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| Erschienen in Ausgabe: No. 31 (1/2008) | Letzte Änderung: 29. Januar '09 |
von Borislaw Wankow
Wissenschaft
ist nach einer gängigen Meinung die Suche nach allgemeinen
Gesetzmäßigkeiten. Letztere sind dabei Teil
umfassenderer Theorien, die einheitlich und widerspruchsfrei sein
müssen. In experimentellen Wissenschaften
müssen die Gesetze nicht nur die Möglichkeit zur Erklärung
der Vergangenheit bieten, sondern auch die künftige Entwicklung
vorhersagen können. Wichtig ist dabei die Wiederholbarkeit:
Unter gleichen Bedingungen muß das erneute Eintreffen eines
bestimmten Zustandes oder Phänomens vorhersagbar sein.
Um
den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben zu können, müssen
Gesetze und Theorien testbar sein, dem Kriterium der
Varifizierbarkeit/ Falsifizierbarkeit genügen – ihre
Richtigkeit oder Unrichtigkeit muß zumindest prinzipiell
erweisbar sein. Andernfalls sind sie, wiewohl möglicherweise
wahr, „Metaphysik“, also außerwissenschaftlich. (Das wirft
jedoch zahlreiche Fragen auf, auf die nicht eingegangen werden soll.)
Etwas
anders stellt sich die Situation in den Sozial- und
Geisteswissenschaften dar. Oft wird darauf hingewiesen, daß in
den Sozialwissenschaften die empirische Prüfung von Theorien
durch Experimente in der Regel schwierig oder unmöglich ist, so
daß hier häufig die „argumentative Validierung“1
in den Vordergrund rückt. Nichtsdestoweniger gibt es
sozialwissenschaftliche Theorien, die den Anspruch erheben,
wissenschaftlich im Sinne zu sein, daß sie historische
Ablaufgesetze nach Art der Naturgesetze postulieren. Mit ihrer
Hilfe soll nicht nur die Vergangenheit erklärt, sondern auch die
künftige Entwicklung von sozialen Systemen oder der Gesellschaft
als Ganzes vorhergesagt werden. Karl Popper hat für solche
Theorien den Begriff „Historizismus“ geprägt. Er steht für
die nach seinem Dafürhalten irrige Annahme, in der Geschichte
herrschten Gesetzmäßigkeiten, die Voraussagen über
die künftige historische Entwicklung ermöglichen.
Es
ist im übrigen keineswegs so, daß die Wissenschaften immer
nach Generalisierungen, nach Allaussagen streben. Sowohl in den
Natur-
als auch in den Sozialwissenschaften sind zuweilen singuläre
Aussagen von besonderem Interesse, so z.B. wenn in der Astronomie die
Existenz bestimmter Objekte, z.B. von „Schwarzen Löchern“
oder Planeten, postuliert wird. In der Geschichtswissenschaft
wiederum ist es so, daß der Historiker gerade an
einzigartigen, konkreten, nichtreproduzierbaren Phänomenen
interessiert ist, die er zu interpretieren versucht.
Auch
trifft es nicht zu, daß für die naturwissenschaftliche
Forschung Experimente charakteristisch und unerläßlich
sind. So sind in der Kosmologie, einer Naturwissenschaft per
excellence, die sich mit dem Weltall als Ganzes beschäftigt,
Laborexperimente nur sehr begrenzt durchführbar. Dasselbe gilt
von der Evolutionsbiologie.
Darüber
hinaus sind selbst in vermeintlich exakten Wissenschaften wie der
Astronomie und Physik exakte Vorhersagen nicht immer möglich.
Niemand zweifelt beispielsweise daran, daß das Sonnensystem ein
deterministisches System ist. Aber:
„Zwar erlauben die Keplerschen Gesetze die Berechnung der Planetenbahnen in guter Näherung, aber exakt – sieht man mal von der Relativitätstheorie ab – gelten sie nur für ein Zweikörperproblem, also beispielsweise für ein Sonnensystem, das nur einen einzigen Planeten besitzt. Denn in einem Sonnensystem mit mehreren Planeten werden diese nicht nur von der Sonne angezogen, sondern ziehen sich mehr oder weniger stark auch gegenseitig an, was Newton bereits richtig erkannt hatte.”2
Offenbar stellt sich die Situation in der Wissenschaft insgesamt recht komplex und verwirrend dar. Dabei erheben diese kurzen einleitenden Andeutungen zur Wissenschaftstheorie keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die zahlreichen komplizierten methodologischen Probleme der Philosophie der Wissenschaft sollen an dieser Stelle auch nicht weiter behandelt werden. Es sollte nur darauf hingewiesen werden, daß die wissenschaftliche Theorie und Praxis und die Erkenntnisgewinnung sich trotz verschiedener moderner, inzwischen sehr ausgeklügelter Erklärungsansätze (noch) nicht in ein strenges wissenschaftstheoretisches Korsett pressen lassen. Letzteres erweist sich nämlich vorerst als zu eng, um der Reichhaltigkeit der Wissenschaft Rechnung zu tragen. Hier sind offenbar noch viel mehr Forschung und neue Ideen nötig.
