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Erschienen in Ausgabe: No 67(9/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Ein Kontinent vor der Zerreißprobe - Steht oder fällt Europa?

von Shanto Trdic

Entrée

Der Autor Henning Mankell schreibt Bestseller und weiß genau darüber Bescheid, wie und wo man sich gekonnt in Szene setzt, um auf recht unverbindliche Art und Weise zu punkten. Der Zeitgeist gibt hier stets die gängige Richtung vor. Geht es etwa gegen den Staat Israel, dem Mankell wie selbstverständlich das territoriale Existenzrecht abstreitet, dann geht, wie´s scheint, fast alles. Dann darf man im Schlepptau zwielichter Erscheinungen als human gesinnter Blockadebrecher brillieren und anschließend gegen fettes Honorar armselige Räuberpistolen verfassen, die man dem Publikum als echte Tatsachenberichte verkauft. Wenn aber, ein weiteres Beispiel, im kongolesischen Dschungel unter Ausschluss einer Blitzlichternden, Sensationsgeilen Öffentlichkeit diverse randständige Existenzen von irgendeiner blindwütigen Soldateska massakriert werden, regt das auch ihn, den großen Afrika-Kenner, kaum auf und es darf generell bezweifelt werden, ob er über jene verschleppten Informationen und etwas intimeren Kenntnisse verfügt, die seinem kruden Weltbild nicht im Ansatz entsprechen können, weil diverse Schwarz-Weiß-Schemen hier einfach nicht mehr greifen wollen. Schwarzafrika war zu Zeiten der Kolonialbefreiung mal sehr, sehr ´in´ und Mankells Generation lebte dazumalen eigene Befreiungsphantasien recht lauthals vor diesem Hintergrund (als einer geblähten Fassade) aus: die Emanzipation der Beleidigten und Entrechteten, der man auch im entwickelten Europa zu seinem sofortigen Recht verhelfen wollte, wurde auf Kongressen, Sit-In´s und im Zuge endloser Protestmärsche in schierer Penetranz propagiert und das hatte die ungeduldige Nachrückergeneration, in deren hyper-politisierten Kreisen auch Mankell moserte und muckte, bitter nötig, weil ihr im satten, wohlgefälligen Umfeld einerseits die Eltern, andererseits die viel zu ruhigen, geordneten Verhältnisse im Wege standen. Afrika gebar, wie Lateinamerika oder der südostasiatische Raum (Vietnam), die weltanschauliche Spielwiese, derer sie bedurften, um sich selbst als ferne ´Schutzmächtige´ aufführen und in Szene setzen zu können. Ihr ´Sturm und Drang´ gebärdete sich im aufmüpfigen, stets schützenden und somit stärkenden Kollektiv, gab sich human und hehr, aber es ging de facto nur um die eigenen Pfründe, überhaupt um´s eigene, bekömmliche Fortkommen; und nichts außerdem. Die Revolten und Aufstände in den tatsächlichen Unruhegebieten führten auf lange Sicht sowieso nicht zur Befreiung, geschweige denn Befriedung unterdrückter Völkerschaften (ganz im Gegenteil), aber mit den unterschiedlich kläglichen bis katastrophalen Erblasten der Erhebung hatte die Rentnergeneration der 68er eh nicht mehr viel am spitzen Hut.
Jetzt hat sich ein Teil des ´dunklen Kontinents´ erneut zurückgemeldet, schon wieder befreien sich die Massen, und da kann und darf jemand wie Mankell, immer noch total fortschrittlich drauf, nicht abseits stehen. Der ´Afrika – Fan´ („Afrika hat mich zu einem besseren Europäer gemacht!“) gehört jener Kaste intellektueller Besser, - und Alleswisser an, die zu jedem Ereignis etwas zu sagen haben, wenn es ihnen nur gehörig in den Kram, sprich: in das eigene, selbstgestrickte Klischee passt. In einem Interview versicherte Mankell, das symbolische Zentrum Europas sei dieser Tage die Insel Lampedusa. Jedoch:“ Europa geht mit dieser Herausforderung der Migration nicht sehr gut um. In Lampedusa sind die Türen nicht nur geschlossen, es ist rund um sie auch noch ein hoher Zaun gespannt. Warum bauen wir nicht eine symbolische Brücke von Nordafrika nach Gibraltar? Damit könnten wir die Probleme von Lampedusa lösen. Vielleicht verstehen wir eines Tages, dass Brücken wichtiger sind als Zäune.“ Erinnert: seit dem Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali im Januar diesen Jahres trafen auf Lampedusa Zehntausende Bootsflüchtlinge ein. Längst hausen auf der Insel mehr Afrikaner als autochthone Italiener, und deren provisorische ´Wohnstätten´ muten wie wild auswuchernde Slums an, in denen es brodelt und gärt und stündlich zur Explosion kommen kann; sinnbildlich gesprochen. Der Flurschaden, den die Urlaubsinsel zwangsweise zu verzeichnen hat, verunmöglicht auf Jahre, vielleicht gar Jahrzehnte jeden gängigen Tourismus, von dem die Mehrzahl der Bewohner einst lebte. Es ist illusorisch anzunehmen, man könne der auf engstem Raum vegetierenden Menschenmassen mittels üblicher Maßnahmen Herr werden, und bevor man einen Teil von ihnen ´evakuiert´ hat (Richtung Festland-Europa oder nach Afrika zurück) ist ein größerer Teil bereits nachgeströmt. Auf hoher See spielen sich regelmäßig echte Dramen ab. Es vergeht keine Woche ohne Havarien, der eine völlig überforderte Küstenwacht verzweifelt Herr zu werden sucht. Auch auf der Insel selbst geht die Furcht um, sind die Einheimischen längst zu einer ängstlich harrenden Minderheit geschrumpft. Salopp formuliert: Lampedusa hat fertig, man kann diesen europäischen Vorposten – falls eine solche Bezeichnung vor geo-strategischem Hintergrund erlaubt sei – bereits abschreiben. Henning Mankell empfiehlt nun die Lösung: reißt noch mehr Grenzen ein, öffnet alle Schleusen – entvölkert am besten gleich in einer möglichst konzertierten Aktion den ganzen schwarzen Kontinent (den er selbst doch, nach eigener Aussage, so innig liebt). Der FAZ versicherte Mankell schon vor Jahren: “Ich hatte einen Traum vom Ende der Menschheit.“ Vielleicht haben derlei egozentrisch gefärbte Endzeit-Visionen die Angehörigen seiner Generation, soweit es sich um einen nicht unerheblichen Teil links- intellektueller Eliten handelt, schon immer heimlich umgetrieben; stets auf Kosten derer, die man wie ein verwöhnter Insektenforscher aus heimeliger Distance beäugt (oder doch vor Ort; in Mosambique etwa, wo der verständnisvolle ´Bwana´ Mankell wie ein alternder, wohlmeinender Hegemon residiert). Und so einfach stellen sich das dann all die ´Zauberlehrlinge´ von der ehemaligen Befreiungsfront vor: Europa vergreist (angeblich) und jeder nachrückende Migrant ist willkommen, weil tadellos arbeitswillig, bestens ausgebildet, integrationsbereit und überhaupt: es wird schon alles schiefgehen.

I.

Inzwischen dämmert in dem einen oder anderen Kopf, das Europa einer neuen, gewaltigen Völkerwanderung entgegen fiebert, nicht ganz unähnlich jener, die das mediterrane Umfeld vor über 1700 Jahren aus einer spätrömischen Moderne in jenes (sogenannte) finstere Mittelalter katapultierte, aus dem sich seine Nachfahren erst mit wiederum über tausendjähriger Verspätung zäh und kleinschrittig zurück-befreiten. Sicher: kein mörderischer Hunnensturm, der brünstige Barbaren vor sich herjagte, keine Schlachten auf katalaunischen oder sonstigen Feldern. Die Migranten des 20. und 21. Jahrhunderts fallen nicht mehr mit Pfeil und Bogen über Vorposten oder Enklaven her sondern in bereits existierende Parallelwelten ein, die weniger der Obhut und Fürsorge, mehr der Kontrolle zuständiger Verwaltungen entgleiten und fast zwangsweise dem Zugriff souveräner, rechtsstaatlicher Organe widerstehen; es mag nur eine Frage der Zeit sein, wann der schleichende Prozess stetiger Abkopplung vollendet sein wird und sich die Büchse der Pandora öffnet.
Aber der Reihe nach. Befassen wir uns zunächst mit dem arabischen Aufruhr selbst, der die kontinentale Zuwanderung zusätzlich beschleunigen, ja potenzieren dürfte, obschon noch immer behauptet wird, dass es schon reiche, diese Leute irgendwie vor Ort zu unterstützen oder überhaupt einfach gewähren zu lassen – den Rest richtet dann schon der eigene Gestaltungswille, überhaupt die Kraft des Neuanfangs. Und will das alles nicht auf Anhieb glücken, dann werden, meint man, diverse Finanzspritzen schon eine rasche Genesung herbei führen. Wer aber sind diese Leute eigentlich, die da neuerdings auf die Barrikaden gehen? Auch das soll angeblich ganz klar sein: hier komme, so wird uns ständig versichert, hauptsächlich die neue ´Facebook-Generation´ zum Zuge, eine kritische, fortschrittlich gesinnte und zivil orientierte, progressive und pragmatische Jugend, jeder ideologischen oder religiösen Beschlagnahme unverdächtig und überhaupt so richtig modern. Schön. Nun weiß jeder, der es länger als eine halbe Minute auf Facebook aushält, das diese Plattform nichts weiter darstellt als einen diffusen Sammlungspunkt für alle möglichen, jederzeit austauschbaren und in summa unverbindlichenPhrasen und Allgemeinplätze; gleich, welche Themen just die sturmreifen Gemüter erhitzen. Derlei Netzwerke stiften, in der Totale betrachtet, kaum Nutzen sondern eher Verwirrung, ephemere Zerstreuung – kumulative Vermassung. Irgendwelche verbindlichen Ordnungsschemata bilden sich nicht heraus, und darum geht es auch gar nicht. Facebook arbeitet hauptsächlich einem Prozess der Häufung und Ballung von Informationen zu. Diese Flutungen sind in der Sache sehr oberflächlich und ihre Bedeutung ist immer situativ begrenzt. So auch die vielgerühmten Folgeerscheinungen. Jede Party ist irgendwann einmal zuende; jede Demo dito. Man kann auf Facebook endlose Aufläufe organisieren und damit seinem Unmut (oder irgendeiner Feier-Laune) wenigstens optisch Geltung verschaffen, das ganze dann mit Handy oder Steady-Cam abfilmen und wiederum ins Netz setzen (so schließt sich wohl der Kreis) aber damit hat es sich auch schon. Facebook ist, so gesehen, mehr eine Methode, eine ganz bestimmte Art der schnellen Kommunikation – kaum ein Programm. Wo ist denn das Konzept, der ´master-plan´ – der ganz konkrete, neue gesellschaftliche Gegenentwurf? Dieser Punkt spielte und spielt in der gängigen, auf schnelle Bilder abbonierten Berichterstattung kaum eine Rolle. Da werden weder Hintergründe noch die begleitenden Umständen analysiert; nur die Abfolgen selbst als bloßer Vollzug thematisiert. Einigermaßen erstaunlich, wie ich finde. Strategien und Konzepte setzt die derzeit berichtenden Journaille wohl einfach als irgendwie gegeben voraus und die resultierende assoziative Konkursmasse wird überdies automatisch mit begrifflichen Allgemeinplätzen gleichgesetzt, die aus dem üblichen Schlagwortekatalog stammen, der vornehmlich eine Aufbruchstimmung suggerieren soll. Ob Student oder ´kleiner Mann von der Straße´, ob voll verschleierte und von der hehren Männlichkeit ganz brav getrennte Frau oder der neuerdings moderat und egalitär gestimmte, freundlich lächelnde Fundamentalist, sie alle wollen das Gleiche, das Eine – dasselbe: Freiheit und Demokratie natürlich, überhaupt ein neues, ein besseres Leben, und wenn auch keiner sagen kann oder möchte, wie´s werden soll, so sind sich doch alle in einem so richtig einig: der Westen muss helfen und soll sich ansonsten aus allem heraus halten. So ähnlich ließ sich sogar im ´revolutionären Jemen´ eine komplett in pechschwarzes Textil verhüllte Frau vernehmen: der Westen solle endlich eingreifen und sich vorher genau überlegen, wen er unterstützt – fast eine Drohung. Was anstelle der alten Autokratien kommen möge, davon hat sicher jeder Clan, jede Sekte, jeder Einzelne eine gare, ihm wohlgefällige Vorstellung, aber wie das konkret im Sinne einer nationalen, alle Teile der Bevölkerung befriedenden Art umzusetzen sei, das kann keiner wissen. Machen wir uns nichts vor: da mögen lose Gruppen junger Akademiker unterwegs sein, die vage Vorstellungen von Veränderung im Kopfe haben, aber die sind nur ein Teil der Welle, eine Woge im sturmgeplagten, heillos aufgewühlten Meer, und wie ein Interessenausgleich im Rahmen rechtsstaatlicher Prinzipien von heute auf morgen funktionieren könnte (denn es soll, es muss ja schnell gehen), das wissen die wenigsten, das können sie gar nicht wissen, das braucht Erfahrung, Zeit, viel Mühe und noch mehr Verzicht. Das Chaos scheint vorprogrammiert, und wenn nicht irgendein Militärputsch die unvermeidliche Restauration autokrater Verhältnisse nach sich zöge, so schlüge am Ende doch noch die Stunde derer, die am Ende immer Gewehr bei Fuß stehen und verlässlich zuschlagen werden. Gemeint sind diverse islamische Sekten und Bünde, wie etwa die legendären Muslimbrüder, die immerhin auf feste, rigide Strukturen zurückgreifen können und jahrzehntelang Zeit hatten, die Stunde Null zu planen. Sie warten auf ihren Einsatz, ihre Chance – ihren Auftritt. Sicher werden sie das optisch so in Szene setzen, dass zunächst keiner schmollt. Taktisch haben die mittlerweile, das muss man zugeben, einiges dazu gelernt.
Wenn man die Massen meuternder Muslime schon in den Rang von Revolutionären heben möchte, dann sollte man sie auch an den Umwälzungen messen, die Revolutionen üblicherweise begleiten. Die Revolution aller Revolutionen, die französische, mag über zweihundert Jahre hinter uns liegen, sie mag, weil sie zwischen Freudentaumel und Blutrausch, konservativen Rückfällen und anarchistischen Ausfällen, Restauration und rabiater Emanzipation unruhig hin und her pendelte eher abstoßen, aber eine friedliche Revolte hat es in der Geschichte der Menschheit ohnehin kaum je gegeben. War sie es doch einmal (wie im Falle des zerfallenen Ostblocks, Rumänien ausgenommen) so hat das dem Volke kaum genützt, am allerwenigsten denen, die im Mutterland der Reformen, der ehemaligen Sowjetunion, die Folgen von Glasnost und Perestroika bis heute ´auskosten´ dürfen (während eine schmale Elite, die sogenannten Oligarchen, als neue, mächtige Patriarchen potent und protzig ihren Anteil an der Zeitenwende ausleben). Ich habe meine Zweifel, ob die Vorgänge in den muslimischen Staaten überhaupt mit dem korrespondieren, was wir uns üblicherweise unter einer Revolution vorstellen (möchten). Wenn ich im Folgenden dennoch mittels einiger loser Querverweise eine historisch fundierte Annäherung wage, dann geschieht dies vornehmlich zwecks Mahnung, die zur Einkehr ermutigen soll.

