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| Erschienen in Ausgabe: No. 31 (1/2008) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
von Olejniczak Lobsien, Verena/ Olk, Claudia (Hg.), de Gruyter, Berlin, New York 2007. ISBN: 978-3-11-019225-4
von Stefan Lorenz Sorgner
Die
Artikel des Bandes „Neuplatonismus und Ästhetik“ sind
durchweg von hoher Qualität. Bei der Lektüre wird sofort
bemerkbar, dass die Autoren führende Forscher auf ihrem
jeweiligen Gebiet sind. Jedoch weist der Band einen Mangel auf, den
er mit den meisten Tagungsbänden teilt: Er ist nicht
durchkomponiert (eine klare Struktur ist nicht vorhanden), er
vernachlässigt zahlreiche wichtige (Renaissancekunst, deutscher
Idealismus), behandelt einige weniger zentrale Themen und wiederholt
mehrmalig einige bekannte Positionen der Philosophie Plotins (dass
das Schöne bei Plotin nicht in erster Linie mit der Symmetrie
verbunden ist), dabei gibt er jedoch keine komplexere Darstellung
seiner Position. Der Leser erhält daher ein einführendes
Verständnis der Konzeption des Schönen im Neuplatonismus
und dessen Rezeption bei einigen in der vorhandenen Literatur in
diesem Zusammenhang nur selten behandelten Autoren. Ein
durchkomponierter Band zu diesem spannenden Thema, in dem die
Konzepte des Schönen neuplatonischer Philosophen der Spätantike
(Plotin, Iamblich, Proklos, Porphyrios, Dionysius Areopagita) und der
Renaissance (Ficino, Pico), Renaissancekünstler und
-kunsttheoretiker (Alberti, Castiglione, Palladio), Barockkünstler
(Carracci) und deutscher Idealisten (Hegel, Schelling) jeweils in
einem Artikel dargestellt werden bleibt ein Desiderat.
Besonders
lesenwert und von herausragender Relevanz für das Thema sind die
Artikel von Jens Halfwassen („Schönheit und Bild im
Neuplatonismus“), Arbogast Schmitt („Symmetrie und Schönheit:
Plotins Kritik an hellenistischen Proportionslehren und ihre
unterschiedliche Wirkungsgeschichte in Mittelalter und früher
Neuzeit“) und Thomas Leinkauf („Der neuplatonische Begriff des
‚Schönen’ im Kontext von Kunst- und Dichtungstheorie der
Renaissance“).
Halfwassen
stellt in seinem Beitrag dar, dass Schönheit im Neuplatonismus
stets im Erscheinen und Sich-Zeigen liegt, wobei er auch auf die
Bedeutung des Bild-Abbild-Verhältnisses bei Platon eingeht.
Hieran, so Halfwassen, werde deutlich, dass Schönheit in diesem
Denken stets von metaphysischer Relevanz und mit dem „Erscheinen
des Einen, als Vorschein des Absoluten“ (S. 44) verbunden sei, was
wiederum in der Kunst und Schönheit der sinnlich erfassbaren
Welt geschehe. Bei Dionysius Areopagita könne man das folgende
Konzept des Schönen finden, das deutlich Platons Aussagen zum
Schönen im „Symposium“ rezipiere: „Schönheit ist ein
universaler Charakter alles Seienden“ (S. 45), „Schönheit
ist für das Sein alles Seienden konstitutiv“ (S. 46),
„Schönheit ist Manifestation des überseienden absoluten
Einen“ (S. 46). Prägend für die Schönheitsmetaphysik
sei die Konzeption des Begründers des Neuplatonismus, Plotin,
gewesen. Alles Seiende sei bei Plotin zwar schön, jedoch müsse
die Schönheit abgestuft werden, da sie auf Einheitlichkeit
beruhe. Je höher nun das Maß der Einheitlichkeit bei einem
Seienden sei, desto schöner sei der betroffene Organismus. Da
eine immaterielle und teilbare Seele ein größeres Maß
an Einheit habe als ein Organismus, sei auch deren Schönheit
größer. Eine noch höhere Stufe an Schönheit
komme der Idee als „ewige und unzeitliche Einheit eines reinen
Wasseins“ zu. Den im Geist, im nous, sich befindenden Ideen
komme bei Plotin die höchste und ursprünglichste Schönheit
zu. Allgemein ließe sich weiterhin hinzufügen, dass je
schöner etwas ist, es auch „seiender“ und einheitlicher ist.
Sein sei hier der „Inbegriff aller Bestimmtheit“ (S. 49), weshalb
auch reines Sein ohne Schönheit nicht gedacht werden könne.
Die Ebene des Geistes ist selbstverständlich nicht die höchste,
sondern sie ist nach Plotin ein „Bild des Einen“ (V, 1, 7, 1).
Das Eine wiederum bleibe „jenseits aller Bestimmungen und jenseits
allen Seins“ (S. 50). Außerdem wirke das Eine, das der
Ursprung von allem sei, einen Zug aus, der sich im Geist als
Schönheit zeige. Die sich auch in der sinnlichen Schönheit
manifestierende erotische Anziehungskraft repräsentiere
letztlich das „Angezogenwerden durch das Absolute“ (S. 51). Dem
Absoluten, dem Einen komme Überschönheit (VI, 7, 33, 20)
zu, „Schönheit über Schönheit hinaus“ (S. 51). Von
ihrem Ursprung her sei Schönheit keine Form oder Struktur, da
auch das Eine aller Bestimmtheit vorausgehe. Jede Form und Struktur
sei somit nur ein Erscheinen der „ursprünglich formlosen
Schönheit“ (S. 52). Auf dieser Grundlage entwickle Plotin eine
von Platon abweichende Kunstphilosophie. Wahre Kunst imitiere keine
Naturgegenstände. Vielmehr gehe der Urheber solcher Kunst analog
der Natur vor und könne das Wesen, die Idee unmittelbar schauen.