Wir
wollen, wie in der Überschrift angekündigt, im folgenden
einige mehr oder weniger neue Überlegungen zu Ungereimtheiten
und Widersprüchen des sogenannten “Historischen
Materialismus”, d.h. der Marxschen Lehre von der geschichtlichen
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, formulieren.
Es
könnte eigentlich müßig und geradezu überflüssig
scheinen, sich mit Kritik des Marxismus zu Beginn des 21.
Jahrhunderts zu befassen, zumal nach der Wende in Osteuropa 1989/90.
Der Zusammenbruch des realsozialistischen Systems sollte auch letzten
Zweiflern sowohl im Osten wie im Westen die Augen geöffnet
haben. Man könnte daher meinen, daß der Marxismus als
Theorie und Praxis allenfalls historisches Interesse beanspruchen
kann. Kann die kommunistische Ideologie aber tatsächlich als ein
für allemal ad acta gelegt gelten? Gemäß manchen
Autoren, z. B. Assen Ignatow, übt diese Ideologie, wiewohl
schwer angeschlagen und nicht nur in praktischer, sondern auch in
theoretischer Hinsicht widerlegt, noch immer einen gewissen Einfluß
aus.3
Es gibt noch immer Parteien kommunistischer Couleur in Ost- und
Westeuropa, die sich offen zu einem, wenngleich leicht modifizierten
Marxismus(-Leninismus), bekennen. Aber auch andere
sozialistische oder sozialdemokratische Nachfolgeorganisationen
der ehemaligen osteuropäischen kommunistischen Parteien
haben nicht öffentlich der marxistischen Ideologie entsagt.
Überdies sind viele, wenn nicht gar die Mehrzahl der Dissidenten
in Osteuropa in ihrer Kritik am kommunistischen System kaum über
die Vorstellung eines “verbesserten” Sozialismus hinausgekommen.
Jedenfalls waren sie recht weit entfernt vom Gedanken einer offenen
Gesellschaft westlicher Prägung. Ja mehr noch, marxistisches
Gedankengut läßt sich noch sehr häufig in der
geistigen Haltung sogar der antikommunistischen osteuropäischen
Intellektuellen nachweisen. Häufig kann man in solchen Kreisen
beispielsweise die Ansicht vernehmen, Marxens ökonomische Ideen
über den Sozialismus seien nicht stichhaltig, allein seine
Analyse des “Kapitalismus” behalte nach wie vor ihre Gültigkeit.
Die westlichen Linksintellektuellen wiederum bilden ein Kapitel für
sich und wären eine gesonderte Abhandlung wert.
Die
ideologische Auseinandersetzung mit dem Marxismus darf infolgedessen
nicht für abgeschlossen erklärt werden:
„Auch nach dem Ende der sozialistischen Gewaltherrschaft darf die
geistige Auseinandersetzung mit der ihr zugrunde liegenden
Ideologie nicht beendet sein.“4
Karl
Marx war nicht der erste Philosoph, der grandiose Pläne zur
Umgestaltung der Gesellschaft entworfen hat. Andere Denker vor ihm
haben ebenfalls den Traum vom Idealstaat geträumt. Aber Marx war
der erste, dessen Visionen es durch einen Zufall der Geschichte
vergönnt war, (schreckliche) Realität zu werden. Dieser
Zufall war vor allem der Auftritt der Person Wladimir Uljanow-Lenin
und der maßgeblich auf sein Betreiben in Rußland 1917
durchgeführte Umsturz, welcher später als „Große
Sozialistische Oktoberrevolution“ in die Geschichte einging.
Da
der Marxismus selbst gern die Rolle der Praxis als “höchstes
Kriterium der Wahrheit” herausstellt, wäre es freilich ein
leichtes, des Scheitern des realsozialistischen Experiments als
praktische Widerlegung (Falsifizierung) der Theorie anzusehen und auf
weitere diesbezügliche Gedankengänge zu verzichten.