II.

Der große Taine, Historiker von Rang, eher philosophisch gestimmt als im Ganzen wissenschaftlich gesinnt (wiewohl er das stets vorgab), beschwor Düsternis und Verfall, kam er auf die unmittelbaren Folgen der französischen Revolution zu sprechen, und wenn er die Phase der Erhebung mit einem fröhlichen Fest verglich, dem die Nacht des Deliriums folgte, dann lag er mit dieser, von der Geschichte nur zu sehr bestätigten Ahnung, kaum allein und folgte in summa den insgesamt sehr viel differenzierter ausgearbeiteten Thesen Burkes, aber noch interessanter und für unseren Vergleich ungleich nützlicher ist eine Theorie, die Taine, wiewohl inhaltlich divergierend, mit Tocqueville teilte, der ihn an Bedeutung sicher übertrifft. Dieser Ansatz erklärt wenigstens zum Teil, warum die restaurativen Tendenzen seinerzeit so wirkungsmächtig blieben und jeder strikt egalitäre Ansatz im Kern scheiterte und nur mit zeitlicher Verzögerung spärliche Wurzeln schlug. Die revolutionäre Idee geht nach Taine auf den von Descartes begründeten Esprit Classique zurück, ist also im Grunde, salopp formuliert, ein ziemlich alter, ausgetretener Schuh. Tocqueville umging in seiner Analyse einen solchen ideengeschichtlichen Ansatz und zwang das Augenmerk auf strukturelle, durch waltende politische Vorgänge bedingte Tatsachen. Nach ihm bestand gar kein wirklicher Gegensatz zwischen Monarchie und Revolution, ganz im Gegenteil war letztere eine logische Folge der ersteren. Es lohnt, in diesem Zusammenhang den britischen Historiker George Peabody Gooch in entsprechender Übersetzung zu zitieren und als Quelle dingfest zu machen. Er hat in seinem monumentalen ´History and Historians in the Nineteenth Century´(erstmals 1913) diesen einen, genialen Gedanken des französischen Gelehrten wie folgt auseinander gefaltet:” Das Ancien regime war in höchstem Grade zentralisiert, die Revolution zentralisierte die Verwaltung noch mehr. Das Ancien regime hatte die meisten Vorrechte des Adels abgeschafft, die Revolution zerstörte auch noch den Rest. Keinem von beiden lag die Freiheit am Herzen.“ (GOOCH; Frankfurt 1964, S. 253). Tocqueville meinte:“ Die Revolution selbst war die gewaltsame und plötzliche Erringung eines Ziels, das zehn (!!) Generationen angestrebt haben“ (GOOCH, ebd.). Die Revolution schöpfte also, folgen wir diesen Überlegungen, aus älteren Krügen, erinnerte eigene Traditionen, blieb angestammten Strukturen verhaftet und sprang in summa eben nicht unvermittelt in das Terra Obscura einer neuen Zeit, die ihrerseits auch auf alte, zum Teil bis in die Antike reichende Überlieferungen zurück griff. Anders formuliert: die Veränderungen fußten auf verlässlichem Fundament, entsprachen gelebter kultureller Selbstentfaltung und führten die Grande Nation solcherart in ihre eigene Moderne; Umwege, Irrwege nicht ausgeschlossen. Hier lohnt wieder der Rückgriff auf Taine, dessen Überlegungen, wiewohl stets subjektiv gefärbt, den Blick freilegen auf jene ´Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft´, die egalitären Ansätzen auf ganz fiese Art und Weise den Garaus machten und machen. -
Wie steht es also mit der arabischen Revolution? Wo setzt sie an bzw. genauer: was setzt sie fort oder um?Die Antwort des Westens lautete bis gestern: das europäische Ideal. Irgendwie, mit etwas Unterstützung, guten Willen und noch mehr ´richtiger´ Anleitung sollen, müssen, haben diese ´Nationen´ gefälligst in moderne Demokratien umgewandelt zu werden; hochkomplexe Gebilde immerhin, die im ´alten Europa´ erst in jüngerer Zeit halbwegs überzeugend und einigermaßen krisenfest arbeiten. Heute hier, morgen auch in der muslimischen Welt und dann haben es hoffentlich alle geschnallt. Und alles wird gut. Um beim historischen Beispiel zu bleiben: es ist nicht ausgeschlossen, das in irgendeinem der betroffenen Staaten die islamische Volksfront (etwa in Gestalt der dubiosen Muslimbrüder) im günstigen Moment das Heft an sich reißen wird um in die Rolle jener Jakobiner zu schlüpfen, deren hehre Grundsätze und Prinzipien am Ende nur Terror und Schrecken zeitigten, bevor man diesem Unwesen mit entsprechenden, nicht minder repressiven Mitteln beikam. Wer eine solche Parallele für konstruiert hält, mag an die Worte Jakob Leib Talmons erinnert werden, der die Ideologie dieser ´Sekte´ einer umfassenden Analyse unterzog und zu dem Schluss kam,“ dass abstrakte kollektive Begriffe für die Jakobiner nicht Abkürzungen, Gedankenverbindungen oder leitende Grundsätze waren, sondern fast greifbare und sichtbare Dinge, Wahrheiten, die an sich bestehen und akzeptiert werden müssen.“ Denn:“ ´Ewige Prinzipien, ´die natürliche Ordnung´, ´die Tugendherrschaft´ waren für Robespierre und Saint Just ebenso bedeutsam wie für einen orthodoxen Marxisten Begriffe wie ´klassenlose Gesellschaft´ oder ´der Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit´. Daher konnte Nicht-Übereinstimmung von ihnen nicht lediglich als Meinungsverschiedenheit angesehen werden, sondern erschien als Verbrechen und Verderbtheit oder zumindest als Irrtum.“ Für Robespierre gab es eben“ nur eine Sittlichkeit und ein menschliches Gewissen.“ (TALMON: Die Ursprünge der totalitären Demokratie. Köln 1961, S. 73). Marie Jeanne Roland, in den Wirren der Revolution tapfer auf Seiten der Girondisten aktiv, erlag wie zahllose andere dem Terror und starb auf der Guillotine. Ihr Mann, für kurze Zeit als Minister tätig, nahm sich das Leben. Frau Roland ahnte, was kommen würde und schrieb bereits im August des Jahres 1789 in einem Brief:“ Man wird sich balgen. Ich bin darauf gefasst. Was tun? Sich mit Mut wappnen.“ (zit. nach W. MARKOV: Revolution im Zeugenstand. Frankfurt 1987, S. 104).
Die Muslimbrüder sind vor allem in Ägypten stark, wo sie bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründet wurden. Man mag den Ägyptern zugute halten, dass sie auf eine über fünftausend Jahre alte Hochkultur zurück blicken, aber es ist der Islam, dem die Verfassung an erster Stelle gehorcht, denn er ist laut Artikel Zwei Staatsreligion. Artikel Eins dieser Verfassung garantiert zwar das Prinzip formaler Rechtstaatlichkeit, aber dieser Staat wird dann im selben Artikel bereits als Bestandteil der arabischen Nation bezeichnet (Nasser!), womit der Grundsatz souveräner Eigenstaatlichkeit, den man in Europa kennt und schätzt, bereits aufgehoben ist. Das, was man auf dem Kontinent üblicherweise unter einer Nation versteht erscheint hier als eine Art Empire, das mit der Umma (Gemeinschaft aller Muslime) mehr Ähnlichkeit aufweist als mit jenem Begriff nationalstaatlicher Eigenständigkeit, die auf individuelle Rechte (Selbstbestimmung) zielt, während das andere Konzept primär dem Kollektiv Rechnung trägt. Das mag mancher für schematisch und sekundär halten, aber es zeigt, dass schon im Ansatz, bereits im Kern gravierende Unterschiede bestehen, die man nicht einfach im Handstreich eigenen Vorstellungen angleichen kann, die ihrerseits nicht vom Himmel fielen. Salopp gesprochen: die muslimischen Gesellschaften werden sich anders entwickeln, als sich das biedere Staatsrechtler und Menschenrechtsaktivisten im Westen wünschen, denn sie bauen nun einmal auf anderem, divergierenden Fundament.
Noch einmal: darf man, sämtliche Vorgänge in betroffenen Regionen eingeschlossen, von einer umfassenden Revolution im arabischen Raum sprechen? Und kann man die Tumulte im stark traditionell geprägten Jemen mit denen in Ägypten vergleichen, wo die Gemengenlage ungleich komplexer und zwielichter scheint? Folgt auf den ´arabischen Frühling´ ein blutiger Herbst (in Libyen, Syrien und dem Jemen bereits geschehen) oder erstickt ein früher Winter die Saat schon im Keim? Bleibt es bei einer Flaute (Algerien) oder schwemmt der Sturm der Erhebung noch sehr viel zügiger die beleidigten Massen in das vermeintliche Utopia (derzeit sind das hauptsächlich Tunesier und Gastarbeiter aus Libyen)? Ich möchte in diesem Zusammenhang an ein Werk von Peter Scholl-Latour erinnern. Er beschrieb in seinem Buch ´Allah ist mit den Standhaften´ sehr einfühlsam und kompetent die Vorgänge an den damaligen muslimischen Peripherien und ging insbesondere auf den Umsturz im Iran ausführlicher ein. Leider trug das Werk den irreführenden Untertitel ´Begegnung mit der islamischen Revolution´. Sogar der alte Scholl kam nicht ohne diese schillernde Metapher aus. Glich denn der kollektive, sich fast hysterisch gebärdende Rückfall sämtlicher Bevölkerungsschichten, dieser fundamental-religiöse, mittelalterlich anmutende und in jeder Phase kollektiv vollzogene Koller einer Revolution im eigentlichen, ursächlichen Sinne des Wortes? Die abrupte und rigoros vollzogene Rückwendung, mit der keiner der westlichen Beobachter auch nur im Traum gerechnet hatte, war doch in Wirklichkeit eine zutiefst reaktionäre, ´nach hinten´ gewandte Bewegung, sie vollzog sich sogar als direkte Reaktion auf die vom Schah mit Nachdruck eingeleitete industrielle und gesellschaftliche Moderne, der man mit Recht die begleitenden sozialen Missstände vorwerfen durfte, an denen aber auch die Unterschicht Europas in Zeiten der Frühindustrialisierung zunächst noch litt. Doch im Iran drängten keine Gewerkschaften oder Sozialisten nach vorn; dort war es fast ausschließlich ein mächtiger, im übrigen begüterter und extrem autoritär ausgerichteter Klerus, der fortan den Ton angab, und seine Revolutionsgarden gehorchen keinen abstrakten, egalitären Prinzipien sondern einzig dem schiitischen Glaubensbekenntnis, das sich in über Tausend Jahren treu geblieben ist – treu bleiben musste.
Wie gesagt: das kapierten damals die wenigsten. Heute kratzt das keinen mehr. Auch derzeit wissen wir wenig, ja nichts über die aktuellen Revolten, und ein paar Handyvideos spiegeln nur die allgemeine Verwirrung, die Ratlosigkeit und das Unverständnis derer, die das ganze Durcheinander aus sicherer Entfernung registrieren und mangels echter Beweise nur immer assoziative Korrespondenzen anstellen, die einen diffusen Volksaufstand mit einer Dauer-Demo verwechseln und wüste Verteilungskämpfe als Vorboten egalitärer Umschichtungen begreifen (wollen).
Deutet man traditionell motivierte Tendenzen innerhalb des Dar al-Islam an, kann man gar nicht umhin, in einem weiteren Schritt auf solche ein zu gehen, die sich auch und gerade außerhalb dieses Kulturkreises, etwa im benachbarten Europa, ergeben und auf absehbare Zeit an Schärfe gewinnen werden. Im Zwiespalt hiesiger Ereignisse, im Sog zunehmender Erregung (die ständig von neuem aufflammt) gerät nicht nur unser angestammtes sondern auch das erkämpfte Selbstverständnis in die Bredouille. Auch, ja gerade in der Diaspora findet das kulturelle Selbstverständnis eingewanderter Muslime zu sich selbst. Es kann hier zwar nicht der Ort sein, auf alle korrespondierenden Umstände einzugehen und sämtliche Divergenzen erschöpfend zu behandeln, dennoch muss man sie immerhin streifen, um die ganze Sprengkraft zu ermessen, deren Druckwellen jeden möglichen Konsens einebnen werden – oder schlicht erübrigen.

