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| Erschienen in Ausgabe: No. 29 (3/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
Eine Untersuchung zu den Medienkonsumenten. Besprechung von „Wir Mediensklaven. Warum die Deutschen ihr halbes Leben auf Empfang sind.“
von Nico Danowski
von Meyen, Michael, merus verlag, Hamburg 2007. 216 Seiten. ISBN: 3-939519-19-7.
Nein,
hier wird nicht gezeigt, wie wir, von den Hervorbringungen der
Kulturindustrie überwältigt, gänzlich aller
Freiheit beraubt werden. Vielmehr wird die These vertreten, dass
jeder genau die Medien konsumiert, die er will. Das heißt
jedoch nicht, dass dieses Wollen frei ist. Gemäss dem
schopenhauerschen Bonmot kann man zwar tun (lesen, sehen, hören)
was man will, aber nicht wollen was man will. Wem nun wonach der Sinn
steht und warum, versucht der vorliegende Band anhand empirischer
Studien zu erhellen.
Warum
gehen Menschen im Durchschnitt mehr als zehn Stunden täglich mit
Medien um? Ausgehend von Identitätstheorien,
Kapitalerwerbsthesen in Anlehnung an Bourdieu und der
Überzeugung von der Bedeutsamkeit habitueller Besonderheiten
wurden von Studierenden der Maximilians-Universität, die Meyens
Seminare besuchten, Tiefeninterviews und Gruppendiskussionen mit weit
über 100 Probanden geführt. Die Determinanten der
individuellen Handlungsmuster wurden abgefragt und führten
zu interessanten Einblicken, in die Publikumsstruktur einzelner
Medienangebote einerseits, die Medienmenüs bestimmter
Personengruppen andererseits. Anspruch auf Vollständigkeit hat
eine solche Untersuchung natürlich genausowenig, wie Probleme in
der Auswahl repräsentativer Probanden vollends gelöst
werden konnten.
Nichtsdestotrotz
ist eine erstaunlich farbige Umschau in der deutschen
Medienlandschaft gelungen. Sicherlich überrascht es nicht
so sehr, dass die Leser von Neuem Deutschland und taz
aus einer Art Waagenburgmentalität heraus versuchen, sich und
die Ihren als die guten definierend, sich von anderen, weniger
belesenen Personengruppen abzugrenzen. Interessant wird aber, dass
sie dies mit den Zuschauern von Harald Schmidt und Hörern von
Radiosendungen mit klassischer Musik gemein haben. Diese
Wahlverwandtschaften dürften sicher den Einen oder Anderen
überraschen. Ebenso überraschend sind die Unterschiede in
der Nutzung von Männer- und Frauenmagazinen, sowie deren
Bedeutung für ihre Leser. Dies gilt besonders, wenn man
unterstellt, das Frauen an „frauenspezifischen“ Themen ebenso
interessiert sein müssten, wie Männer an für ihr
Geschlecht als interessant unterstellten.
Abseits
von diesen eher impressionistischen Häppchen kann Meyen durch
methodische Arrangements überzeugen, die weiteren empirischen
Studien durchaus als geeignetes Ausgangsmaterial empfohlen werden
können. Dazu zählt auch der Perspektivwechsel von einzelnen
Medieninhalten zu Gruppen von Mediennutzern. Hier bleibt das Material
und die Auswahl der Gruppen allerdings etwas schmal. Die
Entscheidung, eher aussergewöhnliche Personenkreise, wie
Frauen mit Kindern, Senioren, Journalisten und Frauen in
Führungspositionen zu untersuchen, mag zwar einige
Determinanten von Medienkonsum wie verfügbares Zeitbudget,
Notwendigkeit der Akkumulation kulturellen Kapitals und
Berufsorientierung verdeutlichen. Letztlich ist diese Auswahl laut
Meyen aber willkürlich.
Zwei
Bedenklichkeiten dieser Studie sollten nicht unterschlagen werden.
Erstens ist die Auswahl der Probanden, deren Schwierigkeiten
geschildert wird, nicht zufriedenstellend. Wenn tatsächlich die
soziale Position eine Bedeutung für die Mediennutzung hat, dann
sollten auch die sozialen Lagen der Probanden die Gesamtheit
widerspiegeln. Zudem ist meines Erachtens der Bereich der Neuen
Medien unterrepräsentiert. Hier liegt Potential, für
weitere Untersuchungen, welches eine umfassender angelegte
Studie nutzen sollte.
Sehr
gut nutzbar, gerade als Hypothesen für weitere Untersuchungen,
scheint mir die Typologie von Mediennutzern, die im
abschliessenden Kapitel des Buches entwickelt wird. Konsument oder
Genügsamer, Profi oder Elitärer, Pflichtbewußter oder
Unabhängiger? Die Zuordnung zu diesen Typen mag
holzschnittartig sein, befriedigt jedoch vorläufig ein
Bedürfnis nach Ordnung, das nach der Auswertung der
Tiefeninterviews besteht. Eine solche Taxonomie der Mediennutzer zu
bewähren, könnte sicherlich eine reizvolle Aufgabe für
den einen oder anderen Medienwissenschaftler, der die Mühen der
empirischen Ebene nicht scheut, sein.
Alles
in allem ist der von Meyen vorgelegte Band eine interessante und
lesenswerte Studie, die Anregungen für weitere Forschung
liefert. Zudem hat sie Gebrauchswert, wenn man heraus zu finden
versucht, warum der Mitbewohner schon wieder Schlagerradio hört.
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