Nichtsdestoweniger läßt sich beispielsweise das Scheitern
des kommunistischen Blocks stets durch Ad-hoc-Hypothesen und
ausgeklügelte Ausflüchte als in Einklang mit der
marxistischen Theorie stehend explizieren. Überhaupt lassen sich
wissenschaftliche Theorien auch bei Vorliegen von Beobachtungen, die
sie zunächst zu widerlegen scheinen, prinzipiell durch
Zusatzannahmen aufrechterhalten (bis sie schließlich irgendwann
nicht-wissenschaftlich bzw. pseudowissenschaftlich werden). Es ist
nur die Frage, wie weit man mit solchen Annahmen zu gehen gewillt
ist. Karl Popper schreibt dazu:
„Wie ich...erklärte, können wir angesichts von Widerlegungen immer Zuflucht zu ausweichenden Taktiken nehmen...wir können eine Theorie immer gegen Widerlegung immunisieren...und wenn uns nichts Besseres einfällt, können wir immer die Objektivität - oder sogar die Existenz - der widerlegenden Beobachtung leugnen.“5
Nun
ist bereits von anderen Autoren fundierte theoretische Kritik am
„historizistischen“ Charakter des Marxismus geübt worden, so
daß es sich an dieser Stelle erübrigt, ihre Argumente zu
wiederholen. Es mag unter anderem der Hinweis auf Karl Poppers Bücher
„Das Elend des Historizismus“ und „Die offene Gesellschaft und
ihre Feinde“ genügen.
Es
sei lediglich vermerkt, daß der Historische Materialismus mit
dem Begriff des Gesetzes steht und fällt. Marx behauptet nämlich
gezeigt zu haben, daß die Geschichte ein durch sozioökonomische
Gesetze bestimmter Prozeß ist, der zwangsläufigen
Charakter trägt. Gelingt es daher den Nachweis zu führen,
daß es im Geschichtsablauf keine Gesetze gibt und geben kann
(stärkere These) oder zumindest daß, falls sie existieren,
sie nicht erkennbar sind (schwächere These), kann der
„Historische Materialismus“ als widerlegt gelten. In der Tat ist
die Frage nach den geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten
äußerst problematisch. Denn die Geschichte besteht aus
einer Abfolge von äußerst
vielenunwiederholbaren,
singulären Tatsachen (Ereignissen).
Es ist nicht klar, wie aus dieser Ansammlung singulärer
Phänomene ein wie auch immer gearteter allgemeingültiger
Satz (Gesetz) abgeleitet oder abstrahiert werden kann.
Das
ist vermutlich der Hauptgrund, weshalb sich die Marxschen
Prophezeiungen nicht bewahrheitet haben und nicht bewahrheiten
konnten. Wohl kann es im Geschichtsablauf gewisse Tendenzen oder
Trends geben, die bei ihrer Extrapolation zuweilen
Wahrscheinlichkeitsschlüsse auf die Zukunft
ermöglichen könnten, allein zwingende Notwendigkeiten
kommt diesen nicht zu, denn Gesetze sind sie allemal nicht.
Ein fundamentales Postulat des historischen Materialismus ist Marxens Ökonomismus, d.h. die Behauptung, die materielle, ökonomische “Basis” determiniere letztenendes den gesellschaftlichen (politischen) “Überbau” (obgleich zugegeben wird, daß letzterer bisweilen eine aktive Rolle spielen kann.), vergleiche den berühmten Ausspruch aus dem Vorwort zur “Kritik der Politischen Ökonomie”:
“In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.”6
Verschiedene
Autoren haben indes gezeigt, daß diese These nicht richtig ist
und daß der ideelle Überbau eine mitunter entscheidende
Rolle in der Geschichte zu spielen imstande ist. Nun lassen sich aber
die Prämissen einer Behauptung bekanntermaßen stets so
verstärken, daß man immer eine gültige
Schlußfolgerung erhält. Wenn also ein Marxist behauptet,
absolut alles in der Gesellschaft, einschließlich der
geringsten Kleinigkeit, sei irgendwie
ökonomisch determiniert (ohne unbedingt präzise angeben zu
können, wie die ökonomische Verursachung konkret erfolgt),
so gleitet diese Behauptung unweigerlich ins metaphysische ab und
wird unüberprüfbar. Sie ist dann möglicherweise
richtig, aber eben außerwissenschaftlich. Genauso könnte
man nämlich behaupten, alle Prozesse in der Gesellschaft würden
z.B. irgendwie
durch den Mond oder die Luftbewegung oder ein beliebiges anderes
Phänomen verursacht.