III.

Europa und der Islam – über dieses Spannungsverhältnis ist in den letzten Jahren doziert worden bis an den Rand der Schwadronage, und je mehr die alltäglichen Ungereimtheiten und Kalamitäten zunahmen, umso peinlicher gerieten die gelehrten Verrenkungen derer, die um jeden Preis ein Utopia des Gleichklangs, des schönen Ausgleichs sannen. Wer dem nicht folgen wollte, war schon fast des Teufels. Er setzte sich Verdächtigungen aus und wurde – und wird! – Zeuge einer seltsamen Arbeitsteilung zwischen den tonangebenden Eliten auf der einen und muslimischen Verbänden auf der anderen Seite, die bloße Kritik zur frechen Voreingenommenheit erklären und einen möglichst keimfreien, fast klinisch anmutenden Umgang mit der Problematik einfordern, die eigentlich keine sein sollte und durfte. Jene dubiosen Verbände, die sich recht unbekümmert anmaßen, für ihre Klientel nicht nur zu sprechen sondern ganz konkret in unterschiedlichen Lebenslagen zu entscheiden, ja zu gebieten, funktionieren fast ausnahmslos wie taktische Geheimbünde und nutzen, zugegeben, sehr geschickt die rechtstaatlich garantierten Freiräume, derer sie in den Ursprungsländern entbehrten, weil dort autokrate Strukturen herrschen, die einzig jene gesamtstaatliche Stabilität garantieren ohne die alles sofort auseinander bräche.
Vertreter muslimischer Vereine sind nun hauptsächlich damit beschäftigt, sich und ihresgleichen zu bedienen, ja sie sehen überhaupt in allem vornehmlich, beinahe ausschließlich sich selbst und das jeweils ´Andere´, ja überhaupt die ´Anderen´ nur im Blick auf ihr Eigenes, das heißt, zu Ende gedacht, den jeweils eigenen Nutzen, der alle übrigen Dringlichkeiten stur ausblendet. So im Sozialen, so immer auch im Blick auf die eigene kulturelle Justierung. Ob zusätzlicherKoranunterricht, muttersprachlicher Erweiterungskurs, eine weitere Moschee, ein zusätzlicher Gebetsraum in Universitäten, eine ´Schweinefleisch-freie Zone´, der Burkini für den Schwimmunterricht oder eine noch etwas mildere, auf mentale Eigenheiten Rücksicht nehmende Rechtsprechung bei Ehrvergehen: in allem liegt der Focus auf der kulturellen Verortung (die doch ohnedies vom geltenden Grundgesetz ausreichend bedient wird) und offenbart so jene recht-staatliche Einbahnstraße, die den Intensivtäter zum gesellschaftlichen Opfer umlügt und die Lehrstellen-Ebbe als Folge interkultureller Diskriminierung in den Diskurs zwingt. Jene berüchtigten Zwangsheiraten werden entweder totgeschwiegen oder zu bedauerlichen Ausnahmen erklärt (was eine Auseinandersetzung schon überflüssig macht?). Die Probleme sind gewaltig, aber das schert kaum, solange man nur das eigene Programm um, - und durchsetzt. Ich werfe diesen Leuten ihr mangelndes staats-bürgerliches Verständnis nicht vor, wo hätten sie das schon lernen, leiden – leben wollen. Und um nicht immer nur den Zeigefinger auf andere aus zu strecken: wer fühlte sich denn von uns ´Hiesigen´ noch dem Gemeinwohl verpflichtet, wo doch alle Welt nur von Selbstverwirklichung und individuellen Rechten blökt, ohne die Allgemeinheit zu berücksichtigen, die ein wichtiges Fundament bildet, damit jeder sein eigenes Glück auf faire Weise suchen und finden kann? Muslimische Vereine zimmern sich dieses Fundament jenseits gesamtgesellschaftlicher Belange und definieren sich allenfalls in Abgrenzung zur Gemeinschaft der ´Ungläubigen´ - leider. Das ist das eigentliche Problem: alle gären im eigenen Saft und keiner wird ernsthaft in die Pflicht genommen, über die Köpfe der Leute hinweg entscheiden beiderseits Verbände und Funktionäre und arbeiten so der allgemeinen Malaise vor. Sie tun es, muslimischerseits, mit Verve und Geschicklichkeit und bei der Gelegenheit zeigen sie überdeutlich, was ihnen ihre Kultur, ihre Religion wert ist. Vertreter anderer Glaubensbekenntnisse oder kultureller Einheiten, sie mögen europäischen, asiatischen oder sonstigen Ursprungs sein, sind in der Durchsetzung eigener Substanz sehr viel unauffälliger und bescheidener. Gesonderte Gebetsräume für Malaien, slawisch Orthodoxe oder Hindus? Geschenkt. Nicht, das die ihre Riten völlig vernachlässigten oder der eigenen Religion zur Gänze abgeschworen hätten. Sie nehmen das alles nur nicht so wichtig – so stockernst. Und darob kommt die Medienmeute auch ganz gut ohne sie aus.
Überhaupt: die Medien. Die veröffentlichte, genauer: verordnete Meinung, bleibt in Sachen Islam betont einseitig und staut den Gegenstrom solange, bis seine Flut sich unkontrolliert Bahn bricht. Die globalisierte, multi-ethnische Welt soll komplizierter und vielgestaltiger geworden sein, so wird uns ständig versichert. Das trifft nun gerade auf die gängige Meinungsbildung immer weniger zu. Hat jemand etwa den Schneid, öffentlich den Islam zu kritisieren und hat er, mehr noch, damit Erfolg, schimpft man ihn einen Rechtspopulisten; aus der Nummer kommt er nicht mehr heraus. Andererseits: nimmt ein frommer Moslem seinen Glauben wirklich ernst, nimmt er wörtlich, was das ´ungeschaffene Wort des Einzigen´ ihm auferlegt, ist er gleich Fundamentalist oder, noch peinlicher, Islamist. Letzterer hat natürlich mit dem eigentlichen, demwahren Islam nichts zu tun, während der Rechtspopulist sich aus der Gemeinde der guten, echten Demokraten - der Gutmenschen - verabschiedet; automatisch. Gebetsmühlenartig wird beteuert, es gebe nicht den Islam, aber wenn man seine teils unbekömmlichen Spielarten kritisiert, stimmt das nicht mehr, dann gibt es nur noch den einen, natürlich eigentlich friedlichen, toleranten Islam. Nebenbei: Toleranz – das ist ein klassischer abendländischer Begriff, mit tiefen Wurzeln im christlich-jüdischen Mutterboden; hart errungen und, was seine Geltung betrifft, immer noch gefährdet, kränkelnd, ´auf Probe´. Daszugrundeliegende Verb tolerieren wurde im 16. Jahrhundert dem lateinischen tolerare („erdulden“) entlehnt. Dieses Wort meint ganz gewiss etwas anderes, als das, was ein islamischer Rechtsgelehrter darunter verstünde. Das gilt auch für den Frieden selbst, von dem Bassam Tibi, selbst entfernter Nachfahre der Prophetenfamilie, weiß, das er nur innerhalb der Gemeinde gläubiger Muslime gilt; einzig dort und nirgends sonst. Das sind eben Unterschiede im Begrifflichen die das Reale überhaupt erst bilden, und warum sollte man so etwas nicht mehr sagen dürfen?
Der Islam kritisiert nie sich selbst, soweit es sich nicht um jeweils widerstreitende konfessionelle Auslegungen handelt; dort geht die Kritik umgehend in echte Feindschaft über. Der Kern bleibt absolut unangetastet und wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen die jeweilige Mehrheitsgesellschaft behauptet, das heißt SIE wird kritisiert; nie umgekehrt. Die Lehre beschäftigt sich solcherart nur mit sich selbst, auch und gerade in der Diaspora, was insofern schmerzt, weil dadurch diejenigen der Glaubensbrüder, - und Schwestern, denen Integration kein unverbindlicher Allgemeinplatz mehr ist, zunehmend in die Isolation geraten. Isoliert ist, so gesehen, der ganze stolze Glaube selbst, der schon seinerzeit in der Abgeschiedenheit der Wüste wuchs und wurde. Er ist sich selbst ganz selbstverständlich geblieben, könnte man sagen. Das wird seine rasante, staunenswerte Ausbreitung wenigstens zum Teil begünstigt haben, die hauptsächlich mit dem Schwert erstritten wurde.“ Sein Stolz ist, das er eben der Islam ist,“ notierte Jacob Burckhardt ganz salopp in seinen ´Weltgeschichtlichen Betrachtungen´ (BURCKHARDT, Stuttgart 1955, S. 111). Nirgends haben sich die Eroberer den vorgefundenen gesellschaftlichen Rahmen auch nur im Ansatz zueigen gemacht, sie haben nach eigener Auffassung geherrscht und dies auf bewährt resolute, unmissverständliche Art. Das ist nun weder selbstverständlich noch ein per se orientalisches Phänomen. Es ging aber auch anders. In der Antike griff das römische Imperium früh die kulturellen Versatzstücke der alten Griechen auf und vermengten diese ganz geschickt mit eigenen Auffassungen und Konzepten. Selbst aus den Horden Dschingis Khans wurden, salopp gesprochen, biedere, brave Chinesen, die im Meer dieses alten, etwas behäbigen Kulturvolkes fast völlig aufgingen. Derlei ´Austausch´ konnte oberflächlich oder intensiv erfolgen, aber er fand statt, und das es die Eroberer selbst waren, die so taten, frappiert stets von Neuem. Meist lief es genau andersherum. So schätzten die europäischen Eroberer des nordamerikanischen Kontinents die Kultur der indianischen Ureinwohner nicht nur völlig gering (sie hätten gar nicht von einer gesprochen), im Verlaufe ihrer blutigen Landnahme drängten sie diese förmlich an den Rand und im Ergebnis wurde sie vollständig vernichtet.
Nun ist im Falle des Islam viel von ´Blütezeiten´ und ´kulturellen Höhen´ geredet und geschrieben worden; so gebetsmühlenartig, das kaum mehr geprüft wird, was sich tatsächlich hinter dieser hochtrabenden, Meinungsbildenden Dauer-Überlieferung verbirgt. Im Folgenden berufe ich mich daher (nicht ausschließlich, aber absichtlich) auf zwei verlässliche ´Schutzpatrone´, deren Anmerkungen zum Thema als ´sauber´ gelten können: dieser gilt als Nestor der modernen Orientalistik, jener ist sowohl akademisch als auch journalistisch ´beschlagen´. Peter Watson, Kulturhistoriker von Rang, am renommierten Mc Donald Institute for Archaeological Research der Universität Cambridge tätig, hat eine universale Ideengeschichte verfasst (P. WATSON: Ideen. München 2008). Sie befasst sich mit den überlieferten Kulturdekaden der Menschheitsgeschichte. Vor diesem Hintergrund beleuchtet er auch den Islam, dessen Werden und Wirken betont positiv, ja schmeichelhaft gerät. Desmond Stewart, Grandseigneur der angelsächsischen Arabistik, hat in seiner klassischen Studie über die mohammedanische Staatenwelt ein gleichsam freundliches, ja gewinnendes Bild des Islam gezeichnet (D. STEWART. Islam. Hamburg 1972). Es spricht für ihn, das er auf ausgedehnten Reisen viele Jahre lang den mittleren Osten studiert hat und vor Ort mit Sitten und Gebrächen in Kontakt kam, über die andere ´Experten´ gern von jeweils anderen (ab)schreiben. Stewart war auch im irakischen Unterrichtsministerium tätig und lehrte dann im Libanon. Ich zitiere also bewusst aus seinem Werk. Auch er beschäftigt sich mit jener ´kritischen Phase´, die einen Teil der Umma im neunten Jahrhundert kurz erschütterte. Es waren jene Mutalisiten, die den ungeheuren Frevel begingen, das heilige Buch mit den Mitteln griechischer Logik zu exegieren – fast eine säkuläre Exekution. Das ´Treiben´ dieser Sekte währte aber nicht lang:“ Etwa 22 Jahre lang genoss diese rationalistische Denkweise die offizielle Unterstützung,“ (STEWART, S. 96-97). Dann hatte es sich schon. Der Kalif Ma´mun trat zwar offiziell für diese Lehre ein, aber das Volk mochte ihm nicht folgen (das man den ´Reformer´ kurzerhand meuchelte erwähnt der Autor nicht). Im übrigen verlief dieser ´Schwenk´ nicht so, wie man es sich üblicherweise im Westen vorstellt. Ma´mun selbst kam nicht über den Verstand, mehr über die Vision zur neuen Überzeugung, denn angeblich erschien ihm Aristoteles im Traum; das erinnert eher an religiöse Erweckung denn an eine rationale, vernunftorientierte Erarbeitung der neuen Lehre. Somit erhob der Kalif das neue Weltbild kurzerhand „ zur Staatsreligion und verkündete eine neue Lehre.