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| Erschienen in Ausgabe: No. 31 (1/2008) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
Über menschliche Erkenntnisfähigkeit
von Peter Lemar
Mit
Wahrheiten ist das so eine Sache. Meist sind sie bitter. Sie nehmen
keine Rücksicht auf menschliche Eitelkeiten. Deshalb will man
sie oft nicht wahrhaben, man verdrängt sie oder verschweigt sie.
Lieber lebt man mit der Lüge. Das gilt im Kleinen wie im Großen
und vor allem dann, wenn Paradigmen, ja ganze Weltbilder einstürzen.
So auch im Fall von Kurt Gödel.
Ich
stieß das erste Mal als Student auf den Namen Kurt Gödel.
Ich glaube, es ging damals um den Wahrheitsbegriff und um das
Paradoxon des Epimenides. Anhand dieses einfachen Beispiels war mir
klar geworden, was Gödel in der Sache gemeint hatte. Mir fiel
dazu ein Spruch ein, den wir in der Schule aus Quatsch auf Tische und
Bänke gekritzelt hatten, nämlich der Satz:
Wer das liest ist doof!
Der Satz des Epimenides ist natürlich noch viel raffinierter. Er lautet:
Alle Kreter sind Lügner.
Wenn man nun den Wahrheitsgehalt dieses Satzes prüfen will, passiert folgendes: Angenommen, der Satz wäre wahr, also alle Kreter sind Lügner, dann ist seine Aussage falsch, denn Epimenides ist selbst Kreter, folglich lügt er. Und angenommen, der Satz wäre unwahr, also alle Kreter sind keine Lügner, dann lügt Epimenides mit seiner Aussage, alle Kreter seien Lügner. Wie man es auch dreht und wendet, Epimenides lügt in jedem Fall. Vorausgesetzt natürlich, ein Lügner lügt immer. Die Wahrheit oder Falschheit des Satzes lässt sich daher nicht beweisen. Jedenfalls nicht von einem Kreter. Nichts anderes hat Gödel mit seinem Unvollständigkeitssatz logisch-mathematisch bewiesen. Er besagt, dass die Widerspruchsfreiheit eines Systems selbst zu jenen Aussagen gehört, die innerhalb dieses Systems unbeweisbar sind. Oder anders:
Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit herangezogen werden.
Gödels Leistung
besteht also darin, die Aussage, die Mathematik sei
widerspruchsfrei, in einer mathematischen Formel auszudrücken
und gleichzeitig zu beweisen, dass diese Formel nur unter einer
Bedingung ein Satz ist – also wahr ist –, nämlich dann, wenn
die Mathematik in sich widerspruchsvoll und damit unvollständig
ist. Das heißt, Gödels Beweis beruht im Grunde auf einem
selbstbezüglichen mathematischen Satz, der in Anlehnung an
den Satz des Epimenides eine selbstbezügliche Aussage
hat. Allerdings ist es sehr viel einfacher, in der Sprache über
die Sprache zu reden, als mit Zahlen über eine Zahlenaussage.
Dazu bedurfte es schon eines Genies, um allein die Idee der
selbstbezüglichen Aussage mit der Zahlentheorie in
Verbindung zu bringen. In Anlehnung an die Aussagenlogik sei hier nur
der Kern seiner Idee skizziert.
Zunächst muss man
wissen, dass es bei mathematischen Aussagen der Zahlentheorie,
also der Theoria Numerorum Typographica um Eigenschaften
ganzer Zahlen geht. Wobei eine Aussage der Zahlentheorie nichts über
eine Aussage der Zahlentheorie aussagt; sie ist bloß
eine Aussage der Zahlentheorie. Das ist das Problem. Aber Gödel
erkannte, dass eine zahlentheoretische Aussage durchaus etwas über
sich selbst aussagen kann, wenn man nur irgendwie bewirken könnte,
dass Zahlen Aussagen repräsentieren. Deshalb ließ sich
Gödel einen Code einfallen, in dem die Zahlen für Symbole
und Symbolfolgen stehen. Diese sogenannte Gödel-Numerierung
ordnet jeder Aussage der Zahlentheorie eine Art Autonummer zu. Dieser
Kunstgriff ermöglicht es, dass man zahlentheoretische Sätze
auf zwei verschiedenen Ebenen verstehen kann: zum einen als
zahlentheoretische Aussage, und zum anderen als Aussage über
zahlentheoretische Aussagen. Nachdem nun Gödel dieses
Codierungsschema gefunden hatte, übertrug er die Paradoxie
des Epimenides ins zahlentheoretische System. Unterm Strich kam dabei
heraus:
Zu jeder -widerspruchsfreien rekursiven Klasse K von Formeln gibt es rekursive Klassenzeichen r, sodass weder vGen r noch Neg (vGen r) zu Flg (K) gehört (wobei v die freie Variable aus r ist).
Damit
stand fest, dass das System der Principia
Mathematica unvollständig ist. Nur im
Unterschied zum Satz des Epimenides, dessen Aussage ja weder falsch
noch richtig ist, ist der Gödel-Satz unbeweisbar, aber wahr.
