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| Erschienen in Ausgabe: No. 30 (4/2007) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
Band I, Entwurf des Systems der Philosophie. Erste Abtheilung enthaltend die allgemeine Philosophie, nebst einer Anleitung zur Naturphilosophie, Jena und Leipzig 1804. Herausgegeben und eingeleitet von Thomas Bach und Olaf Breidbach, Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2007. LXXVII, 188 Seiten. ISBN 978-3-7728-2341-1.
von Stefan Groß
Die
Philosophiegeschichte geriert sich als Genese ihrer großen
Geister, die von Platon, Aristoteles über den deutschen
Idealismus hinaus bis hin in die Moderne greift, die also
Geistesgrößen in den Mittelpunkt stellt, deren Systeme
oder Systemansätze nicht nur dazu beitragen sollten, die
„Wirklichkeit“ besser zu verstehen, sondern auch
Lösungsansätze anbieten, wie die endliche Existenz sinnvoll
zu gestalten sei. Diesen Genies gilt die uneingeschränkte
Aufmerksamkeit der abendländischen Geistesgeschichte, sie werden
innerhalb des Wissenschaftsdiskurses immer wieder hofiert; Promotionen
zu Kant, Hegel und Nietzsche bleiben für die akademische
Karriere unverzichtbar. Dennoch: Es sind keineswegs nur die
renommierten Geistesgrößen, die einen wesentlichen Beitrag
zur Genese des abendländischen Denkens leisteten, sondern auch
jene Philosophen, die vom Wissenschaftsdiskurs weitestgehend
ausgeblendet wurden. Zu diesen gehört zweifellos der in
Thüringen geborene Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832),
Schüler von Fichte und Schelling und spätere Privatdozent
in Jena. Im Unterschied zu seinen akademischen Kollegen, Fichte,
Schelling und Hegel wurde er in der deutschen Philosophiegeschichte
kaum rezipiert. Dies verwundert um so mehr, lieferte er doch sowohl
methodisch als auch methodologisch einen originären Denkansatz
innerhalb des deutschen Idealismus, der sich als strikt vollzogener
Panentheismus auszeichnen läßt. Eines und Vieles, die
erkenntnistheoretischen Kategorien des Platonismus und
Neuplatonismus, werden dabei unter dem Gesichtspunkt eines tätigen
Theismus subsumiert. Sowohl die Explikation des Absoluten, seine
Entfaltung in den Kosmos also, als auch die sukzessive Annäherung
an den Urgrund des Seienden, der vom endlichen Subjekt zu leisten
ist, sind Zentralgedanken Krauses, wobei dem Absoluten oder Gott
hierbei nicht eine hypothetische, sondern eine
konstitutiv-ontologische Funktion zugeschrieben wird. Vor diesem
Hintergrund gilt es theoretische und praktische Philosophie dann
miteinander zu versöhnen.
Trotz
dieses spekulativ-neuartigen Ansatzes, der auch christliches
Gedankengut mit einbezieht, sind nur wenige Philosophiegeschichten im
19. Jahrhundert auf Krauses Vita, seine akademische Karriere und auf
sein hinterlassenes Schriftgut eingegangen. Erst in den letzten
zwanzig Jahren erlebt sein Denken eine Renaissance, das aber nicht in
der deutschen akademischen Tradition seinen Ursprung hat, sondern vom
spanischen Kulturkreis initiiert wurde. Für die
lateinamerikanische sowie spanische Welt ist und bleibt Krauses
Denken Fundament nicht nur in philosophischer, sondern auch
lebensweltlicher, d.h. insbesondere soziologischer, pädagogischer
und letztendlich moralischer Hinsicht; er ist ein Vordenker der
spanischen Republik und Demokratie.
In
der Fichtenachfolge und parallel zu Schellings Natur- und
Identitätssystem entwickelte Krause sein panentheistisches
Denkmodell, das einerseits in der Platonnachfolge steht, sich aber
andererseits darüber hinaus auch der kritischen Philosophie in
der Kantnachfolge verantwortlich weiß. Krause, und dies zeigt
seinen originären Zugang zur Philosophie im Gewand des
spekulativen Idealismus, ist eben kein Adept der
Transzendentalphilosophie kantischer Provenienz allein, sein Denken
läßt sich aber auch nicht auf die realistisch-ontologische
Position Platons verkürzen; Krause verbindet sowohl die
metaphysisch-ontologische Denkweise des griechisch-christlichen
Abendlandes als auch die Skepsis transzendentaler Letztbegründung
– das endgültige Ziel seiner Philosophie ist
panharmonische Einheit, die sowohl den transzendental-subjektiven
Ansatz als auch den metaphysisch-deduktiven berücksichtigt, bzw.
von diesem ausgeht, ihn sukzessive ergründet.