“ (WATSON; S. 449). Das wissenschaftliche Weltbild wurde nicht zum Antipoden der religiösen Erweckung, es trat vielmehr als neue, allein gültige an deren Stelle.“ Es lässt sich leicht vorstellen, welche Bestürzung diese religiöse Umkehr hervorrief, vor allem, da al-Ma´mun auch noch die mihnahl ins Leben rief, eine Art Inquisition, die jedem dem Prozess machte, der nicht bereit war, der neuen Lehre zu folgen.“ (WATSON, ebd.). Die war im Volke aber von Anfang an nicht sonderlich populär. „Im Jahre 849 wurde der öffentliche Widerstand dagegen so groß, das der Kalif Muttawakkil die offizielle Politik revidierte und den Traditionalisten den Sieg zusprach.“ (STEWART, S.97). Aber noch etwas muss erinnert werden, will man die Vorgänge im ´goldenen Bagdad´ richtig einordnen. Die Übernahme antiken Gedankengutes geschah, nehmen wir die Ketzer von den Mutalisiten aus, auf höchst selektive Art und Weise. Denn die muslimischen Gelehrten interessierten sich“ mehr für praktische Dinge, und es waren vor allem die Werke der griechischen Ärzte, Astronomen, Mathematiker und Geografen, die erneut in arabischem Gewand erschienen.“(STEWART, S.96). Jacob Burckhardt sprach von der ´Totalität des Geistigen´, zu welcher man nie wirklich durchdrang und“ Unfähigkeit zur Wandelung, zur Einmündung in eine andere, höhere Kultur war auch hier (er meinte die Omajadan) das Ende.“ (BURCKHARDT, S. 102). Die vielgerühmte, vielgepriesene Omajadendynastie war sowieso geprägt von dauernden Machtstreitigkeiten, wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, vor allem auch ständigen, das öffentliche Leben lähmenden politischen Wirren und ein verschwenderischer Luxus der Herrscher konterkarierte ein mal mehr die Vorschriften des Propheten (STEWART, S.78 – 81). All dies passt kaum in das harmlose, human gefärbte Bild jener Orientalisten, die seit je nur die schöne Fassade gelten lassen wollen, der das Kalifat von Cordoba seinen alleinigen Ruhm verdankt. In unserem Zusammenhang ungleich wichtiger: die islamische Blütezeit schöpfte gerade dort, wo ihr der Rang einer Hochkultur zugesprochen wird, nicht aus der eigenen Tradition und bei Übernahme antiken Wissens spielte die religiöse Überlieferung (Suren, Hadithe etc.) gar keine Rolle. Beides blieb getrennt voneinander, der praktische Zugriff brachte das tradierte Fundament nicht ins Wanken. Mühselige ideelle Metamorphosen und dialektische ´Ringkämpfe´, wie sie der abendländischen Geistesgeschichte eigen waren, fanden hier nicht statt. Und damit ist es an der Zeit, einen weiteren, höchst unverdächtigen Gelehrten zu Wort kommen zu lassen: “ Das Arabertum und die aus seiner Ausbreitung erwachsene Kultur des Islam hat im Gegensatz zu der langsamen und dann auch lang anhaltenden Entwicklungsdauer und Schöpferkraft des germano-romanischen Abendlandes seine stärkst nachwirkende höchste Produktivität schon etwa 100 Jahre nach dem Beginn der Eroberung, und diese hält sich nur kurz in der Höhe. Sie ist eingeschlossen als arabisch-islamische in die Zeit von 750 – 1050.“ (Alfred Weber: Kulturgeschichte als Kultursoziologie. München 1960. S. 223 – 224). Zu einer Zeit also, als in Mitteleuropa die ersten Kathedralen entstehen und sich bereits die Renaissance ankündigt, fiel der Islam in eine eigentümliche Starre, die seit nunmehr tausend Jahren anhält.“ Die Religion des Islam hat bis heute eine ungebrochene, das Dasein stets in beinahe unerreichter Weise formende Kraft und also Langlebigkeit bewahrt.“ (WEBER, S. 224). Ich zitiere nicht ohne Grund den fast schon in Vergessenheit geratenen Soziologen, der unverdienterweise nie aus dem Schatten des großen Bruders heraus treten konnte. Merkwürdige Überschneidung korrespondierender Anschauungen: der arabische Gelehrte Ibn Chaldun (1332 – 1406) gilt als früher Vorläufer einer soziologisch fundierten Betrachtungsweise. Er war fast immer auf Reisen und pflegte engen Kontakt zu Gelehrten aus Indien und Fernost. Chaldun diagnostizierte als erster jenen Zustand der Erstarrung, den auch Weber meint, und sein eng an Aristoteles geschulter wissenschaftlicher Zugriff mutet insofern modern an, als das er, selbst Zeuge des resultierenden Niedergangs, eine umfassende Faktorenanalyse wagte, die an Arbeiten von Adam Smith oder Robert Malthus erinnert. Nach Chaldun ist es ganz wesentlich die weltliche Macht (mulk) und ihr Erhalt, die als Grundlage jeder geordneten, fortschreitenden Zivilisation gelten muss. In diesem Zusammenhang noch einmal Weber:“ Es gibt auf der Westhemisphäre heute keinen Menschentypus, der in gleich starker Art von seiner Religion gestaltet wäre wie der Moslem; nicht nur äußerlich im Wege der Vielzahl täglich geübter Ritualhandlungen, auch in der seelischen Haltung unaufgelöst geprägt.“ (ders.: ebd.). Noch deutlicher wird Peter Scholl-Latour, der in seinem Buch ´Das Schlachtfeld der Zukunft´ im Gespräch mit einem persischen Professor folgenden, bezeichnenden Passus heraus destilliert:“ Ob wir es wollen oder nicht und so weh es uns tut, was man in Europa den Fundamentalismus nennt, das ist der wahre Islam. Ohne strikte Anlehnung an die islamische Unfehlbarkeit, das hat die Geschichte gelehrt, läuft die islamische Gesellschaft ins Leere. Sie verliert ihre Orientierung. Die Perfektion des Koran unterscheidet ihn unwiderruflich von den vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten der Evangelien.“ (SCHOLL-LATOUR: Das Schlachtfeld der Zukunft. Berlin 1996. S. 291). Peter Watson:“ Da Gott der islamischen Sicht zufolge eine absolut perfekte Welt erschaffen hat, bleiben für den Menschen praktisch keine Möglichkeiten mehr, selbst etwas zu erschaffen: der Mensch kann die göttlichen Schöpfungen bestenfalls verzieren (dazu unten noch etwa mehr). Und daraus folgt, das Verzierungen, Verschönerungen und Ornamentik nicht als die Ergebnisse von kreativen Ideen oder gar als Verbesserungen des Gottesgeschenkes, sondern immer nur als eine Möglichkeit gesehen werden, Gott zu ehren und zu verherrlichen.“ (WATSON, S. 435) Es sind ja gerade jene fünf Säulen des Koran, die nur als Riten funktionieren und auch ausdrücklich als solche stete und strikte Geltung beanspruchen. Aus westlicher Sicht mag das stolz und stur, starr und arretiert anmuten, und vielleicht ist diese Erweckung insgesamt zu fest und verriegelt, um einmal von Herzen loslassen zu können, was ihren Anhängern wiederum die Möglichkeit gäbe, doch etwas freier werden zu dürfen. So bleibt es auch mehr als fraglich, ob die nach Europa eingewanderten Muslime das demokratische Modell gegen die Gewissheiten eigener Überlieferung dauerhaft eintauschen können, ja überhaupt nur in einen Prozess der Angleichung oder Relativierung geraten dürfen, blendet man den Rigorismus begleitender Vorschriftennicht bequem aus. Zu einer Symbiose beider Entwürfe wird es wohl kaum kommen, denn was bliebe dann schon von der ursprünglichen, sich fest und unverrückbar gebärdenden Lehre übrig? Die Wort,- und Schriftführer divergierender Ansätze sind denn auch zeitlebens in arge Bedrängnis geraten, etwa jene vielgerühmten Averroes oder Avicenna:“ Sobald sie sich auf das heikle Thema der Theologie begaben und die koranische Unantastbarkeit Mohammeds auch nur punktuell in Frage stellten, mussten sie um ihr Leben bangen.“ (SCHOLL-LATOUR, S. 291). Diese legendären Gelehrtengestalten werden uns doch immer als Speerspitzen eines fortschrittlichen, unseren eigenen Vorstellungen von ´Entwicklung´ entsprechenden Islam angedient, aber wer will schon wahrhaben, das sie, Ideengeschichtlich, im Vakuum operierten und im Ergebnis den erratischen Block der Verkündung nicht einmal im Ansatz haben umgestalten können? Denn sie durften nicht, wiewohl sie sicher wollten. Am Ende muss man fragen, woher denn tatsächlich die wesentlichen Impulse kamen, die der islamischen Welt immerhin kurzzeitig progressive Momente bescherten. Im schillernden Bagdad jener Zeiten tummelte sich mancherlei Volk:“ ihre besondere Lage machte die Stadt problemlos erreichbar für Inder, Syrer und – was am wichtigsten war – Griechen und Menschen aus der hellenisierten Welt. Von besonderer Bedeutung war auch, das nicht weit entfernt im südwestpersischen Gondischapur bereits ein beeindruckendes Gelehrtenzentrum existierte, in dem im 5. Jahrhundert auch viele Nestorianer vor den Ketzerverfolgungen des byzantinischen Reiches Zuflucht fanden und das Geistesleben zu neuer Blüte brachten.“ (WATSON, S. 438) Es waren eben nicht islamisierte Araber, von denen jene vielgerühmten bahnbrechenden Impulse ausgingen, sondern die von der Geschichte fast schon vergessenen Christologen. Gondischapur geriet so zum Nabel umfassender Gelehrsamkeit, auch und gerade die exakten Wissenschaften betreffend, derer sich später eine schmale Kaste muslimischer Gelehrter eifrig bemächtigte. Die Vorarbeit leisteten andere. Nachdem die Stadt 638 „von den Arabern erobert wurde, begannen die Gelehrten auch die Sprache ihrer Eroberer zu erlernen und bald schon große Mengen von medizinischen, geometrischen undanderen wissenschaftlichen Handschriften aus dem Griechischen und Indischen ins Arabische zu übersetzen.“ (WATSON, ebd.). Fazit:“ Die Idee, wichtige fremdsprachige Handschriften zu übersetzen, war alsoin einer christlich-jüdisch-pagan geprägten Atmosphäre entstanden. In der arabischen Welt hatte es dafür weder Vorbilder noch Traditionen gegeben.“ (WATSON, ebd.) Insofern ein Glück, das später besagter Ma´mun im Anschluss an seine ´Aristoteles-Erscheinung´ beschloss,“ Abgesandte bis nach Konstantinopel zu schicken, damit sie so viele griechische Handschriften auftrieben wie nur möglich, um diese dann in einem eigens errichteten Zentrum in Bagdad übersetzen zu lassen.“ (WATSON, S. 439)
