als ein Vorbild Napoleons um, was nach wie wiederum zahlreiche allerdings französische Schriftsteller tun, zum Beispiel Victor Hugo. Aber er tut weitaus Schlimmeres, das Deutsche Reich Karls des Großen ist ihm im Grunde – allerdings historisch korrekt – nur ein Lamento wert, dass er es aber mit Wilhelm Penns in Amerika blühendem „Staat“ am Delaware, Pennsylvania vergleicht, ist in unseren Augen lächerlich: „Karls Reich zerfiel nach wenigen Jahren in Trümmer; seit hundert und dreißig Jahren blüht Penn`s Staat immer herrlicher! Welcher von Beiden ist der Große?“[15]Wilhelm Penn mit Karl dem Großen zu vergleichen war anno 1814 deutlich Blasphemie, es war nicht patriotisch – es galt als defätistisch, kosmopolitisch und daher gefährlich. Und so geht es auch im 2. Band munter weiter. Auch die Religiosität des deutschen Mittelalters kritisiert Kotzebue, in Wahrheit hätten Aberglaube und Furcht vor geistlichen Strafen des Mittelalters Religion bestimmt, für uns keine so ungewöhnliche Aussage, ja vollkommen nachvollziehbar, für die Studenten zu Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch, die eine wahre Mittelalterbegeisterung hegten, auf der wiederum die Romantiker fußten, waren solche Sätze deutschfeindliche Sakrilegien. Kotzebue blieb auch als Historiker immer derselbe, und das Prinzip seines Schreibens ist ein letztlich den modernen Journalismus beherrschendes: Die Mythen sollen entzaubert werden, der Autor ist Aufklärer der Legitimität: „Der Kaiser ist nackt“, möchte er immer wieder ausrufen, gleichwohl aber niemals ein gekröntes Haupt beleidigen. Sein Werk kulminiert in einer Beurteilung der Stände im deutschen Reich sowie des Nationalcharakters. Durch seine Weltläufigkeit verführt, zitiert er gar eine französische zeitgenössisch-mittelalterliche Beschreibungen der Kreuzzugspopulationen: „Ein Franzose, der die Völkerströme in Palästina sich mischen sah, fand keinen Unterschied zwischen Deutschen, Franzosen, Engländern und Bretagnern.“[16] Ein wahrer Todesstoß für ein Volk, das es bislang nicht zur nationalen Einheit gebracht hatte, diese Aussage, die nationale Identität der Deutschen sei nicht auszumachen. Was in Wahrheit ausgesagt wurde -- im Kreuzzug wurden sich alle Völker gleich, als von einem Ziel und ähnlicher Emotionen beherrscht, konnten die Jungdeutschen natürlich nicht aus solchen Sätzen herauslesen. Für sie war klar: Kotzebue dachte und war undeutsch. Als er dann auch noch ab 1816 offiziell beauftragt wurde, monatlich aus Frankreich und Deutschland umfassend an den Zarenhof über alle neuen Ideen, politische, religiöse, moralische und Kunst, Literatur, Erziehung zu berichten, versehen mit einem weiteren stattlichen Gehalt, und sich – ausgerechnet – wieder in Weimar ansiedelte, mit der ausdrücklichen Erlaubnis Großherzog Carl Augusts, wurden die Messer allmählich gegen ihn gewetzt.
In der durch die Jenaer Burschenschaftler und das Wartburgfest 1817 angeheizten deutschnationalen Stimmung kam jetzt das Gerücht zustande, er sei ein russischer Spion. In diesem Zusammenhang ist die Verbrennung seiner Geschichte des Deutschen Reichs auf der Wartburg ein Vorgriff auf das schreckliche Ende, das er nahm. Als Jugendverderber, Verräter, Monarchist und Bekämpfer der deutschen Einigung ächtete man ihn jetzt politisch: Nur so konnte der reich gewordene Kotzebue trotz seiner unaristokratischen Lebensführung mehr und mehr zu einer idealen Zielscheibe fanatischer Ablehnung werden.