Vom
Subjekt hat einerseits also alle Philosophie ihren Ausgang zu nehmen;
mit diesem Postulat erweist sich Krause als Schüler der
kritischen Transzendentalphilosophie Kants. Umgekehrt aber muß
sowohl das Ich der Lebenswelt als auch der ganze Kosmos aus einem
Prinzip abgeleitet werden, das Krause als letzten und höchsten
Einheitsgrund postuliert. Dieses Prinzip begreift er eben als das
Absolute, oder religiös gesprochen – als das Göttliche.
Eine
Philosophie ohne einen letzten Einheitsgrund ist für Krause
undenkbar. Damit verabschiedet er sich auch vom Ansatz Kants, der die
Idee des Absoluten nur als regulative innerhalb der praktischen
Philosophie zulassen wollte, ihr aber keine Objektivität
zugestand. Gott ist für Krause eben keine hypothetische Annahme,
kein Als Ob, sondern objektiver Sach- und Erklärungsgrund.
Sofern Krause nicht nur für die Existenz eines Absoluten
plädiert, sondern die Welt aus diesem ableiten will, zeigt er
sich als Metaphysiker par excellence. Ihm geht es letztendlich darum,
Vernunft und Natur, d.h. die Vernunft- und die Naturphilosophie aus
einem obersten und absoluten Grund zu deduzieren, ein Unternehmen,
das ihn mit dem späten Fichte und mit dem reifen Schelling
verbindet.
Im
renommierten Frommann-Holzboog-Verlag erscheint nun unter
Federführung des spanischen Spezialisten Enrique M. Ureña
eine Edition ausgewählter Schriften Krauses, die auf sechs Bände
ausgelegt ist. Es soll, wie die Herausgeber hervorheben, nicht sein
Gesamtwerk (immerhin umfaßt dieses 256 Titel) editiert und
publiziert werden, sondern nur jene Schriften, die der Philosoph zeit
seines Lebens veröffentlichte. Dazu zählt auch die
Neuauflage seines einflußreichsten Werkes – Das
Urbild der Menschheit, in dem Krause
neben erkenntnistheoretischen Fragen eben seine Sitten- und
Soziallehre entwickelt, sein Vermächtnis einer
allgemein-gültigen moralischen Ordnung vorstellt. Das von Ureña
hier vorgelegte Corpus enthält darüber hinaus sowohl Texte
zur Naturphilosophie, zur Rechtsphilosophie als auch zur Ethik,
Ontologie und Metaphysik.
Wie
die Herausgeber betonen, soll mit dieser Edition „Krause in der
Geschichte der deutschen Philosophie allerdings nicht auf eine Stufe
mit den „drei Großen“ [gemeint sind Fichte,
Schelling und Hegel] gehoben werden, sondern diese Ausgabe möchte
vor allem dazu beitragen, daß sein Werk angemessen gewürdigt
und in seiner Rezeption und Wirkungsgeschichte im Inland wie im
Ausland sorgfältiger als bis jetzt geschehen untersucht wird
[…]“.
Im
gerade erschienenen ersten Band geben Ureña und Fuchs, die
Herausgeber, nicht nur eine Einführung in das Denken Krauses,
sondern setzen sich sowohl mit dem Stand der Forschung als auch mit
der Rezeptionsgeschichte dieses Denkers in Deutschland, Belgien,
Frankreich, Italien, Holland, Portugal und Lateinamerika auseinander.
Dabei wird deutlich, daß Krause doch nicht ganz so vergessen
war, wie es seitens der modernen Philosophiegeschichte gern
hingestellt wird, denn renommierte Denker, wie Immanuel Hermann
Fichte und Rudolf Eucken beispielsweise, sind es, die seine
Philosophie als Bereicherung der Idealismusdebatte begreifen, ja, ihm
einen originären Platz innerhalb des spekulativen Denkens
einräumen. So heißt es: Die „wissenschaftliche
Rezeption der Krauseschen Philosophie im Deutschland des 19.
Jahrhunderts“ ist „nicht so nichtig gewesen ist, wie man
oft denkt“.