Kommen wir auf konkrete Beispiele zu sprechen. Wie verhält es sich etwa mit den ´arabischen Zahlen´, 1 bis 9? „ Um das Jahr 711 traf ein indischer Reisender mit der astronomischen Abhandlung Siddhanta im Gepäck in Bagdad ein.(…) Auch ein Traktat über Mathematik hatte der Reisende bei sich. Dieser Abhandlung verdanken wir unsere bis heute gültige Ziffernschreibweise der Zahlen 1 bis 9.“ (WATSON, ebd.). Das gesamte Werk wurde erst spät von al-Fazari ins Arabische übersetzt (WATSON, ebd.). Es waren von Anfang an eben jene Nestorianer, die unermüdlich aus alten Krügen schöpften, indem sie fleißig übersetzen und auf diesem Gebiet auch leitend tätig waren (WATSON, S. 440, ff). In summa:“ Naturforschung und Philosophie waren in islamischen Ländern häufig das Werk von Syrern, Persern und Juden. Die islamische Theologie, inklusive des kanonischen Rechts, stammte hingegen hauptsächlich von Arabern.“ (WATSON, S. 447) Diese Leute sorgten dann für die als wesentlich erachtete, eben nicht an weltlicher Vielfalt orientierter Bandbreite des Wissen:“ Das Qur´an-Studium beherrschte auch die Lehrpläne der Schulen in der früh-islamischen Welt. Der Kern des Curriculums bestand im Auswendiglernen von Qur´an und Hadith (…) Schreiben lernten die Schüler anhand von säkularen Texten, damit die heiligen Texte nicht durch Fehler geschändet wurden.“ (WATSON, S. 448). Zeigt das nicht überdeutlich, was wirklich wichtig blieb und oberste Priorität genoss? Man kann es auch ganz salopp, ja banal an Beispielen aus der Gegenwart fest machen, am Alltag, den jeder von uns mittlerweile kennt. Nehmen wir den Schwimmunterricht. Was ist Ziel und Zweck dieser Übung? Worum geht es vorrangig beim Schwimmen? Darüber können noch so dicke Bücher geschrieben werden: einen strenggläubigen Muslim interessiert im Zweifel nur, ob der Burkini hält, was er verspricht. Ansonsten muss das Mädchen eben fern bleiben. Nicht die Inhalte zählen, nur die peinliche Angleichung an alte, unverbrüchlichen Normen. Mir ist es auf einer Gesamtkonferenz klipp und klar zu verstehen gegeben worden: solches gilt als ´kulturell bedeutsam´ und muss, durch ein Gerichtsurteil zusätzlich konsekriert, ab sofort akzeptiert werden.
Die rabiatesten Vertreter koranischer Gesinnung kritisieren heute ganz offen das westliche Modell und nutzen dennoch geschickt jede Möglichkeit, die ihnen opportun scheint; die sich ganz konkret anbietet, um dem System zu trotzen. Hier offenbart sich der Zwiespalt, das leidige Dilemma. Sowohl in der Diaspora als auch heimwärts profitieren sie wie selbstverständlich von den Errungenschaften der ´Ungläubigen´ und lehnen doch alles übrige, über diesen ´praktisch-weltlichen´ Aspekt hinaus greifende Potential ganz unbekümmert ab. Das geschieht auf krasse und nahezu perfide Weise in den sogenannten Golfrandstaaten, am auffälligsten in Saudi-Arabien. Hier herrscht im Alltag das wahabitische Mittelalter, eine extrem strenge, archaisch anmutende Auslegung der koranischen Lehre. Der unverdiente Öl-Reichtum verleitet dennoch zu protzigen, prunkenden Bauten und beschert einer schmalen Kaste einen Lebensstil, der nach islamischem Selbstverständnis eigentlich als verkommen gelten muss. Die Technologie-Transfers vollziehen sich unter Ausschluss jeder schöpfenden (und nicht bloß empfangenden) Teilhabe; man(n) kauft sich eben ganz bequem in alles ein, lässt bauen, fördert (unter kundiger Anleitung) schwarzes Gold und bleibt selbst auf gefällige Art arretiert, von jeder echten Neuerung völlig unberührt. Übrigens: die vielen, allzu vielen Moscheebauten in Übersee, in Europa und der übrigen islamischen Welt werden von hier aus finanziert, und ihre ´Spender´ arbeiten damit ganz gewiss nicht einem moderaten, modernen Islam vor, von dem hierzulande dauernd geredet wird. Im Gegenteil: die wahabitische Herrenkaste exportiert solcherart einen extrem rigiden, oder wie der Westen gern sagt: fundamentalistischen Islam, der sich eher schleichend in den Metropolen der alten Welt ausbreitet.
Ein Totschlag-Argument, das gern gebraucht wird, um jede Kritik am Islam schon im Ansatz zu unterbinden, lautet, das nur ein Muslim selbst diesen Glauben kompetent beurteilen kann, weil nur er ihn wirklich lebe. Es sind dann die Funktionäre, Rechtsgelehrten und sonstige ´Rechtgläubigen´, die hier kraft eigener Autorität die ´Wahrheit´ sprechen. Ein wohlmeinender Orientalist ist meist für die ´weiche´ Seite der Auslegung zuständig und ein ´Kritiker´ kann, ist er ´Ungläubiger´, sofort einpacken – ist er Muslim, kann er es ganz und gar; wortwörtlich verstanden. Aber ist nicht der unvoreingenommene, oder besser: ideologisch unbelastete Zugriff mindestens ebenso reizvoll? Jemand, der frei von allen Zwängen und Gewissheiten ein Phänomen betrachtet (er muss es ja gar nicht kritisieren), eben ganz bewusst und betont von außen, kann doch, finde ich, zu mindestens ebenso interessanten, vor allem neuen und eher unbeachtet gebliebenen Erkenntnissen kommen, die dem ´im Glauben ruhenden´ oder bewundernd Betrachtenden gerade nicht offenbar werden. Beispiel Europa: im ausgehenden Mittelalter kam der kritische, das Säkuläre zäsierende Impuls noch aus dem sakralen Raum selbst. Bruno war Dominikaner, Descartes entstammte dem Jesuitenkolleg. Später dann, vor allem im bürgerlichen 19. Jahrhundert, waren es die Philosophen vom Schlage eines Feuerbach oder Marx, die der christlichen Lehre zu Leibe rückten; wer dächte heute noch an Schleiermacher oder Harnack? Die konnten eben eine bestimmte Linie nicht überschreiten. Das hat man im Europa des 21. Jahrhunderts immer noch nicht begriffen: ein kritischer Exkurs im Sinne eines wirklich umfassenden Diskurses kann nur scheitern, geht man den Klerikalen ständig auf den Leim. Immer wieder wird, ich sagte es schon, von ´den Muslimen´ gesprochen, als sei die religiöse Subsumierung vollendetes Schicksal; als Ergebnis eines festgefahrenen Fatalismus. Das ist bei Europäern oder Asiaten eben nicht mehr der Fall (man sagt etwa Inder und nicht Hinduist; man sagt Kroate und nicht Katholik). Muslime wollen aber gerne in erster Linie als Angehörige koranischen Glaubens gesehen und geachtet werden und daraus leitet sich nicht selten die stolze Abwehrhaltung ab, die immer gepaart ist mit jenem Anspruchsdenken, demzufolge man als Muslim eben das Recht habe, an die Ungläubigen Forderungen zu stellen. Die reduzieren sie so auch auf eine religiös-kulturelle Stufe. Am Ende kommt dann die Rolle der Dhimmis dabei heraus. Das führt zusätzlich zur Verhärtung der monolithischen Betrachtungsweise und zeitigt lauter alternativlose Allgemeinplätze, die sich umso vorzüglicher instrumentalisieren lassen, je besser man die wunden Punkte der anderen Seite kennt. Woher kommt es denn, das immer häufiger damit kokettiert wird, man gehöre zu einer verfolgten und verfemten Minderheit? Das zieht natürlich, gerade im post-faschistischen Europa, aber es wird dann doch eine echte Realsatire draus, gehen die Ankläger zu Vergleichen über, die so grotesk sind, das es einen nur noch schüttelt. Es ist doch an Absurdität gar nicht mehr zu überbieten, wenn – ein Beispiel – in einer Ganztagsschule in Betzdorf eine Lehrerin muslimischen Schülern versehentlich Schweinefleisch ´zumutet´ und diese ´Tat´ dann zur bösen Absicht erklärt wird und in einem weiteren Schritt als echte Diskriminierung in die Gazetten eingeht. Der ´Schnitzel-Krieg´ schlug Wellen, die Lehrerin wurde schleunigst entfernt und darob achtete man im pfälzischen Ghetto umso strenger darauf, die Reinheitsgebote muslimischer Schüler wieder voll ein zu halten. Aber jetzt kommt das Beste, der kulinarische Nachschlag sozusagen: man verglich die ´Opfer´ dieser Verfehlung mit den Juden des dritten Reiches. Eigentlich lohnt kein weiteres Wort, aber so einen Vorgang nur mit müdem Achselzucken zu quittieren gilt denn auch nicht. Mal abgesehen davon, dass behaupteter Antisemitismus gerade innerhalb muslimischer Lebenswelten latent, ja notorisch ist, kann man nicht gerade behaupten, das die im Deutschland der Dreißiger Jahre lebenden Juden irgendwie auffällig geworden wären. Mir ist jedenfalls nichts von jüdischen Gewaltgangs oder Intensivtätern bekannt, Hasspredigten in Synagogen fanden, meiner Kenntnis nach, auch nicht statt und ich wüsste kaum, das die mehrheitlich voll assimilierten Deutsch-Juden in Verbänden und Vereinen ihre religiösen Rechte eingefordert hätten. Womöglich gab es ja doch das eine oder andere schwarze Schaf, irgendeinen durchgeknallten Berliner U-Bahn-Schläger, der dann später vom Volksgerichtshof nach der achtzehnten oder zwanzigsten Attacke zu zwei Wochen Sozialdienst verdonnert worden wäre – oder auch nicht. Schauen sie: es ist weniger peinlich, dass derlei Behauptungen kursieren; sehr viel mehr verblüfft doch der Umstand, das sie zu ernsthaften öffentlichen Debatten führen, die der Gegenseite zig Verbeugungen und Knicks abverlangen; wie bei Hofe.
Die sogenannten ´Gutmenschen´ fordern in vorauseilendem Übereifer nahezu grenzenlose Toleranz, geht es um den Islam, der wiederum, als rigorose monotheistische Erweckung, die totale Unterwerfung unter den Willen des Allmächtigen verlangt. Kann, ja darf es einen toleranten Islam eigentlich geben? Schon im Koran ist von Ungläubigen die Rede; nicht etwa Andersgläubigen. Die etwas gelehrteren unter den ´Verstehern´, andauernd um Ausgleich um Schadensbegrenzung bemüht, negieren gleichsam hartnäckig solch harte, unmissverständliche Fakten. Wenige Westler nehmen diesen Glauben ja so ernst, wie er sich selber immer ernst genommen hat; ein heiliger, unerbittlicher Ernst, der den säkularen Europäern abhanden kam, denn man hat selbst nur üble Erfahrungen damit gemacht.

