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| Erschienen in Ausgabe: No 67(9/2011) | Letzte Änderung: 23. August '11 |
von Steffen Dietzsch
Wir sind immer noch ziemlich
irritiert über die augenscheinlich gänzlich emotionslosen Tötungsabläufe des
jungen Massenmörders von Oslo. Was in jener Stunde dort die mit Bosheit
unerfahrenen, wehrlosen Kindern und Jugendlichen über sich ergehen lassen
mussten, ist in Europa beispiellos. Es ist nicht vergleichbar mit der sexuellen
Explosion des Serienmörders Haarmann (der vor 80 Jahren zwei Dutzend Knaben
zerfleischte), wohl auch nicht mit den schulpflichtigen Amokläufern von heute.
So ist man massenmedial fast dankbar, dass von ihm ein paar
Begründungselaborate die Runde machen. Doch hier scheiden sich dann die
Geister. Wer danach – ‚da-haben-wir-ja-Tatdenkzeuge’ –-: wie nach einem
‚hermeneutischen’ Strohhalm greift, könnte eigentlich sicher sein, das ihm der
Hintergrund dieses Verbrechens verschlossen bleibt. Schon weil Theorie & Praxis natürlich nie auf
solch naturalistisch-milieutheoretische Weise zusammenhängen. Daraus ergeben
sich höchstens – als Kollateralschäden jener Tat – diverse
Denunziationsvorwürfe an die üblichen, politisch-inkorrekten Verdächtigen.
Dieser Kindermord von Oslo lässt
sich letztlich überhaupt nicht aus naheliegenden politisch-extremistischen Motivlagen
‚erklären’, obwohl es natürlich eine extremistische Tat par excellence war. Die,
so könnte man es nennen, Gegen-Gesinnung
des Täters (die ihn seine Opfer finden lässt) hat wohl ‚tiefere’, nicht mehr verhandelbare
Überzeugungsgründe. Die sind ihrerseits allerdings gar nicht so neu. Die
verkörpern ein Typus von Abwendung gegenüber der jeweiligen (sozialen,
kulturellen, Lebens-)Gegenwart, den es immer in der Moderne seit den letzten
hundert Jahren gegeben hat. Dieser Abwehrgestus gegenüber der Moderne bedient
sich zeitübergreifend hygienischer
Metaphorik. Die ganze politische und technologische Gegenwart sei (so hören
wir seit dem Vormärz!) ein schmutziges Massiv, unrein, hybrid, verdorben,
lebensfeindlich, über-(& ent)fremdet. Reinheit
sei also das allererst Gebotene, – in der Nation, in der Familie, in der
Kultur, in der Sprache, in der Technik, in der Religion, in der Person (Rasse
oder Klasse). Die wirkungsmächtigen Zivilisations- und Kapitalismuskritiker beanspruchten
für sich, so gegensätzlich sie auch untereinander waren, immer dieses Reinheits-Postulat: als die erlösende Reinheit der Eigentumslosen (im
Bolschewismus, Pol-Potismus, Maoismus), die arische Reinheit (des europäischen Nationalsozialismus), die völkische und
konfessionelle Reinheit (in
Theokratien), bis hin zur Reinheit
des Blutes (in Familien). Gerade dagegen hat Nietzsche schon seine Warnung
erhoben, nämlich „dass der Begriff reines
Blut der Gegensatz eines harmlosen Begriffs ist.“
Der Mörder von Oslo hat
offensichtlich solche ‚felsenfeste ‚Überzeugungen’ der Reinheit [die, auch nach
einem Diktum von Nietzsche, sowieso in’s Irrenhaus gehören …]. Die sind
natürlich, wie man es bis zum Überdruss hört, ‚krude’, ‚verschroben’, etc. Aber
es sind eben unverrückbare Positionen, die dem Mörder immer eine Sicherheit
geben, auf die wir lebensweltliche Relativsten mit klammheimlichen Neid
schauen. Und so suchen wir verdrossen nach etwas ‚an-Stelle-dessen’, auf das
wir unsere Abwehr richten können.
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