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| Erschienen in Ausgabe: No. 30 (4/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
von Robert Lembke
In diesem Jahr jährt sich der
Geburtstag des großen rumänischen
Religionswissenschaftlers Mircea Eliade zum einhundertsten Mal. Einem
fest etablierten Brauch innerhalb der kulturellen Sphäre
entsprechend, bietet ein solches Datum Gelegenheit, an einen, der der
Welt Wesentliches zu sagen wußte, zu erinnern. Dabei hielten
und halten sich die Erinnerungsgesten, die für den zu
Erinnernden selber ein willkommener Anlaß gewesen wären,
uns die Omnipräsenz religiöser Denkmuster vor Augen zu
stellen, in überschaubaren Grenzen: die konservative Zeitschrift
Sezession veröffentlichte ein Sonderheft zu Eliade, der
Insel-Verlag brachte eine kleine Werkauswahl und – last but not
least – erschien eine neue, ausführliche Biographie des
Gelehrten.1
Insgesamt jedoch blieb die Resonanz, verglichen mit den Jubiläen
anderer verblichener Geistesgrößen, eher gering. Dies hat
zweifellos darin seinen Grund, daß die Person Eliades höchst
umstritten ist; sowohl um seine Lehre als auch (noch mehr) um seine
Biographie gibt es intellektuelle Grabenkämpfe, die nicht selten
ideologischer Natur sind. Wie ein zufälliges Omen wirkt es da,
daß der 1986 verstorbene Eliade auf der Internetseite des
Suhrkamp/Insel-Verlages, bei dem viele seiner Schriften seit den 70er
Jahren verlegt werden, ohne biographischen Steckbrief präsentiert
wird, wie er sonst bei anderen Autoren üblich ist.
All dies soll Grund genug sein für
ein dem kritischen Denken verpflichtetes Organ wie die TABVLA RASA,
sich dem Phänomen ein wenig zu nähern.
Der geistig frühreife
Jugendliche wird in den frühen 20er Jahren Mitglied
verschiedener studentischer und intellektueller Zirkel in Bukarest.
1928 verläßt er Rumänien, für dessen nationale
und geistige Erneuerung er sich einsetzt, für drei Jahre, um in
Indien die alten religiösen Traditionen zu studieren. Nach
seiner Rückkehr versucht er zunächst, innerhalb des
politisch aufgeheizten Klimas in Europa eine unabhängige
Position zu bewahren. Im Jahr 1937 tritt er jedoch im Zuge der sich
verschärfenden politischen Kämpfe der
christlich-nationalistischen „Eisernen Garde“ bei und ist
aktiv an deren ideologischem Kampf beteiligt. Nach der repressiven
Zerschlagung dieser Gruppe (1940/41) konzentriert sich Eliade wieder
auf die Religionswissenschaft; seine Odyssee durch Europa führt
ihn über London und Lissabon schließlich nach Paris, wo er
unter schwierigen äußeren Bedingungen an weiteren Büchern
schreibt. Im Jahre 1956 gelangt er durch einen glücklichen
Zufall auf einen Lehrstuhl nach Chicago, wo er bis zu seinem Tode
1986 lehrt und internationale Berühmtheit erlangt.
Von besonderer Bedeutung sind
darüberhinaus noch zwei weitere biographische Fakten: Von
1961-1972 gibt er mit zusammen mit Ernst Jünger die Zeitschrift
Antaios heraus. Im selben Jahr, in dem die Zeitschrift
eingestellt wird, wird das Tagebuch eines rumänischen Juden
veröffentlicht, das Eliade als Antisemiten und überzeugten
Faschisten ausweist. Die Kreise, die diese Affäre gezogen hat,
können hier nicht nachgezeichnet werden; es scheint jedoch so zu
sein, daß Eliade diesen Aspekt seiner Biographie absichtlich
verheimlicht hat und nach dessen Publikwerden mehr oder weniger um
Schadensbegrenzung bemüht war, um weiter wissenschaftlich tätig
sein zu können.