IV.

Was bis hierhin deutlich geworden sein müsste: der Islam als solcher ist, unabhängig von der jeweiligen Anhängerschaft und den entsprechenden Spielarten, seiner je unterschiedlichen Bedeutsamkeit in einzelnen Fällen oder auf ganze Kollektive bezogen, ein insgesamt problematischer, in höchstem Maße zwiespältiger Import. Es geht eben nicht darum, kollektive Verdachtsmomente zu schüren oder Verallgemeinerungen zu kultivieren; gerade hier geht es um die Sache selbst, und die bleibt, als eine ganz wesentlich strikt und unnachgiebig ausgreifende Erweckung von unterschiedlichen Zeitläufen ganz unberührt, stammt selbst aus einer anderen, fremden Zeit, ist überhaupt eigentümlich zeitlos und dynamischen Veränderungen gegenüber gleichgültig, ja abweisend eingestellt.
Will man eine Sache recht begreifen, muss man einmal bis ganz an den Anfang zurück gehen; es nützt nichts. Die arabische Halbinsel bildet den Ausgangpunkt koranischer Erweckung. Eingekeilt zwischen den ältesten Kulturzentren der Welt, ist sie doch von deren Wirken nie ernsthaft berührt worden und hat dann, sechshundert Jahre nach Beginn moderner Zeitrechnung, ganz plötzlich ihre eigene Erleuchtung in die Geschichte gezwungen; in Form oder Gestalt einer Lehre, die ihrerseits den unbeachtet gebliebenen Nachbarkulturen das eigene Diktum wie selbstverständlich aufzwang. Was sagt ein solcher Vorgang nun aber über die Lehre selbst aus? Folgen wir in diesem Zusammenhang noch einmal den Betrachtungen Alfred Webers, dessen soziogenetischer Blick besticht, als wissenschaftlicher Zugriff stets neutral bleibt und daher am wenigsten etwaigen wohlmeinenden Rücksichtnahmen oder agressiven Angriffslustigkeiten verdächtig scheint.“ Der Islam nimmt synkretistisch die ihm geistig und seelisch zugänglichen Elemente des in Arabien von ihm aufgesogenen und alsbald auch dort von ihm bekämpften Judentums und Christentums auf. Aber es sind nur die geistig am einfachsten zu fassenden.“ (WEBER, S.228). Wie anders auch? Die umliegenden, in Saft und Kraft gebärenden Hochkulturen versickerten förmlich im Wüstensand und hätten in dieser feindseligen Umgebung auch kaum wachsen, werden – blühen können. Das kann man den ansässigen Beduinen kaum vorwerfen und der Prophet wusste wohl ganz genau, auf welche Weise er sie packen musste, um ihrer überhaupt Herr werden zu können; um sie, als Begründer des Islam, unter eigenen Auspizien überhaupt gebrauchen zu können. Daher also:“ Innerlich alles einfach oder simplifiziert. Und wenn man tiefer dringt: im Wesen primitiv.“ (WEBER, S. 229). Wir lassen mal dahin gestellt sein, ob Weber damit schon irgendwen ´beleidigt´ oder ´verhöhnt´. Viel wichtiger, ja bezeichnender in diesem Zusammenhange der folgende Gedanke:“ Eine Nomadenreligiosität demnach, wie geschaffen zur Legitimierung einer großartigen Wanderungsexpansion. Das baut nun auch Struktur und Lebensform des Islam auf, die bleiben.“(WEBER, ebd.). Die bleiben! Es ist faszinierend, wie Weber in wenigen, kurzen Strichen anhand der noch heute geltenden Riten und Gebräuche haarklein nachweist, wie der rein nomadische Hintergrund das ganze System bestimmt und im passenden historischen Moment (falls dieser in der Abgeschiedenheit der Wüste als gegeben gesetzt werden kann) zur Wanderung – das heißt: Eroberung – je angrenzender Gebiete führt… - führen muss. Er vergleicht dieser ´Kultur´ mit ihrem Antipoden, der abendländischen Variante (aber auch die umliegenden Völkerschaften hätten, denke ich, ausgereicht) und stellt Unterschiede heraus, die heute, in Zeiten multikulturaler Gleichmacherei, keiner mehr sehen, wahrhaben möchte. Als Beispiel etwa folgende Passage, die für sich spricht. Es sind wieder jene“ so oft zu wiederholenden, mit Rumpfbeugungen verbundenen Gebetsübungen,“ die, zugegeben, eine einheitliche Disziplinierung in das unorganisiert und willkürlich gewesene Dasein“ einführt. (WEBER, S. 230)“ Das ist ihre Kirche. Man kann sie eigentlich gar nicht eine solche nennen. Denn die Gestaltung des Religiösen ist von dem Sozialen und Politischen gar nicht abgesondert. Sie ist vielmehr der seelische Grund und die Form, in der sich die ganze Lebensführung vollzieht und in der sie stets verbleibt.“ (WEBER, ebd.). Es kann hier nicht der Ort sein, im Detail nach zu zeichnen, warum dieses ziemlich merkwürdige Gemisch aus Beduineneinfachheit und den zwei sublimiert entfalteten Religionen (WEBER, ebd.) sich ziemlich ungehemmt entfaltete; warum der nomadistisch stammesmäßig gewesene Islam in eine asiatische Despotie (WEBER, S. 232) übergeht; warum das Aufgenommene (Weber meint die Kulturtragenden Einflüsse von außen) den Islam selbst nicht in Ansätzen berührt - „es dringt nicht zu seiner letzten Tiefe, in welche das Religiöse, ganz fest in simpler Form geboren, eingebettet ist. Es löst und lockert auch nicht das tragende rituelle Netz(…) es fasst nicht das Islamisch-Wesenhafte an“ (WEBER, S.234); warum überhaupt die, wie wir sahen, selektive Beschäftigung mit dem ungeheuren Erbe der Antike im ganzen unoriginell, eklektisch bleibt und schon dadurch nicht geeignet ist, umwälzend in das gelebte Dasein einzudringen“ (WEBER, S. 237); man kann es, wenn man mag, selbst nachlesen und dann entscheiden, ob man Webers Fazit zustimmt oder nicht:“ Dieser Islam blieb dasselbe unveränderliche Urwesen; oder vielmehr: eine Religion, man möchte sagen, des religiösen Minimums bei einem Maximum von äußerer, formelhafter Ritualität.“ (WEBER, S. 238). Es ist jene Unberührbarkeit, von der Weber glaubt, dass sie ganz wesentlich die Stärke des Islam ausmacht:“Ohne irgendeine Mission breitet sich diese religiöse Formung als beinahe einzige der Welt daher bis heute noch aus.“ (WEBER, S. 239).
Auch nach Europa, das dieser resoluten Erweckung, alle blutigen Auseinandersetzungen der Vergangenheit eingerechnet, bis heute standhielt. Sind nun im multiglobalen 21. Jahrhundert derlei zum Teil gravierende und immer noch konstituierende Divergenzen hinfällig, unbedeutend geworden? Es sind ja, nimmt man die Substanz, nach wie vor nicht wenige; sie mögen umfassend oder nur mehr partiell Geltung genießen. Streifen wir immerhin die wesentlichen und setzen wir den Vergleich.
Religion ist hier längst Privatsache geworden, ephemere Beschäftigung Einzelner; dort ist sie umfassendes System. Entsprechend fest und rigide bleibt die religiöse Grundhaltung, hier hat ein alles umfassender, vor nichts Halt machender Skeptizismus das Szepter übernommen. Die Mentalität ist demzufolge kontinuierlich gespalten, ganz im Sinne einer dialektischen, oft faustisch ausufernden Tradition, die weit in die Antike zurück reicht; dort aber scheint alles wie eingeschmolzen (vgl. DAN DINER: Versiegelte Zeit. Berlin 2005). Das Sakrale entwickelte sich im Abendland stets in direkter, unerbittlicher Auseinandersetzung mit weltlicher Gewalt, dort ist alles eins; eben monolithisch. Selbst die Mutalisiten neigten dem zu; sie wollten ihre ´Aufklärung´ gleich wieder in eine offiziöse, dem Herrscher genehme Form zwingen. Wie ein Block mutet auch das Kollektiv, der Stamm – der Staat selbst an; der Einzelne, überhaupt das Individuum muss sich seinem Diktum beugen. Hier spiegelt und prüft sich der Einzelne bis zum Exzess, dort weiß er sich noch geborgen im Glauben, der stets gebietet. Christliche Lehre und koranische Erweckung sind eben ganz wesentlich anders in Aussage und Gehalt – in Ton und Gebärde. Schlimm oder falsch, wenn man es so direkt sagt? Ein frommer Moslem würde sich ohnehin gegen gutgemeinte Angleichungen oder Anpassungen verwahren, trotzten sie seinem Glauben auch nur etwas vom Wesentlichen ab.
Man hat sich im Laufe der Zeit angewöhnt, christlichen und islamischen Glauben solcherart miteinander zu vergleichen, das entweder an gegenseitige Kriege (im Namen des Heils) erinnert wird oder das ein vermeintlich Gemeinsames als mildernder Umstand den fragwürdigen Ausgleich erzwingt. Aber dieser Ausgleich mag sich noch weniger einstellen, stellt man die zentralen Gestalten, als Künder des je verherrlichten Glaubens, einander gegenüber. Halten wir uns nicht mit den Epigonen auf, nehmen wir uns gleich die Lichtgestalten selbst vor. Die Überlieferung spricht eine klare, deutliche Sprache. Der eine (Jesus) lehrte laut Überlieferung Entsagung; sein Reich sei nämlich nicht von dieser Welt. Das bot später einen gewaltigen Raum für weltliche Gegenentwürfe, ja die vielfältigen Möglichkeiten, die das nackte Leben bietet, die im Hier und Jetzt überhaupt machbar waren, konnten unter Ausschluss sakraler Aspekte gewagt, geprobt - angepackt werden. Diese Welt wollte der Nazarener in Demut erduldet wissen, daher: gebt dem Kaiser was des Kaisers sei. Zuende gedacht galt das dann für alle, die im Profanen den Aufstand probten.
Wie anders gebärderte sich der Prophet, der aus der Wüste kam! Der stand, allen Visionen zum Trotz, voll im Diesseits, führte Kriege und erließ Gesetze, machte Politik und schmiedete handfeste, sehr irdische Pläne. Dem lag nicht daran, dass man ihm lausche, der wollte, das man ihm, als Künder des Einzigen, Ewigen, gehorche, der wollte erobern und tat es, der unterwarf und unterwies, unnachgiebig. Er hatte die Wahrheit, das Recht, die absoluten Richtlinien, ein für alle mal, auf Punkt und Strich, und alle Wahrheiten überhaupt sind darin eingeschmolzen, ja förmlich eingebrannt, ohne Abstriche, ohne Einbußen, komplett vereinigt und alles übrige kann nur noch gottgefälliges Werk sein, eine Art Bringschuld vor dem Absoluten, dessen Allmacht ewig gilt. Ab sofort war das Sakrale dauernd gegenwärtig, immer dabei und nie außen vor. Hier trennte es sich langsam vom dynamischen Geschehen, dort war es eigentliche Triebkraft allen Geschehens. Hier teilten sich die Zuständigkeiten; dort bildeten sie eine Einheit. -
Man kann derlei Unterschiede auch jeweils im Detail oder an bestimmten formalen Gegebenheiten mühelos nach zeichnen. Oben war von Kirche die Rede, welcher der originäre Islam insofern entbehrt, als das er im Sinne der Gewaltenteilung (vgl. die Idee der Dreieinigkeit!) gar keine braucht. Eine Moschee ist, geht man von den vielfältigen, nicht einzig sakralen Tätigkeiten aus, denen sie als ein Versammlungsort Raum und Zeit schenkt, mehr als eine Kirche; viel mehr. Andererseits hat sie, ästhetische und ideengeschichtliche Aspekte eingerechnet, sicher weniger zu bieten: im Wesentlichen ist das eine Halle mit Säulen, wobei die Repräsentationsbauten nicht der ausladenden Ornamentik, als einer schmückenden Zierde entbehren. Das reicht. Gar nicht unsympathisch, aber auch nicht umwerfend. Bei allem Respekt: man vergleiche die Figurenlosen, sowohl von außen wie von innen eher nüchtern und praktisch gehaltenen Bauten mit jenen gotischen Kathedralen, die noch von der Renaissance als barbarisch empfunden wurden. Man kann diese vergeistigten, hochkomplex gestalteten, an symbolischer und Formstrotzender Kraft schier unfasslich ins Universale ausufernde Gebilde gar nicht zuende bewundern. Wer wollte hier noch von einem Mittelalter sprechen? Was kam da eigentlich zum Ausdruck, von strenger Wucht und beharrlicher Innigkeit durchdrungen, gewaltig ausufernd und doch in feste Schemen gezwungen? Beide – Moschee und Kirche – spiegeln ihr je Typisches, den originären Hintergrund; auf je eigene Weise.
Wie im Äußeren, Gestalthaften, so stellt sich die Divergenz auch im Begrifflichen heraus, das der konkreten Handlungsweise eigentümlich entspricht. Um nicht weiter im Monumentalen zu verweilen: der gelebte Alltag bietet Beispiele zuhauf. Stichwort ´Ehre´. Muslime haben eine höchst eigenwillige, recht selektive Vorstellung davon, was ´Ehre´ sei. Die mag enger, sicher aber auch zwingender und eindeutiger sein als das, was sich ein ´Westler´ darunter noch vorstellen mag. ´Ehrenmorde´ fanden zuletzt auf dem östlichen Balkan, zum Teil auch in bestimmten mediterranen Enklaven statt; denken wir an Korsika oder das montenegrinische Hochland. Derlei archaische Bräuche sind aber an ihr Ende gekommen, und es mutet etwas merkwürdig an, wenn in Kolumnen eher entschuldigend darauf hingewiesen wird, dass im Falle des Islam die ´Kultur´ eben eine andere sei.
Aber wo führt uns das jetzt hin. Macht man sich damit gleich wieder zum Feind des anderen Glaubens? Beleidigt man damit eine Erweckung, deren ursprüngliches Konzept eine Einheitlichkeit um jeden Preis erzwang, die schon unmittelbar nach dem Ableben des Propheten hinfällig wurde und sich am Rabiatesten in einem oft mörderisch sich gebärdenden Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten äußert? Ernst, bitterernst geht es derzeit doch vor allem innerhalb der islamischen Welt selbst zu. Wir hatten es oben schon bemerkt: differenzierte man bei ´den´ Muslimen zusätzlich nach all den unterschiedlichen Konfessionen, die wir hier gar nicht im im Einzelnen aufzählen können, käme man schnell dahinter, wie wenig einig die angebliche Einheit (Umma) aller Gläubigen war und ist. In Wahrheit hat sich der islamische Strom schon bald in zahlreiche kleinere und größere Seitenarme und Verzweigungen aufgeteilt und eine Art Delta gezeitigt, dessen konkurrierende Flutungen den einen, einzigen Absolutheitsanspruch ebenso fortschwemmten wie die kulturfremden, aus anderem Quell gespeisten Läufe. Ob dieser Strom nur ein trüber Teich ohne Einbußen, aber auch ohne frischen Zufluss war und ist, wie die kämpferische Oriana Fallaci kurz vor ihrem Tod grimmig bemerkte, bleibt eine interessante Frage. Brachte die Zeit des Kolonialismus wirkliche Veränderung? Die Ankunft Bonapartes in Ägypten ist aus europäischer Sicht recht erschöpfend behandelt worden, aber dieses Bild unterscheidet sich ganz erheblich von dem, was ein gewisser Abdarrahman Al-Gabarti zeichnete. (Vgl.: GABARTI: Bonaparte in Ägypten. München/Zürich 1983). Der Scheich, Zeitzeuge der Ereignisse und immer neugierig vor Ort unterwegs, hat als Chronist vor allem die Irritationen eingefangen, den ´Zusammenprall der Kulturen´, den dieses Ereignis zeitigte. Sein Übersetzer, der Orientalist Arnold Hottinger, meint hierzu in seinem Vorwort:“ Die Ambivalenz zwischen Bewunderung und Verachtung, die Gabarti gegenüber den Invasoren und Ungläubigen zu Tage legt, dürfte auch heute noch das Verhältnis der gegenwärtigen Muslime zur sogenannten westlichen Zivilisation entscheidend charakterisieren.“ (GABART, S. 13-14). Düstere Aussichten oder eher eine Chance, die noch keiner wirklich sieht? Europa muss wissen, wo es steht; und seine Muslime müssen ihrerseits ganz genau wissen, wie sie zu diesem Europa stehen. Davon wird alles abhängen.