Nicht
nur für jene, die mit der krauseschen Philosophie und ihre
Rezeptionsgeschichte vertraut sind, also wissen, warum gerade dieser
unbekannte Denker in Spanien für Furore sorgte, ist die
Einführung von Ureña von höchstem Interesse, sondern
auch für all jene, die im Rahmen philosophischen Denkens nach
letzten Antworten suchen, für die Philosophie nicht nur ein
Faktum von Geschichtsdaten ist, sondern die – ganz im Sinne
Krauses – die kritische Reflexion als lebensweltliches
Existential begreifen wollen.
Über
die Rezeption Krauses seitens der spanischen Philosophietradition
belehren die einführenden Kapitel, auch darüber wie und
warum sein Denkansatz „zur geistigen Grundlage der
Modernisierung Spaniens“ wurde und zu deren Entwicklung
beitragen konnte. Insbesondere Julián Sanz del Río,
Professor für Philosophie und Jura, der 1843 nach Heidelberg
kam, um die deutsche Philosophie zu studieren, sei es, so die
Herausgeber, zu verdanken, daß Krauses Denken auf der
iberischen Halbinsel Einfluß gewann. „Zu diesem Zweck
nahm“ Río „in seine spanische Heimat Krauses stark
theistisch fundierte Philosophie, seine liberale Gesellschafts- und
Staatslehre und seine auf die Erziehung des Menschen als
Menschen abzielende Pädagogik mit.“ Kurzum: Krauses
Staats- und Gesellschaftslehre war geeignet, um das Land aus den
starren Konventionen einer neoscholastischen Philosophie
herauszuführen, mit den überkommenen Dogmen und Praktiken
zu brechen. Welchen beträchtlichen Einfluß die Pädagogik
Krauses innerhalb der spanischen Gesellschaft hatte, zeigt die
Verehrung seitens der elitären Bildungsschicht, die Gründung
der freien Bildungsanstalt Institución Libre de Enseñanza
– die Lehrfreiheit wurde in der Nachfolge Krauses zum obersten
Bildungsprinzip erklärt, die zugleich in die Verfassung von 1876
aufgenommen wurde.
Laut
Ureña und Seidel ist es das Grundanliegen der Ausgabe
Ausgewählter Schriften,
ganz im Interesse einer allgemeinen „Philosophiehistoriographie“,
Krauses Denken einem größeren Publikum zugänglich zu
machen. Daß Krause beispielsweise einen maßgeblichen
Anteil an der Entwicklung der Pädagogik Fröbels hatte,
diesem Faktum wird dabei ebenfalls Rechnung getragen.
Um
dem ersten Band Ausgewählter Schriften einen
weiteren systematischen Tiefgang zu verleihen, daran haben die Jenaer
Wissenschaftsforscher Olaf Breidbach und Thomas Bach einen
maßgeblichen Anteil geleistet. Olaf Breidbach, Direktor
des Instituts für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und
Technik der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Thomas
Bach, Kustos des Haeckelhauses, untersuchen explizit Krauses
Naturphilosophie im Anschluß an Schelling. „Naturphilosophie
als Systemdeduktion“ – unter diesem Gesichtspunkt werfen
sie einen systematischen Blick auf Krauses frühe
Naturphilosophie, wobei Affinitäten als auch Differenzen zum
naturphilosophischen Ansatz Schellings immer wieder zentral in den
Blick genommen werden. Bereits 2005 erschien unter der Federführung
von beiden Autoren im Frommann-Holzboog-Verlag das Werk
Naturphilosophie nach Schelling, das „ein Maximum an
Information“ liefert.
Krauses Anleitung zur
Naturphilosophie, die nun Gegenstand des ersten Bandes der
Ausgewählten Schriften ist, verdeutlicht, so Breidbach
und Bach, daß es ihm nicht um eine Naturphilosophie als prima
philosophia geht, was ihn vom frühen Schelling unterscheidet,
der in Abgrenzung von Fichte das Projekt Naturphilosophie zur ersten
Angelegenheit machte. Die Philosophie der Natur begreift Krause
vielmehr als einen untergeordneten Teil einer allgemeinen
Wissenschaft, die er später Grundwissenschaft oder Metaphysik
nennen wird. Wie die Jenaer Forscher hervorheben, „bemüht
sich Krause dabei um ein umfassendes System der Philosophie,
wenngleich der Parallelismus zwischen Natur- und
Transzendentalphilosophie“ darin schwächer ausgeprägt
ist.
