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| Erschienen in Ausgabe: No. 29 (3/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
M. Henry über die Kunst
von Róbert Karul
Die
Kunst, und vor allem die bildnerische Kunst, ist ein Gebiet, das für
die mit der Phänomenologie geformten Philosophen eine
ontologische Anziehungskraft hat. Die Einstellungen der Denker
sind verschiedenartig. Aus der Kunst wird ein Phänomen gemacht,
das ein dekadentes
Derivat
des Seins
oder des Lebens ist, dessen dynamisches Wesen wird eine
unveränderliche Form, diese entlastet eine Möglichkeit
der Entwicklung.i
Die Entität der Kunst kann man ins Zentrum eigener
metaphysischer Gedanken als eine Variation des Wesentlichen
anstellen, was eine Kompliziertheit formuliert, die wir mit dem Wort
der Mensch bezeichnen.ii
Im
Folgenden
versuche ich einen metaphysischen Gedanken M. Henrys und eine
Variation davon zu vergegenwärtigen, mit deren er die Kunst
greift bzw. assimiliert.
Das
Denken von M. Henry ist phänomenologisch. Es grenzt sich
sozusagen mit einer Erfassung der
Erinnerung an die Gegebenheit des Phänomens ab, ein Modus, mit
dem sich das Phänomen gibt und das wieder eine Beschaffenheit
des Phänomens als solches bestimmt. Der Komplex des
Phänomengebens fasst er als eine Affektivität oder als ein
Gefühlsvermögen auf. Mittels der Affektivität
wird das Phänomengeben durch und durch bestimmt. Das
Phänomengeben ist die Affektivität,
die also nicht etwas ist, was nur zum Ganzen des
Verständnisses
der Phänomenalität
beisteuert
und ihr Grund wäre aus dem
unaffektiven Stoff
gebaut.
Die
Affektivität nach M. Henry geschieht
wie ein Selbsterfahren oder Autoerfahren („l´autoépreuve“).
Das
Selbsterfahren ist ein universales Wesen der Wirklichkeit. M. Henry
verbindet es bei seiner
ersten Definition nicht mit irgendwelcher außerordentlichen
oder spezifischen Emotionalität. Das
Selbsterfahren bildet ein Begriffspaar oder ein Begriffsamalgam mit
dem Leben, dass das Wesen der Wirklichkeit bildet. Das Verständnis
der Phänomenalität liegt ausschließlich als der
Affektivität mit dem Verständnis der Wirklichkeit
ausschließlich als Selbsterfahrens,
als das des Lebens, übereinander.
Dieses ist alles auf dem ersten Blick ein homogenes Geschehen des
Selbsterfahrens, dessen Durchdringung sich nichts entzieht.
Um
das Selbsterfahren zu vergegenwärtigen, können wir als ob
aus dem gewöhnlichen Ansehen an den Affekt, an den
Sinn herauskommen. Dieses, als wäre es ein gewöhnliches
Geschehen des Affekts, findet
sich in dem, was wir mit der gewöhnlichen Sprache als die Welt
bezeichnen, zu welcher wie selbstverständlich das Wesen gehört,
statt. Irgendwelche Erscheinung erregt in uns, im Wesen, einen
affektiven Wiederhall. Es kann ein Objekt der Sehnsucht sein, oder
auch ein Objekt, deren Affektivität in keiner Sehnsucht, sondern
im gewissermaßen
Unbeteiligen liegt, das dennoch
kein Gefühlsvermögen erlöst. Das Phänomen hat
seinen Inhalt, mit dem es sozusagen eine Sehnsucht ausruft, von dem
aus wir zu dem Gefühlskorrelat weitergehen können
zum erfahrenden Leib, der selbstverständlich im Element
der Affektivität auftaucht. Hier ist es, als bricht eine
gewöhnliche Auffassung der Affektivität ab und schreitet
weiter fort wie schon im Raum des Denkens von Henry. Hier teilt sich
die Affektivität ab, in ihr inhaltliches Korrelat und auch
in ihr naives Verständnis des Leibs, der wie von außen
betrachtet wirkt. (M. Henry nennt es als ein Leibobjekt). Die
Affektivität ist keine Gegebenheit, kein Geben oder Donnation
des Dinges, sondern sie gibt sich selbst und ist auch keine
Gegebenheit des Leibobjektes. Die Affektivität gibt sich selbst,
dennoch ist aber der einzige Rezipient, der im M. Henry´s
Universum bekannt ist, die Affektivität. Diese gibt sich also
der Affektivität im Prozeß des Auto-selbst-erfahrens hin.