Der kurze Blick auf die Biographie
zeigt, daß wir es hier offenbar mit einem Fall zu tun haben,
der m.E. strukturell gesehen zwischen dem von Martin Heidegger
und dem von Günther Grass liegt. Gemeinsam ist allen drei
Rezeptionsgeschichten zunächst die unumstrittene intellektuelle
Geltung des Autors, die von einer erst spät entdeckten
Verstrickung in den Faschismus getrübt oder – nach Meinung
einiger Kommentatoren – vollständig annulliert wird.
Während jedoch Heidegger zeitweilig aktiv, mit ganzem Einsatz
seines intellektuellen Potentials die Entwicklung des
Nationalsozialismus nach der Machtergreifung mitgestaltete und aus
diesem Grund sich nur die Frage stellt, wie groß und
weitreichend die Schuld ist, die er damit auf sich lud, wurde des
noch sehr jungen Grass’ Eintreten in die Waffen-SS mehrheitlich
als verzeihliche Jugendsünde abgetan.
Bei Eliade liegt die Sache nun etwas
anders: Sein dezidiertes Optieren für eine ohne Zweifel als
faschistisch zu qualifizierende Organisation wiegt zwar schwerer als
Grass’ vermeintlich irregeleiter Enthusiasmus der Jugend, aber
wegen der geschichtlich ausgebliebenen Wirkung seines Engagements
(d.h. der schnellen Niederlage seiner Gruppierung) offenbar doch
weniger schwer als die Entscheidung Heideggers für den deutschen
Nationalsozialismus, dessen ungeheure geschichtliche Schuld
unbestreitbar ist.
Die Umstrittenheit Eliades hat
jedoch nicht nur diese politische Seite. Ebenso gibt es eine
ernstzunehmende wissenschaftliche Kontroverse um seine Person: Mircea
Eliade war kein Wissenschaftler heutigen Typs. Er entsprach, wie
andere Denker seiner Generation, eher der Figur des universellen
Intellektuellen, der bestrebt ist, über die engeren Grenzen
seines Fachs hinaus zu wirken und zu lehren. Im Gegensatz zum
heutigen Wissenschaftler war er von seinem Gegenstand, dem
Religiösen, persönlich eingenommen, statt sich
distanziert-neutral zu verhalten. Zudem wirkte er nicht nur auf
wissenschaftlichem Gebiet, sondern veröffentlichte zahlreiche
Romane, in denen er seine persönlichen Erfahrungen mit einer
universalistischen Religionsphilosophie des „homo religiosus“
verquickt. Aus heutiger religionswissenschaftlicher Sicht in der
Kritik wegen seines spekulativen Zugangs zum Phänomen und seiner
affirmativ aufgeladenen Involviertheit in die Gegenstände,
bietet er dem Leser, der sich für „die Vielfalt religiöser
Erfahrung“ (William James) interessiert, wie sie sich in der
Geschichte der Menschheit in konkreten Praktiken manifestiert hat,
einen einzigartigen Zugang.
Das Werk Eliades enthält
nämlich neben detaillierten und gründlichen Darstellungen
einzelner religiöser Traditionen (z.B. Yoga. Unsterblichkeit
und Freiheit) auch kompendienartige Zusammenfassungen (Das
Heilige und das Profane. Über das Wesen des Religiösen).
Daneben gibt es wie erwähnt die Möglichkeit, in den
literarischen Werken Eliades einen Eindruck davon zu erhaschen, wie
sich für ihn die untergründige Anwesenheit des Religiösen
in der Moderne exemplarisch darstellt. Abschließend sei noch
darauf verwiesen, daß der bekannte Regisseur Francis-Ford
Coppola („Der Pate“) in diesem Jahr die Verfilmung eines
frühen Romans von Eliade fertiggestellt hat. Der Film, der heißt
wie das Buch: „Youth without youth“, wird voraussichtlich
im Frühjahr 2008 in die deutschen Kinos kommen.
1 Florin Turcanu, Mircea Eliade. Der Philosoph des Heiligen oder im Gefängnis der Geschichte, Schnellroda 2006.
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