Goethe, im Rückblick, zu Eckermann, wandte es so: „Der Hass schadet niemandem, aber die Verachtung ist es, was den Menschen stürzt. Kotzebue wurde lange gehasst, aber damit der Dolch des Studenten sich an ihn wagen konnte, mussten ihn gewisse Journale erst verächtlich machen.“[17]
In Mannheim, der damals bedeutendsten Theaterstadt Deutschlands, lebte Kotzebue ab 1818. Dort ermordete ihn der fanatisierte Theologiestudent und Teilnehmer am Wartburgfest Carl Ludwig Sand am 23. März 1819. Kotzebue, Verfasser von 227 Stücken und unzähligen weiteren Schriften, der erste erfolgreiche Streiter für die angemessene Vergütung von Bühnenrechten eines Autors, wurde als Mensch jedoch rasch vergessen, wohingegen der Mörder Sand und sein damals weitgehend als „gerecht“ empfundener Hass gegen das Undeutsche mythisiert wurden. Ein zunächst literarischer, dann politischer Kampf war aus den Rudern gelaufen und zu Kotzebues Ungunsten tödlich ausgegangen. Dieses Ereignis führte – zu den Karlsbader Beschlüssen, zur erneuten Zensur und Unterdrückung der nationalen Bewegung. Der politische Kampf der Studenten war verloren. Und der Kampf auf dem literarischen Markt war schon längst anders entschieden worden: Zugunsten des publikumswirksamen Autors Kotzebue, der bis weit über 1850 hinaus immer noch einer der meistgespielten Theaterautoren deutscher Sprache blieb. Heute ist keines seiner Stücke noch seiner Prosawerke mehr präsent. Es lohnte sich jedoch, eine Lektüre seiner Werke zu unternehmen, denn nur so konnte erkannt werden, dass es nicht von Goethe, Schiller, Wieland, Herder oder Jean Paul, noch weniger von den Romantikern ausging, dass sich im 19. Jahrhundert eine moderne, frische, teils wenig respektvolle öffentliche deutsche geschriebene Sprache bildete, die so flexibel war, dass sie sowohl Theaterstücke als auch Zeitungsartikel und populärwissenschaftliche Schriften bedienen konnte. Diese Sprache, die heute fast jeder schreibt, ging von Kotzebue aus. Dass dies so ist, ist kaum einem Sprecher und Schreiber derselben bewusst, an Kotzebues 250. Geburtstag sollte es wenigstens einmal gesagt werden.



[1] Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, Bd. II, München 1923 (= Friedrich Nietzsche, Gesammelte Werke (Musarionausgabe), Bd. 9) Abs. 170, S. 84f.
[2]
Vgl. Horst Albert Glaser, Das bürgerliche Rührstück Stuttgart, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1969, S. 58.
[3] Kotzebue, August v., Der hyperboreeische Esel oder. Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama, und philosophisches Lustspiel für Jünglinge, in Einem Akt, Leipzig, Kummer, 1799.
[4] Schlegel, August Wilhelm v., Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theater-Präsidenten von Kotzebue bey seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland. Mit Musik, Berlin, 1800.
[5] August von Kotzebue, Vorbericht, in: Das merkwürdigste Jahr meines Lebens, : Als Verbannter in Sibirien, hgg. und eingeleitet von Hans Schumann, Zürich, Manesse Verlag, S. 47f.
[6] Ebenda, S. 216f.
[7] Ebenda, S. 373f.
[8] Ebenda, S. 384f.
[9] Bernd Maurach (Hg.), Der Briefwechsel zwischen August von Kotzebue und Carl August Böttiger, Bern/Frankfurt am Main, Peter lang Verlag, 1987, S. 43.
[10] Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Hg. Emil Staiger, Frankfurt am Main, Insel Verlag, 1977, S. 832.
[11] Ebenda.
[12] Bernd Maurach, ebenda, S. 46f.
[13] August von Kotzebue, Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprunge bis zu dessen Untergange, Leipzig, 1814, S. V.
[14] Ebenda, S. XI.
[15] Ebenda, S. 141.
[16] Ebenda, Bd. 2, S. 282.
[17] Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, Frankfurt am main, Insel Verlag, 1981, S. 422 (Dienstag, den 15. Februar 1831).

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