Dieses ist nach M. Henry das Wesen des Lebens. Das
Auto-selbst-erfahren ist trotz scheinbarer Doppelheit des Erfahrenen
und des Erfahrenden ohne jedweden
Spalt, jedwede Lücke, wohin das die Reflexion ermöglichend
Licht durchdringen kann, und soeben deshalb, weil das, was
erfahren ist und das, was erfährt, ist dasselbe. Das
Geschehen des Auto-selbst-erfahrens wickelt sich im Reich der
Dunkelheit ab, im Reich der Unsichtbarkeit. Bei der Bestrebung das
Selbsterfahren aufzufassen, können wir also nicht übermäßig
mit der Vorstellung helfen, dass die selbsterfahrene Affektivität
eine Affektivität ist, die über sich weiß, die bewußt
ist. Das Auffassen der Affektivität als das Selbsterfahren
bedingt Henry´s Kristallisierung
des Leibverständnisses. Der
Leib ist eigentlich das Selbsterfahren in der Unmittelbarkeit, die
ihm die un-bewußte Affektivität ergibt. Eine Reflektierung
der Affektivität, eine Aufarbeitung zum Leib und zu seinem Bild
durch das Wissen ist nur ein naives
Leibverständnis, mit dem wir den Bereich der Wirklichkeit
verlassen. Der
Leib ist in der Struktur von Henry´s Denken identisch mit dem,
was lebendig ist, mit dem Lebendem wie dem Substantiv. Der, welcher
lebend ist, ist der
Leib in seinem Selbsterfahren.
Die
Bestimmung des Wesens des Seins als des Selbsterfahrens und des
Lebens rekonfiguriert
sich die ganze Wirklichkeit: das Leben wie die einzige Realität
wird in der Klemmung, in der Zusammendrückung des
Selbsterfahrens erfahren. Das Leben ist
möglich nur wie das Erfahren, dem man nicht entfliehen kann, wie
die Affektivität, die keine Ausspannung ergibt und die ihre
Anwesenheit in jedem Moment
gibt.
Diese Zusammendrückung, die Klemmung, gestaltet ein
affektiver
Leib. M.
Henry
nennt das Leben Gottiii
und seine Lebensart in emotionalem Leib des Selbsterfahrens, ohne
das allerdings der Gott/das Leben unvorstellbar ist, nennt er als Das
Erste Lebende (lepremiervivant).iv
Der Gott, denen, welcher ist, also das pathetische Selbsterfahren,
erzeugt er Den Ersten Lebenden; in der emotionalen Intensität
des Leibes sind der Gott und Das Erste
Lebende gleichwertig, sie sind Einer. Das Erste Lebende erträgt
sich selbst (se souffrir)
in der pathetischen Geschlossenheit, die nach M. Henry eine
Freude/eine Liebe ist. Die Bedeutung des französischen Worts
souffrir,
das in dieser Position benutzt ist, ist in der ersten Reihe ein
Leiden. Aber Das Erste Lebende lebt eine pathetische Beengung des
Selbsterfahrens wie eine Intensität (der Freude/der Liebe), und
nicht wie eine Belästigung der unverlassbaren, unannullierbaren
Klemmung.
Der
Gott und Das Erste Lebende sind Eins. das Lebensgeschehen Der Ersten
Lebenden geschieht wie ein
affektive Leib. Der affektive Leib ist zugleich ein Leib jedes
menschlichen Wesens, deshalb jedes menschliche Wesen ist in seinem
Grund Das Erste Lebende. Die Klemmung,
der affektive Leibdruck Des Ersten Lebenden kann allerdings im
menschlichen Wesen freisetzen und diese Freistellung bedeutet die
Geburt des Egos des Selbsterfahrens
hineinträgt sich der Einriß
Des
Äußeres, die Welt und das Ego eröffnen sich und
bilden sich zugleich. Das Erfahrene und das Erfahrende teilen sich.
Das Ich hat sich selbst vor sich. Das Urselbsterfahren ändert
sich in die Sorge.Das Ich erfährt sich wie eine Sorge um
sich selbst. Das Leiden wie eine Potentionalität
der Selbstverträglichkeit
aktualisiert sich. Die Selbstverträglichkeit
beginnt in der Polarität von Freude und Leiden sich zu bewegen.