Zur
marxistischen Deduktion der Abfolge der Gesellschaftsformationen
Bekanntermaßen
beansprucht der Marxismus geradezu prophetischen Charakter, d.h. er
behauptet, die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung
(ziemlich genau) vorhersagen zu können. Diese These kann
„starker gesellschaftlicher Determinismus“ genannt werden, und
sie steht damit an der Grenze zum Fatalismus. Damit verbunden ist die
berühmte sogenannte “Abfolge der
Gesellschaftsformationen” in der Menschheitsgeschichte:
Urgesellschaft, Erste Klassengesellschaft, Sklavenhalterordnung,
Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus. Jedem
Gesellschaftssystem sind nach Marx immanente Widersprüche
eigen, die gesetzmäßig zu Veränderungen und
seine Ablösung durch die folgende, „höhere“
Gesellschaftsordnung führen. Diese Entwicklung wird, wie gesagt,
als deterministisch angesehen.
Das
bedeutet aber, folgerichtig zu Ende gedacht, daß jemand, der
zum Beispiel in der Epoche der “Sklaverei” gelebt hat und zu
seiner Verfügung den Marxismus als Rüstzeug gehabt hätte,
z.B. den modernen Kapitalismus hätte vorhersagen können,
was eine absurde Konsequenz zu sein scheint. Anschaulicher gefasst:
Marx hat angeblich den Sozialismus/Kommunismus aus dem
Kapitalismus deduziert. Hätte beispielsweise Platon im selben
Verfahren aus seiner Gegenwart, der griechischen Antike mit ihrer
(vermeintlichen) “Sklaverei”, auf den Feudalismus und
Kapitalismus schließen können? Oder aber: Es ist doch
augenscheinlich, das selbst ein Renaissancemensch, der mit noch so
großen hellseherischen Fähigkeiten begabt wäre,
unter keinen Umständen die kapitalistische Entwicklung im 19.
und 20. Jahrhundert hätte vorhersagen können. Zweifellos
besteht eine kausale Bindung zwischen den früheren und späteren
Ereignissen der Menschheitsgeschichte derart, daß die Früheren
die Ursache der Späteren bilden. Aber diese Beziehung ist keine
der Vorhersehbarkeit, sondern bestenfalls des Zusammenhanges. Daher
ist der Marxismus keine Vorher-,
sondern eine Nachsage,
indem die Geschichte im nachhinein ziemlich willkürlich
interpretiert und in künstliche Schemata gepreßt wird. Es
hat nämlich niemals eine “Sklavenhalterordnung” oder einen
“Kapitalismus” im Marxschen Sinne gegeben, noch weniger lassen
sich aus der vermeintlichen Aufeinanderfolge irgendwelcher
“Gesellschaftsformationen” in der Vergangenheit Aussagen über
die Zukunft treffen.