Diese Tatsache schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel, war man
doch bis 1931 davon ausgegangen, die Mathematik sei ganz einfach nur
ein Teil der Logik und umgekehrt. Es war der Traum vieler
Mathematiker – insbesondere der von David Hilbert –, eines Tages
sowohl die Widerspruchsfreiheit als auch die Vollständigkeit des
gesamten mathematischen Systems beweisen zu können. Dann hätte
sich jeder wahre Satz der Zahlentheorie innerhalb der Principia
Mathematica ableiten lassen. Dieser Traum war nun ein für alle
Mal ausgeträumt. Schlimmer noch: Gödels Beweis gilt sogar
für jedes verwandte, also axiomatische System. Kurz, Gödel
zeigte, dass Beweisbarkeit ein noch viel schwächerer Begriff ist
als Wahrheit. (Und selbst der Wahrheitsbegriff lässt sich formal
nicht definieren, was Alfred Tarski wenig später bewies.)
Die
Konsequenz dessen ist immens. So immens, dass sie an den Grundfesten
der Wissenschaft rüttelt, ja überhaupt an der
Wahrhaftigkeit menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Als sich Gödel
kurz nach Bekanntwerden seines Satzes mit dem berühmten
Mathematiker Ernst Zermelo traf, der sich mit Axiomen und
Zahlentheorie befasste, meinte der, er hätte ebenfalls Gödels
Ergebnisse gefunden, sie jedoch nicht veröffentlicht. Mit Gödels
Übertragung der Antinomie des Lügners auf die Zahlentheorie
brach gewissermaßen eine Welt zusammen. So verwundert es nicht,
dass Gödel von Kollegen und Zeitgenossen abgelehnt wurde. Zum
Ende des 20. Jahrhunderts war er so gut wie vergessen.
Erst
durch Douglas Hofstadters Buch Gödel,
Escher, Bach – Ein endlos geflochtenes Band
erlebte Gödel eine Renaissance. Aber kaum einer weiß, dass
er sehr eng mit Einstein befreundet war. Beide emigrierten nach 1933
in die USA und trafen sich in den vierziger Jahren in Princeton, am
Institute of Advanced Study. Sie unternahmen oft stundenlange
Spaziergänge und sprachen dabei über physikalische und
mathematische Themen. Zu Einsteins 70. Geburtstag soll ihm Gödel
eine Formel geschenkt haben, nach der Zeitreisen in die Vergangenheit
möglich wären. Einstein war schockiert und ließ sie
in der hintersten Ecke seiner Schreibtischschublade verschwinden.
Diese Glosse ist bemerkenswert, weil sie unverblümt zeigt, dass
selbst das unorthodoxe Genie Einstein für das Genie Gödel
noch zu orthodox war. Und während Einstein schon zu Lebzeiten im
Ruhme schwelgte, starb Gödel im Elend. Die letzten Jahre musste
ihm seine Frau, die einstige Nachtclubtänzerin Adele Porkert,
immer das Essen vorkosten, weil er unter dem Wahn litt, vergiftet zu
werden. Er glaubte, auf der schwarzen Liste zu stehen, fühlte
sich verstoßen und geriet immer mehr in eine extreme
Selbstbezogenheit, die am Ende paranoide Züge annahm. Als Adele
selber ins Krankenhaus musste, verhungerte er.
Der
Fall Gödel zeigt auf tragische Weise, sozusagen symbolhaft, dass
es aus der inneren Logik der Selbstbezüglichkeit kein Entrinnen
gibt. Die Wahrheit findet sich eben nicht immer empirisch, durch
Anschauung und Erfahrung, sondern manchmal auch gar nicht. Selbst
wenn man einen Sachverhalt von einer höheren Ebene aus
betrachtet, am Dilemma ändert das nichts. Solange der Mensch
selber zum System gehört, kann er seine Bewusstseinsgrenzen
nicht überwinden. Das könnte nur ein Deus-Ex-Machina, eine
Maschine, die in der Lage wäre, das menschliche Bewusstsein zu
transzendieren. Eine Utopie ist das mittlerweile nicht mehr, denn
künstliche Intelligenz ist längst im Anmarsch. Eines Tages
wird sie, so glaube ich, unweigerlich Goethes Zauberlehrling
auf den Plan rufen, aber sie wird auch einen noch gar nicht
absehbaren Erkenntnisschub bewirken. Der Mensch wird in neue
Dimensionen vorstoßen. Aber auch die werden nicht der Weisheit
letzter Schluss sein. Denn Gödels Satz lässt uns erahnen,
was die Welt in Wahrheit ist: etwas zutiefst
Irrationales! Insofern ist Erleuchtung tatsächlich nichts
anderes als die Überwindung des Dualismus, die Aufhebung der
begrifflichen Aufspaltung der Welt in Kategorien. Sprache
verdeutlicht das, weil jedes Wort eine begriffliche Kategorie
repräsentiert. (Ein total deformierter Ball ist immer noch ein
Ball, ein zerknülltes Blatt Papier immer noch ein Blatt.) Nicht
anders verhält es sich mit unserer Wahrnehmung. Sie ist
naturgemäß ein dualistisches Phänomen, weil wir,
sobald wir ein Objekt wahrnehmen, einen Strich zwischen diesem Objekt
und der übrigen Welt ziehen, das heißt, wir spalten die
Welt künstlich in Teile.
Ob
wir also jemals erkennen werden, was das Universum ist, bleibt
fraglich. Und selbst wenn wir es durchschauen könnten, dann
könnten wir es noch lange nicht beweisen. Trösten wir uns
also vorerst damit, dass bestimmte Dinge keines Beweises bedürfen,
so wie sich auch Liebe nicht beweisen lässt, und jeder Mensch,
der je geliebt hat, weiß das. Und pfeift drauf – dank Gödel.
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