Das menschliche Wesen ist das aufgelockerte Selbsterfahren
damals, wenn in ihr ein Vermögen „können“ abwickelt,
das dem Urselbsterfahren Des Ersten Lebenden auf die Weise „ich
kann“
inhärent
ist. Das Ich wird gebieterisch, leitet nicht un-bewußt seine
Befähigung „können“ aus der Affektivität des
Lebens her, in der Beziehung zu deren es passiv ist, aber es nimmt
sich zum Grund und zum Aufkommen diesen „können“ an.
Der
Spalt, der zwischen Ich und „sich“ in dem aufgelockerten
Selbsterfahren entsteht, bringt dem „Ich“ keine Möglichkeit
sich selbst zu fliehen, das Ich bezieht sich zu sich selbst einmal im
Ansturm der Freude, andermal in der Dringlichkeit des Leidens. Der
Spalt im Selbsterfahren trägt nicht nur eine Negativität
des Leidens mit. Auch die Möglichkeit in einer Intensität
der Affektivität sich zu
erlösen.
(Eine zweite Degradation der Affektivität.) Schon keine Freude
und Kümmernis
des „bloßen“ Lebens, aber die in der Freistellung
des Selbsterfahrens wird
das entkräftende
Ich und die Welt des praktischen, utilitarischen Lebens, die Routine
(fast) ohne den affektiven Inhalt entstanden.
Das
praktische, utilitarische
Leben wie die Entkräfteste
Form des Lebens, eine Affektivität, ist noch immer eine
Affektivität, weil es noch immer das Leben ist. Das Leben, das
Selbsterfahren ist allgegenwärtig, aber M. Henry geht nicht um
jedwederes
Leben, unspezifizierte Affektivität, es geht ihm um die
Lebensintensivierung,
um das Leben Des Ersten Lebendes, denen das utilitarische
Leben nur ein blasser, taumelnder Abglanz ist. Die Intensifikation
des Lebens steigt empor durch die nochmalige Geschlossenheit des
Lebens im Selbsterfahren. Da
das Ich sich schon nicht als Herr seiner Fähigkeiten in „ich
kann“ fühlen kann, sonst diese Fähigkeiten wiedergeben
in der Schoß des Lebens, wo das egoistische Ich nicht ist.
Diese „Intensifikation“
ist die äußerste Lebensform, aber die Intensifikation
kann durch die Zwischenstufe fortsetzen und bemühen sich das
Leben auch in der Zusammentrennung des „Ichs“ und „sich“ zu
kräftigen. Während zu dem Ersten Lebenden wie dem
menschlichen Wesen, das ich bin, anleitet das, was wir „eine
Religion“ mit ihrem präferierten
Lebensarten
nennen, zur Intensifikation
in der Zwischenstufe (die schon
zu
das Extrem bringen kann) führt die Kunst. Die Religion schält
das Wesen aus den Formen der praktischen, selbstmittleren Welt aus,
und so mit den präferierten Verhaltensformen, wie die
Ehrerbietungv
und die Barmherzigkeitvi
sind, die das Wesen zum Gott zurückbringen. Dieses präferierte,
selbstvergessene Verhalten, präferierte
„Variationen“ der Affektivität, dem sind,
was das Erste Lebende ist. Wir prallen auf das Geflecht eines
Metaphysischen, Ästhetischen
und Ethischen
auf.
Die
positive Kunstaufgabenabgrenzung ist dieses Kräftigen der
Affektivität bis zum Paroxysmus,
bis zur Ekstase.
Die negative Abgrenzung ist das Verwischen der Weltdekadenz des
Utilitarismus.
M.
Henry
benutzt den Begriff der Welt nur im Zusammenhang zum Utilitarismus,
zur praktischen Besorgung, das seiner Meinung nach ein Schwächen
der Affektivität bis zur Grenze der Empfindungslosigkeit ist. Es
bedeutet nicht, dass er alle mögliche Extension
des gewöhnlich
benutzten Weltbegriffs negiert und nur als zu vergessende Schwächen
sieht. Die Kunst soll bereits den Mensch zur Auffassung der
Exteriorität
zurückbringen, zum ihren Erleben in der Interiorität,
zur Verflechtung der Interiorität
und der Exteriorität
in dem Sinn, dass nur das, was erfahren ist, ist wirklich. Falls wir
einen Ausgangspunkt
aufnehmen, dass nur das, was erfahren ist, wirklich ist, die
Interiorisation
wird eine Metapher auf die Weltadaptation aufgehört, weil die
Interiorität
und die Exteriorität
sich in der Affektivität untergehen, in der Affektivität,
in welcher uns die Welt gibt. Diese
in der Affektivität gegebene Welt nennt M. Henry dem
Universum.