Die Konzeption habe mindestens drei Implikationen: In der geistigen
Anschauung des Künstlers sei die Schönheit in höherem
Maße als im Kunstwerk; der Künstler ahme im Rahmen des
Produktionsprozesses den göttlichen Geist nach, der sich selbst
anschaue und so die Natur erschaffe; wie die Ideen im absoluten
Geist, so könne man auch die Ideen im Kunstwerk nicht diskursiv
begreifen, sondern intuitiv anschauen. Auf diese Weise rehabilitiere
Plotin Platons Kritik an der Wahrheitsfähigkeit der Bildkunst.
Schmitt
thematisiert Plotins Ablehnung, dass Schönheit in symmetrischen
Maßverhältnissen bestehe, was Platon und Aristoteles
hingegen bejahten. Dass Plotin diese platonisch-aristotelische
Position kritisieren wollte, sei jedoch unwahrscheinlich, da er seine
Schriften als erklärende Auslegung von Platons Philosophie
verstanden habe. Schmitt bemüht sich darzulegen, dass Plotin ein
vor allem von der Stoa vertretenes Schönheitskonzept, das im
damaligen Zeitgeist vorherrschend gewesen sei, habe kritisieren
wollen. Gemäß dem stoischen Konzept sei die Schönheit
nicht in einzelnen Elementen sondern stets in dem Verhältnis der
Teile einer Sache zueinander zu finden. Plotin betont hingegen, dass
auch etwas Einfaches schön sein könne, wie etwa ein Ton
oder eine Farbe. In der Schönheit manifestiere sich stets das
Wesen einer Sache und dieses habe weder Form, Farbe noch Struktur.
Auch die Seele sei dem wesenhaften Sein verwandt, weshalb sie, wenn
sie etwas Schönes erblickt, die Ähnlichkeit mit dem, was
wesenhaft ist, erkenne und sie das Schauen des mit ihr Verwandten
erfreue und anziehe. Nicht die Proportionen, die sich aus
festgelegten Zahlenverhältnissen ergeben, seien verantwortlich
für die Schönheit, sondern die Gegenwart des Widerscheins
der Form, des Wesen, der Idee einer Sache. Die Erinnerung an die Idee
gründe die Liebe zum Schönen und zeichne die höheren
Sinne, Auge und Ohr, und deren im Geist befindlichen Fundament aus.
In der Idee könne man zwar keine Entsprechung der äußeren
Symmetrie finden, jedoch lehne Plotin es auch nicht ab, dass sich
Schönheit in der Symmetrie der Teile ausdrücken könne.
Nur bestehe das Wesen der Schönheit nicht in der Symmetrie, d.h.
in bestimmten Größen- und Zahlenverhältnissen, wie
dies von der Stoa vertreten worden sei. Im Gegensatz zum
Neuplatonismus Plotins sei das Konzept der Schönheit des
Renaissance Neuplatonismus sachlich näher mit der stoischen
Weltdeutung verwandt.
Auch
Leinkauf geht auf die Ablehnung der Proportionalität, Symmetrie
und Wohlgefügtheit als Wesen der Schönheit aus
neuplatonischer Sicht ein und betont die Relevanz der Idee für
die Schönheit, weshalb die Schau der Idee durch den
intellektuell befähigten Künstler dessen Potential
ausmache. Im Zentrum seiner Abhandlung stehen kurze Darstellungen der
Konzeptionen Plotins, Albertis, Ficinos und Brunos. Von zentraler
Relevanz für die Schönheitskonzeption Plotins sei, dass
eine Form/Idee einen Stoff vollständig durchdringe. Wenn man
davon ausgehe, dass Schönheit in der Proportion begründet
liege, könne es nichts schönes Einfaches und auch nichts
schönes Vielheitliches geben, in dem nicht das Vielheitliche
eines angemessenen Verhältnisses hinzugetreten sei. Er hält
es jedoch für erwiesen, dass es Einfaches und Vielheitliches
gibt, was schön ist, ohne dass das Vielheitliche eines
angemessenen Verhältnisses hinzugetreten ist. Der
Kunsttheoretiker und Künstler Alberti wiederum bringe die
Schönheit in den Zusammenhang mit dem Zusammengefügten und
einem darüber hinausgehenden Wissen von der reinen Form, so
Leinkauf, wobei ein Künstler weiterhin auch das Wissen eines
Mathematikers haben müsse. Dessen Konzeption sei in einigen
Bezügen der von Ficino sehr ähnlich, der in einem Kommentar
zu Plotins Enneade I, 6 Schönheit als Form bezeichnet habe, die
wiederum in dem reinen Guten begründet liege. Das Erstreben der
Schönheit werde nach ihm nicht durch einen Instinkt sondern
vielmehr durch eine Passion erfahren. In der Nachfolge Ficinos
beschreibe Diaceto drei Wege zur Erfahrung des Schönen: die
Dialektik, die Liebe und die Erfahrung der Musik, bei der Hörer
sich von der auf der Zahl aufbauenden Musik zum geistig Schönen
bewege. Auch bei Giordano Bruno finde sich die Schönheit nicht
primär in einer Struktur sondern im Geistigen. Die von Leinkauf
beschriebene Traditionslinie mache die große Wirkmächtigkeit
der Schönheitskonzeption Plotins deutlich.
Eine
systematische Übersicht hinsichtlich des Verhältnisses von
Neuplatonismus und Ästhetik liefert der Sammelband nicht, jedoch
erhält der Leser einen gut informierten Einblick in einige
ausgewählte Bereiche des Themas, was die Anschaffung des Bandes
lohnenswert macht.
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