Wir
können (obgleich dies mehr ins Groteske geht) nicht
ausschließen, daß gerade Marxens Prophezeiung des
Untergangs des Kapitalismus einen von ihm unbeabsichtigten,
gegenteiligen Effekt gehabt hat. Wenn mir jemand sagt, daß ich
morgen einen Autounfall erleiden werde, werde ich mich vermutlich
davor hüten, mich an diesem Tag in ein Auto zu setzen oder
überhaupt auf die Straße zu gehen und werde so die
Prophezeiung zunichte machen. Ganz analog könnte es sich mit dem
vermeintlichen Gesetz von der unaufhaltsamen Verarmung der
Proletarier, das Marx entdeckt haben wollte, verhalten:
„Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin,
den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu
senken.“7 oder:
„Je mehr er (der Arbeiter) arbeitet,
um so weniger Lohn erhält er.“8
Diese ständige und unaufhaltsame Zunahme des Elends soll
letztendlich in die soziale Revolution einmünden, die den
Kapitalismus zerstört und dem Sozialismus zum Durchbruch
verhilft. Falls man unterstellt, daß es zu Marxens Zeiten
tatsächlich zumindest zeitweilig eine solche Tendenz gegeben
hat, hätte Marx, wenn er die soziale Revolution als Resultat
dieser Tendenz (die er für ein Gesetz hielt) erkannt hatte,
diese seine Entdeckung nicht der ganzen Welt kundtun, sondern
vorsichtshalber für sich behalten sollen, damit auch niemand
etwas davon merkt und eventuell Gegenmaßnahmen trifft, um die
unaufhaltsam näherrückende Revolution zu vereiteln. Durch
sein unkluges Verhalten dürfte er aber die Kapitalisten erst
recht auf diese Gefahr aufmerksam gemacht haben, so daß sie
Vorsorge trafen und anfingen, die Arbeiter besser zu behandeln und zu
bezahlen, was schließlich seine Prophezeiung zerstört hat
(selbstzerstörende Prophezeiung). Freilich hätte Marx
darauf höchstwahrscheinlich geantwortet, daß dies den
Kapitalisten beim besten Willen unmöglich wäre, denn das
Gesetz von der Verelendung des Proletariats sei objektiv und
unerbittlich, gegen das anzukämpfen sie machtlos seien. Allein
die geschichtliche Praxis, die nachmarxsche Entwicklung der
kapitalistischen Gesellschaft straft eine derartige Behauptung
offenkundig Lügen. Der Lebensstandard der Proletarier hat sich
seit der Epoche von Marx nämlich keineswegs ständig
verschlechtert, sondern ganz im Gegenteil - unablässig
verbessert. Es gereichte wahrscheinlich zu Marxens größter
Überraschung, daß dergleichen möglich ist. Dies ist
aber eine unbestreitbare Tatsache, die die These von der notwendigen
Verelendung eindrucksvoll widerlegt. Im übrigen ist die Ansicht
von der sich unerbittlich verschärfenden kapitalistischen
Ausbeutung und einer damit einhergehenden Verarmung der Arbeiter
bereits auf theoretisch-logischer Ebene höchst fragwürdig.
War
der Realsozialimus nur eine „Abweichung“ von der „reinen
Lehre“?
Marxisten
pflegen vor dem Scheitern des realsozialistischen Experiments die
Augen zu verschließen, indem sie häufig zu einer typischen
Ad-hoc-Annahme Zuflucht nehmen. Der Staatssozialismus in der
Sowjetunion und Osteuropa (sowie in China, Kuba, der Mongolei,
Nordkorea,
Vietnam, Kambodscha usw.) mit all seinen negativen Seiten sei einfach
eine “Entartung” oder bloß “Deformation” der “reinen”
Lehre, die dadurch in ihrem Kerngehalt nicht angetastet werde. Die
Schuld für die Aberrationen wird subjektiven Faktoren, z.B.
Persönlichkeiten wie Stalin, Mao oder - in bezeichnender
Wiederbelebung dessen, was Karl Popper als “Verschwörungstheorie”
bezeichnet - dem bösen Westen, den übelwollenden
Kapitalisten usw. zugeschrieben. “An sich” sei die Idee des
Sozialismus/Kommunismus noch immer schön (was übrigens
mehr als zweifelhaft ist,
aber das ist ein anderes Thema), allein ihre bisherige praktische
Umsetzung lasse leider zu wünschen übrig. Diese Behauptung
ist unzählige Male in allen erdenklichen Spielarten wiederholt
worden: „Alle
unsere Prinzipien sind gut, es bleibt nichts zu wünschen übrig:
Ist denn der Kollektivismus an sich schlecht und braucht das Land
keine Industrialisierung?“9
Exemplarisch kann dieser Standpunkt
auch durch die Worte Lew Kopelews verdeutlicht werden:
„...weil ich keinen Kommunismus ganz ernst nahm, weil ich ihn so nahm, wie ich´s gelernt und studiert hatte und mich nicht an die neue Ideologie anpassen wollte. Ich dachte damals, daß all das Schlimme, das bei uns geschieht, nur zeitweilige Abweichungen, Verzerrungen sind...“10
Diese
Argumentation jedoch ist in sich widersprüchlich und völlig
unhaltbar. Freilich räumt auch der Marxismus dem Zufall eine
gewisse Bedeutung in der Geschichte ein. Allerdings diese
vorgeblichen “Deformationen” waren in Wirklichkeit schreckliche
Verbrechen gigantischen Ausmaßes,
die das Leben von Millionen von Menschen gekostet haben und sämtliche
aus der Geschichte bekannten analogen Vorgänge weit in den
Schatten stellen, mithin keine mehr oder weniger geringfügigen
oder vernachlässigbaren akzidentiellen Begebenheiten. Nun ist
aber der Marxismus eine Doktrin, die die gesellschaftliche
Entwicklung als objektiv determiniert (durch die Ökonomie) und
nach festen Gesetzen ablaufend ansieht. Daher können diese
“Entartungen”, zumal bei ihren
gewaltigen Dimensionen, vom
marxistischen Standpunkt her nicht zufällig sein, sondern müssen
geradezu notwendigen, vorprogrammierten
Charakter haben. Die Logik des Marxismus verlangte nun, ein
historisches Gesetz aufzuzeigen, auf dessen Grundlage es gleichsam
notwendigerweise bei der Errichtung des Sozialismus zu solchen
Aberrationen kommen mußte. Hätte jemand zum Beispiel im
19. Jahrhundert dieses Gesetz erkannt - er hätte den
“entarteten” Sozialismus vorhersagen können. Ein derartiges
Gesetz hat aber bisher noch kein Marxist demonstrieren können.