Also,
es ist hier eine Affektivität, zu derer untrennbar das
Selbsterfahren im Schoß dieser Affektivität gehört,
und die Kunsttätigkeit, die sie ihr identifizieren
soll, und damit die Welt der Utilität
auf die ursprüngliche Welt der Impression,
der Eindruck, d. h. das Universums transformieren. M. Henry versteht
anfangs das
Objekt
wie einen Bestandteil ausschließlich der gewöhnlichen
Welt, der Welt der utilitarischen
Finalität und des trivialen Wissens/des Erkennens. Die
Impression ist nicht mit dem Objekt formiert und sie zum Objekt nicht
anstrebt. M. Henry erwähnt, dass V. Kandinsky eine Stadt im
gewissen Moment des Tages malen wollte, wenn sie mit dem Licht
durchströmen war, die sie mit dem einzigartigen Glück sich
fühlte, oder dass es eine erlebende
Lichtintensität auffassen wollte, die dem Wald durchschimmert
hat, und welche in ihm eine Ekstase
erregt hat. Noch immer in diesen Annäherungen demjenigen, worum
in der Kunst gehen soll, also in den Annäherungen des affektiven
Erlebens,
finden die Bezeichnungen der Objekten der gewöhnlichen Welt vor,
der Wald, die Stadt usw. Es ist aber deutlich, dass das, was die
Kunst auffassen soll und wie sie Erinnerung sein soll, sind die
affektive Zustände, die aus diesen Umständen ausgerufen
worden sind. V. Kandinsky wählt sich die Abstraktkunst aus. A.
von Briesen malt abstrakt die Musik, damit sie die Empfindlichkeit in
der Malerei, in der Zeichnung ausdrücken, die diese
Empfindlichkeit wieder aufrufen soll. V. Kandinsky malt nicht die
Stadt, nicht den Wald, sondern eine Affektivität, die durch sie
geschah. „Die Stadt“ und „der Wald“ wie die Objekte sind
nicht real. Real ist nur diese Affektivität. Das Spektrum der
Gefühle, die zwischen dem Wahrnehmenden und der Malerei/der
Zeichnung leben, ist breit bei V. Kandinsky und bei A. von Briesen.
Das Leiden ändert sich an der Freude. Die Freude verändert
sich in dem Leiden. Nur manche Bilder zielen auf die Empfindlichkeit
Des Ersten Lebenden.
Also
letztlich M. Henry (sowie auch V. Kandinsky) beschränkt nicht
die Fähigkeit die Funktion des Intensifikators
der Emotionalität zu erfüllen nur an die Abstraktkunst im
engen Wortsinn, so an die Abstraktion, die absolut ein Objekt des
normalen Lebens nachdruckt und ersetzt ihm mit der Emotionalität,
einfach gesagt, die in der Form und in der Farbe (V. Kandinsky), oder
nur in der Form (A. von Briesen) begreifen ist. Er behauptet, dass
nicht nur die Abstraktion, aber auch Realismus diese Macht hat, zwar,
nicht jeder Realismus, aber der Große Realismus, z. B. vom H.
Roussean.
Bei der Annäherung, warum der Große Realismus mit dieser
Wirksamkeit begabt ist, geht er so weit, dass er sagt, dass jede
Kunst gleichsam abstrakt und so affektiv ist. Als das Element der
Malerei kann allein Objekt anwenden sein und die Malerei bleibt in
diesem Fall eine abstrakt (sie abstrahiert von den utilitären
Finalität), wenn anwesende emotive
Resonanz des Element-Objekts dabei ist.
Wenn
die emotive
Resonanz der Malerei und des Universums gleichsam identisch sind,
dann kann die Malerei das auffassen was im Universum fehlt und eine
Affektivität schöpfen, die überhaupt im Universum
nicht enthalten
ist,
oder nur selten. Besser gesagt, nicht enthalten war, bei der
Herstellung des Universums, beteiligt nämlich auch die Malerei,
weil ihre Wesen gleichförmig
ist, es ist die selbsterfahrende
Affektivität. Mit dem Vergegenwärtigen der höchsten
Moden der Affektivität hat die Kunst einen Anteil an die
Erlösung des einzigartigen emotiven
Leibs, des einzigartigen Lebens.
i
So bei E. Levinas
am Anfang seiner Entwicklung.
ii
So bei M. Henry und M. Merlau–Ponty.
iii
Kapitel 3.
iv
Kapitel 4.
v
§ 39.
vi
Kapitel 9 und 10.
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