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| Erschienen in Ausgabe: No. 32 (2/2008) | Letzte Änderung: 03. Februar '09 |
Hamburg: merus-Verlag 2007. 120 Seiten. ISBN: 393951926X
von Robert Lembke
Grundthema des Bändchens, das
als zweiter Beitrag der Reihe „Denkperlen“ des merus-Verlags
erschienen ist, sind die mit dem Begriff „Neoliberalismus“
verbundenen sozioökonomischen Veränderungen innerhalb einer
dynamisierten Weltgesellschaft. Der Autor beleuchtet das Thema in
seinen verschiedenen Aspekten, wobei das Hauptgewicht entsprechend
des Titels darauf liegt, wie die Individuen den Prozeß der
Globalisierung erleben und auf ihn reagieren.
Auffallend angenehm zu lesen ist der
Text auch da, wo es um eher trockene Themen wie den „Strukturwandel
der Ökonomie“ geht. Der Autor versteht es durchweg,
wissenschaftliche Sachlichkeit mit stilistischer Leichtigkeit zu
verbinden; insofern wird er dem Anspruch der Reihe, einen
essayistischen Text zu präsentieren, durchaus gerecht.
Fragwürdig wird der Text allerdings an den Stellen, wo er sich
zu sehr jener sprachassoziativen und in eingängigen
Formeln daherkommenden Leichtigkeit überläßt.
Das Grundthema der
Reese-Schäferschen Analyse ist das Verhältnis von
sozioökonomischem Wandel und Selbstführungsfähigkeit
der Individuen. Die „Kultur des neuen Kapitalismus“, wie sie
prominent Richard Sennett in „Der flexible Mensch“ analysiert
hat, führt zu einer Ausweitung unternehmerischer Strukturen
und des entsprechenden Denkens in nahezu allen gesellschaftlichen
Bereichen. War Liberalismus der Versuch, (national-)staatliche
Reglementierungen zurückzudrängen zugunsten der freien
Entfaltung eigenständiger Produzenten mit dem Ziel größeren
Wohlstands für alle, ist Neoliberalismus derselbe Ansatz in
zweiter Potenz: sämtliche Reste paternalistischer oder
hierarchischer Strukturen werden beseitigt, Fragmentarisierung und
extreme Individualisierung halten selbst in solche Bereiche Einzug,
in denen es bisher nicht vorstellbar war. Reese-Schäfer zeigt
dies z.B. anhand von Wandlungsprozessen innerhalb großer
Unternehmen und am Beispiel des Strafsystems.
Wie wirken sich nun die
beschriebenen Dynamiken auf das Selbstbild und Verhalten der
Individuen aus? Zunächst: Flexibilisierung und gesteigerte
Individualisierung produzieren offenkundig mehr Freiheit bei denen,
deren Lebensorientierung auf solche Weise ausgerichtet ist – den
postmodernen Charakteren. Die Kehrseite dieser erneuten
Liberalisierung, die ein weiteres Mal „alles Ständische und
Stehende verdampft“ (Marx/Engels), sind die Erschöpfungs- und
Destruktionssymptome, die Reese-Schäfer beschreibt anhand
der vielbeachteten Untersuchung von Alain Ehrenberg („Das
erschöpfte Selbst“). Die Depression als neue Volkskrankheit
ist nur die traurige Manifestierung des latent ständig
vorhandenen Gefühls, nicht zu genügen, sie ist die
„Krankheit der Unzulänglichkeit“ (60). Die Pointe der
Argumentation besteht nun darin zu zeigen, wie eine bestimmte Rede
von Verantwortung den ohnehin vorhandenen „Globalisierungsdruck“
auf die Individuen noch zusätzlich verstärkt. Konnte man
früher die Schuld auf andere abwälzen, z.B. den Staat oder
„die da oben“, um sich dadurch psychische Entlastung durch
Externalisierung verschaffen, so impliziert das neue Menschenbild des
„Selbstunternehmers“, jedwedes Versagen den Einzelnen
anzukreiden. Als Fazit dieses Gedankenganges läßt sich der
Satz Reese-Schäfers anführen: „Verantwortung ist eine
Technik der Zuschreibung, deren Legitimation schon im Augenblick der
Analyse fragwürdig wird.“ (14, vgl. 81)
Im zweiten Teil des Buches fügt
der Autor den aktuellen Diagnosen theoretische
Auseinandersetzungen mit Analysen hinzu, die sich mit der
Realisierbarkeit alternativer Gesellschaftsmodelle befassen.