V.

Es gärt und brodelt an der europäischen Peripherie. Mancher mag immer noch meinen, das schmerze nicht sehr; das müsse nicht zwangsweise unsere Interessen berühren. In Wahrheit ist der Kontinent schon voll involviert. In diesem Zusammenhang kommen wir um einen kurzen Balkan-Exkurs nicht mehr herum. Diese ´Ecke´ Europas ist derzeit nicht sonderlich gefragt, aber das kann sich schnell ändern. Etliche Sprengsel der ehemaligen jugoslawischen Föderation sind stark muslimisch geprägt, etwa ein Teil Bosnien-Herzegowinas. Fangen wir ruhig mit dieser Region an. Das passt insofern, als das der ´Schlächter von Srebrenica´, Ratko Mladic, gerade erst dem internationalen Gerichtshof zugeführt wurde. Einer derzeit tonangebenden Elite in Serbien stand dieser Massenmörder zum Schluss nur noch im Wege (der Weg führt angeblich in die europäische Union) und man darf davon ausgehen, dass eine Menge Geld geflossen ist. Die überwältigende Mehrzahl des serbischen Volkes verehrt den Massenmörder ungebrochen. Aber das ist in diesem Zusammenhang nicht weiter von Belang. Wichtiger scheint mir zu sein, das man die bosnischen Muslime seinerzeit dem Bluthund förmlich ans Messer lieferte und auf diese Weise demonstrierte, wie wenig an ihnen lag. Es waren aber keine Fundamentalisten, die man da den Hinrichtungskommandos anheim stellte; die waren durch und durch säkular gestimmt, sie lebten entsprechend und unter dem Marschall Tito wäre jeder religiöse Fundamentalismus ohnehin sofort geahndet worden. Frank und frei heraus gesprochen: Europa hatte diese armen Menschen komplett im Stich gelassen. Das haben sie nicht vergessen. Bosnien-Herzegowina ist heute ein fragiles, ganz widersinnig geflochtenes, quasi-staatliches Gebilde, mit einem muslimischen Rumpfkörper in der Mitte, von jeweils kroatisch und serbisch dominierten Ablegern seitlich umwölbt. Der föderale Charakter dieses Protektorats ist fadenscheinig, seine Souveränität oder Selbstständigkeit bloß vordergründig. Der mörderische Krieg hat einer Erschöpfung vorgearbeitet, die derzeit einzig als Garant eines nur trügerischen Friedens vorhält. Der wird nicht ewig währen. Innerhalb der muslimischen Gemeinde hat, schleichend noch, ein ganz fundamentaler Wandel hinsichtlich des eigenen Selbstverständnisses stattgefunden. Das sind der Mehrheit nach eben keine areligiösen Menschen mehr, der Islam gewinnt zunehmend an Bedeutung. Der Bürgerkrieg hinterließ ein verhängnisvolles Vakuum, das zunehmend Fanatiker für ihre Zwecke nutzen. Wer sonst. Wie sollten oder könnten bosnische Muslime noch auf Europa bauen, das sie so schmählich den Henkern überließ. Zur Stunde kann schwer entschieden werden, welche Splittergruppen sich in dem insgesamt unwegsamen Gelände tummeln um eigene Strukturen auszubauen. Fakt: mitten in Europa ist ein muslimischer Teilstaat entstanden. Das löst im benachbarten Serbien mehr Unbehagen aus, als westliche Beobachter nur ahnen. In diesem Land hat man das osmanische Joch nie ganz überwunden, und die dunkle Amselfeldhistorie wird auf fast schon pathologisch anmutende Art und Weise glorifiziert. Im Süden ist durch die eilfertige staatliche Anerkennung des Kosovo jenem unseligen, das Hauen und Stechen förmlich herausfordernden Mythos ein gefährlicher Vorschub geleistet worden. Der ´Mutterboden serbischer Nation´ war bereits vor jeder diplomatischen Fürsprache längst verloren: die Demographie hatte schon unverrückbare Tatsachen geschaffen. Nichts stimmt, nichts passt in diesem Zwergstaat. Ein renommierter Journalist fand die treffenden Worte, als er, eher salopp, erklärte, hier habe nicht der Staat eine Mafia sondern umgekehrt: die Mafia ihren eigenen Staat bekommen. Eine ideale Drehscheibe, schon jetzt, und in anomalen Zeiten kaum noch zu kontrollieren. Weiter angrenzend, in Mazedonien, bleiben die Spannungen zwischen christlichen Slawen und muslimischen Skipetaren latent, und wenn man von hier aus den Blick gen Westen wendet, ins chaotische Albanien, dann kann man gar nicht mehr umhin, fest zu stellen, das diese ganze Region heillos zerrüttet, instabil und unberechenbar geblieben ist. Man kann hier nicht ewig fragwürdige Protektorate unterhalten, so wenig wie im fernen Afghanistan, und irgendwann schlägt auch auf dem Balkan wieder die Stunde Null. Dann werden mafiose und ultranationalistische, fundamental-religiöse und Reste säkularer Gruppierungen in einen Sog gerissen werden, der alle rechtstaatlichen Fundamente fortspült und bei der Gelegenheit auch jede ausgleichende Diplomatie verunmöglicht. So war es schon in den Neunzigern, aber das hat man ja längst zu den Akten gelegt. Man denkt auch nicht gerne an jene endlosen Flüchtlingsströme zurück. Eine solche unkontrollierte Migration destabilisiert ja vor allem die jeweilige Nachbarregion und reißt diese in den Schlamassel mit hinein. Der Autor kann sich noch ganz gut an die vielen bosnischen Flüchtlinge erinnern, die in den Neunzigern in Kroatien auf recht unbürokratische Art und Weise in Hotels untergebracht wurden. Kroatien selbst lag am Boden, und die Hotels hatten am Ende nur mehr Schrottwert. Natürlich führte das zu erheblichen Spannungen, ohne dass es freilich zu nennenswerten Ausschreitungen kam. Man denke in diesem Zusammenhange auch einmal an Solingen und Hoyerswerda zurück, wo ohne erkennbaren Anlass ein Mob tollwütiger ´Bürger´ über völlig wehrlose Menschen herfiel. Keiner hatte damit gerechnet, und dann ging alles ganz, ganz schnell.
Wenn wir den Balkan ins Visier nehmen, müssen wir fairerweise feststellen: die Besorgung interner rechts-staatlicher Ausgleiche bleibt schwierig, kompliziert – zäh und nervenraubend. Das betrifft auch und gerade die territorialen Streitigkeiten, vor allem auf dem Balkan, und im Grunde kann man das ganze leidige Dilemma vorzüglich in Nahost nachstudieren; der Israel-Palästina Konflikt verdeutlicht tagtäglich, wie in einem Brennglas, die ganze Schärfe der Auseinandersetzung, dort dampft und raucht es stündlich. Man hat derlei Vorgänge bis vorgestern für unverbindliches Katastrophen-Kino gehalten; halbgares Geplänkel, in das man sich nach Lust und Laune rein und wieder raus zappt. Wer ahnt denn schon, dass derlei anachronistisch anmutende Asymmetrien in jeder Metropole gären und gedeihen?
Derlei ´Großstadtfieber´ muss nicht einzig ethnisch motiviert sein. Wer dächte da nicht an die aktuellen national-staatlichen Finanzdispute? Das ´einige Europa´ brennt bereits an seinen äußersten südlichen Ecken und Enden. Im Südosten ist es das vielgeschmähte Griechenland, der Südwesten ist durch das taumelnde Spanien ins Gerede gekommen, und Portugal kippt wohl bald nach. Die vielen Hausgemachten Probleme sind das eine, das andere ein beinahe epidemisch um sich greifender, wie Fieber grassierender finanzpolitischer Sozialdarwinismus, dem ganze Volkswirtschaften zum Opfer fallen. Eine Medienmeute heizt im Angesicht drohender Staatspleiten den ohnehin nie völlig zur Ruhe gekommenen Nationalismus an, hetzt etwa Griechen und Deutsche gegeneinander auf. Wenn es schon möglich sein darf, das diverse Rating-Agenturen Staaten in den Abgrund wetten und die vielen unbedarfte Entschlüsse seitens der ´hohen Politik´ Ressentiments schüren statt echten Ausgleich zu schaffen, wenn Verteilungskämpfe den ´Einigungsprozess´ konterkarieren, dann kann die ´Weltmacht EU´ (Günther Verheugen) so weltmächtig gar nicht sein. Man muss nicht so weit gehen zu vermuten, das ein Staat wie Griechenland unregierbar wird und in einen Dauerzustand der Revolte fällt (wer möchte hier übrigens von einem Frühling sprechen?), aber die Lage ist ernst; sehr ernst. Gerade das taumelnde Hellas wird ja von einem ohnehin unruhigen Nachbarn, der zunehmend re-islamisierten Türkei mächtig flankiert; und vom östlichen Europa strömen, durch zusätzliche transitäre Lockerungen begünstigt, Heerscharen von ´Wanderarbeitern´ nach Mitteleuropa ein. Der europäische Binnenmarkt leidet, betrachtet man ihn aus makroökonomischer Perspektive, unter einer fragilen, vor allem völlig unkoordinierten Gesamtverfassung, die bei größeren Schwankungen schwere gesellschaftliche Krisen auslösen dürfte. Die hemmungslose Osterweiterung hat, so gesehen, nur einer noch etwas größeren Freihandelszone das entsprechende Terrain gesichert. In Spanien haben, ein Beispiel, Niedriglöhner aus dem äußersten Osten Europas bereits die ´Vorhuten´ aus Afrika abgelöst. Nun ist Spanien ein Land, das sich mit einer Rekordarbeitslosigkeit von 21 Prozent herumschlägt; ein gutes Drittel der Binnenfläche wächst sich zur Wüste aus (woran eine katastrophal falsche Wirtschaftspolitik den nicht geringsten Schuldteil trägt) und wenn es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die so richtig vor der Wand steht, dann sind das die jungen Leute, auch und vor allem Akademiker. Solches muss zu inner-gesellschaftlichen Zerwürfnissen führen und wird im Ergebnis weitere Ausschreitungen zeitigen. Dann verschafft sich ganz von selbst eine diffuse Front aus Neid, Frust und Existenzangst ausgreifend Luft. In Großbritannien kam es ja schon zu schweren, ethnisch motivierten Tumulten. Die Progrome gegen Sinti und Roma (Italien) sind noch in bester Erinnerung, in Frankreich hat sich das amtierende Staatsoberhaupt ebenfalls dieser Minderheit angenommen, um kurzfristig punkten zu können. In den europäischen Ballungszentren wird es früher oder später ganz voll selbst knallen. Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister im Berliner Stadtteil Neukölln, ist ein umsichtiger, unaufgeregt agierender Kommunalpolitiker, dem man kaum mangelnden Eifer in Sachen Integration vorwerfen kann. Dem Tagesspiegel vertraute er schon vor Jahren an:“ Wir haben in Neukölln-Nord und Kreuzberg zehn arabische Großclans von etwa 500 bis 1000 Menschen, die alle der organisierten Kriminalität nachgehen. Das sind Parallelgesellschaften, in denen unsere Gesetze nicht gelten.“ Besonders schlimm sind die Zustände mittlerweile in britischen Großstädten. Wenn man, abschließendes Beispiel, den Aufstieg des vielgeschmähten Geert Wilders so recht begreifen will, dann muss man wissen, wie sich marokkanische Jugendbanden in Stadtteilen und Vororten der Niederlande gebärden. Eine Untersuchung der niederländischen Justizbehörde ergab schon vor elf Jahren, dass die Kriminalität im Lande die der Vereinigten Staaten von Amerika übertrifft, und es kann kein Zufall sein, das bestimmte Straftaten in ganz bestimmten Bezirken kumulieren. Schuld an allem ist natürlich immer der Staat, die Gesellschaft – das System. Merkwürdig: da hat man jahrelang gerade die Niederlande als Vorbild in Sachen Liberalität und Weltoffenheit gepriesen, das Schulsystem in den Himmel gelobt und den verstockten Deutschen vorgerechnet, wie ´Migranten-freundlich´ das soziale Netz gestrickt ist – ab sofort gilt das nicht mehr.
Um noch einmal auf den Osten Europas zu sprechen zu kommen: hier werden nicht nur konkurrierende Arbeitskräfte importiert; hier sickern zunehmend auch kriminelle Seilschaften ein, schaffen Strukturen und schaden dem Rechtsstaat. Unermüdlich und unter grossem persönlichen Einsatz recherchiert der Publizist Jürgen Roth seit Jahren auf diesem Feld, und seine Befunde sind besorgniserregend, alarmierend. Auch hier hat sich die Büchse der Pandora aufgetan. Vornehm formuliert: die judikative Gewalt gerät zunehmend ins Hintertreffen, und ihre verbindlichen Organe taugen immer weniger zur Einfriedung dieses verheerenden Komplexes. -
Die Stimmung kippt. Man kann es drehen und wenden wie man will: jene relativ bequeme, vor allem berechenbare Zeit der Bipolarität ist Geschichte. Der kalte Krieg fror ja die vielen Gegensätze ein, deren Reibungsflächen heute lauter empfindliche Brennpunkte zeitigen. Sie rechtzeitig zu verorten bleibt unabdingbar, ist aber noch nicht die Lösung, von der sich nicht einmal sagen lässt, ob es sie überhaupt in patenter Form gibt; geben kann.