Wie Breidbach und Bach betonen,
steht zwar Krause einerseits in der Schellingnachfolge, sofern er
sich an dessen System des transzendentalen Idealismus anlehnt,
anderseits ist die Differenz gegenüber Schelling nicht zu
übersehen. – Krause will kein Adept sein, sondern originär
Wissenschaft betreiben, genaugenommen: seine Wissenschaftslehre
vorstellen. Seinen Zugang zum Thema Naturphilosophie findet er
letztendlich in einer „reinapriorischen Naturwissenschaft“,
die der empirischen Erkenntnis nicht bedarf, da sie von der Idee der
Natur auf die Besonderheiten derselben schließt. Synthetische
oder deduktive Naturphilosophie, dies ist es, was den Ansatz Krauses
ausmacht und ihn letztendlich auch von Schelling unterscheidet, der
der empirischen Naturforschung einen weitaus höheren Stellenwert
einräumte. „Damit wird auch verständlich, daß
die ‚Idee der echt wissenschaftlichen Methode’, zu der
Krause die ‚Deduction, Intuition und Construction’ zählt,
apriorisch bestimmt werden kann.“
Krause ist spekulativer Philosoph,
so das Resümee von Breidbach und Bach, der aus obersten, eben
metaphysischen Prämissen oder Axiomen seine Naturphilosophie
entwickelt. Daß er damit eine Naturphilosophie vorstellt, die
der Schellingschen konträr gegenübersteht, wird dabei nicht
als Manko verzeichnet, sondern als eigenständiger Zugang zur
Thematik gedeutet. Es geht nicht mehr darum, vom Besonderen, vom
Naturphänomen, auf das Allgemeine zu schließen, sondern
das Besondere aus dem Allgemeinen abzuleiten, es als Bild des
Absoluten zu deuten. Bei Breidbach und Bach heißt es dazu:
„Damit ist diese Naturphilosophie über ihre innere
Bestimmtheit in ihre Notwendigkeit gesetzt. Die im kantischen
Sinne eher noch zufällig gefundenen Kategorien einer Bestimmung
des Gegenständlichen sind durch ein in sich bestimmtes oberstes
Axiom ersetzt. Dieses oberste Axiom wird nicht in der
Naturphilosophie gesetzt, sondern in dieser nur zur Wirkung gebracht
und in der damit vollzogenen Explikation in seiner Geltung begründet.
Damit besteht für Krause dieses Axiom aus sich. Die aus diesem
Axiom abgeleiteten Bestimmungen des Gegenständlichen sind also
außerhalb und vor jeder Erfahrung konstruiert. Genau damit
gewinnt die Naturphilosophie nach Krause auch ihren
Begründungsstatus für andere Realwissenschaften. Sie
wird zu einer in sich prinzipiierten Bestimmung jedes Realen, von der
ausgehend nunmehr Anwendungslinien auch über die Naturforschung
selbst hinaus zu spannen sind. Naturphilosophie wird also nicht mehr
in ihren Anwendungen in den Naturwissenschaften thematisch, sondern
erlaubt nunmehr über ihre Prinzipien eine neue Art der
naturwissenschaftlichen Prinzipiierung philosophischer Gedankengänge.
Hierin ist die Naturphilosophie Krauses originell. Zugleich ist sie
hierin problematisch.“
Resümierend ist festzuhalten:
Die neue Edition und die einführenden Texte verschaffen dem
Leser einen guten Einblick in das Denken Krauses; sie sind und
bleiben für all jene interessant, die sich für die „leisen“
Denker des deutschen Idealismus interessieren, für die die
„Randgänge“ in die Philosophie Entdeckungen sind,
die fernab der großen Rezeptionsgeschichte vollzogen
wurden. Darüber hinaus fasziniert immer wieder die originäre
Art, die Krauses Denken auszeichnet, das ewige Ringen nach dem Sinn
des Lebens, der Kampf mit und um die Wahrheit. Krause erweist sich –
modern gesprochen – als Existentialist, dem die Philosophie zum
Schicksal wurde, dem von Seiten des Establishments in Deutschland nie
Anerkennung gezollt wurde, der aber eine andere Welt begeistern und
inspirieren konnte. Was ihm in Deutschland nicht vergönnt war,
diese Anerkennung wurde ihm durch die spanische Welt zuteil.
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