Der Marxismus ist mithin nicht in der Lage zu erklären, wieso es
zu dieser verhängnisvollen Entwicklung im Namen des Marxismus
kommen konnte. Die Ansicht hingegen, es handele sich dabei um eine
zufällige
Abweichung, sollte für den Marxisten inakzeptabel sein, denn sie
käme der Preisgabe des historischen Materialismus gleich.
Natürlich
existiert in Wirklichkeit kein Gesetz, auf dessen Grundlage eine
solche Prognose hätte erstellt werden können. Diese
Entwicklung kann allerdings sehr wohl von einem nichtmarxistischen
Standpunkt, der auf die Aufstellung von universal gültigen
Sätzen verzichtet, bereits im voraus als möglich
und sogar recht wahrscheinlich erkannt
werden. Es ist nämlich ziemlich einleuchtend, daß ein
Doktrin, die eine gewaltsame Revolution, gefolgt von einer Diktatur
(„des Proletariats“), der Verstaatlichung allen Eigentums, der
Abschaffung des Marktes usw. fordert, bei ihrer eventuellen
praktischen Umsetzung mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein
menschenverachtendes Regime münden wird. Das besagt
indessen nicht, daß die
Menschheit insgesamt oder einzelne Länder zu einem bestimmten
Zeitpunkt in ihrer Geschichte
notwendigerweise ein solches Stadium
durchlaufen müssen.
Diese Position ist selbstredend für einen konsequenten
Marxisten in jedweder Hinsicht inakzeptabel.
Wie eingangs gesagt, kann der Marxismus mittlerweile als ein theoretisch und praktisch widerlegtes Gedankengebäude gelten. Zweck dieser Anmerkungen war es lediglich, noch einmal explizit auf einige besonders eklatante Widersprüche dieser erstaunlich zählebigen Doktrin zu verweisen, die noch immer den ideellen Hintergrund in manchen intellektuellen und politischen Kreisen bildet.
1
Wolf Singer, Der Beobachter im Gehirn,
Frankfurt am Main, 2002, S. 182.
2
Grundregel unseres
Sonnensystems: Wer stört, fliegt raus,
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/285371.html.
3
Vgl. Assen Ignatow, Ist die
kommunistische Ideologie wirklich überwunden?
in Zwischen Krise und Konsolidierung,
Köln 1995.
4
Grundsatzprogramm der CDU von 1994, Freiheit
in Verantwortung, S. 15.
5
Karl R. Popper, Lesebuch,
Hrsg. David Miller, Tübingen 1982, S. 113.
6
Karl Marx, Zur Kritik der Politischen
Ökonomie (Vorwort), zitiert nach
Marx, Engels, Ausgewählte
Schriften, Berlin, 1984, S. 335.
7
Karl Marx, Lohn, Preis, Profit
in Marx, Engels, Ausgewählte
Schriften, Bd.1, Berlin 1984, S. 417.
8
Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital,
in Marx, Engels, Ausgewählte
Schriften, Bd.1, Berlin 1984, S. 94.
9
Александр Ципко, Хороши
ли наши принципы?,
in
Новый мир
Heft 4, 1990, S. 173.
10
Lew Kopelew, Worte werden Brücken,
München 1989, S. 43..
(Zum Autor: geboren 1963 in Sofia, Studium der
Medizin, Philosophie und Pädagogik in Berlin und Sofia, zur Zeit
wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung
Sofia, zahlreiche eigene Veröffentlichungen sowie
Übersetzungen)
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