Dabei entwirft er zunächst eine Art Streitgespräch zwischen
der Linie des gesellschaftlichen Utopismus (in Gestalt von Ernst
Bloch) und dem Zukunftsentwurf von Hans Jonas in „Das Prinzip
Verantwortung“ (1979). Beide Modelle werden verworfen: das Ideal
einer müßiggängerischen Menschheit wird als
undifferenziert und anthropologisch kurzsichtig abgewehrt, dem
Jonasschen Gesellschaftsentwurf eines Lebens in ökologischer
Verantwortung unterstellt, einer „Ökodiktatur“ (75)
verdächtig zu ähneln, mithin Freiheit dieser Verantwortung
zu opfern.
Im
Anschluß daran diskutiert Reese-Schäfer zwei weitere
einander entgegengesetzte Gesellschaftsmodelle. Während der
kapitalistische Anarchismus des Marktes sowieso in der Konsequenz der
flexibilisierten und atomisierten Gesellschaft zu liegen scheint und
nur dessen konsequenter geistiger Ausdruck ist, will der
amerikanische Kommunitarismus Maßnahmen entwickeln, die zum
Ziel haben, den gemeinschaftsorientierten citoyen
gegen den bourgeois,
der sich nur noch selbst der Nächste ist, wieder zur Geltung zu
bringen. Reese-Schäfers eigene Reformvorschläge orientieren
sich gegenüber diesen beiden ideenzentrierten, d.h. auf die
Haltungen der Menschen zielenden Ansätze stärker auf die
institutionelle Seite: So müsse die Politik ihr Möglichstes
tun, um dafür Sorge zu tragen, daß erstens die Individuen
auf die neuen Strukturen entsprechend vorbereitet werden – dies
impliziere vor allem eine Reform des Schulsystems mit neuen Fächern
wie z.B. Netzwerkebildung und Finanzplanung – und
zweitens, daß die geforderte Flexibilität und
Einsatzbereitschaft abgefedert wird durch funktionierende
Sozialsysteme, die die Einzelnen von zentralen Risiken und
grundlegenden Aufgaben entlasten.
Zusammenfassend läßt sich
sagen, daß Reese-Schäfers Essay wohlinformiert und
angenehm zu lesen ist und somit einen guten Überblick über
die soziale Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts und ihre Probleme
bietet. Ihre Grenze findet die Darstellung im Autor selbst und seiner
politikwissenschaftlichen Vernunft, die ihn – trotz aller
diagnostischen Kritik – vor allzu großangelegten Zweifeln am
Bestehenden bewahrt. Fragt man nämlich nach dem Grund für
jene entfesselte Dynamik, die wir nach der Konvention mit dem Begriff
Globalisierung belegen, stößt man auf ein längeres
Zitat des amerikanischen Ökonomen Robert Reich, der die Schuld
für jenen Prozeß bei den Individuen selbst, „in unserem
eigenen Appetit“ nach Wohlstand, sieht. (vgl. 57f.) Dies scheint
jedoch paradoxerweise gerade die Spitze jener Zuschreibung von
Verantwortung zu sein, die Reese-Schäfer als ‚ideologisch‘
entlarven will: nicht dieser Mensch oder jenes Phänomen, sondern
wir alle, d.h. letztlich jeder einzelne, sollen Schuld sein. Als
Alternative erwähnt der Autor immerhin ein von Max Weber
herrührendes Bewußtsein von Tragik (vgl. 58), das freilich
– so muß hinzugefügt werden – zum amerikanischen Geist
im härtesten Gegensatz steht.
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