Encore

Wenn man sich Gedanken über etwaige oder bestehende Spannungsverhältnisse zwischen Europäern und Muslimen macht, dann kann man kaum umhin, die jeweiligen Antipoden genau zu beobachten um aus den je gegebenen Besonderheiten auf das Missverhältnis zu schließen, dem man erklärend zu Leibe rückt. Die gewachsenen bzw. gewordenen Verhältnisse bestimmen alle weiteren und können nur als Richtschnur für jeden ehrlich gemeinten Ausgleich gelten. Um einen solchen Ansatz wird niemand herumkommen, dem wirklich an ziviler Einhegung sich häufender Problematiken gelegen ist. Im Europa des frühen 21. Jahrhunderts ist vieles im Fluss. Wenn man vor diesem Hintergrund zu verstehen versucht, was das für Leute sind, die in den letzten gut vierzig Jahren aus dem islamischen Kulturkreis nach Europa gekommen sind, dann muss man eben deren Selbstverständnis, ihr ´So-Sein´ analysieren, will man begreifen, warum es zu Irritationen kommt. Es gibt dieses Befremden, beiderseits, und es ist in Mode gekommen, jeden ernsthaften Versuch, das Phänomen an den eigenen, verbindlichen Maßstäben abzuarbeiten, pauschal als Islamkritik ab zu tun. Da wird das Gemeinsame herbei geredet oder zurecht konstruiert, andauernd, und alles übrige in Watte gepackt, um nur ja niemandem weh zu tun. Das tut selbst weh und ist im übrigen ziemlich billig, aber alle Welt scheint ständig darauf herein zu fallen.
Der Leser irrt, nähme er an, ich kritisierte oder verurteilte den Islam. So wenig, wie ich mir anmaße, irgendeine andere Erweckung religiöser Art ethisch oder moralisch abzuurteilen. Das Kastensystem des Hinduismus etwa, dessen Rigorismus jeden egalitären, auf fairen Ausgleich bedachten Ansatz im Keim erstickt, kann, aus rational-emanzipatorischer Sicht, so wenig genügen wie etwa eine Religion der Entsagung (Buddhismus), die dem fortschrittlich-dynamischen Selbstverständnis des 21. Jahrhunderts kaum entspräche, wiewohl sie ihm auch nicht im Wege steht. Ersteres ist ein teuflischer Anachronismus, letzteres vor allem von therapeutischem Interesse. Balsam für die Seele. Ersteres kollidiert in Indien mit dem von den Briten importierten System demokratischer Willensbildung und erscheint in den rückständigen ländlichen Gebieten als lähmender Traditionalismus, drückt bis heute jeden wirklichen Fortschritt. Letzteres hat, andererseits, nicht verhindern können, das die ihm angehörigen Völker und Kulturen (Fernost) wieder und wieder in rasenden Blutrausch verfielen. Das Christentum, Liebe und Gerechtigkeit predigend, konnte kaum verhindern, dass in seinem Namen ganze Völker ins Elend oder in den Untergang getrieben wurden. Entscheidend ist der Einfluss, den solche Systeme heute und in Zukunft ausüben werden; auf den Einzelnen und die ihn konstituierende Gesamtgesellschaft.
Es geht in den von mir angerissenen Zusammenhängen um die Frage, ob ein Ausgleich hergestellt werden kann zwischen rechtstaatlichen Prinzipien einerseits und religiöser Erbauung andererseits. Ist die Lehre absolut in ihrem Anspruch und kollidiert sie mit den Standards der jeweils anderen Kultur? Meine Einschätzung dürfte deutlich geworden sein. Niemand kann an einem solchen Befund unbekümmert vorüber gehen, frei nach dem Motto: es wird sich schon alles im passenden Rahmen ´einrenken´. Genau das tun die westlichen Eliten unentwegt: sie reden Probleme herunter und halten tief sitzende Differenzen für lösbar, was auf Anhieb gelogen, ja geheuchelt ist. In einer egalitären Gesellschaft, so glauben sie, vollzieht sich der Prozess der Annäherungen von selbst; vor Gott und der Welt, in Sachen Recht und Ordnung sind ja ohnehin alle gleich. Und das ist der ständige, der dauernde Widerspruch, geht es um den Islam: er soll gleichwertig sein, er muss; aber all das, was an ihm hakt oder nicht auf Anhieb passt, wir eben nicht mehr egalitär behandelt sondern umständlich entschuldigt, relativiert, von der ´Ebene auf Augenhöhe´ auf eine andere, auf die kultur-relativierende Ebene gestellt und so dezent aus dem Diskurs entfernt. Paradox: der Islam gerät zunehmend in die Kritik und wird doch in realitas immer ängstlich geschont bzw. geschönt…
Noch einmal: ich kritisiere ihn nicht. Ich suche nach Erklärungen. Noch weniger würde ich mich übrigens einen Kenner oder Experten schimpfen – Gott bewahre. Der so von sich dächte könnte gleich einpacken. Experten, das waren doch in den letzten Jahren immer solche, die posthum alles gewusst haben wollten und a priori andauernd daneben lagen; auf verlässliche Art und Weise. Man konnte die Uhr danach stellen. Das muss wohl daran liegen, das sie eben doch befangen, ja verstrickt sind; überhaupt so verliebt in ihr Studienobjekt, das ihnen schon die bloße Form vor Augen verschwimmt. Mein Ansatz ist viel bescheidener, auch ehrlicher. Ich versuche aus einer halbwegs rationalen (und damit ganz klar europäischen)Perspektive heraus Phänomene zu begreifen um zu verstehen, warum es Schwierigkeiten gibt – geben muss. Sucht man aufrichtig und unvoreingenommen das Gespräch mit Menschen muslimischen Glaubens, wird man rasch fest stellen, dass sie selbst, jeder für sich genommen, um vieles authentischer, auch ehrlicher sind als jene, die vorgeben, in ihrem Sinne zu handeln und zu sprechen. Man entdeckt den Menschen, den Einzelnen – das Individuum. Dort muss man ansetzen, und von da aus muss es weiter gehen, irgendwie. Nur das kann am Ende der Weg sein, wenn es überhaupt einen gibt, der aus der leidigen Sackgasse wieder heraus führt, in die uns Verbände und Parteien, Politiker und Funktionäre, Prediger und Parvenüs geführt haben. Indes: solches wird kaum verhindern, das es ein steiniger, unendlich beschwerlicher Weg werden wird. Das wird niemand zu verhindern wissen.

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